IX.

Schon am nächsten Vormittage fand sich ein Hauptmann des Generalstabes in Begleitung eines Artillerieoffiziers in meiner Wohnung ein. Sie kämen, sagten die Herren, hinsichtlich des bedauerlichen Vorfalles, der gestern im Englischen Hof stattgefunden und welcher bereits zur Kenntnis der Militärbehörden gelangt sei. Man wünsche hohen Ortes, daß die Angelegenheit so rasch und einfach wie möglich beigelegt werde. Demnach wären sie infolge eines von seiten sämtlicher Beleidigten getroffenen Übereinkommens als Kartellträger des Herrn Leutnant Schorff ermächtigt, zu erklären, daß dieser im Namen aller übrigen die Sache zum Austrag bringen wolle.

Es kam also, wie ich es vorausgesehen, und obgleich sich bei ruhiger Betrachtung dieses Vorgehen auch wirklich als das vernünftigste erwies, so lag darin für Burda doch eine Art Geringschätzung, die ich wider Willen mitempfand.

„Ich glaube nicht, daß der Herr Oberleutnant Burda auf diese Proposition eingehen wird,“ sagte ich.

„Er wird sich doch nicht mit jedem einzelnen schlagen wollen?“ rief der Hauptmann, indem er, um seine Verwunderung auszudrücken, die Augen weit aufriß.

„Je nachdem.“

„Du mein Gott!“ erwiderte er, die Achsel zuckend. „Indes, das wird sich ja ergeben. Fürs erste müssen wir aber an unserem Auftrage um so mehr festhalten, als Leutnant Schorff doch jedenfalls der Hauptbeleidigte ist.“

Dagegen ließ sich nichts einwenden, und der Artillerist stellte zu dem Duell einen Fechtsaal zur Verfügung, welcher, wie er ankündigte, mit seiner Dienstwohnung auf dem Hradschin in Verbindung stehe und zu derlei Zwecken besonders geeignet sei. —

„Du hast ihnen sehr gut geantwortet“, sagte Burda, als ich ihm diese Unterredung mitteilte. „Ich danke dir. Was mich selbst betrifft, so werde ich die Sache jedenfalls zum äußersten treiben. Allerdings laufe ich dabei Gefahr, zum Krüppel gehauen zu werden. Aber ich vertraue meinem Stern.“

Pistolenduelle waren damals in der Armee nicht üblich; man schlug sich fast durchgehends mit Säbeln, eine Kampfweise, welche die Tötung des Gegners in der Regel zwar ausschloß, aber immerhin einen sehr bedauerlichen Ausgang herbeiführen konnte. Dies erwog man jetzt auch im Regiment, woselbst die üble Stimmung gegen Burda plötzlich in rege Teilnahme umgeschlagen war. Sein mannhaftes Auftreten gegen die Kavalleristen, das eine Art gemeinsamen Stolzes wachrief, imponierte den meisten, und es fehlte nicht an Zeichen der Anerkennung, die Burda mit ernster Zurückhaltung entgegennahm. Man wünschte aufrichtig, daß er den Strauß siegreich bestehe, wobei man sich freilich nicht verhehlte, wie schwer dies einem Schorff gegenüber sein möchte.

Am nächsten Morgen — es war an einem Sonntage — fuhr ich mit Burda nach dem Hradschin, wohin sich der zweite Sekundant mit dem Wundarzte schon früher auf den Weg gemacht hatte. Wir wurden von dem Artillerieoffizier empfangen und in ein geräumiges Zimmer geführt, an dessen Wänden Rapiere, Schläger, Masken und Plastrons hingen. In einer Ecke hatte man für alle Fälle ein niederes Feldbett aufgestellt; Eisbecken und Verbandzeug befanden sich in der Nähe. Der Hauptmann des Generalstabes war bereits anwesend; er prüfte, als wir eintraten, eben die beiden Duellsäbel, die auf einem Tische lagen. Auch ein zweiter Wundarzt war zugegen.

Es dauerte nicht lange, so hörte man den Viererzug Schorffs heranrollen, und bald darauf erschien dieser in aufrechter Haltung und mit kurzem Gruß in unserer Mitte. Dann reichte er seinen beiden Sekundanten die Hand und begann sich zu entkleiden.

