Warte und Pflege.
Wann soll das Kind zuerst an die mütterliche Brust gelegt werden? Ich glaube, daß es das beste ist, dies schon einige Stunden nach der Geburt zu thun, wenn die Kindbetterinn etwas geschlafen, und allenfalls eine Suppe gegessen hat. Zwar wollen einige: man soll das Kind erst nach zehen oder zwölf Stunden trinken lassen. Andere wollen es nach vier und zwanzig Stunden zum erstenmale anlegen; weil sie fürchten, die Milch gerinne, ehe das Kindpech ausgeleert sey, und mache denn höchstbeschwerliche Uebel, und wohl gar Konvulsionen; allein diese in dem Zeitpunkte dünne, wässerige Milch ist es gerade, wodurch die Natur diesen zähen Unrath auflöst, und wegschafft, wodurch uns der Mannasyrup, der mit Wein vermischte Honig etc. etc. womit wir die Kinder gleich nach ihrer Geburt quälen, entbehrlich werden. Dabey wird durch das frühe Anlegen das Milchfieber vermindert, und der allzu großen Ausdehnung der Brüste und mehrern daher rührenden Uebeln vorgebeugt.
Die ersten drey, vier Monate braucht das Kind nichts, als Milch zu genießen. Täglich muß es öfter an der mütterlichen Brust saugen; aber wie oft, zu welcher Zeit dieses geschehen müsse, läßt sich nicht so ganz genau im Allgemeinen bestimmen. Es kömmt hier viel auf die Constitution des Kindes und der Mutter an, die man durch Beobachtung bald kennt, um zu wissen, wann dasselbe der Milch als seiner Nahrung bedarf; doch wird es in den gewöhnlichen Fällen am besten seyn, dem neugebornen Kinde zu bestimmten Zeiten, z. B. alle zwey Stunden, die Brust zu reichen; doch muß es nur wenig auf einmal trinken, damit der bis jezt noch schwache Magen nicht zu sehr angefüllt und ausgedehnt werde.
Nie muß man es zum Saugen nöthigen, ihm nicht immer so oft es schreit, die Brust geben; denn nicht allzeit ist ja hievon Hunger die Ursache, und mäßiges Weinen und Schreien ist dem Kinde gar nicht nachtheilig; im Gegentheil es erweitert die Lungen, reinigt Nase, Mund und Augen, und macht die natürliche Wärme lebhafter. Die Natur scheint es nur aus diesem Grunde absichtlich bei der kleinsten Veranlassung zu erregen, um dem Kinde statt Bewegung, dadurch den Kreislauf zu befördern. Man muß es daher nicht gleich stillen, sondern nur wenn es anhält, die mannigfaltigen Ursachen davon zu entdecken suchen. Nicht selten ist eine unbequeme Lage, manchmal Kolik, manchmal zurückgehaltenes Kindspech, zuweilen eine ungeschickte Art zu wickeln, oft Flöhbisse etc. Schuld daran. Immer ist es rathsam das Kind an eine gewisse Ordnung zu gewöhnen. Für ein erwachsenes und dreymonatliches Kind schickt sich nun natürlich eine größere Portion Milch, jedoch muß ihm diese nicht zu oft gereicht werden, und es darf deswegen auch nicht mehr erhalten, als zur Ernährung, und guten Verdauung erforderlich ist.
Daß wenig Milch gebende Brüste, welche das Kind durch Saugen ganz ausleert, für die Gesundheit am zuträglichsten sind, lehren die Beispiele der gesündesten Bauernkinder; denn diese werden von ihren Müttern schreiend verlassen, bekommen sie des Tags nur drey, viermal zu sehen, und saugen alsdann um desto begieriger, ohne daß sie an ihrer Gesundheit leiden, vielmehr groß und stark werden. In der Nacht soll man den Kindern nie, als höchstens im ersten Monate die Brust geben, weil Mutter und Kind Ruhe und Schlaf vonnöthen haben. Kinder werden auch nie in der Nacht zu trinken verlangen, wenn sie nicht daran gewöhnt sind. Nur erst nach drey, vier Monaten hat man gewöhnlich nöthig, allmählig dem Kinde nebst der Milch auch zu Essen zu geben. So lange ist die Muttermilch allein zu seiner Nahrung hinreichend; und eher Speisen geben, ist daher nachtheilig.
