Die Welt der kosmischen Nebel!

Wenn wir mit einem genügend stark vergrößernden astronomischen Fernrohre, das – nebenbei sei es gesagt, – das Bild des Gestirnes umkehrt, den gestirnten Himmel durchmustern und die Sternbilder an ihm nach Einzelheiten absuchen, dann werden wir da und dort auf kleine, lichte Stellen stoßen, die sich scharf vom dunklen Himmelsuntergrunde abheben.

Manchmal haben diese lichten Stellen das Aussehen von Sternen; in den meisten Fällen aber erscheinen sie ganz eigenartig geformt.

Sie haben einen milchigen Schimmer und sehen an ihren Rändern undeutlich und verwaschen aus.

Lange vor der Erfindung des Spektroskopes, hat man diese seltsamen Gebilde am Himmel schon gekannt und ihnen den Namen »Nebelflecken« gegeben; aber das Spektroskop war es, das uns zuerst verriet, daß diese »Nebelflecken« keine Ansammlungen von Sternen in unendlicher Entfernung von uns, sondern gasige Massen, – also weltbildender Stoff – seien. Diese Gasmassen – das erzählte uns das Spektroskop noch, – enthalten sehr viel Wasserstoff, der ja ein Hauptbestandteil unseres Wassers ist, und ferner das Sonnengas (Helium), das sich auch auf unserem Tagesgestirne vorfindet.

Endlich finden sich in ihnen einige Gase vor, von denen wir auf Erden eine Kenntnis noch nicht besitzen.

Wenn wir ein Stück Eisen bis zur Weißglut erhitzen und die Hitze noch weiter steigern, dann geht das ursprünglich feste Eisen in die Gasform über. Vergastes Eisen finden wir auch in den kosmischen Nebeln und auf den meisten Sonnen im Weltenraume, ganz besonders auf der unsrigen, wie wir später noch hören werden. Ihrer äußeren Gestalt nach teilt man diese, oft gewaltig großen Gasmassen in folgende Klassen ein:

Planetarische oder Ringnebel werden sie genannt, weil sie, – der Name sagt es uns schon, – die Form eines Planetenscheibchens oder eines Ringes haben.

Sehen sie aus wie ein Ring, dann ist in der Mitte des dunklen Raumes, den der lichte Nebelring einschließt, noch ein heller Stern. Es ist dies meist ein »Nebelstern«, also eine Sonne, die von einer Aureole aus weltbildender Materie noch umrandet wird.

Der berühmteste Ringnebel, den wir am Firmamente kennen, ist der im Sternbilde der »Leier«.

Dieses glänzt an unserem nördlichen Firmamente, und der Nebel ist in kleineren astronomischen Instrumenten schon sichtbar.

Man hat diesen Nebel auch photographiert, und die lichtempfindlichen Platten zeigen uns, wie feine, gasige Strahlen von dem Sterne in der Mitte des Ringes ausgehen und diesen mit dem inneren Rande des Ringes verbinden.

Ein anderer, schöner Ringnebel befindet sich im Sternbilde des »Schwans«! –

Der schönste, unregelmäßige Nebel ist der im Sternbilde des »Orion«.

Das Sternbild ist bei uns in klaren Winternächten tief am südöstlichen Himmel sichtbar. Mitten in ihm stehen drei helle Sterne nebeneinander. Man hat diesen den Namen die heiligen Dreikönige gegeben; die Astronomen nennen sie indes den »Jakobstab« oder den »Gürtel des Orion«, – des himmlischen Jägers. –

Etwas unterhalb des mittelsten Sternes im »Jakobstabe« sehen wir mit dem bloßen Auge schon eine mattschimmernde Stelle. Es ist die des großen »Orionnebels«.

Wenn man ein genügend stark vergrößerndes Fernrohr zur Beobachtung dieses Nebels anwendet, dann enthüllt sich dem Auge ein entzückendes Bild.

