Abtheilung I.

Vor der Hütte des Vater Ziemens.

Erste Scene.

Marie. Frau Ziemens.

Frau Ziemens. Mein Kind, wohin eilst Du, — bleib' in der Hütte.

Marie. Laß' mich nur, ich suche die schönen Blumen, die ich verlor.

Frau Ziemens. Welche schönen Blumen?

Marie. Am neustädter Garten auf der Wiese pflückten wir sie ja — ich hatte die ganze Schürze voll.

Frau Ziemens. Du träumst, Kind — — Entstiegst Du nicht eben dem Federbett! — Komm' zurück, die Luft weht kalt.

Marie. Bin ich denn krank?

Frau Ziemens. Ein furchtbares Fieber ras't seit Mitternacht in Deinem Blut.

Marie. Mütterchen, nie im Leben fühlt' ich mich so gesund! Klarer als die freundlich strahlende Sonne ist mein Geist, frischer als die thautrunkenen Zweige sind meine Glieder. Ich wünschte Musikanten, fröhliche Gesellschaft, einen vollbesetzten Tisch, um zu singen und zu springen wie bei der Hochzeit.

Frau Ziemens. Du erinnerst Dich nicht Deines Wehs vor einer Stunde.

Marie. Wir gruben im Garten Gemüse und kamen auf Albert — Du schaltst ihn einen charakterlosen Buben, der feige den Rücken kehrte, nach dem er mich an den Abgrund des Verderbens gebracht — Ich litt es nicht, fühlte mich verletzt . . .

Frau Ziemens. Das geschah gestern.

Marie (erstaunt). Vor einer Stunde —

Frau Ziemens. — strittst Du mit der Hölle, nicht mit mir. Ach, kein ehrbares Mädchen hegt Gedanken —

Marie. Welcher Art?

Frau Ziemens. Schweigen wir davon.

Marie. Mütterchen, Du erschrickst mich.

Frau Ziemens. Der Name des jungen Questenberg lag bedeutungsschwer auf Deiner Zunge — Viel sprachst Du von einem Brief, den er an Dich geschrieben — Wie wird Dir — Mein Kind!

Marie erblaßt und droht umzusinken.

Frau Ziemens (nimmt sie in die Arme). — Was hast Du auf Deinem Gewissen!

Marie. — 's ist überstanden; die schwache Natur hilft mir — — Du bist auf alles vorbereitet — hier, lies den verhängnißvollen Brief. — —

Frau Ziemens. — Mir dunkelt's vor den Augen.

Marie. Albert erhielt die Stellung eines Werkmeisters um — um meiner Ehre Preis! — — Keinen Laut trübseligen Jammers; entscheide kurz, wodurch mein Verbrechen zu sühnen.

Frau Ziemens. Ich lasse den Himmel walten.

Marie. Uebe Gerechtigkeit, daß Du Antheil am Himmel hast, er ist die Liebe des Guten.

Frau Ziemens. Du richtetest Dich selber schon —

Marie (schnell einfallend). Ohne Ziel meiner Schuld — Ich bedarf einer Autorität!

Frau Ziemens. Die findest Du im Schooß der Kirche.

Marie (mit stürmischer Leidenschaft). Mutter, Mutter, niemandem vertrau' ich mehr als Dir! Nur Du, nur Du verstehst mein Herz, schaust die labyrintischen Fäden meines Schicksals, fühlst was mich in's Verderben trieb und kannst allein —

Frau Ziemens. Du verlorst den Glauben an des Priesters erlösende Macht?

Marie (zärtlich). Weil ich Dich lieben und schätzen lernte als meinen obersten Wohlthäter.

Frau Ziemens. Lehnst Dich auf gegen unsere urheiligsten Satzungen!

Marie (bitter). Sie helfen mir so wenig als dem Blinden — die Brille.

