NACHTVERGNÜGEN

Musik. Junge Mädchen, welche tanzen. Und Champagnerwein. Das hat sich in den letzten paar Jahren allmählich so entwickelt. Aber schon beim gottseligen Brady galt es: »Kinder, wer kein Geld hat, der bleibt z' Haus …« Die Natursänger schmetterten diese einfache Philosophie in den Saal. Wer sie vernahm, der war gewarnt, und durfte dann am nächsten Morgen nicht klagen: Ihr laßt den Armen schuldig werden.

Zuerst war der Brady allein. Er war wienerisch und wußte es nicht besser. Er trieb einen schwunghaften Handel mit Urwüchsigkeit, hielt einen Ausschank von Volksliedern; er regalierte seine Gäste mit dem Humor, der auf dem städtischen Pflaster sprießt. Und er ließ die bodenständige Lebensfreude alle Abend so lange aufkochen, bis sie sich glühend vermaß, der Welt eine Haxen auszureißen. Aber er war eben allein, und man konnte bei alledem behaupten, daß wir kein Nachtleben haben. Jetzt haben wir eines.

Jetzt gibt es in der Innern Stadt etwa ein halbes Dutzend Gelegenheiten, die Nacht zu verjubeln und das Geld »am Schädel zu hauen.« Das Verfahren ist inzwischen nur ein anderes geworden: Junge Mädchen, welche tanzen. Und Champagnerwein. Spanischer Fandango und Veuve Cliquot. Tunesischer Bauchtanz und American Drinks. Cake Walk und Vöslauer wie Bordeaux. Deutscher Sekt und Matchiche. Wir sind international geworden. Die nächtlichen Freudenlokale tragen fast alle pariserische Namen, und man amüsiert sich jetzt hinterwärts der Kärntnerstraße ganz genau nach derselben Art, nach der man sich in Berlin, Paris, New York oder Kopenhagen unterhält.

Deswegen fehlt es doch nicht ganz an Lokalton. Oft genug dringt durch die französisch-spanisch-amerikanische Buntheit ein Schimmer wienerischer Farbe. Auch hier kriegt man die neuesten Gassenhauer und die frisch entstandenen Straßenlieder zu hören. Wie das Gemüse, das draußen am Wiesensaum der Stadt wächst, werden auch sie nächtlicherweile herein und auf den Markt gebracht, diese kleinen Texte und Melodien, die draußen am Saum der Stadt aus der Erde wachsen. Und auch sie dienen hier nur zur Garnierung. Die Herren von der Kapelle singen sie. Denn es ist Mode geworden, daß die Orchesterleute sich nicht mehr auf ihre Instrumente beschränken, sondern daß sie einfach akute Anfälle von Lebensfreude haben. Anfälle, in denen sie die Daseinswonne ihres Herzens nicht mehr bändigen können. Ihr Jubel schwillt so mächtig an, daß er sich in einer Geige gar nicht mehr auffangen, in ein Klavier gar nicht mehr hineindreschen läßt. Da müssen dann die Musikanten einfach losbrechen, müssen zu singen anfangen, mitten während des Aufspielens. Sie können sich nicht anders helfen.

Das Wichtigste aber bleiben die jungen Mädchen, welche tanzen. Man sitzt rings um eine leere Mitte, an kleinen Tischchen. Und da kommen die jungen Mädchen. Das ist – zwischen ein und vier Uhr früh – wirklich sehr hübsch. Es sind lauter niedliche kleine Mädchen, manche von ihnen sind schön, manche sind nur angenehm; manche sind begabt und manche sind ohne Geschicklichkeit; manche sind voll Anmut und manche sind ganz hilflos; manche sind schüchtern, ja verlegen, und manche wieder sind sehr frech. Aber alle zusammen haben etwas Sanftes in ihrem Wesen, alle zusammen sind wie die Kinder, scheinen vom wirklichen Leben gar nichts zu wissen. Sie sind ganz arglos in ihren Begierden, in ihrer Gefallsucht, in ihren kleinen, durchsichtigen Raffinements. Ringsherum an den Tischen sitzen die Leute, die aus dem wirklichen Leben hier hereinkommen, aus allerlei Ernst und Sorge, aus allerlei Arbeit, Schwierigkeit und Schicksal; sitzen da und sind beladen mit ihren Gedanken, Geschäften und Pflichten. Sind gefesselt und gebunden an Dinge und Menschen, die draußen irgendwo leben, sind umstrickt von allen möglichen Zusammenhängen. Da in der Mitte, auf dem glatten Parkett jedoch tanzen die jungen Mädchen, und es ist, als existierten sie in einer eigenen Atmosphäre, in einer leichteren, in der es keine Gedanken und keine Sorgen gibt. Es ist, als tanzten sie, weil alle Zusammenhänge von ihnen sich abgelöst, und weil sie dadurch so viel freie Gelenkigkeit gewonnen haben. Es ist, als hätten sie gar kein Schicksal, sondern nur dieses Lächeln. Wenn der Morgen anbricht, gehen sie zu Bett, und die ungeheure Tagesarbeit dieser Stadt braust dann über ihren Schlummer hin. Sie hören es nicht. Sie sehen nur die vielen hellen Lichter des Abends, hören nur die lustige Musik. Und tanzen.

