FRÜHJAHRSPARADE

Ganz früh am Morgen. Die Sonne funkelt freilich schon auf den Dächern, aber noch ist dieser junge Tag durchweht vom kühlen Atem der ersten Juninacht, und die Schatten längs der Häuser sind noch ohne das tiefe Schwarz, sind noch blaß und zart wie Schleier. Die Straßen riechen in der beginnenden Wärme nach trockenem Staub, aber sie sind noch frei von dem erstickenden Dunst des Menschengewühls. Und manchmal merkt man noch den Duft der nahen Berge, der Wälder, den Grasduft der Wiesen, die vor wenig Stunden über die schlafende Stadt hingehaucht haben.

Musik und Schritt der Regimenter. Bum, bum … in der Ferne hört man das Schlagen der Trommeln. Dann muß an einer Kreuzung der Wagen halten, und wieder halten. Militär rückt in den Morgen hinaus. Die Trompeten und Hörner schmettern einen Marsch, und ihr helles Goldblechklingen hat jetzt irgendeine fühlbare Verwandtschaft mit dem Sonnenlicht, das nun goldener und heller aufs Pflaster zu schmettern anfängt. Die Straßenzeile hinauf rollt das dunkelblaue Band solch eines Regiments. Der Schritt der Soldaten bewegt dieses dunkelblaue Band in kleinen regelmäßigen Wellen. Und über diese Wellenlinie hin schwebt ein süßer, feiner Farbenton von hellem Grün. Der Eichenbruch, den die Leute auf ihren Tschakos tragen. Wie viel pochendes Leben, wie viel Kraft und Jugend und wie viel Frühling liegt in diesen regelmäßigen, dunkelblauen Wellen.

Jetzt sind wir die Rudolfshöhe hinauf, und das weite Feld dehnt sich festlich vor unserem Blick. Ganz sanft niedergleitend gegen den Horizont, ein grünes Brett, um mit menschlichen Figuren ein fürstliches Schachspiel darauf zu pflegen. Dort drüben hält der Wienerwald seinen breiten Rücken her, trägt die vielen weißen Häuser, die Kirche mit der goldenen Kuppel des Steinhof, trägt das breite Erzherzogschloß, und dort sind die Abhänge, die rauschenden Wälder des Galitzynberges, den die Wiener einfach und vertraut den »Galihziberg« nennen.

Das funkelt nun alles in der Morgensonne. Das grüne Feld, die Kuppen der Berge, die Fronten der weißen Vorstadthäuser in der Ferne, und langsam beginnt der Tag sich zu erhitzen, beginnt zu flammen und zu glühen in einer wundervollen, himmelblau und goldenen Sommerpracht. In vierfachen Reihen stehen an tausend Wagen hier oben auf der Rudolfshöhe, am Saum der Schmelz. Wenn man dies fröhliche Bild betrachtet, erinnert man sich der farbigen englischen Stiche, auf denen mit ihrem mondainen Getümmel die Wagenburgen dargestellt sind, etwa beim Wettrennen zu Newmarket oder Devonshire. Nur daß diese Wirklichkeit noch bunter und zwingender ist als alle englischen Stiche zusammen. Die Damen in ihren hellen Sommerkleidern sind auf die Wagensitze gestiegen, ihre weißen, blauen, grünen und roten Schleier flattern, ihre Hutfedern wehen, ihr Lachen und ihr Plaudern fegt wie ein leises Rauschen über den Platz. Und die Luft ist jetzt erfüllt vom Geruch hundertfacher Parfüms, vom Duft der Seidenkleider, vom Geruch der Zigaretten, die die Herren rauchen, und vom Geruch der vielen dampfenden Wagenpferde.

Über das weite Feld hin ziehen die Truppen, rücken jetzt in langen Linien auf, mit wehenden Fahnen, die sich von fern nur wie das Tanzen kleiner Wimpel ausnehmen, und mit klingendem Spiel. Aber man hört nichts von der Musik. Der Wind hebt das Schmettern von neun Regimentskapellen auf und zerstreut diesen riesigen Schall wie das Singen eines Kindes; er nimmt diese Klänge, löst sie auf und trägt sie zu den Wäldern hinüber, die das laute Tönen einschlürfen. Nur das Schlagen der großen Trommeln hört man, und es klingt wie ein feierlich taktmäßiges Teppichklopfen im Freien.

