XIII.

»Das Edelweiß!« wiederholte Hellmuth. »Sechsmal würd' ich sterben, könnt' ich dadurch sie – nicht gewinnen, – ach! nur versöhnen! Danke dir, mein Fulko. Deine Verse sind –« – »Bah, Verse sind's! Nicht Küsse! Bittere Tinte und trocken Pergament! Das ist all' nichts, gar nichts! Ich halt' es nicht mehr aus! Immer bloß das verfluchte Reimen von ihrem roten Mund und heißen Kuß! Morgen – ganz in der Frühe – paß ich's ab! Wenn sie aus der Kemenate tritt – immer allein: – Malwine, die Verwalterin des Anstands, hütet alsdann die Tugend noch im Traum: und Jungfrau Edel verbetet sich immer um ein Weilchen! dann trete ich hin vor diese Minnegard und fasse sie und frage sie nicht lang und küsse sie, daß sie – nun, nicht gerade ganz erstickt, aber recht beinahe.« Da sprang Hellmuth auf, legte die Hand auf des Freundes Schulter und rief: »Nein! Um Gottes willen nicht! Thu's nicht! Wag' es nicht!« – »Warum nicht? Ich mein', ich kann es wagen!« – »Thu's nicht, mein Fulko! Willst du so elend werden wie – ach! wie mich viel, viel bescheidneres Wagnis gemacht hat?« Und er schlug die geballte Faust vor die Stirne. Der andre zog ihm mit sanfter Gewalt Arm und Hand herab: »Hellmuth, tapfrer Gesell! Sprich! Sprich's doch endlich einmal aus: was ist geschehen zu Worms? – Du weißt, ich bin getreu und verschwiegen!« – »Ich weiß es! Und darum sollst du – du allein von meiner Schuld, – meiner schweren Schuld! – erfahren!« Er seufzte tief. »Bin gespannt! – Alle Augen hier im Bischofshaus sahen nicht bloß, daß du … auch, daß sie dir – allmählich! – gut ward. Herr Heinrich selbst sah's auch und hatte wahrlich nichts dawider! ›Ein schönes Paar und trefflich gepaart,‹ rief er mir einmal aus dem Sattel zu, als ihr auf dem Rennweg uns entgegengesprengt kamt. ›Der liebe Gott scheint sie für einander geschaffen zu haben.‹ So werdet Ihr sie nicht scheiden wollen? fragte ich rasch. ›Ich? Junge Liebe scheiden? Ich doch gewiß nicht! – Es sei denn‹, – warnte er und sah mir scharf ins Auge – ›daß zwischen Wunsch und Erfüllung steht – ein Kloster.‹ Und als der Bischof nach Worms nur euch beide mitnahm, da sagten wir: die kommen zurück mit den Ringlein am Finger. Aber wie kamt ihr zurück! Sie wie die Eisjungfrau und du wie ein in ihren Armen Erfrorner. Was ist geschehen, sprich, an jenem Tage deiner schönsten Siege?« – »Ach, ich verfluche sie. Sie haben mir all' das Unheil angerichtet. Sieh, Fulko: du weißt, eitel und eingebildet bin ich wahrhaftig nicht …« – »Behüte! Deine Bescheidenheit ist dein größter Fehler. Könntest mir drei Viertel abgeben, – wär' uns beiden geholfen.« – »So hätt' ich auch wahrlich nie gewagt, mir einzubilden, die stolzeste der Jungfrauen werde mir, bevor ich feierlich beim Bischof um sie geworben und dessen Ja wie das ihre erhalten, das geringste Zeichen von Gunst gewähren.« »Verkehrt,« meinte Fulko und trank seinen Becher aus. »Einmal muß man doch anfangen! Weib will gewonnen sein durch Wagen.« – »Als ich nun aber in dem Lanzenstechen alle – wirklich alle! – Gegner aus dem Sattel gehoben – zuletzt auch Siboto, den zähen blonden Friesen, und den starken Richard, den Grafen zu Winklarn, – nie noch hatte ich die beiden zwingen können! – und als nun rings die Drommeten schmetternd meinen Sieg verkündeten und die Herolde mich auf dem schnaubenden Roß dreimal durch den Kampfkreis führten und alles Volk mir ›Heilô!‹ und ›Siegô!‹ zujauchzte, und der Herr Bischof mir huldvoll zunickte von seiner Altane herab an Edels Seite und als ich nun heranritt, aus ihrer weißen Hand den Preis, den dreifach gewundenen Eichenkranz mit der goldenen Schnur, mir auf das Haupt setzen zu lassen, als ich sie nun vor mir sah, schön wie nie zuvor, strahlend vor Anmut und – wie ich wähnte! – auch ein klein wenig vor stolzer Freude an mir, als sie sich über mich beugte, als ich den zarten, leisen Druck ihrer beiden lieben Hände auf meinem Haupte fühlte, – da schlug ich entzückt die Augen zu ihr auf: durch mein Herz jagte das Blut in wilden Sprüngen: – die Hitze des Kampfes tobte noch nach in meinen Adern – und all' der Lärm, der Glanz ringsum, die Freude, daß sie meinen Sieg gesehen – all' das zusammen berauschte mich! Sehnsüchtig, – aus aller Kraft der Seele! – suchte ich nach ihrem Auge, nach nur Einem Blick! –

