Abtheilung II.
Zimmer des Doctors; Schränke mit Büchern, Antiquitäten, Naturaliensammlungen, Sopha, Tische, Stühle und dergl. Die Flügelthüren sind offen und gewähren einen Blick in den Garten.
Siebente Scene.
Der Doctor (tritt, eine Broschüre in der Hand, aus dem Seitenzimmer und klingelt; ein Bedienter erscheint). Trage zu Herrn Blashammer dies Tractätlein. Ich lasse innigst danken; es hätte meinen Zweifel am Christenthum völlig besiegt. Wenn er noch ein ähnliches besäße, sollte er mir's nur gleich schicken; ich brennte aus Eifer mich zu bessern und zu bekehren. Zugleich mache Fräulein Adelgunde mein Compliment und bestelle bei unserm Koch ein Frühstück mit Austern und Champagner — Apropos! Daß alles frisch und appetitlich sei! (Bedienter ab.) Klopfte Jemand? Herein!
Achte Scene.
Der Doctor. Marie.
Marie. Grüß' Gott!
Der Doctor. Danke.
Marie (bei Seite). Er kennt mich nicht mehr. (Laut.) Ich habe den Herrn Doctor dringend zu sprechen; erlaubt es seine kostbare Zeit?
Der Doctor. Unbedingt. Treten Sie gefälligst näher . . . (Bei Seite.) Das Mädchen ist allerliebst! (Ihr einen Stuhl anbietend.) Bitte ergebenst . . .
Marie. Ich kann steh'n.
Der Doctor. Sie bereiten mir ein Vergnügen . . . (Bei Seite.) Ein Stündchen, ach, an ihrer Brust entschädigte mich für allen Verdruß, den ich habe! (Er setzt sich ihr gegenüber.)
Marie. Ich will kurz sein.
Der Doctor. Zunächst mit wem wird mir die Ehre — ?
Marie. Der Herr Doctor entsinnt sich meines Namens vielleicht. Wir gingen zusammen beim Priester in die Lehre, waren die vertrautesten Kinder, Gespielen, Freunde und alles was man in jungen Jahren sein kann . . .
Der Doctor. Ich ahne schon . . .
Marie. Wenn Sie Ihr Stammbuch aufschlagen, finden Sie auch einen artigen Vers von mir.
Der Doctor. Sie heißen — ?
Marie. Marie Ziemens.
Der Doctor. Darf ich den Augen traun!
Marie. Die Zeit verwandelte mich wohl sehr.
Der Doctor. Ungeheuer! und zum höchsten Vortheil!
Marie. Kaum glaublich.
Der Doctor. Sie wurden ein wahres Madonnenbild.
Marie. Ach!
Der Doctor. Besaßen Sie diese Gestalt, dies Gesicht, dies Auge als ich Ihnen den letzten zärtlichen Kuß auf die Lippen drückte?
Marie. O sprechen Sie nicht so.
Der Doctor. Meinst Du ich schmeichle? Reiche mir gleich Dein Mündchen — gleich!
Marie. Pfui.
Der Doctor. Bei jener seligen Vergangenheit, wo kein Vorurtheil, keine Standesrücksicht die Reinheit unserer Gefühle trübte!
Marie. Sie irren sich, wir waren nie so intim.
Der Doctor. So lassen Sie uns werden; nichts steht im Wege.
Marie. Ich bin Braut.
Der Doctor. So? ah! . . . Wer ist der Beneidenswerthe?
Marie. Schwerlich tauschen Sie mit ihm; 's ist ein armer Unglücklicher . . . Seinetwillen komme ich her.
Der Doctor. Bedarf er meiner Hilfe?
Marie. Hätten Sie die Freundlichkeit, sich mit ihm vertraut zu machen, seine Tugenden, Talente und Strebungen zu mustern und bei Ihrem Herrn Vater eindringlich zu bevorworten, falls er dessen würdig.
Der Doctor. Es soll gescheh'n.
Marie. Ich verlange keine blinde Gunst für ihn —
Der Doctor. Nur Lohn des Verdienst's.
Marie. Nichts mehr, nichts weniger! — Seit Jahren arbeitet er in Ihrer Fabrik, erwarb sich das Lob aller Werkführer, auch die Aufmerksamkeit Ihres Herrn Vaters — leider aber nichts weiter! Unter die schlechtbesoldetsten unfähigsten Handwerker blieb sein edel aufstrebender Geist gebannt!
Der Doctor. Ich werde sogleich Untersuchungen anstellen und —
Marie. Vor einigen Tagen, es war vorgestern, trieb ich ihn an, Ihrem Herrn Vater seine verzweifelte Lage fußfällig vorzustellen, — derselbe mogte jedoch von nichts hören, schlug ihm jede Bitte kalt ab und aus Gründen, die der Herr Doctor nimmer theilen . . .
Der Doctor. Möglich! — Ich befehle ihn auf der Stelle zu mir . . . (Er macht Miene die Glocke zu ziehen.) Doch weshalb Weitläufigkeiten! Vertrau' ich denn nicht meiner angebeteten Freundin?! Kann sie falsch geurtheilt, falsch gewählt haben?! Der Mann ihrer Neigung muß ein guter Mann sein! . . (Mit einer schalkhaften Wendung.) Ob er auch ganz frei von Eifersucht ist?
Marie. Warum? (Lächelnd.) Auf mich? Daß ich nicht wüßte!
