KAISERMANÖVER
Man sollte sich's einbilden können, daß es ein wirklicher Krieg ist.
Hinaus, die morgenstille Dorfstraße entlang, die vom ländlichen Geruch brennenden Reisigs durchflogen wird. Der Tag ist an der Sonne noch nicht warm geworden, und sein junges Atmen weht kühl über das erwachende Gelände. Auf dem dunklen Grün der Hochlandwiesen schreitet man über Moorgrund, wo das perlenbesäte Gras unter den Füßen glitzert, schreitet über die hellfarbigen Teppiche blühender Buchweizenfelder den Hügel hinan, wo junge Lärchen wie auf Vorposten stehen. Weithin überschaut man hier das Tal: in der Tiefe überall weißblinkende Ortschaften, winzige Häuser, gleich umhergestreuten Steinen auf einer riesenhaften Matte. In schwarzblauen Schatten steigen die Bergwälder von den Felsen nieder. Aber hinter grauen Wolken birgt sich die Brentagruppe noch mit ihren Gletschern, des Adamello und des Ortlers aufragende Schneegipfel, als habe die Natur zum Sommerfest dieses Tages noch nicht aufgeräumt und halte die Prunkstücke dieser Landschaft einstweilen unter Schutzdecken.
Irgend ein dumpfer Ton schlägt an, als ob in der Ferne ein Böttcherhammer niederfiele. Noch einmal, dann wieder. Mit dem Feldstecher suchen die Augen alle Höhen und Tiefen ab. Ganz weit, weit weg funkt ein gelber Schimmer auf, nicht stärker als ein verlöschendes Streichholz. Und wieder der dumpfe Ton. Die Kanonen eröffnen das Gefecht. Plötzlich andere Geräusche. Wie schwaches Peitschenknallen, wie das Bersten auffliegender Eierschalen, wie das Knittern von starkem Papier. Infanterie im Schnellfeuer. Dazwischen ein lautes, überraschendes Pochen, ungeduldig, als ob jemand voll Zorn an eine Tür klopfen würde: die Maschinengewehre. Das Pochen reißt ab, setzt wieder ein. Und nichts zu sehen, als in den Feldern oder am meilenfernen Waldrand das Aufblitzen der Säbel. In einer unermeßlichen Ruhe verharrt die Landschaft, in einer majestätischen Gleichgültigkeit gegen den Kampf, der sie in ihren Schrunden und Falten durchwühlt, in ihren Mulden und Gräben. Dort unten, tief in den Wäldern, in schmalen Gebirgspässen, am Rande unwegsamer Schluchten, auf engen Brücken, die hoch über wilden Sturzbächen schweben, bricht jetzt der Kampf los; um des Reiches Pforten.
Man sollte sich's einbilden können, daß es ein wirklicher Krieg ist. Sollte das hitzige Fieber spüren, das in den Stunden vor einer großen Entscheidung über die Menschen hinpeitscht. Sollte die Schauer jener ungeheuren, verführerischen Feindseligkeit genießen, die aus den tierischen Wurzeln unserer Art empordampft. Dann aufwachen, wie aus einem glühenden Traum, und sich an der spielerischen Wirklichkeit beschwichtigen: Gedankenmanöver … Vielleicht, daß von den Soldaten einer, anschleichend in der Schützenlinie, am Boden liegend, im Schnellfeuer, berauscht von seiner Jugend, von der eigenen Kampfgebärde und vom Knall des eigenen Gewehrs, für Sekunden in das siedende Bad dieser Einbildung stürzt, für Sekunden in dieses Traumes flammende Tiefen hinabtaucht. Im nächsten Augenblick aber reißt es ihn gewiß schon wieder aus dem Abgrund solcher Schwärmerei empor zum harmlosen Bewußtsein des harmlosen Kampfspieles. Denn es gibt eben Dinge, die sich auf Befehl nicht vorstellen, die sich nicht manövrieren lassen: Todesgefahr und Sterbensahnung, Blutrauch und in Ackerschollen hingekrümmte Verzweiflung, und die furchtbare Schicksalsatmosphäre, die über den Schlachtfeldern sich breitet.
