Vom Essen und Trinken.
Die erste Nahrung des Kindes muß nun, wie ich bewiesen zu haben glaube, die Brust der Mutter seyn. — Aber hat das Kind wohl genug damit? — Auch hier sind die kultivirten Menschen wieder klüger als — die Natur! Sie glauben, der Säugling würde an den Brüsten seiner Mutter verhüngern, wenn sie nicht durch ihre Weisheit — das Pfuscherwerk des Schöpfers verbesserten.
Das gesunde Kind hat mit den zwey Brüsten seiner gesunden Mutter die ersten Monate vollkommen genug[63]. Es findet in der reinen Muttermilch hinlängliche Nahrung. Man hat daher weiter nichts dabei zu künsteln nöthig. Aus dieser Ursache gefällt mir der Rath von Pinel, den ich übrigens, als einen der vorzüglichern Aerzte Frankreichs sehr hoch schätze, gar nicht: die Kinder nämlich beim Säugen frisches Wasser trinken zu lassen. Es soll bei denen, die mager werden, oder Anzeigen schlechter Verdauung haben, das sicherste Mittel seyn, dieselbe in Ordnung zu bringen, und die von der Milch überbleibenden Kruditäten wegzuspühlen, dem Krampfhusten vorzubeugen, und die Entwöhnung zu erleichtern. Er sagt, er gebe diesen Rath aus Erfahrung, man könne den Kindern drey bis viermal des Tags Wasser geben; denn der Instinct lehre sie so viel zu nehmen, als ihnen gut ist, und sie fänden bald Geschmack daran. Allein Herr Pinel wird mich schwerlich überzeugen können, daß kaltes Wasser einem Säuglinge gut bekommen könne, da die Natur so absichtlich ihm seine Nahrung lauwarm gibt, und wie, wenn das Kind gerade deswegen mager wird, weil die Milch seiner Mutter zu wässericht ist? Nur in dem Falle, und mit der Einschränkung kann man, das Wasser, und zwar als Arznei geben, wenn, wie es Hufeland that,[64] die Muttermilch zu fett und zu schwer ist, und das Wasser vorher laulicht gemacht wurde.
Nach einigen Monaten, wenn die Natur nach und nach anfängt, auf die Hervorbringung der Zähne zu arbeiten, sehen wir, daß dem Kinde die Milch der Mutter nicht hinlänglich ist. Die Natur will jetzt das Kind vor und nach an andre Nahrung gewöhnen; damit das Abgewöhnen von der mütterlichen Brust nicht auf einmal geschehe. Die beste Nahrung, die man denn dem Kinde geben kann, ist: Milchzucker in warmem Wasser aufgelöst, wozu etwas Satzmehl aus Kartoffeln[65], (es ist ganz dasselbe, was der theurere Sago und Salep ist) geschüttet wird. Wie das Kind älter und stärker wird, so setzt man mehr davon zu; man erhält das Ganze eine halbe Stunde unter stetem Umrühren über dem Feuer, und erhält so eine sehr nährende Gallerte. Nach einiger Zeit wechselt man ab mit Fleischbrühsuppen, worin gut gebackenes Weizenbrod abgekocht ist. — Das sind Sachen, die den Uebergang von der Milch zu den übrigen Nahrungsmitteln zu machen, vorzüglich geschickt sind. Gewöhnlich gibt man aber den Kindern, und zwar bei uns von dem ersten Tage der Geburt einen Brei aus Milch, Mehl und Zucker. Offenbar eine Mischung, die so schädlich ist, als eine erdacht werden kann! Ungegohrne Mehlspeisen sind sogar den Erwachsenen aus Gründen, die der Chimist und Phisiolog kennt, äußerst schwer zu verdauen. Man kann sich nicht mit zu vielem Eifer gegen diese abscheuliche Nahrung auflehnen.
