BEIM BRADY
Der prächtige Titel »Wintergarten« ist natürlich eine Übertreibung. In Wirklichkeit spricht auch kein Mensch von Bradys Wintergarten, sondern alle Welt sagt einfach: beim Brady. An einen Garten erinnert übrigens nur die ziemlich geschmacklose Staketendekoration der Wände, dann ein wenig falscher Efeu und kunstlos gefälschtes Weinlaub. Sonst aber ist man hier beinahe wie in einer Spelunke. Und das mag eben der Hauptreiz an diesem »Wintergarten« sein, daß er wie ein Beisel aussieht. Denn wenn es irgendwo recht schäbig ist, dann sagt man in Wien noch lange nicht: hier ist's schäbig. Vielmehr findet man eine versöhnliche Bezeichnung dafür, und jedem, der sich über mangelnde Pracht, über fehlenden Komfort, über nasse Tischtücher und schlechte Luft beklagt, wird geantwortet: Ja, aber gemütlich ist's. Beim Brady ist es also gemütlich. Damit ist zugleich auch die Summe aller seiner Eigenschaften gezogen. Es läßt sich weiter nichts hinzufügen. Höchstens, daß es in Wien sonst nirgends so gemütlich ist, wie eben beim Brady. Und das ist allerdings sehr bemerkenswert. Die wienerische Gemütlichkeit, wie wir sie nur mehr noch aus abgedroschenen Liedern kennen, oder aus den Schilderungen der gewissen ältesten Leute, diese grundlos fröhliche, ziellose, an der eigenen Lebenslust entzündete, sorgenfreie, naive, singende und jauchzende Wiener Gemütlichkeit findet man jetzt nur hier. Aus den anderen Vergnügungslokalen, aus dem übrigen großen modernen Wien ist sie ja verschwunden. Vielleicht, daß man sie hie und da in irgendeinem versteckten Vorstadtwirtshaus noch treffen kann. Das ist aber sehr ungewiß. Die Zeiten sind vorbei. Und wenn man zum Brady geht, dann ist der Weg dahin schon wie ein Spaziergang in die Vergangenheit. Ein enges Gäßchen, das vom gemütlichen Franziskanerplatz unter einem schmalen Schwibbogen abbiegt, das sich windschief bei jedem Schritt anderswohin zu wenden scheint. Eine jener Gassen mit so enorm hohen Häusern, daß der Himmel droben nur wie eine schmale, helle Linie aussieht; und wenn hier unten einmal zwei Wagen einander begegnen, dann darf kein Fußgänger vorbei, weil er das bißchen Platz, das zum Ausweichen nötig ist, verstellen könnte. Das uralte, beinahe schon vergessene Wien. Was beim Brady geschieht, ist rasch erzählt. Eine Salonkapelle spielt; und wenn sie aufhört, dann singt ein Männerquartett zur Begleitung einer Ziehharmonika, einer Geige und einer Gitarre. Haben die vier Männer ihr Stücklein heruntergejodelt, dann kommt wieder die Salonkapelle dran. Ohne Pause. Und so ist denn der rauchige kleine Saal immerzu von Musik erfüllt. Daran scheint freilich nichts Besonderes zu sein, und man wird es noch nicht begreifen, wie nur ein mäßiges Orchester und vier Natursänger solchen Zulauf finden können. Denn der schlaue Brady ist nicht mehr da. Ein kleiner, leidlich hübscher, flotter Kerl mit einer angenehmen Pleinairstimme, war er sein eigener Star. Trug den Leuten seine fiakerisch-lustigen und sentimentalen Lieder vor und hatte jeden Abend zu dem geschäftlichen Profit den persönlichen Erfolg. Dann nahm er Abschied, als ein kluger Mann auf der Höhe seines Ruhmes, zog sich ins Privatleben zurück, vielleicht nur, um fortan zeitlicher schlafen gehen zu können, und erlaubte bloß, daß der Glanz seines Namens auch ferner des Nachfolgers Bude erleuchte. Unberühmte Leute, die man nicht näher kennt noch sieht, halten die Weinstube weiter. Ein Geschäftsführer ist da, in einem schwarzen Salonrock, ein dünner Mensch, der aussieht wie ein Meßner, der umhergeht und den Gästen guten Abend wünscht. Gesungen hat er noch nie, hübsch ist er auch nicht, kurzum, der Brady ist noch nicht ersetzt. Aber die gute Laune, die er hier eingerichtet hat, ist noch nicht verdampft; sie liegt hier noch immer in der Luft. Und wenn man hereinkommt, wird man fröhlich, man weiß nicht wie und man weiß nicht warum.
