A. Unsere Sonne!
Vor einigen Jahren besuchte ich um die Osterzeit herum die »Hohe-Tatra«!
Am letzten Tage meines Aufenthaltes zu Poprad-Felka war ich früh am Morgen ausgestanden, um mit dem Eilzuge nach Budapest zu fahren.
Als ich von meinem Hotel hinaus nach dem Bahnhofe ging, lag alles noch im Morgengrauen. Die Sterne am Himmel hatten soeben, – müde von der langen Nachtwache, – ihre funkelnden Augen geschlossen, und den Regentag, der vorangegangen war, hatte ein klarer Frühmorgen abgelöst.
Tafel 4.
Süden.
Norden.
Unsere Sonne mit Flecken und Kalziumfackeln (Calciumflocculi).
(Originalphotographie von Professor Campbell, Licksternwarte. Aufgenommen mit dem Spektroheliographen im Lichte der Kalziumlinie. 1912.)
Vor mir lag das wuchtige Massiv der »Hohen-Tatra«. Wie ein Riesenbau, den Titanen in Vorweltstagen aufgeführt haben, erhob sich der massige Gebirgsstock aus der Zipser Ebene mit seinen schnee- und gletscherbedeckten Spitzen, Zacken und Graten.
Mit einem Male erglühten die höchsten, mit Firnfeldern bedeckten Kämme in rosigem Schimmer, – ein unvergleichlich schönes und unbeschreibliches Bild! –
Die Sonne wollte kommen, und in diesem Aufglühen der eisumhüllten Tatraspitzen verkündete sie den Bewohnern der Täler ihre Ankunft.
Allmählich verblaßte der Purpurschein auf dem Gebirge und ließ die Gletscher und Kuppen und endlich auch die tiefer gelegenen Wälder im Sonnenlichte erscheinen, bis die ganze Ebene mit den goldenen Strahlen des im Osten aufgehenden Tagesgestirnes erfüllt war.
Ich werde jenen Frühmorgen und jenen Sonnenaufgang in der Hohen-Tatra sobald nicht vergessen; aber nicht bloß ich allein hatte mich auf ihn gefreut, sondern die ganze Natur harrte ihm an jenem Morgen entgegen! –
Wenn nach harter Winternot der Frühling ins Land geht, dann kam er nicht plötzlich, sondern die Sonne hat ihn langsam in die Fluren geleitet. Sie hat die jungen Keime in monatelanger Vorarbeit geweckt, damit sie im Lenzeswalten aus der Erde hervorsprossen, und sie hat die Landschaft wieder in jene Farbenpracht gehüllt, die uns im Blütengewande der Blumen von den Wiesen und Rainen entgegenschaut.
Die Sonne ist es, welche dem Frühlinge alle seine Pracht verleiht. Sie ist es, die den Sommer mit Glut und Glanz übergießt und auch im Herbste jenes wundervolle Gemälde auf die große »Leinwand des Waldes« wirft, vor dem wir dann mit Staunen und Entzücken stehen.
Sie ist es auch, die selbst dem harten und frostigen Winter Schönheit verleiht, wenn wir diese Schönheit auch nicht immer an dieser Jahreszeit erkennen wollen!
Von der Sonne hängt also alles ab, was uns in den Jahreszeiten auf Erden umgibt.
Von unserer Sonne hängen auch wir Menschen, die Tiere, die Pflanzen und das Gestein ab. Die Erde selbst, auf der wir wohnen und leben, steht unter ihrem allgewaltigen Einflusse.
Diese Abhängigkeit des Erdballes und dessen Lebewesen von der Sonne hat man in grauer Vorzeit schon innig empfunden! Deshalb erwies man der Sonne eine göttliche Verehrung! Unsere Vorfahren haben aber nicht erkannt, was die Sonne eigentlich ist, und welche Bedeutung sie im Rahmen des Naturgeschehens hat. Darum machten sie sich von ihr auch eine ganz phantastische Vorstellung! –
In den Schriften der Völker im Altertume lesen wir, daß man glaubte, die Sonne sei ein lichter Gott, der tagtäglich im feurigen Wagen über die blaue Himmelau fahre. Die Glut des Sonnenwagens dringe zur Erde herab und erhelle diese.