Frau Ziemens. Herr mein Gott! — Nun erst begreif' ich, wie tief Du sankst — — Um die letzte Stütze der Noth brachte sie der Jugend vernunftlose Leidenschaft! Kein Sakrament, keine Messe, kein Spruch geweihter Priester erbaut sie mehr!

Marie. Nur Thaten versöhnen, was das Herz verschuldet, Thaten, denen des Schöpfers Lob vernehmbar tönt: Friede sei mit Dir, Du bist gerettet! — Gieb mir eine Religion, o Mutter, die Entschlüsse fassen lehrt, einen Priester, der rathet, zeitliches Elend, der Zukunft Fluch vom Haupte abwenden, einen Freund, dessen persönliche Würde mich ungetheilt erfüllt, der mich erschüttert durch seiner Gründe Aufrichtigkeit, erhebt und fortreißt durch den Zauber seines Beispiels! — Ach, ich irrte in eine Wüste der Finsterniß, und verschmacht' im dunklen Drang nach Entscheidung! Dem stolzen Adler ähnlich, der, gelähmten Fittich's im Staube sich windend, vergebens die Höhe erschaut, wo seine Heimath ist, lieg' ich zu Deinen Füßen! Schütze mich! — Sogleich erscheint Albert, o Mutter, willens in's Joch, das die Schwäche der Menschheit, unsere Schmach, ihm aufbürdet, sclavisch sich zu fügen — Muß ich ihm folgen?

Frau Ziemens. Räthselhafte Kranke, unbegreifliche Schwärmerin.

Marie. Muß ich — ?

Frau Ziemens. Was wäre Dein Loos, wenn Du nicht müßtest?!

Marie. . . .Der Tod.

Frau Ziemens. Und unser, der armen Eltern Loos?! — — Verdienten wir das um Dich!

Marie (stürzt mit einem Schrei in sich zusammen). — — Führ' mich nach jenem Ruhesitz . . . Seh' ich recht, so naht der Gefürchtete — Ersehnte! Er ist's! — Ich gleiche dem bedrängten Piloten in Sicht des winkenden Ports — doch vergebens bewegt er Ruder und Steuer: immer rückwärts stürmt ihn das unerbittliche Meer.

Zweite Scene.

Die Vorigen. Albert.

Albert. Grüß' euch Gott, meine Theuren.

Marie (kehrt ihm entsetzt den Rücken).

Frau Ziemens (erwiedert seinen Gruß mit schüchterner Verbeugung).

Albert (erschrocken stehen bleibend). Was ist das! — Frau Mutter, dies Papier verkünde Ihnen, weshalb ich komme . . .

Frau Ziemens (damit in die Hütte).

Albert. Stumm enteilend und betroffen, als wüßte sie schon alles — War die Furcht prophetisch, welche mich zögern ließ bis heute früh? Sag' an Mädchen, wie fass' ich —

Marie (reicht ihm des Doctors Brief).

Albert. Willst Du schriftlich zu mir reden? — Ha! — Der junge Herr ging schneller als ich . . . (Nachdem er flüchtig gelesen, unwillig mit dem Füße stampfend). Ueberflüssige Diplomatie! — — Aber wie fein! wie herablassend im vornehmen Gewande des Stolzes! welche unsichtbar sichtbare Reue! er will nicht kriechen, will seiner Stellung nichts vergeben und doch den Erkenntlichen spielen . . . „Die trüben Erfahrungen seines Lebens verleiteten ihn zur großen Täuschung; bis jetzt hätte er unter Bettlern keine Menschen erblickt“ — Ei, ei! . . . Zu viel überschwemmendes Lob — zu viel, auf einen Elenden, der die Jungfrau des Himmels eitlen Zwecken opfern, ihr feige, ehrlos Lebewohl sagen konnte! — (Sich die Hand vor die Augen haltend.)

Dritte Scene.

Die Vorigen. Die alten Ziemens.

Vater Ziemens. Mein guter, guter Albert.

Albert. Wer ruft mich? — Mein Vater!