Schuld daran sind aber doch zunächst die Musikanten. Die von der Salonkapelle, und die vier Natursänger, die zur Geige, zur Gitarre und zur Ziehharmonika jodeln. Gewöhnlich gibt es ja nichts, was einen Menschen so traurig machen könnte, wie ein bezahlter Lustigmacher. Die armen Teufel, die beim öffentlichen Vergnügen bedienstet sind, versehen ihre Funktionen fast immer mit solcher Wehmut, daß einen bei ihrem Anblick der Menschheit ganzer Jammer anfaßt. Unter allen Professionals sind ja die Professionals der Heiterkeit die trübseligsten. Beim Brady ist das anders. Die Salonkapelle scheint gar nicht der Gäste wegen zu spielen, sondern nur ihrem Dirigenten zuliebe. Wenn der die Geige ansetzt und seinen Musikanten das Zeichen gibt, ist es, als wollten ein paar Freunde unter einem lustigen Rädelsführer einen Spaß anzetteln. Die zigeunerisch schmachtenden Primgeiger, die in posierter Ekstase vor unseren Augen zu vergehen scheinen, die kennen wir ja zum Überdruß. Daß aber dieser blitzlustige schwarze Bursche, der immerfort lacht, wenn er geigt, ein Poseur ist, glaube ich nicht. Er unterhält sich ganz einfach, wenn er eine Operettenmelodie spielt. Und weil er so animiert ist, singt er den Text gleich mit dazu, wiegt sich und tanzt ein bißchen dabei und schaut mit schwarzen, lachenden Augen und mit weißen, blinkenden Zähnen im Saal umher. Ferner könnte man auch die Natursänger für Gäste halten, die freiwillig zum allgemeinen Amusement beitragen. Sie sehen aus wie kleine Geschäftsleute, Fiaker, Fleischhauer, Greisler etwa, die ihr Sonntagsgewand angezogen haben und sich einen lustigen Abend machen wollen. Dick sind sie alle zusammen, und eigentlich nicht mehr ganz jung; aber einer fröhlicher als der andere. Der mit dem blonden Schnurrbart hat geradezu jubelnde Augen, ein fideler Leichtsinn spricht aus seinen Zügen und sein ganzes Wesen hat etwas Urwüchsiges, etwas Schnalzendes, dem man nicht widersteht. Der Jodler unter ihnen, der so hoch »überschlagen« kann, sieht spaßig aus. Er hat nicht nur die schönste Stimme, er gleicht auch wirklich einem singenden Vogel. Die Nase steht ihm spitz und hoch wie ein aufgesperrter Meisenschnabel dicht überm Mund. Dann kneift er auch die kleinen Augen so bedenklich zusammen, als belausche er sich; und wenn er sich einmal mit einem Triller an das Publikum wendet, zieht er ein Gesicht, als ob er einen schwierigen Fall zu explizieren hätte. Der dritte ist der Ironiker unter ihnen, temperamentvoll, aber gezügelt, schaut immer drein, als ob er nach einer Antwort suche, ist aber nie um zwanzig verlegen. Der vierte ist der Dickste; wahrscheinlich auch der Gutmütigste. Nur manchmal simuliert er Anfälle von Gesangstobsucht. Dann ist es drollig, wie dieser kleine Koloß zu brüllen anfängt und sich geberdet, als könne er die Lustigkeit in seiner Brust nicht länger bändigen.
Nun darf man aber nicht glauben, daß diese vier Sänger und der Kapellmeister etwa zu den besonderen Talenten gehören. Jeder von ihnen ist in jedem Augenblick zu ersetzen. Wenn einer nur ein wirklicher Wiener ist, wirklich lustig, und dabei ein bißchen singen kann, vermag er ihren Platz einzunehmen. Manchmal stellt sich auch von den Gästen einer zu ihnen und macht's geradeso wie sie. Und es ist eben ihr Reiz, daß sie so gar keine Künstler sind, sondern nur Wiener. Das gibt dem ganzen Brady seine Wirkung, daß hier eben sonst nichts vorgeht, als daß die Wiener auf ihre Weise fidel sein wollen. Anderswo will man essen oder trinken oder sich an Produktionen kritisch ergötzen. Hier will und soll kein Mensch etwas anderes als heiter sein. Die Gäste, die Musikanten, die Sänger; es geht alles in einem. Und wie da junge Prinzen, Offiziere, alte Lebemänner, Kommis, Bürgersleute, Kutscher und »kleine Mädchen« beisammensitzen und singen, ist es, als sei man hier in einer ganz kleinen Stadt, deren Einwohner eine besonders beschaffene Familie bilden, oder als fände man hier den Auszug aller wienerischen Art. Hier wird einem unaufhörlich in die Ohren gesungen, daß wir »zum Trübsalblasen nicht auf Erden sind«, hier hört man jeden Moment die unbestreitbare Tatsache vertont und betont, daß man »'s Geld auf dera Welt net fressen kann« und hier ist der Ort, wo diese Behauptungen nicht verlogen klingen, wo sich nichts in uns gegen solch billige Weltanschauung sträubt. Der einzige Ort, an dem man sich ohne Widerstand überreden läßt: »Drah'n m'r um und drah'n m'r auf – es liegt nix dran!« Vielleicht wirkt der Brady auch deshalb so zwingend, weil die Leute hier, ob sie gleich fast alle betrunken sind, sich nett benehmen. Betrunken ist, für einzelne wenigstens, gewiß nicht zu viel gesagt; allein hier lernt man den richtigen, anmutigen Sinn des guten Wortes: Angeheitert.