So bald das Kind geboren ist, und nun zum ersten male aus dem Bade kömmt, so müssen alle Theile seines Körpers genau untersucht werden, und wenn dasselbe gesund, und ohne widernatürliche Fehler ist, so bringe man es angekleidet in das Bette seiner Mutter.
Das Zungenlösen, was bei dummen Hebammen, und andern weisen Matronen noch sehr ämsig in Ausübung gebracht wird, ist höchst nachtheilig, und — ein sträfliches Vorurtheil. Als wenn die Natur gerade so eine ungeschickte Stümperinn beim Zungenmachen wäre, daß unsre Bademütter mit ihren schmutzigen Fingern sie immer zurecht weisen müßten! Sehr selten ist das Zungenband zu lösen nöthig, und im nöthigen Falle nur ein Geschäft für Wundärzte. Es scheint mir wahrlich, als wenn das schöne Geschlecht sich überzeugt glaubte, daß die Zungen auf dieser Welt nicht zu beweglich seyn könnten.
Hat man am Kinde Beschädigungen, z. B. Kopfgeschwülste, Wasserkopf, Eindrücke oder Brüche der Hirnschädelknochen, gespaltenen Rückgrad, verschlossenen After, oder Harnröhre, Muttermäler, Hasenscharten, Brüche u.s.w. angetroffen, so sorge man, daß gleich sachkundige Aerzte, oder Wundärzte Hand anlegen, um diese Uebel zu heben, und hüte sich ja, den Rath irgend einer Frau Gevatterinn anzunehmen; denn im besten Falle — ist doch die Zeit damit verdorben. Die Art und Weise anzuzeigen, wie jeder dieser Fehler müsse behandelt werden, liegt hier natürlich außer meinem Plane.
Das Kind muß, wie gesagt, in das Bette seiner Mutter gelegt werden, aber nicht bloß der Wärme wegen, sondern auch um dem Instincte Genüge zu leisten, den bei säugenden Thieren, und auch bei Menschen Mutter und Säugling haben, dicht beisammen zu seyn. Man lege es aber mit der Vorsicht ins Bett, daß es unter die kleine Sicherheitsmaschine kömmt, die so wenig zusammen gesetzt ist, daß sie der ärmste Tagelöhner für seine Kinder selbst machen kann. Die Italiener nennen sie Arcuccio. Man läuft dabei gar nicht Gefahr die Kinder zu erdrücken, was man oft genug hört, und was sicher viel öfter geschieht, als man es hört. Diese Maschine ist einfach und bequem[44], und besteht aus vier kleinen Brettern, und einer eisernen Stange. Es ist eine Art einer kleinen Bettstelle, woran aber kein Boden und Fußbrett ist, und worüber anstatt des Himmels nur ein schmales Brett liegt. Bei dieser kleinen Einrichtung kann das Kind bequem schlafen, und trinken, ohne alle Gefahr gedruckt, oder von den Decken erstickt zu werden. Am Kopfe ist ein Brett aufgerichtet, das unten 14 Zoll breit, 13 Zoll hoch, und oben halbzirkelförmig abgerundet ist; an diesem wird unten an jeder Seite ein langes, schmales Brett der Länge nach eingefügt. Diese sind am Kopfe 7, gegen die Füße 4½ Zoll hoch, und 3 Fuß und 2 Zoll lang. Ein andres Brett, das anstatt des Himmels dient, wird der Länge nach oben am Kopfbrette, wo es am höchsten ist, eingefügt, und noch an den Füßen durch einen eisernen Bogen unterstützt, dessen beide Enden an den Seitenbrettern einige Zoll vor ihrem Ende befestigt sind. Oben an den Seitenbrettern, etwa 4–5 Zoll von ihrer Befestigung am Kopfbrette, sind halbmondförmige Einschnitte angebracht zur bequemen Darreichung der Brüste. Wird nun ein Säugling in das Bette gelegt, so setzt man das Gitterwerk darüber, und deckt es, so viel als nöthig ist, zu. — Der Nutzen des Deckelbrettes besteht darin, daß es die Betten über dem Kinde in die Höhe hält, und der Mutter, oder Amme den Vortheil verschafft, sich ohne Gefahr mit dem Arme darauf legen zu können.