Vater Ziemens. Wo bist Du? Komm, komm. — Sag' mir doch, wo er ist?

Frau Ziemens. Dich macht die Freude blind — Da, da hast Du ihn.

Vater Ziemens. In meine Arme, Himmelsbote — Noch kommst Du zur rechten Zeit, noch findest Du sie bei uns, noch — — Du bebst zurück? Welche finstere, verzweifelte Mine?

Albert. Armer Vater!

Vater Ziemens. Melancholische Seufzer — Bringst Du meinem Töchterchen keinen Trost? Dies Papier verbrieft und besiegelt —

Albert. Vergrößert ihre Pein.

Vater Ziemens. Ei, ei, hatte sie Wahrsagergabe vergangene Nacht? . . . Lass' mal sehn — Ist sie im Garten?

Albert. Hier sitzt sie — erstarrt von des Geschicks Meduse.

Vater Ziemens. Was, was! um Gotteswillen — Kinder, Kinder, ihr werdet nichts Böses . . . Mütterchen, Du scheinst alles schon zu wissen.

Frau Ziemens. Die Kinder sind närrisch.

Vater Ziemens. Durch welche Mittel erweichten sie so schnell des Herren kaltes Herz?

Frau Ziemens. 's ist einfach.

Vater Ziemens. Erzähle — sei so gut.

Frau Ziemens. Erinnerst Dich noch wohl, daß Marie früher, verstehe recht, bevor sie Albert kannte —

Vater Ziemens. Ich versteh'.

Frau Ziemens. — ein wenig entzündet von dem jungen Doctor ward —

Vater Ziemens. Und der junge Doctor von ihr.

Frau Ziemens. Dies nützte die Unglückliche in ihrer Noth. —

Vater Ziemens. Meine Ahnung!

Frau Ziemens (ihm den Brief gebend, welchen Albert in seiner Hand hält). Lies aber den Brief hier, den der vom braven Albert schrecklich Enttäuschte nun reumüthigst an sie richtet. Aus ihm erhellt, daß Marie in seine thörichten Bedingungen nur listig willigte und ihre Ehre rein blieb.

Vater Ziemens (sich weigernd den Brief zu nehmen). Dessen — dessen bin ich gewiß.

Frau Ziemens (zudringlich). Erbaue Dich an der herablassenden, schmeichelhaften Sprache.

Vater Ziemens (nimmt; nachdem er gelesen und die Kinder mit schmerzhaften Blicken betrachtet). Ebenbürtig an Geist und Gefühl steht Ihr Euch gegenüber; ein Gedanke, eine Liebe paart Eure Herzen; Euch fehlt zur Glückseligkeit nichts! und nun, was ist's, daß sich feindlich zwischen Euch stellt, Eure Harmonieen mit rauher Hand verstimmt?! Der Menschheit Jammer, des Wahnes Schreckgestalt? das klägliche Gebilde alles Zeitlichen, in das Geburt und Grab Euch mit verwebt?! Weh, seid Ihr verloren — Ihr seid — und keine Zufluchtsstätte sehe ich mehr, kein Ziel für Eure Wünsche?! Die Gottheit selbst versagt Euch Schutz?! (Kleine Pause.) Hoch geht das wilde Meer, der Hoffnung starker Kiel zerschellt und trostlos an die nächste Planke festgeklammert, treibt Euch des Schicksals finstre Welle auseinander!

Frau Ziemens. Unseliger, trankst Du noch nicht genug den bittern Leidenskelch?!

Vater Ziemens. Was wünschest Du, daß ich den Edelmüth'gen rathe?

Frau Ziemens. Sich den Verhältnissen zu fügen!

Vater Ziemens. Der Schande und des Ekels? Wider innere Würde? — Weib!