Man mache den Versuch an sich selbst, esse nur so viel Mehlbrei, als man einem Kinde auf zweimal einstreicht, und wenn man nicht gleich nach dem ersten Mahle Drücken im Magen, saures Aufstoßen, und alle Zeichen einer Unverdaulichkeit und Säure im Magen wahrnimmt, so fahre man nur einige Tage mit dieser Kost fort — und man wird denn hinlänglich überzeugt seyn, daß dieser Brei in dem Magen sich in Sauerteig verwandelt, und desto schneller bei Kindern sich verwandeln muß, je schwächer ihr Magen ist und je schwächer ihre Verdauungskräfte sind. Man sagt zwar, der Brei nährt viele Millionen Kinder; aber wie viele tausend hat er schon getödtet? Vielleicht hat noch kein Gift so viele Menschen plötzlich, oder nach und nach gemordet, als dieser Mehlbrei, und er hat vielleicht allein mehr Kinder in den ersten Monaten aufgerieben, als alle Kinderkrankheiten in der Folge! Wenn sich auch seine Wirkungen nicht plötzlich äußern, wenn auch nicht alle Kinder, welchen Mehlbrei eingestrichen wird, plötzlich sterben, was doch nicht ganz selten sich ereignet; so legt er doch den Keim zu einem Heere langwieriger Krankheiten. Wie konnte sich aber, sagt man, der Mehlbrei so lange in den Kindsstuben erhalten, wenn er so schädlich ist? Man darf nur die Faulheit und Nachlässigkeit der Ammen und mancher Mütter kennen, um das zu begreifen. Ein Kind, dem man eine Portion dieses Kleisters eingegeben hat, zumal wenn es des Abends geschieht, liegt die Nacht über in einer Betäubung da, wie ein Erwachsener, der vor dem Schlafengehen ein zu reichliches Nachtmal an unverdaulichen Speisen hielt — es währt lange, bis der Magen den zähen Kleister verdauet, bis der Säugling wieder neuen Appetit bekömmt und nach Muttermilch schreit; daher schläft die Amme ruhig die Nacht über fort, und erwacht freudenvoll über die genossene Ruhe mit dem neuen Entschlusse, auch künftigen Abend ein Stündchen Schlafes mit dem Leben und der Gesundheit ihres Säuglings zu kaufen. Wie schnell mußte sich solch eine Entdeckung unter dem Ammenvolke verbreiten! Und wie viel leichter wäre es nicht, Alpen zu versetzen, als ein hirnloses Weib von dem Ungrunde einer vorgefaßten Meinung zu überführen! Unglücklicher Weise macht der Brei den Kindern dicke Bäuche, und da sich bei vielen Weibern der Stolz sehr oft auf die Fettigkeit ihrer Kinder gründet: so dient dies auch noch bei ihnen dem Brei zur Empfehlung; weil sie mit allem Eifer bedacht sind, diese drolligte Leibesbeschaffenheit ihren Kindern zu erzielen.
Aber wenn nun das Kind abgewöhnt ist, was soll es denn essen? Die Natur gab andern Thieren den Instinct als die sichersten Leiter, die Sachen zu finden, die ein Stück ihres Körpers ausmachen sollten. Wir sehen das deutlich auf den oft abgefressenen Weiden, welche dem hungrigen Thiere wenig Nahrung geben können; und doch stehen gewisse Pflanzen in der schönsten Blüthe unangerührt da; weil sie ihnen nachtheilig sind. Diesen Instinct hatten wir auch; denn die ersten Menschen würden todt gehungert seyn, wenn sie durch die Erfahrung hätten lernen müssen, was ihnen nachtheilig oder gut sey. Ein Knabe, der in einem Walde gefangen worden, konnte alle gesunde Pflanzen von den schädlichen unterscheiden; er verlor aber diese Eigenschaft, so bald er aß, wie andere Menschen[66]. Das wäre uns gewiß am allergesündesten gewesen, was uns am besten geschmeckt hätte, wenn wir nicht so sehr entartet wären. Die Natur ermuntert uns ja immer durch Vergnügen zu dem, was wir thun sollen, und warnt uns durch Schmerz für das, was wir nicht thun sollen; läßt auch denn Vergnügen Schmerz werden, wenn wir ihre sanfte Stimme nicht hören wollen. — So haben wir nach vieler Bewegung den besten Appetit; der Appetit wird nagender, schmerzhafter Hunger, wenn wir ihn nicht stillen; der Appetit wird Sättigung, wenn wir genug haben; er wird Eckel, wenn wir zu viel gegessen haben. In das, was uns schadet, legte sie einen Abscheu.