Wenn die Mutter aus dem Wochenbette ist, kann man dem Kinde seine eigne Bettstelle geben, und diese kann — eine Wiege seyn. Müller hat ganz Recht[45], daß er behauptet, die Wiege ist nicht schädlich, wenn man sie gelind braucht. Es wird allerdings viel, und zwar von Aerzten von Bedeutung dagegen gesprochen. Unzer sagt: ein heftiges Wiegen kann Schwindel, Zittern, Erbrechen erregen. Mehrere behaupten: Kinder schlafen eben so sanft in unbeweglichen Bettstellen, und sicherer. Ballexerde fürchtet viel von der Wiege: „wieget eure Kinder nie (sagt er) um sie zum schlafen zu bringen: denn es ist eine üble Gewohnheit, die böse Wirkungen in ihrem noch zarten Gehirne zuwege bringen kann; sie kommen nur deswegen in Schlaf, weil sie betäubt werden.“ Nach Hooper’s[46] Versicherung soll das Schütteln, und Schwenken der Kinder, und das Schlafen derselben mit herabhängendem Kopfe auf dem Schooße der Wärterinnen, viel zur Entstehung des Wasserkopfs beitragen. Allein das alles paßt nur einigermaßen auf den Mißbrauch der Wiege; der kann ohne Widerspruch viel Unheil bringen. Dadurch können Erbrechen, Magenweh, Gefühllosigkeit, Schwindel, u. s. w. entstehen. Wer will aber wohl den Gebrauch einer Sache deswegen ganz verbieten, weil man sie mißbrauchen kann? Benimmt es der China, dem Opium, dem Quecksilber etc. etwas an ihren Verdiensten, daß Unwissende sehr oft damit morden? Mir scheint es, daß ein vernünftiger Gebrauch der Wiege viel gutes hat. Durch die gelinde Erschütterung des Körpers erhält derselbe Stärke und Festigkeit; durch das damit verbundene Wehen der Luft werden die Lungen kräftiger und stärker ausgedehnt, und die mannichfaltigen Säfte durch das vollere, tiefere Luftschöpfen und Athemholen in den äußersten Enden der Schlagadern erschüttert, und zur Bewegung gezwungen[47].
Ich habe oft bemerkt, daß ein gelindes Schütteln das Kind kleine Ungemächlichkeiten vergessen macht. Man schüttelt auch ja die Kinder durch Instinct auf dem Arme, wenn man sie ruhig haben will. Dabei ist der Gebrauch der Wiege in der alten und neuen Welt sehr ausgebreitet; das beweist, wie ich glaube, zum Theil mit das Instinctartige davon. Die Nordamerikanischen Völker binden fast durchgehends ihre Säuglinge in Felle gewickelt auf ein Brettchen fest, welches ihnen zugleich als Wiege dient. So tragen sie es auf dem Rücken, und wissen das Kind, wenn es schreit, sehr bald durch Schütteln zum Schweigen zu bringen; in der Hütte, oder im Walde hängen sie es daher zu diesem Zwecke auf. — Das sind die Gründe, die mich bestimmen, den Gebrauch der Wiege zu empfehlen. Nur warne ich dabei, daß man weder Kinder zum Wiegen andrer Kinder brauche, noch mürrische Wärterinnen, die oft aus Ungeduld zu stark wiegen, um die Kinder zum Schlafen zu zwingen.
Man gebe in der ersten Lebens-Periode des Kindes wohl acht, keinem seiner Glieder, die so weich sind, zu schaden. Gleich von der Geburt an bis in das späte Alter sieht man zum Nachtheile des körperlichen Baues manche gefährliche Irrthümer begehen. Vorzüglich ist das der Fall mit dem Kopfe, der durch seine besondere Struktur, und Fontanellen am ehesten Schaden nehmen kann: denn der ist mit beweglichen, und durch Haut schlaff verbundenen Knochen von der Natur versehen, damit er beim Durchgang durch das enge Becken nachgeben, besser und bequemer in eine länglicht runde Figur gebracht, und durch die Zusammenziehungskraft der Gebärmutter fortgetrieben werden könne.