Der Doctor. So können wir schnell fertig werden.
Marie. Nun? . .
Der Doctor. Der Monsieur empfängt eine zufriedene Stellung und ich — darf's Ihnen nicht schenken — einen Kuß.
Marie. O weh, ein schlechter Handel.
Der Doctor. Nicht für mich.
Marie. Würde den Ihr Herr Vater billigen?
Der Doctor. Mit Händeklatschen.
Marie (scherzend). Traun, ich gehe auf ihn ein. (Sie reicht ihm die Hand.) Halten Sie Ihr Versprechen, ich halte meins.
Der Doctor. Im Augenblick! — (Er setzt sich an den Schreibpult.) Der Papa soll binnen fünf Minuten nachfolgendes Decret höchst eigenhändig unterzeichnen. . . .
Marie. Bin sehr gespannt, ob er's thun wird.
Der Doctor. — Eignete sich wohl der Monsieur zum Werkführer?
Marie. (Auflachend.) Werkführer? Das läuft gar hoch hinaus! (Verstellt.) O ja, ich denke — zum mindesten — sicher, sicher! . .
Der Doctor. Also er eignet sich — schön! . . . (Schreibt.) Der Endesunterzeichnete . . . Fabrikant Questenberg . . . dem Weber Albert . . . Werkführer . . . Bedingungen sind . . . Und erhält . . . Freie Wohnung . . Garten . . . vierhundert Thaler . . .
Marie. Potztausend, so viel träumte man nie vom Lande Utopien!
Der Doctor. Das Leben, mein Schätzchen, ist ein großes Mährchen voll unerklärlicher Wunder. Jede Minute gebärt Millionen Ueberraschungen, Probleme, unentschuldbare Thaten und sich selbst entschuldigende Thorheiten. Man übe nur das Auge der Beobachtung, wie ich es übte und erfahre, was ich erfuhr! — Die Romantik, obgleich so tief in Mißkredit gerathen, ist kein blöder Wahn, wenigstens unter allen Wahnen nicht der blödeste! Sie verwandelt die kalten, prosaischen Gefilde der Welt in warme, farbenreiche, süß verschwimmende Nebel, so daß wir in ihnen unsere Qualen und Gebrechen unmerklich vergessen, gleichsam bei offen schlafendem Auge versöhnt mit Gott und uns selbst die irdische Pilgerfahrt vollenden und rein wie ein Engel gen Himmel steigen, in's andere Reich, von Christus und seinen Aposteln uns feierlich verheißen. (Er steht auf; in schäkerndem Tone zu ihr.) Sie lebe, mein Schätzchen, sie lebe hoch!
Marie. Schonung, Herr Doctor! —
Der Doctor. Die Romantik allein gewährt, was der grämliche Philosoph, Politiker und Diplomat mit bleicher, kalt schleichender Vernunft umsonst erstrebt! Sie lebe, mein Schätzchen; sie lebe hoch! — Fort mit allem, was sinnlos bethörte Nachbeter Moral, Gesetz, Nothwendigkeit, Beruf, Recht, Wahrheit preisen! — Ein paar Gläschen Champagner, mein Schätzchen, erschließen Ihnen den ernsten tiefen Gehalt meiner Worte . . . Theilen Sie das Frühstück mit mir. — Kommen Sie. — Die Schrift liegt fertig und wandert nach Tische gleich zu Papa. (Marie folgt ihm erstaunt und verwirrt, er entpfropft Champagner und schenkt ein.) Auf Ihr Wohlsein! (Sie stoßen zusammen und trinken.) Wie schmeckt's?
Marie. Ziemlich gut.
Der Doctor. Noch eins . . . Auf das was wir hoffen! — — Ah' thut's einem schwachen Magen wohl! Der Arzt verordnete mir's als Medicin . . . Noch eins.
Marie. Danke.
Der Doctor. Der Herr Bräutigam soll leben! — Vivat! — —
Marie. Es war mein letzter Tropfen.
Der Doctor. Ah bah, wir gedachten unserer Freundschaft noch nicht . . . Nur her das Glas.
Marie. Ich schlag's in Trümmer.
Der Doctor. Das hieße mich verachten.
Marie. Immerhin! (Sie wirft das Glas auf die Erde, steht schnell auf und will fort.) Sie sind abscheulich!
Der Doctor. (Sie festhaltend.) Was verbrach ich?
Marie. Sie wissen's.
Der Doctor. Jungferlein, das ist ein schlechter Einfall!
Marie. Lassen Sie mich nur fort.
Der Doctor. Ein moralischer Einfall! (Eine Uhr schlägt.)
Marie. Die Uhr schlägt; ich habe nicht länger Zeit.
Der Doctor. Ein unromantischer Einfall!
Marie. Meine Mutter denkt, daß ich im Garten Gemüse für den Markt grabe — darf sie nicht erzürnen.
Der Doctor. Ziemt solche Arbeit meiner angebeteten Freundin?! . . Ich entschädige die Versäumniß hundert und tausendfach, bleiben Sie und leisten mir Gesellschaft. (Er hält ihr einen Beutel mit Geld hin.) Da! Es sind alles Goldstücke.
Marie. Herr Doctor . . .