Als er sein buntgestreiftes Wollhemd ablegte, staunte ich über die Kraft und Fülle seiner Muskeln, die in auffallender Entwickelung hervortraten. Mit seinem breiten Nacken und dem gedrungenen Halse, auf welchem ein verhältnismäßig kleiner Kopf saß, hatte er etwas vom farnesischen Herkules, während Burda, der nun gleichfalls den Oberkörper entblößte, mit seiner zarten weißen Haut, seinen geschmeidigen, etwas weichlichen Formen an die Büste des Antinous mahnte. Eigentümlich war es zu sehen, wie jetzt die Gegner einander gegenübertraten und den üblichen Gruß austauschten. In den Mienen und Gebärden Schorffs lag Impertinenz, in jenen Burdas ritterliche Herablassung.

Wir gaben das Zeichen — und der Kampf begann. Schorff, sein Glas im Auge, schien die Sache leicht zu nehmen; er glaubte offenbar, daß jeder seiner Hiebe, die er nur so obenhin führte, sofort sitzen müsse. Aber hierin irrte er. Burda verteidigte sich mit großer Ruhe und Sicherheit, die Schorff offenbar überraschte, aber auch reizte, und als er jetzt, vom Säbel seines Gegners gestreift, leicht am Ohre zu bluten begann, geriet er in Wut. Mit einem wahren Hagel von gewaltigen Streichen drang er auf Burda ein, so zwar, daß dieser Mühe hatte, standzuhalten und bereits schwer zu atmen begann. Jetzt markierte Schorff eine Prim, führte aber in der Tat eine Terz, welche so mächtig traf, daß sofort auf der Brust Burdas ein langer, bluttriefender Spalt zum Vorschein kam.

„Halt! Halt!“ schrien die Sekundanten und warfen sich dazwischen. Aber zu spät. Denn schon war ein gewaltiger Kopfhieb gefolgt. Burda taumelte, sein Säbel klirrte zu Boden — und gleich darauf folgte er selbst mit blutüberströmtem Antlitze nach.

„Das ist Mord!“ rief ich aus. Selbst der Hauptmann war ganz bleich geworden und stammelte: „Aber Schorff, was haben Sie getan?“

Dieser drehte sich auf den Hacken um und stieß durch die zusammengepreßten Zähne hervor: „Il l’a voulu!“ Dann wusch er eine geringe Blutspur von der Wange, kleidete sich an, grüßte und ging.

Inzwischen hatte man den Schwergetroffenen auf das Feldbett geschafft. Dort lag er bewußtlos und stöhnte leise, während man die Wunden untersuchte. Sie schienen derart gefährlich, daß beide Ärzte, die um Burda beschäftigt waren, den Kopf verloren und erklärten, es sei das Schlimmste zu befürchten, und sie könnten keine weitere Verantwortung auf sich nehmen. Der Herr Oberleutnant müsse sofort in das Militärspital gebracht werden. Der eine fuhr auch gleich mit dem Wagen, in welchem wir gekommen waren, dorthin voraus, um Vorbereitungen treffen zu lassen, während von seiten der Artillerie (in deren Kaserne wir uns befanden) eine Bahre samt Trägern beigestellt wurde.

Es war eine traurige Rückkehr, die wir jetzt, der öffentlichen Aufmerksamkeit möglichst ausweichend, nach der sonntäglich ruhigen Stadt antraten. Im Spitale hatte man ein kleines, abgesondertes Zimmer ermittelt, wohin man nun Burda brachte. Nach der ersten raschen Untersuchung erklärte der Chefarzt, mit der Brustwunde habe es nicht viel auf sich, aber die Schädeldecke sei schwer verletzt. Ob und wie tief der Hieb in das Gehirn eingedrungen, müsse noch genauer erforscht werden, jedenfalls stehe eine höchst gefährliche Entzündung in Aussicht. Dies teilte er auch dem Regimentsadjutanten mit, der im Auftrage des Obersten und in Begleitung anderer Offiziere erschienen war, um Erkundigungen einzuziehen. Auch von seiten der übrigen Garnison, in der sich die Kunde von dem unglücklichen Ausgange des Duells rasch verbreitet hatte, zeigte sich lebhafte Teilnahme. Der Doktor aber bat, man möge jetzt, um jedes Aufsehen zu vermeiden, Nachfragen und Besuche einstellen; es würden zur rechten Zeit Nachrichten übermittelt werden. Da ich zu bemerken glaubte, daß ihm auch meine Gegenwart nicht sehr erwünscht sei, entfernte ich mich gleichfalls, nachdem ich als besonderer Freund des Verwundeten die Erlaubnis erbeten hatte, gegen Abend wiederkommen zu dürfen.

