Abtheilung II.
Aermlicher Garten an der Hütte des Vater Ziemens. Seitwärts eine Straße.
Vierte Scene.
Frau Ziemens. Vater Ziemens.
Frau Ziemens (hastig von der Straße). Väterchen, Väterchen! Bist Du da? Schnell heraus, eine schreckliche Mähr!
Vater Ziemens. Pst, leise — Marie schläft.
Frau Ziemens. Im Park soll sich ein Arbeiter erschossen haben. — Sieh'st Du wie lebendig die Straße wird? Alle Welt geräth in schaudernde Bewegung. Such' hurtig Stock, Hut, Wams, wir schließen den Leuten uns an.
Vater Ziemens. Geh' nur allein, ich hüte die Kranke. — Wußte man des Unglücklichen Namen?
Frau Ziemens. Wohl ist's ein Familienvater, den der Bankerott des Herren verzweifeln ließ.
Vater Ziemens. Sanft ruhe seine Asche.
Frau Ziemens. Wir allesammt könnten dem Beispiele folgen. (ab.)
Vater Ziemens. Des Städtchens schwacher Gemeinde wär's ein Dienst! — Gott, Gott, arbeiteten wir achtzig lange Jahre um fremden Menschen jetzt zur Last zu fallen! — Ach, hätt' ich doch kein Kind! . . . Horch, die Gartenpforte knarrt — Wer kommt? — Waren Sie im Park?
Fünfte Scene.
Vater Ziemens. Klaus.
Klaus. Nein, aber dichtbei — hatte eine Scene, ach, eine Scene, guter Alter, die ihres gleichen sucht!
Vater Ziemens. Ich merke! — (mitleidig lächelnd.) Wohl ging's mit der Erfindung schlecht, wohl ließ der Amerikaner euch hart abfallen? —
Klaus. Denken Sie das nicht! Albert reüssirte, viel Geld gab's, viel, viel Geld, achtmalhunderttausend Thaler, baar auf der Hand, schönste Banknoten, vollgültigste Papiere —
Vater Ziemens. Aber — ?
Klaus. Haben Sie ein paar Heller bei sich?
Vater Ziemens. Nein — wozu?
Klaus. Krambambuli zu kaufen.
Vater Ziemens. Schaffte das Wirthshaus den Kerbstock ab?
Klaus. Seit Questenbergs Krisis! Jedes Gläschen Bittern verlangt's blank vorausbezahlt!
Vater Ziemens. Diese Unbarmherzigkeit! Wie wird das in Zukunft werden! — Nun, ich will mal' die Haushaltung revidiren —
Klaus. Thun Sie das, eilen Sie! Je größer die Flasche, desto angenehmer, und wenn's ein Faß ist, wie das Heidelberger, so rollen Sie's nur heraus! ich leere es im Bewußtsein — nicht zu den schwächsten Gliedern unsers starken Volkes zu gehören! (Will ihn in die Hütte schieben.)
Vater Ziemens. Halt, nichts gewaltsam! — Wenn der Albert soviel Geld erhielt, weshalb gab er Ihnen denn keinen Deut?
Klaus. Sie sollen's erfahren — erst Krambambuli herbei!
Vater Ziemens. Schalksnarr, Sie beeulenspiegeln mich — ?!
Klaus. Versuchte ich das schon einmal.
Vater Ziemens. Ei, ei, Ihnen ist schlimm zu trauen; die Welt kennt Ihr Treiben!
Klaus. Pfui, auch Sie öffneten gewissenlosen Nachreden das Ohr?!
Vater Ziemens. So weit Freund Albert damit einverstanden.
Klaus. Freund Albert! — Alterchen, einen Menschen, der sich vom gemeinsten Gauner gängeln, aussaugen, betrügen, unterdrücken läßt, erkläre ich unzurechnungsfähig über mich zu urtheilen.
Vater Ziemens. Sie werden abscheulich, Klaus.
