XIV.

Angesehene Leute fanden in jenen Zeiten auf ihren Reisen fast immer Unterkunft bei Gastfreunden; auf dem flachen Land in Burgen der Ritter oder in Höfen der bäuerlichen Landsassen, in Klöstern oder in den – freilich noch seltenen – Städten in den Häusern der Burgensen. Die schmutzigen Herbergen in den Dörfern und Städten aufzusuchen und darin zu nächtigen, vermied man gern: es ging gar unsauber, wüst und lärmend darin her. Häßlich und unbehaglich sah es denn auch aus in einem solchen Leuthaus des Nordgaues südlich der Eger nahe der Mark der böhmischen Berunzanen. In der großen Schenkstube lag auf den löcherigen Dielen schmutzig Schilf; und nicht nur von ehrlichem Ruße waren die Wände aus ungehobeltem Kiefernholz so dunkelfarbig geworden; ein paar rote Flecken in dem Schmutz des Bodens verrieten verdächtige Ähnlichkeit mit der Farbe des Blutes.

Um den viereckigen Schenktisch – dessen Platte ein mittendurch zersprungener Schieferstein bildete, sie ruhte auf vier geschrägten Balken – saßen auf niedrigen Schemeln, rohen Eichstrünken, zwei Männer in eifrigem, oft im Flüsterton geführtem Gespräch. Die lange nicht mehr gesäuberte, hohe, schmale enghalsige Zinnkanne und zwei Becher aus leichtem Tannenholz enthielten ein gelblich braunes, säuerlich riechendes Getränk; nur einer der Gäste sprach ihm zu: der andere – in geistlicher Tracht – schob mit widerwilliger Handbewegung seinen Becher so weit von sich hinweg, daß der Geruch des Nasses ihm nicht mehr in die Nase steigen möchte. »Ihr trinket gar nix, Archidiakon?« fragte der eifrige Zecher in einem Deutsch, dem slavische Zischlaute einen seltsamen Anklang liehen. »Verbietet's ein Gelübde? Oder eures Magens Eigenart?« »Mein Gaumen gebietet mir und meines Wesens Eigenart, nur Wein, – guten Wein – zu trinken, nicht dies Gärgebräu, das zu einer gewissen Ähnlichkeit mit kahnigem Traubensaft verdorben ist und das diese deutschen Barbaren Bier nennen.« »O, ist nix schlecht,« meinte der andere und füllte sich den Becher aufs neue. Obwohl es ein warmer Sommerabend war, bestand seine Tracht aus Pelz: sein enganliegendes, bis an die nackten Kniee reichendes Wams war aus vielen hunderten von schwarzen Maulwurfsfellen zusammengenäht; um die Hüften hielt es ihm ein breiter Dolchgurt aus mattem schwarzem Leder zusammen: die Waden steckten in Strümpfen aus dem gleichen schwarzen Rauhwerk: die Schuhe wurden ersetzt durch strohgeflochtene Sohlen und ein Kreuzgeschnür von dunkeln Riemen. Die sammetschwarzen und sammetweichen, jeder Biegung der geschmeidigen Glieder sich eng anschmiegenden Fellchen sahen aus wie die angewachsene Haut selbst des Wenden und gaben ihm bei seinen weichen, katzengleichen Bewegungen Ähnlichkeit mit einem schwarzen Panther.

