Von der Kleidung.
Unter die zahllosen Bedürfnisse, welche die Gewohnheit mehr, als die Natur, dem Menschen nothwendig macht, rechnet man billig die Kleider[80]. Ein großer Theil unsrer Degeneration kömmt von unsrer albernen, läppischen Art zu kleiden her. — Ich finde die Mode der Wilden, sich zu tatouiren, nicht so lächerlich und weniger ungesund, als die Sitte der Europäer, sich jedes Glied in eine widernatürliche Lage zu pressen.
Wie unnatürlich sind nicht unsre Kleider! Ich glaube kaum, daß man eine abscheulichere Art, sich zu bedecken erdenken könnte, als die unsrige. Alle Glieder gepreßt, gebunden, geknöpft! — Auf dem Kopfe glaubt man, nie Haare genug haben zu können, während die Männer sie um das Kinn, wo sie ihnen die Natur doch auch gab, mit der größten Sorgfalt abschneiden. — Den Hals, der mit so wichtigen Gefäßen rund umgeben ist, umschlingen wir mit Binden, und stören da den Kreislauf des Bluts. Die Brust und der Unterleib werden erst durch Schnürleiber (die man immer noch in einigen Gegenden Knaben und Mädchen reichlich angedeihen läßt) denn durch enge Westen und hohe Hosen zusammengedrückt. So wird die Brust verengert, das Athemholen erschwert, und das ganze Verdauungsgeschäft gestört. —
Die Hosen sind die schädlichste Kleidung, welche auf diesem Planeten von irgend einem Volke getragen wird, und wahrlich in Absicht auf die Sitten ist die Mode im Königreich Pegu, wo sich die Weiber so kleiden, daß sich bei jedem Schritte ihr geheimster Theil darbietet, nicht von schlimmerer Wirkung. — Auch die Schuhe sind so gestaltet, daß man glauben sollte, der Mensch habe sie sich zu seiner Quaal erfunden[81]. Die Natur machte unsre Füße vorn breit, und hinten spitzig; allein wir verstehen das Ding besser: unsre Schuhe sind vorn spitzig, und hinten breit, dabei so enge, daß unsre Zehen ganz gelähmt, und zwei Drittheile der Menschen mit allerhand Fußbeschwerden geplagt sind. Unsre Zehen sind beinahe, wie unsre Finger, gebildet; daher gibt es viele Völker, die das, was ihnen fällt, mit den Füßen aufheben, und diese fast eben so, wie ihre Hände brauchen können. Bei dem schönen Geschlechte in Europa ist die Kleidung noch weit unnatürlicher, als bei den Männern: sie zielt vorzüglich auf die Ausstaffirung des Busens und auf eine hübsche Taille. Bald befiehlt die Mode den Damen, ihren Busen nur durch einen seidenen Nebel blicken zu lassen, bald heischt sie ihn ganz zur Schau zu stellen; an vielen Orten aber zeigen sie ihn nur bei Ehrenanlässen. — Der Leib ist allgemein in Europa beliebt worden, für schön zu halten, wenn er trichterförmig ist. Alle die Moden, wie z. B. jetzt, wo sich die Frauenzimmer kleiden, als wenn die Schenkel gerade unter den Schultern anfingen, sind nur von kurzer Dauer. Immer kömmt man wieder bald auf die erste, auf die Trichterform, zurück. Wie verderbt muß nicht unser Geschmack seyn, daß es uns gefällt, ein Frauenzimmer, wie eine Wespe in zwei Stücke getheilt zu sehen; daß wir es für eine Schönheit halten, wenn ihr Leib zum Umspannen schmal ist, da inzwischen die Schultern breit sind, die Brüste beinahe bis an das Kinn anschwellen, und der Hinterleib einen großen Raum ausfüllt!