Als ich am späten Nachmittag das schmale, längliche Gemach betrat, in welchem Burda lag, herrschte dort melancholisches Düster. Schon im Inspektionszimmer hatte ich erfahren, daß es schlecht stehe. Er habe zwar wiederholt die Augen aufgeschlagen und zu sprechen versucht, aber immer wieder sei er in Bewußtlosigkeit zurückgesunken. Nun sah ich ihn auf dem dürftigen Bette, Brust und Haupt mit Eiskompressen bedeckt, die Augen geschlossen. Ihm zur Seite befand sich ein Wärter, der durch mein Erscheinen aus jener stumpfsinnigen Langeweile aufgeschreckt wurde, die ein solcher Dienst mit sich zu bringen pflegt. Er machte mir Zeichen des Bedauerns, wechselte die Umschläge und sagte dann mit leiser Stimme, er wolle jetzt frisches Eis holen — und auch, mit meiner Erlaubnis, sein Abendbrot einnehmen, das eben jetzt zur Verteilung kommen werde.

Ich war froh, fürs erste ungestört zu sein, und hieß ihn gehen. Dann setzte ich mich in einiger Entfernung von dem Bette nieder und betrachtete meinen armen Freund, der in der Tat schon wie ein Sterbender, wie ein Toter aussah. Tiefer Schmerz überkam mich, und dazu gesellte sich etwas, wie ein Gefühl von Schuld. Hätte ich nicht verhindern können, daß es so weit gekommen? Hätte ich nicht schon längst alles anwenden sollen, um ihn, koste es, was es wolle, von seinen Täuschungen zurückzubringen? Aber hätt’ ich es, nach allem, was ich an ihm erfahren — mit ihm erlebt, auch wirklich vermocht? Wäre es überhaupt möglich gewesen, ihn von seinem Wahne zu heilen? Nein, es war nicht möglich! Es mußte alles so kommen, wie es kam: er war, wie jeder, dem unerbittlichen Schicksale seiner Natur verfallen. Und doch — trotz seiner Schwächen und Mängel, trotz seiner Irrtümer — welch ein vortrefflicher Mensch war er! Welche vornehme Seele! Welch tapferes Herz! Er hatte ein besseres Los verdient ...

Da schien es mir plötzlich, als rege er sich. Und in der Tat, es war so. Mit leichtem Stöhnen schlug er die Augen auf.

Ich trat leise an das Bett und beugte mich über ihn.

„Wer ist — wer ist da?“ hauchte er.

Ich hatte alle Mühe, mich zu erkennen zu geben.

„Ach du — du!“ brachte er mühsam hervor, während ein Strahl der Freude seine bleichen Züge umflog. „Ich glaube, ich bin verwundet“, fuhr er fort und machte einen schwachen Versuch, die Hand nach seinem Kopfe zu bewegen.

„Leider,“ erwiderte ich, „und zwar nicht ganz unerheblich. Indessen — —“

„Aber wo bin ich denn?“ fuhr er fort, die Augen mühsam hin und her bewegend. „Das ist ja nicht mein Zimmer —“

„Allerdings nicht; du bist — du bist im Spital — —“

„Im Spital!“ wollte er aufschreien, vermochte es aber nicht und ächzte nur: „Im Spital — im Spital — und wenn jetzt — —“ Er konnte nicht vollenden; sein Kinn sank zur Brust herab, und er verstummte.

Ich aber wußte, was er meinte. Mit der Besinnung war auch jener unselige Wahn wiedergekehrt. Er hatte sagen wollen: Und wenn jetzt die Prinzessin von meiner Verwundung erfährt — und hierher eilt —

„Wo sind meine Kleider?“ fragte er mit einem Mal hastig, meinen Gedankengang unterbrechend.

„Deine Kleider? Die werden wohl in jenem Schrank sein. — — Da sind sie.“

„Bitte — sieh in meinem Rocke nach — ob sich ein kleines Etui — darin findet —“

„Hier ist es!“

„Gib! Gib!“ drängte er.

