Abtheilung II.
Das Vorzimmer des großen Festsaales aus dem zweiten Akt.
Sechste Scene.
v. Zitterwitz. Blashammer. (Im Gespräch.)
v. Zitterwitz. — Ich glaube selbst, daß sich für den Augenblick bei der haute-finance nichts ausrichten läßt — Aber ich kenne Schneider, Schuster, Schlächter, Käthner, die petit à petit hübsche Sümmchen in ihrer Bettlade anhäuften und für gute Worte herumzubringen wären. — Wenn Sie's versuchten? (Blashammer seufzt.) Ich will Ihnen nicht zumuthen, in die enge Behausung der Leutchen hinabzusteigen — nein, Sie schreiben vornehm einige Zeilen blos und —
Blashammer. Ich bin nicht Questenberg, dem's gleichgiltig ist, wo und wie er zu Credit kommt.
v. Zitterwitz. Mit Ihrer Subtilität!
Blashammer. Sie werden mich in seine Fußstapfen nicht drängen. — Ich — ich nehme von Niemandem Geld auf blindes Vertrauen; verpfände Keinem mein Wort wenn ich ohne Sicherheit bin.
v. Zitterwitz (mit feinem Lächeln). Der Schlag von Neapel lähmte Ihre Kühnheit und Sie zweifeln am Glück?
Blashammer. Am Glück des Lottospielers! — Treten wir unter die Gläubiger.
v. Zitterwitz. Sie geben verloren den armen Mann?!
Blashammer. Für keinen Leichtsinnigen werf' ich die Ehre in den Loostopf.
v. Zitterwitz. O wie verschieden die menschlichen Herzen sind! — Daß ich Sie beschäme, Herr Blashammer — (hält ihn fest.)
Blashammer. Herr Regierungsrath?
v. Zitterwitz. Ich hol' Ihnen die Castanien aus dem Feuer —
Blashammer (sieht ihn verwundert an).
v. Zitterwitz. Eine alte Tante, die nicht mehr lange zu leben hat und ohne leibliche Erben ist, stellt mir für den alleräußersten Nothfall einen Theil ihres bedeutenden Vermögens zur Verfügung —
Blashammer. Questenberg steckt zu tief in Schulden, wurde von der Concurrenz zu weit überflügelt!
v. Zitterwitz. Sie meinen — ?
Blashammer. Er krankt an einem unheilbaren Krebs, der uns ansteckt — sagen wir gut für ihn.
v. Zitterwitz. Aber die neuen Webestühle.
Blashammer. Versuche im Großen stellen zweifelhafte Resultate heraus — Ich prophezeite es Ihnen schon.
v. Zitterwitz. Konnte mich Questenberg hinter's Licht führen!
Blashammer. Der Schelm? hi, hi, hi — ich achte Ihren guten Glauben und schweige.
v. Zitterwitz. Die Verzweiflung blendete ihn; er täuschte mich absichtslos.
Blashammer. Es tröste Sie.
v. Zitterwitz. Bemitleiden wir ihn! — Als Sie noch in den Windeln der Geschäfte steckten, erwies er Ihnen manchen wichtigen Dienst, denken Sie daran.
Blashammer. Möchte ihm tausendfach vergelten, aber aber, — — (nachdem er auf und nieder gegangen) Wenn wir uns associirten, Herr Regierungsrath, — die Concursmasse den Gläubigern abhandelten, so billig als möglich! — und den Gaudieb als unsern Commis figuriren ließen, he?
v. Zitterwitz (nach einer Pause des Erstaunens). Hm — ihm und uns wäre damit geholfen.
Blashammer. Sie geben das Geld Ihrer alten Tante und ich meinen Kopf?
v. Zitterwitz. Kein übler Anschlag.
Blashammer. Lohnt's?
v. Zitterwitz. Verfuhr er leichtsinnig mit uns, so ist's das höchste Freundschaftsstück guter Christen.
Blashammer. Ueberlegen Sie.
v. Zitterwitz. Ein Schiffbrüchiger klammert sich an alles, was ihn auf den Fluthen trägt! — Wir sind einig.
Blashammer. Sieh da, vor Thoresschluß.
Siebente Scene.
Die Vorigen. Questenberg (ein großes Buch unter'm Arm).
v. Zitterwitz. Fort!
Blashammer. Wir sollten ihn schicklicherweise vorbereiten.
v. Zitterwitz. Nicht hier, sondern unter den Leuten, wo seine Seufzer sich weniger Luft machen dürfen. (Beide ab.)