So bald das Kind geboren ist, drücken die Hebammen oft seinen meistens länglichten Kopf zwischen ihren Händen, um ihn rund zu bilden, ohne zu wissen, daß die Natur dem Kopfe nach und nach (vorzüglich durch das Schreien des Kindes, indem dadurch die Kopfknochen auseinander weichen) die beste und schönste Gestalt wieder gibt. Geschieht dieser Druck ungestümm und unvorsichtig; dann wird das zarte, breiartige Gehirn des Kindes gedruckt, und die Folgen sind oft Blödsinnigkeit, Mangel des Gedächtnisses, u. s. w. Dieser Umstand veranlaßt bei ganzen Nationen Verstandesschwäche; vorzüglich bey denen, die es hierin ein wenig arg machen. So pressen die Karaiben z. B. den Kopf ihrer Kinder zwischen zwey Brettern so lange, bis ihnen die Augäpfel bersten wollen, und ein weißer zäher Schleim aus der Nase quillt. Die Indianerinnen um Süd-Karolina herum bis nach Neu-Mexiko sind sehr ängstlich besorgt, daß ihre Kinder mit den Füßen auf einem Wiegen-Brette wenigstens um einen Fuß höher hangen, als mit dem Kopfe, der durch die Last des übrigen ganz unbeweglich befestigten Körpers gegen einen derb ausgestopften Sandsack gepreßt wird, um dem Kinde einen flachen, breiten Scheitel, und eine niedere Stirn zu verschaffen, welche bei ihnen für das Non plus ultra der Schönheit gehalten wird. Was diesen sorgfältigen Müttern in Rücksicht der Breite bei ihren Kindern so wohl gefällt, das gefiel in den beiden vorletzten Jahrhunderten und noch im Anfange des verflossenen, selbst unsern Landsmänninnen in der Länge. Die deutschen, französischen, niederländischen Damen ließen ihren Mädchen auch die Presse aufs niedlichste angedeihen, damit ihnen dereinst die Fontange desto stattlicher sitzen möchte. — So viel ist sicher, wenn unsre Hebammen zu pressen fortfahren; dann sind allerdings die Karaiben weit glücklicher, als wir[48], die wir von außen, und von innen zugleich gepreßt werden.
Ein Hauptumstand, den man in diesem Alter beständig vor Augen haben muß, ist die Reinlichkeit. Der Einfluß der Sauberkeit auf Gesundheit, und Ruhe des Kindes, auf sein Wachsthum, und seine Zunahme ist auffallend groß. Die Thiere sorgen mit der größten Sorgfalt dafür, daß die Lagerstätte ihrer Jungen nicht mit Unrath verunreinigt werde; und gewiß nicht selten ist es der Fall, daß aus vernachlässigter Reinlichkeit Kinder der ärmern Klasse in Städten oft elend aussehen; daß sie der englischen Krankheit, und vielen andern Nebeln mehr unterworfen sind, als Kinder wohlhabender Leute. Man sieht ja oft auf der Stelle Kinder ruhig werden, welche vorher durch ihre Unruhe, schreien und stampfen, das ganze Haus ihrer Gesundheit wegen besorgt machten, wenn man sie säubert, und trocken legt. Ueberhaupt ist Reinlichkeit, öfteres Wechseln der Wäsche in jeder Periode des Lebens, und vorzüglich in dieser für den Körper äußerst zuträglich. Von 205 Kindern, sagt Camper, die von 1761 bis 1770 in das Armenhaus zu Amsterdam als Findlinge eingebracht wurden, waren den letzten Dezember 1780 noch 36 übrig, also ohngefähr ein Sechstel[49]. Von 1771 bis 1780 sind von 831 eingebrachten Kindern 547 gestorben, und 284 waren noch am Leben. Es sind also von hundert ohngefähr 30 erhalten worden. Die Erhaltung dieser mehrern Kinder kann man nicht anders, als dem öftern Wechsel des Leinenzeugs, der bessern Behandlung und Nahrung zuschreiben.
Ein Kind dünstet weit mehr aus, und die Wäsche wird folglich weit eher unbrauchbar, als bei einem Erwachsenen, und dennoch ist man in diesem Punkte unverzeihlich nachlässig. — Ein jeder, der es kann, sollte seinem Kinde alle tage weiße, trockne Wäsche geben: Man wird ihm dadurch wahrlich ein größeres und wesentlicheres Kapital an Gesundheit und Kräften geben, als wenn man ihm durch solche übelangebrachte Oekonomie noch so viel Geld zurückläßt;[50] und es ist eine Erfahrung mehrerer Aerzte, daß Kinder von der anfangenden englischen Krankheit bloß dadurch geheilt wurden, daß man sie reinlicher hielt, und öftere reine, trockne Wäsche gab.