Ebenso trinkt dieses Feld die Massen. Dort drüben marschiert eine Armee daher, dort stampfen abertausend Männertritte, abertausend Rosse mit ihren Hufen, man hört es nicht. Man sieht nur kleine, blaue Schwärme und Linien dahinkriechen. Man sieht ein wenig Gold schimmern, man sieht manchmal einen Blitzstrahl aufleuchten, das Sonnenlicht, das in irgendeinem Säbel zuckt.

Quer über das Feld sprengt ein junger Offizier heran; ein Adjutant. Wie er näher kommt, wie er an uns vorüberstiebt, erkennt man, daß er die elegante Ulanenuniform trägt, daß er ein bildhübscher, schlanker junger Mensch ist, mit einem gesunden tiefbraunen Antlitz. Und es ist in allen seinen Gebärden, wie er die Zügel hält, wie er im Sattel sitzt, wie er den feinen Oberkörper leicht vorneigt, ein bezwingender Ausdruck von Lust, von Kraft und Jugend, und zugleich das Bewußtsein, daß er jetzt so vielen Menschen zum Schauspiel dient. Mir fällt irgendein Romankapitel ein, aus irgendeinem Wiener Roman. Und dieses Kapitel spielt auf der Schmelz, während der Frühjahrsparade, und der junge Offizier sprengt genau so über das Feld, trägt genau so die Ulanenuniform und ist genau so stolz und befangen zugleich bei diesem Ritt. Er stellt eine ziemlich wichtige Figur in diesem Roman vor, ist ein nachdenklicher Mensch, der den Boden prüft, auf dem er geboren wurde, der zu Hause und auf großen Reisen zu erkennen gesucht hat, worin die Eigenart Österreichs liegt, worin die besondere Art des Dienens und Herrschens liegt, und wodurch sich das Dienen und das Herrschen in Österreich etwa von der gleichen Übung in anderen Ländern unterscheidet. Jetzt sprengt er quer über das Feld auf seinen Posten und sieht die kaiserliche Suite beim eisernen Obelisken stehen, bemerkt die weißen Federbüsche, die roten Reiher, die blinkenden Pickelhauben und die Astrachanmützen der fremden Militärattachés, bemerkt die Feierlichkeit der kaiserlichen Garde, die dort wartet, um den Monarchen zu umgeben. Und jetzt kommt der Kaiser. Grüßend reitet er durch das Spalier der Suite, die sich dann hinter ihm zu einem goldenen, schimmernden Wall zusammenschließt. Der Kaiser reitet einen herrlichen Goldfuchsen, der im Tänzerschritt geht und beim kurzen Galopp die Grazie einer Ballerine hat. Der junge Offizier bemerkt, wie der Kaiser mit einer unwillkürlichen Reiteranmut im Sattel sitzt, wie er den feinen, schlanken Oberleib leicht vorgeneigt hält, wie seine Schultern fallen, und der junge Offizier weiß in diesem Moment, daß er selbst beständig, ganz unbewußt, diese Haltung nachzuahmen bestrebt war, dieses leichte Vorneigen, diese abfallenden Schultern, diese österreichische Eleganz der Mühelosigkeit, der kaum von weitem angedeuteten, diskret gehaltenen Strammheit, und der lächelnden Würde.

Da galoppiert schon der Kaiser den aufgestellten Truppen entgegen. Weit voran, in der dunklen Uniform mit der goldenen Schärpe querüber, sprengt sein Flügeladjutant. Dann reitet der Kaiser, ganz allein, und es ist, als ob sein schönes Pferd nur auf dem vordersten Hufrand, wie auf den Zehenspitzen mit dem Boden tändeln würde, so federnd trägt es ihn dahin. Man sieht sein Gesicht von weitem, man glaubt es zu sehen, denn der weiße Bart schimmert unter dem grün wehenden Generalshut, und nur diesen Schimmer braucht es, um das wohlbekannte, in jedes Bewußtsein wie auf alle Münzen eingeprägte Antlitz vor sich zu sehen. Hinter dem Kaiser her der prächtige Sturz des Gefolges, diese herrliche Wolke, aus der das Braun und Weiß und Schwarz der galoppierenden Pferde, das Blinken der Helme, das Wehen der Federbüsche, das Gleißen der Tressen und Waffen und Schärpen als eine wundervolle Einheit von Prunk hervorbricht. Aber dem Kaiser entgegen braust und schmettert die Volkshymne. Die Fronten der Regimenter stehen regungslos, stehen da wie bunte Mauern, unbeweglich und starr, aber ihr klingender Gruß fegt dem heranreitenden Kaiser entgegen, mit Trommelwirbel und metallischem Trompetenklingen und donnerndem Paukenschlagen. Dieser Gruß fegt ihm entgegen wie ein tönender Atem, der seit hundert Jahren stets in den gleichen Zügen den Kaisern von Österreich aus der stummen, lebendigen Mauer ihrer Truppen entgegenschwoll.

