Abtheilung I.

Pavillon auf einer kleinen Terrasse, der einen Blick in einen brillant erleuchteten Garten gewährt. Seitwärts das Schloß Questenberg's. Musik abwechselnd aus ihm und dem Garten, jedoch nicht zu laut.

Erste Scene.

Blashammer mit Zitterwitz am Arm, Adelgunde nachfolgend.

Blashammer. Setze Dich auf jenen Stuhl, Tochter. (Adelgunde setzt sich an's Fenster und die beiden treten bei Seite.)

v. Zitterwitz. Vertrauen Sie meiner Menschenkenntniß; ich studirte nicht umsonst Psychologie . . .

Blashammer. Hätte er nur einmal mit ihr getanzt.

v. Zitterwitz. Er wird sich noch bezwingen.

Blashammer. Es müßte bald gescheh'n. . . Was ist die Uhr! Schon drei vorbei . . . gleich geht die Sonne auf. . .

v. Zitterwitz. Mit ihr das Licht seiner Liebe. . .

Blashammer. Sagen Sie's mir ganz rund heraus, was antwortete er auf Ihre Fragen?

v. Zitterwitz. Schüchterne Phrasen, würdig eines Poeten. . .

Blashammer. Ich muß der Sache auf den Grund kommen, ich muß wissen, woran ich bin, ich habe nicht nöthig im Finstern zu tappen — Nein wahrhaftig, mich lockt kein Gewinn, indem ich die Tochter dem Sohne eines Bankerottirers opfere! — Schnell auf die Beine, Herr Regierungsrath, zurück zum Doctor — er soll auf der Stelle herkommen! Fort, beschwingen Sie Ihre Füße!

v. Zitterwitz. Ich will mir Flügel anlegen. — (Er bleibt zaudernd stehen.)

Blashammer. Ich lasse meine Tochter hier, ziehe mich in den Hintergrund zurück und beobachte, wie er sich gegen sie aufführt.

v. Zitterwitz. Ah so! ah so!

Blashammer. Keine Zeit verloren.

v. Zitterwitz (für sich). Die Sache wird höchst kritisch! — Viel Vergnügen mein Fräulein.

Blashammer (ihm nachrufend). Nur den Finger auf dem Munde!

Zweite Scene.

Die Vorigen ohne v. Zitterwitz.

Blashammer (zu Adelgunde in melancholischem Tone seufzend). Wer kann sagen, ob man morgen noch am Leben ist! (Er setzt sich zu ihr.)

Adelgunde. Was fehlt Dir mein Vater?

Blashammer. Die Freude und Seligkeit des Herzens! . . . Wo andere singen, springen und scherzen, bin ich zum Weinen aufgelegt.

Adelgunde. Woher kommt das?

Blashammer. Gott weiß! . . Ich denke, Du wirst Deinen Vater nicht mehr lange besitzen. . .

Adelgunde. Einbildungen, Väterchen, nichts als Einbildungen.

Blashammer. Könnt' ich ihnen widerstehen! sie nehmen aber meine ganze Seele gefangen! — fast alle Nächte träumt mir von Hobelspänen, Kirchhöfen, Särgen, Priestern in schwarzen Talaren — Wie Du weißt, ging ich in früheren Jahren nur höchst selten zur Kirche, jetzt darf ich keinen Sonntag versäumen und häufig drängt's mich noch Dienstag's und Donnerstag's die Wochenpredigt dem wichtigen Geschäft an der Börse vorzuziehen. — Alles das bedeutet nichts Gutes! Aufgerieben ist meine Gesundheit, abgenutzt meine Seele! Die geringste Aufregung wirkt schädlich auf die Verdauung, der kleinste Schreck verursacht mir schlaflose Nächte . . .

Adelgunde. Du mußt auf solche Kleinigkeiten nicht achten.

Blashammer. 's ist leicht gesagt! — Um jedoch von einer wichtigeren Sache zu sprechen! Sieh', dieweil mich solche traurige Ahnung erfüllt, wirst Du's natürlich finden, daß ich mein Gewissen mit dem Himmel in Harmonie zu bringen trachte. . . Schon vor einigen Tagen gab ich Dir einige Winke in Betreff — Erräthst wohl schon mein Täubchen? Schlag' Deine Augen nur auf, blicke mich nur liebreich an. Das Heirathen ist keine schamhafte Angelegenheit, sondern etwas ganz Gewöhnliches, 's ist von Gott eingesetzt und unsere erste und oberste Pflicht vor allen andern Dingen . . . Ich will Dich indessen schonen, wenn Du davon ungern hörst: hi, hi, hi, im Augenblick wird Dein Ehekandidat erscheinen.

Adelgunde. Hier?

Blashammer. Ja.

Adelgunde. Aber mein Vater.