Der Nebel erscheint, wie ein wogendes Meer. Er ist ganz bizarr geformt und an seiner Vorderseite tief eingebuchtet. Diese Einbuchtung sieht aus, wie ein »Löwenrachen«. Man hat sie auch so benannt. In die Gasmassen um diesen »Löwenrachen« herum sind viele Sterne eingestreut. Man hat diese Sterngruppe das »Trapez« genannt.

Wenn man den »Orionnebel« photographiert, dann kann man auf den Photographien ganz deutlich erkennen, daß die Nebelmassen weithin gasige Ausläufer in den Raum aussenden.

Der ganze Nebel schimmert in grünlichem Lichte, und das kleine Glasprisma, mit dem man das Licht der Gestirne in ein Farbenband zerlegt, sagt uns von diesem Gasgebilde, daß in ihm sich ein uns noch nicht bekannter Weltenstoff befindet. Dieser nimmt am Aufbau der Sterne aus dem Nebel dort Anteil.

Das Wogen und Wallen der gasigen Massen, die den »Orionnebel« bilden, deutet darauf hin, daß die schöpferischen Kräfte dort bereits am Aufbau von Sonnen, Planeten und Monden aus dem Urstoff tätig sind.

Ein anderer, unregelmäßiger Nebel im Universum (Weltenraume) sieht aus, wie ein Baumkuchen!

Man nennt ihn den »Crabb-Nebel«, und er steht im Sternbilde des »Stieres«.

Ein dritter, unregelmäßiger Nebel hat die Gestalt eines Fisches. Man hat ihn deshalb auch den »Fisch- oder Heringsnebel« genannt. Er leuchtet im Sternbilde des »Haares der Berenice«.

Wieder ein anderer Nebel im Sternbilde des »Fuchses« hat das Aussehen einer Hantel, wie sie die Schüler beim Turnen gebrauchen. Man hat diesem Nebel deshalb den Namen »Hantelnebel« gegeben.

Noch ein anderer Nebel gleicht in seiner Gestalt einem zusammengelegten Fischernetze mit groben Maschen. Es ist der berühmte »Netznebel« im Sternbilde des »Schwans«.

An einer Stelle des Raumes können wir erkennen, wie zwei planetarische, – also wie lichte Planetenscheibchen aussehende Nebel, – sich miteinander verbunden haben. Wir nennen solche Nebel »Doppelnebel« und finden einen sehr schönen Vertreter dieser Gattung zwischen dem Sternbilde des »großen Bären« und des »Haares der Berenice«.

In den Räumen des Firmamentes hat man dann noch beobachtet, daß solche gasige Massen ihre Gestalt verändern. Dies ist der Fall bei einem, dem griechischen Buchstaben Omega ähnlichen Nebel, dem man auch diesen Namen verliehen hat.

Bei diesem Nebel hat man nämlich gefunden, daß der eine Arm des hufeisenförmig aussehenden Gasgebildes seine Lage ab und zu verändert.

Das »Warum« dieser Veränderung ist uns aber bis zur Stunde ein Geheimnis! –

Bei anderen Nebeln wiederum fand man, daß sie Licht-Schwankungen unterliegen, das heißt, einmal leuchten diese Nebel in hellerem Lichte, als zu anderer Zeit, – ja es kommt sogar vor, daß solche »veränderliche Nebel« zeitweilig ganz unsichtbar werden.

Auch diese Licht-Schwankungen sind uns bis zur Stunde ganz rätselhaft!

Endlich finden wir unter den Sternen am Himmel noch gasige Massen, welche die Form einer Spirale haben.

Sie sehen aus, wie ein Schaumschläger, den unsere Frauen im Haushalte verwenden.

Der schönste Nebel dieser Art ist der im Sternbilde der »Jagdhunde«. Er steht unterhalb der Tatzensterne des »großen Bären« oder der drei Deichselsterne im »großen Wagen«. –

Dieses Bild grenzt nämlich an das der »Jagdhunde«.