Klaus. Was ich nicht blos gestern, sondern schon lange behauptet, behaupte ich heute erst recht!
Vater Ziemens. Kennen Sie den Spruch, was Du nicht willst, daß Dir die Leute thun, das thue ihnen auch nicht?
Klaus (keck). Ja wohl!
Vater Ziemens. Traun, so rechtfertigen Sie die schreiende Anklage.
Klaus (nachdem er sich verlegen in den Haaren gewühlt, mit erkünsteltem Lächeln.) Daß Sie's noch immer nicht glauben! — Nun denn, wir brachten's zu Tage, wir entlarvten den Elenden, heute — eben — — ich komme vom Schloß! (bei Seite mit ironischem Lächeln.) Muß lügen, um wahr zu sein!
Vater Ziemens. Wirklich, Klaus.
Klaus. Ja, wirklich!
Vater Ziemens. Albert entlarvte — ward wirklich betrogen!?
Klaus. Betrogen, wirklich betrogen!
Vater Ziemens. Jesus, was erlebt man alles!
Klaus. Ah, und wie rächte sich dafür Albert!
Vater Ziemens. Sagen Sie doch.
Klaus. Er betrog den saubern Patron wieder, indem er sich vom saubern Patron wieder betrügen ließ.
Vater Ziemens. Das heißt —
Klaus. Ah, 's ist ein feines Stückchen wie Sie seh'n.
Vater Ziemens. Fürwahr, denn ich begreife noch nichts davon.
Klaus. Albert verleugnete seine Meisterschaft, führte zum saubern Patron den Amerikaner, ließ es sich gefallen, daß derselbe 800,000 Thaler, sage 800,000 Thaler für die Erfindung —
Vater Ziemens. Unmöglich!
Klaus. Ja, es geschah! es konnte gescheh'n! — Ich gerieth außer mir, protestirte mit Löwengebrüll, bat, drohte, beschwor die Geister des Himmels und der Erde, umsonst! Kalten Lächelns stand der Wahnwitzige da, gab treulos mich dem Spotte, der brutalen Gewalt des frechen Schurken preis, duldete, daß man mir —
Vater Ziemens. Genug! — Wo weilt Albert, führen Sie mich zu ihm!
Klaus. Noch ist er wohl auf dem Schloß.
Vater Ziemens. Kommen Sie, kommen Sie, unter meinen Augen erfand er den Webestuhl, ich bezeug's vor Gott und den Menschen, mir soll er's nicht leugnen!
Klaus (im Abgehen). Wahrheit du siegst!
Sechste Scene.
Marie (sauber gekleidet, — wild erregt geht sie einige Male auf und nieder). — Wolltest ihn besitzen und entsagtest ihm — seine Zukunft retten und kränktest seine Hoffnungen — sein Glück und stießest ihn in's Verderben! Was thatst Du, Unglückselige! Und noch zur Kirche, noch beten willst gehen! Wer thront über deinem Haupte, wer lenket, führet dich! Ist's ein Wesen der Vernunft, ein Geist des Guten, ein himmlischer, versöhnender Geist! — O keinen Schritt, kehre um, bleibe heim! Hinweg, thörichtes Buch! Als sorgloses Kind fand ich Trost in dir, doch jetzt schlägst die Wunde nur tiefer, an der ich blute! . . (Volksgetöse.) Was bedeutet das? Welch' ein Haufe Volks wälzt sich die Straße herauf! Auch Mütterchen dabei?
Siebente Scene.
Marie. Frau Ziemens. Albert (in einem Korbe getragen).
Marie. Was geschah! — Wen bringest Du?
Frau Ziemens (zu den Trägern). Setzt hier die Bürde nieder und habt tausend Dank, wackre Männer! — Ach Tochter, Du wardst für eine schwere Zeit geboren! — Doch erschrick nicht — bleib' standhaft —
Marie. Ist's der alte Vater?