Aus dem dunkelbraunen Gesicht über den häßlich vorstehenden breiten Backenknochen zu beiden Seiten der aufgestülpten Nase funkelten ein paar tiefschwarze, aber feurige Augen; der Bart war glatt abgeschoren, ausgenommen zwei sehr lange schmale Stränge des Schnurrbarts, welche ihm rechts und links vom Munde hingen: er strich und drehte daran unablässig mit der Linken. Auf dem schwarzen, kleingekrausten Haar saß ihm schief, aber kecklich, eine hohe viereckige Mütze aus dem gleichen schwarzen Fell, von dem ein paar schwarz-weiße Elsterfedern grell abstachen; die rechte Hand fuhr ihm öfter an den Horngriff des langen krummen Säbels als für die Gemütlichkeit der Unterhaltung ersprießlich war: gereinigt war alles, was er am Leibe trug, niemals worden und der Leib selbst recht selten. »Ist ganz gut hinunterschütten,« wiederholte er, den Becher niedersetzend und sich den triefenden Schnauzbart mit der Rückseite der Hand wischend. – »Ja, Ihr seid nicht verwöhnt, Herr Berunzane. Weder in Trank noch in Speise. Wahrscheinlich habt Ihr all die armen Schermäuslein auch verspeist, denen ihr die weichen Wämmslein abgestreift.« – »Aber gewiß! Leckerer Braten! Besser sogar noch als Engerlinge! Sind wir nix so reich, wir armen Brüderlein, wie diese Deutschen.« – »Wißt Ihr auch warum, mein Fürst?« – »Oh ja. Weil nix arbeiten, wie die Bauerntölpel. Deutschen ist Hand gewachsen zum Pflugziehen, uns, zu nehmen, was Deutscher erarbeitet hat.« – »Ja, ja, Eure Leute treiben's arg mit Stehlen im Nordgau. Deshalb will ja Euch und Eure Haufen weder Ritter noch Freibauer noch Abt aufnehmen in Burg, Hof oder Kloster. Deshalb muß ich heute in diesem übelstinkenden Bretterverschlag mit Euch sitzen, Fürst Zwentibold, Spithinieffs edler Sproß!« – Der Fürst der Maulwürfe zuckte die Achseln: »Ich hab' Euch nix gesucht, Ihr mich. Und was wir zu verhandeln hatten, brauchte weder Laie noch Pfaff zu hören.« – »Wir sind nun doch einig – in allen Stücken?« – »Ganz einig. Der Handel gilt: ›Blut gegen Gold‹. – Nur eines wurmt mich noch.« – »Und das wäre, wackrer Held?« – »Daß Ihr mir nur die Hälfte des Geldes ausgezahlt habt.« – »Die andere nach dem Sieg.« – »Das will sagen: Ihr traut mir nix. Aber ich soll Euch trauen. Und seht, Herr Archipfaff, das ist zu viel verlangt.« – »Herr Wende!« – »Nun ja! Schaut, ich und meine lieben Wölflein, – wir sind hier fremd im Land. Daß wir – gegen gutes Gold! – gern gegen die verhaßten Deutschen losschlagen, daß wir gerne dazu helfen, wenn deutscher Bischof gegen deutschen König kämpft und Königsgraf, – das! – beim großen Zrnbog! – das mag man füglich von uns glauben. Wer aber bürgt uns, daß Ihr Euch nicht wieder vertragt mit den anderen Deutschen? Wer bürgt für die Zähe Eures Hasses? Ihr seid …« – »Kein Deutscher!« – »Wohl, wohl. Weiß! Seid Lombarde! Aber Kaiser Otto ist auch Euer Landesherr. Wie Deutschland gehöret ihm Lamparten!« Da erschrak der Wende: denn der sonst so kühle Priester schlug plötzlich mit der Faust auf die Schieferplatte, daß die Becher aufhüpften: und tödlicher Haß sprühte aus den dunkeln Augen unter den starken Brauen, als er mit einer vom Zorn halb erstickten Stimme hervorstieß: »Ja, leider! Fluch ihm dafür! Fluch und Verderben allen Deutschen.« »Beim schwarzen Zrnbog!« rief der Slave, zurückprallend auf seinen Schemel. »Welche Wuth! Woher?