Frau Ziemens. Hätt' ich es einst gethan, hätt' ich der Zeit Gebieterstimme einst gehorcht, so ruhte ich die matten Glieder jetzt in schimmernden Palästen, säugte an des Reichthums voller Brust der Jugend unbefangene Freuden und hegte ein Töchterchen im Schooß, der ersten Frühlingsblüthe gleich, so frisch und schön! Der großen Blashammer, von Zitterwitze und Questenberge waren viele, die mit wohlverbrieftesten Verträgen um meine Freundschaft buhlten. Eigensinnig aber pochte ich auf meinen guten Stern, der, vom protestant'schen Schwärmergeist bereits verdunkelt, mir die Wege ungekränkter Tugend leuchten sollte. Wahrlich, er hat sie mir geleuchtet! Fantastisch ging's berg auf berg ab, über Stock und Stein bald links, bald rechts. — Weit hinten blieb der selige Tag! Und ob von oben, unten, kreuz und quer des Geistes feur'ges Rächerantlitz warnend mir erschien — warst Du nicht umzustimmen! Taub bliebst Du meiner Liebe zärtlichstem Gebot, sangst: „Ein' feste Burg ist unser Gott, ein' starke Wehr und Waffen“ . . . Ja, blicke nur beschämt — er half uns frei aus aller Noth, setzte uns auf einen weichen Pfuhl, regnete Himmelsmanna und läßt's uns wohlbehagen . . . Daß diesem lügnerischen Streben der Stab gebrochen werde, — in mir das letzte Opfer ihm gefallen! . . Ein eitel, ein verwerflich Gut ist ja das Leben und nicht der Mühe werth es zu erhalten! Glücklich alle, die's leicht erfassen, die schlau, verwegen, kühn die wenigen Körnlein lautern Goldes aus seinem Schacht zu stehlen wissen! . . Ich bin müde sein morsches Kreuz noch länger fortzutragen. Der Erfahrung langgesponnener Faden höre auf der Wahrheit undankbare Spule zu bewegen; er reiße, eine neue Zeit beginne unsern Kindern! Litten wir zu ihrem Frommen, so bin ich ausgesöhnt, — vergebe den Gewissenlosen, die als Spielball schnöden Eigennutzes, lachend von Hand zu Hand uns warfen, bis wir verbraucht, in ihren dumpfen Wölbungen, bei Lumpen einen Gnadenplatz erhielten.

Vater Ziemens. So hört' ich Dich noch nie! — Welchem fürchterlichen Zweifel unterjochte das Elend Dein Herz! — Hast Du kein Blut mehr in den Adern; zehrte die heimliche Schlange das Lebensmark Dir aus und brichst nun morsch zusammen, gleich dem Gerüst des stolzesten Tempels, von der unsterblichen Himmelsflamme verglüht!?

Albert. Ehrwürd'ger Greis, vergebens ringen ewige Gesetze die dunkle Macht des immer Wechselnden zu brechen, vergebens, ihrer heißersehnten Wohlthat den schwachen Sterblichen zu unterwerfen! Wie es gewesen seit fünftausend Jahren wird es verbleiben alle Zeit. Der Gute wird gewinnen und verlieren, wird, selber sich in's Böse kehrend, aus edlem Eifer fort und fort sein ältres Werk dem jüngeren zum Opfer bringen und nie erfahren, woran er ist, was er zum Heil, zum Unheil eigentlich gestiftet. Ich tret' deshalb auf der Verzagten Seite, die abgehärmt vom blassen Gram des sittlichsten Entbehrens, um ihres Lebens schönsten Inhalt sich betrogen fühlt und mir nun weise räth, die Welt zu nehmen wie sie ist, nicht wie sie sollte sein, — dem Zufall zu vertrau'n und dem Verstand, der reich an Kenntniß und an List, das Netz nur auswirft wo's zu fischen giebt, im Uebrigen Gott walten läßt, die Herzenskammern wohl verriegelt, das Christliche, die allgemeine Brüderschaft, Freiheit und Gleichheit blos als Mittel conservirt, (lächelnd) — als Mittel zur Umschüttelung, wenn im spirituosen Zauberbecher der süße Genius sich zu Boden senkte . . . Ich hätt's schon lange wissen sollen und anders stünd' es jetzt! Die Nemesis, des Irrthums strenge Rächerin, wär' nicht beschworen, ihr flammendes Geschoß auf uns zu schleudern!

