Die Anamnese.
Otto Weininger ist am 3. IV. 1880 als das zweite Kind eines Kunsthandwerkers zu Wien geboren. Der Vater ist ein auffallend begabter, gebildeter und vielseitiger Mann, der nach seiner Angabe sich mehr mit seinen Kindern beschäftigte, als gewöhnlich vorzukommen pflegt. Er giebt an, dass sich in Weiningers Ascendenz keine Fälle geistiger Störung befunden hätten, soweit er zurückdenken könne. Das ist natürlich cum grano salis zu nehmen. Nichts ist unzuverlässiger als eine Hereditätsanamnese, selbst die im besten Glauben von Laienseite gemachte; als Jude hat Weininger jedenfalls das eine voraus, dass er einem Stamme angehört, der nach Charcot „das Vorrecht zu besitzen scheint, alles was man sich von Neuropathien vorstellen kann, in höchster Ausbildung zu zeigen.“
Die lebenden Geschwister Weiningers, es sind vier, sollen geistig und körperlich gesund sein; zwei starben an Diphtherie resp. Blinddarmentzündung. Weininger kam ohne Kunsthilfe nach normal verlaufener Schwangerschaft zur Welt. Der Vater giebt an, die körperliche Entwickelung sei eine vollständig normale gewesen; „man konnte ihn eher zu den kräftigeren Kindern zählen. Mit vierzehn Monaten sprach er in höchster Deutlichkeit sein Deutsch, wozu er allerdings im Hause gut angehalten wurde. Er zeichnete sich bald durch geistige Frühreife aus, aber nicht im Sinne der Altklugheit.“ „Mit fünfzehn Monaten ging er sicher allein fest auf den Beinen. In der Volksschule machte er sich den Lehrern oft unangenehm durch einen seinem Alter weit vorauseilenden Wissensdrang und sogar schon durch Bethätigung desselben auf Gebieten, die ihm fernab hätten liegen sollen; auch übte er zuweilen Kritik an den Äusserungen seiner Lehrer. Er erhielt gute Noten, meist sehr gut; nur in der Sittennote war er selten der erste, weil er sich in den Unterrichtsgegenständen der Disziplin nicht fügen und seinen eigenen Weg gehen wollte.“ In den Jahren 1890-1898 besuchte er das Gymnasium. Auch hier war er stets einer der Besten, in Sprachen stets der Beste, ebenso in Geschichte, Litteratur, Logik und Philosophie. „Und doch machte er sich fast sämtlichen Lehrpersonen missliebig; es gab sogar zwei- bis dreimal heftige Auftritte in der Schule. Er machte die Arbeiten stets wie er, selten wie die Lehrer wollten, kümmerte sich manchmal nicht um den Unterricht, sondern ignorierte ihn und beschäftigte sich mit seinen Büchern, schrieb auch in der Klasse, was gar nicht im Zusammenhang mit dem Gegenstand des Unterrichtes war.“ Zum Verdrusse des Vaters bewies der junge Gymnasiast ferner „eine gewisse Geringschätzung für die geistige und wissenschaftliche Kapazität einiger seiner Professoren und das brachte ihm schlechte Sittennoten ein, wiewohl er eigentlich „Sittenloses“ sich nie weder in der Schule noch später zu schulden kommen liess. In Französisch, Englisch und Spanisch wusste er enorm viel.“ Diese drei Sprachen erlernte Weininger bei seinem Vater. Er überraschte diesen durch die ungeheuere Leichtigkeit seiner Auffassung und durch sein erstaunliches Gedächtnis, obwohl der Vater ausdrücklich von sich bemerkt, dass er für ziemlich streng und anspruchsvoll gelte. Für Naturwissenschaft und Mathematik hatte Weininger in seinen Gymnasialjahren wenig Interesse, daher auch weniger gute Noten; erst in den Universitätsjahren erwachte auch für diese Gegenstände grosse Neigung in ihm.
Im Oktober 1898, in einem Alter von 18½ Jahren, bezog er die Universität Wien; er war ausschliesslich in Wien immatrikuliert.
