IV.

Schon fielen sie seitlich ein, die Strahlen der sinkenden Sonne des langen, langen Sommertages durch die Öffnung des Bogenfensters: – der dunkelgelbe Vorhang war zurückgeschlagen –: ein goldiger Streif spielte auf dem dunkelfarbigen Kopfpolster und berührte das bleiche Antlitz des stillen, blassen Mannes: – da holte der auf einmal tief und voll Atem und schlug die Augen weit auf.

»Wo bin ich?« fragte er matt. »Nicht im Sarg! Nein. Es ist hell. Nicht im Jenseits – nein – das ist – was da hängt – o Gott! es ist mein Schwert! – Ringsum die Wände – meine Bücherei. Ja, ja! Die Welt steht! Mitternacht war ja auch schon vorbei. Gott – ich danke, daß du die Heiden von der Stadt gewehrt – ich sah sie fliehen! – nun will ich gern sterben.« »Nein, Herr Bischof, nicht sterben. Leben sollt – leben werdet Ihr jetzt,« sprach da eine wunderliebliche Stimme und über ihn neigte sich ein sanftes bleiches Antlitz und zwei Thränen fielen auf seine Wangen. »Heilfriede! Nein, das war diesmal kein Traum. Und wir sind nicht gestorben – beide?« Sie schwebte leise an die Thüre des Vorsaals und winkte den dort Harrenden, einzutreten. »Gestorben? Nein. Gerettet seid Ihr, Herr Bischof!« jubelte Fulko und küßte seine Hand. »Gerettet durch diese Frau!« rief Edel. »Das ist gar keine Frau,« besserte Minnegard, »das ist eine Heilige.« »Ein Engel auf Erden,« schloß Hellmuth. »Und es war auch kein Traum,« lächelte die stille Frau, die nun zu seiner Linken kniete und ihm einen Heiltrunk reichte, »daß Ihr mich schon vor Stunden gesehen.« »Wir zagten, wir verzweifelten ob Eurer Wunde –« begann Fulko. »Wir fürchteten das Gift, und wußten – auch der Klosterarzt nicht – Hilfe,« klagte Edel. »Aber Frau Heilfriede!« fuhr Minnegardis freudig fort. »Weiß Gott, wie sie auf einmal, – schon im Thorbogen – da war,« rief Fulko. »Sie beugte sich sofort über Euch,« ergänzte Hellmuth. »Und obwohl der Klosterarzt verbot, das Messer zu entfernen, zog sie es sanft heraus. Viel Blut floß nach! Und dann … Ja dann! Obwohl der Arzt sie warnte, es gebe Gift, das nicht nur im Blut, auch im Magen den Tod bringe –« »Kein Wort sprach sie,« rief Fulko, »ihren Mund preßte sie auf Euren Hals und sog die Wunde aus in tiefen Zügen.«

Da schaute Herr Heinrich verklärten Blickes auf zu der Errötenden; die schlug die langen blonden Wimpern nieder.

Nun schloß auch der Wunde die Augen: – aber er konnte doch nicht hindern, daß sie weinten; er griff nach ihrer Hand; sie ließ sie ihm willig. »Aber auch ich werde nicht sterben,« sprach sie beschwichtigend. »Viele Stunden ist's her. Längst hätte das Gift gewirkt. Ich aber – ich bin ganz wohl. Ach, und ich bin so glücklich.« – »Wie … wie war doch alles … vorher? Nach unsrer Unterredung? – Was hab' ich doch … dann – vor dem Gefecht – noch gethan?« Da fiel sein im Saal umhersuchender Blick auf das Räucherbecken. Er stieß einen jähen Schrei aus und fuhr empor aus den Decken: er wollte sich aufrichten: aber matt sank er zurück. »Um Gott!« stöhnte er. »Nun steht die Welt noch! Und ich – ich Unseliger! Was hab' ich gethan! Weh mir! Sankt Burchhards Recht – den Beweis! – hab' ich zerstört. Die Schenkung … die Urkunde Kaiser Karls hab' ich verbrannt!« Und er hob die beiden geballten Fäuste und wollte sie sich in das Antlitz schlagen. Schrecken ergriff die andern: aber zwei weiche Hände haschten die Fäuste und zogen sie sanft hernieder auf die Bettdecke: »Daran habt Ihr sehr recht gethan, Herr Heinrich,« sprach die herzgewinnende Stimme. »Ich wollte Euch gerade bitten, es zu thun. Denn sie war falsch.« »Was? Was sagt Ihr?« rief Heinrich. »Unmöglich! Jener … Berengar … verstand sich scharf auf Urkunden.« – »Jawohl. Nur allzu scharf! Er verstand auch, sie zu fälschen. Gemäß Eurem Gebot ward auch er in die Stadt getragen. Ich sah nach seiner Wunde; ich sagte ihm, er müsse sterben. Und nun sterbend, in den Qualen des Todes, zitternd vor der Hölle, hat er all seine Schuld bekannt und bereut. Er hatte mit Zwentibold abgeschlossen: – er glaubte nicht an das Ende der Welt: er wollte die Wenden in die Stadt lassen und Euch ermorden. Er starb, nachdem er mir aufgetragen, Euch zu bitten, sein Machwerk zu zerstören.« »Ihr wollt mich …? Nein, dieses Antlitz kann nicht täuschen,« rief der Bischof und atmete beseligt auf. – »Die Schenkung Kaiser Karls war falsch: Ihr wart im vollen Unrecht gegen meinen Mann. Aber eine andre Schenkung – eines andern Kaisers – die ist echt. Eine Ersatzurkunde – für die verbrannte falsche – ist Euch erworben.« – »Ihr … Ihr habt …?« – »Nicht ich. Und nicht aus meiner Hand sollt Ihr sie nehmen. Aus einer andern Hand. – Herr Heinrich,« flüsterte sie in sein Ohr – »der Herr hat so große Gnade an Euch gethan …« – »Durch seinen lichtesten Engel!« – »Ihr könnt jetzt nicht Groll in der Brust tragen.« – »Nein. Ich vergebe dem toten Fälscher.«

»Auch nicht gegen Lebende Groll. Herr Heinrich: unten im Waffensaale steht mein Mann. Er traf bei Sonnenaufgang auf dem Schlachtfeld ein, mit dem Aufgebot der nächsten Gaue: – er hatte von dem Zug der Wenden auf Würzburg gehört, war ihnen auf dem Fuße gefolgt und hat die Flüchtigen in den Main gesprengt. Er wartet. Er hat Euch was zu bringen. Aus Italien. Vom Kaiser Otto. Er selber hat's bewirkt, – schon vor vielen Wochen – und mitgebracht. Es ist was Freudiges! Freude wird Euch nicht schaden – wird Euch gut thun. Darf ich Graf Gerwalt rufen?«

Er konnte nur stumm nicken.

»Aber vorher noch,« sprach die ernste Frau jetzt gar holdselig lächelnd – »vor den Staatsgeschäften – eine Stärkung. Sagt, ihr tapfern Junker – ihr wißt doch sicher, wo hier im Bischofskeller der beste Wein liegt?«

Beide waren schon an der Thüre! Die Gräfin und die Mädchen folgten ihnen.