Die vielfache, komplizirte, Kleidung der Europäer bestätigt die Meinung des Abts Barthelemy ganz: daß mit dem Verderben der Menschen sich ihre Kleider vermehrt haben[82]. Unsre kränklichte, verkrüppelte Körper, wodurch wir uns so sehr vor andern Völkern auszeichnen, verdanken wir gewiß größtentheils unsrer Kleidertracht. Warum ist der Körper der Neger so viel vollkommner, als der unsrige? Warum die Brust der Mohren so viel geräumiger, gewölbter, als die des Europäers[83]? Wie einfach kleideten sich unsre Ahnen, und wie stark und gesund waren sie nicht! Julius Cäsar erzählt von ihnen[84], daß sie sich mit Häuten bekleideten, und einen großen Theil ihres Körpers unbedeckt ließen. — Und ihr ganzes langes Knabenalter liefen sie nackt herum[85]. Die heutigen Türken beweisen augenscheinlich, wie sehr die Kleidung auf den Körper wirkt. Sie wissen nichts von der Einwicklung, tragen keine enge Kleider, und haben daher breite Schultern und eine sehr weite Brust. — Die Kleidertracht ist also ein Umstand, der unsre Aufmerksamkeit im hohen Grade verdient; da ein beträchtlicher Theil Menschen an Krankheiten der wiedernatürlich verengten Brust zu Grunde geht. Das schlimmste ist, daß man, um die für schön gehaltene Form sicher zu erhalten, schon die Kinder in Kleider spannt, welche die Glieder in die beliebte Figur verzerren. Ihr ganzer Körper gibt, wie Wachs, jedem Drucke nach, und nimmt also bald für immer die unnatürliche Richtung an, welche man ihm zu geben für gut fand.
Bei einer bei Kindern einzuführenden Kleiderreform muß man vorzüglich darauf Rücksicht nehmen, daß man dem Hange zum Putze, der die Menschen noch unter keinem Himmelsstriche verlassen hat, hinlänglich Spielraum läßt. Gibt man hierauf nicht Acht, so verfehlt man früher oder später seinen Zweck; denn es ist noch kein Volk im Menschengeschlechte gefunden worden, welches nicht durch irgend eine Art von Putz die ihm von der Natur verliehenen Reize zu erhöhen, und sich dadurch liebenswürdiger zu machen suchte. Die elenden kümmerlichen Pescherä’s, die der Abschaum der Menschheit seyn sollen, haben Halsbänder von niedlich schimmernden Schneckchen. Und zum Beweise, daß der Trieb sich zu schmücken beim Menschen selbst weit früher da ist, als das Gefühl der Schamhaftigkeit, werfe man nur einen Blick auf die Einwohner von Neuholland. Diese übrigens ganz nackend einhergehenden Wilden durchbohren sich den Nasenknorpel, und knebeln sich einen fast spannenlangen Knochen durch die Oeffnung, (es versteht sich, der Schönheit wegen) der groß genug ist, der Luft den Weg so zu versperren, daß sie nur mit offnem Munde athmen, und mit schnarrender Resonanz sprechen können; malen sich mit rother Ocker, oder auch mit weißen Streifen, die gleichsam wie ein Ordensband über die Schulter, und schräg über den ganzen Leib gehen, auch zuweilen übers Kreuz von andern Streifen durchschnitten werden, und tragen Halsbänder von gereihten Muschelschaalen, Armspangen von kleinen Schnüren, und eine Schnur von Menschenhaaren um den Unterleib. — In Van-Diemens Land hatten einige Weiber einen Lappen des Kangurufells, den sie wie einen Sack um den Hals und um den Leib banden, um ihre Kinder darin auf dem Rücken zu tragen; allein an eine Bedeckung, welche die Schamhaftigkeit nach unsren Begriffen erheischt, war schlechterdings bei ihnen nicht zu denken[86].
