STALEHNER
Das hundertjährige Stalehnerwirtshaus wurde niedergerissen, und ein neues aufgebaut. Denn die Zeit schreitet vorwärts. Ein Kapitel Hernalserischer Daseinswonne ist damit zu Ende. Wiener Liedersänger, Komiker, Lokalschriftsteller und allerlei andere Vergnügungskünstler haben da draußen den Kehraus gefeiert, den Abschied von einem Stück Urwüchsigkeit, das nun in der allgemein großstädtischen Banalität aufgehen wird. Es war ein Schluß mit Jubel.
Immer, wenn sie so ein altes Wiener Freudennest demolieren, staubt aus dem Schutt des bröckelnden Mauerwerks der Schwarm bekannter Worte empor: die Wiener Gemütlichkeit …, der Wiener Hamur …, die schöne, liebe, alte Zeit … Es ist, als wenn wir unter Menschen lebten, die wirklich allweil fidel sind, und nur traurig werden, wenn man ihnen einmal ein altes Wirtshaus zusperrt. Man muß sagen, daß uns bessere Häuser schon verschwunden sind, ehrwürdigere und wertvollere, als der Stalehner. Die neue junge Stadt ist über sie hinausgewachsen, und wir haben ihrer vergessen. Wir werden auch den Stalehner verschmerzen.
Ein Nekrolog gebührt ihm freilich. Denn er war berühmt und schaut auf eine große Vergangenheit zurück. Er hat seine Rolle gespielt in der Sittengeschichte von Wien, und sein Einfluß ist manchmal in dieser Stadt sehr fühlbar gewesen. Stalehner, das war nicht bloß ein Wirtshaus, sondern auch eine Art Weltanschauung. Das Wirtshaus haben sie jetzt niedergerissen, die Stalehner-Weltanschauung wird vielleicht bestehen bleiben. Vielleicht.
Stalehner … schon der Name hat etwas unnachahmlich Echtes, ist wie geschaffen zur Straßenberühmtheit. Der wienerische Dialekt schwingt auf diesem Namen wie ein Wäschermädel auf einer Praterhutschen. Es ist ein Fiakerparfüm darin, und ein Schnalzen, das aus den »enteren« Gründen kommt. Wir haben ein paar solcher köstlichen Wirtsnamen, deren bloßer Klang schon eine ganze Stimmung gibt. Weigl zum Beispiel mit dem gequetschten, wienerisch breitgedrückten »ei«, so daß es sich anhört wie ein wohliger Schnaufer. Oder Gschwandner … was ja wie ein Walzertakt schleudert. Nichts aber hört sich so behaglich an wie Stalehner mit diesem offenen, ein wenig frechen und gellenden Wiener a der ersten Silbe und dem Schleifen durch die Nase der beiden anderen: »lehner«. Behaglich und leichtsinnig.
Wir kennen den Namen jetzt schon über hundert Jahre. Und es sind viele, viele Wiener Früchteln und Wiener Kinder beim Stalehner draußen berühmt geworden. Die einen durch ihren Gesang, durch ihr Kunstpfeifen und durch ihren Mutterwitz, die anderen durch ihre Freigebigkeit, durch ihr »Aufdrahn« und durch ihr Trinken. Vom Standpunkt des Schanktisches aus muß man schon sagen: es war eine große Zeit. Aber, wer denkt denn heute der fröhlichen Schar! Weiß jemand noch was von der Judenpeppi, die so besonders talentvoll gepascht hat, wenn der Gruber das picksüße Hölzel spielte? Man weiß ja auch vom Gruber nichts mehr. Lieber Gott, es gibt so viele Gruber. Und diese beiden, der Meister auf dem Picksüßen und die Judenpeppi, haben in den fünfziger Jahren gelebt.