Frau Ziemens. Beim Himmel, nein!

Vater Ziemens. Erforscht' ich je Dein Herz, so wird es schwer Dir fallen, sie zu versöhnen.

Albert. Ich mach's getreu den klugen Füchsen nach, die sich aus Eifer für das allgemeine Wohl in einen frommen Schaafpelz hüllen, Gesangbuch, Katechismus, Bibel unterm Arm, demüthigen bußfertigen Schritt's alltäglich nach dem Kirchlein schleichen und dann, wo es auch sei, in lustiger Gesellschaft, auf freiem Markt, im dunklen Börsenraum, ein jedes Wörtlein ihres süßen Odems mit Priesterbalsam würzen und gottgefälligen Sprüchen, als wie „unrecht Gut gedeiht nicht; Jedem das Seine; ehrlich währt am längsten; selig die reines Herzens sind“ —

Vater Ziemens. Albert, Albert!

Frau Ziemens. Lass' ihn!

Albert. Der Erfolg wird lehren, Vater. Ich hoff' in wenigen Jahren ein Mann zu sein, dem die Ehrwürdigen der Stadt und alle Freunde guter alter Ordnung ein schmeichelhaftes Seitenblickchen zollen.

Vater Ziemens. O wär' mein Name dann bereits vergessen!

Albert. Menschenhaß, Eigendünkel, Ehrgeiz, Selbstsucht, Neid — unter dem Hute der Scheinheiligkeit geschickt versteckt, bilden die kardinale Tugend der allgerechten christlichen Liebe, welche Hirten zu Königen erhebt und die Pforten des festesten Gewissens nach Willkühr öffnet und schließt. Durchdenken Sie's nur tief, mein Vater; sie ruht auf sicherern Säulen als Ihr Glaube an — an — ich weiß nicht woran!

Frau Ziemens. Aus der Seele mir gesprochen.

Vater Ziemens (zu Marie). Erhebe Dich mein Kind.

Frau Ziemens. Wer die Welt mit Deinen Augen sieht, muß unsrer echt katholischen Kirche sich zu Füßen legen.

Albert. Sie ist die einzige Brücke zum verlornen Paradies.

Frau Ziemens. Traun, ich halte Dich beim Wort.

Albert (ihre Hand schüttelnd). Was thu' ich nicht um meines Engels Frieden!

Vater Ziemens. Willst Du mit Deinem Vater in die Hütte?

Albert. Weilt! auch dort ras't der Orkan; Ihr findet keinen stillern Platz für sie als hier, an meiner Brust! — Ich beschwöre Euch, weilt!

Marie. Fasse — halte — leite mich, Vater . . .

Albert. Geht Dir der Athem aus auf halbem Wege?! — Die Bagatelle, Vater, welche Euch erzürnt, bleibt in unserm und in Questenberg's Interesse den Lauschern fremd. — Wovor deswegen Anstand nehmen?! — Marie, kannst Du für ein Fantom, das Deine kranken Nerven spannt, den einz'gen Freund verachten, welchen die Natur, das Schicksal Dir gesandt!

Vierte Scene.

Frau Ziemens. Albert.

Frau Ziemens. Begieb Dich, Albert. — Gewalt stürmt nicht die Schranken ihres Herzens.

Albert. Memme! Memme!

Frau Ziemens. Geduld, mein theurer Freund.

Albert. Ehrt sie die Tugend mit Verdammniß! — — Oder denkst Du, ich bin ein Sclav' des Elends, nahm das schnöde Geschenk ohne Bewußtsein von Verdienst? Auf zu Questenberg, Memme; dort hör', welch' christlich Werk den Bettelstolz der plumpen Welt durch mich erhöht?!