Als Kind und Knabe soll Weininger keine Abweichungen in seinem Verhalten von dem seiner Altersgenossen gezeigt haben. „Sein Verhalten gegen die Mitschüler wich nicht sonderlich von der allgemeinen Gepflogenheit ab. Mit zweien oder dreien pflegte er in der Klasse intimeren Verkehr zum Gedankenaustausch und diese waren auch seine Freunde. Er nahm als Knabe in ganz normaler Weise an den Spielen seiner Kameraden teil. Nur mit seinen Büchern isolierte er sich gern. Aber er verschmähte in der Schule und besonders im Untergymnasium nie die Teilnahme am Spiel. Im Obergymnasium allerdings wurde das seltener. Bis zu seinem 21. Lebensjahre betrug er sich gegen seinen Vater und seine Geschwister nicht abweichend von anderen Kindern und jungen Menschen seines Alters; doch machte er Unterschiede und fühlte sich mehr angezogen von den strengen, verlässlichen Charakteren seiner Geschwister und abgestossen von den schwächlichen Charakteren unter ihnen.“
Den Verhältnissen seines Vaters, der, wenn auch gut situiert, doch nicht über Reichtümer verfügte, trug der Sohn stets Rechnung; der Vater erzählt, dass er mit Ausnahme seiner Ausgaben für Bücher sehr sparsam gewesen sei. Dem Vater scheint er schwärmerisch zugethan gewesen zu sein. „Ich vernichtete aus seinen letzten Schriften ein Blatt,“ schreibt der Vater, „das zu meiner Verherrlichung dienen sollte.“ Nach Schopenhauerschem Vorbild. Schade, dass es vernichtet ist. Grosse Verehrung soll Weininger auch für seine älteste Schwester gehegt haben; erst während der letzten zehn Monate seines Lebens sei eine Abkehr auch von ihr eingetreten. Der Vater schiebt dieselbe auf äussere, fremde Einflüsse; sie wird sich aber wohl folgerichtig erklären aus der geistigen Verfassung Weiningers, wie später gezeigt werden soll.
Im Sommer 1900 äusserte Weininger seinem Vater gegenüber, dass er zum Christentum übertreten wolle. Der Vater war damals absolut nicht damit einverstanden. „Damals war von christlichem Sinn bei meinem Sohn keine Rede und ich hielt dafür, dass er aus materiellen Interessen Konvertit werden wollte,“ sagt der Vater und fährt fort: „hätte ich damals Spuren der herrlichen Wandlung (!) entdeckt, die er später durchmachte, ich wäre dem Gedanken ganz versöhnlich gegenübergestanden, wie es thatsächlich der Fall war, als ich im Sommer 1902 den Religionswechsel erfuhr, also fünfzehn Monate vor seinem Tode, und nie liebten wir einander mehr als diese fünfzehn Monate.“ Am 21. VII. 02, dem Tage seiner Promotion, war Weininger nämlich zum Protestantismus übergetreten. Der Vater erfuhr den Übertritt nachträglich. Im September 1901 bereits hatte Weininger das elterliche Haus verlassen und in der Stadt ein Zimmer für sich bezogen; er kam von da ab nur zwei- bis dreimal wöchentlich zu den Mahlzeiten nach Hause. Die „herrliche Wandlung“ hatte sich also nicht so eigentlich unter den Augen des Vaters abgespielt und sind die Angaben desselben über die letzten zwei Lebensjahre seines Sohnes zwar in gutem Glauben gemacht, aber deutlich einer bestimmten Absicht unterworfen und hypothetisch. Der Vater hält Dinge in den beiden letzten Jahren für unmöglich, nur weil er in den vorhergegangenen keine ähnlichen Wahrnehmungen gemacht hatte.
Für geselligen Verkehr scheint der Student Weininger keinen Sinn gehabt zu haben; der Vater berichtet darüber: „Etwa ein Jahr, vom 20.-21. Jahre, verschmähte er auch nicht, einen Abend bei einem oder zwei Glas Bier im Gasthaus mit Freunden zuzubringen, begleitete sogar drei- oder viermal Mutter oder Schwester (weil ich für derlei Dinge nicht zu haben war) zu Tanzkränzchen. Er schämte sich dessen später und als ich ihm einige Tage vor seinem Tode eine stilistisch verbesserungsbedürftige Stelle in seinem Werke bezeichnete, sagte er: „Du hast Recht, Vater; ich schrieb dies, als ich tief stand,“ mit direktem Hinweis auf jene Epoche.