Andere indes hielten die Sterne am Himmel für Löcher, die in eine große, kristallene Kugelschale, – das Himmelsgewölbe, – eingelassen waren. Durch sie drang das Licht aus dem Hause der Götter zu uns hernieder, und so hielt man auch die Sonne für eine Leuchte, die sich über den Himmel täglich bewege.
Diese Anschauung unserer Vorfahren haben aber einige scharfsichtige Menschen jener Tage nicht geteilt. Zu ihnen gehört in erster Linie der griechische Philosoph (Weltweise) Anaxagoras, der eines Tages auf dem Marktplatze zu Athen, einer seinen Worten schweigend lauschenden Volksmenge erklärte, für ihn sei die Sonne weder ein Gott, noch eine Leuchte im Hause der Götter, sondern ein glühender Stein, um vieles größer, als die ganze griechische Halbinsel.
Das Volk der Athener war empört ob solcher Rede, und man wollte den weisen Mann wegen Lästerung der Götter öffentlich steinigen. Nur dem Einflusse des Perikles, – jenes berühmten Staatsmannes, – dem Athen und Griechenland viel zu verdanken hatte, gelang es, den Anaxagoras vor dem Schlimmsten zu bewahren!
Der Philosoph hatte mit seiner Rede nicht ganz Recht; aber er ist der Wahrheit doch näher gekommen, als mancher andere. Wenn wir den modernen Himmelsforscher fragen, was die Sonne sei, dann wird er uns antworten: »Eine große Gaskugel!« –
Allerdings vermögen wir uns über diese Gaskugel keine rechte Vorstellung zu machen!
Wir hörten bereits am Eingang dieses Buches, daß unser Tagesgestirn einst mit vielen anderen Sonnen am Firmamente aus dem großen Urnebel hervorgegangen ist.
Der Ball aus Urstoff, der in seinem Erstlingszustande unsere Sonne darstellte, war im Anfange dunkel; aber die einzelnen Teilchen dieses Balles drängten nach dessen Mittelpunkte hin.
Durch dieses Zusammendrängen der Teilchen im Balle wurde ein Leuchten hervorgerufen, das wir Phosphoreszieren genannt haben. Dieses Leuchten wurde immer stärker und stärker, bis der ganze Sonnenball in der Weißglut erstrahlte.
Unsere Sonne war fertig! –
Um die nun kugelförmige und lichte Sonne herum war eine Aureole aus Materie übrig geblieben. Aus ihr haben sich dann in der gleichen Weise, – wie wir es bei der Beschreibung des Urnebels gehört haben, – die Planeten unseres Sonnenreiches und die Monde in ihm, gebildet.
Die Sonnenkugel war in ihrem Anfangszustande um vieles größer, als sie es heute ist. Man nimmt an, daß der Riesengasball unserer Sonne sich einst bis zur Bahn des äußersten, uns bekannten Planeten Neptun erstreckte und sich von dort aus dann langsam bis zu seiner heutigen Größe zusammenzog.
Wie viele Millionen von Jahren mögen dabei vergangen sein? – Im Laufe unvorstellbar langer Zeiten verlor die Sonne dann ihre Weißglut, – wie so manche ihrer Schwestern am Himmel. Sie nahm eine gelbe Farbe an, und in dieser erstrahlt sie auch heute noch. Indes, es wird die Zeit kommen, wo unser Zentralgestirn auch diese Färbung verliert und sie mit der roten vertauschen wird. Hat die Sonne dann das rote Lichtgewand lange genug getragen, dann wird sie auch dies ablegen und ganz dunkel werden. Sie wird ihr Licht verlieren und erkalten, wie es unser Erdball seit langem schon ist.
Auch unsere Erde war einst ein selbstleuchtender Stern, der nacheinander im weißen, im gelben und im roten Lichte prangte, der endlich sein Licht verlor und seinen heutigen Zustand annahm, damit die Pflanzen, die Tiere und der Mensch auf seiner Oberfläche erscheinen konnten. Aus einer kleinen Sonne ist unser Erdball im Laufe langer Zeiten zu einem dunklen Körper, – einem Planeten, – geworden!
