VI.
Rüstig ausschreitend hatten beide bald das Pfahlbürgerhüttlein erreicht.
Der starke Wolfshund vor dem Zaun schlug an, wie sie sich von Osten her dem kleinen Nebenpförtlein näherten: gleich darauf stob eilfertig zu dem großen Hofthor ein Reiter hinaus und verschwand alsbald gen Süden im Staube der Straße. Herr Heinrich schaute ihm merksam nach: er hielt die Hand vor die Augen: denn die jetzt wagrecht einfallenden Strahlen der Sonne blendeten ungeachtet des Schattenhutes; er sah nur den Mantel des Reiters noch flattern. »Ich meine fast, das war – auf seinem braunen Hengst – mein Junker Hellmuth. Was hat der hier zu suchen?« Der Kellerer machte sein ahnungslosestes Gesicht: – der Frager sah ihm nämlich scharf in die Augen. »Nun? Du weißt doch sonst gar viel von ihm – steckst immer mit ihm zusammen und mit dem lustigen Provençalen.« »Das macht: der steckt gern bei meinem Lauterwein,« schmunzelte Supfo. »Aber Junker Hellmuth … Kaum trinkt er noch! Und lachen hab' ich ihn schon seit unser lieben Frauen Verkündigung nicht mehr hören.« »Was sucht der hier?« wiederholte Herr Heinrich, nachdenklich. »Schon einmal traf ich ihn hier um die Wege. – Heda, halt, Rado!« rief er dem Hirten im grauen Wolfsmantel zu, der des nahenden Bischofs offenbar ansichtig geworden und gleichwohl beflissen war, durch eine schmale Lücke im Zaun zu entweichen. Er pfiff seinem großen Hund und enteilte gar hastig. »Komm, Giero!« rief er alsdann, diesem über den zottigen Kopf streichend, wie das Tier auf der Straße in mächtigen Sätzen neben ihm her sprang, »wir gehn zu Walde, zur alten Esche … zu unserm wahren Herrn! Seit der Held von Rothenburg ein Geschorener geworden! …«
Der Bischof schüttelte das Haupt: »er entläuft dem Hirten seiner Seele! In der Schlacht entlief er nie. Damals folgte er mir blind.« »Und würde Euch auch heute gerne folgen in die Schlacht: – viel leichter denn in den Beichtstuhl!« meinte der Runde und schloß das Zaunpförtlein hinter dem Bischof.
Gegenüber der Verwahrlosung und Unreinlichkeit, in welcher die Häuser der geringeren Leute fast ausnahmslos lagen, berührte in diesem bescheidenen Höflein das Auge gar wohlthätig die Reinlichkeit und Wohlgepflegtheit des ganzen Anwesens. Die Wiesenfläche vor dem Wohnhäuschen war durchschnitten von säuberlich mit rotem Sand bestreuten Wegen: daneben zeigten sich in dem Gras ausgeschnitten – regelmäßig mit der Schnur gezogen – bald längliche, bald kreisrunde Beete, in welchen Blumen, oft auch nicht deutscher Heimat, glänzten und dufteten, während an dem gen Mittag gekehrten Holzzaun Spalierbäume von Edelfrüchten, sorgfältig aufgebunden und liebevoll gewartet, nebeneinander in Reih' und Glied standen.
Wohlgefällig wies Herr Heinrich seinen Begleiter darauf hin: »Welcher Fleiß! Welche Reinlichkeit! Leider selten bei unsern Gauleuten!« »Ja, ja,« nickte der Kellermeister. »Auch ganz leidlichen Wein züchtet der alte Wartold … für einen Laien in der edeln Winzerei. Ein ungleich Brüderpaar. Der Gärtner gerade so sanft, friedlich, fromm …« – »Als Rado der Jäger – denn er jagt, fürcht' ich, mehr die Wölfe als er die Schafe hütet! – wild und rauh und unfromm. Muß einmal den Archidiakon über ihn schicken. Der ist schärfer als ich. Mich erweicht immer das Gedenken an die alte Zeit. Aber Berengar mag ihn …« – »Laßt den beiseite, lieber Herr. Der treibt die Leute leichter aus der Kirche denn hinein.«