36. Carolanen (Carolanos).

Der Name dieses Stammes wird nur von Diaz Arenas erwähnt, nach welchem sie 1848 auf der Insel Negros in der Kopfzahl von 2322 in dem Gebirgszuge lebten, der sich von der Hauptstadt gegen Cauayan hin ausdehnt. Wahrscheinlich ist diess nur ein besonderer Name für einige Horden von Visayer-Heiden.

37. Visayer (Visayas)[24].

Die Visayer bewohnen alle jene Inseln, welche südlich von Luzon, Masbato, Burías, Ticao und Mindoro und nördlich von Borneo, Sulu und Mindanao liegen. Auf letzterer Insel wird von ihnen auch die ganze Nord- und Ostküste bewohnt, jedoch streng genommen nur an der Küste. Im südlichen Theile von Palawan (Paragua der Spanier) scheinen andere Malaien bereits zu wohnen.

Die Visayer-Sprache zerfällt in die Dialekte von Cebú, dem eigentlichen Visayer-Dialekt und jenem, der auf der Gruppe der Calamianen und Cuyos-Inseln gesprochen wird. Eine Unterabtheilung des Visayer-Dialektes sollen wieder der Dialekt von Süd-Panay, das Panayano, ferner der Dialekt von Capiz sein, doch widersprechen sich da die Nachrichten, und da ich der Visayer-Sprache unkundig, so will ich darüber hinweggehen. Nach ihren Sitten und Bräuchen zerfallen sie in die eigentlichen Visayer, in die Caragas und Calamianen incl. Coyuvos.

a) Visayer im engeren Sinne des Wortes. Diese bewohnen die Inseln Panay, Romblon, Tablas, Masbate (sporadisch neben den Vicols), Negros, Cebú, Bóhol, Sámar, Leyte, den Surigao-Archipel und die Landschaft Dapitan der Provinz Misámis auf der Nordküste von Mindanao. Auf dem übrigen Theil der Nordküste von Mindanao (Misámis, Iligan, Cagayán und Butnan) wohnen zwar auch Visayer, aber sie sind mit den eingeborenen Stämmen sehr stark vermischt, doch bleibt ihre Sprache dort die herrschende. Am Meerbusen von Davao sind viele Visayer angesiedelt, welche die Spanier seit dem Jahre 1848, wo sie jenes Land occupirten, dorthin gebracht haben. Die Visayer sind nicht so weit im Archipel verstreut, wie die intelligenteren Tagalen, doch finden sich welche, meist Fischer, selbst auf den Babuyanen, besonders auf Camiguin[25] (Mas, pobl. 42). Die Visayer der Küstendistricte sind alle Christen und civilisirt, im Innern dieser Inseln leben sie aber als halbwilde Heiden, welche von jenen Visayern abstammen, die sich den Spaniern nicht unterwerfen wollten, und welche durch Remontados immer neuen Zuschuss erhielten und zum Theil noch erhalten. Ich werde zunächst mich mit den Christen befassen.

Die Visayer waren zur Zeit der Conquista bereits ein civilisirtes Volk, das, entgegen den Ansichten der modernen spanischen Schriftsteller, welche ohne auf die ursprünglichen Quellenwerke zurückzugehen, über die Geschichte der Philippinen Essays schreiben, einen noch höheren Grad von Cultur besass als die Tagalen. Borneo, Mindanao und den Molukken näher gelegen als die Tagalen, standen sie auch mit diesen Ländern in regerer Verbindung, und diese mag auch die Ursache sein, dass ihr Typus dem der eigentlichen Malaien sich mehr nähert, als jenem der Tagalen. Im XVI. und XVII. Jahrhundert wurden sie von den Spaniern Pintados genannt, weil sie ihren Körper zu bemalen pflegten. Sie nahmen ohne besondere Schwierigkeiten das Christenthum an und halfen mit ihren Kriegern den Spaniern die Tagalen unterjochen.

