Ueber das Selbststillen.

So weit ist es nun mit uns gekommen, daß man jetzt beweisen muß, daß man das thun soll, was die Natur so laut befiehlt! — Ist es der Gesundheit des Säuglings zuträglicher, die Milch seiner Mutter zu trinken, oder die einer Amme; oder ist es vollends besser für das Kind, ihm Thiermilch zu geben? Das sind Fragen, die man noch in unsren Zeiten aufstellt. — Wunderbare Fragen! Wahrlich wunderbar! Und doch hat nicht der Pöbel bloß sie aufgestellt, sondern auch Aerzte! — Die Natur gab ja unsern Weibern Brüste, bereitet diese schon in der Schwangerschaft allmählig zum Säugen vor, und wirft der Kindbetterinn meist unter einem heftigen Fieber die Milch stromweise in diese Organe! Das ist der Fall bei allen säugenden Thieren, und auch bei Menschen. Größern Beweis unserer Ausartung giebt es doch wohl nicht, als eben diese Fragen!

Man sollte es kaum glauben, daß ein Thier in der Schöpfung so weit sinken könnte, daß es mit dreister Stirne, frevelnd gegen die Gesetze der Natur die volle Quelle auszutrocknen wage, die nach der Entbindung, als in dem gefährlichsten Zeitpunkte des Lebens, der Gebärenden zur Sicherheit, und zur zweckmäßigsten Nahrung ihres Kindes aus ihren strotzenden Brüsten strömt; daß unsere empfindelnden Schönen, die in Ohnmacht fallen, wenn sie eine Gans bluten sehen, sich erdreisten könnten, ihr und ihres Kindes Leben und Gesundheit auf so eine gefahrvolle Art aufs Spiel zu setzen[18]. — Auch unsere Hausthiere thun in diesem Punkte wieder um so vornehmer, je länger sie von den Menschen unterjocht, je mehr sie kultivirt sind. Unsere Kühe, unsere Ziegen geben Milch ohne ihre Säuglinge; aber auf dem Vorgebirge der guten Hoffnung geben die Kühe der Hottentoten und die Ziegen keine, wenn nicht ihr Kalb dabei ist; ist das geschlachtet, so wird das Fell über ein andres gelegt, damit sie bei Empfindung des Geruchs die Milch fließen lassen[19]. Auch Pallas[20] erzählt, daß weder die Kühe, noch die Stuten bei den Kalmucken Milch geben, wenn nicht ihr Kalb oder Füllen gegenwärtig ist. Aber bei uns hat kaum die, leider! so oft ganz gegen ihren Willen schwangere Mutter geboren, so ist weder ihre eigne Gefahr, noch die Stimme der Natur vermögend, ihre Rechte geltend zu machen. Eiligst entzieht sie sich dieser heiligen Pflicht, und übergiebt ihr Kind einem Thiere, oder, wenn es viel ist, einer Säugamme, die, wie J. J. Rousseau sagt, nicht den Namen Mutter verdient, wenn sie um ein Stück Geld ein fremdes Kind dem ihrigen vorzuziehen niederträchtig genug ist. Sehr viele redliche Männer, vorzüglich Aerzte aus allen Nationen, denen das Wohl der Menschheit am Herzen liegt, haben es übernommen, unsern Weibern die schlechte Erfüllung ihrer Mutterpflicht vorzuwerfen, ihnen die Schuldigkeit und Vortheile des Selbststillens, die Gründe, warum eine Mutter ihr Kind selbst stillen soll, und die glücklichen Beispiele überzeugend mit Beredsamkeit darzustellen. An Ueberzeugung kann es nicht fehlen; nur Ausgelassenheit, Wollust, Schwelgerei, und Gemächlichkeit haben dieses Band der mütterlichen Liebe zerrissen; denn so, wie es jetzt bei uns ist, so war es auch zu Rom, als die Ueppigkeit am höchsten gestiegen war. Plutarch erzählt schon als etwas außerordentliches, daß die Mutter des Kato selbst gestillt habe. Aber damals waren die Sitten unserer Ahnen noch nicht verdorben. Da waren die stillenden Frauen nicht, wie jetzt, ein verächtlicher Haufen entehrter Weibsbilder. Dort (erzählt Tacitus)[21] stillt jede Mutter ihre Frucht mit eigenen Brüsten. In unsern Tagen, sagt Frank, würde Tacitus diese, wie viele andere Stellen, die er zu unserm Lobe geschrieben, ganz ausstreichen müssen. Die Zärtlichkeit deutscher Weiber ist nun zu ihren Ehegatten gar zu groß, als daß sie in Erfüllung dieser Pflichten ihren Wuchs und das Harte und Runde ihres Busens zernichten möchten.

