V.
Von dem Hofe des Kaufmanns hinweg übernahm zunächst Herr Heinrich die Führung des Rundganges. Er wollte nach dem Stand der neuen Bauten sehen in der Vorstadt vor dem Südthor »auf dem Sande«, die er als sein eigenstes wohlthätiges Werk betrieb; vor allem den großen Bau des Klosters und der Kirche – nur diese war bereits vollendet – die er dort den Apostelfürsten Sankt Peter, Sankt Paul und dem frühest berufenen Blutzeugen: Sankt Stephan, zu Ehren gestiftet hatte.
Schwer fiel es dem Bauherrn aufs Herz, als er sich jenseit des Thores der Baustätte näherte, von der her sonst, weithin vernehmbar, der fröhliche Klang des Beilschlags, der Reihengesang der Arbeiter, der Befehlsruf der Werkmeister ihn begrüßte, daß statt dessen eine Grabesstille waltete.
In die Luft hinauf stiegen die hohen Gerüste: – aber sie waren leer, verlassen; sie schienen zu trauern; die halbfertigen Holzwände sahen wie vom Feinde zerstört aus. Nur ein einsamer Mann schlich, die Verödung betrachtend, über den leeren Bauplatz; als er den Bischof von weitem erkannte, wollte er hinter einem großen Bretterhaufen verschwinden. Aber Herr Heinrich hatte ihn erkannt und rief ihn an: »Hallo! Haltet an, Hesso! Was lauft Ihr vor Eurem Bauherrn davon, Werkmeister?«
Der Angerufene, eine starke stattliche Männergestalt mit treuen Augen in dem gebräunten Gesicht, machte Halt, zog ehrerbietig, aber mißmutig den kurzrandigen Filzhut und erwiderte trübselig: »Werkmeister ohne Werk: – Bauherr ohne Bau.« Verstimmt und verdüstert entgegnete der Bischof: »Nun – eine kurze Unterbrechung! Wird soviel nicht schaden! Bald dürft Ihr wieder hauen und hämmern lassen hier, Meister Hesso.« Der Mann zuckte die breiten Achseln. »Schade! Wir waren so gut im Zuge. Die Arbeiter willig und geschickt. Nun haben sich die besten schon verlaufen. Und der Bau des neuen Münsters zu Sankt Johannis Ehren und des Stiftes in der Nordvorstadt, der Hochvorstadt, des Siechenhauses und des Waisenhauses und der Schule! Alles unterbrochen! Warum? Weil kein Geld in der Kammer sei, log der verfluchte Welsche. Aber am gleichen Tage hatte er Speere, Sturmhauben, Brünnen für die bischöflichen Dienstmannen gekauft und bar bezahlt bei dem Waffenschmied Gericho im Eisenhof! Als er nun mit seinen Lügen hier auf das Gerüst trat und die Arbeiter ablohnte und fortwies, – gern hätt' ich ihn im Namen und zu Ehren der heiligen Petrus, Paulus und Stephanus herabgeworfen von den Balken« – »Geduld! sag' ich Euch. Ihr müßt warten.«
»Ich kann warten. Aber die Waisen, die Schulknaben in dem feuchten Loch am Main und die Siechen, die nun auf den Gassen im Stroh liegen? Die können nicht warten, Herr Bischof. Jedoch Speere und Brünnen für die bischöflichen Dienstmannen: – das eilte wohl! Uns bedroht ringsum kein Feind weit und breit!« »Hört doch auf,« mahnte Supfo. »Ihr seht – Ihr sagt da …« – »Ich sehe, der Herr Bischof zürnt, aber ich sage die Wahrheit! Und das Schlimmste ist – die Armen!« »Wieso?« grollte Herr Heinrich. »Ihr Teil ward nicht angetastet.« – »Nein, aber durch die plötzliche Einstellung all dieser – sechs – großen Bauten haben doch recht viele Brot und Lohn verloren. Wohl waren viele Bauleute Unfreie des Stifts – allein gar mancher kleine Freie fand doch auch bei der Arbeit Lohn und Brot für Weib und Kind. Die hungern nun! Sind aus der Stadt gelaufen, rotten sich zusammen im Gau, stehlen und rauben.« »Wie Wetter Gottes fahr' ich unter sie,« rief Herr Heinrich. »Ich will sie! Wenn der Graf des Waldsassengaus schläft …« – »Er schläft nicht, der wackere Herr Gerwalt, aber er ist fern, in Welschland. Wißt Ihr das nicht, Herr Bischof?« »Die Bauten werden bald wieder aufgenommen, sagt das den Leuten. Und den Gauräubern sollen meine Ritter Hellmuth und Fulko den fehlenden Herrn Grafen mehr als ersetzen, das gelob' ich.« Unmutig schritt er davon, ziellos, weiter gen Süden.