Man sieht auf den Photographien, die man von diesem Nebel gewonnen hat, wie von einem lichten Knoten zwei helle Arme ausgehen. Diese winden sich um den lichten Knoten in ihrer Mitte herum. Am äußersten Ende des äußeren, größeren Armes ist dann noch ein zweiter, lichter Knoten zu sehen, und ein Teil der Astronomen nimmt an, daß dieser einst in die Masse des »Jagdhundnebels« vom Sternenraume her eindrang. Er hat dadurch dem ganzen Gasgebilde die Spiralform verliehen!

Einen zweiten, schönen Spiralnebel besitzt das Sternbild des »großen Bären«.

Wir alle kennen dieses Sternbild an unserem nördlichen Himmel. Unsere Vorfahren nannten es den »Wagen Karls des Großen« oder auch den »Wagen des Königs David«.

Dieser Spiralnebel im Sternbilde des »großen Bären« hat einen bedeutenden Himmelsforscher, mit Namen Easton, Anlaß zu der wissenschaftlichen Meinung gegeben, daß alle Gestirne, die wir am Firmamente sehen, – mit Einschluß unserer Erde, – und die zwischen den Sternen befindlichen Nebelmassen in einer Spiralform angeordnet seien, – daß also die ganze, für uns sichtbare Welt nichts anderes, als eine riesige Spirale sei! –

Die moderne Himmelsforschung ist endlich noch zu der Ansicht gelangt, daß alle Gasgebilde (kosmischen Nebel), die wir am Firmamente kennen, eine Spiralform haben, – daß also die Ring-, die planetarischen, die Doppel-, die unregelmäßigen und die veränderlichen Nebel, nichts anderes, als Spiralnebel seien!

Bis zur Stunde sind wir allerdings noch nicht in der Lage, mit unseren Hilfsmitteln (Fernrohr, Spektroskop und photographischer Platte) die Spiralform bei allen diesen Nebeln festzustellen. Noch ein sehr interessanter, sowohl im Fernrohre, als auch auf den photographischen Platten ungemein reizvoll aussehender Nebel verdient hier unsere Erwähnung!

Es ist eigentlich kein ausgesprochenes Gasgebilde, weil sich zahllose Sterne in ihm befinden; aber er zeigt, – wie alle Spiralnebel, – die wir kennen lernten, die gleiche Form, und die Sterne in ihm sind von ungeheuer großen Gasmassen umgeben!

Es ist der Nebel im Sternbilde der »Andromeda« am Nordhimmel! –

Nächst dem großen »Orionnebel« ist er einer der schönsten, den wir kennen. Im Fernrohre erscheint er als eine milchige und verschwommene Masse. Es sieht aus, als ob man die Flamme einer Kerze durch ein Hornblättchen betrachte. Das Spektroskop sagt uns, daß dort am Himmel fertige Sonnen und Gasmassen eng miteinander verbunden sind. Die photographische Platte aber verrät uns, daß der »Andromedanebel« eine große Spirale ist.

Die Astronomen zählen ihn zu den Sternhaufen, die wir später in diesem Buche noch eingehender behandeln werden! –

Die Himmelsphotographie hat uns noch etwas anderes enthüllt! Eines Tages nämlich photographierte Professor Max Wolf, – der Direktor der Sternwarte auf dem Königsstuhl bei Heidelberg, – eine Stelle im Sternbilde des »Schwans« am nördlichen Himmel.

Als er dann die belichtete Platte entwickelte, fand er zu seiner Überraschung auf ihr ein großes, wolkiges Gebilde, das aussah, wie das Festland von Nordamerika auf unseren Landkarten. Es war ein großer Nebelflecken, den der Gelehrte im Sternbilde des »Schwans« mit der Camera entdeckt hatte. Professor Max Wolf hat ihn »Nordamerikanebel« genannt. Dieses ganz merkwürdig geformte Gasgebilde aus Urstoff wäre uns niemals im Teleskope (Fernrohre) zu Gesicht gekommen, weil es Licht aussendet, das unsere Augen nicht mehr zu erkennen vermögen.