Es liegt aber sehr viel daran, was wir essen, selbst in Rücksicht auf unsre Moralität. Die von Pferdemilch lebenden Mysi sind die gerechtesten Menschen. Die jetzigen Einwohner von Hindostan, die bloß Vegetabilien genießen, sind sanfte, gute, leutselige Menschen[67]. Bloß Fleisch essen macht wild, unbarmherzig, grausam. Die Menschenfresser unter den Amerikanern[68] sind ungesellig, tiefsinnig u. s. w. Die Tartarn, die Patagonen und einigermaßen unter uns die Fleischer und Jäger bezeugen, daß Fleischessen wild macht[69]. Auch schadet allzuvieles Fleischessen offenbar dem höhern Denkvermögen, es macht die Phantasie üppig und ausschweifend; daher enthielt sich ihrer der größte Mensch — Newton, als er das Meisterstück der menschlichen Vernunft, seine Theorie von dem Lichte und den Farben schrieb[70]. Vegetabilische Diät macht die Leute gelind in ihren Handlungen, aber schwach und zu großen Arbeiten untüchtig. Haller sah nach dem Gebrauche der Vipern die größte Ungeduld entstehn[71]. Boerhaave kannte einen Mann, der eine Zeitlang bloß Feldhühner aß, und dabei die Feinheit seiner Sitten verlor.
Von dem Einflusse der Diät auf die Moralität scheinen die Alten schon überzeugt gewesen zu seyn: Philopömen zwang die Spartaner, die Manier ihre Kinder zu nähren, aufzugeben; weil er wohl wußte (sagt Plutarch), daß sie sonst immer eine große Seele und ein erhabenes Herz hätten. Pausanias ließ nach der Schlacht bei Platäa seinen Offizieren eine persische und eine spartanische Mahlzeit zurichten, und sagte ihnen: seht die Thorheit der Medischen Anführer, die solcher Mahlzeiten gewohnt sind, und dennoch geglaubt haben, sie könnten uns überwinden.
Wir hätten vielleicht eine ziemliche Leichtigkeit, nicht bloß die verschiednen Nazionalcharactere anzugeben, sondern selbst die Charactere jeder einzelnen Individuen zu kennen, mit denen wir umgehen; wenn wir eine genaue Sammlung ihrer Küchenzettel hätten[72]. Gehörig beschränkt, ist also viel wahres an dem Satze, den schon des Cartes behauptete, daß man die Mittel zur Verbesserung des menschlichen Geistes und Herzens in der Arzneikunde (und ich möchte hinzusetzen) auch in der Küche suchen müßte. Dächten hieran die Leute, die manchmal unsere Sitten richten wollen, und den physischen Menschen gar nicht kennen; so würden sie vermuthlich einem Manne oft sein Genie oder seine Geistesschwäche, seine Moralität oder Immoralität nicht so hoch anrechnen, als sie es gewöhnlich thun, und um so mehr thun; je mehr sie von der Organisation desjenigen, von dem sie urtheilen, abstehen.
Daß der Natur unendlich viel daran lag, uns die Sachen recht auswählen zu lassen, welche wir essen, sehen wir vorzüglich, wenn wir den Sinn des Geschmacks recht betrachten. Wie empfänglich ist der nicht für jeden Eindruck! Fast alles schmeckt! Aber es ist schwer anzugeben, was uns denn zur Speise angewiesen ist, was uns eigentlich am zuträglichsten seyn mag, da wir durch unsere Kultur den Instinct in dem Punkte ganz eingebüßt haben.
Höchstwahrscheinlich ist der Mensch zur Obstnahrung bestimmt; das beweist die Einrichtung seiner Verdauungswerkzeuge, die der Verwandlung der Obstspeisen durchaus angemessen ist. Seine Vorderzähne schaben den Bissen vom Obste; seine Hundszähne, die beinahe eine nicht größere Aehnlichkeit mit den Hundszähnen der Fleischfressenden Thiere haben, als die menschlichen Finger mit den Klauen derselben, dienen, die Schalen der Nüsse zu öffnen; seine Backenzähne zermalmen den Bissen. Die Gedärme des Menschen sind für Fleischspeisen zu lang, für Vegetabilien zu kurz. Sein Magen kann keine Kornfrüchte zermalmen; sonst wäre er fleischigter. Dabei gewährt das reife Obst unserer Zunge einen überaus angenehmen Geschmack; ein Vorzug, den schon Hippocrates[73] einer Speise sehr hoch anrechnet. Allein der Schöpfer wollte den Menschen über die ganze bewohnbare Erde verbreiten, und deswegen mußte er seine Natur seinem Wohnplatze anpassen. Daher ißt der Nordländer Fleisch; denn sein Land trägt ihm nicht Obst genug, auch könnte er damit in seinem kalten Himmelsstriche nicht gesund bleiben: in wärmern Gegenden ißt der Mensch des Fleisches weniger, und lebt wieder mehr von Vegetabilien. In ganz Ostindien, in Japan, in China ißt man wenig Fleisch, noch weniger in Aegypten. Der Reiß, einige Gewächse und Butter sind die gewöhnliche Speise der Einwohner von Bengalen. Auch ist es Sache der Erfahrung, daß ganze Menschenklassen sich einzig von vegetabilischer Nahrung ernähren[74], so wie andre bloß von Fleisch, und dabei sehr gesund bleiben.