Frau Ziemens. Nein, Tochter — (das Tuch abhebend.) Albert — Dein Albert! Still, halte Dich still — er lebt noch — wins'le, klage nicht — schone ihn — er bedarf zärtlichster Pflege — schone, schone ihn! — Ha, bereits regt er sich —
Marie. Wie geht's Dir, mein Theuerster? — —
Albert. Welche Stimme?
Marie. — Kennst Du sie nicht mehr — Traun, schlag' Dein Auge auf! Ich bin — bin Marie — die Gottverlassene, welche heuchlerisch, grausam, unnatürlich — blos um Dich zur Verzweiflung zu treiben — blos um Dich zu zermalmen — ja, blos, blos deshalb, Albert — den braven Eltern sich — als Verbrecherin sich — — — Albert, dem Doctor, — ich vergab ihm nichts! — Seine Versuchungen — ich wies sie ab — wies sie ab, Albert, wie es Deine — wie es meine Ehre gebot!
Frau Ziemens. Tochter, o Tochter!
Marie. Ach, wie blind, wie blind war ich!
Albert. Sei's jetzt nicht, Mädchen!
Marie. Jetzt, Albert, jetzt sehe ich klar — Du bist der Edelste der Edlen!
Albert. Was — was versichert Dich dessen? — Sage nicht Dein Herz! das richtete über mich! — Sage nicht Dein Herz! — Wer Jahre lang die köstliche Zeit müßigen Spiels verträumte, nichts, nichts unternahm, die Hoffnungen zu erfüllen, die ein theures Mädchen in ihn setzte — plötzlich das Bündel packte und ging — dann wiederkehrte — wieder — auf Grund eines — o die Scham erstickt mir das Wort! — Wer so handelte, war ein entnervter Sclave des Elends, ein schnöder Kuppler des Lasters und mußte, mußte verdammt werden! — Keine Reue, kein Mitleid mir! Wohl erkannte ich meine Schuld!
Marie. Eben, — sühntest Du sie nicht!
Albert. Ach ich wollte es! griff zur Waffe, eilte in den Park —
Marie. O Gott!
Albert. Aber nicht zu sterben wußte — nicht zu sterben der Feige! Häkeliche Zweifel lähmten seine Hand und er — er verfehlte — verfehlte sich! . .
Marie. Das fügte der Allmächtige zu unserm Heil! — O richte Dich männlich auf, komm' unverzagt an meine Brust, vergiß in Liebe die Schmerzen, welche wir unter der Herrschaft einer verderbten, mißgünstigen Welt uns widerwillig, gezwungen bereiteten!
Albert. Mädchen, was sprichst Du! Wanken die Grundfesten Deiner Tugend; zehrt des Irrthums Schlange Dir am Lebensmark! Hinweg, schüttle sie ab; entfliehe meiner unheiligen Nähe! — — — O Frau Mutter, wohin brachten Sie mich! —
Marie. Ha, das — das ist Rache! —
Frau Ziemens. Er besinnt sich, Tochter; es wird noch alles gut!
Marie. Noch alles gut!? Mütterchen, seine Worte sind tief erwogen! — Ach, er hat mich nie — nie geliebt!
Frau Ziemens. Reich' ihr die Hand der Versöhnung, treib's nicht weiter! — O thu's für die alten Freunde, die in ihrem Leben noch keine, keine Freudenthränen geweint! —
Marie. Laß ihn — der Stab ist gebrochen — frohlocke er nur!
Frau Ziemens. Albert, bist Du taub!
Marie. Ich sage, laß ihn. — Erweise mir's zu Gefallen! — Ach, begreifst Du denn noch nichts?
Frau Ziemens. Sein Geist erkrankte gleich dem Deinen!
Marie. Mütterchen, er verstellt sich, wie ich mich verstellte!
Frau Ziemens. Er? — O Tochter!
Marie. Welches häkelichen Zweifels wegen verfehlte er sich wohl! (lächelnd) Darüber frage ihn aus, ich bitte!