Der Doctor. Ihr Vater verdient in einem Jahre nicht so viel. — Ich begegnete ihn kürzlich. Sein ergrautes Haupt müde zur Erde neigend, schlich er langsam den Gewölben der Fabrik zu. Welch' Schicksal für den alten Mann, der an Herzensgüte und Characterwürde Seinesgleichen sucht! Ich verglich ihn mit seinem ehemaligen Gefährten, dem reich und angesehen gewordenen Blashammer. Ich stellte die rührendsten Betrachtungen an, declamirte in den Wind wie ein echter Demokrat, vergoß sogar Thränen. — Aber hoch die Romantik! (Trinkt.) Was half's mir? Artig ging ich in mein Speculirgemach, legte mich, ein türkisches Pfeifchen rauchend, behaglich auf den Sopha, las und lachte! Wie lös't die Demokratie das Problem der sozialen Probleme über das Verdienst anders? (Trinkt.) Hoch die Romantik! — Mancher König wäre ein Bettelmann, mancher Bettelmann ein König, ich selbst vielleicht arbeitete an Ihres Albert Stelle, wäre die Welt kein romantischer Dunst! Hoch, hoch die Romantik! (Trinkt und drückt ihr das Geld in die Hand.) Bereiten Sie dem ehrwürdigen Greise ein Fest damit, sei's zur Ausstattung der Hochzeit, die ich mit meiner weiland vornehmen Person zu ehren hoffe! (Trinkt.) Hoch die Romantik! . .
Marie. Ihr eigenthümliches Benehmen verwirrt mich tief.
Der Doctor. Das macht, ich führte Sie schon, wie der Teufel den armen Doctor Faust, auf den Standpunkt der Romantik.
Marie. Ich erblicke in Ihnen keine Vernunft mehr.
Der Doctor. (Ihr das Glas entgegenschwenkend.) Hoch die Romantik! (Er fällt in einen Stuhl.)
Marie. Leben Sie wohl. (ab.)
Neunte Scene.
Der Doctor. — — — Der Versuch gelingt; ich besteche den Arbeiter und das Mädchen ist mein. Dann hab' ich Entschädigung für die Zwangsehe und Zeitvertreib in Hülle und Fülle. Hoch die Romantik!
Zehnte Scene.
Der Doctor. Questenberg.
Questenberg. Wie befindest Du Dich, mein Sohn?
Der Doctor. So so, la la!
Questenberg. Den ausgestochenen Bouteillen zufolge, muß das Festübel schon gänzlich gehoben sein.
Der Doctor. Ich fange an der Vernunft die Herrschaft wieder einzuräumen.
Questenberg. (Ihm freudig die Hand schüttelnd.) Sehr löblich.
Der Doctor. Ein elendes Bauwerk ist die Welt, eine wüste Trödelbude, ohne Dach und Fach, aus Unrath und vorsündfluthlichem Getrümmer zusammengestapelt! — In ihr muß der Mensch schon kindlich zufrieden sein, wenn er ein trockenes Stellchen findet, wo Wind und Wetter ihn einigermaßen verschonen.
Questenberg. So kalkuliren brave aufgeklärte Leute und wickeln, scheuern, bücken, schwindeln, ducken sich nach Zeit und Umstand.
Der Doctor. Apropos! Dann unterzeichnen Sie mir wohl ein Blättchen ohne Stirngerunzel. (Er giebt ihm das Papier, welches er schrieb und klingelt; ein Bedienter erscheint.) Hole den Arbeiter Albert schleunigst aus der Fabrik.
Questenberg. Mein Sohn!
Der Doctor. An die Unterschrift knüpf' ich die Heirathsfrage.
Questenberg. Verückte der Erbärmliche Deine Sinne und —
Der Doctor. Ihm muß geholfen werden, er verdient's!
Questenberg. Du weißt aber nicht —
Der Doctor. Ich mag von nichts wissen!
Questenberg. Welch' Wagestück!
Der Doctor. Unsinn!
Questenberg. Es ist äußerst beleidigend in meine Angelegenheiten Dich zu mischen.
Der Doctor. Mischtest Du Dich nicht in mein Herz und gabst mir eine Ohrfeige, als ich Widerstand versuchte?
Questenberg. Ich that's als Vater und aus wohlmeinendem Interesse —
Der Doctor. Das hört auf wohlmeinend zu sein, wenn's die menschliche Würde ignorirt. — (Ihm die Feder in die Hand steckend.) Wozu aber langath'mige Verhandlungen, da!
Questenberg. Mein Sohn, es ruinirt uns.
Der Doctor. Das Fest kostete zehntausend Thaler und hier geizen Sie um eine Bagatelle?!
Questenberg (unterschreibend). Ich wurde Dein Sclave! . . (Albert tritt schüchtern ein.)
Der Doctor. . . .Verlassen Sie mich jetzt.
Questenberg. Vorsehung! Vorsehung! (ab.)
Eilfte Scene.
Der Doctor. Albert.
Der Doctor. Tritt näher. (Stellt ihm einen Sessel hin.) Erweise mir die Herablassung.
Albert. Wenn ich den schönen Bezug durch mein unsauberes Kleid entweihe . . .
Der Doctor. Bist Du kein Politiker?
Albert. Ein wenig.
Der Doctor. Traun, es giebt viele Weber, die ihr Brod gewinnen wollen, bedenke das und —
Albert. Das wäre eine Politik des Fluches!
Der Doctor. So sprechen Wölfe in der Lämmerhaut!
Albert. Ich ein Wolf? o Herr Doctor!
Der Doctor. Es lebe die Association!
Albert (ernst). Sie lebe!