Jetzt reitet der Kaiser langsam die Fronten ab. In vierfachen Reihen stehen diese Menschenmauern, in vierfacher Wendung reitet ihnen, hinauf und hinab, der Kaiser vorbei und zieht die goldene Schleppe seines Gefolges hinter sich her. Wo er sich einem Regiment nähert, rauscht die Volkshymne auf. Und der junge Offizier blickt auf dieses Beisammensein des Kaisers mit den Soldaten. Er sieht, wie die kaiserliche Gegenwart alle diese Menschen bannt, wie über ihnen nur das eine ist: der Befehl, und in ihrer Haltung nur das eine: der Gehorsam. Er blickt hinüber und vermag fast jeden einzelnen Mann zu unterscheiden, und vermag auf dem Boden die gleichen Zwischenräume zwischen all diesen Fußspitzen zu sehen, als hätte man in sorgsamer Symmetrie zwanzigtausend Bleisoldaten auf ein großes Brett gestellt. Er betrachtet diesen Vorbeiritt, der sich ausnimmt, als ob weiter nichts geschehen würde, und er weiß aber, daß dort dennoch etwas geschieht, etwas, das zwischen der Person des Kaisers und diesen Soldaten hin und wieder geht, eine Hingabe, die in ihrem letzten Grund rätselhaft ist, auf der jedoch die ganze Macht eines Regierenden sich aufbaut.

Umstoben von dem blitzenden Schwarm seines Gefolges, sprengt der Kaiser wieder zum Obelisken heran. Wie er so dahergaloppiert und hinter ihm drein noch der Salut der Truppen rauscht, ist es ein Augenblick von einer Feierlichkeit, wie nach einem Sieg. Und der junge Offizier, der seine Ergriffenheit meistern will, überlegt, daß in diesem Augenblick ein uraltes Prinzip aufs neue besiegelt und bekräftigt wurde – hier am Rande der enormen, von allen neuen Gedanken und Problemen durcharbeiteten Großstadt – und daß von dieser Besieglung das feierliche Empfinden herrührt.

Dann marschieren die Regimenter an dem Kaiser vorbei. In breiten Reihen kommen sie heran, junge Menschen, viele Tausende von jungen, blühenden Menschen, Söhne, Söhne, Söhne. Der Defiliermarsch zwingt ihnen wie mit energischen Griffen seinen Rhythmus auf, die Fahnen flattern hoch gehoben, und alle diese jungen, lächelnden, frischen Gesichter dem einen, weißbärtigen Greisenantlitz zugewendet, marschieren sie vorüber.

Der junge Offizier denkt bei sich, wie einfach, wie untheatralisch diese Art der Parade und des Vorbeimarsches ist, wie diese Truppe den kriegerischen Geist nur andeutet, als fürchte sie das Lächerliche und Prahlerische einer Übertreibung; wie sie die Strammheit mühelos und diskret nur andeutet, wie sie in ihrer Masse und in ihrem Schritt, in ihrer Zusammengeschlossenheit doch menschlich und persönlich bleibt, wie sie nicht einen Augenblick als eine Schar von Gliederpuppen erscheint, wie selbst ihr Gruß noch etwas Gemütvolles und Weiches hat – und er überlegt, daß die Anmut dieses Landes, daß seine tiefwurzelnde Kultur, seine Willigkeit und sein Taktgefühl so vieles leicht und anmutig macht, was anderswo …

Wo ich dieses Romankapitel gelesen habe, weiß ich jetzt nicht mehr. Ich glaube sogar, ich habe es überhaupt noch nirgends gelesen, und mich nur in die Möglichkeit eines solchen Kapitels verirrt. Es wäre aber vielleicht ganz gut, wenn es einmal geschrieben würde.