Das Orchester schmettert, und ein junges Mädchen wirft sich in den tönenden Schaum dieses Fandango, wirft sich mit einer enthusiastischen Gebärde in die Flut dieser hochaufspritzenden Musik, wie eine Badende, die vom Trampolin fröhlich ins helle Wasser sich schleudert. Ihr schönes Gesicht ist von Heiterkeit ganz erleuchtet; ihre schwarzen Augen glänzen und schauen irgendwohin, sehen niemanden an, und haben einen Ausdruck, als seien sie nur von einem schimmernden Nebel umgeben. Dieses Mädchen ist ganz von sich erfüllt. Von ihrer Jugend, von ihrer Schönheit, von ihrem Tanz, von der Wirkung, die sie ausübt. Ihr feiner, schlanker Körper arbeitet, von der Musik beherrscht, in allen Muskeln. Dieser achtzehnjährige Leib fiebert, und glüht und tobt. Er spürt seine kreisenden Kräfte und sehnt sich, diese Kräfte rasen zu lassen, sie zu verschwenden, sie hinzugeben an den Jubel dieser Stunde. So schleudern sich kleine, junge Lerchen in die Luft, so schwirren Libellen in der Mittagssonne. Dieses junge Mädchen, das eigentlich gar nicht tanzen kann, das wahrscheinlich gar kein Talent hat, ist dennoch in diesem Augenblick etwas ganz Vollkommenes. Denn sie tanzt ihre Jugend, ihre achtzehn Jahre, ihre Frische und ihren Frühling. Und sie genießt das alles, wie sie so in der jauchzenden Musik dahinfliegt, sie ist ganz allein mit sich, sie schlürft den feurigen Trank ihres Daseins und berauscht sich daran. Die Leute rings an den Tischen betrachten sie und werden von ihrem Zustand irgendwie mitgerissen. Sie betrachten dieses kunstlose, enthusiastische Mädchen und werden unwillkürlich erfrischt, werden milder, heiterer. Sie schauen sie an, wie man ein schönes, in der Luft tanzendes Insekt anschaut, dessen Leichtigkeit und Anmut etwas Aufmunterndes hat. Sie blicken gleichsam über den Bord ihres eigenen Lebens geneigt hierher auf diese mühelos heitere Existenz. Und lächeln. Die Musik bricht ab; das Mädchen steht, wie erschrocken, still, und geht dann mit einem ernsten, aufgewachten Gesicht hinaus.

Alle diese Mädchen tanzen sich selbst, erklären sich im Tanz, liefern Bekenntnisse, unfreiwillige Aufrichtigkeiten, lassen ihr Wesen sogleich erraten. Nicht nur diese Mädchen hier, überhaupt: Tanzen ist Selbstverrat. Da kommt eine, die tanzt ihre törichte Eitelkeit, schwatzt sie mit jeder Bewegung aus, zeigt mit unglaublich falschen Geziertheiten und mit schrecklich mißlingendem Stolz, wie sie sich das Nobelsein vorstellt, und das Verführerische. Eine Andere wieder ist halb noch ein Kind, hat blonde Gretchenhaare, blaue Augen und ein schmales bürgerliches Gesicht. Aber dieses Gesicht hat nur einen einzigen erstaunten, amüsierten, frivolen und verdutzten Ausdruck, als habe sie eben erst das Geheimnis der Liebe erfahren, als habe es ihr in dieser Sekunde erst eine Freundin ins Ohr geflüstert. Und in ihrem Tanz spricht sich nur dies eine aus, nur dieses: Ich weiß es! Wie sie die Schultern biegt, die Arme hebt, den Kopf zurückwirft, plötzlich auflachend mit den Augen zwinkert, scheint sie nur dies zu sagen: Ich weiß es! Wieder eine Andere tanzt ihren Leichtsinn, ihre vollendete Verlogenheit und Gier, tanzt in ihrem nachlässig studierten, fehlerhaften Schritt ihre Faulheit und Schlamperei. Wieder Eine tanzt immer ihre unleidlichen Hochstaplerinnenversuche, möchte in jede Drehung, in jeden Augenaufschlag, in jedes Neigen des Hauptes eine rätselhafte Bedeutung legen, möchte den Anschein wecken, als sei sie nur inkognito hier, nur aus mutwilliger Laune, als könne sie aber morgen wieder Sternkreuzordensdame sein oder Stiftsfräulein. Wieder eine Andere, ein nettes kleines Ding mit einfachen Mienen, mit gutmütigen Gebärden und mit hausbackener Haltung, tanzt ihre Bereitwilligkeit, jeden Moment Kindermädchen zu werden oder Weißnäherin, tanzt die Erinnerung an eine bescheidene, arme Vorstadtwohnung, tanzt die angeborene Sympathie fürs Staubabwischen und Fensterputzen.