Ein Schauspiel. Künftiger, oder niemals kommender Ereignisse vorberechnete Gebärde. Erdichtetes, wohl ausgedachtes, künstlerisch komponiertes Geschehen, dargestellt unter freiem Himmel von fünfzigtausend Akteuren. Ein Schauspiel in drei Tagen, in drei Aufzügen, wenn man will. Sorgfältig gesteigert, mit prachtvollen Massenszenen, mit unzähligen dekorativen Episoden, und mit einem einzigen Zuschauer, dessen Beifall ersehnt wird, dessen Gegenwart, wie ein ruheloser Pulsschlag in all den Massen, die sich hier bewegen, fühlbar ist, dessen Dasein Aufregung, Gespanntheit, Anstraffen der Nerven ringsumher verbreitet, und Prunk und Glanz und hohes Erwarten: der Kaiser.
Anschaulicher als sonst jemals tritt hier der militärisch-monarchische Gedanke in die Erscheinung, wird in dem kleinen Ort hier – vom bürgerlichen Großstadtwirbel nicht mehr verhüllt – greifbar nahe, wird gleichsam ohne störende Nebengeräusche reiner vernehmlich. Das unübersehbar große Regierungsnetz, das ein ganzes Reich zusammenhält, ist hier auf einmal zu übersehen, ist dichtmaschiger, so daß man herantreten und sein sinnreiches Gewebe bewundern kann. Das geringe Dorf ist zum Auszug der staatsgebietenden Mächte geworden, gibt den Extrakt der herrschenden Gewalten. Schon äußerlich. Die Einwohner, das, was man die »Bevölkerung« nennt, ist wie verschwunden, ist an die Wand gedrängt, in die Winkel verscheucht, unsichtbar neben dem Glanz, der jetzt in diesen Hütten wohnt. Tür an Tür: der Kaiser, die Erzherzoge, die Generale, Minister, Statthalter, Polizei. Und Militär, Militär, Militär. Überall, auf den Straßen, vor den Schenken, auf den Feldern, in den Torbogen, an den Brunnen steht einer vor dem anderen in Ehrfurcht, in Strammheit, in erstarrendem Gehorchen. Überall wird nur befohlen und Gehorsam geleistet. Überall gibt es nur Vorgesetzte und Untergebene. Alle Klassenunterschiede, alle Vorrechte stellen sich in greller Sichtbarkeit dar. Einer freien Arbeit lebend, hat man sie gelegentlich wohl vergessen: hat, unter höher gewölbten Horizonten dahinwandelnd, manche dieser Dinge für verschollen, für erledigt, für nicht mehr diskutierbar gehalten. Da wird es einem seltsam zumute während dieser drei Tage, die man hier in einer Atmosphäre voll Disziplin, voll Ergebenheit, voll Devotion verbringt, in konzentrischen Kreisen sich dreht, auf denen Rang und Stand, und Geburt und Charge verzeichnet sind, wo jeder mit den äußeren Abzeichen und Signalen seines Wertes umhergeht, wo Lohn und Strafe sofort vollzogen, erteilt und im Augenblick fühlbar werden. So nach und nach aber findet man sich angezogen vom großartigen Hokuspokus des Herrschens, fühlt sich fasziniert von der erlauchten Magie des Menschenfanges, und bewundert ihre tiefe Psychologie, ihre uralte Weisheit. Und dann braucht man sich's gar nicht mehr einbilden zu wollen, daß es ein wirklicher Krieg ist, hat dem Waffenspiel einen anderen Sinn gefunden, wenn man am nächsten Morgen hinauswandert ins Gelände. Da wird eben die Krone des Werkes gezeigt, die höchste Vollendung der Idee: wie sich die Tausende darbringen, wie sie dereinst ihr Sein und Leben einsetzen werden. Die Hauptprobe der äußersten Hingebung. Die Hauptprobe jener Treue, die in der Volkshymne »Gut und Blut« verspricht: Kaisermanöver.