Über das sexuelle Leben seines Sohnes versucht der Vater ebenfalls nach Möglichkeit Aufschluss zu geben; man muss sich aber hier vor Augen halten, dass Weininger zwei Jahre fern vom Vater lebte und dass es überhaupt wohl wenig Väter geben wird, die von ihren jungen Söhnen zu Vertrauten des sexuellen Empfindens derselben gemacht werden. Der Vater will keinerlei sexuelle Abnormität am Sohne wahrgenommen haben; er sagt: „Ich schreibe, was er mir selbst diesbezüglich sagte und zu einer Zeit, wo er schon von ausserordentlicher Wahrheitsliebe durchdrungen war (!).“ Er glaubt, dass sein Sohn erst sehr spät, etwa mit zwanzig Jahren, in geschlechtlichen Verkehr mit Frauen getreten und dabei sehr mässig geblieben sei; auch ist dem Vater nicht bekannt, dass der Sohn je in ein Mädchen verliebt gewesen sei. „Er verkehrte gewiss mit sehr wenigen weiblichen Wesen.“ Als ihm der Vater einmal einwandte, wie er bei so geringer Erfahrung zu so vernichtendem Urteil über die Frau habe gelangen können, antwortete der Sohn, es sei ein grosser Irrtum, von der Erfahrung die richtige Erkenntnis zu erwarten. Ich möchte nach dem Inhalt der Werke und den Worten seines Freundes eher glauben, dass Weininger von Hause aus stark erotisch veranlagt war. Davon später.
Weininger war „früher gegen Untergebene stets sanft, z. B. gegen Dienstboten und Menschen von niederer Lebensstellung; gegen Autoritäten aber zuweilen aufbrausend und zornig.“ Hartherzigkeit und Geiz seien ihm fremd gewesen. Sehr interessant ist die Angabe des Vaters, dass Weininger die letzten zwei Jahre seines Lebens „von einer rührenden Demut gegen alle“ gewesen sei. „Ich hiess ihn innerlich einen Heiligen; doch war er gewiss sehr stolz auf seine Fähigkeiten, wie er überhaupt nie gelten liess, dass grosse Menschen, die Grosses geleistet hätten, bescheiden gewesen wären, höchstens nach aussen hin seien sie es gewesen.“ Mit dieser Wandlung zur Demut mag wohl die Angabe Rappaports im Zusammenhang stehen, dass Weininger keinem Bettler eine Gabe reichte, ohne den Hut zu ziehen und über keine Wiese ging, um keinen Lebenskeim zu zerstören; der Vater bestreitet übrigens die Richtigkeit dieser Angaben; vor den Lebenskeimen hat ja Weininger thatsächlich in seinen Werken keinerlei Respekt gezeigt; aber es ist wohl möglich, dass er einmal in irgend einem Gefühlsüberschwang Derartiges that.
Über die Stimmungen seines Sohnes berichtet der Vater: „Bei aller Tiefe seines Denkens war er bis zum vollendeten 21. Lebensjahre eher heiter als trübselig und nur beim Studium und Musikgenuss von grossem Ernst. Erst knapp ein Jahr vor seinem Tode verdüsterte sich sein Gemüt, aber auch nicht gerade besorgniserregend, mit Ausnahme einer kurzen Zeit im November 1902, also elf Monate vor seinem Tode, zu der ich allerdings besorgt war; es ging aber vorüber und wurde wieder viel besser, so dass ich gleichen Verlauf für jene zweite Krise erwartete.“ Leider enthält sich der Vater jeder Angabe über die Vorstellungen, die den Sohn während seiner melancholischen Verstimmung beschäftigten. Rappaport, wie ich gleich hier einschieben will, giebt an, dass Weininger schon im Herbst 1902 vor der Ausarbeitung von „Geschlecht und Charakter“ sich eine Zeitlang mit Selbstmordgedanken getragen habe, und dass das Unglück damals nur durch Zureden seiner Freunde verhindert worden sei. Diese Angabe deckt sich so mit der des Vaters, dass wohl auch die anderen bestrittenen Mitteilungen nicht aus der Luft gegriffen sind.
Im Juni 1903 gab Weininger seine eigene Wohnung auf, brachte sechs Wochen mit seiner Familie in Brunn bei Mödling zu und reiste Ende Juli nach Italien, wo er bis Ende September blieb. Anscheinend war bei Beginn der Reise schon wieder eine Depression im Anzuge; bei seiner Rückkehr am 29. IX. 03 nach Wien war er in düsterster Stimmung. Er verblieb zunächst fünf Tage im Hause des Vaters, das er am Abend des 3. X. verliess, um sich in Beethovens Sterbehaus ein Zimmer zu nehmen, in dem er dann seinem Leben ein Ende machte.