Die begabteren unter diesen Mädchen haben immer die Landschaft um sich, aus der sie kommen, die Gegend, in der sie heimisch sind. Immer ist das besondere Kolorit ihrer Heimat an ihnen bemerkbar. Da ist eine kleine Pariserin, ganz mager, spitznäsig und kreideweiß. Aber mit diesen großen beredsamen Augen der Montmartremädchen und mit ihren plastisch eindringlichen, witzigen Gebärden. Und sie erinnert an unzählige ähnliche Gesichter, ähnliche Gestalten, die man abends auf der Place Pigalle oder in der Rue Lepic an sich vorbeihuschen sieht. Da ist eine kleine Engländerin, mit dem halb offenen, fragenden Hasenmund, mit dem kühlen, wasserblauen Blick, mit der unverbindlichen Koketterie … träfe man sie nachts um elf in Piccadilly oder am Trafalgar Square, man könnte sie von den anderen Mädchen, die da herumlaufen, nicht unterscheiden. Da ist eine junge Dänin, und ihre braunen klaren Augen, ihre gerade, stolze Haltung erinnert an die schönen Kopenhagener Mädchen, die alle so klare, festblickende Augen haben wie junge Falken, und die alle so aufrecht, so frei und gesund einhergehen. Die anderen aber erinnern an gar nichts mehr. Nur an Nachtlokale. Ihre Mienen, ihre Blicke, ihre Gebärden sind vom Dunst und Rauch dieser Luft wie mit einer Patina bedeckt. Ihr Lächeln ist nur mehr das Lächeln dieser bezahlten Abende. Sie haben es durch den Nachttaumel vieler Städte geschleift, sie sind gewohnt, die grelle Musik mit diesem grellen Lächeln zu beantworten, und die Musik hat dieses Lächeln auf ihren Zügen erstarrt, hat es unpersönlich gemacht.

Eine lange Mulattin vollführt das virtuose Sohlenklappern des Hornpipe. Ekstase der Knöchelgelenke, die den ganzen Körper von unten her ins Schütteln bringt. Baskische Mädchen winden sich unter dem pochenden Rhythmus der Melodie in den buhlerischen Zärtlichkeiten der Matchiche. Dann der Cake Walk mit der frechen Unzucht des zappelnden, sich verrenkenden Niggers. Unsagbar, was dieser Tanz ausdrückt, wie er den Gentlemen up to date gewissermaßen als balzenden Affen im Frack entlarvt. Wenn dann die Musikanten wieder einmal zu brüllen anfangen: »Menschen, Menschen san m'r alle …« ist man plötzlich wieder in Wien; wird durch den Gassenhauer erst daran erinnert, daß man nicht in einem Vergnügungsort zu Paris, Athen oder Port-Said sich befand. Wir sind international geworden.