Vor ihnen mag es in dieser Heurigenseligkeit noch andere Götter gegeben haben. Aber sie sind vergessen und verschollen, wie man des Weins, nachdem man ihn genossen hat, vergißt. Der Boden hier ist reich. Er gibt in jedem Jahre eine neue Lese; und in jeder Generation neue Originale. Weinstöcke und Menschen, in denen die Kraft und der Übermut dieser Scholle aufgesammelt waren, sind hier herum immer frisch nachgewachsen. Derart ist ja denn auch der Anfang gewesen, daß der erste Stalehner ein Weinbauer war, der da draußen in dem winzigen Dörfchen Hernals das Leutgeben hatte, und alljährlich, wenn seine Trauben gekeltert waren, den Buschen aussteckte. In ihren kleinen, niedrigen Häuseln saßen sie dort nebeneinander, am Ufer des Alsbachs, der damals noch in seinem offenen grünen Bett zum Stroheck hinunterfloß. Zum Stalehner gingen dann die Harfenisten und Natursänger, die feschen Mädeln, die sich aufs Paschen verstanden, und die Fiaker brachten dort ihre Kavaliere hinaus, um ihnen draußen zu zeigen, daß sie nicht nur kutschieren, sondern auch dudeln und – trinken können.
So ist nach und nach der Stalehner die Grenzstelle geworden, an der sich die Blüte des Wiener Hochadels mit der Weinblüte des Wiener Volkes begegnete, die Grenze, an der sich beide in sanfter, singender Berauschtheit einander vermählten. Der Stalehner war die Stätte, an der die gräflichen Instinkte unserer Fiaker und die fiakerischen Triebe unserer Grafen einander in die Arme sanken. Es war, wie gesagt, eine große Zeit.
Wir wissen ja nichts mehr von den fünfziger Jahren. Da könnte sich ein Lokalchronist einmal ein Verdienst erwerben, wenn er die Geschichte des Hauses Stalehner erforschen und aufschreiben wollte. Tut er es nur halbwegs gut, und wird vom verjährten Weindunst, der ihm aus den vergangenen Zeiten aufsteigt, nicht betäubt, so daß er nun etwa selber in Duliähgejauchz ausbricht, dann muß ihm ein lebensvolles, farbiges Spiegelbild der Stadt Wien gelingen. Unser Erinnern weiß nur von dem Rausch der achtziger Jahre, jener Zeit, in der unsere Prinzen noch fröhlicher waren. Vom Glanz der Fiakermilli und der Turfkarolin, die zwischen der Freudenau und den Stalehnerischen Gefilden einst hochberühmt gewesen sind. Vom Bratfisch, der letzten romantischen Gestalt unter den Fiakern. Und daß der Ziehrer draußen die ersten Erfolge hatte, mit seinen ersten Walzern, in denen ja ein Echo von jenem hernalserischen Händeklatschen leise wiederklingt.
Hernals … Wenn man von der Laimgruben bis zum Liechtental, und im weiteren Bogen von der Schwarzen Westen bis zum Krottenbach die verschiedenen Abschattierungen der Wiener Art betrachtet, wird man finden, daß Hernals etwas Besonderes ist: ein herbes Wienertum, weniger lyrisch, dafür aber unbändiger, mehr ins Randalierende und kreischend Grelle. Weniger anmutig und sanft, sondern von ausfahrenden Temperamenten feuriger und wilder gemacht. Es ist die Stelle, an der sich die Wiener Art zum Proletarischen absenkt, die Stelle, an der sie am leichtesten und am häufigsten verpöbelt. Es ist der Boden, auf dem die Schalanthers wachsen.