« »Woher? Warum? Weil …! Wohlan: Ihr sollt' es wissen! Ihr müßt sogar darum wissen, sollt Ihr das eine – das letzte – verstehen, was wir noch nicht beredet haben und was mir doch das Wichtigste von allem.« Mißtrauisch fuhr der Häuptling an den Schwertgriff und warf die dicken wulstigen Lippen auf: »Nix einen Finger rühr' ich über das Versprochene hinaus für das wenige Geld, den Bettelsold. Ein Knicker ist er, euer Bischof von Würzburg.« »Es ist nicht viel,« gab der Priester zu: »Nicht meine Schuld! Der Weichmütige wollte nicht einmal diesen Betrag – ›einstweilen nur!‹ – seinen frommen Bauten entziehen. Säße ich auf dem reichen Stuhl des reichen Würzburg, – Euer Lohn sollte …! Aber Ihr fragt, woher mein Haß gegen diesen Kaiser-Knaben, gegen alles, was Deutsch? O der Haß ist trefflich begründet. Ihr wißt nicht, wen Ihr vor Euch habt, tapferer Häuptling.« – »Den Archidiakon von Würzburg,« sagte dieser, offenbar ohne sehr hohe Meinung von einem solchen Wesen. – »Gott sei's geklagt! Aber in des Priesters Adern fließt königliches Blut.« – »Das wäre!« staunte der Wende und riß die Augen auf. »Und ging' es nach Recht und Gerechtigkeit, so säße ich in diesem Augenblick statt in dieser schmutzigen deutschen Herberge auf dem goldenen Throne zu Pavia und dies Haupt trüge, statt der Tonsur, die Königskrone des Lombardenreichs.« – »Ihr seid …?« – »Ich bin der Sohn Berengars, des letzten rechtmäßigen Königs von Italia, und der einzige Erbe seines Rechts und seiner Krone. Mein armer Vater! Überwunden und gefangen von jenem schrecklichen eisernen Otto, verbannt für immer aus unserer schönen Heimat starb er – hier in der Nähe – zu Bamberg. Anmaßer, Gewaltherren, Thronräuber, Tyrannen sind alle Ottonen wie jener erste, der meinem Vater das Scepter aus der Hand riß.« – »Aber,« wandte der Slave ein, »in Welschland sagte man mir, die Welschen selbst haben jenen ersten Otto ins Land gerufen, damit er endlich Ordnung und Ruhe …« »Tyrannen sind sie!« schrie der Lombarde, ohne auf die Worte zu achten. »Auch mich, ein Knäblein damals, hat der fremde Zwingherr mit meinen Eltern über die Alpen geschickt in dies Land voll Eis und Nebel und nach des Vaters Tod zu Würzburg erziehen lassen.« – »Das war unvorsichtig, sehr! Bei uns zu Land erdrosselt man die Knaben besiegter Fürsten.« – »Teuflisch grausam war es! Denn in einem Kloster – zum Priester! – ward ich erzogen. Der Welt, den Waffen sollte ich für immer entrückt, unschädlich sollte ich gemacht werden. Ein Pfaffe kann Italien nicht befreien vom Joche der Barbaren! Und doch ist die Lust an weltlicher Macht, die Gier, zu herrschen, ja – und ich fühl's! – auch die Gabe, zu herrschen, Land und Leute zu regieren, staatsmännische Pläne zu schmieden mit des Vaters Herrscherblut auf mich vererbt. Statt dessen – was bin ich?« – »Nun, wie sich soeben zeigt, auch in weltlichen Dingen nix ohne Gewalt: – die rechte Hand eines deutschen Kirchenfürsten …« – »Verschling' ihn der Abgrund der Hölle!« schrie der Lombarde. – »Hui, welch heißer Haß! Und dennoch dient Ihr ihm so eifrig? – Wie soll ich das verstehen?