„In diesen fünf Tagen“, berichtet der Vater, „war seine Stimmung eine ausserordentlich gedrückte, aber nicht sehr abweichend von der vor elf Monaten an ihm beobachteten. Meine Frage, ob er körperlich litte, verneinte er entschieden und ich halte es für lautere Wahrheit. Ich fragte, ob er irgend eine Seelenpein durch äussere Vorgänge erdulde, etwa durch eine Beziehung zu irgend einem weiblichen Wesen; er verneinte und ich zweifle keinen Augenblick an der Wahrheit seiner Äusserung.“
Von seinem Werke „Geschlecht und Charakter“ habe Weininger dem Vater gegenüber wenig gesprochen; hie und da habe er wohl dessen Ansicht über die eine oder andere Lebensfrage eingeholt. Vollständig lernte der Vater das Buch erst kennen, als es zur Drucklegung kam und der Sohn ihn bat, ihm „hie und da stilistische Wendungen, die dem Vater missfielen, kundzugeben zur Ausbesserung.“ Der erste Teil des Buches hatte als Promotionsschrift gedient; von etwa Ende November 1902 bis Anfang Juli 1903 wurde dann das eigentliche Buch ausgearbeitet. Nach Angabe des Vaters hat Weininger an dem Werk etwa 18 Monate (den ersten Teil wahrscheinlich inbegriffen) „aber mit geradezu furchtbarem Fleisse“ gearbeitet. Er habe ordentliche Mahlzeiten sicher nur zwei- bis dreimal wöchentlich, wenn er eben zu hause ass, gehalten; sonst habe er nur das Notwendigste zu sich genommen. Er habe oft die Einnahme des Nachtessens vergessen; es sei am Morgen häufig unberührt vorgefunden worden. Über Kritiken seines Werkes habe er sich gar nicht alteriert; „er belächelte und missachtete sie. Nur die Beschuldigung von Moebius ärgerte ihn“. Moebius hatte nämlich in einer Besprechung des Weiningerschen Buches (in „Schmidts Jahrbüchern für die gesamte Medizin“. Augustheft 1903) den jungen Autor tief gekränkt, indem er nachzuweisen suchte, dass alles Tatsächliche bereits in seinem „physiologischen Schwachsinn des Weibes“ und anderen seiner Schriften enthalten sei und dass das Weiningersche Buch ihm wie eine groteske Verzerrung seiner eigenen Äusserungen erscheine; sogar der Titel sei einer Titelreihe von ihm nachgemacht. Und Weininger hatte doch ausdrücklich gegen eine Verwechslung seiner Ausführungen mit den „hausbackenen“ von Moebius von vornherein protestiert! Es kränkte ihn um so mehr, als selbstverständlich das 1901 erschienene Werkchen von Moebius grossen Einfluss auf ihn gehabt hatte. Unterm 17. VIII. 03 schrieb Weininger aus Syrakus an Moebius einen „langen, etwas formlosen Brief“ des Inhaltes, Moebius müsse entweder beweisen, was er gesagt, oder öffentlich widerrufen; er gebe ihm drei Wochen Bedenkzeit, dann werde er ihn wegen böswilliger Verleumdung gerichtlich belangen. Moebius nahm den „hingeworfenen Handschuh“, wie sich Weininger ausdrückte, in seiner Broschüre „Geschlecht und Unbescheidenheit“[2] auf, die aber sein Gegner nicht mehr erlebte.
In einem Nachtrage berichtet der Vater noch zwei sehr bezeichnende Episoden. „Ein Wiener Literat und scharfer Denker schrieb ihm (dem Sohn) von enthusiastischer Huldigung für das geniale Werk und da ich nicht durch meinen Sohn, sondern durch Zufall davon erfuhr und es ihm vorhielt, murmelte er vor sich hin: „Ich habe ein Buch für die Jahrtausende geschrieben, werde aber noch nicht verstanden“. Das sagte er alles in stiller Demut (!), trotz des ungeheuren Selbstgefühles, welches aus den Worten spricht. Im Sommer, vor seiner Abreise nach Italien, sagte er mir auch, es sei geradezu ausgeschlossen, dass ein Weib sein Buch je verstünde.“ Auf diese beiden Äusserungen können sich ja seine Freunde berufen; sie sind treffliche Beweismittel.