Auch der eigene Vortheil der Weiber ist es sogar, wenn sie diese mütterliche Pflicht nicht versäumen; denn die nicht stillenden Mütter sind fürchterlichen Zufällen, und dem Tode weit eher unterworfen. — Wir wollen, um nicht zu weitläufig zu werden, hievon nur einige Data näher beleuchten. Wenn sich die Kindbetterinn von der verrichteten Arbeit etwas erhohlt, so wendet sich der Trieb der Säfte zu den zwei größten Drüsen des Körpers: zu den Brüsten, durch deren natürliche Ableitung bei dem bestimmten Saugen des Kindes alle Beklemmung gehoben wird, und alle vorhergegangene Ueberfüllung der Gefäße sich legt. Durch das Saugen des Kindes, so oft es die Brustwarzen aufrichtet, wird die Geburtsreinigung der Mutter befördert, und die hält in diesen Umständen nicht lange, selten länger, als vierzehn Tage an, da die Nichtstillenden Wochen, selbst Monate lang damit zu kramen haben. Die Gebärmutter gewinnt Zeit, ihre vorige Stärke wieder zu erhalten, und dadurch die Mutter zur künftigen Schwangerschaft geschickter zu machen. Viele Weiber, die die Wohlthat und das Vergnügen ganz Mutter zu seyn, fühlen wollten, versichern, daß sie nie so wohl gewesen wären, als in der Säugezeit, und daß auch die Natur mit dieser Pflicht ein sinnliches Vergnügen verbunden habe; das bestätigt Ballexerde, und Morton; letzter erzählt, daß bei verschiedenen Engländerinnen, denen durch ihre delikate Leibesbeschaffenheit eine Auszehrung bevorstand, ihre Gesundheit durch das Säugen stärker, und blühender geworden sey. Ich selbst sah mehrere Weiber, die diese Pflicht übernommen hatten, während dieser Zeit schöner, und vollkommner werden. Ihr Aussehen war lebhaft, sie waren munter an Geist und Leib, ihre Brüste wurden nicht durch Knoten und Abscesse verunstaltet, ihr Fleisch war fest und stark. Leake[22] empfiehlt das Selbststillen sogar um der Schwindsucht vorzubeugen, und Bierchen[23] erzählt ein Beispiel, wo durch das Säugen ein schmerzhafter Scirrhus geheilt ward. Es ist eine Folge des vernachlässigten Selbststillens, wenn man bei den mehrsten Halbmüttern aus erwähntem häufigern Zuflusse der Säfte zu den Geburtstheilen bald nach der ersten Niederkunft den weißen Fluß[24] entstehen sieht. Wohl drei Viertel nichtstillender Mütter sind diesem ekelhaften Ungemache unterworfen, wodurch wahrlich die eheliche Zuneigung — nichts gewinnt. Das ist aber im Gegentheile so etwas seltenes bei Säugenden, daß man beinahe nie eine Säugamme hieran, oder am Krebse oder an Milchgeschwüren etwas bedenkliches leiden sieht.