Diesen »Werdegang der Sonne«, den wir hier geschildert haben, müssen alle Sonnen am Firmamente durchmachen. Viele haben ihn bereits hinter sich, viele ihn noch vor sich! Die Farbe der Sterne verrät uns, – wir werden davon später noch Näheres hören, – also ihr Alter! – Wenn unsere Sonne im wolkenlosen Blau des Firmamentes dahinschwimmt, und wir sie durch ein dickes, buntes oder stark berußtes Glas (niemals mit dem bloßen Auge) betrachten, dann erscheint sie uns als eine goldgelbe Scheibe, die etwas größer als der Vollmond aussieht.
Nehmen wir aber ein genügend stark vergrößerndes Fernrohr, das mit einem Schutzglase versehen sein muß, zur Hand, und betrachten mit ihm das Tagesgestirn, dann werden wir ein wenig erstaunt über das sein, was wir auf der Sonne sehen!
Die goldgelbe Scheibe der Sonne sieht im Fernrohre aus wie ein wogendes Meer. Sie löst sich auf in zahllose Schäfchenwolken, und diese haben meist eine eiförmige Gestalt.
Sie verändern rasch ihre Größe und ihr Aussehen. Man hat dieses wogende »Meer von Schäfchenwolken«, das die Oberfläche unserer Sonne bildet, mit einer Schicht dachziegelförmig übereinander gelegter Weidenblätter verglichen, oder mit Reiskörnern, die man über einen flachen Teller ausschüttet.
Man spricht deshalb in der modernen Sonnenforschung von der »Weidenblätter- oder Reiskörnerschicht« unserer Sonne.
Der Astronom indes nennt diese Körnung der Sonnenoberfläche die Granulierung. Er weiß, daß ein jedes Korn dieser Granulierung einen Durchmesser von etwa zweihundert Meilen hat, – daß also einzelne dieser Körner zwanzigmal so groß sind, wie das Königreich Bayern.
Der Sonnenforscher weiß ferner, – seine feinen Beobachtungsinstrumente sagen es ihm, – daß die Körner all' das Licht ausstrahlen, welches wir Sonnenlicht nennen. Dieses ist schuld an der großen Hitze der Hundstage, am Wachstum der Pflanzen, am Sturm und Regen auf Erden.
Die einzelnen Lichtkörner sind voneinander durch ein dunkles Geäder, ein Netzwerk, getrennt. Man hat diesem den Namen das »photosphärische Netz«; der gekörnten Sonnenoberfläche aber den Namen »Photosphäre oder Lichthülle« gegeben. Zuweilen kommt es vor, daß mehrere solcher Lichtkörner auf der Oberfläche unseres Tagesgestirnes sich zu einem einzigen, großen Korne vereinigen, – also eine verschwommene Lichtmasse bilden.
Diese sehen wir dann im Fernrohre sich von dem gelben Untergrunde stark weißglänzend abheben.
Man nennt solche Stellen auf der Sonnenoberfläche Fackeln, und wir finden diese, die oft eine ganz seltsame Form annehmen, am häufigsten am Rande des Tagesgestirnes, – niemals aber in dessen Mitte.
Dann wieder zeigt es sich, daß solche Fackeln eine tiefdunkle Stelle auf der lichten Sonnenscheibe umranden.
Wir nennen diese dunklen Gebiete Sonnenflecken!
Daß diese der Oberfläche unseres Tagesgestirnes angehören, unterliegt gar keinem Zweifel, denn sie nehmen an der Drehung des Sonnenballes um seine Achse von Westen nach Osten hin Anteil. 25½ Tage dauert es, bis sich der Riesenball »Sonne« einmal um seine Achse herumgewälzt hat. So lange währt es auch, bis ein Sonnenflecken wieder an dieselbe Stelle zurückkehrt, an der wir ihn zum ersten Male auf der Sonnenscheibe gesehen haben. Jeder Sonnenflecken besteht aus einem dunklen Kerne und einem matteren Halbschatten.
Der dunkle Kern besitzt meist eine rundliche Form. Der Halbschatten ist fadenartig durchzogen und umrandet den Kern, wie die Regenbogenhaut die Pupille unseres Auges. Das fadenartige Aussehen des Halbschattens rührt davon her, daß Lichtkörner und dazwischen liegendes, dunkles Geäder mit in den Sonnenflecken hineingesogen werden.