Questenberg. Vieles könnte ich sagen, was mir Mitleid erwirbt — nichts, was mich entschuldigt . . D'rum ist's angemessener, ich schlage das Buch schweigend auf — O Schande! (Er bleibt am Eingange in den Saal stehen.)
Achte Scene.
Questenberg. Albert. Klaus.
Albert. Wir treffen ihn noch! — Kehr' schnell zurück, dem Amerikaner es zu melden.
Klaus. Der Schurke verdient's nicht! ungerührt, ungebessert bleibt er und lacht über Deine Großmuth nur frohlockend sich in's Fäustchen.
Albert. Geh, eile.
Klaus. Du verkennst die Welt und spottest der Früchte Deines Genie's.
Albert. Willst Du mich erzürnen.
Klaus. — Der Schwärmergeist wird sich an Dir rächen.
Albert. Niemand entrinnt seinem Schicksale!
Neunte Scene.
Die Vorigen ohne Klaus.
Questenberg. Wer hemmt mich an der Pforte des Verderbens.
Albert. Ihr treuer Diener.
Questenberg. Kannst Du keinen Credit schaffen, so geh' mir aus dem Wege.
Albert. Vielleicht kann ich's, mein Gebieter — Verweilen Sie nur einige Minuten.
Questenberg. Du kommst mich verhöhnen — ich les' es in Deinem Gesicht . . . Dir geschah Unrecht? Wirf nur ab die falsche Larve.
Albert. Mein Gebieter, Sie machten mich zum Werkmeister, erwiesen mir so viel Lieb' und Güte, daß ich höchlichst erstaune. —
Questenberg. Schlange!
Albert. Ihr Argwohn entsetzt mich . . .
Questenberg (nach kleiner Pause mit erkünstelter Ruhe). Verkünde, was Dich herführt.
Albert. Im Augenblick erscheint vor Ihnen —
Questenberg (unterbrechend). Ich bilde mir ein, daß Du mein Freund bist, Albert.
Albert. Sie besitzen keinen bessern auf der Welt.
Questenberg. Nun denn, im Augenblick erscheint?
Albert. Ein großer Fabrikant aus den vereinigten Staaten —
Questenberg (ungläubig). Ah!
Albert. Dem ich unsere neuen Webestühle zu zeigen die — Kühnheit hatte.
Questenberg. So! hm! — Und sie fanden seinen Beifall?
Albert. In solchem Grade, daß er sich gleich erbot, als er von Ihrem Unglück hörte —
Questenberg. Wirklich — sieh! ah! der Zufall fügt oft Wunderdinge — räthselhaft erscheint mir blos . . .
Albert. Mein Gebieter, Ihr Benehmen ist das — eines Mannes von bösem Gewissen.
Questenberg. Du täuschest Dich wohl nicht.
Albert. Wenn ich aber ahnte, was Sie an mir verbrachen.
Questenberg. Willst es wissen?
Albert. Ich wünschte von Ihnen den besten Glauben zu behalten.
Questenberg. Du wurdest betrogen, —
Albert. Sie scherzen!
Questenberg. unterdrückt, —
Albert. Pfui.
Questenberg. tyrannisirt!
Albert. Sollten Sie so schlecht sein?! — O mein Gebieter!
Questenberg. Der bin ich nicht mehr. — Pack' Dich fort.
Albert. Verdien' ich die Behandlung?! Bleiben Sie — man kommt — Ihr Retter! — Glauben Sie mir nun?
Questenberg. Du machst mich toll, Albert.
Zehnte Scene.
Die Vorigen. Klaus. Johnson.
Johnson. Weshalb ick mir erlaub' die Freiheit, erfuhren Sie pereits. —
Questenberg. Ich traute den Ohren nicht, mein Herr . . . (Setzt ihm einen Stuhl vor). Haben Sie doch die Güte . . .
Johnson (sich niederlassend). Ihre neuen Webestühl' kehören zu ten vorzügliksten Leistungen unsres Jahrhunterts und erwerpen dem Erfinder, ter, wie Herr Albert mir versichern daht, Sie allein sind —
Questenberg (macht eine Verbeugung, indem er ängstlich Albert ansieht).
Johnson. ten erhapensten Zoll der Pewunterung.
Klaus (murrt).
Questenberg. Ein zu schmeichelhaftes Kompliment.