Aber betrachten wir nur den Einfluß, den das Nichtstillen der Mütter auf das Kind hat. Es ließ sich schon vorhersagen, daß dieser äußerst nachtheilig seyn müsse; denn kann das ohne Uebel abgehen, wenn ich so plötzlich dem Kinde statt seiner gewohnten Nahrung eine andre willkührliche erkaufe? Wenn ich dem Kinde statt den Säften, aus denen es (ich möchte fast sagen) ganz besteht, auf einmal andre gebe? Aber die Erfahrung hat hier die Theorie auf eine traurige Art bestätigt, denn die Sterblichkeit der Kinder ist jetzt außerordentlich groß[25], und ist offenbar da viel größer, wo mehrere Mütter ihre Kinder nicht stillen[26]. Es giebt einige, die die Thiermilch der Frauenmilch an die Seite setzen, oder gar vorziehen[27]. So behauptet Brouzet: die Kühmilch, mit der man in nördlichen Ländern oft Kinder zu erziehen pflegt, sey gleich gut mit der Frauenmilch[28]. Er hätte noch, sagt Frank, die Guancho’s auf Teneriffa beizählen können, die ihre Kinder statt Müttern den Ziegen anhängen. Man hat vorzüglich dafür gesagt: die Fortpflanzung der bösen Neigungen werde durch den Genuß der Muttermilch unterhalten, und durch Thiermilch natürlich unterdrückt. Aber ist denn nicht die Milch anderer Thiere von der Weibermilch sehr unterschieden? Ist nicht für eine jede Art lebender Geschöpfe eine eigne Art Milch bestimmt? Und warum hätte die weise Natur gerade die Frauenmilch so verschieden von jeder andern gemacht? Man lese nur die Analisen, vorzüglich die neuern, der Milcharten. Der Unterschied zwischen Frauenmilch und Thiermilch[29] ist wirklich so auffallend groß, daß schlechterdings keine andre Milch dafür ein Surrogat abgeben kann. Es zeigt wahrlich einen großen Grad von chemischer Unwissenheit bei den Aerzten an, die sie bei den Neugebornen der Menschenmilch substituiren wollen. Man braucht sich hier nur an die Schwierigkeiten zu erinnern, mit der sie durch Säuren zum Gerinnen gebracht werden kann, an die Verschiedenheit des Rahms in der Frauenmilch von dem in der Kühmilch, daß man z. B. nie wirkliche Butter daraus bereiten kann, u.s.w., was hier unnöthig wäre weitläufig zu erzählen; so ist es deutlich genug, daß Thiermilch für die Neugebornen eine zweckwidrige Nahrung ist. Wie verschieden müssen also die Erfolge seyn, die aus der Ernährung mit dieser oder jener Milchart entstehen! Gesetzt auch, man wollte das weibliche Geschlecht so weit herabsetzen, und für gewiß annehmen, daß das Verderbniß ihrer Sitten gestiegen sey; welchen Vorzug würde dieses in Rücksicht auf das Sittliche der Thiermilch vor der Frauenmilch geben? Gleichgültiger sind wohl andre Thiere; aber obschon wenigern, doch auch heftigern Leidenschaften unterworfen. Werden nicht diejenigen, so die Frauenmilch als eine Ursache von Leibs- und Seelenkrankheiten verwerfen, die Dummheit des Esels von der vorgeschriebenen Eselsmilch, und das Geile der Ziege von der Ziegenmilch befürchten müssen? So erzählt wenigstens Unzer[30] eine aus dem englischen Zuschauer entlehnte Geschichte, daß nemlich ein im übrigen rechtschaffener Mann, der mit Ziegenmilch war aufgezogen worden, wenn er sich allein befand, zu hüpfen und zu springen anfing, und von Reins redet von einem mit Saumilch gestillten Knaben, der als Jüngling im Essen, und Trinken so unflätig und ungezogen lebte, daß er an eine körperliche Bildung gar nicht dachte, und die kothigen und schmutzigen Orte so liebte, daß er sich immer sehnte, sich darin herumwälzen zu können; was er denn auch that, wenn ihn niemand sah. Zudem, so liegt ja oft bei Thieren eine Krankheit verborgen, und ihre Sehnsucht nach Begattung macht nicht selten bei ihnen eine eigne Art von Krankheit, die ganz gewiß für das Wohl des Säuglings nicht gleichgültig ist. Auch bewährt das die Erfahrung hinlänglich: So sagt z. B. Joh. Ailken,[31] Das Großziehen der Kinder ohne Säugen habe in seinem Vaterlande nicht gelingen wollen; die meisten Kinder stürben. Es kann wirklich eine so starke Abweichung von dem Gange der Natur nicht ohne Schaden seyn. Die Erfahrungen in Findelhäusern beweisen es auch so augenscheinlich, daß es der Menschheit für ihren Todtenlisten graut.