Ueberall modifizirte die Natur den Instinct des Menschen nach den Umständen, so daß er jedem Himmelsstriche mit kühner Stirne trotzt, und sich an jede Speise gewöhnen kann. Aber wir Europäer haben wir nicht die Diät aller Völker bei uns vereint? Wahrlich der Europäer ist das gefräßigste Thier auf Erden[75]! Er ißt alle Arten von Fleisch, Fischen, Schalthieren, Vögeln, Wurzeln, Früchten, Kräutern etc. etc. Wir lachen, daß des Grönländers Lieblingsspeise halb verfaulte Stockfischschwänze sind, daß der Hottentote zum Götteressen faulende Därme hat, und wir essen — Schnepfendreck, und faulendes Wildbret. — Wir haben auf unserm Tische die Kirschen des schwarzen Meeres, die Spargel aus Siberien, die Aprikosen, Birnen, Aepfel und Pflaumen entfernter Gegenden, die Kartoffeln aus Amerika, das Korn und den Kohl und tausend andre Sachen, deren Vaterland unbekannt ist[76]. Selbst der Weinstock, den wir zu manchem Zwecke brauchen, und wohl noch öfter mißbrauchen, ist fremd: denn in unsern Wäldern war nichts, als einige Beerenstauden und Aepfel, welche wir zu essen verlernt haben. Ist es also wohl noch zu verwundern, daß wir keinen Instinct mehr haben? Wir haben ja (wie mein Freund Herr Hofrath Roose[77] sagt) lange aufgehört Menschen zu seyn — um Staatsbürger zu werden.
So wie die Natur die Judenknaben mit einer kleinern Vorhaut zur Welt kommen läßt; wie sie den Kindern derjenigen Völker, die manche Glieder ihrer Neugebornen mehrere Generationen hindurch verzerren, endlich von selbst die beliebte Form gibt, so wurde sie (möchte ich sagen) endlich müde, uns ihre Winke zu geben. — Dazu kömmt noch, daß in manchen Ländern Bevölkerungs-Principien herrschen, die allenfalls (und doch nur mit der größten Einschränkung) bei einem Gestüte gut seyn könnten; aber zur Degeneration der Menschen nicht wenig beitragen. Man glaubt nämlich oft, nicht genug Leute auf einem Flecke anhäufen zu können, ohne sich darum zu bekümmern, ob sie sich auch gesund und gut da nähren können. Nothgedrungen muß denn der Mensch Nahrung genießen, welche mit seiner Natur gar nicht zusammenstimmt; und so degenerirt denn auch die unterste Klasse ganz zu dem Grade der Kultur, den die höhern Stände schon lange acquirirt haben.
Und was haben wir an der Stelle des Instincts? — Bücher der Diätetik, welche kein Thier, auch nicht der Barbar bedarf, und welche sich nicht selten auf jedem Blatte widersprechen.
Was sollen wir aber thun, um aus diesem Labyrinthe zu kommen? — Wir sollen unsre Kinder an einfache Speisen gewöhnen. Die einfachsten Speisen bekommen ihnen am beßten. Für Milch, Brod, Wasser, u. s. w. eckelt’s keinem Kinde auf der Erde: unsere Bauernkinder sind kräftige Zeugnisse, wie gesund die Kinder bei dieser Diät werden. Auch selbst der Geschmack der städtischen Kinder geht immer noch nach den einfachen Speisen. Unsre Ragouts und andere beliebte Gerichte lieben sie nicht; diese macht ihnen erst Gewohnheit angenehm.
Milch, Brod, Obst soll eigentlich die Hauptnahrung der Kinder seyn, und in dem Maaße, als sie älter werden, gebe man ihnen allgemach öfter Fleisch. Ihr Getränk sey — wenn sie gesund sind, Wasser. Kinder mögen auch anfänglich weder Wein noch Bier u. s. w.[78].