Angeheitert ist jeder. Man wird es vom Wein, man wird es von dem Gelächter ringsumher, von dieser Atmosphäre unbekümmerter, übermütiger Fröhlichkeit. Angeheitert wird man von diesem Kapellmeister, der die Geige streicht, als gäbe es nichts Lustigeres in der ganzen Welt als Geigenspielen. Angeheitert von den Sängern, die einem lachend zujubeln: Es liegt nix dran. Angeheitert von dem Jodler, der den Meisenschnabel aufsperrt; sogar von dem feierlichen Meßner, der herumgeht und immerfort »Guten Abend!« wünscht. Da springt ein Lebemann plötzlich auf, drückt sich den Zylinder schief in die Stirn, hebt die Frackschöße und tanzt Cancan, da er augenscheinlich Paris nicht vergessen kann. Er geniert sich nicht, und alle applaudieren, feuern ihn an und sind im Nu gut bekannt mit ihm. Ein ernster Mensch, der wie ein Oberlehrer aussieht, oder wie ein kleiner Beamter, und der bisher still vor seinem Glas gesessen, fährt in die Höh', stürmt das Podium, drängt den Kapellmeister zur Seite und beginnt zu dirigieren. Wer weiß, vielleicht verwirklicht er hier zum erstenmal einen Lebenstraum. Irgendwo in einer Ecke hebt eine elegante junge Dame zu singen an: »Wann der Auerhahn …«, eine glockenreine, helle Stimme. Sofort ist einer von den Natursängern dabei, jodelt die zweite Stimme, und die Geige, die Gitarre, die Ziehharmonika spielen die Begleitung. Vor einem Tisch im Kreis seiner Freunde und ihrer Mädchen ist ein junger Kavalier aufgestanden. Ein frisches, bildhübsches, aufgeregtes Pagengesicht, die Augen funkeln ihm, er sprüht vor Jugend und Lebenslust, hält einen Toast an alle Anwesenden, und wird nicht fertig. Ein alter Herr entzückt sich mit einemmal an einer Offenbachmelodie, wird sichtlich von Erinnerungen befallen und wiegt sich auf seinem Sessel hin und her. Ein Mann, den man für einen Viehhändler halten darf, zecht mit einer großen Blonden, die aussieht, wie eine von den strotzenden Rubensweibern aus einem seiner Bohnenkönigsfeste. Und dann fällt dem rothalsigen dicken Viehhändler unversehens ein, daß man noblerweise nicht zweimal aus demselben Becher trinken kann, und er zerschmettert jedes Glas, nachdem er es geleert hat, gleichmütig, gelassen, wie selbstverständlich, und die blonde Rubensdame lacht, wenn ihr der Champagner ins Gesicht oder auf das Kleid spritzt. In einer anderen Ecke sitzen kümmerliche Menschen. Wie sehr sie sich auch mit Ringen und Goldketten behängen, sie bleiben armselig; graue einfältige Gesichter; Spießbürger, offenbar aus der Provinz; die Frauen nach einer verschollenen, unwahrscheinlich gewordenen Mode gekleidet. Zur Freude nicht geboren, zu jedem Vergnügen talentlos, starren sie mit sachlichem Ernst auf das Getriebe. Dann aber geht es wie eine große Freudenwelle plötzlich über alle Köpfe. Plötzlich beginnen alle miteinander zu singen, die Kellner sogar, und selbst die Provinzler singen mit.
Das ist nun vielleicht sehr stumpfsinnig, es ist albern, wenn man will, und sicherlich ist es sinnlos. Ein Berliner Freund, den ich neulich zum Brady führte, ließ sich den ewig nüchternen Kopf nicht benebeln, fand, daß die ganze Sache der großstädtischen Pracht entbehre, daß die Ventilation zu wünschen übriglasse, und daß überhaupt die Geschichte »bezeichnend« für Wien sei. Er hat allerdings recht, aber ahnungslos wie diese Berliner nun einmal unserer Stadt gegenüberstehen, auf ganz andere Art, als er denken mochte. Es ist freilich bezeichnend für Wien, daß es nur hier einen Brady geben kann, und nirgends anderswo, daß hier die Leute zusammenkommen, um zu singen und lustig zu sein, daß sie sich dabei betrinken und trotzdem manierlich bleiben, daß Aristokraten und Spießer, Offiziere und Kommis, Fiaker und Hofräte hier Tisch an Tisch sitzen, Wiener Lieder anhören und kopfüber in die Banalität der Gassenhauerweisheit tauchen, ihre Sorgen vergessen, und in die Hände klatschen: Drah'n m'r um und drah'n m'r auf! Sie ist kindisch diese Zuversicht, aber kindlich auch, und deswegen so wohltuend: Es liegt nix d'ran!