« – »Ihr müßt's verstehen lernen! Hört weiter! Als ich zum Jüngling, zum Manne herangewachsen war und den Frevel begriff, den diese Deutschen an meinem Vaterland, an meinem Vater, an mir begangen, da knirschte ich in das Gebiß, mit dem sie mich wehrlos gemacht hatten. Tag und Nacht sann ich darauf, es abzustreifen. Aber tief verbarg ich Haß und Groll und Hoffnungen! So gut gelang mir die Verstellung, daß ich das vollste Vertrauen der häufig wechselnden Bischöfe in der Mainstadt gewann. Bald ward ich ihr Apokrisiar, Vorstand ihres gesamten Urkundenwesens: diesseit der Alpen lebt kein zweiter, der dies Schrifttum so fein versteht. So konnte es geschehen – daß … O ich hatte jahrelang nur gehofft, als Flüchtling über die Alpen zu entkommen, um dort ganz Italia zur Freiheit aufzurufen, mein Königsrecht mit dem Schwerte zu verfechten. Und nun geschah das Wunderbare, daß mich Bischof Poppo – der zweite dieses Namens – selbst mit sich nahm auf einer Romfahrt. Wie erglühte mein Blut! Wie pochte mein Herz, als ich jenseit der Berge zuerst lombardischen Boden betrat, mein Erbgut! Wir weilten viele Monate in Pavia, in Mailand: Zeit übergenug für einen Kopf wie ich, einen Aufstand vorzubereiten. Und, – bei meines Vaters Grab! – ich war nicht müßig. Aber Schmach und Verderben! Was mußte ich erleben?« – Und er verstummte vor Ingrimm, warf beide Arme aus den Tisch und legte das Gesicht darauf. – »Nun? Was ist? Nix traurig werden!« – »Was antworteten sie mir? Sie, meine Landsleute, meine Stammesgenossen, ging's nach dem Rechte – meine Unterthanen! ›Nie – solange wir zurückdenken mögen und unsere Jahrbücher berichten – nie seit den Tagen des großen Carolus, hat solch weise, friedliche, und doch starke, Recht schirmende Herrschaft gewaltet in unserm Heimatland von Verona bis Benevent und Napoli, wie unter diesen rotbärtigen Ottonen. Das Land ist glücklich und zufrieden – laß es so!‹ – Und da ich nicht abstand, zu schüren, zur Freiheit aufzumahmen, da drohten sie, – meine eignen Vettern in Pavia! – mich dem deutschen Zwingherrn anzuzeigen! Ah Schmach und Weh! Vernichtet war da, zertreten für immerdar all' mein Hoffen, des Vaters Krone mir wieder zu erkämpfen, diese knechtischen Seelen zu entflammen. Ich eilte nun nach Deutschland, nach Würzburg zurück. In der entarteten Heimat Macht und Herrschaft zu gewinnen, – ich hatte es erfahren! – war unmöglich. Allein ich wußte längst, ich sah es täglich vor Augen an Köln, und Mainz, ja auch an Würzburg, wie im deutschen Reiche Männer von Geistesschärfe und Willenskraft – lange nicht soviel davon eignete ihnen wie dem Königssohne von Italien! – von ihren Bischofssitzen aus den Staat leiteten – den deutschen und den italischen dazu. König von Italien konnte ich nicht werden, aber Kanzler des deutschen Reichs wie der Kölner, – wie schon so mancher Bischof das ward. Und einstweilen war es auch nicht übel, als Bischof von Würzburg zu walten! Unablässig war ich daher bemüht, die Gerechtsame dieses Bischofs zu erweitern, durch erbetene Verleihungen des Königs, durch Geltendmachung alter, vergessener Ansprüche, die oft nur durch meine Gelehrsamkeit – oder ›Findigkeit!‹ – aus Urkunden, die ich erst wieder entdeckte, zu erweisen waren. Sie staunten über mich, die blöden Thoren, Bischof und Domherren! Sie lobten, sie lohnten meinen unermüdbaren Eifer für Sankt Burchhards Recht, wie sie es nannten. Diese deutschen Tölpel! Als ob ich mich für den ersten lange toten oder auch für den jetzigen lebendigen Bischof zu Würzburg also mühte! Nein: für den nächsten Bischof: und der sollte heißen: Berengar!«

»Ah, verstehe jetzt. Versteh! Nix dumm!« nickte der Fürst, kratzte sich eindringlich, – aber vergeblich am Kopf und trank.