Das Erziehen mit Ammenmilch hat freilich eher etwas für sich, aber dennoch ist der Nachtheil für den Säugling auffallend groß. Er verliert schon gleich im Anfange seines Lebens die erste ihm so wesentliche Nahrung der Mutter, die gleichsam nur aus dünnen Molken besteht, die von der Natur dazu bestimmt ist, den in dem Unterleibe gesammelten Unrath abzuführen; denn es ist ja fast unmöglich, eine gute Amme gerade zu finden, die mit der Mutter am selben Tage niedergekommen ist. Und denn ist das Kind wahrlich nicht aufgelegt, welches so eben aus dem warmen Unterleibe seiner Mutter entschlüpft, sich nun an Luft und Athemholen gewöhnen muß, gleich eine Nahrung zu nehmen, die von den Säften seiner Mutter, von denen es bisher lebte, so verschieden ist. Es ereignet sich bei ihm fast das nemliche, was bei den Pflanzen geschieht, die, wenn sie von ihrem Geburtsorte weggenommen werden, nun auf ihrem neuen Standorte nicht gut Wurzel fassen, und leicht verdorren, oder bei einem Ueberflusse von fremder Feuchtigkeit, von ihrer natürlichen Gestalt in ein schwammigtes Wesen ausarten. Eben so wird auch jederzeit einer fremden Milch, ob sie schon alle Kennzeichen einer gesunden an sich trägt, ihre Eigenschaft zu nähren fehlen, welche die Muttermilch, die den zarten Bau bis jetzt unterhielt, und durch die Bemühung, und nach dem Gesetze der Natur bereitet wurde, in einem so hohen Grad besitzt[32]. Aber der wichtigste Punkt, der Punkt, bei dem dem Menschenfreunde die Haut schaudert, ist: die Einpfropfung physischer und moralischer Gebrechen auf diesem Wege. Der Säugling nimmt offenbar Antheil an den Gemüthsbewegungen und Krankheiten der Säugenden. Balbini kannte ein siebenjähriges Mädchen, das einen unwiderstehlichen Hang zum Branteweintrinken von seiner Amme eingesogen hatte. Baume kannte eine Dirne, deren Arme konvulsivisch bewegt wurden, und welche diese Krankheit auf ein Mädchen fortpflanzte, was sie stillte. Helmont erzählt, daß er eine Säugamme gekannt habe, die ausgelassen, diebisch, geizig etc. war, und die diese Eigenschaften allen ihren Säuglingen einflößte. Wie oft werden nicht gefährliche Krankheiten auf diese Art in den Säugling gebracht! Das ist der Fall vorzüglich mit der Lustseuche. Blumenbach erzählt hievon ein schreckliches Beispiel. Ich selbst sah einst ein schönes, junges Frauenzimmer, der ich mich in diesem Augenblicke noch sehr lebhaft erinnere; ich erschrak, als sie zu sprechen anfing; sie sprach durch die Nase, und so undeutlich, daß man sie kaum verstehen konnte. Die Ursache ihres Unglücks war ihre Amme, die sich durch ihre Lüderlichkeit die Lustseuche zuzog, und sie dem Kinde mittheilte, was kaum mit dem Verluste des Zäpfchens etc. gerettet wurde.

Diese Thatsachen (glaube ich) werden es niemanden schwer machen, obengenannte Fragen zu beantworten. Der würde sich das größte Denkmaal in den Jahrbüchern der Menschheit errichten, der es dahin bringen könnte, daß alle Mütter ihre Kinder selbst stillen müßten. — Ich glaube, man könnte dies dadurch bewerkstelligen, daß der Staat solche unnatürliche Mütter ohne Rücksicht des Standes bestrafte; — oder daß man, wie bei den Alten, das Fest der Entwöhnung mit vieler Pracht und Feierlichkeit wieder einführte. Von Seiten der Eitelkeit ist ja unsern Weibern am besten beizukommen. Man führe das Fest mit vielem Glanze ein, lasse sie in Begleitung einer ansehnlichen Menge ihrer Freundinnen — im prachtvollsten Anzuge dafür öffentlichen Dank hören. Dann thut sicher die Eitelkeit und das Vergnügen, einen Tag mehr zu haben, wo man im Glanze erscheinen kann, vor der Hand mehr, als alle Moralisten und Aerzte durch Gründe und Ueberredungskunst vermochten.