Gerade dieser Schalantherboden aber bringt die Menschen hervor, die den absoluten Willen zur Freude haben. Ihr Talent zum Vergnügen ist so groß, daß es alle anderen Gaben in ihnen aufsaugt. Der Leichtsinn in ihnen ist so stark, daß er sie dauernder berauscht als der Wein, den sie trinken; daß er ihnen glänzender und täuschender als der Wein die Sorgen des Daseins und seinen Ernst verhüllt. Die wienerische Fähigkeit, lustig zu sein, wird nirgendwo mit solcher Heftigkeit geübt wie hier, so entschlossen, so über alle Ursachen hinaus, und mit einer solchen Zuversicht in die altwienerischen Ausdrucksmittel des Fröhlichseins: Händeklatschen, Singen, Schnalzen, Pfeifen. Diese Hernalser Gegend, die nicht so anmutig ist wie andere Wiener Gegenden, die auch nicht anmutig war, als man noch vom Stalehner bis zu der Kirche mit dem Kalvarienberg hinsehen konnte, und der Blick nur Felder, Felder, Obstgärten und Weingelände überschaute, diese Gegend hat doch immer etwas Anlockendes gehabt: ihre kleinen Heurigenstuben, ihre Wirtshausgärten, in die man einkehrte auf der Wanderung zum Dornbacher Wald hinaus, oder auf dem Heimweg von dort in die Stadt zurück. In diesen winzigen verrauchten Stuben und in diesen primitiven Gärten war die singende, jauchzende Verführung. Dort lockte der Wein, den die Bauern zogen, dort der Gesang der Burschen, und dort die freigebige Üppigkeit der Weiber. In Grinzing, in Heiligenstadt, am Fuß des Nußberges gab es von jeher und gibt es noch immer Heurigenschenken, zu denen die Leute pilgern. Aber solch einen Schwung hat die Sache niemals gehabt. Solch einen Schmiß, daß die Nobelwelt herankarossiert kam, um sich aus dem Urwuchs des Volkstümlichen aufzufrischen und aufzufärben, hat es auf die Dauer nur beim Stalehner in Hernals gegeben.
Steht man vor dem Stalehnerhause, dann merkt man von außen schon, daß seine Zeit erfüllt ist. Das neue Niveau der Straße, die hier vorbeiführt, die nicht mehr nach dem Alsbach heißt, sondern nach dem ausgestorbenen Grafengeschlecht der Jörger, das hier in Hernals einst reich begütert gewesen ist, das Niveau dieser Straße hat man längst gehoben, und nun scheint es, als wäre das Stalehnerhaus sachte in die Erde versunken. Inwendig hat es den veralteten Reiz eines nach und nach adaptierten Vergnügungsnestes, hat diesen alten, immer ein wenig schmutzig aussehenden, immer von alkoholischen Kellerdünsten erfüllten Hof. Der langgestreckte Garten wurde zur Hälfte verbaut. Da ist ein Ballsaal aufgeführt worden, und den muß man durchschreiten, ehe man zum Garten und zur Sommerbühne kommt. All das ist vorstadtmäßig verschachtelt, ineinander verschränkt, Winkelwerk, malerisch und heimlig. All das zeigt den langsamen, Jahrzehnte währenden Aufschwung des Hauses, all das erzählt hier von dem immer mehr und mehr wachsenden Zulauf, von dem immer mehr steigenden Menschenandrang, dem Raum geschaffen werden mußte und Unterkommen. All das hier spricht von einer bedächtigen und langsam wienerisch-schlendernden Unternehmungslust und von einem stetig sich häufenden Wohlstand. Diese Gastzimmer, dieser Ballsaal, diese Gartenbühne zeigen vorstadtmäßige Begriffe von Luxus, Ausstattung und Eleganz.