Körperlich habe Weininger nichts Auffallendes gezeigt; er sei immer gesund gewesen, habe besonders einen vorzüglichen Schlaf und gute Verdauung gehabt. Der Biograph Rappaport erzählt von epileptischen Anfällen Weiningers; er will selbst solche Anfälle bei Weininger mit angesehen haben; ich komme bald darauf zurück. Der Vater stellt alles, was mit Epilepsie zusammenhängen könnte, bei seinem Sohn in Abrede; er legt auch ein hausärztliches Zeugnis vor, dass dem Arzt der Familie nichts von solchen Anfällen bei Weininger bekannt sei. Er ist der Ansicht, dass der Kreis von Freunden die Epilepsie konstruiert habe, weil Epilepsie und Genie zusammengehörten; auch waren ja nach Weiningers Ansicht alle Religionsstifter, sogar Luther, Epileptiker. Der Vater schreibt: „Otto sagte z. B. zu mir und einigen Freunden, ich glaube gar, ich werde ein Epileptiker. Auf meine erstaunte Frage kam heraus, er bekäme des Nachts meist knapp vor dem Einschlafen einen Wurf, einen Schmiss, eine Sache, die jeder auch nur ein bischen Nervöse unzähligemal erfährt.“ Nicht einmal die Symptome seien vorhanden gewesen, die Epilepsie „vortäuschen“.
Als die Ursache des Selbstmordes sieht der Vater vor allem falschen Stolz an; Weininger habe nach Wiener Kaffeehausmanier Selbstmordgedanken geäussert, von seinen Freunden Abschied genommen und dann den lediglich unüberlegten, mehr renommistischen, induzierten Äusserungen die That folgen lassen, weil er sich geschämt habe, sich wieder den Freunden zu zeigen; der Mangel an Familiensinn, den Weininger gehabt habe, habe das Seinige beigetragen. Damit geschieht aber thatsächlich dem Unglücklichen meiner Ansicht nach Unrecht.
Soweit die Angaben des Vaters; sie lassen deutlich erkennen, dass er über die letzten beiden Jahre seines Sohnes nur wenig weiss. Hier sind die Angaben Rappaports von grossem Werte. Der Vater bestreitet, wie gesagt, ihre Richtigkeit, aber lediglich, weil er über mehr Kritik verfügend das Krankhafte erkennt, das diese Schilderungen überall klar zeigen, was nach der väterlichen Anschauung aber falsch sein muss, weil der Sohn nur ein Genie, kein Geisteskranker gewesen sein kann. Deshalb macht er auch dem Biographen den Vorwurf, dass dieser durch die Veröffentlichung des Nachlasses und sein Vorwort den Leuten in die Hände gearbeitet habe, die alles Geniale für irrsinnig erklärten. Der Vorwurf ist ungerecht. Es soll sich doch um Feststellung der Wahrheit handeln; und dazu sind gerade die Niederschriften Weiningers aus seiner letzten Epoche, auch wenn es sich nur um „Keime für spätere Ausarbeitung“ handelte, äusserst wichtig, wie sich zeigen wird. Rappaport berichtet über Weininger: „Von sehr grosser, hagerer Statur, ohne besondere Muskelkraft, besass er doch eine äusserst zähe Gesundheit. Seine Nerven überwandten alle Anstrengungen, wenn er auch viel Nervöses in seinem Wesen hatte, wenn er auch ein tiefes Verständnis für die Neurasthenie (!) besass. Neurasthenisch war er nicht; auch zum Irrsinn war keine ausgesprochene Disposition vorhanden. Nur (!) unter schweren Herzkrämpfen und unter epileptischen Anfällen hatte er öfters zu leiden; die ersteren stellten sich immer nach grossen psychischen Anstrengungen ein.“ Aus dieser recht konfusen Darlegung kann man leider sehr wenig Objektives entnehmen. Über die Art der Anfälle (Zahl, Vorläufer, Verlauf derselben) müsste sich Rappaport wohl noch etwas genauer äussern; auch verschweigt er ganz, wann solche Anfälle zum ersten Male in Erscheinung traten; dieselben müssten sich doch wohl erst entwickelt haben, nachdem Weininger das elterliche Haus verlassen?
Mit Bewunderung spricht Rappaport von der kolossalen Arbeitskraft, den umfassenden Kenntnissen und Interessen seines Freundes; in einer Fussnote der ersten Seite schreibt er sogar mit komischer Wichtigkeit: „Er (Weininger) hat auch einmal ein Gehirn seziert!“
Weininger war anfangs ein begeisterter Anhänger des Empiriokritizismus von Avenarius. „Den Gottesbegriff lehnte er mit Entschiedenheit ab. Aber das änderte sich bald.“ Der totale Umschwung sei durch ethische Probleme herbeigeführt worden, die Weininger zum Anhänger Kants machten und „im Laufe zweier Jahre die Metamorphose zum vollen Mystiker vollzogen“ (Jodl).