»Drei Bischöfe – Poppo, Hugo und Bernward – hatte ich, höher und höher steigend in geistlichen Würden, erlebt. Nun hatte ich allen Grund, anzunehmen, – mein Amt als Archidiakon, als Apokrisiar, meine von allen laut anerkannten Verdienste um das Bistum gaben mir ein Recht dazu – bei der nächsten Erledigung des Stuhls könne keinen andern die Wahl treffen als mich. Ich zählte schon so fest darauf, daß ich – vielleicht unvorsichtig! aber wie hatte ich mich jahrzehntelang zusammengehalten! – den Stolz, das Gefühl des geborenen Herrschers, der Überlegenheit fühlen oder doch erraten, ahnen ließ – kurz, Bischof Bernward verfiel in seinen letzten Zeiten in Mißtrauen, wirkte bei dem Kaiser, bei den Domherren gegen mich und als er starb, der alte Rothenburger, da folgte ihm nicht ich, sondern sein Neffe Heinrich!« – »Ja, der Rothenburger,« knirschte Zwentibold und griff ans Schwert. »Der arge Wolf des Waldes fresse seine Seele! Was hat er uns früher viele Brüderlein erschlagen.« – »Dieser höchst ungeistliche Graf, der erst vor ein paar Jahren – plötzlich – der Welt entsagt hatte! Dieser Weltling schnappte mir mein schwer verdientes Bistum weg! Bei meines Vaters Grab! Er soll's nicht lang mehr tragen.«

Zwentibold lehnte sich zurück, blinzelte dem Priester zu und wölbte die dicken Lippen zu einem gelinden, aber ausdrucksvollen Pfeifen: »Ahi! Aho! Fange an zu begreifen!« – »Das geht – scheint's – langsam, Fürst, bei Berunzanen wie bei Deutschen. Meintet Ihr wirklich bisher, für eines andern Macht müht sich der Königssohn Italiens so emsig ab, feilscht um die Hilfe Eurer wilden Horde, begiebt sich in hohe Fährlichkeit? Denn Reichsverrat ist was wir treiben: – ich, mit Wollust, in klarem Bewußtsein: – der ehrenfeste Bischof unbewußt, aber doch mit mahnendem Gewissen. Das Leben kann mir's kosten: – im Gefecht oder – nach der Niederlage: – am Galgen. Denn Graf Gerwalt versteht keinen Scherz.« »Mich wundert doch,« sprach der Wende, kopfschüttelnd, »daß es der Rothenburger thut. Er focht so treu für dieses Reich.« – »Gerade so treu ficht er jetzt für seines Bistums Recht. Aber Ihr habt nicht Unrecht. Ich hätte ihn nicht soweit getrieben ohne einen glücklichen Zufall. Der Graf, dem er den Gau zunächst abkämpfen muß, dieser Graf Gerwalt, – er haßt ihn tödlich.« – »Warum?« – »Weiß nicht. Man flüstert in der Stadt, der Graf habe ihn ausgestochen in der Gunst der schönen Kaiserwitwe. Ich entdeckte diesen Haß, als – erst ganz vor kurzem – Gerwalt, bisher Graf des Deutzgaues gegenüber Köln, den Waldsassengau mit Würzburg erhielt. Der Rothenburger wurde glutrot vor Zorn bei der Nachricht. Erst seit es gegen Gerwalt fechten heißt, will er – im Notfall – fechten. Im Notfall! wie er meint: denn erst will er den Spruch des Reichstags abwarten: – nur falls dieser sein sonnenklares Recht nicht anerkennt …« »Kann nix solang warten,« grollte der Slave. »Gewiß nicht! Deshalb hab' ich, statt Euch erst Wartegeld zu zahlen, gleich fest mit Euch abgeschlossen. Wann brecht Ihr auf?«

