VII.
Hellmuth wollte sprechen: – aber der Alte kam ihm zuvor: »Still! Nun sollt Ihr nicht mehr hören, Ihr sollt sehen. Schaut hinauf, das Sternlein ist dem Mondrand nah. Die Stunde kam.«
Er bückte sich und hob, nicht ohne Anstrengung, unter den hohen, mächtig gewölbten Wurzeln der alten Esche eine Rasenscholle aus: – erst jetzt gewahrte der Jüngling, daß sie auf drei Seiten eingeschnitten war – und holte darunter ein Stück Fell hervor: – es war ein Hamsterpelz: – darin lag gehüllt ein etwa zwei Hände breiter rundlicher Gegenstand. Der Alte wickelte ihn sorgfältig heraus und wies ihn dem Überraschten dar: es war eine dunkle, ganz glatte Metallscheibe in ehernem Rahmen: einen in sich gerollten Drachen stellte der umrahmende Erzreif dar.
»Ein Spiegel?« rief Hellmuth erstaunt.
»Ja! Aber nicht der Eitelkeit: – der Wahrheit. Ein Zukunftspiegel! In unserer Sippe vererbt von Geschlecht zu Geschlecht! Alle andere Fahrhabe teilte die liebe Mutter, als sie zu sterben kam, ganz gleich unter uns beiden Brüdern. Aber diesen Spiegel gab sie mir voraus! Sie schickte den Bruder, der so kircheneifrig war, hinaus, griff unter das Kopfpolster und reichte dies Erbstück mir –, weil sie wußte, ich würde davon schweigen gegen die Geschorenen. ›Und so haben's,‹ sagte sie, ›die Ahnen gehalten von Geschlecht zu Geschlecht: immer nur Einem – dem Treuesten! – haben sie das Erbe der Vorzeit vertraut.‹ – Und sie lehrte mich auch, wie ich des Spiegels zu gebrauchen habe. Einst war er wohl zu eigen den drei seligen Fräulein auf der Karlsburg da unten am Main: Sankt Kilian soll sie von ihren Herrscherstühlen im Goldsaal des Schlosses vertrieben und sie verwunschen haben in den tiefen Ziehbrunnen unten im Burghof. Aber der einsame Hirt, der im Abenddämmer an der Halde die Ziegen weidet, hört sie noch manchmal leise singen aus der Tiefe und ein Sonntagskind mag sie wohl auch in heißester Mittagsschwüle da oben im hohen Grase des Burghofs überraschen, wie sie ihr Goldhaar strählen mit goldenem Kamme. Und ein Urahn von uns hat den Spiegel gefunden, da er einst hinabstieg in den Brunnen, weil ihn das leise Singen und Rauschen lockte. Und die Mutter sagte, das Ende der Welt wird kommen in einer Sommer-Sunnwendnacht. In der Sunnwendnacht eines Jahres, da am Tage der letzten Rauchnacht – heilige drei Könige nennen's die Pfaffen jetzt – also mitten im Winter! – ein mächtig Gewitter wird aufsteigen über dem Stein zur Mitternachtseite der Stadt und wird der Blitz schlagen – gerade zu Mittag – in diese uralte Heidenesche hier.«
Da erbleichte der Jüngling: »Das ist dies Jahr! Am Tage der heiligen drei Könige kam ein Gewitter von Norden und schlug zu Mittag in diese Esche: – ich stand ganz nah dabei, auf Wölfe pirschend, und sah es.« – »Deshalb, nicht weil die Geschorenen es predigen, glaub' ich an das Ende der Welt, in diesem Jahr, in jener Nacht. Zwei Stunden vor Mitternacht, so lehrte die Mutter –, beginnt der Kampf.« – »Gut. Die Stunde weiß ich nun: – aber wo?«
»Das zu erfragen kam heute die Nacht: – nach dem Stand der Gestirne. Nun laßt mich gewähren und schweigt.«
Und der Alte streifte den geflochtenen Bundschuh von der linken Sohle, trat barfuß auf die Breitfläche seines nackten Weidmessers, das er vor sich niedergeworfen hatte, streifte den Mantel von dem rechten Arm zurück, riß Gras, Kraut und Erdschollen aus dem Boden neben den Wurzeln der Heidenesche, streute sie auf sein graues Haar und hielt den runden Spiegel derart empor, daß die Strahlen des Mondes schräg hineinfielen, Hellmuth aber wie er selbst auf die Metallscheibe blicken konnten. Er drehte sich dabei langsam im Kreise und winkte dem Jüngling, ihm zu folgen. Lange schwieg er. Zuerst hatte er den Spiegel gen Norden – nach der Stadt zu – gehalten: man sah nichts. Dann drehte er ihn gen Westen dem Flusse zu: – lange hielt er hier inne. Weiter drehte er ihn gen Osten – nichts zeigte die Scheibe. Endlich wandte er sie gen Süden, – flußaufwärts.
Alsbald fuhr er zusammen. »Seht Ihr?« raunte er leise. »Es zuckt durch meine Hand! Von dorther! Von Mittag – nein, von Südost also – reiten sie an da unten – auf der großen Heerstraße!«
In dieser Richtung jagte der rasche Wind dunkles Gewölk wechselnd mit Helle über die Mondscheibe hin: – phantastisch wirre Gestalten: – und demgemäß verdunkelte und erhellte sich der Spiegel.
»Schaut!« Dem Alten zuckte und bebte vor Erregung die starke Hand. »Allen voran der Schwarze! Auf schwarzem Gaul! Den gilt es, vor allen zu treffen! Und hinter ihm – seht nur! – die ganze dunkle Schar, zu Roß, zu Fuß! Schaut wie sie wimmeln und drängen! Danke dir, Mutter! Nun weiß ich's gewiß! Ich werde nicht fehlen! In mancher Sturmnacht hab' ich's geschrieen in die Wolken hinauf: ›Hör' es, Herr Wode oder wilder Jäger, oder Kaiser Karl oder wie immer du heißest, der da oben brausend hinfährt über meinem Haupt: ich kämpfe für dich im letzten Kampfe. Dafür gieb mir Weidmannsheil und treffende Pfeile.‹ Hoch aus den Wipfeln, lachend, gleich der Eule, rief er Gewährung hernieder: – nie fehlte mein Pfeil. So fehle auch ich nicht in seinem letzten Kampfe.«
»Noch ich,« sprach Hellmuth ernst. »Merke: keinem andern als dem Himmelsherrn gelob' ich meine Seele. Aber in dem Kampf, der – auch die Priester sagen's ja! – in der Sunnwendnacht gekämpft wird auf Erden gegen Satan und all sein Heer – den Kampf kämpf' ich mit, Alter: wir reiten zusammen in die Teufel! Zur rechten Stunde bin ich da unten – wo der Reitweg abbiegt – zur Stelle.«
Und von ihm hinweg schreitend zu seinem Roß, sprach er zu sich selber: »Das höchste Glück der Welt – es war, in Edels Arm zu ruhn. Es blieb versagt! Das zweite ist der Siegeskranz von höchster Ritterschaft: – den will ich mir ertrotzen. Sankt Georg soll gestehen: ›nie sah ich Ritter ritterlicher streiten‹ und – noch einmal – jenseit des Grabes – soll mich Edel müssen krönen.«