Nicht immer ist es nötig, daß ein Flecken aus einem Kerne und einem Halbschatten besteht. Es kommt vielmehr oft vor, daß Kerne ohne Halbschatten auftreten.
An den Polen und am Äquator der Sonne treffen wir keine Flecken, sondern sie halten sich nur in einer bestimmten Zone zu beiden Seiten des Sonnenäquators auf. Sie ähneln darin unseren Zyklonen (heftigsten Wirbelstürmen).
Vielleicht haben wir in den Sonnenflecken auch Stürme von ungeheuerer Kraft vor uns!
Die Flecken auf der Oberfläche des Tagesgestirnes treten nicht immer einzeln, sondern weit mehr in Gruppen auf. Solche Gruppen haben oft eine gewaltige Ausdehnung, von 150 000 und mehr Kilometern. In den Jahren 1905 bis 1913 konnte der Verfasser dieses Buches wiederholt einzelne Flecken und Fleckengruppen beobachten und vermessen, die so groß waren, daß man 8 bis 15 Erdkugeln, – nebeneinander gereiht, wie Perlen an einer Schnur, – in einer solchen Gruppe bequem hätte versenken können.
Da die Sonnenflecken sich rasch verändern, so halten sie auch nicht allzulange Stand auf der Oberfläche des Tagesgestirns. Flecken, die mehrere Tage oder gar Wochen andauern, sind eine große Seltenheit. Auch die Gruppen halten nicht allzulange an. Wenn eine solche im Begriffe ist, zu verschwinden, dann fließen die einzelnen Flecken, die diese Gruppe bilden, zusammen, verblassen allmählich und lassen an der Stelle ein weißglänzendes Geäder zurück. Wir haben dies »Fackel« genannt.
Die dunklen Kerne der einzelnen Flecken und der Fleckengruppen sind keineswegs dunkel, wie man meinen könnte; sondern sie strahlen immer noch 500mal mehr Licht aus, als unser Vollmond. Es ist ganz natürlich, daß diese seltsamen Gebilde, die auf eine überaus stürmische Tätigkeit im Innern unseres Zentralgestirnes (deshalb so genannt, weil es das Zentrum unseres Weltsystems ist), hindeuten, auch einen großen Einfluß auf die Körper ausüben, die zum Reiche unserer Sonne gehören.
Daß dies der Fall ist, können wir aus verschiedenen Erscheinungen auf unserer Erde folgern. Diese machen sich dann bemerkbar, wenn die Sonne reichlich mit Flecken bestanden ist.
So haben wir in dieser Zeit meist heftige Gewitter, trockene Sommer und grell leuchtende Polarlichter. Ferner werden dadurch auch die überseeischen Kabelleitungen, unsere elektrischen Anlagen beeinflußt, und die Polarlichter erscheinen in größerer Häufigkeit! –
Die Flecken auf der Oberfläche des Tagesgestirnes gehören zweifellos zu den interessantesten Gebilden, die wir auf ihm kennen! Was sind diese Flecken?
Die Astronomen vergangener Jahrhunderte haben sie für Löcher in der Atmosphäre unserer Sonne gehalten, durch die wir auf ihre dunkle Oberfläche herabsehen könnten. In moderner Zeit aber glaubt man, daß sie Täuschungen seien, die sich leicht unserem Auge aus solcher Entfernung vorspiegeln. Andere Astronomen halten sie für starke, elektromagnetische Erscheinungen, denn in und auf der Sonne spielen heftige elektrische Prozesse eine große Rolle.
Wieder andere, – und das dürfte wohl die richtige Ansicht sein, – nehmen an, daß, infolge heftiger Gasströmungen vom Innern des Sonnenkörpers her, die Lichthülle, – die Photosphäre, – durchbrochen wird, daß also die ausströmenden Massen aus dieser Öffnung hoch über das Tagesgestirn emporsteigen. Die Öffnung schließt sich entweder inzwischen von selbst, oder die herabstürzenden, abgekühlten Massen fallen wieder in sie hinein, oder sie schaffen eine neue Öffnung in der Sonnendecke. Die goldgelbe Schicht, die wir auch »Photosphäre« nennen, ist keineswegs die äußerste Umrandung des Sonnenballes!