Frau Ziemens. Begieb Dich. (Die Scene verdunkelt sich etwas.)

Albert. Wo ist sie? — fort — sie ist fort?! — Ihr war's möglich — sie konnte — Ich allein! grausam überliefert, überlassen der Hölle?! — Das endet nimmer gut, bleichsichtige Giftmischerin — (Ein Messer ziehend.) Teufel und Engel tauschen ihre Masken — die sanftmüthige Taube wird zur Hyäne . . .

Frau Ziemens. Wohin Albert?

Albert. Ihr die Schande kürzen!

Frau Ziemens. Hülfe! Hülfe! Weh, mein Kind!

Albert (nachdem er sich losgerungen und bis an die Thüre des Hauses geeilt, öffnet sich dieselbe plötzlich und in weißem Gewande tritt ihm Marie entgegen). Gott —

Marie (feierlich). Hier hast Du mein Herz.

Albert (läßt zurückschaudernd das Messer fallen). Gott — entfloh'st Du meiner Brust! . .

Marie. Albert, Albert, jede That hat ihr Gericht! (verschwindet.)

Frau Ziemens. Besinne Dich, guter Sohn. (Sie stützt ihn, und er steht geschloss'nen Auges von Schmerz erstarrt. Pause. Die Scene erhellt sich wieder.)

Albert. — — Mildwärmend durchbricht die himmlische Sonne den nächtigen Nebel, froh athme ich auf: — es war nur ein Traum, ein fürchterlich geheimnißvoller Traum . . . Vergeblich sänn' ich ihn zu deuten — drum sei er schnell, schnell vergessen!

Frau Ziemens. Vertrau' der Zeit, die uns mit Klugheit rüsten wird und Mitteln, die Thorheit zu besiegen.

Albert. Welch' Gesang — ? Der wilde Klaus!

Frau Ziemens. Er kommt hierher — schon winkt er uns. (Geschrei aus der Ferne.)

Albert. Immer derselbe sorglose lustige Bube! Und wenn's schon sechs Tage nichts Warmes gab, die feuchtkalte Nacht ihm ein schützend Dach versagte —

Fünfte Scene.

Die Vorigen. Klaus.

Klaus (singend). So leben wir, so leben wir, so leben wir alle Tage, so leben wir alle Tage, in — Bon jour monsieur, madame — Wir nicht hatten depuis long-temps die Vergnüken — Reçevez mes compliments.

Albert. Was bringst Du, altes Wrack? —

Klaus. Eine welterschütternde Nachricht . . . Es wird über unser passé endlich Justiz gehalten.

Albert. Wie Du weißt, war ich noch nie in Frankreich; sprich daher ordentlich deutsch.

Klaus. Le plaisir de vous voir mir haben verrückt die Kopf und lassen oublier notre belle langue allemande . . .

Albert. Du kommst mich zum Besten halten.

Klaus. Patience, monsieur.

Albert. Ich bin in der Stimmung Dich zu massakriren.

Klaus. Mille pardons — ich werde sprecken ßo kut ik gann. Nückst Euk ßoll ßein verschw — w — wiegen! Mon Dieu! ces maudits mots me coupent la Kurkel — j'étouffe . . .

Albert. Wie groß des Schöpfers Güte an solchem Ungeheuer!

Frau Ziemens. Seine Fratzen sind unerträglich. (Sie will gehen.)

Klaus (ruft ihr schalkhaft in's Ohr). Albert wurde eine Million reich! — Eine Million! (Zu Albert.) Deine Erfindung bewundert ein großer, großer Mann — Nicht unser Muckerländchen — das freie göttliche Amerika erzeugte ihn. Schlekt nur er barlen duht notre langue und ik in dieser Stadt de la sagesse chretienne der Einzike à trouver welcher mächtik der Sprak du monde.