Die Sauberkeit muß sich auf alles erstrecken, was das Kind umgibt. Es wird Reinlichkeit der Leinengeräthe, der Betten, der Kleidungsstücke u. s. w. erfordert. Die zurückgebliebenen Unreinigkeiten sind Schuld an einem ganzen Heere lästiger Hautkrankheiten. Bei den Thieren behauptet auch in diesem Stücke die Natur ihre Rechte; denn die Mehresten reinigen ihre Jungen durch fleißiges Lecken. —
Vorzüglich aber verdient auch die Luft unsere Aufmerksamkeit. Wahrlich es ist eins der größten Verdienste unsres Zeitalters, die Luft in ihre Bestandtheile zerlegt zu haben! Bekanntlich ist sie um die Ehre ein Element zu seyn von den Chemikern gebracht worden, aber dafür haben diese die Aerzte so mit ihrem Einflusse auf unsren Organismus bekannt gemacht, daß jezt die Physiologie ein ganz andres Ansehen erhalten hat.
An der Luft ist nun außerordentlich viel in Rücksicht auf unsre Gesundheit gelegen, und in den Kinderstuben kömmt gerade eine große Menge von Umständen zusammen, die ihr schon einzeln in hohem Grade nachtheilige Eigenschaften ertheilen. Die Dünste der nassen Wäsche, der Windeln, die Kohlen in den Wärm-Körben, die Oehldämpfe von den Nachtlichtern, und mehrere athmende Menschen verpesten die Luft in diesen, meist engen, Zimmern bald; dabei muß nun die große Hitze, mit der gemeinlich ein mit Vorsatz vernachläßigter Luftzug verbunden ist, mit in Anschlag gebracht werden, und denn ist es leicht zu erklären; woher es kömmt, daß die Hautgefäße nicht gleichförmig ausdünsten, sondern bald in Schweiß zerfließen, und daß die Haut nicht selten mit einem beständigem Ausschlage verunreiniget ist. —
Daß aber wirklich eingeschloßne Luft, vorzüglich die, in welcher mehrere Menschen athmen, sehr schädlich sey, davon sind einige auffallende Beispiele so bekannt, daß ich sie kaum zu erwähnen brauche. Wer kennt nicht die grausenvolle Geschichte der sogenannten schwarzen Höhle? (So nennt man in England das Gefängniß, wo im Brachmonate 1756 der Unterkönig von Bengalen hundert fünf und vierzig Männer, und ein Frauenzimmer im Fort Wilhelm zu Calcutta einsperren ließ) es war achtzehn Fuß lang, und eben so breit, dabei stark vermauert, und hatte gegen die Westseite zwey sehr vergitterte Fenster. Die Einsperrung dauerte vom Abend bis ein Viertel nach Sechs den andern Morgen, und da lebten nur noch drey und zwanzig. Die übrigen waren unter den schrecklichsten Quaalen und Beängstigungen gestorben[51]. Der schwarze Gerichtstag in Oxford 1577 ist eben so bekannt. Alle gegenwärtige Richter, und fast alle andre Personen, drey hundert an der Zahl, starben plötzlich[52]. Man hat auch mehrere Beispiele, daß heftige Konvulsionen unter den Kindern entstanden, die eine Nacht in einer zu fest verschloßnen Stube zubrachten[53]. Der große Britte Hr. Howard erzählt, daß im Zuchthause zu Cambridgetown im Frühjahre 1779 siebenzig Weiber des Tages über im Arbeitszimmer, und auch einige des Nachts beisammen waren, wo doch weder Kamin, noch Kloake war. Dadurch entstand ein äußerst beleidigender Geruch, und ein Fieber unter ihnen. Man ließ sie endlich los; aber zwey oder drey starben in wenig Tagen. Mead sagt, eine eingeschloßne mit Dünsten angefüllte, und durch Unrath von thierischen Körpern verdorbne Luft kömmt der ursprünglichen Pest sehr nahe[54]. Daß Kohlendampf sehr nachtheilig sey, davon erlebt fast jeder Beispiele: brennende Kohlen haben in leicht verschlossenen Zimmern durch die sich dabei erzeugende Kohlensäure viele Menschen getödtet[55].