Johnson. Ihr Name wird nepen den größesten Wohldähtern der Menschheit klänzen, so lang' es eine Keschichte kiebt.
Questenberg. Mein Herr Sie — Sie . . . (bei Seite.) Ich weiß nicht, was ich sagen soll! — (laut.) Muß ein Fremder mir Trost und Hoffnung bieten — (bei Seite.) Mir spuckt das wie'n Mährchen im Kopfe! (laut.) Trost und Hoffnung bieten und das Urtheil meiner sachkundigsten Freunde Lügen strafen!
Johnson. 's ist alde Erfahrung, mein Herr, taß unter Freunden oft Eifersucht, Mißkunst, Neid die glare Quelle der Erkenntniß trüben! (Questenberg seufzt.) Man sich wohl beeifern dhat Ihr Werk pei der Welt zu mißcreditiren?
Questenberg. Ja — ja wohl!
Johnson. Man Sie peschuldigte müßiger Spielereien, verterblicher Exberimentesucht —
Questenberg. Man that's.
Johnson. — was Sie in den Ruf eines schlechten Keschäftsmanns prachte.
Questenberg. Natürlich.
Johnson. Ah, Sie dheilen das Schicksal aller unsterblichen Genien des Fortschritt's! —
Questenberg (springt vom Stuhl auf).
Johnson. Der Herr hat keine Zeit — Zur Sache, wenn's kefällt.
Questenberg. Ich kann mir den Albert nicht erklären! (setzt sich.)
Johnson. Auf die Erfintung pin ick eine Million zu wagen pereit. —
Questenberg. So — ah!
Johnson (bei Seite). Orischinelles Penehmen. (laut.) Wenn tas kenügt, mein Herr, ßo steh' ick zu Tiensten.
Questenberg. Vollkommen genügt's, mein Herr — Schon achtmalhunderttausend . . . Wie kann ich aber erwarten, daß Sie mir solch' Vertrauen . . .
Johnson (aus einem Portefeuille Geld nehmend). Hier ist, was Sie wünschen.
Questenberg (indem er den Albert verwundert ansieht). Ich, ich weiß nicht . . .
Johnson. Sehen Sie nur hierher.
Questenberg (bei Seite). Er verzieht keine Miene . . .
Johnson. Ohne Umstände, mein Herr.
Questenberg. Sie bringen mich außer Fassung, mein Herr.
Johnson. Nehmen Sie, mein Herr.
Questenberg (bei Seite.) Keine, keine Miene! . . (laut.) Wie? gleich jetzt? ohne gerichtliche . . . Solche Summe!?
Johnson. Sind Sie tenn kein ehrlicher Mann?!
Questenberg. Nein, gütiger Herr, nein — 's ist hier nicht Mode. —
Albert. Die Verlegenheit meinem Gebieter zu ersparen, bestellte ich den Notar, der draußen wartet.
Johnson. Herr Albert tas war nicht prav von Ihnen.
Questenberg. Um Verzeihung — sehr brav! sehr brav! Ruf' ihn, braver Albert. (Sich freudig in die Hände reibend; bei Seite.) Der Einfaltspinsel blieb unschuldig . . .
Klaus (dem Albert in den Weg tretend). Halt' an, Bruder . . . Du willst ihn schamlos triumphiren lassen!?
Albert. Behindre mich nicht.
Klaus. Keinen Schritt weiter.
Albert. Bei den Achttausend, die ich Dir versprach. . .
Klaus. Ich schenke sie Dir — Alles was menschlich!
Johnson. Meine Herrn . . .
Questenberg. Was — giebts — Kinder.
Albert. Der Bube kam von Sinnen . . . (zu Johnson.) Ihnen theilte ich schon die Gründe mit, weshalb er den Spleen nicht los wird, daß die Erfindung des Herrn Questenberg mein Eigenthum sei.
Klaus. Glauben Sie meinen Versicherungen, Herr Johnson.
Johnson. Lieper Herr Klaus . . .
Klaus. Wenn's sich anders verhält, als ich Ihnen auseinandersetzte, so straf' mich der Teufel.
Johnson. Können Sie sich stützen auf Peweise.
Klaus. Es fällt schwer, denn der Treulose verleugnet alles; dessenungeachtet . . .
Johnson. Aber er muß wohl am pesten wissen —
Klaus. Herr Johnson, sein Gemüth verkehrte sich in Tollheit und er ist nicht Meister seiner Handlungen.