Der Doctor. Nieder mit den Rentnern!
Albert. Fort mit den Privilegien!
Der Doctor. Es falle das Herrenthum!
Albert. Die Früchte des Fleißes Aller für Alle.
Der Doctor (lacht ironisch).
Albert. Erscheinen Ihnen diese Wünsche ungerecht?
Der Doctor. Der neue Arbeiterverein machte an Dir eine tüchtige Eroberung . . . Du wirst ihm auf die Beine helfen.
Albert. Vielleicht! . .
Der Doctor (lacht wieder).
Albert. Wurde ich hergerufen von Ihnen Schimpf und Spott zu erleiden?
Der Doctor. Keineswegs — ich lache, weil's meine Manier ist das Ernste heiter, das Heitere ernst zu nehmen . . . Doch setze Dich endlich.
Albert (wirft sich zornig in den Sessel).
Der Doctor. Ich weiß mir Deine Mißstimmung zu erklären, Albert; mein Vater schlug Dir neulich eine Bitte ab, die —
Albert. Er that wohl, vollkommen wohl.
Der Doctor. Wirklich — ei, ich meine er that übel.
Albert. Ich ging tief in mich, ich prüfte seine weisen Vorstellungen, fand, daß mein Verlangen unbillig war.
Der Doctor. Albert!
Albert. Ich heuchle nicht, Herr Doctor!
Der Doctor. Du verdammtest demnach Dein Verhältniß mit Marie und bist zufrieden, genöthigt worden zu sein es — aufzugeben!?
Albert. Falls Herr Questenberg mir heute sagte, Albert, hier hast Du alles was Du brauchst, heirathe, sei glücklich — ich würde ihm danken.
Der Doctor (lächelnd). Aus welchen Gründen, stolzer Mann?
Albert. Herr Questenberg, vor zwei Tagen hätte mich Ihre Gnade in den Himmel erhoben, jetzt, jetzt stürzt sie mich in die Hölle, in die Hölle der Selbstverachtung; denn es ist wider meiner Würde von Almosen zu leben und zu Gunsten der Ungerechtigkeit über meine Leidensbrüder zu triumphiren . . .
Der Doctor. Wenn Dich mein Vater darauf versicherte, Du verdientest was er Dir giebt.
Albert. So antwortete ich, Herr Questenberg das können Sie nicht beurtheilen.
Der Doctor. Aha, mithin erklärtest Du ihn einer Vormundschaft bedürftig, die seiner moralischen Güte, seinem individuellen Interesse stets Zaum und Gebiß anlegt, die, wenn er sagt, ich finde, daß mir dieser Mensch vermöge seiner Intelligenz näher steht und mehr nützt als jener, gebieterisch entgegnet, mein Lieber es mag möglich sein; allein Du hast den Maaßstab Deiner Handlungen nicht nach Deinem Geschmack, nicht nach Deinem Herzen, nicht nach Deinem Gewissen, sondern nach uns zu bilden und wir sind just Deine Widersacher! Sieh' da, das Ideal der neuen Justiz, Dein Ideal! — Denke Dir einen Künstler wie Raphael, Phidias, Beethoven, einen Mann der Wissenschaft wie Galliläi, Neyton, Leibnitz, einen Staatsmann wie Perikles, Joseph den Zweiten, Freiherrn von Stein vor das größte Tribunal seiner Zeit, vor das Volk gestellt . . . (ironisch lachend.) Würde die Mehrheit sein Verdienst höher anschlagen und der Ehre des Menschengeschlechtes angemessener lohnen, als der Aufgeklärteste der kleinen Minderheit, der, von Natur und Schicksal begünstigt, seine Urteilskraft am vollkommensten zu entwickeln vermochte? Ah', laß Dich durch die Doctrinen überhitzter Köpfe nicht vom Wege der Vernunft abführen! Wenn Verdienst soviel als Abschätzung, Wiedervergeltung und Dank einer meinem Mitbruder oder der ganzen Gesellschaft geopferten That heißt, so fordere von niemandem mit Gewalt, was niemand sich selber giebt, das höchste Geschenk der Gnade Gottes, die überall gerechte, die innerliche Güte! Mangelt sie meinem Vater, traun, Du bist nicht an ihn gefesselt, Du bist persönlich frei gleich ihm, verlaß ihn, durchwandere die Welt und forsche, ob Dich Jemand höher würdigt als er! (Ihm ein Papier überreichend.)
Albert (lesend). Werkmeister der Fabrik? . . Vierhundert Thaler? . . freie Wohnung und Garten? . . Wie, wie hängt das zusammen?
Der Doctor (lächelnd). Wahrscheinlich mit der Intelligenz, dem Interesse, der innerlichen Güte meines Vaters.
Albert. 's ist seine Unterschrift . . . So viel wagte ich mir nie, nie zuzumessen!
Der Doctor. Mache an Dir selbst die Erfahrung, wie schwer es ist Jemandes Verdienst richtig zu schätzen!
Albert. O Schöpfer des Himmels, Deine Liebe ist grenzenlos! . . Doch still — — der Klaus hatte am Ende recht — — welch' furchtbarer Gedanke durchschauert mich . . .
Der Doctor. Was hast Du Albert?
Albert (nach einer kleinen Pause mit Kälte). Warum überreichte mir Herr Questenberg nicht selbst das Papier?
Der Doctor (verlegen). Ich weiß nicht Albert. (für sich) Der Mensch droht schwierig zu werden.