Frau Ziemens (sich vor die Stirne schlagend, als würde ihr plötzlich ein Räthsel gelöst). ... Sollte das möglich — Aber nicht doch, Tochter, Du schwärmst!
Marie. Untersuche seine Wunde! Du findest keine — das Blut da an seinem Kleide ist falsches Blut! — Wollen wir wetten? — — O glaub' mir, ich durchschaue alles, die ganze Comödie! — — Gefehlt! gefehlt! — Mit dieser Kunst, armseliger Gaukler, bestichst — gewinnst Du mich nicht! — Nimm Deinen Korb nur untern Arm und ziehe, wohin Du gehörst, ins Reich der Finsterniß! — — (Sie stößt mit dem Fuße an das Gebetbuch, welches sie vorher wegwarf). Was ist das? — Wie kommt das — das hierher. . . Ha, woran's mich erinnert! — Albert, Albert, ich rase! — Weh, hab' ich keine Vernunft, kein Gedächtniß mehr! — Schütze, o Mutter, schütze mich vor mir selbst! . . . (Fällt der Mutter betäubt in die Arme.)
Frau Ziemens. Himmlische Mächte, giebt's keinen Frieden für sie! — — — O nur herbei, wackerer Klaus, hier stieg die Noth auf's Höchste!
Achte Scene.
Die Vorigen. Klaus.
Klaus. Mich sendet kein guter Engel! Erwarten Sie von mir weder Hülfe noch Trost! Die Botschaft, welche ich bringe — doch zuvor geleiten wir die Jungfer in die Hütte — es wird für sie zu viel!
Marie. Was mich noch treffen kann, ist nicht das Schlimmste mehr! Berichten Sie nur, Klaus!
Klaus. Nun denn, die Geschichte mit dem Amerikaner hatte den wundersamsten Erfolg — es klänge uns, so wahr ich Klaus heiße, ein Milliönchen in der Tasche, ja, ja, ein Milliönchen —
Marie. Ich verstehe nichts! . . . Wer ist der Amerikaner? welches die Geschichte?
Klaus. Frau Mutter weiß bereits davon. . .
Frau Ziemens. Ihr's zu erzählen hielt ich für Narrheit, denn ich konnte nicht glauben, Klaus, nicht glauben —
Klaus. Es war keine, keine, Frau Mutter! Alles ging nach Wunsch und wider Erwarten . . .
Frau Ziemens. Alles nach Wunsch!?
Klaus. Bis auf zwei Todte leider!
Frau Ziemens. Zwei To — wie?
Klaus. Den einen haben Sie schon, der andere ist unterwegs.
Frau Ziemens. Wer? — O sagen Sie!
Marie. Hastigen Schrittes, ich sah's durch's Fenster, entfernten Sie sich mit dem Vater —
Klaus. Zu dienen.
Marie. Wo blieb er!?
Klaus. Beim Herrn im Schloß, zu seinem — unserm unseligsten Verhängniß!
Frau Ziemens. O mein Kind!
Klaus. Beten Sie für ihn!
Marie. Sein Leben war ehrenvoll, dessen bedarf's nicht!
Klaus. Wahrlich, könnte man gleich ihm sich rühmen, so athmete leichter das Herz! Er war ein frommer Dulder, hatte stets große Gefühle, schöne Gedanken, krümmte sich nicht wie unsereins, dem schwachen Wurme gleich im Pfuhle der Verdammniß und hungerte nach Staub! — Doch schirmt mich Geister!
Neunte Scene.
Die Vorigen ohne Frau Ziemens.
Marie. Hörtest Du, Albert?
Klaus. Er! oder nur sein Gespenst?!
Marie. Er selbst, Klaus! Die Kugel tödtete ihn nicht.
Klaus. Und so starb der Alte denn umsonst!
Albert. Wirklich, ist's wirklich wahr!