Frau Ziemens. Ihr sagt von einer Million —

Klaus (mit einer Verbeugung). Bereits zur ersten Hypothek auf ein rentables Fabrikchen eingetragen —

Frau Ziemens. Bei!?

Klaus. — Frau Hoffnung! — Hier die Verschreibung.

Albert (den Brief lesend). Ew. Wohlgeboren — ihrem Besuch — schleunigst — erfreuen — Johnson — — Das ist ein Possenspiel.

Klaus (hinzufügend). Den traurigen Albert wider Willen zu erheitern.

Albert. Vergebliche Mühe — zu spät!

Klaus. Weshalb dies wegwerfende Mißtrauen, he?

Albert. Warnt nicht die Welt vor Dir und nennt Dich bei dem rechten Namen.

Klaus. Hum, sie heißt mich einen Aussätzigen, nicht weil ich an der Haut leide, sondern weil sie mich den himmlischen Wirkungen ihres Lichts aussetzte. — Ziehe Dir das zu Gemüthe, tiefdenkender, erhaben fühlender, großherzig strebender Freund und stürze Dich nicht eines Mißverständnisses wegen aus der beseligenden Wolke des Christenthums auf die heidnische Erde. — Ich bin unschuldig wie das Lamm Gottes, das die Sünde für uns alle trägt!

Albert. Ja, ich that Dir Leides —

Klaus (die Hand schüttelnd, welche Albert ihm reichte). Auf daß mir einst vergeben werde! (schalkhaft mit frommer Miene) Ach, es steht jetzt viel in Deiner Hand, Albert, viel, viel! Mein Verdienst Dich zur Unsterblichkeit gefördert zu haben, belohnte sich wohl durch etliche tausend Thälerlein . . Zweitausend fünf hundert stopften mir schon die Kinnbacken — aber dreitausend hülfen noch meinen unersättlichen Durst löschen, — nach Ehren- und Ruhmesglanz! Das Doppelte von dreitausend würde mich indeß so recht tête-à-tête bei meinem Schöpfer zur Tafel laden. Ich moderirte sachte — sachte — leise — leise — nach der reichen Tellerzahl mein roth-politisches Heißhungerchen . . . (Er geht auf den Zehen an eine Bank und setzt sich behutsam.) Säße dann, die Beinlein aufgesperrt, das Bäuchel tüchtig angemäst', ein Tönnchen Bairisch an der Seite und jagte schwer jappend der Klugheit graue Nebel vor mir her. Bespräche hochgespannt des Staates Güt' und Mängel und balancirte — balancirte die Wahrheitslinie zwischen den Extasen, bis ich beruhigt mich zu Boden neigte — zu Boden, ach! den vielgeliebten, wo schon so mancher deutsche Ehrenbürger — bescheiden seiner Heldenthaten übermächt'gen Rausch verschlief!

Albert. Ein frommer Wunsch.

Klaus (aufspringend). Erfüll' ihn mir.

Albert. Bist Du des blinden Zufalls gottgesandter Bote, so sei gewiß, daß ich im heiligsten Gefühl der Dankbarkeit mich eher selbst als Dich vergesse.

Klaus. Hoppheisa juchhe! — Frau Mutter, werden Sie noch die Jungen anhetzen, Steine nach mir zu werfen und „wilder Klaus“ zu schreien, he? Oder passire ich jetzt die Revue und bin ein anständiges Schöppschristel pfarrherrlicher Ehrbarkeit?

Frau Ziemens. Ich finde Ihr Benehmen mit Albert des besten Freundes würdig und gestehe, daß Sie mich außerordentlich beschämen.

Klaus (tanzt, klopft die Tasche und singt:)

Bei wem das Geld im Beutel klingt,

Die Seele aus dem Fegfeuer springt.

Albert. Halt, halt! noch klingt es nicht.