Kanonengebrüll am zweiten Tag in der Frühe. Ganz nahe dem kaiserlichen Hauptquartier. Schwere nasse Wolkenvorhänge hüllen die Berge ein. Wolken ziehen am Waldsaum hin, und in der Tiefe des Tales deckt weißdampfender Nebel alle Dörfer und Fluren. Unten vollzieht der anrückende »Feind«, vom Wetterschleier verborgen, seinen Vormarsch. An die Sonne von Austerlitz denkt man, aber die Sonne scheint Zitate aus der Geschichte nicht anzuwenden und zeigt sich nicht. Auf der Anhöhe vor dem Dorf steht die Artillerie. Der Feuerblitz fährt aus den Kanonen, ein Donnerschlag, den man in der Magengrube, in den Eingeweiden wahrnimmt, der den ganzen Körper gleichsam durchzuckt. Das Echo reißt ungeheure Schallfetzen von den Bergen, die der Wind zerbläst. Aus den Wolkennebeln ein Knattern wie das Anfahren eines Motorrades. Mühsam nur erkennt man drüben im schütteren Gehölz das Landesschützenregiment. Langsam, geduckt, mit schleichenden Jägerschritten vorgehend, feuern sie, werfen sich zu Boden, in die Regenlachen, feuern. Jetzt, dicht vor der Anhöhe, auf der die Kanonen stehen, rückt in Schwarmlinie die Infanterie vor, erwidert die Gewehrsalven, deckt das Abreiten der Batterie: Rückzug. Nach einer kurzen Weile ist die Artillerie verschwunden. »Feuer einstellen.« Jeder Mann wiederholt es, ein langgezogener Aufschrei fliegt über die Felder. Und jetzt kommt die feindliche Macht von überallher heran, stürmt, aus dem Talnebel hervorbrechend, die Hügel hinauf, wälzt sich über die gewundenen Bergwege, und plötzlich wieder das Pochen, laut, eilig, zornig. Die Maschinengewehre, die den Verfolger noch aufhalten sollen. Kein anderes Schlachtgeräusch ist wie dieses alarmierend, trägt so beredsam den Charakter des schnellen Eingreifens, der furchtbaren Aggressivität.
Es regnet in Strömen. Seit Stunden regnet es. Scharf, kalt, und der Wind schleudert einem die dichten Strahlen ins Gesicht, zerrt die Wolken bis auf den Boden herab, wühlt die Schollen auf, peitscht einen mit eisiger Wassernagaika. Auf dem freien Platz vor dem Hauptquartier hält der Kaiser zu Pferd. Vor ihm in ihren weißen Mänteln die sechs Gardereiter, das Gesicht zu ihm gewendet. Ein wenig abseits das Gefolge. Generalstäbler, die fremden Attachés, Adjutanten. Weiter weg die Lakaien mit den Reservepferden. Vom Unwetter werden die Tiere nervös. Ihr lautes Wiehern tönt herüber, ihr ungeduldiges Schnauben. Niemand rührt sich dort, wo der Kaiser unbeweglich im Regensturm aushält. Stunde um Stunde erblickt man ihn so; querfeldein galoppierend zu einem anderen Standplatz, an feuernden Batterien vorbei, sein Pferd parierend, sieht diesen Greis, der leicht in seinem Sattel nur so zu federn scheint, und für den es den Hochlandsorkan, den Wolkenbruch, die Kälte offenbar nicht gibt. Wie er dann endlich einreitet, gefolgt vom Schwarm seiner erschöpften Suite, sieht man, wie ihm unter der schwer nassen Kappe das Wasser die weißen Haare an den Kopf klebt, wie es ihm von der Stirne, vom Bart und von den Wangen herabläuft, aber auch, wie er, frisch und rot überhaucht, lächelt, als sei das alles gar nichts. Die fünfundsiebzig Jahre, die fünf Morgenstunden zu Pferd und das Wetter … gar nichts.