Völker, die den sehr weisen Gebrauch eines Feigenblattes einsehen, haben dafür Surrogate, die offenbar mehr als bloße Bedeckung zur Absicht haben. Im südöstlichen Afrika bedient man sich statt dessen eines Katzenschwanzes; die Einwohner von Darien einer Maschine, die einer Lichtputze ähnlich seyn soll, und ein benachbartes amerikanisches Volk eines Kürbis oder großen Schneckenhauses. — Die männlichen Einwohner von Manikolo und den übrigen neuen Hebriden auf der Südsee haben sich einen kolossalischen Apparat hiezu ausgedacht: nemlich eine zylindrische Kapsel von einer solchen Länge und Stärke, daß sie mit Stricken getragen und um den Leib befestigt werden muß. Der Schmuck endlich unsrer Antipoden in Neu-Seeland ist ein hölzerner mit Bindfaden umwickelter Reif, dessen oberer Bogen mit Federbüschen besetzt ist, und in die bekannte Gegend applizirt wird; er dient offenbar nicht zur Bedeckung, sondern zur Parade. — Eine der merkwürdigsten Verschönerungen ist unter den Eleuten im nordischen Archipelagus gebräuchlich. Sie stecken sich nemlich Wallroßzähne durch die Lippen und Backen, um jenen Seeungeheuern gleich zu scheinen. —
Der Hang zum Putze ist also allgemein, fließt aus dem wohlthätigen Triebe zu gefallen, richtet sich daher nach dem Begriffe von Schönheit, welcher vorzüglich bei kultivirten Völkern äußerst veränderlich, und von Zufällen abhängig ist. Der Trieb ist also von der weisen Natur eingepflanzt, und zu allgemein, als daß wir ihn ersticken können, und warum sollten wir auch das? — Alle zu einfache Kleidungsvorschriften, welche der Mutter nicht erlauben, im Kinde zu kokettiren, werden nie eingeführt werden können, werden und können — nie allgemein werden.
Die Toilette des Kindes fängt nun gleich an, so wie es aus dem Bade, unmittelbar nach der Geburt, kömmt. Es muß denn in eine Kleidung gesteckt werden, wobei es ohne irgend einen Theil seines Körpers zu drücken, warm bleibt. In dem Leibe seiner Mutter saß es ja neun Monate krumm, und kam doch gerade zur Welt; warum sollen wir denn die armen Kleinen gleich bei ihrem Eintritte auf die Folter spannen, sie gleich der Bewegung aller ihrer Glieder berauben, und zur Pyramide wickeln[87]? Wer nur einmal zusah, wie froh das Kind zu seyn pflegt, wenn es bei Umwechslung der Kleider einen Augenblick seine Glieder brauchen darf, der wird sich leicht von der Quaal überzeugen können, in die es durch das Wickeln versetzt wird. Vorzüglich leiden das Athemholen und die Verdauung dabei, und anstatt krumme Beine etc. zu verhüten, ist nichts fähig, sie so leicht zu machen. Das Stöhnen und Stampfen des Kindes, das Versuchen sich seine Lage erträglicher zu machen, ist recht dazu geeignet, seine Glieder aus ihrer natürlichen Form zu bringen. Die wickelnden Nationen (möchte ich sagen) haben die meisten Krüppel. Die alten Einwohner von Peru[88] setzten ihre Kinder in ein Loch, welches sie in die Erde machten, und ihnen bis an die Hälfte ihres Körpers reichte; sie konnten denn ihren Kopf oder ihren Leib bewegen, wie sie wollten, ohne sich wehe zu thun, oder zu fallen.