Albert. So hatte er doch Furcht —
Der Doctor. Inwiefern?
Albert. — mich zu verlieren? . . Ich durchschau's! Sie sollten mit der Macht ihrer Zunge meine Ueberzeugung verwirren, durch dieses Papier mich ködern, mich vom Sozialismus losreißen . . . Dort in dem Vereine der Arbeiter könnte ich zu aufgeklärt über den Nutzen einer gewissen Erfindung werden, die er mir verdankt, mir, mir dem unglücklichsten, blutärmsten Paria!
Der Doctor. Du sprichst Unverständliches.
Albert. Ha, daß die allwaltende Gottheit zwischen ihm und mir entscheide! Flamme des Gerichts loh' empor! Zerstörung dem Sodom und Gomorrha hier, blutigen Untergang den Ruchlosen, die Liebe und Weisheit auf ihren Lippen, Hoffahrt und Niedertracht in ihren Herzen nähren! . . Nehmen Sie das schändliche Dokument und bestellen . . .
Der Doctor. Argwöhnischer, ich fürchte für Deinen Verstand.
Albert. Ich bitte nehmen Sie nur und bestellen — (Das Papier an die Erde werfend.) Doch nein, ich will mich stolz verhalten — ich will ihm alles schenken und mich heimlich fortschleichen . . . Ich bin jung, habe lebendigen Trieb, ausdauernden Muth und kann der Erfindungen noch viele machen . . . Eben nannt' ich mich den blutärmsten Paria — gefehlt! ich bin reich und kein Paria, wenigstens vor solchen frostigen Klugrednern, denn ich besitze noch ein Herz! Ha, ich fühl's! . . Ja schenke dem Armseligen das langjährige Werk, weihtest Du ihm auch die heiligste Flamme der Begeisterung, die höchste Liebe zum reinen Engel Deines Glück's, so war's noch nicht das letzte des Ruhmes werth! Großmuth gab dem Heiland Stärke sich dem Undank zu opfern und am Kreuze zu sterben.
Der Doctor (bei Seite). Was hab' ich gethan!
Albert. Weh, weh, 's ist eine Pest, die in meinen Gliedern wüthet! — Steck' dem Elenden die Fabrik über dem Haupte an, unterminire das Fundament seines Palastes und spreng' ihn in die Luft! Deine Gefährten, es sind ja ihrer über zweitausend und dem Leben noch gleichgiltigere Gesellen als Du, — folgen dem Schrei Deiner Noth und sühnen das gebeugte Recht! Eine mörderische Schlacht entspänne sich, Soldknechte aus Nah' und Fern' zögen vor das Städtchen, belagerten, bestürmten, bombardirten es, bis der letzte Held unter dem letzten Steinwalle erlag! — Es wäre männlich und ruhmvoll, allein unvernünftig! Schweig' und dulde! Was nützt's, rottest Du das Unkraut an einer Stelle aus, die ganze Erde ist davon überwuchert! Laß' es grünen, knospen, blühen, reifen, die wenigen Weizenhalme verdrängen und sich an seinem Uebel fortquälen bis an's Ende der Welt! Laß' es so dicht und so sich selbst zur Last werden, daß es die milde Sonne anfleht, hab' Erbarmen, gieß' die ungeschwächte Kraft deines ewigen Feuers über uns aus; wir möchten sterben und in Asche zerfallen! — O Gott, ich kann's aber nicht ertragen! ein Schwert, ein Schwert, mich zu durchbohren; an meiner Seele nagt unheilbarer Schmerz!
Der Doctor (bei Seite). — Er trägt die Erfindung zu unseren Concurrenten, — alles ist verloren! Schaffe Rath! — Ich muß seinen Haß von meinem Vater auf mich lenken — recht! dann fordere ich ihn, er schlägt sich — ein unerhörtes Duell! allein was schadet's, ich bin in den Waffen geübt und schaff' ihn sicher bei Seit'! . . Das erste Mal im Leben, wo böse Mächte mich zu schwarzen Thaten zwingen! . . . (laut) Albert, ich will's Dir sagen, weshalb Du dies Document aus meiner Hand empfängst. Du wirst mir zürnen, doch, da ich erkenne, daß Du der größte Biedermann bist, welcher lebt, wirst Du — ich hoffe zuversichtlich — wirst Du mir verzeih'n.
Albert. Zur Sache.
Der Doctor. Ach, 's ist ein bitterer Wermuthstrank! — Das Dokument, Albert, Du empfängst das Dokument . . .
Albert. Auf Grund? ich bin gespannt.
Der Doctor. Hum, auf Grund Deines Lieblingssystems, auf Grund der Gleichberechtigung, der Brüderlichkeit und Assoziation . . . Hat Dir Marie nie gebeichtet von mir?
Albert. Von Ihnen?
Der Doctor. Sie hat nie bekannt, daß ich ihre erste Liebe war?
Albert. Ich erinnere mich nicht . . nein kein Wort.
Der Doctor. Denkbar, erklärlich! Die Scham wehrte es ihr . . . Du kennst jene Periode, wo die Geburt unseres Charakters beginnt und wir nichts sind als fantastische leidenschaftliche Wesen, unzurechnungsfähiger als Kinder, jene Periode des leicht erhitzten Blutes und der Unbesonnenheit —
Albert. Nun wohl.
Der Doctor. In jener Periode lernte ich Marie kennen.
