VIII.

Näher und näher kam der verhängnisvolle Tag der Sonnenwende, der Johannes dem Täufer geweihte vierundzwanzigste des Brachmonds.

Da begaben sich seltsame Dinge vor und in dem Hause des reichen Kaufmanns, des Kornhändlers Renatus. An dem klugen Manne rächte sich nun der Christenglaube, den er nicht aus Überzeugung, den er aus heuchlerischer Selbstsucht und aus Feigheit angenommen hatte. Und damals war es nicht wie später mit dem einmal abgelegten Bekenntnis, also einer einzigen Lüge, abgethan. Wie alle andern Christen mußte der neugetaufte Jude all' die durch das ganze Kirchenjahr sich hinziehenden äußeren Bethätigungen des Glaubens mitmachen vor allem Volk. Täglich – wo irgend thunlich – mußte er die heilige Messe hören, alle vorgeschriebenen Fasttage einhalten, die öffentlichen Aufzüge durch die Stadt mit wallenden Fahnen und Umhertragung der hölzernen Heiligenbilder begleiten, alle die vielen anderen Feste mitfeiern, die öffentlichen Gebete einhalten und mindestens sechsmal im Jahre zur Beichte gehen. Scharf überwachte die Seelsorge der geistlichen Oberen den Neugewonnenen, strenger als die Altchristen: und wehe dem Jüdling, gab irgend seine Lässigkeit Grund, ihn des Rückfalls zu beargwöhnen!

So hatte denn auch Renatus viele Jahre lang all diese Christengebräuche mitgemacht, sorgfältiger noch als andere. Den Glauben an die Lehre seiner Väter hatte er abgestreift: der christliche Glaube aber hatte ihn nicht ergriffen, höchstens hier und da ein Stück christlichen Aberglaubens.

So hatte sein feiges Herz die Verkündung des nahenden Gerichtes mit Schrecken erfüllt: zwar glaubte er anfangs nicht unbedingt daran, wann er aber glaubte, war er der Verzweiflung nah.

Und als nun die Entscheidung immer näher herankam, da wuchs ihm von Tag zu Tag wie der Glaube, so die Angst.

Es war der Morgen des dreiundzwanzigsten im Brachmond angebrochen. Da sah Renatus mit stieren Augen, wie alles Volk, die vielen Hunderte, die ohne den leisesten Zweifel felsenfest an das bevorstehende Ende glaubten, sich in die Kirchen drängten, betend, singend, weinend, heulend vor Todesfurcht oder vor Gewissensangst. Und er mußte es erleben, daß auf dem offenen Platze vor seinem Hof, dem Kornhof, die Leute in dichten Haufen vor einem hochragenden Holzkreuz sich auf die Kniee warfen, an die Brust schlugen, das Haar rauften, vorbeigehende Priester mit Gewalt festhielten, ihnen nochmal zu beichten, ja laut sich solcher Sünden und Verbrechen anzuklagen, die sie nie zuvor über die Lippen gebracht.

Und er sah wie die Männer vorüberschreitenden Mönchen das Mönchsgewand abrissen, sich darein zu hüllen und so seliger zu sterben und sicherer vor den Krallen der überall unsichtbar in der Luft auf die arme Seele bei deren Ausfahren aus dem Munde lauernden Teufel.

Und er sah zuletzt, wie, in immer wachsender Herzensangst, reiche Frauen heraneilten, vor dem hohen Kreuz ihre Prachtgewande, Schapel, Schleier, Geschmeide von sich warfen, bis diese Opfergaben der Todesfurcht und Höllenfurcht zu einem gewaltigen hochgetürmten Haufen sich aufbauten.

Und er mußte es mit anhören und mit ansehen, wie endlich eine Stimme aus der Menge schrie: »Ins Feuer damit. Laßt uns alle diese Sünden verbrennen.«

Und alsbald ward der Haufe von Schätzen zum Scheiterhaufen!

Ein Knecht der nahen Schmiede rannte herzu mit brennendem Span, andere rissen das Stroh von des Kaufherrn Scheunendach herunter, brachen Planken und Bretter aus seinem Zaun, und warfen sie, die Glut schürend, auf die brennenden Kleider: bald stieg die rote Flamme hoch in die Lüfte.

Und nun strömten von allen Seiten Männer und Weiber herbei, und schleuderten Gewänder, Gerät, Schmuck, auch bares Geld, Urkunden, Schuldverschreibungen unter Schreien und Heulen in die gierig fressende Lohe.