Und da haftet nun die Fröhlichkeit, der Leichtsinn, die Debauche und der Übermut von drei, vier Generationen an diesen alten Wänden. Diese alten Zimmer, in denen der Weingeruch säuerlich geworden ist, haben die gutgelaunten Stunden von drei, vier Generationen mit angeschaut. Haben das Jauchzen von jungen Mädchen gehört, die heute längst dahin sind, wie die Blätter vergangener Sommerszeiten. Sie haben die naiven Kunststücke und die verführerischen Gemütlichkeitskniffe von drei, vier Fiakergenerationen mit angeschaut, haben den Gesang vernommen, der es hier jahrzehntelang allabendlich zur Decke hinaufschmetterte, daß der Wiener nicht untergeht, daß wir keine Traurigkeit nicht spüren lassen; und ein feiner Widerklang des einst so zwingenden Estam-tam scheint hier noch nachzudröhnen. Während man hier umherwandert, erwachen viele alte Wiener Lieder, die von diesen Räumen aus durch die ganze Stadt fegten, Lieder, deren Melodie schmeichlerisch war und schmiegsam, schaukelnd und wiegend, Lieder, die von Sorglosigkeit, von weinseligem Glück, von auftrotzendem Was-liegt-denn-dran-Humor sangen. Wenn man hier umhergeht, fühlt man sich angehaucht vom leichten Atem wienerischer Harmlosigkeit, von einer weichen, hinschmelzenden Güte, die an sich selbst kaput geht. Aber auch von einer erotischen Glut, die hier ins Toben kam, von einer Lebenskraft, die hier Betäubung suchte. In diesem Saal rauscht es noch von Walzern. Aber anders, wilder, trunkener als in dem Hietzinger Dommeyersaal, der ja jetzt auch bald verschwindet. Dort draußen in Hietzing, wo die ersten Lanner- und Straußwalzer geboren wurden, liegt über der Kaiser Franz-Architektur des Saales ein merkwürdiger, stiller Glanz von Vornehmheit. Hier eine Stimmung von süßer Pöbelei. Hier stampfte die Orgie der Fiakerbälle und riß junge Vorstadtmädchen und routinierte Ringstraßenkokotten, Hausmeisterburschen und Edelknaben, Fiaker und Prinzen in ihrem Wirbel mit sich fort. »Beim Gschwander, Stalehner … da lernt ma si kehner …«
Schluß mit Jubel. Was da draußen war, ist wenigstens echt gewesen, ist organisch dem Erdreich entwachsen, und hatte die innere Notwendigkeit alles dessen, was auf natürliche Weise entsteht. Was da draußen war, ist mit der Erinnerung an fröhliche Wiener Tage innig verknüpft, ist dem wehmütigen Gedächtnis an die sprühende Jugendlaune der Kronprinzenzeit innig gesellt, ist vielleicht für lange, lange Jahre das letzte Kapitel wienerischer Leichtherzigkeit. Mit der Zeit freilich kam von außen manches falsche Element hinzu. Es kam die Nachäfferei, die das Ursprüngliche sich anschminken möchte, seine Farben fälscht und übertreibt. Es kam der Snobismus. Denn auch einen Stalehner-Snobismus hat es gegeben, der sich in die Manieren fiakerischer Lebenslust hineinschmiß und sich drin rekelte, wie er sich in die bequemen Polster unserer Fiakerwagen hochnasig hineinschmeißt und sich darin spreizt. Es kam auch die korrumpierende Wirkung, daß die »schlichten Leute aus dem Volk« da draußen ihre Schlichtheit mit Affektation zur Schau stellten, daß sie ohne Naivität ihre Urwüchsigkeit posierten und also, gleich den Schlierseer Bauern, auf eine nicht mehr ganz frische, nicht mehr ganz ursprüngliche Art die Komödianten ihrer eigenen Natur wurden. Schluß mit Jubel. Das alte Stalehner-Wirtshaus hat uns die ins Hernalserische gerückte Weltanschauung der Wiener dargestellt, wie uns der Stelzer in Rodaun die kalksburgisch gefärbte Wiener Weltanschauung bietet. Das alte Stalehner-Haus ist ein Stück Geschichte, ein Stück Kultur von Wien, war eine Charaktereigenschaft dieser ewig-anmutigen Stadt, die aber doch in ihrem Wesen mehr ist als immer nur fidel und lustig, wie manche Leute glauben oder glauben machen wollen.