Albert. Bei welcher Gelegenheit?
Der Doctor. Es war beim Geistlichen in den Confirmationsstunden.
Albert. Lassen Sie uns kurz sein. Das Verhältnis dauerte?
Der Doctor. Bis einige Monate nach der Einsegnung, wo ich die Stadt verließ und zur Universität abging.
Albert. Seit jener langen Zeit sahen Sie wohl Marie nicht wieder?
Der Doctor. Es gereichte mir zum größesten Vorwurf als die Himmlische mir gestern erschien!
Albert. Wo?
Der Doctor. Von Ungefähr traf ich sie im Park. Schwer läßt sich beschreiben wie mir zu Muthe ward! Der frische, ideale Hauch der Jugend wehte mich an, ich fühlte die Wucht der reiferen Jahre abgeschüttelt, ich fühlte mich frei von den herben Erfahrungen, frei von den bitteren Enttäuschungen des Lebens und wie von einer höheren Macht getrieben, die keusch Widerstrebende in meine Arme einzuschließen, sie mein, ewig mein zu nennen! . .
Albert. Ich hörte genug, Herr Doctor.
Der Doctor. Erkenne, was mich bewegte, Dir das Papier zu überreichen.
Albert. Sie hielten sich versichert, ich würde es annehmen.
Der Doctor. Und hoffe noch Du besinnest Dich — ah, mein Recht auf Marie ist nicht minder legitim als Deins!
Albert. O, Sie haben nie geliebt!
Der Doctor. Du meinst!
Albert. Sie schlossen nie ein Wesen in Ihre Arme, dem Ihr Herz jedes Opfer, selbst die Ehre und das Leben darzubringen geneigt war.
Der Doctor. Lass' es nicht auf die Probe ankommen!
Albert. 's ist klar wie das Licht des Himmels! ich glaub' Ihnen deswegen kein Wort; Sie übertrieben, Sie verkehrten die Wahrheit nur, um Ihren Irrthum, Ihre Schande zu verhüllen.
Der Doctor. Du hängst mir Schimpf an. Ha, gieb' mir Genugthuung dafür!
Albert (lacht).
Der Doctor (bei Seite). Warum verläßt mich Kraft und Muth, jetzt könnte ich ihn ohne Umstände fordern . . .
Albert. Herr Doctor, Ihnen ward noch keine Gelegenheit mit Leuten meines Standes intim zu verkehren; der Pfad von der Höhe Ihrer Geburt, Erziehung und Sitte war zu steil, zu gefährlich, zu ungebahnt; Sie konnten dem Bewohner des dumpfen Thales nie Besuche abstatten, Sie konnten sich nie in seine Lage versetzen, nie empfinden, daß er Ihresgleichen, ein Mensch, ein Bruder sei! — Die gute Marie, eingedenk, sich einst des Herrn Doctors hohe Aufmerksamkeit erworben zu haben, verleitet das verzweifelte Geschick zu unerlaubter List; sie eilt in den Park, lauert den Herrn Doctor auf, wirft sich dem Herrn Doctor zu Füßen, fleht um des Herrn Doctors Beistand. Aber was geschieht! — gerechte Strafe unbesonnenen Entschlusses! — ihr Hülferuf erweckt Dämonen statt Engel. Des Herrn Doctors Herz entflammt unchristliches Verlangen. Zu spät ist's vor ihm zu fliehen; sein äußerst liebenswürdiges Betragen, seine schmeichlerischen Vorspiegelungen, sein vornehmer Ton zwingen sie eine Unmöglichkeit zu versprechen . . . ist's nicht so? . . Ich müßte toll sein, machten Ihre Irrthümer mir böses Blut. Verzeihung Ihnen, tausendmal Verzeihung!
Der Doctor. Du bist ein Gott!
Albert (das Papier aufhebend und an seine Lippen drückend). Es giebt keine heiligere Reliquie mehr!
Der Doctor (bei Seite). Besser als ich dachte! es geht ohne Duell ab. — (laut.) Wir plauderten schon zu lange; der Stallmeister wartet, ich muß zu Pferde. (Nachdem er den Hut aufgesetzt und die Reitpeitsche genommen.) — — Eile jetzt zu Marie, thu' ihr Abbitte in meinem Namen und versichre, daß ich aus ganzer Seele wünsche, es möge Gott gefallen, Euch eine glückliche Zukunft zu schenken. (Ihm die welke Hand schüttelnd.) Fortan giebt's keine Mißverständnisse mehr zwischen uns . . . Hast Du noch etwas zu fragen?
Albert. Was sagte Herr Questenberg, als er Ihnen das Papier unterzeichnete?
Der Doctor. Ah, das vergaß ich! . . Es regte den alten Papa furchtbar auf, — er hätte sich mir widersetzt, wenn nicht augenblicklich viel von meinem Willen abhinge — (bei Seite.) Ich sehe mich genöthigt ihm alles zu sagen! . . (laut.) Gelobe mir zu schweigen.
Albert. Beim ewigen Heil!
Der Doctor. Die Ehre unseres Hauses, der Fortbestand der Fabrik, Euer Sein oder Nichtsein — schwebt in Frage.
Albert. Herr Questenberg befindet sich in einer Crisis?