Über ihr lagern vielmehr noch eine Reihe von anderen Schichten, – so zunächst die sogenannte »umkehrende Schicht«. Auf sie folgt dann die Farbenschicht oder die Chromosphäre. Diese wird deshalb so genannt, weil sie zum großen Teile aus glühendem Wasserstoff besteht, der diese gasige Schicht rot färbt.
Auf die Chromosphäre folgt die Korona.
Diese erst ist die äußerste Umrandung des Sonnenkörpers. Sie sieht ganz unregelmäßig geformt aus, und ihre äußersten Grenzen lassen sich nicht bestimmen, weil die Strahlenspitzen der Korona unmerklich in den Weltenraum übergehen.
Das Spektroskop, das in diesem Buche schon mehrfach erwähnt wurde, sagt uns, daß die Korona ein uns noch unbekanntes Gas enthält. Wir nennen dieses das Koronium!
Tafel 5.
Süden.
Norden.
Das Bild der vom Neumonde teilweise verfinsterten Sonne.
(Originalaufnahme. Photographiert in der Ebro-Sonnenwarte der Jesuiten bei Tortosa in Spanien am 17. April 1912. Dem Verfasser des Buches zugeeignete Photographie.)
Für gewöhnlich ist die Korona für das bloße Auge nicht sichtbar! Wir sehen sie mit dem bloßen Auge nur, wenn der Neumond bei einer totalen Sonnenfinsternis das Licht des Zentralgestirnes völlig abblendet.
Sie umgibt dann die völlig verdunkelte Sonne wie ein silberner Glorienschein. Auch die Farbenschicht können wir für gewöhnlich mit bloßem Auge nicht sehen.
Bei einer totalen Sonnenfinsternis umrandet auch sie als ein farbiger Lichtring das völlig verdunkelte Tagesgestirn. Mit Hilfe eines verfeinerten Spektroskopes (Spektralapparates), an das man die photographische Platte anschraubt, kann man täglich, – wenn die Sonne sichtbar ist, – die Farbenschicht und auch die aus ihr emporsteigenden Flammenzungen erkennen und im Bilde festhalten.
Die rosafarbenen Flammenzungen nennen wir »Sonnenflammen oder Protuberanzen«. Sie steigen oft bis zu einer Höhe von 500 000 km über den Sonnenrand empor. Bald sehen sie aus wie Wolken, bald wie der Rauchschwanz aus dem Schornstein einer dahinfahrenden Lokomotive, bald wie Getreidegarben und bald wieder wie lange schmale Schilfblätter. Sie bestehen entweder aus glühendem Wasserstoff oder aus glühenden, metallischen Dämpfen. Alle Metalle, die wir auf Erden in fester Form kennen, befinden sich auf der Sonne in glühendem oder gasigem Zustande.
Auch die Sonnenflammen oder Protuberanzen deuten auf heftige, stürmische Vorgänge hin; die wir auf der Sonne und in ihrem Innern schon kennen lernten! –
Wenn der Neumond sich einmal so zwischen Erde und Sonne stellt, daß er das Licht der letzteren für uns vollständig abblendet, dann haben bestimmte Orte auf der Erde das großartige Schauspiel einer totalen Sonnenfinsternis! Diese gehört zu den schönsten Erscheinungen, die uns die Natur am Firmamente zu bieten vermag!
Ist am klaren Tage der Augenblick der Verfinsterung gekommen, dann sehen wir, wie der Neumond sich unmerklich von Westen her gegen die Sonnenscheibe schiebt. Er macht in den Rand derselben zunächst eine kleine Einkerbung. Diese wird immer größer, und das Tagesgestirn nimmt infolgedessen eine Sichelform an. Letztere wird immer schmaler, je weiter die Verfinsterung fortschreitet. Infolgedessen machen sich auch gewisse Erscheinungen in der Luft und auf Erden bemerkbar. Das Firmament nimmt eine grünliche Färbung an. Ein kühler Wind erhebt sich. Dieser wird immer stärker. Die Temperatur sinkt um mehrere Grade. Die Blumen neigen ihre Köpfchen und fangen an zu schlafen. Die Tiere des Waldes und Feldes suchen kreischend ihre Schlupfwinkel auf. Die Vögel flattern ängstlich umher und in ihre Nester. Auch des Menschen Herz umfängt ein leichter Schauer! Aus der Höhe stürzen sich die sogenannten »fliegenden Schatten« auf den Erdboden herab. Sie huschen auf ihm hin und an Häusern und Mauern entlang!