Die Luft erhält in einem geschlossenen Raume, in welchem sehr viele Menschen lange gedrängt beisammen verweilen, und wo viele Lichter brennen, dadurch, daß der Antheil der Luft an Sauerstoffgas gegen die übrigen Bestandtheile sehr vermindert wird, ungemeine reizende Gewalt, und kann daher in sehr erregbaren Individuen, wie Kinder sind, leicht alle Lebensthätigkeit tilgen.
Ohne Rücksicht auf den Grad ihrer Güte wirkt auch dieselbe Luft in Absicht ihrer Temperatur, und ihrer Trockenheit, oder Feuchtigkeit sehr verschieden auf unsren Organismus; so ist die atmosphärische Luft um so schwächer erregend, je kälter sie ist, kalte Luft ist daher dem Kinde vorzüglich nachtheilig, wenn sie zugleich reich an Sauerstoff ist, oder, wie man im gemeinen Leben sagt, wenn sie sehr rein ist, oder vollends zugleich viele Wasserdünste enthält, wie bei neblichtem, regnerischem Wetter. Umgekehrt wirkt die Atmosphäre um so stärker erregend auf den Organismus, je höher der Grad ihrer Temperatur ist; sie kann also, wenn sie einen sehr hohen Grad von Wärme erreicht, zu enorm erregend wirken, folglich die Erregbarkeit ungemein vermindern, oder gänzlich tilgen, und dadurch als weniger, oder mehr enorme inzitirende Schädlichkeit wirken. Zu große Wärme der Luft ist aber um so nachtheiliger, wenn sie sehr reich an Stick-, Kohlensaurem-, und Wasserstoffgas ist, da diese unter die stärksten positiven Thätigkeiten der Natur gehören. Daher ist Batavia im Sommer so ungesund; daher ist auf dem festen Lande von Asien die äußerst heiße und feuchte Luft von Bander-Abaßi so berüchtigt. Fremde sterben da in kurzer Zeit, und die Einwohner sehen wie Leichen aus. Sie flüchten in der gefährlichsten Zeit auf die Gebirge. Diese Luft ist die Ursache der schrecklichen Mortalität in Jamaica; sie ist Schuld, daß in Portobello die gefährlichsten Krankheiten herrschen, daß daselbst die Wöchnerinnen fast ohne Ausnahme sterben, und daß selbst Stuten, Kühe, Hühner etc. da unfruchtbar sind. Ein künstliches Jamaica sah ich sehr oft in den Kinderstuben durch die schöpferischen Hände der Wärterinnen entstehen, wenn sie (vorzüglich in Findlingshäusern) bei der größten Ofenhitze und bei ganz eingeschlossener Luft Windeln trockneten, und dadurch noch gleichsam einen Dunstkreis von allerhand Gerüchen durch das ganze Zimmer verbreiteten; hier sind also Wärme, und äußerstes Verderben der Luft sinnreich vereinigt! Der Erfolg übertraf gewöhnlich die Erwartung: die Kinder verließen Schaarenweis dies Jammerthal, um sehr bald an den ewigen Freuden Theil zu nehmen.
Ich rathe zu den Kinderstuben bloß große, helle, nicht feuchte Zimmer zu wählen, nie zu warm darin zu heizen, nichts darin zu trocknen, keine Kohlenbecken im Zimmer zu haben, und nicht mehrere Menschen in der Kinderstube wohnen und schlafen zu lassen; sondern im Gegentheile halte ich für wesentlich nöthig, die Sauberkeit hier in allen Theilen auf das pünktlichste in Acht zu nehmen: Man öffne oft die Fenster, um die Luft zu erneuern, doch nicht zu oft, wenn das Kind sehr schwächlich ist; eine nicht zu reine Luft bekömmt solchen am besten, da Sauerstoff als negative Thätigkeit in der Natur existirt, und also der Organismus in der an Sauerstoffgas reichen Luft erregbarer wird. Man stelle nie Blumen in die Zimmer: auch soll man bei Nacht kein Licht in den Kindszimmern brennen; denn das ist eben so gut, als einen Schlafgesellen mehr haben.