Albert. Thun Sie mir eins zu Gefallen, mein Gebieter. (Er sagt Questenberg etwas in's Ohr, worauf derselbe klingelt. Ein Bedienter erscheint, empfängt Befehle und eilt wieder ab.)
Johnson (zu Klaus.) Eines Vormunds scheinen Sie pedürftiger als er.
Klaus. Was!
Johnson. Reden Sie kein tummes Zeug weiter . . . Schämen Sie sich was!
Klaus. Ich bin ein ehrlicher Kerl, Herr Johnson.
Johnson. Wer läugnet's, allein —
Klaus (sich vor die Brust schlagend). Was Recht ist muß Recht bleiben!
Johnson. Schon kut, toch —
Klaus. Und ich sag's dem blassen Spitzbub' da in's Gesicht —
Johnson. Keine Injurien, Herr Klaus.
Klaus. Pah, ich fürchte mich nicht vor ihm, — mit mir ist die heilige Macht der Wahrheit.
Johnson. Ihr Petragen wird kanz abscheulich.
Questenberg (zu herbeieilenden Bedienten). Führt den Menschen in die frische Luft und macht ihm Umschläge . . .
Klaus. Die mach' ich Euch, Schurken — wagt mich anzutasten!
Questenberg (zu Johnson). Ich handle doch mit Ihrer Erlaubniß?
Johnson. Uepen Sie nur Hausrecht — er ist ein unkezogener Pupe.
Questenberg. Packt ihn! erzittert vor seiner Stimme nicht.
Klaus. Gemach, Sclaven! Ich weiche Eurer Ueberlegenheit. (Man knebelt ihn.) Sieh' her, Albert, so dankst Du des Freundes Müh'! Hätte ich das gewußt — doch Gott befohlen!
Eilfte Scene.
Die Vorigen ohne Klaus.
Albert. Verzeihen Sie dem armen Sünder, mein gütiger Gebieter.
Johnson. Er wußte nicht, was er dhat, — dragen Sie's ihm nicht nach.
Questenberg. Schuldigermaaßen sollte ich ihn auf der Polizei durchprügeln lassen.
Albert. Ihre Ehre blieb in unsern Augen ungekränkt.
Johnson. Was meinen Sie, taß solch' unansehnliker verkommener Keselle Ihnen schaden könnte —
Questenberg. Es ist gut, mein Herr — Ruf' den Notar, Albert.
Johnson. Lassen Sie, lassen Sie — Ick habe für heut' keine Zeit mehr und porge Ihnen das Geld bis morgen auf's planke Angesicht.
Questenberg. Ich weiß Ihr Vertrauen nicht hoch genug zu schätzen.
Johnson (das Geld ihm gebend). Zählen Sie die Summe kefälligst nach.
Questenberg. Es wäre wohl überflüssige Mühe.
Johnson (den Hut nehmend). Möchten wir ein paar klückliche Keschäftsfreunde werten und viel Heil und Segen zusammen ernten.
Questenberg. Ich habe keinen schönern Wunsch.
Johnson. Auf Wiedersehen — Ihr erkepenster Tiener.
Zwölfte Scene.
Die Vorigen ohne Johnson.
Questenberg. Mein guter Albert, welchen Dienst leistetest Du mir! — nicht unbelohnt darfst Du von hinnen; erbitte Dir eine Gunst.
Albert. Sie beschämen mich.
Questenberg. Fordre die Hälfte der Fabrik — fordre sie ganz! — Erweise mir die Freundschaft!
Albert. Sie wissen, daß ich von Ihren Anerbietungen keinen Gebrauch mache —
Questenberg (unterbrechend). Frei von Verstellung bin ich — glaub's mir, Albert . . . Willst Du den Reingewinn der neuen Webestühle im ersten Jahr?
Albert. Wie kann ich so viel wollen!
Questenberg. Morgen empfängst Du's schriftlich . . . Ach, wär's mir vergönnt, Dich glücklich zu machen!
Albert. Diese Gunst versagt Ihnen das Schicksal.
Questenberg. Scherz bei Seite.
Albert. 's ist zu spät!
Questenberg. Was hast Du?
Albert. Eine Wunde im Herzen, welche nicht mehr heilt.
Questenberg. Nahmst Du Schaden in der Liebe?
Albert. Sie ging mir verloren! . .
Questenberg. Deine Braut — zufolge?
Albert. Der Schmach von Ihnen mir aufgebürdet! . . Erbleichen Sie nicht mehr, Gott hat gerichtet!