»Sobald mein frischer Zuzug eingetroffen aus Tethin: zweihundert Lanzen!« – »Gut! Seid Ihr einmal – in seinem Namen – eingebrochen in den Gau, kann er nicht mehr zurück. Er darf nicht mehr Zeit haben, zu bereuen. Deshalb wollen wir auch gleich wegziehen von hier und unsere Spur verbergen, damit mich seine etwaigen Boten nicht finden und abrufen können. Denn es gelang mir doch nur dadurch ihn fortzureißen, daß ich dem verhaßten Grafen Droh- und Hohnworte in den Mund legte, die dieser nie gesprochen! Ich erfand sie – jenem Gerücht angepaßt! Das half! Wie der Stier aufs rote Tuch stürmte der plumpe Deutsche darauf hin los. Aber nun merkt auf. Jetzt kommt die Hauptsache. Der Rothenburger –« er stand auf, trat vor die halb offene Thür in das Freie und überzeugte sich, daß dort niemand das Ohr an die dünne Bretterwand lehnte. Dann kam er zurück, warf einen Blick in die anstoßende Küche, sah, daß diese völlig leer war, trat nun dicht an seinen Verbündeten heran und flüsterte diesem in das Ohr: »der Bischof darf seinen Sieg nicht überleben.« »Aha,« nickte der Slave. »Meint Ihr, ich will noch jahrelang in seinem Dienst, als sein Knecht, zusehen, wie er mit den von Kaiser Karl verliehenen Rechten den Gau beherrscht, den er mir verdankt? O nein! Ohne Zweifel werde ich zu seinem Nachfolger gewählt: – er selbst hat im voraus, falls er stürbe, die Stimmen des Kapitels für mich gewonnen: – so möge denn sein eigener Wunsch geschehen: – aber bald.« – »Jedoch wie soll …?« – »Merkt auf! Er wird nicht fehlen in dem Gefecht! Er läßt sich's nicht nehmen, selbst den Überfall der Burg – denn die vor allem müssen wir nehmen! – zu leiten.« – »Ich führe meine Wölflein selbst,« erwiderte der Häuptling schroff. »Und nicht schlecht, glaubt mir. Hab' was gelernt im Dienst der Byzantiner! Nix so tölpelig bloß dreinschlagen wie diese Deutschen!«

»Schon gut. Aber der Rothenburger kämpft jedenfalls mit. Nun wohl! Nach dem Sieg – den soll er uns noch erkämpfen helfen! – fliegt nicht ein Pfeil oft irr im Gefecht? Auf der Verfolgung der Fliehenden? Kann ihn nicht ein Geschoß – falsch gezielt – von Euren eigenen Leuten treffen?« Zwentibold sprang auf: »Oder ein geworfenes Messer! Sind vergiftet. Ein Hautritz – muß sterben. Fehle nie meinen Mann. Es gilt! Aber dann …« – »Das Doppelte!« – »Nix genug.« – »Wie, Unersättlicher? Ich bringe – auch als Bischof – nicht mehr auf.« – »Nix mehr an Geld. Erst das Doppelte. Dann – andres. Ist wilder, lustiger! Vorerst: meine Wölflein müßt Ihr auch in die Thore hinein lassen.« – »Er will's zwar nicht. Aber der Überfall der Burg – der Kriegsmann in ihm wird's einsehen – gelingt am sichersten so. Ihr sollt hinein!« – »Hui wohl! Dann – liegt er erst tot – nix zahm die Hand hinhalten, wie Bettler um Geschenklein – dann –« Die Augen des Slaven funkelten, wie die des Raubtieres, das zum Sprunge niederduckt. »Nun, was dann?« »Plündern!« stieß Zwentibold hervor mit schnalzender Zunge. »Nur zwölf Stunden! Mit Brand und Blut und – nix zu vergessen! – die Weiblein küssen, – ohne kirchlichen Segen. Ihr wißt, wir brauchen den nix,« höhnte er, »sind nix getauft!« – »Das muß ich doch …« – »Erst überlegen? Nix! Herr Bischof Berengar muß!« Seine Faust fuhr an den Schwertgriff. »Oho! Es giebt der Söldner noch mehr.« »Wohl«, lachte der Häuptling, daß seine weißen Zähne blitzten. »Aber Zwentibold, Spithinieffs Sohn, kennt jetzt des Herrn Archidiakons Geheimnisse.« »Was wollt Ihr damit sagen?« fragte der Lombarde, scheinbar ruhig, aber er ward ganz bleich unter seiner gelben Haut.

»Ihr seid nix so dumm, das nicht zu erraten! Entweder Ihr thut nach meinem Willen oder ich fange an, Geschichtlein zu erzählen. Dankbare Hörer, gut zahlende, werd' ich finden: den Herrn Kaiser, den Grafen Gerwalt und – nicht zum mindesten – den Bischof Heinrich.« Er sprang auf. Berengar that desgleichen und reichte ihm die Hand. »Es sei! Ich gönn' es diesen Deutschen!«