Klaus. So sind aber die Menschen! Weil mich die Jugend in einige verliebte dumme Streiche verwickelte, hatten sie nichts eiliger zu ersinnen, als ein „kreuzige, kreuzige!“ mir auf den Buckel zu kreiden. Und so kam's, daß der böse Feind moralisirender Heuchelei und eitler Schwäche dies bei jeder Gelegenheit als verderbliche Waffe gegen mich kehrte, bis ich so tief in Mißkredit sank, daß das wärmste aller christlichen Amphibien mir nicht mehr Herberge, Kost und Arbeit geben mochte. Ich wäre gleich einem abgepeitschten Klepper an der Landstraß' elend verschmachtet, wenn der gute Genius des Rechts und der Billigkeit noch länger die superkluge Theorie passiven Widerstandes gefeiert hätte. — 's ist ein verkümmertes, feiges, gebrechliches Geschlecht, dem der Teufel mit jedem Athemzuge aus dem Halse stinkt! Brrr — fahr's nur ganz nieder zur Hölle! Thöricht, wer sich ihm widmet und für Freiheit wahrhaft schwärmt! — Gut, daß ich aus dem Gröbsten bin! . . Ich, ich werde den Lumpen nun ein Konterfei mit Quark an die Wände malen und in's Ohr raunen, seht, das ist euer Spiegel und eure Hoffnung!

Albert. Hast Du solche Gesinnung, so zieh' ich mein gegebenes Versprechen zurück.

Klaus. Albert — verzeih', daß ich ein Herz besitze, welches in Erwägung gewisser Dinge überschäumt . . 's ist ein Krampf, der — der die Brust schnürt und Gedanken mir eingiebt — Gedanken, Albert, ach! ich mag keine verrathen; die alte Frau könnte schamroth werden.

Albert (ihn an seine Brust drückend). Steckt doch ein guter, guter Kerl in ihm! — Ja, Du kommst ein gottgesandter Bote, mich zu trösten und erheben, Du, Du — wer hätt's gedacht! mein tief verstoßner Bruder!

Klaus. Ich an Deiner Stelle, Albert, — benutzte die Million in spe für Mörser und Bomben; würde Rekruten, rüstete ein standfest Heer — für Geld ist Alles feil, Pulver und Blei, Brandraketen und Feldmeister, Eid und Treue! — und eröffnete dann eines schönen Morgens mit dem Hause Questenberg den Krieg; zöge vor das Schloß, verläse die christlichst angefertigten Artikel und fragte, ob man unsers Glaubens werden wollte — Wenn Nein die Antwort — bum, bum, pau, pau, piff, paff . . . Der Gedanke elektrisirt mich, Albert. Möchte mich dabei in Glorie zeigen; möchte als Herold im schwarzen Mantel mit rothem Kreuz, weißprangenden Federhuts, staatsretterlich gekniffenen Gesichts, dem feinsten Fuchs beweisen, daß seine Kunst zu Ende . . . Kann Dich der Geldsack beglücken? Wozu nützt Dir ein Capital, das sich in's Riesige von Jahr zu Jahr vermehrt? Bist Du gewöhnt im Sündenpfuhl des Reichthums vom Mark der Menschheit geistlos zu schmarotzen? Ich rathe Dir, leg's an auf Deines Herzens sichre Rente!

Albert. Du giebst mir herrliche Ideen . . . Ich werde Deinem Rath entsprechen, doch in meiner Weise.

Klaus. Heil Brutus Dir!

Albert (den Brief nachlesend). Um zehn Uhr — 's ist jetzt die Zeit. Mich drängt's dem fremden Gönner aufzuwarten. — Frau Mutter, ein Wörtlein in Begleitung. (Mit ihr am Arm ab.)

Klaus (mit burlesken Schritten des Stolzes und der Kraft, persiflirt er singend hinter ihnen her).

Allons, enfants de la patrie — hi, hi,
Le jour de gloire est arrivé: — he, he.
Contre nous, de la tyrannie — hi, hi,
L'etendard sanglant est levé — he, he . .

(Die Melodie des Liedes verhallt in der Ferne.)