Questenberg. Nimm — diese Summe gehört Dir!
Albert. . . . Das heilige Evangelium lehrt uns die Missethat hassen — nicht ihre botmäßige Hand, die ein blindes Glied am Körper unserer Menschheit ist — Ich verzeihe Ihnen.
Questenberg. Du! Du!
Albert. So wahr ich Ihr schwacher Bruder bin, der mit dem Apostel sich eitel rühmt: seht, alles duldete ich zur Erlösung aus der Sünde, ich ließ mich von Euch übervortheilen, verleumden, entehren, mit Füßen treten, in Ketten schlagen und nun stehe ich da, abgetödtet in meiner Leidenschaft, gleichgiltig für irdische Freuden, gebrochenen Herzens — ein verklärter Geist, zu dessen Füßen ihr Euch im Staube krümmt!
Questenberg. Das sprichst Du ironisch nur. — Entlaste mich dieses Judasgeldes, lass' mir ernten, was ich gesä't: Qualen der Hölle!
Albert. Denken Sie an die tausend nothleidenden Familien, die ihnen Arbeit, Gesundheit und Leben zum Opfer brachten und unverantwortlich sind für die Schuld, in welche Ihr Fall sie stürzt!
Questenberg. Geh', bezahl' die Gläubiger in meinem Namen — mir fehlt die Kraft.
Albert. Auch das noch? — Traun, ich bin kein Pharisäer und Schriftgelehrter, der das Christenthum nur mit der Zunge übt!
Questenberg. Lass', lass' — ist's eine Strafe für mich, so muß ich's thun.
Albert. Scheiden wir denn, um uns nie wiederzusehen.
Questenberg. Wohin gehst Du?
Albert (zeigt nach Oben).
Questenberg. Oh!
Albert. Ich vollendete und trage mein Kreuz auf den Golgatha! . . War's Ihnen Ernst eine Gunst mir zu erweisen, so sorgen Sie für mein Begräbniß; ich wünschte an keinem unanständigen Orte unseres Kirchhofs zu ruh'n. (Er will geh'n.)
Questenberg. Wahnsinniger, ich lasse Dich nicht fort — Hülfe!
Albert (ein Pistol aus der Tasche ziehend, das er sich auf die Brust setzt). Versuchen Sie nichts, oder ich ende sogleich.
Questenberg. O das ist entsetzlich!
Albert. Gemeine Seelen, vom Wermuthskelch der Feigheit berauscht, zittern vor dem Tode; Männer voll Freiheitssinn und Rechtlichkeit eilen ihm freudig entgegen! (ab.)
Questenberg. Bring' ich den Gläubigern das Geld und verfolge seine Spur!
Dreizehnte Scene.
Die Vorhänge zum Saal thun sich auf; man erblickt an einer langen Tafel die Gläubiger.
Questenberg. Wohlan, liebe Herren, ein Wunder. (Er wirft das Geld auf den Tisch.)
Alle. Geld . . . ah! ah!
Questenberg (mit zitternder Stimme). All' meine Schulden, all' meine Verpflichtungen, alles was Sie verlangen . . . Meinen herzlichsten, unaussprechlichsten . . . Ich bin krank, liebe Herren — vertheilen Sie unter sich die Summe und gestatten, daß ich mich wieder zurückziehe.
Erster Gläubiger. Ihr edles Gemüth fühlt sich durch unsre Maaßnahme verletzt.
Zweiter Gläubiger. Sie zürnen uns.
Erster Gläubiger. Hätten wir gewußt oder geahnt . . .
Questenberg. Bleiben Sie ruhig — Was mein Inneres bewegt gilt Ihnen nicht — doch ich baue auf Ihre Nachsicht — meinen unterthänigsten Diener.
Vierzehnte Scene.
Die Vorigen ohne Questenberg.
Erster Gläubiger. Ein kurioses Benehmen!
Zweiter Gläubiger. Fein überlegt, fein studirt! Er hängt uns einen dicken Zopf an.
Erster Gläubiger. Teufel, wir waren zu leichtgläubig.
Zweiter Gläubiger. Einen Mann von seinem Ruf, von seiner Bedeutung zufolge einiger Börsengerüchte mir nichts dir nichts zur Erklärung zu drängen!
Erster Gläubiger. Den dummen Streich brockte uns Blashammer ein.