Blashammer. 's ist ein schmucker junger Mann. — Du sah'st ihn wohl schon oft auf der Promenade in dem schönen blauen Frack mit den goldenen Knöpfen. — Sicherlich findet er Deinen Beifall.

Adelgunde. Was soll ich dazu sagen!

Blashammer. Traun, schönen Dank, wie's sich ziemt. — Da, küss' mir die Hand.

Adelgunde (die Hand küssend). Das Alter macht Dich kindisch. . . Jesus, wie schnell geht das!

Blashammer. Wundre Dich acht Tage! — Ich höre Tritte. — Er wird's sein . . .

Adelgunde. Du jagst mir doch nur einen Schreck ein, Papa.

Blashammer. — Man darf mich nicht bei Dir finden. . . Komm' ihm auf halbem Wege entgegen. — (Ihre Stirne küssend.) Sei hübsch artig. . . (Er geht.)

Adelgunde (nachrufend). — Papa?

Blashammer. Meine Tochter?

Adelgunde. Wer ist denn der Herr Candidat?

Blashammer (lächelnd). Er heißt, mein Püppchen, er heißt — Wozu aber! sogleich siehst Du ihn. . .

Adelgunde. Ich bleibe nicht hier. . . (Sie will fort.)

Blashammer (mit drohender Miene). Du kennst Deinen Vater, Du weißt, was ihn erzürnt.

Adelgunde. Grausamer! Wenn Du's mir befiehlst, gut, so werd' ich gehorchen — Deine Tyrannei ist mir nachgerade unerträglich — ich sehne mich sie abzuschütteln.

Blashammer ab.

Vierte Scene.

[Transkriptionsanmerkung: Auch im Original gibt es keine dritte Scene.]

Adelgunde. v. Zitterwitz. Der Doctor.

Der Doctor. Fräulein ist noch da! — also scheint's der Himmel zu wollen. Lassen Sie mich denn allein.

v. Zitterwitz. Ich bleibe hier in der Nähe.

Der Doctor. Ach, wie schlägt das Herz, ob aus Verliebtheit oder Scham? ich weiß es nicht zu sagen! (Er tritt in den Pavillon, einen großen Blumenstrauß nachlässig in der Hand haltend, gesenkten Hauptes, ein Lied summend.) Ah, Fräulein hier? Im Garten kam mir die Grille ein, dies Sträußchen zu sammeln.

Adelgunde. Sie bestimmten es der ersten besten Dame?

Der Doctor. Au hasard

Adelgunde (annehmend). Ich danke.

Der Doctor. Toutes les dames meritent également notre adoration.

Adelgunde. Das heißt, dieselben sind Ihnen sehr gleichgültig.

Der Doctor. Point du tout, Mademoiselle . . . oder wünschen Sie zu hören, worauf ich meinen Ausspruch gründe?

Adelgunde. Avec plaisir.

Der Doctor. Auf das Buch der Bücher.

Adelgunde. Par exemple!

Der Doctor. Mein Fräulein, es steht im neuen Testament, daß wir uns nicht bevorzugen sollen, denn wir seien alle Gotteskinder.

Adelgunde. Vous êtes ridicule, Monsieur — parbleu! . . Dites mois alors . . .

Der Doctor. Ich bin Ihr ergebenster Diener.

Adelgunde.comment d'après ce princip, arriveriez vous à une inclination individuelle?

Der Doctor. Wie ich nach diesem Grundsatz zur besonderen, zur individuellen Neigung gelange? . . (Bei Seite) Sie scheint in mich verliebt — auf Befehl des Alten!

Adelgunde. Si, vous êtes un vrai docteur èsphilosophique, vous aurez une reponse à toutes les questions . . . .

Der Doctor. Sie sprechen ein vortreffliches Französisch.

Adelgunde. Cela vous deplait?

Der Doctor. Ich stehe beschämt . . . .

Adelgunde. Mais vous n'êtes pas philosoph?

Der Doctor. Wohl war ich's.

Adelgunde. Eh bien?

Der Doctor. Allein auch mich veränderten die Zeiten wie manche brave Burschenseele.

Adelgunde. Depuis quand? s'il vous plait.

Der Doctor. Seit meiner Rückkehr in's väterliche Haus.

Adelgunde Et après?

Der Doctor. Und ich wurde orthodox . . . Lachen Sie nicht, 's ist sehr ernst.

Adelgunde. Was ist denn orthodox? mit Erlaubniß.

Der Doctor. Glaube Alles, was man will das Du glaubest oder Du bleibst ohne Geld, Amt, Ehre oder — ohne Frau.

Adelgunde. Eine Doctrin des schamlosesten Jesuitismus.

Der Doctor. Nicht zu leugnen — Da's aber in unserm Jahrhundert keine gültigere giebt —

Adelgunde. Ich hielt Sie für einen Anhänger der Freiheit.