Und ringsherum an den kleinen Tischen sitzen die Leute. Schauen auf diese aus aller Herren Ländern zusammengemischte Lustbarkeit. Lassen sich von der unaufhörlich schmetternden Musik aufrütteln, von spanischen, französischen, englischen, russischen, amerikanischen und wienerischen Melodien aufrütteln. Von spanischen, englischen und wienerischen Mädchen aufrütteln. Möchten die eigene Schwere, die eigene Bürgerlichkeit für eine Nacht wenigstens los sein und haben dennoch kein Talent zum Vergnügen, haben keinen rechten Glauben daran. Sie sitzen da und zweifeln, und überlegen, und machen mißtrauische Gesichter, ängstliche Augen, als fürchteten sie, es könne ihnen unversehens ihre Würde gestohlen werden, ihre soziale Stellung, oder als könne ihnen auf eins zwei ihre Selbstachtung abhanden kommen. Unsicher sind sie, ihrer selbst, und dieser Freuden da. Unsicher und lüstern zugleich und zugleich bereit, sich irgend etwas vorzulügen, sich einer auf den anderen auszureden. Frauen sitzen hier mit ihren Ehemännern, und machen neugierige Augen, und vergehen vor Begierde, einen Blick in den »Sündenpfuhl« zu tun, das »Laster« kennen zu lernen. Und dann haben sie, wenn sie irgendwo eine scharmante Gebärde, eine allzu deutliche Zärtlichkeit belauern, solch eine infame Milde in ihrem Lächeln, solch eine taktlose, selbstgefällige Nachsicht, daß man merkt, sie sind nur hergekommen, um sich aufzuspielen, um sich auf Kosten dieser Mädchen da überlegen zu fühlen. Wenn aber eine von den Tänzerinnen einmal zu solch einer Frau hingehen und ihr sagen würde: »Ich laß mich von Ihnen nicht ausnützen …,« man müßte es verstehen. Eine jedoch war da, und die wirkte rührend. Es war keine legitime Frau, aber offenbar schon jahrelang mit dem Manne, der neben ihr saß, beisammen. Eine Frau so zwischen dreißig und vierzig. Vielleicht früher einmal Choristin, jetzt aber an ein ruhiges Leben in behaglichen Verhältnissen gewöhnt. Noch immer schick gekleidet, mit jener Sorgfalt, die eine Frau anwendet, wenn sie abhängig ist und ihrem Freund immer wieder gefallen muß. Der Mann neben ihr an die Fünfzig, elegant, gepflegt, im Smoking. Und sie sah nun zu, wie er alle diese Tänzerinnen mit den Blicken verschlang. Eine nach der anderen. Sie sah zu, wie er diese jungen, tanzenden Mädchen musterte, prüfte, begehrte. Ein paarmal legte sie ganz leise ihre Hand auf die seinige. Er merkte es gar nicht; schien sie völlig vergessen zu haben. Um ihre Lippen bebte ein schwaches, beschämtes Lächeln. Sie spähte umher, ob niemand sie beobachtet habe. Von da an sah sie zu, wie der Mann neben ihr sie betrog, wie ihr seine Wünsche untreu wurden, vor ihren Augen. Sie sah aufmerksam diese jungen, sprühenden, in ihrer Frische entblößten Mädchen an, und ihr hübsches, verblühtes Gesicht wurde mutlos. Ihr Blick verhängte sich. Sie sah jetzt nichts mehr. Und sie saß da wie beraubt, verlassen und gänzlich entwaffnet.

Ringsherum an den kleinen Tischen sitzen die Leute, und es sind unsichtbare Schranken zwischen ihnen, zwischen ihrer Welt und dieser tanzenden Welt da. Manchmal aber läßt sich einer von den ernsten Männern vom Augenblick wegraffen, springt über diese Schranke und reißt so ein Mädchen an sich, um mit ihr zu tanzen. Gewöhnlich ist es ein älterer Herr, und gewöhnlich zeigt er durch irgend einen Ruck, den er sich gibt, durch eine unsäglich düstere Miene, daß er nun den Entschluß gefaßt habe, fröhlich zu sein. Es sind immer nur zwei Spielarten, von Männern. Der eine, der es einfach aus Sinnlichkeit tut, der sich mit dem bloßen Schauen nicht mehr begnügt. Er ist immer der ernsteste von allen. Seine Brauen runzeln sich, seine Stirn legt sich in Falten, sein Mund ist fest geschlossen. Also beginnt er, das Mädchen im Arme, zu tanzen. Zornig beinahe, dreht er sie im Kreis, preßt sie an sich und wirbelt mit ihr, und scheint entsetzlich wütend. Es ist schon kein Walzer mehr, sondern eher eine symbolische Handlung, die er vollzieht, eine vorläufige Besitzergreifung etwa. Dann geht er gesenkten Hauptes an seinen Platz zurück, setzt sich nieder und schaut sich erbittert um. Der Andere ist eitel, erinnert sich plötzlich, daß er schön tanzen kann, daß man ihm in seiner Jugend wegen seines leichten Sechsschrittes Komplimente gemacht hat. Und nun tanzt er mit so einem Mädchen, aber nicht, als ob er ihr sein Wohlgefallen, sondern als ob er ihr seine Anerkennung bezeigen wollte. In seinem Gesicht ist die Hoffnung, man werde ihn bewundern. Er hält das Kreuz hohl, dreht nach links, macht zierlich ausgemessene Schrittchen, setzt die Fußspitzen preziös nach auswärts, schwingt die Waden in affektierten Zirkeln, wechselt die Gangart, das Tempo, vollführt allerlei kleine Bravourstückchen, und hört dann plötzlich auf, weil er schwindlig wird. Kreidebleich setzt er sich nieder, trinkt in kleinen Schlucken, damit keiner bemerken soll, daß er keucht und ihm der Atem ausgegangen ist.

Nachtvergnügen. Draußen in den schlafend stillen Straßen, in der kalten Winterluft zerstiebt dies alles spurlos. Eine Weile noch rauscht die Musik ins Ohr, dann wird das letzte Echo davon verblasen. Eine Weile noch schimmert ein Frauenlächeln, dann verlischt es.

Das ist aber keineswegs eine Betrachtung, an die eine Schlußmoral geknüpft werden soll.