Bei mehrern Völkern können daher die Kinder schon im sechsten Monate gehen. — Die Natur leidet nicht gern bei Erwachsenen plötzliche Veränderung, also noch weniger beim Neugebohrnen. Er war bis hieher mütterliche Wärme gewohnt, lebte ganz durch seine Mutter; jetzt fängt er seine eigne Haushaltung an; kalte Luft dringt nun in seine Lunge; der Kreislauf des Bluts wird ganz geändert. Man suche ihm also seine Lage dadurch zu erleichtern, daß man ihn an den Uebergang allmählig gewöhne. Die Thiermütter sitzen die ersten Tage nach der Geburt beinahe ununterbrochen auf ihren Jungen, und thun es um so seltener, je weiter sie von dem Tage der Niederkunft abkommen. So muß es mit unsren Neugebornen seyn. Sie müssen die erste Zeit nach ihrer Geburt warm gekleidet, in dem Bette ihrer Mutter liegen, um ihnen den Unterschied der Temperatur so wenig, wie möglich, fühlbar zu machen. — Ein Hemd, das überall weit ist, und auf dem Rücken mit Bändern zugemacht wird, um alle Nadeln zu vermeiden[89], und ein andres über dies, welches von einem Zeuge gemacht ist, der warm hält, und doch nicht schwer ist, mache seinen ganzen Anzug. Dies zweyte Hemd muß lang genug seyn, um seine Füße und seine Finger ganz zu bedecken. Bei Armen und auch bei Reichen (wenn es nicht zu wohlfeil wäre) würde hiezu Flanel sehr gut zu empfehlen seyn. Er ist warm, äußerst nachgiebig und doch leicht. Auf den Kopf des Kindes setze man eine Mütze, die ihn in der gehörigen Temperatur hält, und aus einem Zeuge gemacht ist, der durch seine Elastizität gewissermaßen sitzen bleibt, und also nicht nöthig hat, gestochen oder gebunden zu werden; oder eine Haube, die, wie eine Kaputze an das Hemdchen befestigt ist, und frei zurückgeschlagen werden kann. Die Bänder an den Mützchen, die unter dem Kinne gebunden werden, taugen eben so wenig, als jene, die über die Ohren gehen. Sie drücken die Ohren eben so, und können überdies das Kind erdrosseln, wenn es den Kopf zurücklegen will. Durch sie sind unsre Ohrenmuskeln schon frühe gelähmt; daher können wir unsre Ohren nicht bewegen, was die Wilden so gut können; und eben deswegen ist unser Gehör denn auch weniger scharf.
Nach vier Wochen fängt man an nach und nach den Anzug zu verringern. Man läßt allmählig die Ermel verkürzen. Man entblößt die Füße, Hals und Brust, und macht die Haube kleiner, bis man nach einem Jahre dem Kinde die Kleidung anzieht, die ohne Unterschied des Standes und Geschlechtes alle Kinder wenigstens bis ins zehnte Jahr tragen sollten. Diese Kleidung besteht in einem Hemde, das vorn die ganze Brust offen läßt, keine Ermel hat, und unten nicht über die Knie geht; über dies Hemd kann man ihnen nun noch ein andres anziehen, welches eben so gemacht ist. Es steht der Mutter frei, eine Farbe oder einen Stoff zu wählen, welchen sie will. Es kann von Seide, von Leinwand, aber nur bei sehr starker Kälte im Winter, von Tuch seyn. Die Mutter mag denn Falbeln, Manschetten etc. und was und wo sie will, ansetzen. Es wird das Kind nicht hindern, all den Vortheil zu genießen, welchen ihm diese Kleidung gewährt. Dieser ganze Anzug soll weit genug seyn, um das Kind an keiner Bewegung zu hindern. Die Beine und Füße sollen bloß seyn, und wer sie ja bedecken will, der thue es nur so leicht, als möglich, z. B. mit leinenen Strümpfen und weiten bequemen Schuhen ohne Absätze, die nur mit Riemen oder Bändern zugebunden sind. Auch sey der Kopf unter jeden Umständen ohne alle Bedeckung. Die Theorie, und was weit mehr ist, Erfahrung verspricht uns, durch eine solche Reform — starke und gute Menschen. Man glaube nicht, daß die Kinder durch Erkältung umkommen würden. Locke sagt: „das Entblößen des Gesichts schadet uns nicht: warum können wir die Leiber der Kinder nicht ganz zu Gesicht machen? Die Körper der Neger sind ja Gesicht, und befinden sich wohl!