Plötzlich ist der letzte Sonnenstrahl erloschen! Der Neumond bedeckt völlig die Scheibe der Sonne! In diesem Augenblicke flammt jener silberne Glorienschein, den wir Korona nannten, um die abgeblendete Sonne herum auf. In ihm steigen die rosafarbenen Flammenzungen empor, die wir als »Protuberanzen« kennen lernten.
Nur wenige Sekunden dauert dieses wundervolle Schauspiel, dann kommt am westlichen Rande der erste Sonnenstrahl wieder zum Vorschein. Die Sonne nimmt wieder eine Sichelgestalt an. Diese wird immer größer, bis die volle Scheibe des Tagesgestirnes endlich am klaren Firmamente hängt.
Der Neumond hat die Sonne unmerklich verlassen!
Außer den totalen (völligen) Verfinsterungen unseres Zentralgestirnes kennen wir noch partielle (teilweise) und ringförmige. Die teilweisen entstehen dann, wenn der Neumond nur einen Teil der Sonnenscheibe bedeckt, und die ringförmigen, wenn der Begleiter der Erde sich vor unser Tagesgestirn so stellt, daß um ihn herum von der Sonne noch ein feiner Lichtring übrig bleibt.
Teilweise Verfinsterungen des Sonnenballes treten öfters ein, und zwar für einen großen Teil der Erdbewohner. Totale und ringförmige Finsternisse hingegen sind schon seltener!
Eigentlich müßten wir bei jedem Neumonde eine totale Sonnenfinsternis haben. Das dies aber nicht geschieht, liegt daran, weil der Mond nicht immer genau auf der gedachten Linie steht, die Sonnen- und Erdmittelpunkt miteinander verbindet. Er geht nämlich einmal ein Stückchen oberhalb und einmal ein Stückchen unterhalb dieser gedachten Linie an unserem Tagesgestirne vorbei.
Teilweise Verfinsterungen der Sonne dauern für bestimmte Erdorte mehrere Stunden. Eine ringförmige und totale Verfinsterung des Zentralgestirnes aber dauert für einen bestimmten Ort auf der Erde nur kurze Zeit, allerhöchstens acht Minuten!
Unsere Sonne ist von der Erde zwanzig Millionen Meilen entfernt. Von der Länge dieses Weges vermögen wir uns keinen rechten Begriff zu machen. Wir wählen deshalb einige Beispiele! Ein Fußgänger, der täglich zehn Meilen Weges zurücklegte, würde 6000 Jahre brauchen, ehe er auf unserer Sonne ankäme. Ein Eilzug, der in der Stunde 90 km fährt, müßte in unaufhörlicher Fahrt zweihundert Jahre auf eiserner Bahn dahineilen, wollte er den Bahnhof »Sonne« erreichen.
Ungeheuer groß ist auch die Leuchtkraft (die Hitze), welche die Sonne in ihrer Strahlung Tag für Tag in den Raum aussendet. Wir haben diese Licht- und Wärmemenge, welche die Sonne täglich auch an unsere Erde abgibt, gemessen und gefunden, daß sie 1600 Trillionen Pferdekräfte beträgt. Wenn wir die Licht- und Wärmemenge unseres Tagesgestirnes in Arbeitsleistung umwandeln, dann ergibt sich, daß jeder Quadratmeter Sonnenoberfläche in einer Sekunde eine Wärme ausstrahlt, die in Arbeitsleistung übertragen, der von 75 000 Pferden in der gleichen Zeit entspricht.
Die Lichtmenge eines Quadratmeters Sonnenoberfläche leistet also in einer Sekunde ebensoviel Arbeit, wie 75 000 Pferde in einer Sekunde! Man fängt zur Zeit an, diese enorme Kraft der Sonne technisch auszunützen, indem man gewaltige Sonnenmotore konstruiert und ihr so die Kraft entlehnt.