Sehr interessant ist, was Rappaport über das Verhältnis Weiningers zur Musik berichtet; das ist so charakteristisch, dass es gar nicht erfunden, nicht einmal entstellt sein kann. Weininger fühlte bei jeder einzelnen Melodie ein psychisches Phänomen, eine landschaftliche Stimmung, welche eindeutig und bestimmt dieser Melodie zugeordnet schien, so dass er von einem Motiv des Herzschlages, von einem Motiv der Willensstärke, von einer Melodie der Kälte im leeren Raum sprechen konnte. Diese Visionen waren aber keineswegs auf Gefühle und Stimmungen beschränkt; sie erhoben sich sehr oft zum Anblick der höchsten und allgemeinsten Probleme ..... so empfand Weininger „in diesem Motiv den spielenden Monismus, in jenem die resignierte Trennung vom Absoluten, in einem dritten die Erbsünde u. s. w.“ Die A-Dur-Melodie der Griegschen Peer Gynt-Suite nannte Weininger „die grösste Luftverdünnung, die jemals erreicht worden ist.“
Das fühle einmal Jemand nach.
Für Wagner hatte Weininger ursprünglich keine Zuneigung; es war dies noch in der Avenariusperiode, vor der Umwandlung; er äusserte sich sogar noch ziemlich geringschätzig über Wagner. „Aber in der grossen Umwandlung, die er etwa zwei Jahre vor seinem Tode mitmachte, änderte sich auch das gewaltig.“ Richard Wagner wurde nun für Weininger der Künstler überhaupt; warum, werde ich noch zeigen. „Am allermeisten schätzte er textlich den Parzifal“. Die ungeheuerste Wirkung übte nach Rappaport das Liebeswonne-Motiv auf ihn aus („Du Wecker des Lebens, siegendes Licht“); Weininger nannte es „die Resorption des Horizontes“.
Nach jener grossen Umwandlung seiner Persönlichkeit war Weininger allmählich auch zur Natur in ein anderes Verhältnis getreten; „alles Sinnliche wurde ihm zum Symbol eines Geistigen“, „alles Sichtbare als das Symbol einer ethischen und psychischen Realität aufgefasst“. „Sein erstes Symbol-Erlebnis war die Vision vom Licht als dem Ausdruck der Sittlichkeit; er schloss daraus, dass die Tiefseefauna die Inkarnation von verbrecherischen Prinzipien sein müsse, da sie den Aufenthalt so ferne vom Licht gewählt habe ..... Mit einer merkwürdigen Sicherheit (!) wurden da Pferd und Hund, Cypresse und Veilchen, Fluss und See, Sonne und Sterne als Symbole der Ethik erkannt ..... Es ist die alte Lehre vom Menschen als dem Mikrokosmos, die hier wieder einmal fruchtbar geworden ist.“ Der Biograph weiss auch von einem sehr starken Reisebedürfnis Weiningers zu berichten.
Im persönlichen Umgang machte Weininger, wie ich vernahm, vielen einen unsympathischen Eindruck durch sein hastiges, nervöses Wesen und sein über alle Massen grosses Selbstgefühl. Rappaport schreibt dazu: „Gutmütig im gewöhnlichen Sinne, d. h. duldsam gegen alle jene gemeinen Züge, die zum Lebensgenusse beitragen, ohne anderen Menschen direkt zu schaden, war er nicht; damit dürfte es auch zusammenhängen, dass er niemals ‚gemütlich‘ war.“
Von seinem ungemütlichen Selbstgefühl geben folgende Briefstellen vom August 1902 (an Arthur Gerber) Zeugnis: „Ich habe jetzt die Überzeugung, dass ich zum Musiker geboren bin. Noch am ehesten wenigstens. Ich habe heute eine spezifisch musikalische Phantasie an mir entdeckt, die ich mir nie zugetraut hätte und die mich mit tiefem Respekt erfüllt .... Nach vierzehnstündiger Seefahrt .. bin seefest! wie ich von mir auch nicht anders erwartet hatte. Ich glaube, durch nichts kann die Würde des Menschen so leiden, als durch die Seekrankheit. Bezeichnend genug ist, dass die Frauen alle seekrank werden.“
Wenn man das Wesen Weiningers verstehen wolle, meint sein Interprete, müsse man den Dualismus und seine Projektion auf die menschliche Psyche, das Prinzip des Gegensatzes im Bewusstsein verstehen. Es werde kaum je einen Menschen gegeben haben, bei dem der Dualismus in einem so furchtbaren inneren Kampfe unablässig zum Ausdruck gekommen wäre wie bei ihm. Weininger verstand unter Dualismus den ethischen Dualismus, dass der Mensch zum Teil von Gott, zum Teil vom Staube stamme. Die „Lehre“ Weiningers lässt sich nach Rappaport folgendermassen darstellen: „Jeder Mensch enthält etwas vom Nichts, vom Chaos, vom Teufel, der für Weininger das personifizierte Nichts ist, und etwas vom All, vom Kosmos, von der Gottheit ... Das Genie ist nicht eine Art von Irrsinn oder Verbrechen, sondern deren vollkommene Überwindung, deren grösster Gegensatz.“ Da in Weininger diese Gegensätze äusserst intensiv empfunden wurden, so musste er „einen Kampf bestehen, der an Intensität, an unablässiger höchster Gefahr vielleicht nicht seinesgleichen hatte“!! Weininger habe einmal gesagt, wenn er siege, so werde das der grösste Sieg sein, den jemals ein Mensch errungen. Diese Äusserung ist unbedingt echt; sie deckt sich mit allem, was aus den schriftlichen Äusserungen Weiningers hervorgeht.