»Nichts für ungut, Herr Bischof!« rief ihm der Werkmeister nach. »Aber nehmt sie bald wieder auf, Eure Bauwerke: sind gott- und menschen-gefällig.« »Gott und Menschen gefällig,« wiederholte der Enteilende bei sich. »Jawohl. Zweifellos. Und das Werk, dem ich diese Bauten geopfert, wird den Menschen nicht gefallen. Und Gott? –«
Erregt hastete er weiter, immer gerade aus nach Süden. Der treue Supfo hatte mit seinen klugen Augen schon bei den ersten Worten des Baumeisters das Gewölk gesehen, das aufstieg auf der hohen Stirne Herrn Heinrichs. »Auch hinter diesem Unheil steckt,« brummte er, »– wie hinter allem! – Berengar. Ich muß den Herrn auf andere Gedanken bringen. – Ei sieh da!« rief er. »Was verschwindet da so fluchteilig, links, hinter dem Buschwerk, vor dem Graben? Ich meine, ich kenne sie, diese fliegenden Zöpfe mit den roten Bändern! Da könntet Ihr schon wieder ein gutes Werk thun, Herr Bischof Heinzelein!« – »War der Bursche, der nach dem Maine zu davonstob, nicht Gericho, ehedem meines Hellmuth Waffenträger, jetzt Waffenschmied in dem Eisenhof?« – »Jawohl! Und das hübsche runde Kind, das da entsprang, das war die braune Rosbertha, die Tochter des Bezzo, der da ein Gärtlein hat und eine kleine Verzapfung östlich vom Südthor.« – »Hm! Was thaten die beiden da drüben?« – »Ei, was werden sie groß gethan haben? Dort ist ja der Ziehbrunnen des Wolfilo. Gericho hat wohl dem zarten Kind geholfen, den schweren Eimer heraufzuwinden.« »Du mußt deinen Bischof nicht anlügen, Supfilo,« lächelte Herr Heinrich. »Zumal ich als junger Knab' zu Rothenburg auch wohl einmal hinter einem Ziehbrunnen stand. Der Eimer wartete schon ganz ruhig auf dem Brunnenrand. Aber der Bursche stand immer noch bei ihr hinter der Brunnenmauer. Recht nah stand er. Und hielt sie, glaub' ich, an der Hand.«
»Nun ja, soll er das arme Kind etwa in den Brunnen stürzen lassen?« Herr Heinrich mußte doch wieder lachen. »Und welch' gut Werk hätte ich hier zu thun? Das Mägdlein verwarnen, den Burschen schelten –?« – »Bewahre! Hilft so wenig wie bei Arn!« – »Und dem Vater Bezzo die Augen aufthun.« – »Ja freilich! Aber nicht darüber, daß die beiden jungen Leute sich gern haben, – so dumm, das nicht zu sehen, ist der Bezzo auch nicht! – sondern darüber, daß es sündhaft ist, das frische junge Blut, statt es dem hübschen tapfern Gericho zu geben, dem alten Stedilo zu verkuppeln, dem reichen Büttner, nur weil er fromm und reich ist, der dicke. Er hat nämlich nicht eine thatfreudige Frömmigkeit an sich, sondern eine feige, sozusagen eine muffige! Und nicht eine liebliche Rundlichkeit hat er: wie … nun wie sie Sankt Urban seinen Lieblingen gewährt, sondern sozusagen: eine aufgedunsene, eine Wanstigkeit. Ihr solltet … –« – »Supfilo, ich bin nicht junger Minne Feind und Verfolger. Nein, mich freut's, wenn treue junge Liebe siegt, – wenn solche wirklich lebt, außer in Fulkos Liedern! Aber du kannst doch wirklich deinem Bischof nicht das gute Werk auflegen, junge Maide wider väterliche Muntschaft aufzustacheln!« – »Das wäre hier gar nicht mehr nötig. Nur ein wenig – stützen. Aber ich vertraue, der Alte lernt noch rechtzeitig frisches Mark und feiges Fett unterscheiden.« – – »Er sah schon wieder recht ernst darein,« sagte er nach einem raschen Blick der hellen runden Augen zu sich selbst. »Ich darf ihn nicht ins Grübeln versinken lassen –« Er spähte ziemlich ratlos umher: da fiel sein Blick auf einen Schwirreflug von weißen Tauben, die jetzt, bei stärker einbrechender Dämmerung des Brachmondtages, aus den nahen Feldern nach ihrer Heimstätte flüchteten. Die lag in dem spitzen, hochragenden Giebel eines alten braunen, vielfach mit Moos geflickten Strohdaches: rechts, westlich von der großen Straße, die damals schon wie heute auf dem östlichen Mainufer flußaufwärts nach Süden führte. Dort fielen sie ein: blendend blitzte dabei in den letzten Sonnenstrahlen ihr helles Gefieder. –
»Dorthin!« dachte der Treue. »Frau Ute! Und Wartold mit seinen Blumen! Das wird ihm gut thun. Und sie – das liebe, schlimme Kind! Und ein wenig Ärger über den andern? – Ei was, wird ihm auch gut thun, so ein gesunder streitbarer Ärger. – Und im geheimen mag er den Alten doch ganz gut leiden – noch aus der alten, das heißt der jungen, fröhlichen Zeit.« Er begann nun: »Ihr solltet doch wieder einmal einsprechen da, – da vorn mein' ich, wo die Tauben einfielen, bei der alten Mutter Ute. Trägt ihr hartes Los so fromm! Aber manchmal ein wenig Trost thut ihr doch recht wohl.« – »Ja! – Und ein paar Worte Christentums können nicht schaden in dem alten Hirtenhaus. Dem Heidenhaus! Ist die letzte Trutzburg der halb vergessenen Unholde, an welche die Leute hier zu Lande glaubten, bevor Sankt Kilian sie erleuchtete. Wohl, laß uns in Rados Haus gehen. Dort braucht's wirklich Seelsorge!« »Wenn der Alte still hält dazu,« dachte Supfo. Aber er sagte es nicht.