Zweiter Gläubiger. Suchen wir eine schickliche Gelegenheit ihm das Geld zurückzugeben, denn er wird es wohl nöthig haben. (Einige bemächtigen sich der Summe und fangen an nach dem Schuldbuche auszutheilen.)
Funfzehnte Scene.
v. Zitterwitz. Blashammer.
v. Zitterwitz. Beten wir: Herr führe uns nicht mehr in Versuchung! . . Mir schwimmt's schwarz und weiß vor Augen, denke ich — (kopfschüttelnd) Der infernalische Plan hätte mich doch, hätte mich doch — Oh, was ist der Mensch in einer unglücklichen Lage! . . . Als Politiker, als Staatsmann bekenne ich mich fortan zur philantropischen Ansicht, daß die Noth die Mutter aller Laster sei.
Blashammer. Von wo er nur das Geld hat!
v. Zitterwitz. Die Frage regt mir das Herz nicht auf, wohl aber eine andere! Was fange ich nun mit dem Capitälchen an? Wo bringe ich's unter; wer nimmt's mir ab?! — Die alte Sorge wurde man los und gleich folgt ihr die neue!
Blashammer. Ich bin bereit sie auf mich zu laden.
v. Zitterwitz (erschrocken bei Seite). Daß ich meine Zunge nicht bewachte! (laut.) So meinte ich's nicht, Herr Blashammer.
Blashammer. Ich kann das Capitälchen gut brauchen. . .
v. Zitterwitz. Zu viel Güte.
Blashammer. Ohne Federlesen, Herr Regierungsrath.
v. Zitterwitz. Sie wollen sich unnöthig belästigen.
Blashammer. Wenn ich Ihnen sage, daß ich's gut brauchen kann!
v. Zitterwitz. Sie verstellen Sich blos aus Freundschaft — Ich seh's Ihnen an.
Blashammer. Ich geb' Ihnen zehn Prozent.
v. Zitterwitz. Zu viel für einen guten Christen.
Blashammer. Ich geb' Ihnen zwölf Prozent.
v. Zitterwitz. Danke, danke.
Blashammer. Ich geb' Ihnen funfzehn Prozent.
v. Zitterwitz. Bemühen Sie sich nicht weiter.
Blashammer. Zwanzig Prozent.
v. Zitterwitz. Mäßigung.
Blashammer. Fünf und zwanzig Prozent.
v. Zitterwitz (sich die Ohren zuhaltend, mit weinerlicher Stimme). Da hab ich nun den Teufel auf dem Nacken.
Blashammer. He, nahmen Sie nicht noch mehr ohne Erröthen? Ist das Geld des Schwarzkünstlers besser als meins? (für sich) Wem er's nur abjagte!
v. Zitterwitz. Mein Kapitälchen erwischt kein Kaufmann, kein Spekulant und Fabrikant mehr; lieber vergrab' ich's, lieber werf' ich's in einen Brunnen! Ach, ehe man sich solcher Marter aussetzt! Ertrug ich nicht mehr Schmerz als die drei Männer im feurigen Ofen!
Blashammer. Sie beschimpfen meinen Stand.
v. Zitterwitz (zurückbebend). Durchaus nicht . . .
Blashammer. Sie halten mich für einen Gauner.
v. Zitterwitz. Keineswegs . . . (bei Seite.) Gut, daß hier Leute sind.
Blashammer. Für einen Betrüger.
v. Zitterwitz. Um Vergebung . . . (bei Seite.) Wie werde ich den Aufdringling los.
Blashammer. Erklären Sie sich gemessener.
v. Zitterwitz. Nein, Herr Blashammer, ich, ich, ich halte Kaufleute bl — bl — blos für unsich — chere Menschen.
Blashammer. Eines einzigen Schurken wegen.
v. Zitterwitz (für sich). Courage! (laut.) Ei, ei, es giebt keinen ehrlichern Mann auf der Welt als Questenberg.
Blashammer (mit einer Grimasse). Weil er bezahlte! ah!
v. Zitterwitz (die Fäuste geballt). Wegen der Verleumdung sollten Sie sich gerichtlich verantworten . . .
Blashammer (stampft wüthend mit dem Fuß).
v. Zitterwitz (dadurch in die Flucht getrieben). — Unsauberer! wer mehr Schurke ist, ob er oder Sie, steht in Frage! . . . (ab.)
Blashammer. — — Von wo er nur das Geld hat! — Gescheitert in Neapel, gescheitert hier! Meine Verluste sind unersetzbar; der Gram tödtet mich!