Zur grossen Umwandlung gehörte auch geschlechtliche Enthaltsamkeit. Ein Hauptteil der „Lehre“ war nämlich, dass das Weib eine Verkörperung des Nichts und der Koitus das Sündhafteste überhaupt sei. Während Weininger von Hause aus „sehr erotisch und sehr sinnlich veranlagt war, lebte er doch in der letzten Zeit vollkommen keusch“.
Wie bereits erwähnt, hatte Weininger vor der Verwandlung den Gottesbegriff negiert; später aber war er „fest überzeugt davon, dass die Person und die Motive Jesu Christi noch niemand so verstanden habe wie er. Der Gedanke der universellen Verantwortlichkeit: alles Böse der Welt als eigene Schuld empfinden, ging ihm ausserordentlich nahe.“ Nach Rappaport war Weininger als dualistisch empfindende Persönlichkeit zugleich Verbrecher und Heiliger; Weininger selbst hat in seinen Schriften der Überzeugung Ausdruck gegeben, dass der Religionsstifter, der Heiligste, der Höhepunkt des Genies sei, weil er das grösste zu überwinden habe. Als in Weininger das Böse die Übermacht zu erlangen schien — in den Tagen der Depression —, da beging er den Selbstmord, in einem „Akt des höchsten Heroismus“, „um nicht dem Bösen zu verfallen, um nicht einen anderen töten zu müssen“. Seine verzweifelte Stimmung trieb ihn auf Reisen. Sehr charakteristisch sind die Briefe, die er an seine Freunde schrieb und aus denen ich folgende Stellen anführen will (aus der Zeit vom VIII.-IX. 1903): „Auf dem Ätna hat mir am meisten die imposante Schamlosigkeit des Kraters zu denken gegeben; ein Krater erinnert an den Hintern des Mandrill .. Zur Beschäftigung mit Beethoven rate ich Dir nur sehr; er ist das absolute Gegenteil Shakespeares und Shakespeare oder die Shakespeare-Ähnlichkeit ist etwas, worüber jeder Grössere hinauskommen muss und hinauskommt ... Die Ruinen des alten griechischen Theaters (in Syrakus), jene Stätte, wo der Sonnenuntergang unter allen Punkten, die ich kenne, am ehesten zu ertragen ist ... Sind die Pferdebremse und der Floh und die Wanze auch von Gott geschaffen? Das will und kann man nicht annehmen. Sie sind das Symbol von etwas wovon Gott sich abgekehrt hat ... aber wenn das Stinktier und der Schwefel nicht von Gott geschaffen sind, so entfällt auch das prinzipielle Bedenken beim Vogel und beim Baume: auch diese sind nur Symbole von Menschlichem, Allzumenschlichem ... Gott kann in keinem Einzeldinge stecken; denn Gott ist das Gute; und Gott schafft nur sich selbst und nichts anderes ... Alle Krankheit ist hässlich; darin liegt, dass sie Schuld sein muss ... Es steht viel schlimmer, als ich selbst vor zwei Tagen dachte, beinahe hoffnungslos ...“
Der Vater Weiningers meint mit Recht, dass ein Einsichtiger auf Grund dieser Briefe hätte ein „Alarmsignal“ geben müssen. Als Weininger in den letzten Septembertagen 1903 nach Wien zurückkehrte, war er wohl schon zum Selbstmord entschlossen. In welchem Zustande sich der Ärmste befunden haben mag, geht aus den kuriosen Worten seines Biographen hervor: „In der letzten Zeit wirkten Durchblicke durch enge Öffnungen auf hellerleuchtete Ferne am besten auf ihn.“ Über die letzten Tage berichtet Rappaport, dass Weininger noch zwei ganze Nächte ununterbrochen an den „letzten Aphorismen“ geschrieben habe; seine Stimmung habe bereits die herannahende Katastrophe verkündigt. „Völlige Dunkelheit brach über ihn herein; ein abgründlicher Pessimismus, den er auch als Schuld empfand, bemächtigte sich seiner.