Der Doctor (lächelnd). Mein Fräulein . . . .

Adelgunde. — und zwar im Sinne jenes schönen Spruches: „strebet, die Wahrheit wird euch erlösen.“

Der Doctor. Der Spruch wurde interpolirt und paßt nicht in die Bibel.

Adelgunde. Das ist mir neu.

Der Doctor. So ziemlich alle wohlbestallten Akademiker, besternten Würdenträger, intelligenten Leute comme il faut leugnen ihn.

Adelgunde. Und glauben demzufolge an alles, was man will das sie glauben?

Der Doctor. Sagte ihnen zum Beispiel der Fürst, liebe Freunde, ich muß im Interesse des Staates eure schönen Einkünfte um die Hälfte vermindern, murrt nicht, sondern glaubet, es wird euch im himmlischen Jenseits tausendfach vergolten —

Adelgunde. So murren Sie nicht?

Der Doctor. Bei meiner Seele, nicht mehr als Fräulein, zu dem der Papa sagte, theures Kind, ich gebiete Dir zu glauben, Du liebest den jungen Herrn Doctor.

Adelgunde. Sie sind barock.

Der Doctor. Frivol, wenn's Ihnen gefällt, — allein ich denke das Beste von den Menschen und habe den höchsten Respect vor der christlichen Tugend, die nach unsern berühmtesten Kirchenlehrern in der tiefsten Unterwürfigkeit, in der tiefsten Demuth besteht.

Adelgunde setzt sich und seufzt.

Der Doctor. Mein Fräulein, bitte, bitte, — nehmen Sie sich meine Worte ja nicht zu Herzen — ich spreche nur in Thorheit, gewiß und wahrhaftig, nur in Thorheit.

Adelgunde. Weil's die einzige Art ist, mir zu bekennen, daß Sie die Maske eines Heuchlers verabscheuen.

Der Doctor (niederknieend). Schenken Sie dem Unglücklichen Mitleid.

Adelgunde. Ich achte Ihre Gesinnung; stehen Sie auf . . . Ah, sieh' da!

Fünfte Scene.

Die Vorigen. Blashammer.

Blashammer. Keine Störung, setzen Sie die Comödie weiter fort.

Der Doctor. Traun, Sie kommen ein wahrer Deus ex machina uns zu Hülfe.

v. Zitterwitz. Meinen ergebensten Diener — gefällt's den geehrten Herrschaften . . .

Blashammer. Nur näher getreten.

v. Zitterwitz. (Blashammern die Hand schüttelnd; mit leiser Stimme.) Es ging ja ausgezeichnet gut.

Der Doctor. Sie scheinen Versteck gespielt zu haben.

v. Zitterwitz. Wir promenirten im Garten, sahen Sie mit Fräulein hier allein —

Der Doctor. — Was außerordentlich auffiel —

v. Zitterwitz. — und uns verführte, der geistreichen Unterhaltung zu lauschen.

Der Doctor. Sehr schmeichelhaft.

Sechste Scene.

Die Vorigen. Questenberg.

Questenberg. Man ließ mich rufen . . .

v. Zitterwitz. Leider kommen Sie zu spät.

Questenberg. Was gab's?

v. Zitterwitz. Ein äußerst interessantes Gespräch.

Questenberg. Es handelte sich?

v. Zitterwitz. Von nichts geringerem als . . .

Blashammer. Erstaune!

v. Zitterwitz. — als von Liebe!

Der Doctor. Der alte Herr hatte ein feines Ohr.

Questenberg. Mein Sohn legt mir Ehre ein.

Blashammer. Ich wußte es schon gestern, daß er für Adelgunde schwärmt.

Adelgunde. A la bonne heure!

Der Doctor. Es wird erbaulich . . .

Blashammer. Sie begegnete ihn auf der Promenade und da warf er ihr einen Blick zu der mehr besagte, als . . .

Adelgunde. Papa!

Blashammer. — als in dieser Nacht das unaufhörliche Tanzen mit ihr.

Der Doctor (Adelgunden die Hand küssend). Sie verzeihen, mein Fräulein!

v. Zitterwitz. — Sind Sie der Ansicht, daß die jungen Leute zusammenpassen, so machen Sie keine langen Umstände, sondern — hören Sie?

Questenberg. Es ist wohl gerathen?

Blashammer. Im Namen des Vaters aller Väter! — Eure Hände, Kinder, daß ich sie ineinanderlege.

v. Zitterwitz. Nur nicht hier im armseligen Pavillon —

Questenberg. Der Herr Regierungsrath hat Recht.

v. Zitterwitz. Gehen wir in den Saal!

Questenberg (Blashammer an den Arm nehmend). Auf!

v. Zitterwitz (Adelgunden und den Doctor unterfassend). Ich habe die Ehre das edle Brautpaar zu geleiten. (Alle ab.)