Aber wie muß sich die Mutter während der Säugezeit verhalten? Muß hier ihr Betragen so ängstlich und pünktlich seyn, wie man im gemeinen Leben dafür hält, und verschiedene Aerzte es anrathen?[33] — Ganz und gar nicht. Sie soll arbeiten, und wenn sie dazu zu vornehm ist, brav spazieren gehen; sie soll essen und trinken, so viel sie Hunger hat. Sie soll sich für heftige Leidenschaften hüten, und im Ganzen so betragen, wie sie sich in jeder Periode des Lebens betragen muß, wenn sie gesund seyn will. Mangel an Bewegung[34], sich vor der Luft verwahren, eine andre Lebensart anfangen, ist gerade das, was der Mutter und dem Kinde nachtheilig ist; und die Säugende erhält eben dadurch sehr leicht, die in dieser Periode so gefürchtete monathliche Reinigung[35]. Es ist zwar ein Vorurtheil, was von den ältern Aerzten herkömmt, daß die Erscheinung des Monatlichen dem Kinde nachtheilig sey[36]; allein diese Erscheinung hat bei Säugenden, die sich vernünftig betragen, ohnedies nur höchst selten statt; wie das der Fall bey unsern Bäuerinnen ist; und wenn sie eintritt, so darf sich deswegen die Mutter vom Stillen nicht lossagen; da auch die Erfahrung es deutlich zeigt, daß die Reinigung weder der Mutter, noch dem Kinde Nachtheil bringt: es sey denn, daß die Mutter sehr blutarm sey, oder das Kind sich offenbar übel dabei befinde. In dem Falle ist gewöhnlich eine Krankheit der Mutter Schuld an diesem Blutflusse, und daher schadet die Milch dann dem Kinde, nicht weil die Stillende ihre Reinigung hat, sondern weil sie krank ist.

Noch ist zu bemerken, daß nicht jede Krankheit der Mutter immer bösen Einfluß auf den Säugling hat. Man hat gesehen, daß Mütter in sogenannten faulen Fiebern, beym bösartigen Kerkerfieber[37] bis an den Tod ihr Kind ohne Nachtheil selbst gestillt haben. Im Gegentheil kann es gewiß oft sehr üble Folgen für die Mutter haben, wenn sie in einem heftigen Fieber plötzlich den Säugling entwöhnt. Doch da es für, aber auch wider noch Erfahrungen gibt, so läßt sich hierüber nichts allgemeines bestimmen; indessen ist es sicherer für das Kind (wenn es nicht mehr gar zu jung, wenn es schon mehr als sechs Monate alt ist), ihm, wenn die Mutter krank wird, eine Amme zu geben. Auch mache man es sich zur Regel, dem Kinde nie die Brust zu geben, wenn sich die Mutter, oder Amme geärgert hat, sondern lieber alle Milch auszuziehen; denn genaue Beobachter lehren, daß eine solche Milch dem Kinde wahres Gift sey, und daß oft die Fallsucht, und nicht selten selbst der Tod darauf erfolge.[38] — Es gibt auch in neuern Zeiten noch Aerzte von Bedeutung, die die alte Meinung begünstigen; daß während der Säugezeit der Beischlaf dem Kinde schade; so sagt Rosenstein[39]: „Sie (die Amme) muß sich nicht von der Liebe hinreißen lassen; denn das Kind leidet dadurch und die Milch wird ungesund und salzig. Daher erfodert die Vorsichtigkeit, daß man einer verheiratheten Amme nicht Gelegenheit läßt, mit ihrem Manne umzugehen. Bemerkt man bey ihr ein Verlangen darnach, so ist sie nicht weiter tüchtig, Amme zu seyn.“ Aber wenn das wahr wäre, wie viel Kinder würden wohl gesund bleiben! Sind nicht auf dem Lande sehr oft die Weiber wieder schwanger, ehe sie zu säugen aufhören? Wird nicht die Sehnsucht weit größern Einfluß auf die Gesundheit haben, als der Genuß? Ich finde daher gar keinen Anstand, der Mutter in dieser Zeit den ehelichen Umgang ganz zu erlauben; da er ohnedies im Ehestande nicht immer mit sehr gewaltigem Reize verbunden seyn mag. —- Selbst eine eintretende Schwangerschaft darf die Mutter nicht abhalten, ihr Kind zu stillen, obschon unsre leichtgläubigen Alten hiebey viel arges ahndeten. Van Swieten beweist vorzüglich unter den neuern Aerzten, wie ungegründet diese Furcht sey[40]: dabey ist der Fall bey säugenden Frauen nicht sehr häufig. Weiber haben meistens Ueberfluß an Milch, wenn sie gesund sind, oft mehr als drei Pfund täglich zu viel, wie Haller bemerkt; Mütter können ja auch ohne ihren Schaden und ohne Nachtheil für die Frucht Zwillinge und Drillinge ernähren. Warum sollen sie also nicht auch eins an der Brust, und ein anderes im Unterleibe ernähren können? Die Bösartigkeit der schwangern Milch, von der uns die Alten erzählen, ist Grille, ist Hypothese, die die Erfahrung täglich widerlegt. Welcher Chemist fand, was Schenk sagt[41]: Die Milch werde auf eine neue Schwangerschaft süßlicht und wässerichter? Oder daß die Milch der Schwangern eine widerstehende und abscheuliche Natur annehme? Doch thut man nach meiner Meinung am besten, wenn man auch hier den mittlern, und daher, wie fast immer, den sichersten Weg einschlägt, und den Säugling bis zur Hälfte der Schwangerschaft trinken läßt; dann ist er gewiß in dem Falle, daß er der Muttermilch nicht mehr so sehr bedarf. Uebrigens aber versteht es sich, daß hier so wohl als bey der nicht schwangern Mutter das Säugen in jeder Periode ausgesetzt werden muß, wenn man sieht, daß die Milch dem Kinde nicht bekömmt; was aber ganz gewiß sehr selten der Fall seyn wird.