“ Ein Scythe, der gefragt ward, wie doch seine Landsleute unter ihrem frostigen Himmel nackend gehen können, gab zur Antwort: wir sind über und über Angesicht. In Finnland sieht man die Kinder[90] bis in das siebente oder achte Jahr selten anders als im Hemde herumlaufen. Aus der größten Hitze, wie sie in solchen Rauchhäusern ist, laufen die Kinder barfuß ohne Schuhe und Strümpfe in dem Schnee und der strengsten Kälte herum, ohne besondere Empfindung davon zu haben. Die Jugend ging bei den mehrsten Völkern bloß; und bei uns auf dem Lande sehen wir ja noch Kinder bei jeder Witterung halbnackt herumlaufen, und dabei sehr gesund und stark werden. Die alten Römer und die Deutschen gingen mit ganz nackten Armen; dadurch wurde ihre Stärke und Thätigkeit sehr vermehrt. Wahrscheinlich sind aus dieser Ursache die Vorderarme und Schenkel unsrer Frauenzimmer stärker und fester, als im Verhältnisse ihre andere Gliedmaßen. Auch lehrt die Erfahrung, daß es vortheilhaft sey, in jeder Witterung mit unbedecktem Kopfe zu gehen. Julius Cäsar war immer an der Spitze seiner muthigen Legionen mit bloßem Kopfe[91]. Noch gehen die mehrsten Völker der Erde mit unbedecktem Haupte. Herodot erzählt[92], daß man die Häupter der Perser von denen der Egyptier auf dem Schlachtfelde habe unterscheiden können; da erstere die Köpfe bedeckten und sehr warm hielten. Die Hirnschädel der Egyptier waren stärker, fester, und dienten dem, was sie verwahren sollten, zum bessern Behälter. Man konnte sie kaum mit einem großen Steine zerschlagen. Die Hirnschädel der Perser waren so mürbe, daß man sie leicht durchlöchern konnte. Auch (sagt er) sey dieß die Ursache der kahlen Köpfe, deren man bei den Egyptiern sehr wenig sieht. Die Kopfbedeckungen verhindern den freien Zutritt der wohlthätigen Atmosphäre[93], versperren den Ausdünstungen den Weg, und sind zum Theil Schuld an dem Ungeziefer und dem Kopfgrind. Aus dieser Ursache allein sehen oft Kinder, wie Leichen aus, weil sie keine Ruhe haben, und ihnen dabei eine nicht unbeträchtliche Menge Nahrung genommen wird. Uebrigens aber bin ich gar nicht der Meinung, daß man den Kindern (wie jetzt Sitte ist) den Kopf ganz scheren lasse; denn wozu hätte ihnen die Natur da so viel Haare gegeben? Am zuträglichsten wird es seyn, sie mit kurz über den Schultern und vorn über den Augbraunen abgeschnittenen Haaren gehen zu lassen, ohne sie zu schmieren, zu pudern, oder nach einer andern Richtung, als sie selbst nehmen, zwingen zu wollen. Das einzige, was man dabei zu thun hat, ist, daß man sie täglich auskämmen läßt, damit sie sich nicht verwirren.
Ganz vorzüglich aber rathe ich, die Knaben nicht frühe Hosen anziehen zu lassen. Herr Hofrath Faust hat es bewiesen, an wie viel Uebel dies Kleidungsstück, vorzüglich bei der Jugend, Schuld ist[94]. Der Schöpfer legte die Hoden bei uns außerhalb den Körper, um sie kühl zu erhalten, und durch die Hosen bringen wir sie aus der Verbindung mit der Luft und in ein Dampfbad. Sie sind eine Hauptursache des Uebels, welches den physischen und moralischen Werth unsrer Generation so sehr herabsetzt; ich meine: der Onanie. Sie sind mit Schuld daran, daß es unter den Männern so viel Leistenbrüche gibt. Man rechnet in Deutschland zweimal hundert tausend Mannspersonen, die gebrochen sind. —
Der Bergschotte ist auf einer großen Strecke der Erde der einzige, der noch jetzt keine Hosen trägt, und wie sehr zeichnet er sich nicht in jeder Hinsicht vor seinen behosten fernen und nahen Nachbarn aus? Sein Körper ist stark und gesund; er läuft mit einem Pferde um die Wette, und ist unermüdlich in allen Beschwerlichkeiten. Sechzigjährige Bergschotten springen noch über Hecken, wie Rehe. Er ist standhaft, muthig, sittsam, keusch und frohen Muthes. In Deutschland scheint ein Volk, zum Theil, dasselbe zu beweisen. Die Altenburgischen Bauren in Sachsen tragen sehr weite Hosen, und zeichnen sich auch durch Größe, Schönheit, Regelmäßigkeit, und Festigkeit ihres Körpers, ihres Knochen- und Gliederbaues nicht nur aus, sondern auch durch ihre Sitten und Gebräuche[95].
