Abtheilung I.

Zimmer im Hause Blashammers.

Erste Scene.

Adelgunde am Klavier; nach einer Pause tritt der Doctor auf.

Adelgunde (im Spiel ungestört fortfahrend). Bon jour, treten Sie nur näher.

Der Doctor. Mit Ihrer gütigsten Erlaubniß.

Adelgunde. Setzen Sie sich.

Der Doctor. Fräulein spielt eine himmlische Symphonie.

Adelgunde. Wie geht's bei Ihnen zu Hause?

Der Doctor. Da schwoll die Sündfluth der Gläubiger meines Herrn Papa plötzlich so stark an, daß ich für gut hielt, das Haasenpanier zu ergreifen, um in Ihrer freundlichen Arche Schutz zu suchen. (Adelgunde endet das Spiel.) Unterbrechen Sie sich nicht.

Adelgunde. Mein Vater wird hoffentlich Alles zum Besten wenden.

Der Doctor. Wäre seine Kraft noch so gesund als sein guter Wille!

Adelgunde. Ich erstaune — was soll ich hören?

Der Doctor (bei Seite). Das Terrain ist mir günstig — Ich werde mich in der Position halten! (laut.) Weihte er Sie in seine Mysterien nicht ein?

Adelgunde. Ich bin ganz unwissend — Seit dem Tage unserer Verlobung hört' ich kein Wort von ihm; verdrießlich war er und in hartem Kampf mit sich selbst.

Der Doctor. Wer kann's ihm übel nehmen! Ach, daß ich's Ihnen berichten muß! — Auch sein Schifflein Fortunens gerieth auf den Strand!

Adelgunde. Sie erfüllen mich mit Schrecken.

Der Doctor. Ich hab's aus seinem Munde . . . Die hohen Potentaten brachen mit ihm — und Sie ahnen, was das heißt! — weil er das Feuer der Revolution heimlich schüren half.

Adelgunde. Weh!

Der Doctor. Zum Umsturz der Ordnung bewaffnete er die Banditen Europa's.

Adelgunde. O Grauen!

Der Doctor. Ich fürchte, es kostet ihm nicht blos das Vermögen, sondern auch die Freiheit.

Adelgunde. Mein Vater in den Thurm!

Der Doctor. Vielleicht mit Ketten an Händen und Füßen! Sein Versehen ist politischerseits unverzeihlich . . . Und welche Zukunft erwächst daraus für uns! Wir treten in eine harte Ehe . . . Ach!

Adelgunde. Unter diesen traurigen Umständen haben Sie noch Lust — Nimmermehr!

Der Doctor. Ein Ehrenmann hält Wort.

Adelgunde. Verdoppeln Sie Ihr Unglück nicht. Ich gebe Ihnen den Ring zurück.

Der Doctor (drohend). Fräulein!

Adelgunde. Die Erwerbung Ihres eigenen Unterhalts wird Ihnen schon sauer genug fallen.

Der Doctor. Sie hegen eine geringe Meinung von mir.

Adelgunde. Unsere Zeit ist in allen Bethätigungen mit überflüssigen Kräften erfüllt und bei dem Mangel großer volksthümlicher Unternehmungen, einer sittlich entnervenden Concurrenz verfallen, die dem an Anstrengungen von Jugend auf Gewöhntesten, fast aller Orten das Leben zur Plage macht.

Der Doctor. Pah, ward ich unter einem glücklichen Sterne geboren, so kann die Zeit gut oder schlecht sein — Uebrigens bau' ich auf eine heil'ge Sache!

Adelgunde. Ihre Redekunst.

Der Doctor (bei Seite.) Getroffen! (laut.) Nein, o Theure, auf die Liebe, von der man sagt, daß sie dem Menschen das bitterste Geschick angenehm versüßt.

Adelgunde (betroffen). Ich bezweifle Ihre Aufrichtigkeit.