Ich reichte es ihm. Er war aber nicht imstande, es zu öffnen, und ich mußte es für ihn tun. Ein vertrocknetes Veilchenbukett lag darin. Er nahm es in die bleiche, kraftlose Hand, senkte das Haupt und betrachtete es lange. Dann sagte er mit überraschend leichter und freier Stimme: „Lieber Freund — du hast mir sehr oft mehr oder weniger deutlich zu verstehen gegeben — daß ich in einer argen Täuschung befangen gewesen.“ Er seufzte tief auf. „Mein Gott! Wenn es sich wirklich so verhielte — wenn alles nur Traum — Einbildung —“

Er verstummte wieder und atmete unruhig.

Es war zu viel! Dieser Strahl von Erkenntnis, der in dieser bangen Stunde plötzlich in ihm aufleuchtete, war von erschütternder Wirkung. Ich mußte an mich halten, um nicht in Tränen auszubrechen.

„Nein! Nein!“ rief er jetzt, all seine Kraft zusammennehmend, „es kann nicht sein! Diese Veilchen — das mußt du selbst zugestehen — denn du weißt es — diese Veilchen sind von ihr!“

Wer wäre so grausam gewesen, es zu bestreiten?

„Ja, ja,“ sagte ich, „ich weiß es, sie sind von ihr.“

Er brachte mit letzter Anstrengung den Strauß vor das Antlitz und küßte ihn. „Er sollte mir ein Talisman sein — aber er hat mich nicht beschützt.“

Seine Hände sanken herab — er war wieder bewußtlos. Gleich darauf trat auch der Wärter ein; ich schickte ihn um den diensttuenden Arzt. Dieser, ein noch sehr junger Mann mit intelligentem, aber etwas barschem Gesichte, erschien sofort.

„Nun?“ fragte er mit einem Blick auf Burda.

„Er war zu sich gekommen“, sagte ich.

„Hat er mit Ihnen gesprochen?“

„Ja.“

„Vernünftig?“

„Ganz vernünftig“, erwiderte ich nicht ohne Verlegenheit.

„Und jetzt ist er wieder bewußtlos?“ Er trat an das Bett, langte nach dem Arme Burdas und fühlte den Puls. „Heftiges Fieber. Das ist der Anfang vom Ende. Übrigens, wer weiß — vielleicht —“

Dieses „Vielleicht“ bestätigte sich nicht. Noch in derselben Nacht verstärkte sich das Fieber, Delirien traten ein; am nächsten Tage folgten Paroxismen — und als ich das Krankenzimmer wieder betrat, war Burda eine Leiche. Bei den letzten traurigen Vorbereitungen, die man in meiner Anwesenheit traf, suchte ich überall nach dem Veilchenstrauße — doch umsonst: niemand wollte ihn gesehen haben. Man hatte ihn offenbar in den Kehricht geworfen.

Zum Schlusse machte sich der Zufall, der im Leben Burdas eine so große Rolle gespielt, noch einmal geltend. Fast am selben Tage, an welchem drei Ehrensalven über das Grab des Verblichenen hinwegdonnerten, war in den Zeitungen die Nachricht zu lesen, daß sich Prinzessin Fanny L... mit dem Prinzen A... verlobt habe.

Gegen Schorff aber kehrte sich jetzt allgemeiner Unmut, und man trachtete sogar eine ehrengerichtliche Untersuchung des Falles wider ihn durchzusetzen. Da jedoch der junge Graf Z... in die Angelegenheit mit verwickelt erschien, so wurde alles weitere niedergeschlagen und Schorff bloß nach Ungarn zu seinem Regiment versetzt. Einige Jahre später war er aus den Listen der Armee verschwunden. Was aus ihm geworden, habe ich nicht in Erfahrung gebracht.

Seligmann Hirsch.

Vorwort des Herausgebers.