Es kann seyn, daß es hier und da jemand gibt, der den Vorschlag, den Knaben erst so spät Hosen zu geben, lächerlich findet: allein ich glaube, dies beweist nichts, als — daß Helvetius Recht habe, da er sagt: „jede Idee, welche unsrer Art zu sehen und zu empfinden fremd ist, dünkt uns immer lächerlich. Wir schätzen nur immer die den unsern ähnlichen Ideen, weil wir in der Nothwendigkeit sind, nur uns in den andren zu schätzen.“
Aber noch ein andrer Hauptumstand, den man noch nicht lange zu discutiren angefangen hat, macht es sehr wahrscheinlich, daß eine solche oder doch ähnliche Kleiderreform höchstzweckmäßig und für die Restauration der menschlichen Natur wesentlich sey; daß auch der Nachtheil unsrer gewöhnlichen Kleider sich auf weit mehr erstrecke, als auf verhinderte Ausdünstung, Druck der Glieder u. s. w. Es scheint nämlich, daß auf der Oberfläche unsrer Haut die Natur einen ähnlichen Prozeß anstelle, wie in den Lungen; daß auf der Oberfläche unsres Körpers, wie in der Brust, Wärme erzeugt werde. Sollte dies wirklich der Fall seyn, so ist es klar, daß unsre Kleider ein großes Hinderniß für die Operation sind. Zwischen Fell und Hemd (sagt ganz richtig der unvergeßliche Lichtenberg[96]) muß sehr bald eine Luft entstehen, die für den Prozeß nicht mehr taugt. Die Erstickung muß ihren Anfang nehmen zwischen Fell und Hemd; indessen bei uns Gesicht und Hände noch zu athmen fortfahren. Daraus folgt, daß, wenn es uns in Kleidern friert, es uns deswegen noch nicht nackend frieren müsse; weil der Wärme Erzeugungs-Prozeß nun nicht auf einer so großen Oberfläche des Körpers gehemmt ist. Und wirklich wenn man sich z. B. in einem Zimmer auskleidet, das bis zu dem Grade kalt ist, daß man sich die Hände zu reiben anfängt; so nimmt, wenn man ausgekleidet ist, die Kälte gar nicht in dem Verhältnisse zu, als man es erwarten sollte.
Doch ist allerdings diese Sache noch nicht ganz erwiesen. Prießley, Fontana, und noch vor kurzem Fourcroy[97] behaupten, daß keine gasförmige Flüßigkeit durch die Haut entwiche. Andre versichern, das entweichende Gas sey nur Stickgas, wie z. B. Ingenhouß, und jetzt neuerlich Trousset[98]. Mir ist jedoch, gestützt auf einige Versuche, die hier nicht am rechten Orte stehen würden, die Meinung am wahrscheinlichsten, daß das Geschäft der Haut einige Analogie mit dem der Lungen habe.
Auf alle Fälle will ich indessen durch das Gesagte dem Nackendgehen keine Apologie schreiben. Ich sehe sehr gut, in mehrern Rücksichten, für uns (wie wir jetzt sind) den klugen Gebrauch des Feigenblattes ein; aber ich sehe auch, daß wir gewiß nicht ungestraft die Operation, welche die Natur auf unsrer ganzen Oberfläche anstellen will, unterdrücken dürfen.
Manchem mag es vielleicht bei der vorgeschlagenen Kleidertracht anstößig seyn; daß in dem Anzuge der Knaben und Mädchen kein Unterschied seyn soll. Aber Kinder sind ja im Grunde ohne Geschlecht[99]! Der ehrwürdige Character der Kinder ist Unschuld, Arglosigkeit, Einfalt und Unwissenheit. Geschlecht, und Geschlechtsempfindungen liegen todt in den Kindern, und noch vielweniger wissen sie von einem Unterschiede der Geschlechter; warum macht man nun durch eine ganz wesentlich verschiedne Kleidung der Knaben und Mädchen, die Kinder aufmerksam auf den Unterschied der Geschlechter? Man macht sie nicht allein aufmerksam darauf, sondern theilt ihnen auch wirklich einen mehr, oder weniger dunkeln Begriff davon mit, und raubt ihnen dadurch ihre heilige Unwissenheit, die Frieden und Glück über ihre Kindheit verbreitete.