Aber nun die letzte Frage: Wie lang soll eine Mutter ihr Kind stillen? — Im allgemeinen läßt sich das freilich nicht mit Zuverlässigkeit bestimmen; denn natürlich ist ein Kind schwächer als das andre, und bedarf also der Muttermilch länger. Das beste ist hier: man folge der Natur, die den Termin des Entwöhnens zu bestimmen scheint, wenn sechs oder acht Zähne zum Kauen der Speisen durchgebrochen sind: Es sey denn, daß eine noch besondere Schwäche des Kindes die zarte und weiche Nahrung von der Mutter nothwendig mache, die sich denn durch schwache Gliedmassen, und Muskeln, durch allzu große Zartheit der Haut, und welkes Fleisch zu verrathen pflegt. Wenn es aber die Mutter zu sehr schwächt, so darf man darauf nicht bestehen, und muß sie denn eher dispensiren. Der Fall ist doch zuweilen, daß durch das lange Stillen eine Anlage zur Auszehrung und ein asthenischer Habitus entsteht.

Auch ist das zu lange Stillen für den Säugling, wenn schon die Milch nicht fehlerhaft ist, gar nicht zuträglich. Und es würde ja eben so widernatürlich seyn, diesen Zeitpunkt zu verlängern, als ihn eigenmächtig abzukürzen! — Das Entwöhnen muß allmählig geschehen, sonst giebt es mehrere Ungemächlichkeiten für Mutter und Kind; denn durch das plötzlich beendigte Stillen wird eine beträchtliche Ab- und Aussonderung in dem Körper unterdrückt; daher schwellen von der angehäuften Milch die Brustdrüsen so leicht an, und entzünden sich: Morton erzählt Beispiele, daß von dem jählingen Entwöhnen die Schwindsucht entstanden sey. Nur wenn das Stillen zu lang geschieht, hat der Einwurf statt, durch den man das Selbststillen herabwürdigen wollte: daß nämlich die stillenden Mütter weniger fruchtbar wären; und Süsmilch glaubt mit Recht[42], daß die Gewohnheit der Türkinnen, die zu Aleppo ihre Kinder bis in das dritte, vierte Jahr säugeten, zur Entvölkerung Asiens beitrage: So sah auch Cleghorn[43] zu Minorka die armen Weiber ihre Kinder zwey bis drey Jahre stillen, um nicht ihre Familie zu sehr zu vermehren. Allein daß selbststillende Mütter, die die Pflicht der Natur genau erfüllen, weniger fruchtbar seyen, ist ganz falsch, und streitet gegen alle Erfahrung; denn Leute von der Klasse der weniger Vermögenden in den Städten haben offenbar eine größere Anzahl Kinder, als solche, die zum Stillen zu vornehm sind. Die Bäuerinnen will ich nicht einmal anführen; weil hier mehrere Umstände z. B. ihre gesundere Kost, ihre natürlichen Geschäfte schon zu ihrer größern Fruchtbarkeit mit beitragen. Aber gesetzt: man könnte erweisen, daß nicht stillende Weiber öfter gebähren; könnte das wohl ein Grund gegen das Stillen mit Frauenmilch seyn? Wahrlich nicht; denn gewiß werden wir dann die Grenzen der Fruchtbarkeit, die die weise Natur in dem Stillen legte, nicht mit frevelnder Hand willkührlich erweitern dürfen, ohne unsern eigenen sehr empfindlichen Nachtheil. Wir sehen auch wirklich manchmal, daß nicht stillende Weiber eher wieder von neuem schwanger werden; allein sie werden durch die schnell aufeinander folgenden Geburten und Schwangerschaften, ehe sie Zeit hatten, sich zu erhohlen, außerordentlich geschwächt, und ihre Kinder aus demselben Grunde treffliche Rekruten — für Spitäler und Siechenhäuser.