Der Doctor. Die ich durch eine mir mißliebige Heirath beschwören soll . . . Wohl sah'st Du es dem stolz und frei durch die schwülen Gewölbe schreitenden Gebieter nicht an, daß er noch angestrengter mit der Existenz kämpfte als Du! . . Nichts hinderte Dich zu weinen, wenn Dein Herz blutete, wehe zu schreien wenn des Unglücks Last zu schwer drückte, ein Mann von Ehre zu sein, wenn Versuchung Dich anfocht, denn Du stand'st allein und stritt'st nur für das nackte Leben! — er aber, Oberhaupt eines großen kühnen Unternehmens, gewürdigt des Vertrauens der ganzen Welt, verantwortlich für das Schicksal von Tausenden, er, durch ungeahnten Umschwung der Zeiten, durch fehlgeschlagene Spekulationen plötzlich in die rathloseste Lage getrieben, — Furien der Schande hinter sich, unverschuldeten Untergang vor sich sehend, — muß lachen, um sein blutendes Herz zu verbergen, muß von Glück prahlen, glänzende Feste veranstalten, seinen zweifelnden Freunden schmeichelnd die Hand drücken, um nicht zu verrathen, daß Unglück ihn heimsucht, muß Ränke spinnen, Unredlichkeiten und Trug begehen, um ein Mann von Ehre zu bleiben! . .
Albert. Mir wird es helle im Busen! — Ihr Bekenntniß bringt mich dem armen Herren näher als je! . . Er hatte ein zu gutes, zu ehrbares Gesicht — ah, es war unmöglich! nein es giebt keine Teufel — wir Menschen sind alle gleich gut und gleich schlecht, gleich wohlwollend und gleich übel berathen, — nicht wahr, nur die Verhältnisse stempeln uns zu Verbrechern!? O ich weiß, wie groß ihre Macht ist! Dies Dokument bezeugt's zweifellos.
Der Doctor. Personen im Nebensaal . . .
Albert. Womit vergelt' ich's Dir Marie! . . .
Der Doctor. Theurer Albert, wir müssen abbrechen, es giebt Besuch.
Albert. Zu Befehl, Herr Doctor.
Der Doctor. Morgen sehen wir uns wieder. Du bist fortan mein bester Geselle. Lebe denn wohl.
Albert. Ueberflüssiger Wunsch! — Das Leben ist ja die Hölle. (Beide nach verschiedenen Seiten ab.)
Neunte Scene.
[Transkriptionsanmerkung: Die merkwürdige Scenennummerierung ist 1:1 aus dem Original übernommen.]
Blashammer eine Zeitung haltend. v. Zitterwitz, beide Hände gefaltet, das Haupt gesenkt. Der Doctor mit verwunderter Miene. Einer hinter dem andern in gewissen Abständen. Sie machen im Saal langsam die Runde.
Blashammer (nach einer Pause). Das Schweißtuch ging mir wohl in der Börse verloren . . .
Der Doctor. Bedienen Sie sich des meinen. —
Blashammer (nimmt des Doctor's Tuch, reibt sein Gesicht und wirft sich in einen Sessel.)
Der Doctor. — Es muß etwas Erschreckliches vorgefallen sein — indessen, wenn's nur nicht meine gute Adelgunde betrifft . . .
Blashammer. Das arme Herz! — Ich wünschte, der Tod hätte sich Ihrer erbarmt! . . Welcher Zukunft geht sie entgegen! oh, oh, oh! . .
Der Doctor. Sie flößen mir Angst ein.
Blashammer. Das Schicksal stellt jetzt eine große Frage an Sie.
Der Doctor. Ich werde hoffentlich Kraft genug besitzen, sie zu lösen.
Blashammer. Wir wollen's erproben!
Zehnte Scene.
Die Vorigen. Questenberg.
Questenberg. . .Ihr ließet mich auf eine erschütternde Nachricht vorbereiten, — was giebt's, meine Freunde?
Blashammer. Lies hier unsere Zeitung unter dem Datum von Neapel.
Questenberg. Krieg? Handelsstörungen? Schiffbrüche?
Blashammer. Lies, lies!
Questenberg (lesend). „Neapel, den siebenten Juni. Vorgestern nahm unser Kriegsdampfer, König Ferdinand, einen auf der Höhe von Palermo kreuzenden Dreimaster gefangen, dessen volle Ladung von Kriegswaffen an die Revolutionäre der Insel eingeschmuggelt zu werden bestimmt war, was die beim Capitain vorgefundenen Papiere zum Ueberfluß beweisen. Das Ereigniß macht großes Aufsehen, da Herr Banquier B. zu N., welcher bisher des höchsten Vertrauens der Königlichen Regierung genoß und erst kürzlich von ihr mit einem Auftrage für ein und eine halbe Million beehrt wurde, der Unternehmer dieser bedauernswürdigen Expedition ist. — Es klingt wie eine Verleumdung.
Blashammer. Meine Gläubiger schieben den Artikel neidischen Concurrenten in die Schuhe . . .
Questenberg. Ich möchte es auch thun.
Blashammer. Blashammer, summt's von Ohr zu Ohr an der Börse, soll mit den Feinden der Ordnung im geheimen Bunde stehen?! Er, ein Liebling und Rathgeber von Ministern und Fürsten, liefert an Mazzini's, Garibaldi's und allen Ausbund der Menschheit — Waffen?!
Questenberg. 's ist unglaublich!
Blashammer. Für den Gewinn einiger rostigen Heller verwagt der große Blashammer Ehre und Existenz!?
Questenberg. Wer durfte es von ihm denken!