Ihre Hütten sind nach demselben Modell gebaut, wie jene der Tagalen, dagegen unterscheiden sie sich von letzteren durch Tracht und Gewandung. Während die Tagalen das Haar verschneiden, lassen auch die Männer bei den Visayern das Haar lang wachsen (Buzeta I, 242). Die Frauen tragen keinen Tapis, sondern nur die aus grobem aber durchscheinenden Guinara-Zeug verfertigte Saya und die kaum die Brüste bedeckende Camisa (Jagor, Reisen 188). Um das Haar schlingen die Frauen ein Stück Zeug (Buzeta, l. c.). Sie bauen alle Getreidesorten und Culturpflanzen, die auf Luzon cultivirt werden, Reis insbesondere auf Panay, Zucker auf Cebú, Bóhol, Negros, vorzüglichen Cacao auf Cebú, Tabak auf Cebú und Bóhol, Mais auf Cebú, Abacá auf Leyte, Kaffee in der Provinz Misámis auf Mindanao. Viel stärker als auf Luzon wird auch rother Pfeffer cultivirt, da die Visayer damit alle ihre Speisen, besonders aber die Morisqueta, stark würzen (Buzeta I, 33). Cocospflanzungen sind überall, Viehzucht wird lässig betrieben. Sie sind noch eifrigere Fischer als die Tagalen, der Fang von Trepang („Balate”), der hier häufigeren Manatis und Schildkröten liefert ihnen reichen Gewinn, desgleichen das Suchen der Schwalbennester (Buzeta, Mas, Semper, Cañamaque, Cavada a. v. St.).

Von den Tagalen unterscheiden sie sich unangenehm durch ihre Unreinlichkeit (Jagor 188) und durch ihre Trunksucht (Cavada a. v. St.). Ihre alte Religion glich in vielen Punkten jener der Tagalen, auch sie kannten den Ahnencultus, nur wurden die Nonos und Anitos der Tagalen und Nord-Luzonier hier Diuatas oder Divatas genannt. Sie besassen Idole, Liche oder Laravan mit Namen. Ihre Priesterinnen hiessen Babaylanas, neben diesen waren auch Priester. Selbst unter den Christen erhielt sich der alte Glaube insgeheim, 1797 noch entdeckten die Mönche in dem seit der Conquista christlichen Pueblo Sibalon auf Panay (Provinz Antique) 180 Babaylanas (Buzeta I, 300). Selbst unter den Cabezas de Barangay auf Sámar gab es 1648 heimliche heidnische Priester (Tanner III, 544). Auch bei den Visayern war das Schwein das bevorzugte Opferthier.