Mit dem ersten Abdruck des Anfanges der vorigen Novelle sendet der Dichter am 10. September 1887 aus Schloß Oslavan bei Eibenschütz auch das Brouillon der unsrigen an die Fürstin Marie zu Hohenlohe, die er vorher im intimsten Kreise der Fürstin Salm zu Blansko vorgelesen hatte und für die er sich das strengste Geheimnis erbittet. Wenn er von dem Manuskript schreibt, daß es von Unschönheiten und Unrichtigkeiten, was Sprache und Ausdruck betreffe, wimmle, so läßt sich das wohl mit der im Nachlaß befindlichen Handschrift in Einklang bringen. Später hat der Dichter über die Entstehungszeit unserer Novelle, wie so oft, widersprechende Angaben gemacht. Nach seinem Bericht an Stefan Milow soll sie 1887/88 in Blansko entstanden, nach dem Bericht an Bettelheim 1886 bereits erschienen sein. Mir ist kein früherer Druck bekannt geworden, als der vom Herbst 1888 in den „Schicksalen“ (1889, Seite 127-193), für den die Vorlage die noch vorhandene Handschrift bildete, die schon durch die Paginierung als ein Mittelstück erkennbar ist und deren Text während des Druckes noch manche Abänderungen erfahren hat. In der zweibändigen Ausgabe der „Novellen aus Österreich“ 1897 (zweiter Band, Seite 83-127) ist die Chiffre G... in Graz aufgelöst, sonst aber nur wenig mehr geändert worden; die zweite Auflage der „Schicksale“ (o. J., 1897) beruht auf demselben Satz wie diese Ausgabe. In der zweiten Auflage der „Novellen aus Österreich“ 1904 (a. a. O.) ist überhaupt nur mehr die Orthographie und die Interpunktion modernisiert worden.

I.

Die Saison in dem kleinen Kurorte, wo ich auf Anraten des Arztes das „kalte Wasser“ gebraucht hatte, ging zu Ende. Die defekten Menschenexemplare, welche sich hoffnungs- und vertrauensselig hier zusammengefunden: ältere Standespersonen mit eingewurzelten Übeln, jüngere Lebemänner mit verdorbenen Säften, blutarme, an den Nerven leidende Damen — und endlich solche, die in dem anmutigen Tale bloß die Sommerfrische samt allerlei geselligen Zerstreuungen genießen wollten, waren nach und nach abgezogen. Selbst die letzten Kurgäste, die außer mir, der ziemlich spät eingetroffen war, noch am längsten ausgehalten: ein mürrischer Finanzrat, der von heftigen Kongestionen geplagt wurde und beständig ohne Kopfbedeckung, zu gewissen Stunden auch ohne Fußbekleidung umherging; eine etwas zweifelhafte Dame aus Wien, die mit einer höchst auffallenden Toilette die Reste einstmaliger Schönheit zur Schau trug; ein alter Geck und Bade-Habitué, der ihr den Hof machte — und last, not least ein interessanter, am Rückenmarke leidender Schöngeist, welcher in seinem Rollwägelchen der Gegenstand des allgemeinen weiblichen Mitleids gewesen war, mich aber durch unausgesetzte literarische Gespräche zur Verzweiflung gebracht hatte: auch diese vier Standhaften ergriffen jetzt infolge des plötzlich eingetretenen rauhen Herbstwetters, dem sich sogar ein tüchtiger Schneefall beigesellte, einhellig die Flucht — und ich blieb allein zurück. Zwar wurde mir nunmehr das Kurhaus sozusagen vor der Nase gesperrt, denn der ärztliche Leiter der Anstalt hatte schon längst alle Vorbereitungen getroffen, um seine winterliche Praxis in der Landeshauptstadt wieder aufzunehmen. Aber das kümmerte mich wenig. Ich hatte genug „Abreibungen“ und „Einpackungen“ genossen, infolge deren ich mich, um die Wahrheit zu bekennen, auch sehr wohl fühlte, und da mir die Gegend gefiel, so beschloß ich, noch einige Zeit zu verweilen, — ein Vorhaben, das von dem Besitzer des Gasthofes zu den „Drei Monarchen“, wo ich untergebracht war, mit großer Anerkennung begrüßt wurde; blieb ihm doch jetzt wenigstens ein Mensch erhalten, dem er die Rechnung nach dem üblichen Badetarif stellen konnte.

Zudem war, wie ich vorausgesehen, den verfrühten Vorboten des Winters das herrlichste Wetter, ein wahrer Nachsommer, gefolgt. Klar und blau spannte sich der Himmel aus, die Bergeshäupter schimmerten im milden Sonnenglanze, und linde Wärme breitete sich über Flur und Wald, welch letzterer in seinem bunten Schmuck an die Worte des Dichters erinnerte:

„Wie sanft den Wald die Lüfte streicheln,

Sein welkes Laub ihm abzuschmeicheln!“

Welch ein Genuß war es jetzt, in sicherer Einsamkeit zwischen den hohen Buchen und Fichten dahin zu wandeln! Wie lohnend, eine Anhöhe zu ersteigen, auf den malerisch gelegenen Ort hinab- und in die weite Gebirgsferne hineinzublicken, ohne durch Ausbrüche landläufigen Entzückens gestört zu werden! Wie angenehm, auf der Terrasse des Gasthofes zu frühstücken und statt nachbarlichen Tassen- und Löffelgeklappers samt obligatem Badeklatsch bloß das Rauschen des Flusses zu vernehmen, der sich unten silberhell durch grüne Triften schlängelte! Es war eben, als trete erst jetzt die ganze Landschaft in voller, ungetrübter Schönheit hervor. Selbst mein Zimmer, das mir früher wie die Abteilung eines Taubenschlages vorgekommen, heimelte mich, seit das Haus leer geworden, ganz wohnlich an. Um es recht bequem zu haben, mietete ich noch ein anstoßendes kleineres dazu — und so befand ich mich endlich wieder in dem behaglichen Zustande tätigen Alleinseins, der mir im Leben stets der erwünschteste gewesen ist.

Eines späten Nachmittags — ich pflegte um diese Zeit zu essen — saß ich, bei Kaffee und Zigarre angelangt, im Speisezimmer des Gasthofes und vertiefte mich in die Zeitungen, welche eben mit der Post eingetroffen waren. Die Hängelampe über dem Billard, das in der Mitte des Raumes stand, war bereits angezündet, und eine trauliche Stille herrschte, die nur hin und wieder unterbrochen wurde, wenn draußen in der Schankstube, wo einige harmlose Kleinbürger in ziemlich schweigsamer Geselligkeit beisammen saßen, ein frisches Glas begehrt und gefüllt wurde. Plötzlich waren von dort her Schritte eines Eintretenden zu vernehmen — und gleich darauf eine überlaute, schnarrende Stimme.

„Ha! Ha! Noch immer die alte Gesellschaft beisammen! Grüß Gott, Herr Schreinermeister! Und auch Sie, Herr Lederermeister! Willkommen, Herr Gamilschegg! (Das war der Krämer des Ortes.) Freut mich, Sie alle wieder zu sehen!“

Der Sprecher schien kein Gewicht darauf zu legen, daß diese Begrüßung offenbar sehr kleinlaut erwidert wurde, und fuhr fort:

„Auch die hübsche Cilli noch hier! (Das galt dem Schenkmädchen, welches nebenbei die Dienste einer Kellnerin verrichtete.) Also noch immer nicht verheiratet? Und auch an Kurmachern wird es mangeln, seit die Kurgäste fort sind. (Er belachte das Wortspiel sehr laut und selbstgefällig.) Am Ende werd’ ich alter Knabe doch noch aushelfen müssen! Oder sollte gar Ihre Frau Ursache zur Eifersucht haben, Herr Matzenoër? (Damit war der Hotelwirt gemeint, der eigentlich Matzenauer hieß; aber der Ankömmling schien den Diphthong au bisweilen wie o auszusprechen.) Ich will nicht hoffen! — Und wie sieht es denn da drinnen aus? Gewiß auch noch alles auf demselben Fleck!“

Schwere, schlurfende Tritte näherten sich der offenen Tür, die in das Speisezimmer führte, und die robuste, breitschulterige Gestalt eines Mannes zeigte sich, der auf der Schwelle stehen blieb und weit vor sich hin ausspuckte.

Er mochte ungefähr sechzig Jahre zählen. Sein fleischiges, gerötetes Gesicht, das buschige Brauen, stark entwickelte Backenknochen und eine plump geschwungene Nase aufwies, war von einem teilweise ergrauten Barte, einem sogenannten collier grec eingerahmt. Auf dem Kopfe saß ihm, schief und zerknüllt, eine phantastische Reisemütze; ein langer Überwurf mit Pelzkragen stand vorne offen und ließ abgetragene, nicht allzu reinlich gehaltene Unterkleider, aber auch eine große Busennadel aus Brillanten und eine massive goldene Uhrkette sehen. In der kurzfingerigen, mit Ringen überladenen Hand hielt er eine ungeheure Zigarrenspitze aus Bernstein, an welcher er pustend sog, die Füße steckten in weiten Stiefeln mit Tuchbesatz. Die ganze Erscheinung hatte etwas Groteskes und dabei Fremdartiges; der Mann sah aus wie ein Armenier oder Bulgare.