“ „Alles was ich geschaffen habe, wird zugrunde gehen müssen, weil es mit bösem Willen geschaffen wurde, vielleicht mit Ausnahme davon, dass Gott oder das Gute in keinem Einzelgegenstand der Natur enthalten ist ... Vielleicht ist alles verflucht, was je mit mir in Berührung gekommen ist.“ Ferner: „Meine Rückkehr nach Wien hätte eine zweite Inkarnation sein sollen.“ Am 3. X. 03 mietete Weininger dann, wie schon erwähnt, ein Zimmer in Beethovens Sterbehaus, verbrachte dort die Nacht und tötete sich am Morgen des 4. X. 03 durch einen Schuss in die Brust. Moebius' Worte, es werde ihm vielleicht noch einmal bei seiner Gottähnlichkeit bange werden, hatten sich an Weininger in tragischer Weise nur allzuschnell erfüllt.
Weder der Vater noch der Freund haben bei Weininger jemals Halluzinationen wahrgenommen. Aus den schriftlichen Äusserungen Weiningers geht aber hervor, dass er z. B. schwarze Hunde mit Feuerscheinen sah. In „Über die letzten Dinge“ heisst es Seite 122: „Der Hund hat eine merkwürdige Beziehung zum Tode. Monate bevor mir der Hund Problem geworden, sass ich eines Nachmittags gegen fünf Uhr in einem Zimmer des Münchener Gasthofes und dachte an verschiedenes und über verschiedenes. Plötzlich hörte ich einen Hund in einer ganz eigentümlichen Weise bellen und hatte im gleichen Moment das Gefühl, dass gerade im Augenblick jemand sterbe. Monate nachher hörte ich in der furchtbarsten Nacht meines Lebens, da ich ohne krank zu sein, buchstäblich mit dem Tode rang, gerade als ich zu unterliegen dachte, einen Hund in ähnlicher Weise bellen wie damals in München; dieser Hund bellte die ganze Nacht; aber in diesen drei Malen anders. Ich bemerkte, dass ich in diesem Moment mit den Zähnen mich ins Leintuch festbiss eben wie ein Sterbender ... Kurze Zeit vor dieser erwähnten Nacht hatte ich mehrfach die Vision, die Goethe, nach dem Faust zu schliessen, gehabt haben muss: einigemal, wenn ich einen schwarzen Hund sah, schien mir ein Feuerschein ihn zu begleiten. Die Heftigkeit jener Eindrücke, Erregungen und Gedanken war so gross, dass ich mich an den Faust erinnerte, jene Stellen hervorsuchte und nun zum erstenmal, vielleicht als erster überhaupt, ganz verstand“.
Zum Schlusse der Anamnese will ich noch die Angaben zweier Wiener Gewährsmänner bringen, die absolut einwandsfrei und zuverlässig sind. Weininger promovierte mit dem ersten Teil von „Geschlecht und Charakter“, der bei weitem kleineren und relativ nüchternen Hälfte des Buches. In der Vorrede zu dem fertigen Werke bedankt sich Weininger bei den Professoren Jodl und Müllner für das freundliche Interesse, das sie an seinen Arbeiten genommen. Nun hatte aber Weininger beinahe ein ganzes Jahr nach seiner Promotion an dem allein den Professoren vorgelegenen ersten Teil weiter gearbeitet und keiner von beiden hatte das Manuskript in seiner letzten Gestalt gesehen. Ein Wiener Neurologe beschrieb die äussere Erscheinung Weiningers wie folgt: „Ein schlank gewachsener Jüngling mit ernsthaften Gesichtszügen, einem etwas verschleierten Blick, fast schön zu nennen; ich konnte mich auch des Eindruckes, eine ans Geniale streifende Persönlichkeit vor mir zu haben, nicht erwehren.“