In den Zeiten der Conquista herrschte bei den Visayern die Polygamie. Das Christenthum beseitigte diese, nicht aber die grenzenlose Unsittlichkeit und Unzucht, über welche alle älteren Schriftsteller schauderhafte Details berichten (man vgl. vorzüglich: Morga-Stanley 304 und Carletti 148). Auch heute ist Ehebruch ungemein häufig, um so mehr, als die Gatten keine Eifersucht kennen, und wie in den Zeiten der Conquista, geben sich die Frauen viel leichter preis und sind auch viel geiler als die Mädchen (Jagor, Reisen 236). Der Freier dient, ähnlich wie bei den Tagalen es vordem häufiger üblich war, 2–5 Jahre dem Vater seiner Braut umsonst, ehe er diese als Gattin heimführt (Jagor 235). Francisco Cañamaque (Fil. 186 f.) beschreibt die Brautwerbung wie folgt: Der Freier geht mit einem angesehenen Manne seines Dorfes zu den Eltern seiner Auserwählten, und beide fragen letztere, ob sie zur Eheschliessung geneigt ist, worauf sie mit Ja antwortet. Das Herkommen erfordert es, dass die Braut hierbei des Leides gedenkt, das ihr die durch die Ehe nöthig werdende Trennung von den Eltern verursachen müsste. Die letzteren pflegen, selbst wenn sie wohlhabend sind, dem Freier zu erklären, sich wohl Alles zu erwägen, denn ihre Tochter habe kein Vermögen, besitze keine Kenntnisse und sei überdiess recht albern. Der Freier und sein Genosse wiederholen aber die Werbung immer von Neuem, bis der Vater einwilligt. Ist diess geschehen, so fangen die vor der Thüre versammelten Freunde des Freiers an, Raketen steigen zu lassen und Musikinstrumente zu bearbeiten, andere gehen in das Haus hinein, überreichen süsse Bäckereien, Tabak, Buyo &c. Nach der kirchlichen Trauung durcheilt die junge Frau, begleitet von Freundinnen, die Gassen des Dorfes, um alle Verwandten und Freunde zu einer Chocoladegesellschaft (mit Tanz und Gesang) einzuladen. Wenn die Jungfräulichkeit der soeben Getrauten über allem Zweifel erhaben ist, so tanzen die beiden Gatten zusammen einen Tanz, worauf die geladenen männlichen Gäste eine grosse Anzahl von Töpfen und Schüsseln, welche aber noch nie gebraucht worden sind, zu den Füssen des Paares zerbrechen und hinwerfen. Bei dem Hochzeitsmale essen zuerst die Frauen, nach diesen die geladenen Männer und dann erst die zum Hause Gehörigen, wobei die Sitte erfordert, dass jedes Mal ganz neue Gerichte auf den Tisch oder, richtiger gesagt, auf die über den Boden gelegte Matte, aufgetragen werden, selbst wenn grosse Speisequantitäten von der vorhergehenden Tafel übrig sind. — Die Ehen sind sehr fruchtbar, man zählt oft 12 bis 13 Kinder in einer Ehe, doch ist dafür auch die Kindersterblichkeit eine grosse (Jagor, Reisen 236).

In ihren sonstigen Bräuchen und Sitten weichen sie nicht sehr von den Tagalen ab. Ihre Todten begruben sie in den Zeiten ihrer Unabhängigkeit, ähnlich wie die Igorroten, in Höhlen, das hat natürlich unter dem Christenthum aufhören müssen. Wie die Tagalen feiern auch die Visayer ein neuntägiges Todtenfest, das am letzten Tage in einer eigenthümlichen Weise seinen Abschluss findet. Der beste Theil des Hauses wird schwarz ausgeschlagen und eine Art Thronhimmel in demselben errichtet, auf dessen Hintergrund 10 bis 12 Todtenköpfe gemalt oder solche aus Papier ausgeschnittene befestigt werden. Dann wird unter diesem Thronhimmel ein Katafalk aufgerichtet, der mit allen Heiligenbildern, die die Verwandtschaft der verstorbenen Personen auftreiben kann, beklebt wird. Um 8 Uhr Abends halten dann die Hinterbliebenen das letzte Gebet für den Verstorbenen ab, was eine halbe Stunde in Anspruch nimmt, worauf das Haus für alle Eintretenden geöffnet wird. Speisen und Getränke stehen Jedem in reichlicher Fülle zur Verfügung. Ist der Magen der Anwesenden befriedigt, so werden von den Anwesenden improvisirte Coplas gesungen, deren Inhalt mit dem Todesfalle in gar keinem Zusammenhange steht, sondern sich meist um Schlachten oder fröhliche Dinge dreht. Diese Coplas werden nach einer durch eigenthümliche Regeln geordneten Weise, ähnlich wie bei dem deutschen Pfänderspiel „zusammengesetzte Hauptwörter”, von Burschen und Mädchen gesungen, welche als Theilnehmer dieses Spieles bellacos und bellacas[26] heissen, der Anführer des Chors heisst: Dueño de Jato[27] und das Spiel selbst Duplo[28] (Cañamaque, Fil. 180–185).