Der Doctor. Ein echtes Kind unseres Volks scheint selten was es ist! . . Kalt, gleichgültig, spöttisch, verschämt stellt es sich, wenn's in seinem Busen gährt und brennt —

Adelgunde. Sie bilden mir Unsinn ein.

Der Doctor. Zu welchem Zweck! Traun, da naht Ihr armer Vater — urtheile er selbst, ob mich ein anderes Interesse für Sie begeistert, als das rein menschliche . . . Doch horch!

Zweite Scene.

Die Vorigen. Blashammer.

Blashammer (zu sich selbst). O Himmel, wie geht's Berg ab!

Der Doctor. Verstehen Sie? — Still!

Blashammer (für sich). Vergoß ich meinen Schweiß umsonst! Bleibt mir für alle Plage kein Brosämchen!

Der Doctor. Spiele ich noch falsch mit Ihnen?

Blashammer (für sich). Der dumme Streich kostet viel! Schon seh' ich mich aus dem hohen Rath verstoßen, unter die Kleinkrämer der Vorstadt versetzt!

Adelgunde. Tröste Dich, Vater!

Blashammer. O Tochter, an mir ist Hopfen und Malz verloren.

Adelgunde. Ich werde Dir die Bibel lesen — Soll ich?

Blashammer. Vergebne Müh' — sie ersetzt mir meine Schäden nicht . . . Was macht der hier? . . Ich dachte, unsere Freundschaft lös'te sich gemüthlich auf.

Der Doctor. Gott lenkt oft anders als der Mensch denkt.

Blashammer. Meiner Seel', wir waren nicht wenig erstaunt, als Ihr Vater heute in unsere Versammlung trat, mit gebrochener Stimme, gleich einem tief Gekränkten stammelnd, „hier, Alles was ich schulde bis zum letzten Heller, vertheilt's unter Euch“ — und die Summe von achtmalhunderttausend Thaler (indem er eine Handvoll Tresorscheine aus der Tasche zieht und auf den Tisch wirft) wie eine Hand voll Pfeffernüsse auf den Tisch warf . . .

Der Doctor. Mein Vater bezahlte? (bei Seite). Ach, wär's doch der Fall!

Blashammer (rafft das Geld vom Tisch und hält's ihm vor). Sehen Sie da, er hat mich nicht mehr nöthig.

Der Doctor (bei Seite). Mit List will er mich aus dem Felde schlagen — Gefehlt! (laut). Schon mehr als einmal versuchten Sie mich unwürdigen Mißtrauens voll, auf entehrende Proben zu stellen. Schätzte ich in Ihnen einen minder achtbaren Mann und wäre meine Leidenschaft für Fräulein Adelgunde nicht die heißeste, welche je eines Menschen Brust gehegt, so würde ich verzagt zurückweichen und —

Blashammer. Pfui, Sie erfrechen Sich Hokuspokus — (Adelgunde an die rechte Hand nehmend.) Ziehen wir uns von dem Hanswurst zurück.

Der Doctor (dieselbe an die linke Hand nehmend). Ich empfing Ihr Wort und Fräulein meinen Ring.

Blashammer. Wir sind quitt! — Was zauderst Du, Tochter.

Der Doctor. Fräulein bleibt . . .

Adelgunde. Gnade!

Blashammer. Noch gehört mir der Titel dieses Hauses — Sogleich will ich ihm mein Recht beweisen . . . He, Bediente.

Adelgunde. Papa'chen, bring' uns nicht in's öffentliche Gerede . . .

Blashammer. Er kam her, mich zu verhöhnen.

Adelgunde. Du irrst.

Blashammer. Woher weißt Du's?

Adelgunde. Mir sagt's das Herz.

Blashammer. Ei, Du spielst einen warmen Anwalt.

Adelgunde. Papa'chen (etwas leise) er liebt mich.

Blashammer. Er!

Adelgunde. Ja.

Blashammer. Kind, das setzt meinen Ueberraschungen die Krone auf.

Adelgunde. Glaub's mir.

Blashammer (lachend). Die Welt kehrte sich um — nur ich allein blieb unverändert.

