V.
Um dieselbe Zeit, da nördlich der Stadt Frau Minne Ritter Fulko und schön Minnegard einander entgegengeführt hatte, eilte im Süden der Stadt auf der großen Heerstraße gegen das Südthor zu eine weiße Gestalt.
Ein lichter Schleier flatterte ihr nach, so hastig schritt sie: im Glanze des Mondes, den nur selten ziehend Gewölk verdeckte, leuchtete das freiflutende, hellblonde Haar – es war aufgegangen: das zusammenhaltende blaue Band hatte sie bei dem raschen Aufbruch verloren. Sie drückte den weiten hellgrauen Mantel über der Brust zusammen. Ihr Auge spähte scharf vorwärts: aber nicht auf die Vorstadt am Ende der Heerstraße war es gerichtet, sondern links ab von der Straße, wo, nahe dem Flusse, das äußerste Blockhaus des Pfahlhags vor dem Südthor ragte.
»O Gott,« betete die Eilende, »laß mich noch recht kommen. Nun Ein Wort zu ihm – von ihm! Dann will ich ja gern in den Dom. Wie spät mag es schon sein? Ich konnte die Zeit nicht genau erkunden! Wartete ich länger, mußte ich in Begleitung der andern Frauen gehen und dann mit ihnen gleich in den Dom. Mag es wohl schon bald Mitternacht sein? Barmherziger Heiland, o verschiebe die Stunde des Gerichts nur so lang, bis ich … Du blickst in mein Herz, heilige Jungfrau! Du weißt, mich treibt nicht sündiger Liebe Verlangen – nicht an seine Hand will ich rühren! – nie würde ich aus solchem Sehnen die scheue Scham überwinden, und zerspränge mir darüber das Herz in der Brust. Nein! Nicht nach solchem steht mein Begehren! Ich will ja nur – – – du weißt, Gott, was ich will. Darum hilf mir! Bald – bald bin ich ja dort. Sehe ich doch schon das schmale Thor, das in das Blockhaus führt. Gleich muß der Wiesensteig links abbiegen hier unten von der Straße … Ah! Was ist das? Dies Thor …?«
Sie konnte nicht vollenden.
Mit Schrecken nahm sie wahr, wie das Blockhausthor, nach welchem Ziel ihres eilenden nächtlichen Ganges sie so sehnsüchtig ausgeschaut hatte, sich von innen öffnete und wie aus demselben auf dem engen Wiesenpfad, der ein wenig hügelan auf die Heerstraße führte, ein Reiter ihr in den Weg sprengte.
»Weh mir – wenn man mich erkennt, anhält, – aufhält!«
Sie wankte: sie stützte die Hand auf einen breiten Grenzstein rechts an der Heerstraße, der hier die Markung der Stadt von den Äckern des Randahari trennte. Schon hatte der rasche Reiter die Hochstraße erreicht: ungestüm jagte er heran – sein Helm glänzte und strahlte hell im Mondlicht – ein langer dunkler Mantel flog ihm nach von den gepanzerten Schultern: – sie hoffte, er werde an ihr vorbeisausen: sie glitt ganz hinter die breite Steinsäule – schon hörte sie das Schnauben seines Rosses – schon sah sie … »Ah! Er! Gott ich danke dir!« rief sie frohlockend und sprang, beide Arme hoch gen Himmel erhebend, aus ihrem Versteck hervor.