Von der Größe unseres Tagesgestirnes können wir uns gleichfalls keinen richtigen Begriff machen!
Wenn wir hören, daß man aus dem Sonnenkörper über eine Million Erdbälle formen könnte, dann schütteln wir wohl erstaunt den Kopf; aber es ist so! Wir wählen deshalb auch in diesem Falle ein Beispiel!
Wir denken uns die Sonne als eine Hohlkugel. In die Mitte dieser stellen wir die Erde. Wir werden später hören, daß der Mond 50 000 Meilen von unserer Erde entfernt ist. Im Innern der Sonnenhohlkugel aber könnte er bequem um unsere Erde kreisen, ja es könnte sogar noch ein zweiter Mond die Erde umwandern. Er müßte von unserem Monde weitere 45 000 Meilen entfernt sein. –
Unsere Vorfahren im Altertume glaubten, daß die Erde fest im Weltenraume stünde, und die Sonne sich um dieselbe herumdrehe. Der Frauenburger Domherr, Nikolaus Kopernikus, hat diese irrige Ansicht richtig gestellt. Er wies nämlich auf Grund seiner Beobachtungen nach, daß die Sonne still stehe, und daß die Erde und alle übrigen Planeten unseres Sonnensystems um sie kreisen. In moderner Zeit hat man dann noch gefunden, daß die Sonne überhaupt nicht still stehe, sondern sich mit einer Schnelligkeit von neunzehn Kilometern in der Sekunde durch den Weltenraum bewege. Sie eilt mit ihren Planeten nach dem Sternbilde des »Herkules« hin.
Auf dem Wege dahin oder in diesem Sternbilde wird unser Tagesgestirn einmal auch sein Ende finden!
Unter ihren Schwestern, – den anderen Sonnen am Firmamente, – nimmt die unsrige eine Ausnahmestellung ein. Man hat gefunden, daß die meisten Sonnen Doppelsterne sind, d. h., daß immer zwei Sonnen umeinander kreisen, daß also, wenn sich um diese zwei Sonnen noch Planeten drehen, letztere ihr Licht von zwei Sonnen empfangen. –
In unserer engeren Weltheimat aber herrscht nur eine Sonne, – die unsrige. Unser Sonnenreich wird also, irdisch gesprochen, monarchisch verwaltet!
Die moderne Sonnenforschung nimmt an, daß das Tagesgestirn einen festen Kern besitze, um den sich feurigflüssige und gasige Hüllen legen. Wir können deren äußerste Teile sehen.
Dieser Sonnenkern wird allerdings nicht aus festen Gesteins- und metallischen Massen gebildet, sondern aus Gasmassen. Diese nehmen unter dem ungeheueren Drucke, der auf ihnen ruht, die Starre des Glaserkittes an.
Die moderne Astrophysik (das ist der Zweig der Astronomie, der sich mit der Physik der Gestirne beschäftigt) weiß aus dem Leben unserer Sonne sehr viel; aber noch mehr ist unserer Erkenntnis verborgen und einer späteren Zeit vorbehalten.
In der Gegenwart spielt auf dem Gebiete der Sonnenforschung die Photographie eine große Rolle.
Der lichtempfindlichen Platte verdanken wir ungeheuer viel, wie auf allen übrigen Gebieten der Himmelsforschung. Sie sieht mehr als unser Auge und ermüdet nicht so leicht, als dieses, – im Gegenteil, je länger wir die Kamera auf einen Gegenstand am Himmel richten, umso mehr Einzelheiten verrät sie uns.
Der Astronom photographiert Gestirne in der Weise, daß er an sein Fernrohr, und zwar an die Stelle, an die er sonst sein Auge hält, – man nennt dieses Fernrohrende das Okular, – die Kasette mit der lichtempfindlichen Platte bringt. Diese wird an das Okularende angeschraubt. Der Astronom richtet nun das so ausgerüstete Fernrohr auf die Sonne. Weil diese aber ungeheuer viel Licht aussendet, viel mehr als zu einem guten Bilde von ihr nötig ist, so muß man noch eine Vorrichtung am Teleskope anbringen, damit die Platte nicht verdorben wird.