Jede Mutter soll also ihr Kind selbst stillen. An eine Amme darf sie nur denken, wenn physische Fehler es ihr durchaus unmöglich machen, diese heilige Pflicht zu erfüllen, wie z. B. Fehler an den Brüsten, und den Brustwarzen, Mangel an Milch, u. s. w. Indessen sind diese Fehler nicht so häufig, als die Damen und die dem Geiste des Zeitalters hofirenden Aerzte uns gern glauben machen.

Das erste und wichtigste, worauf man bei der Wahl einer Amme sehen muß, ist: Vollkommene Gesundheit, guter Wuchs, erträgliche Miene, und reichliche, gute Milch. Man lasse daher ein Weib, das sich zur Ammenschaft weggeworfen hat, genau und am ganzen Leibe von einem sachverständigen Manne untersuchen, besonders an den Zeugungstheilen und den Brustwärzchen. Man lasse sich auch nicht durch eine scheinbare Reinlichkeit der Wäsche und dieser Theile täuschen; denn wenn die Ammen zur Schau gehen, reinigen sie diese Theile immer mehr, als gewöhnlich. — Ein Alter zwischen 20–30 Jahren ist das schönste Ammenalter. Es ist auch sehr gut, wenn die Amme zu gleicher Zeit mit der Mutter, deren Kind sie säugt, entbunden worden ist. Man darf nicht fürchten, daß eine Milch von 8–14 Tagen für ein 8–14 Tage altes Kind zu jung ist: nur eine leichte, neue, wässerige Milch kann den neugebornen Kindern wohl bekommen.

Eine Haupteigenschaft einer Amme ist — ein guter moralischer Charakter; aber wie ist der bei dem ersten Besuche einer Amme in ihrer Miene, oder in ihrem Betragen zu entdecken?

Man hüte sich eine Amme, z. B. ein Landweib, das vorher an derbe, hart verdauliche Speisen, grobe Arbeit, und freie, gesunde Luft gewohnt war, auf einmal einzusperren, ihr alle Bewegung zu verbieten, und die leichten, saftvollen, und gewürzhaften Speisen der Städter aufzutischen. — Die Amme wird, so wie jeder Mensch, krank, wenn sie das nicht hat, woran sie gewohnt ist; man lasse sie leben, wie sie bisher gelebt hat.

Man schmeichle sich aber ja nicht mit der süßen Hoffnung, irgendwo eine Amme zu finden, die alle Eigenschaften einer guten Amme in sich vereint. Unter 1000 Krüppeln sind 980 durch die Schuld ihrer Ammen Krüppel geworden. Man kann sich glücklich schätzen, wenn man eine Amme findet, die nur die wichtigsten Eigenschaften besitzt. Man vergesse nicht, daß ⅔ von den Unglücklichen, die von Ammen gesäugt werden, zu Grunde gehen müssen, indessen nur ¼ von den Kindern umkommt, die das Glück hatten, an ihrer Gebährerinn eine Mutter zu finden. Man vergesse nicht, daß auch eine gute Amme nicht Mutter ist; daß man jeden kleinen Dienst, den sie dem armen Säuglinge erweist, kaufen, oder durch Drohungen erzwingen muß.