Allein beharrlich, eigensinnig, trotzig – ach! oder war es süße jungfräuliche Scham? – hielt sie die langen, langen, die feierlichen Wimpern gesenkt. Ich flehte leise: ›Edel! Einen Blick – nur Einen,‹ hauchte ich. – Umsonst! – Da ergriff mich Stolz, Trotz, heiße Wut: – ich wollte mir den Blick erzwingen, wie ich mir den Sieg erzwungen. Mit der Rechten griff ich – kein Mensch konnte es gewahren, der dichte Kranz und ihr vorflutend Haar verbargen völlig meine Hand – ganz leis an ihr Kinn und hob es mit Gewalt empor: ›Einen Blick!‹ wiederholte ich dringend! –« – »Nun? Da sah sie auf?« – »Ach ja! Da sah sie auf! Da erhielt ich einen Blick, aber welchen Blick! Wie blaues Feuer blitzte mir Zorn, Haß, Empörung, Verachtung entgegen aus den sonst so sanften Augen. – Sie bog sich zurück, soweit sie irgend konnte, ach! mir war, zwei scharfe Pfeile flogen durch mein Herz! Ich wankte im Sattel: – in Verzweiflung sprengte ich aus der Stechbahn: – draußen glitt ich besinnungslos vom Gaul! ›'s ist die Hitze, die schwere Rüstung‹, hieß es. Ach wär' ich nicht mehr aufgewacht! – Seitdem hab' ich sie verloren für Zeit und Ewigkeit. Nie – ich kenne dieses Herz von Diamant! – niemals verzeiht ihr gekränkter Mädchenstolz.« Und er brach zusammen auf der Bank und stützte die Stirn auf die Hand. »Hm! Armer Freund!« sprach Fulko nach einer Weile. »So hat sie dich denn wirklich nie geliebt? – Denn liebt ein Weib, – ein echtes Weib – und ich will das dieser herben Edel nicht bestreiten, – so verzeiht es, unter Thränen, ja im Zorne lächelnd, der Kühnheit des Geliebten. Und was ist es denn, was du gewagt? Gar nichts! – Nein, Hellmuth,« – er sprang auf – »dein Geschick kann mich nicht warnen. Nein! Geht wirklich demnächst die Welt zu Grunde, dann …! Bei einem Kuß laß ich's dann nicht bewenden. Dann, schöne Minnegardis, wirst du mein, magst du darüber grollen oder nicht. Liebst du mich aber – wie ich's hoffe! – mitten im Grolle wirst du verzeih'n und – selig sein in diesen Armen. – Komm, Hellmuth, laß uns schlafen. Es wird spät.«

Der Blonde erhob sich nun ebenfalls. »Ich schlafe nicht. – Auch ich habe mir ausgesonnen – bin nur über eins dabei nicht aufgeklärt! – wie ich die letzte Stunde dieser Welt verbringen, wie ich sterben werde. Nicht so süß umarmt wie du und nicht so weich gebettet: – aber auch nicht übel umarmt und auch nicht übel gebettet: – hart, jedoch herrlich. Allein vorher muß ich noch manches erkunden. – Schlaf wohl! Ich reite aus!« – »So spät! Wohin? Zu wem?« »Zu wem?« lächelte Hellmuth grimmig. »Nicht zu einem Liebchen. Vielleicht – zum wilden Jäger!«

Und klirrend in seinen Waffen schritt er hinaus.