Ihre Industrie beschränkt sich hauptsächlich auf Herstellung von groben Sinamay- und Nipis-Zeugen (Diaz Arenas 291). Einen besonderen Ruf geniessen die wunderbar feinen Piña-Gewebe, bei deren Herstellung Fenster und Thüren fest verschlossen bleiben müssen, da der geringste Luftzug hinreicht, die zarten Fäden zu zerreissen (Buzeta I, 211). Die Ausfuhr von Geweben aus Ananasfasern wird denn auch in dem einzigen Hafen Ilo-ilo allein auf 1 000 000 Dollar geschätzt (Jagor 241). Die beste und feinste Piña wird in Antique gearbeitet (Scheidnagel 127). Durch Gährung wird aus den Cocosnüssen ein stinkendes Öl mit Namen aceite de caracoas oder mabajon lañgis bereitet (Buzeta I, 31), welches in grossen Massen ausgeführt wird. Bei der Ölgewinnung geht man sehr nachlässig vor (Jagor, Reisen 214). Sonst sind noch als Exportartikel der Visayer-Industrie Stöcke und Messergriffe aus Horn erwähnenswerth (Scheidnagel 128).

Das Innere aller der von Visayern bewohnten Inseln ist von „wilden” Visayern, „Infieles, Montesinos, Cimarrones” der Spanier bewohnt. Diese stammen sämmtlich von Flüchtlingen ab, welche vor dem Christenthum und der spanischen Herrschaft in die Wälder flohen. Sie sind meist gutmüthiger Natur und beginnen allmählich, ihren Nacken unter das spanische Joch zu beugen, obwohl trotzdem noch Jahrzehnte verfliessen werden, ehe die Spanier Herren der Binnenlandschaften der Inseln werden, deren Küstensaum sie beherrschen.

b) Calamianen. Die Calamianen bewohnen den gleichnamigen Archipel und den nördlichen Theil von Palawan oder Paragua, die von ihnen fast gar nicht verschiedenen Coyuvos die kleine Inselgruppe von Cuyo. Die sogenannten Agutainos bilden die nördliche Hälfte der Coyuvos. Die Calamianen sind dunkler gefärbt als die übrigen Visayer und haben etwas krauses Haar (Waitz V, 98; nach Mallat I, 335 und Crawfurd), was auf eine Beimischung von Negritoblut hindeuten würde. Ihre Gesichtszüge sollen einen wilden Ausdruck besitzen (Bastian V, 274). Sie bauen Reis, Cacao, Kaffee, Baumwolle und Pfeffer, aber Alles in so geringen Quantitäten, dass nicht einmal der heimische Bedarf damit gedeckt wird (Buzeta I, 452). Desto eifriger wird Fischfang getrieben (Cavada II, 21; Scheidnagel 45), besonders aber die Balate- oder Trepangfischerei; die Calamianen sind auch die eifrigsten und gewandtesten Sucher der essbaren Schwalbennester, weshalb ihre Länder als der Hauptsitz des Schwalbennesterhandels anzusehen sind (Buzeta I, 41; Cavada II, 21). Der Handel mit dem von den Wilden aus dem Gebirge eingetauschten Wachs und Honig wird eifrig betrieben. Sie werden als abergläubisch, indolent und faul geschildert, das „Remontarse” ist unter ihnen besonders häufig (Cavada, l. c.). Industrie existirt kaum dem Namen nach und beschränkt sich nur auf weibliche Webearbeiten.

c) Caragas. Die Caragas bewohnen die Ostküste von Mindanao vom Cap Surigao bis zum Cap S. Augustin. Sie gehören zu dem kriegerischsten Stamme der Visayer, ihre wilde Tapferkeit machten sich die Spanier in jenen grossen Kriegen zu nutze, welche sie im XVII. Jahrhundert gegen die Holländer und die Sultane von Buhayan, Mindanao und Sulu führten. Von ihrem kriegerischen Wesen zeugt die noch zu Ende des XVII. Jahrhunderts übliche Sitte, dass wer von ihnen sieben Menschen getödtet hatte, das Recht erhielt, einen rothen Turban zu tragen. Dieser Turban führte den Namen Bajacho. Natürlich hat diese Sitte seit lange bereits aufgehört. Die heutigen Caragas, seit drei Jahrhunderten Christen, unterscheiden sich jetzt wenig von den übrigen Visayern. Ihr Hauptnahrungszweig ist die Fischerei, dann erst der Reisbau; Industrie gering.