Aber wann und wie viel soll das Kind des Tags essen? Man soll ihm nicht zu wenig geben; da es nicht bloß zu seinem Ernähren, sondern auch zum Wachsen essen muß. Wenn das Kind also noch nicht selbst fordern kann; so gebe man Achtung, daß man ihm immer zu bestimmten Zeiten so lange gebe, als es mit Lust und Appetit die Speisen zu sich nimmt. Meistens fallen hier Mütter in entgegengesetzte Extreme. So wie einige, aus Furcht ihren Kindern zu schaden, ihnen viel zu wenig geben, so geben ihnen andere beinahe jeden Augenblick zu essen, und stopfen sie, wie die Gänse: daher Atrophie, Verstopfungen im Gekröse und ein ganzes Heer von Uebeln. Unzer[79] beschreibt diesen unter der gemeinen Klasse häufigen Fall mit seiner gewöhnlichen Laune: „Ein junges Kind muß doch essen, sagt er, man gibt ihm fleißig Brei, Semmel, weißes Brod, und lauter trockene oder zähe Speisen, die gut vorhalten. Dies geschieht des Tages vier bis sechsmal, wo nicht gar unaufhörlich: denn das Kind kann doch unmöglich hungern. Was ereignet sich? Das Kind wird elend und mager, und frißt täglich ärger. Was soll man thun, um es wieder gesund zu machen? Man gibt ihm täglich mehr zu essen; denn davon schweigt es, und bekömmt Kräfte. Sein Leib wird hoch und hart. Das Brod scheint anzuschlagen. Allein der ganze übrige Leib wird dürre, wie ein Stecken. Das Kind muß also doch wohl noch nicht Nahrung genug haben. Man nährt es besser, und es verzehrt sich und stirbt. Niemand bedauert, daß er es todt gefüttert habe. Wie sollte dieses auch möglich seyn? Es konnte ja nie satt werden?“
Wenn aber das Kind schon brav herumlauft, wenn es schon fordern kann, dann gebe man ihm zu essen, wenn es mag, wenn es will. Es wird denn nie zu viel essen. Ein natürlich erzogenes Kind wird sich nie Unverdaulichkeiten zuziehen, an denen wir allein Schuld sind. Die Natur bedarf immer eines Ersatzes; daher hat das Kind immer Hunger. Reizen wir nur seine Sinnlichkeit nicht, so wird es gewiß nicht mehr essen, als es Hunger hat. Allein wir lassen die Kinder sistematisch nach der Uhr hungern, und nur zu gewissen Zeiten des Tags essen; sie suchen sich denn, wenn ihnen der Zaum, den ihnen die Konvenienz anlegte, losgelassen wird, dafür schadlos zu halten, und füllen auf einmal in ihre kleinen Magen mehr, als sie verdauen können. Wir sehen davon Beweise an den Kindern der Landleute. Der Tisch ist diesen, vorzüglich im Sommer, immer gedeckt. Den ganzen Tag sitzen sie unter den Obstbäumen, und wie wenig wissen sie von Unverdaulichkeit! Haben sie sich durch Zufall eine zugezogen; so ist Hunger ja dafür das beste Mittel; die Natur verbindet ohne dies damit Eckel. Das natürlich erzogene Kind wird daher keinen Hunger haben, bis die Natur diesen Fehler wieder gut gemacht hat.
Ungegründet ist auch die Furcht, daß volle Befriedigung des Appetits die Knaben zu schwerfällig und träge mache. Man bedenke doch nur, daß sie nicht allein das Verlorne ersetzt haben, sondern außerdem noch zum Wachsthum etwas auflegen wollen. Ihre Verdauung ist wegen dieses doppelten Bedürfnisses so lebhaft, daß man von der Ueberladung des Magens nicht leicht etwas zu befürchten hat. Der Hunger selbst ist uns Bürge dafür; der zeigt sowohl, wie hochnöthig eine Nahrung ist, als auch, wie leicht und bald das Genossene verdaut wird.