Ich will aber mit allen diesem gar nicht, verstanden haben, daß man die Kinder ängstlich für jede Veränderung der Luft verwahren soll. Im Gegentheil so bald die ersten zwei Monate vorüber sind, (worin man sie im Hause an die Luft zu gewöhnen sucht) muß man keinen Tag mehr vorbei gehen lassen, ohne ihnen den Genuß der freien Luft zu gewähren; denn wer kann in unsern Zeiten wohl noch zweifeln, daß sie dem Kinde eben so unentbehrlich ist, als Essen und Trinken? Dabei ist es eine durch Erfahrung hinlänglich bewährte Thatsache, daß Zimmerluft, wenn sie auch gut ist, nie das Belebende hat, was die freie Luft in so hohem Grade besitzt, wenn die wohlthätigen Stralen der Sonne damit verbunden sind. Dieser frühzeitige, tägliche Gebrauch ist zugleich das wahre Mittel, das Kind allmählig an rauhe, unfreundliche Luft und jede Veränderung der Witterung zu gewöhnen, der es sich doch in der Zukunft so oft wird aussetzen müssen, wenn es nicht zum arkadischen Schäfer bestimmt ist. Hiedurch wird es in den glücklichen Zustand gesetzt werden, eben so gut unter Islands Eisschollen (wie Rousseau sagt) als auf dem glühenden Felsen von Malta zu leben. ——
Kinder müssen in den ersten Zeiten ihres Lebens viel getragen werden, und dabei ist manches zu beobachten nöthig. Gemeinlich sitzen die Kinder in dem Gelenke der Tragenden zwischen dem Ober- und Vorderarm; dadurch wird das weiche, zarte Becken zusammen gepreßt. Das muß natürlich sehr nachtheilig, besonders für Mädchen seyn. Auf solche Weise sitzen sie immer mit der einen Hälfte des Beckens höher, woraus eine schiefe Richtung desselben entsteht. Dies kann man leicht sehen, wenn man nur Acht gibt; denn der eine Fuß hängt immer länger herunter, als der andre. Eben so schädlich ist es, wenn das Kind den Arm um den Hals der Trägerin schlägt. Es fühlt zwar eine gewisse Gemächlichkeit dabei; aber auf solche Weise wird das Schlüsselbein, das Schulterblatt, und die eine Seite der Brust erhöht, wodurch also der ganze Leib des Kindes, zumalen bei anhaltender Gewohnheit, schief und krumm werden muß; daher ist es am besten, das Kind auf dem Vorderarm, und immer abwechselnd auf dem einen, und dem andren tragen zu lassen.
Es wäre sehr zu wünschen, daß die schändliche Gewohnheit aufhören möchte, die bei uns so üblich ist, nämlich den Kindern beständig einen Knebel in den Mund zu geben. Er besteht aus einem Stück Weizen- oder Zuckerbrod, das man in Leinwand gebunden, und kömmt unter dem Namen Lutscher vor. Mehrere Kinder haben ihn Tag und Nacht im Munde, und machen selbst im Schlafe mit den Lippen die Bewegung, als wenn sie daran säugten. Er soll die Kinder ruhig machen! Er ist es, der sehr dazu beiträgt, dem Kinde Ursachen zur Unruhe zu geben, indem er eine gute Dosis Säure und Winde im Magen erzeugt. Er macht dabei die Kinder beständig geifern, und dadurch unter dem Halse feucht, naß und wund. Er macht Verunstaltungen am Munde, und an den Lippen, und selbst das Zahnen wird durch ihn beschwerlicher, indem das Zahnfleisch durch den beständigen Druck des Lutschers hart und fest wird.
Wichtiger, als man auf den ersten Blick glauben sollte, ist es auch für die Gesundheit der Kinder, wenn die schmutzige Sitte abgestellt würde, daß sie jeder, der in die Stube tritt, küßt. Vorzüglich beobachten alte Matronen diese Mode sehr genau. Nicht blos ekelhaft, sondern auch gefährlich ist das. Oft und sehr schnell steckt ein Kuß an; da die lymphatischen Gefäße an den Lippen häufig und geschwind resorbiren, und ein großer Theil Menschen von der Lustseuche angesteckt ist[56].
Das alte französische Sprichwort: En baisant on ébois le sang — Küsse saugen das Blut aus — hat einen guten Grund; zumal wenn schwindsüchtige alte Weiber mit ihrem giftigen Speichel und faulen Athem die Rosenlippen des Kindes vergiften. Man lasse daher sein Kind, so wenig, als möglich küssen, oder wenn es doch geküßt seyn muß, auf die Wangen.