Blashammer. Niemand — wehe dem, der's that! Und nun frag' ich, Questenberg, woher kommt's, daß es wahr ist?
Der Doctor. Der Mensch hat seine Mysterien!
Blashammer. Diese Briefe überbrachte mir die Post.
Questenberg (den größesten entfaltend). Vom neapolitanischen Ministerium . . . Ich verstehe das Italienische nicht, doch lese ich zwischen den Zeilen, daß man den Auftrag für die anderthalb Millionen wieder abbestellt.
Blashammer. Der bereits ausgeführt und zur Absendung fertig! — Es sind die kostbarsten Gewehre, Karabiner und Pistolen . . .
Questenberg. Wer von den Potentaten kauft sie Dir jetzt ab!
Blashammer. Ich falle bei ihnen in gerechte Ungnade.
Der Doctor. Eo ipso, Herr Schwiegerpapa, fallen Sie dem Umsturz in die Arme.
Blashammer. Ja, gleich Ihrem Vater.
Der Doctor. — Ich an Ihrer Stelle besönne mich nicht lange, sondern strebte den Schaden schnell wieder gut zu machen.
Blashammer. Wodurch?
Der Doctor. Pah, durch eine zweite Expedition nach Sicilien.
Blashammer. Ich soll noch ein Schiff verwetten!
Der Doctor. Sie besitzen ein ganzes Dutzend — da kann's Ihnen auf ein oder zwei nicht ankommen.
Blashammer. Danke bestens.
Der Doctor. Ein schlechter Spieler, den ein erster Verlust entmuthigt.
Blashammer. Ach, bestünde er nur in einem Schiff! aber — öffne den andern Brief, Questenberg, 's ist das Lebewohl des Capitains. — Der gute Mann mußte für mich sterben! . .
Questenberg (den Brief entfaltend und schnell zurückgebend). Leichtsinn, Leichtsinn!
Der Doctor (lachend). Was besagt das, Herr Schwiegerpapa!
Blashammer. Sapperment, außerordentlich viel.
Der Doctor. Hat ein Capitain höheren Werth für Sie als ein Schifflein?!
Blashammer. Ein Capitain ist doch ein Mensch . .
Der Doctor. Ihr Ebenbild! hat Vernunft, Verstand, Gewissen gleich Ihnen und alles was er thut, mit sich selber auszumachen.
Blashammer. Ich lass' es gelten.
Der Doctor. Bringt ihm nun eine Fahrt nach Sicilien den Tod, so ist's seine eigene Schuld.
Blashammer. Meinetwegen.
Der Doctor. Warum gab er sich Ihnen als williges Werkzeug hin?!
Blashammer. Ja, für solche wahnsinnige Unternehmung!
Der Doctor. Warum, sage ich?!
Blashammer. Er hätte es unterlassen können!
Der Doctor. Sehen Sie, eben weil er's hätte unterlassen können, eben weil er sein eigener Herr und Meister war, eben deshalb muß er Ihnen gleichgültiger sein als das Schifflein sammt der Waare, welche Sie ihm anvertrauten.
Blashammer. Wenn ich mich recht besinne, so ist er mir auch gleichgültiger.
Der Doctor. Bravo!
Blashammer. Da gab ich ihm doch ein Schreiben mit, einen Talisman, der ihn vor jeder Gefahr schützen sollte . . .
Der Doctor. Weniger ihn, als Ihr Schifflein und die Waare.
Blashammer. Laut desselben würde man die Waffen als die für Neapel bestellten betrachtet und das Schiff als verirrt oder verschlagen von Palermo ungehindert fortgelassen haben.
Der Doctor. Sie erschöpften den Born aller List!
Blashammer. Verlasse man sich auf fremde Menschen! Wo's ihrem unbegrenzten Vortheil nicht gilt, wo sie nicht ganz eigene Gebieter, da sind sie ohne Genie, ohne Talent, ohne Vorsicht . . .
Der Doctor. — selbst bei Gefahr Ihres Lebens!
Blashammer. Ich machte die Erfahrung schon oft, wollte es jedoch nie glauben!
Der Doctor. Sie hätten nur sagen sollen, Capitain, es geht auf halb Part, benehmt euch klug, seid pfiffig . . .
Blashammer. Ah, der Teufel ließ mich das nicht sagen!
Der Doctor. Nicht wahr?
Blashammer. Ja, ja, hätte ich das gesagt, so könnten wir Ihrem Vater morgen die Gläubiger vom Halse schaffen!
Der Doctor. — — Für morgen können Sie die Aussteuer nicht zahlen?
Blashammer. Wohl that ich's schon kund.
Der Doctor. Nicht für übermorgen denn?
Blashammer. Nicht für übermorgen über funfzig Jahr.
Der Doctor. Was? solche Wunden schlägt der Verlust des winzigen Schiffleins Ihrem Vermögen, Ihrem Credit!?
Blashammer. Ja mein Guter, nach dem gewissenhaftesten Calcül. — Ich bin ein ruinirter Mann!
Der Doctor. Sie verrechneten sich vielleicht.
Blashammer. Ich mich verrechnen?! ah, daß der Himmel mir erspare dies Sie zu fragen!
Der Doctor. Papa, was denken Sie?
Questenberg. Nichts mein Sohn.
Der Doctor. Wo suchen wir jetzt unser Heil!
Questenberg (deutet schweigend nach unten, als nach dem Grabe, während der Vorhang fällt).