Heftig erschrak das Roß, aber nicht der Reiter. »Edel!« rief er, bändigte kraftvoll das scheuende, hochsteigende Tier, brachte es zum Stehen, sprang nun ab und schritt ihr, den Zügel in der Hand, entgegen. »Jungfrau Edel« – in höchstem Erstaunen sprach er – »was thut … was wollt Ihr hier – allein … zu dieser Stunde? Was sucht Ihr?« »Euch!« rief das Mädchen »Nein doch: dich, Hellmuth, dich!« Und beide Hände fest ineinanderringend ließ sie sich vor ihm auf die Kniee gleiten. »Laß mich! Nicht deine Liebe such' ich mehr – ich weiß, ich habe sie verwirkt – aber deine Verzeihung. Ich kann nicht sterben, kann nicht vor den ewigen Richter treten mit dieser unverziehenen Schuld auf meiner Seele, der schweren Sünde der Herzenshärtigkeit, des verstockten Stolzes, der grausamen Mißhandlung … Ich habe dich gequält … gepeinigt, ich habe dein stummes monatelanges Flehen um Verzeihung eines ach! so leichten Fehls, – eines Fehls aus Liebe! – mit Füßen in den Staub getreten! O es war so schlecht von mir, so eitel, so sündhaft! Aber sieh: nun – in der letzten Stunde meines Lebens – lieg' ich, Edel, die stolze Edel, vor dir im Staub – nein, laß mich! Ich stehe nicht auf, bis … Und ich flehe dich an: verzeihe mir! Verzeihe mir um des Heilands willen, der, ein Wunder wirkend, dich mir hier entgegengesandt hat in dieser Stunde! Ich sprang aus dem Fenster der Kemenate in den Garten. Ich wußte, wo du zu finden warst. Ich konnte es nicht mehr ertragen – ich lief dir entgegen – es schob mich vorwärts wie mit unsichtbaren Engelshänden: das Wort, das in diesen Tagen unablässig uns verkündet ward: – ›Bereue! Büße!‹ – es mahnte mich unwiderstehlich, die schwerste Schuld meines Lebens zu büßen: die Schuld gegen dich und deine große, deine rührende Liebe. Ich hätte dich im Blockhaus aufgesucht vor allen deinen Reisigen und dich dort laut angefleht, wie hier in der heiligen, nur von Gott erschauten Einsamkeit: Hellmuth, verzeihe mir!«
Schon hatte er sie vom Boden aufgerissen. »Edel! Ich Euch – ich dir verzeihen? Nein, vergieb du mir. Die Liebe riß mich fort. Doch du kannst das nicht fassen! Denn was weißt du von Liebe!« »Ich?« – Sie errötete über und über, wie sie nun mit unendlicher Anmut das edle langgestreckte weiße Antlitz zu ihm emporhob: es leuchtete geisterhaft im Glanz des Mondes, umrahmt vom blonden Haar: – sie richtete einen langen Blick auf ihn aus den tiefen grauen Augen. – Dann senkte sie die dunklen Wimpern und fragte: »Was immer Euch in dieser letzten Stunde der Welt in die Nacht hinausgetrieben hat, was immer Ihr suchtet – gewiß war's nicht Edel?« – »Wie durfte ich das wagen? Nein! Den Tod, den Heldentod in herrlichem Reiterkampf. Denn wisset – von dorther – von Süden – nahen alsbald furchtbare Feinde.« »Den Tod? O so laß mich ihn teilen!« rief sie leidenschaftlich ausbrechend. »Du hast mir verziehen – und du liebst mich noch immer – ich sehe dir es an: so gewähre mir die letzte Bitte! Im Leben hat mein sündhafter Stolz uns getrennt: laß nun im Tode meine Demut uns vereinen. Vergönne mir, mit dir zu sterben.« Und überwältigt von allbezwingender Liebe sank sie an seine Brust, das schmale Köpflein vorwärts beugend wie eine tauschwere Blume. »Edel! Geliebte! Ist es wirklich? Bist du meine Edel?« – »Ja! Deine Edel! Aber nur im Tode dein!« Und er küßte sie auf die weiße Stirn: er wagte es nicht, sie auf die so festgeschlossenen, schmerzumzuckten Lippen zu küssen.
Es war ganz still um dieses Paar; hier sang keine Nachtigall. –
Plötzlich schlug an beider Ohr von Süden her ein schriller gellender Hornruf. »Horch! Was war das?« rief Edel, erbleichend und sich hoch aufrichtend. Beide wandten sich nun flußaufwärts nach der Richtung des Schalles. Alles still. Da flammte in der Ferne rote Lohe auf. »Der Weltenbrand!« rief Edel. Aber im selben Augenblick antworteten dem ersten Hornruf zwei, drei lautere dem Paar erheblich näher. »Nein!« rief Hellmuth. »Gut kenne ich den wilden Ton! – Das sind wendische Hörner! Sie blasen den Kriegsruf. Und schau: dort brennt ein zweites – wie rot! – ein drittes Feuer auf – dort liegen die Höfe des Randahar – es sind ihre brennenden Strohdächer. Das sind wendische Plünderer! Sind ja Heiden, glauben nicht an das Weltgericht. Und horch nur! Ich meine …« Er warf sich zu Boden und drückte das Ohr fest auf die harte Heerstraße. Sofort sprang er wieder auf. »Kein Zweifel. Reiter sprengen heran! Viele, sehr viele! Die Erde dröhnt von Hufengestampf. Das sind nicht die himmlischen Heerscharen und nicht die Teufel der Lüfte. Auf, Edel, rasch! In diese Hände darfst du nicht fallen.«
Er hob sie auf das Pferd und schwang sich hinter ihr in den Sattel. »Wohin? Was willst du thun?« fragte sie. »Ich warne die Stadt und Herrn Heinrich.« Und schon jagte der treue Falk sausend zurück nach dem Südthor. Funken stoben unter seinen klirrenden Hufen aus den Kieseln der Straße, weithin flog Edels weißer Schleier nach.