Er räusperte sich und spuckte noch einmal, dann trat er ein. Als er jetzt meiner ansichtig wurde — ich saß ziemlich abseits — stutzte er, grüßte jedoch nicht, obgleich er mich, während er langsam das Billard umschritt, mit einem lauernden Seitenblick im Auge behielt. Dann ließ er sich in einiger Entfernung von mir auf einen Stuhl nieder und starrte mich an. Diese Musterung wurde mir unangenehm; ich kehrte mich zur Seite.

Nunmehr erhob er sich wieder, langte ein illustriertes Journal herab, das im Halter an der Wand hing, und begann, nachdem er einen Nasenklemmer aufgesetzt, mit dem Rücken an das Billard gelehnt, die Bilder zu betrachten. Nach und nach vertiefte er sich auch in den Text. Er bewegte dabei nach Art mancher alten Leute die Lippen, gleichsam jedes Wort im stillen nachsprechend. Allmählich aber gab er auch ein Geräusch von sich. Zuerst war es ein dumpfes Gemurmel, dann ein vernehmbares Buchstabieren — endlich fing er, gewissermaßen in Fluß kommend, mit lauter Stimme zu lesen an. Erst jetzt erkannte ich an der eigentümlich singenden und gezogenen Aussprache den Juden. Seiner Redeweise mit anderen, die im ganzen etwas Weltläufiges hatte, konnte dies nicht entnommen werden; nun aber, da er sich selbst überlassen war, traten die spezifischen Merkmale hervor. Dabei hatte seine Stimme, obwohl sie eines gewissen sonoren Klanges nicht entbehrte, doch etwas so unangenehm Lautes und Eindringendes, daß es mir durch Mark und Bein ging und alle Nerven in Aufregung brachte. Ich konnte nicht länger an mich halten und rief: „Mein Herr, ich mache Sie darauf aufmerksam, daß Sie nicht allein sind!“

Er schrak zusammen und blickte mich mit offenem Munde an. Dann lüftete er mit demütiger Gebärde die Mütze und stammelte: „Entschuldigen Sie.“ Aber gleich darauf nahm er eine vornehme Haltung an und sagte herablassend: „Ist Ihnen vielleicht die Zeitung gefällig?“

„Danke. Ich habe das Blatt schon gelesen.“ Damit drehte ich ihm den Rücken.

Ich vernahm, wie er das Journal beiseite legte, ein paarmal, wie unschlüssig, am Billard hin und her ging — dann einen Seufzer ausstieß und behutsam aus dem Zimmer schlich, so zwar, daß es mich schon gereute, ihn derart angelassen zu haben.

Aber draußen in der Schankstube stimmte er sofort wieder seinen lautesten, jovialsten Ton an. „Nun, Herr Matzenoër, wie steht’s mit dem Abendessen? Gibt es Forellen?“

„Leider nicht, Herr von Hirsch. Wie sollte ich jetzt —“

„Verstehe! Verstehe! Keine Nachfrage in dieser Zeit! Keine Gäste! Aber ein Huhn wird mir die Frau Gemahlin doch einfangen können? Was?“

„Gewiß, Herr von Hirsch.“

„Also ein Huhn! Mit Salat! Es wird wohl auch eine Weile dauern — ich gehe indessen hinauf. Adieu, meine Herren! Auf Wiedersehen!“

Diese letzten Worte galten jedenfalls der Tischgesellschaft, die sich aber ganz schweigend verhielt.

Als er sich entfernt hatte, pochte ich an ein Glas, worauf sofort Herr Matzenauer erschien, der als echt ländlicher Hotelier seine Gäste, soweit es anging, selbst bediente.

„Sagen Sie mir doch, wer war denn das?“ rief ich ihm zu.