Schluß. Dritter Tag, dritter und letzter Aufzug. Man will ganz zeitlich fort, nichts versäumen, aber ehe die Sonne noch aufgeht, bebt das Haus. Auf der Wiese drüben schießen die Kanonen. Es ist, als ob das ganze Gebäude von einer Riesenfaust dröhnende Stöße bekäme. Der Fußboden zittert, die Fenster schüttern. Schlag auf Schlag. Plötzlich, dicht vor dem Tore das helle Krachen der Gewehre. Und rückwärts über den Hof, übers Dach hinweg das Pochen der Maxims. Hinaus ins Freie. Adjutanten rasen vorbei. Motorräder preschen die Mendelstraße hinauf, und in der Luft ein schallendes, verfliegendes »aaa …« Das Hurrarufen stürmender Truppen. Saphirblau ist der Himmel, alles in goldenen Glanz getaucht, in Sonnenfröhlichkeit und Reinheit, die Wälder, die Wiesen, die funkelnden Kirchturmspitzen, die Berggipfel. Und von den schimmernden Neuschneefeldern der Brentagruppe lösen sich die letzten weißen Flockenwolken. Ein festlicher Abschluß. Wie ein Salutschießen dröhnt der Donner der Schlacht, die sich jetzt voll entfaltet. Auf der breiten Terrainwelle, die sich zwischen Romeno und Sarnonico wölbt, stürmen die Regimenter in breiten, formierten Fronten gegeneinander. Mitten zwischen die beiden Parteien fliegt ein glitzernder, goldfunkelnder, prachtblitzender Schwarm die Wiese hinauf, sammelt sich oben, nimmt Stellung: die kaiserliche Suite. Das Gewehrfeuer prasselt und schnattert und knattert, die Gebirgsbatterien pochen, die Haubitzen zerreißen das Firmament mit ihrem Krachen, und das Echo tobt an den Felswänden. Wie kleine farbige Tüchlein flattern die entrollten Fahnen über den Bataillonen. Da bricht aus dem Tann, der den Hintergrund abschließt, mit Hurra ein neues Regiment hervor. Es ist der Höhepunkt. Der Kaiser inmitten dreier Fronten, umgeben von formierten Regimentern. Regimentern auf seinem ganzen Rückweg, den er von Cavareno nach Romeno zu nehmen hat, all das mit meisterlicher Regiekunst auf den letzten Augenblick hin, auf den Schlußeffekt gruppiert. Ein scharfer Hornruf jetzt. Das Feuern verstummt allmählich, das Echo besänftigt sich und verhallt, und brausend klingt das Einschlagen der Musikbanden herüber: »Gott erhalte …« Der Kaiser reitet die Fronten ab. Mit Trommelwirbel übernimmt eine Truppe von der anderen das Kaiserlied, immer weiter, immer entfernter, Generalmarsch … Trommeln, dann feierlich die Volkshymne … zuletzt nur ein leises metallisches Klingen. Der Kaiser reitet ins Hauptquartier zurück.
Rasch jetzt die Straße hinauf, heimwärts nach Bozen. Wie durch einen heiteren Soldatensonntag fährt man dahin. Singende Soldaten, lachende, sonnengebräunte Gesichter, Gesichter, denen das tiefe Atemschöpfen der Beruhigung etwas Zufriedenes und Befreites gibt. Überall liegen sie im Gras, rasten am Wegrand, rauchen, essen und singen. Wenn man sich's einbilden könnte, daß es ein wirklicher Krieg war und daß es nun Frieden ist, seit einer Stunde …
Während der Drahtseilwaggon von der Mendel ins Kalterertal hinuntergleitet, wie in freier Luft hinab zu schweben scheint, rauscht der ganze Berg und klingt von Musik. Und in Sankt Anton unten, auf dem kleinen Bahnsteig, erzählen die Leute, daß der große Krieg im fernen Asien zu Ende, der Friede zwischen Rußland und Japan geschlossen sei. Laurins Rosengarten steht im Glühen der Abendsonne. Vom Bozener Dom her läuten die Glocken, und man hat den Traum, daß diese schöne Welt eine ruhige Stunde genießt.