Der Astronom setzt deshalb vor die lichtempfindliche Platte eine zweite, die dunkel ist und feine geradlinige Einschnitte enthält. Man nennt diese Platte einen Schlitzverschluß! Während der photographierende Astronom die Kasette mit der photographischen Platte öffnet, bringt er den Schlitzverschluß in eine sehr rasche Drehung. Dadurch wird es ermöglicht, daß nur so viel Sonnenlicht auf die lichtempfindliche Platte durch die Einschnitte im »Schlitzverschlusse« gelangt, als zur Erzeugung eines guten Sonnenbildes erforderlich ist.
Um die Sonne herum liegt auch noch ein Ring von feinen Stäubchen, aus Weltenstoff. Das vom Tagesgestirne ausgehende Licht bestrahlt diesen Staubring. Er erscheint uns deshalb am Firmamente, und zwar als ein pyramidenförmiger Lichtkegel. Wir nennen diesen Schein Tierkreis- oder Zodiakallicht, weil er sich durch die Sternbilder des Tierkreises oder des Zodiakus erstreckt. –
In den ersten beiden Monaten des Jahres sehen wir diesen Lichtkegel bald nach Sonnenuntergang im Westen, im Spätherbste aber vor Sonnenaufgang im Osten. Von dem Lichtkegel (dem Hauptscheine) geht dann noch in der entgegengesetzten Richtung ein Gegenschein aus, so daß Tierkreislicht (Hauptschein) und Gegenschein den östlichen und westlichen Horizont miteinander verbinden.
Tafel 6.
Die Sonnenwarte auf dem Mount-Wilson bei Pasadena (U. S. A.).
(Eine Stiftung Andrew Carnegies, des bekannten Menschenfreundes und Multimillionärs. – In dem eigenartigen Gebäude ist das große Snow-Teleskop untergebracht.)
Auf hohen Bergen und in den Tropen sieht man den zarten Lichtkegel in jeder Nacht. Er leuchtet dann oft so stark wie die Milchstraße. Das Tierkreislicht stellt, – nach allem, was wir bis zur Stunde von ihm wissen, – den Überrest des Urnebels dar, aus dem Sonne, Planeten und Monde einst wurden. Es reicht mit seinen äußersten Ausläufern weit über die Bahn des Planeten Mars hinaus, so daß Merkur, Venus, Erde und auch Mars, die der Sonne am nächsten stehenden Planeten, – in diese Staubwolke noch eingehüllt sind. Man nimmt an, daß größere Teilchen des Zodiakallichtes einst auf den Mond niederschlugen, und zwar zu einer Zeit, als er noch zähflüssig war. Sie schufen so einen Teil jener Pockennarben, die wir im Fernrohre heute überall auf seiner Oberfläche erkennen können. Ferner nimmt man noch an, daß die Materie des Zodiakallichtes einst auch Anteil genommen hat an der Bildung der kleinen Planeten, die in der großen Lücke zwischen dem Mars und dem Jupiter um die Sonne kreisen.
Um die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts glaubte man, daß zwischen der Sonne und dem sonnennahesten Planeten Merkur noch ein Planet um jene wandere, – ein sogenannter intramerkurieller. Man hat diesem, bisher noch nicht entdeckten Planeten schon den Namen Vulkan gegeben. –
Alle Versuche, ihn mit dem Fernrohre und mit der photographischen Platte aufzufinden, sind bisher mißlungen. Man neigt deshalb der Ansicht zu, daß dieser Planet überhaupt nicht existiert. Sein Dasein hat man daraus folgern wollen, daß Merkur in seiner Wanderung um die Sonne gewisse Verzögerungen, die man Störungen nennt, erleidet. Heute glaubt man in astronomischen Fachkreisen aber fast allgemein, daß an diesen Störungen nicht ein Planet zwischen Merkur und Sonne schuld ist, sondern der Staubring des Tierkreislichtes. Merkur muß auf seiner Bahn um die Sonne herum durch diesen Staubring hindurch und ihm wird dadurch ein, wenn auch ganz unmerklicher, aber doch bedeutsamer Widerstand entgegengesetzt. Vielleicht bildet sich in der Folgezeit aus der Staubwolke des Tierkreislichtes einmal ein intramerkurieller Planet! –