„Ein Herr Hirsch aus Wien“, erwiderte er mit seinem gewohnten, verschmitzt offenherzigen Lächeln. „Kennen Sie ihn nicht?“

„Den Teufel auch. Wer soll alle Hirsche kennen! Aber was macht er denn hier?“

„Er erwartet seinen Sohn, der gegenwärtig mit Familie in Italien ist. Sie wollen hier zusammentreffen, um dann gemeinschaftlich nach Wien zurückzureisen.“

„Und wann wird das sein?“

„Ja, das weiß ich nicht. Etwa in acht Tagen.“

„Wo haben Sie ihn denn untergebracht?“

„Auf Nummer 5.“

„Was? So nahe bei mir?“

„Es war ohnehin meine Absicht, ihn auf Nummer 12 zu geben; aber er wollte durchaus sein früheres Zimmer haben.“

„Sein früheres Zimmer?“

„Er ist ja ein alter Bekannter. Vor zwei Monaten hat er hier die Kur gebraucht; gerade als Sie eintrafen, zog er ab. Wo er sich inzwischen aufgehalten, ist mir nicht bekannt. Wahrscheinlich in Graz. Wenigstens ist er jetzt von dort gekommen. Aber entschuldigen Sie, ich muß nach der Küche sehen.“

Damit ging Herr Matzenauer lächelnd ab und ließ mich in recht übler Laune zurück. Denn dieser unvermutete Gast legte mir unter allen Umständen einen gewissen nachbarlichen Verkehr auf, der mich um so mehr aus meiner glücklichen Ruhe und Stimmung zu bringen drohte, als der neue Ankömmling eben kein besonders angenehmer Mann war. Endlich erhob ich mich und ging auf mein Zimmer. Dort zündete ich die Lampe an und nahm ein Buch zur Hand. Aber mit dem Lesen ging es nicht; meine Gedanken schweiften beständig zu diesem Herrn Hirsch hinüber, den ich auch ganz deutlich in seinem Zimmer rumoren hörte; wahrscheinlich packte er seine Koffer aus. Und dabei erkannte ich neuerdings, wie dünn die Wände waren und erinnerte mich, was ich schon früher unter den verschiedenartigen Geräuschen gelitten hatte, die von allen Seiten zu mir herübergedrungen waren. In gelinder Verzweiflung trat ich ans Fenster und blickte hinaus, um zu sehen, ob nicht wenigstens für heute ein abendlicher Spaziergang möglich sei. Pfadlose Dunkelheit lag über der Gegend; ich war also ein Gefangener. Da fiel mir ein, daß ich einige notwendige Briefe zu schreiben habe, ein Geschäft, das ich schon ungebührlich lange hinausgeschoben. Zu derlei kann man sich zwingen — und ich zwang mich. Als ich mich an den Schreibtisch setzte, verließ mein Nachbar das Zimmer und stapfte die Treppe hinunter. Nun hatte ich Luft — und bald war ich derart in meinen Gegenstand vertieft, daß ich mich erst wieder auf die Umstände besinnen mußte, als nach etwa zwei Stunden Herr Hirsch, von unserem Wirte geleitet, zurückkehrte.

„Also gute Nacht, Herr Matzenoër!“ rief er. „Eigentlich wär’ es die Pflicht der Cilli gewesen, mir heraufzuleuchten — aber Sie sind ein vorsichtiger Mann!“ Dabei gab er eine dröhnende Lachsalve von sich.

Herr Matzenauer empfahl sich. Herr Hirsch aber schritt im Zimmer auf und ab, wobei er polternd einige Gegenstände zurecht schob. Hierauf begann er eine Arie aus Norma zu pfeifen und in allen Tonarten zu singen. Endlich trat einige Ruhe ein, und ich glaubte zu erkennen, daß er anfing, sich zu entkleiden; wirklich fielen nach einer Weile seine schweren Stiefel mit dumpfem Schall zu Boden. Bald nachher folgte ein lautes, langgedehntes „Ah!“ des Behagens, ein Zeichen, daß er sich im Bett ausgestreckt habe. Rasch entschlossen, bereitete auch ich mich zur Nachtruhe, schlüpfte unter die Decke und blies das Licht aus. Schon lag ich in halbem Schlafe, als ich plötzlich durch ein entsetzliches Röcheln aufgeschreckt wurde; es war, als würde nebenan jemand erdrosselt. Sollte dem alten Mann etwas zugestoßen sein? — und schon wollte ich aus dem Bette springen. Aber meine Angst war grundlos. Denn ich hatte bald erkannt, daß jenes Röcheln nur das Präludium eines so kräftigen Schnarchens gewesen, wie ich es im Leben niemals vernommen. In allen Modulationen erklang es: bald wie der ruckweise, gleichmäßige Gang einer Sägemühle, bald in zitternden, gequetschten Gurgel- und Nasenlauten — bald mit so furchtbarem, langgezogenem Gerassel, als wollte es das stille, nachtschlafende Haus in seinen Grundfesten erschüttern.