In diesem Alter ist Essen die Hauptbeschäftigung, und von dieser Seite nur kennen die Kinder Vergnügen. Die Erzieher sollten das mehr benutzen, denn könnten sie sicherer zum Zwecke kommen, als nach der bisher gewohnten Art. Wie leicht trocknet oft ein Apfel, oder eine Kirsche einen ganzen Strom von Thränen! — Jetzt verdirbt man oft das Herz der Kinder, indem man es bessern will. Neid nennt man bei der Jugend Emulation; unbeschränkten Ehrgeiz lobenswerthe Wißbegierde. Du sollst nicht eher ruhen, bis du in der Schule den Platz über diesen oder jenen deiner Gespielen erhalten hast; denke dir die Schande: — dein Bruder oder dein Freund hat schon wieder diese Aufgabe besser gemacht, u. s. w. Das ist die nur allzugewöhnliche Erziehungs-Methode. So legt man aber den Keim zu den heftigsten Leidenschaften in das junge Herz, und vergiftet es für immer in die Zukunft. Hämischer Neid, unersättlicher Ehrgeiz mit allen seinen Folgen bemeistern sich dadurch des Kindes ganz. Es wird nur Ersatz für seinen Fleiß, für seine Arbeiten in äußerlichen Zeichen, im lauten Beifall des Publikums suchen; und haben ihm noch ehrgeizigere Menschen diese nahe am gehofften Ziele wegcabalirt; so ist es in Verzweiflung, hört auf zu arbeiten, oder will sich gar an Vaterland und Menschheit rächen.
Kinder müssen zu dem, wohin wir sie leiten wollen, durch sinnliche Gegenstände gereizt werden, aber denn ist es doch besser, sie dadurch zu führen, wofür sie in diesem Alter ganz Sinn sind. — Zucker z B. ist das beste, was man ihnen zur Aufmunterung und zur Belohnung geben kann. Sie essen ihn sehr gern, und er ist trotz dem, was man dagegen gesagt hat, sehr gesund. Der Herzog von Beaufort, der vierzig Jahre lang täglich ein Pfund Zucker verzehrte, starb im sechzigsten Jahre an einem Fieber; man fand seine Eingeweide sehr gesund, und die Zähne fest und gut. Ein gewisser Melory, der unter alle Speisen Zucker that, wurde bei einer festen und dauerhaften Gesundheit hundert Jahre alt. Personen, die den stärksten Gebrauch vom Zucker machen, wie die Neger, haben gerade die schönsten Zähne: und Share versichert, seine Zähne durch das Reiben mit Zucker erhalten zu haben. Hunter empfiehlt sogar den Zucker als das beste Erquickungsmittel bei Leuten, die durch langes Fasten geschwächt, oder durch den Gebrauch von Merkurialmitteln mager geworden sind. Und wie mehrere Versuche beweisen, so begünstigt der Zucker nicht allein die Erzeugung der Würmer nicht, sondern er treibt sie sogar ab.
Man hüte die Kinder aber vor Näschereien, vorzüglich denjenigen, die um Weihnachten und Nikolaus in den katholischen Ländern verkauft werden. Es sind meistens Sachen, die mit Gummigutt, Grünspan, Schaumgold, d. h. Messing gefärbt, und aus schlechtem Mehl und etwas Zucker zusammengebacken sind, welche billig wegen ihren schädlichen Eigenschaften in jedem polizirten Staate verbothen werden müßten.
Man glaube nur nicht, die Kinder würden dadurch Fresser und Schlemmer, daß man sie durch so sinnliche Gegenstände zur Arbeit und guten Handlungen ermuntere, oder daß in der Folge für sie ein gutes Mittagsessen mehr seyn würde, als eine edle That. Nein das ist sicher der Fall nicht. So wie das Wachsen allmählig aufhört, das Kind sich weniger bewegt, so hört auch mit dem Bedürfnisse die Lebhaftigkeit dieses Sinnes auf, und um die Zeit bekömmt dabei im gesellschaftlichen Zustande das Herz so viel zu thun, daß der Magen uns so sehr nicht mehr beschäftigt. Nur die werden Fresser, welchen ihr Appetit nicht gestillt, sondern gereizt wird, oder welche Nerven von der Bauart haben, daß sie weder von innen noch von außen Beschäftigung finden, und also nur mit — ihrer Verdauung und Ernährung zu thun haben.
Hier muß ich noch gegen einen Mißbrauch warnen, der den Kindern nicht selten sehr nachtheilig ist. Es ist die eckelhafte Gewohnheit vieler Kindswärterinnen, den Bissen, den sie kleinen Kindern geben, immer vorerst in ihrem Munde herumzuwälzen, und mit ihrem, oft gefährlichen, Speichel zu besudeln. Man lasse nur die Speisen gehörig abkühlen; denn ist es ja nicht möglich, den Kindern den Mund zu verbrennen!