Der Astronom sagt, der »Nordamerikanebel« strahlt in ultraviolettem Lichte, und dieses liegt jenseits des violetten Teiles im Farbenbande des Regenbogens. Die photographischen Platten aber, die viel empfindlicher sind, als das menschliche Auge, vermögen dieses ultraviolette Licht, das der große »Nordamerikanebel« besitzt, im Bilde festzuhalten. Die lichtempfindliche Platte der photographischen Camera hat uns dann noch gezeigt, daß es viele solcher Gasmassen am Himmel gibt, die ultraviolettes Licht ausschicken! –

Tafel 3.

Der prachtvolle Spiralnebel M. 101 im Sternbilde des »großen Bären« an unserem nördlichen Himmel.
(Originalaufnahme. Photographiert von Prof. Max Wolf in Heidelberg.)

Die Zahl der Nebelflecken am Firmamente ist ungeheuer groß! – Einige Sternwarten, – es sind das Gebäude, in denen die Astronomen mit dem Fernrohre, mit dem Spektroskop und mit der photographischen Platte die Gestirne beobachten und untersuchen, – beschäftigen sich damit, den ganzen Himmel nach solchen Gasgebilden zu durchforschen. Zu ihnen gehört auch die bereits genannte Heidelberger Sternwarte. Wenn diese Nebelfleckendurchmusterung beendet ist, dann wird die Zahl der uns bekannten Gasgebilde am Himmel sicherlich auf über 150 000 Stück gestiegen sein.

Einhundertfünfzigtausend Nebelflecken, – also Wolken aus Urstoff, – der noch niemals benützt wurde, sind im All aufgestapelt; aber in Wirklichkeit sind ihrer noch viel mehr. Wir kennen nur die fehlenden, anderen nicht, weil sie unseren Instrumenten noch verborgen bleiben.

Eine jede dieser Gaswolken hat viele tausend Meilen im Durchmesser und aus ihnen werden sich, – es wurde bereits erwähnt, – im Laufe der kommenden Zeiten noch Sonnen, Planeten, Monde und alle jene Weltkörper bilden, die wir schon kennen.

Wenn unsere Sonne mit ihren Planeten, zu denen ja auch unser Erdball gehört, längst nicht mehr ist, dann werden aus diesen Nebelschwaden neue Sonnen am Firmamente hervorgehen und den weiten Raum bevölkern!

»Wie alt mögen diese Nebelschwaden sein?« – höre ich im Geiste meine Leser fragen!

Wir wissen es nicht!

Nur das eine wissen wir, daß Millionen und Abermillionen von Jahren vergangen sind, ehe alle diese Sonnen entstanden.

Millionen von Jahren waren schon vergangen, als unsere Erde das Licht unserer Sonne erblicken durfte. Millionen von Jahren vergingen dann wieder, bis der Mond sich von unserer Erde ablöste und zur großen »Leuchte der Nacht« wurde.

Älter, als Mond und Erde, älter, als unsere Sonne und all' die anderen Sonnen im Raume, sind jene gasigen Massen, die der Astronom die »kosmischen« Nebel nennt!

Jene Wolken aus Urstoff, aus dem sich alle Himmelskörper formten, sind die »Wiegen der Welten«!

Am Ende der Zeiten wird alles Geschaffene wieder in das »Grab des großen Urnebels« zurücksinken.

Wenn der Himmelsforscher zu diesen Gebilden am Firmamente aufsieht und sich mit seinen feinen Instrumenten in ihr Dasein vertieft, dann wirft er stets einen Blick hinein in die große Werkstatt des Schöpfers, in der einst auch unsere Sonne mit den Kindern ihres Hauses wurde!

Zweites Kapitel.
Unsere Sonnenwelt!

»Tiefes Dunkel ist mein Dunkel!
Zur Sonne blicke auf, die strahlend
uns das Leben gibt!«

(Inschrift am Dianatempel in Ephesus.)