Adelgunde. Welches andere Interesse dürfte ihn noch für mich begeistern, als das reinmenschliche?

Blashammer. 's ist wahr, ich ward ja zum Bettler! (bei Seite.) O wie rächt sich die Lüge!

Dritte Scene.

Die Vorigen. Questenberg.

Questenberg. Ah, ich suche Dich nicht hier, mein Sohn.

Der Doctor. Verzeih', hast Du bezahlt?

Questenberg. Der Himmel wurde mein Gläubiger.

Der Doctor. O weh! (bei Seite.) Meine Ehre ist dahin — rette ich nun ihren Schein!

Questenberg (zu Blashammer). Mein Freund, ich hatte nicht Ruhe im Bett; das Gewissen trieb mich zu Dir.

Blashammer. Nimm gütigst Platz; das Stehen greift Dich an.

Questenberg. 's ist nicht viel, das wir zu verhandeln haben.

Blashammer. Wohl betrifft's nur das Verheirathungsproject.

Questenberg. Nur das, . . . Sieh' mein Freund, bei dem plötzlichen Umschwunge der Verhältnisse, gebietet's die Vernunft, Religion, Sitte . . . .

Blashammer. Nicht weiter.

Questenberg. Du bist einsichtsvoll genug —

Blashammer. Ich begreife Alles.

Questenberg. Es beleidigt Dich in keiner Weise, daß —

Blashammer. Sei unbesorgt.

Questenberg. Unsere Freundschaft wird —

Blashammer. Du hättest deswegen ruhig im Bette bleiben können — Falls Du Dich erkältetest, messe mir keine Schuld bei.

Questenberg (sich vom Sessel erhebend). Will's denn Gott.

Blashammer. Wir sind ganz im Reinen.

Questenberg. Ein andermal erzähle ich Dir, auf welche wunderbare Art der Allmächtige mich aus den Fallnetzen neidischer, habsüchtiger, arglistiger Menschen erlös'te.

Blashammer. Unter der Sonne findest Du Keinen, der Dich teilnehmender anhören wird.

Questenberg. Söhnchen, Du begleitest Deinen kranken Vater.

Blashammer (zum Doctor). Beliebe es Ihnen mit Adelgunden zuvor die Ringe auszutauschen.

Questenberg. Erfülle des Freundes Bitte, Söhnchen.

Blashammer. Wahrscheinlich kostet's ihm Anstrengung, denn wie mich die Tochter versichert, soll sich bei ihm Scherz in Ernst verwandelt haben.

Der Doctor (die Hand Adelgundens auf sein Herz legend). Schau', Papa, und verstumme.

Questenberg. Mein Sohn!

Der Doctor. Du zwangst mich zu dieser Wahl und nun fügte es mein Schicksal, daß ich in Fräulein eine mir würdige Lebensgefährtin entdeckte.

Questenberg. Steht es so!

Blashammer. Der verschlagendste Speculant täuscht sich in jugendlichen Herzen.

Questenberg. Reichen wir uns denn brüderlich die Hand und segnen das junge Paar.

Blashammer. Ich kenne das Leben nicht mehr! . . (Zum Doctor). Treten wir in den Prunksaal, die Gäste zu erwarten, welche ich zur Feier unserer Versöhnung sogleich laden lasse . . .

Questenberg. Nicht heute — ein andermal.

Blashammer. Ist Deine Krankheit unerbittlich.

Questenberg. Ich leide grenzenlos und habe noch ein Geschäft, zu dem ich die Hülfe des Sohnes beanspruchen muß.

Der Doctor. Bin dabei.

Questenberg (vorwurfsvoll). Dir wird's schwer fallen! — Ich wünsche denn beiderseits Lebewohl.

Blashammer. Glückliche Besserung.

Der Doctor (Adelgunden die Hand küssend). Theures Fräulein, einen Kuß für tausend . . . Adieu . . . Auf baldiges Wiedersehen . . . Adieu! (Die beiden Partieen mit Complimenten nach verschiedenen Seiten ab.)