Klaus. Wie Dein Verdienst am neuen Webestuhl! — Der edle Greis, dasselbe mir vor Questenberg bezeugend, wie's meine Ehre fordert, wird von der Kunde Deines Frevels überrascht, taumelt schwindelnden Haupts, erseufzet beklemmt: „verloren mein Kind!“ und liegt entseelt mir im Arm.
Albert. O schauder — schaudervoll!
Klaus. Höchst schaudervoll!
Marie. Gemach, Klaus! Keine Vorwürfe, keinen Zorn! — Ihre Hand, braver Mann! — Gönnen wir dem Schicksal den schrecklichen Triumph, preisen die Vorsehung, welche nicht anders es fügte!
Klaus. Immerhin! sagt der Beklagenswerthe dazu Amen.
Marie. Was bleibt ihm übrig in seiner Ohnmacht!
Albert (wirft sich ihr zu Füßen).
Marie. Nicht also! Stehe auf! Alles ist gut! — Welcher Gewinn, trotzten wir ferner unerforschlichem Rathschluß!
Klaus (ihn aufhebend). Folge ihrem Wunsch; Du sühnst nicht anders das Geschehene!
Albert. Weh, wehe mir! — Ach, es straft mich härter als der Tod — bricht meine Seele in tiefster — tiefster Brust! — Marie, Marie, unsere Sonne — dort ging sie unter!
Marie. Blicke dorthin, Theurer, dort erscheint ihr feurig Antlitz Dir von neuem, herrlicher als je zuvor! Vertrau' dem Schöpfer nur und seinen himmlischen Gesetzen, die er geheimnisvoll vor Deinem Auge birgt!
Klaus. Ein trefflich, ein erhaben Wort! Die einzige Wahrheit, welche feststeht! Wie auf Kälte Hitze, Winter Sommer, folgt nach Trauer auch die Freude wieder! Ewigem Wechsel ist alles unterworfen, Himmel und Erde, Thron und Scepter, Rechte und Knechte! Heute ein kümmerlicher Lazarus, nach einem Jahr vielleicht ein vornehmer Herr, mit prächtigen Rossen stolz umherkutschirend und gleich dem duftigsten Dandy, bei den ersten Damen unserer Stadt in Schwung! Gesetzt nur, Du spanntest jetzt die Segel straff, steuertest als echter Römer, kühn von Entschluß und That, in Frau Fortuna's Hafen, hieltest dann mir Dein gegebenes Versprechen, daß ich am Lottospiel der Börse mich betheiligen könnte — He, sollte zum Ergötzen Lucifers nicht bald mein hageres Gesicht in einen Vollmond sich verwandeln, der durch seines Glanzes schnell erborgter Fülle, aller Weisheit feigen Schneckengang, aller Tugend unfruchtbares Darben, aller Priester wirkungslose Predigt, geringschätzig belächelt! — Was meinest Du! Wenn wir sogleich uns auf die Füße machten und retteten was noch zu retten! Wie? Gieb einen Laut von Dir! — Darf's nicht um meinetwillen sein, so thu' es für Marie und ihre Mutter, der Du den sicheren Ernährer raubtest! — Komm'! — Leih'n Sie ihm den Arm nur, Jungfer.
Marie. Wohin? errieth ich Ihre Absicht.
Klaus. Nachher davon.
Albert. Klaus, Klaus, es ist zu spät.
Klaus. Das Mögliche niemals! Und wer da weiß, daß alles möglich, achtet keine Stunde! Hurtig, Jungfer; folgt er in Güte nicht, so üben wir Gewalt!
Albert. Wie ich Dir sage, Klaus.
Klaus. Bring' mich nicht auf! Komm', sei gehorsam! Ohne Genugthuung für die mir zugefügte Schmach entrinnst Du meinen Händen nicht! Ich schwör's bei einem Buckel Schläge Dir! Ja, ja, das merke!
Albert. Ließe sich Geschehenes noch ändern!
Klaus. Bube, ich handle nach Gewissen!
Marie. Welch ein Erkühnen!
Klaus. Hindern Sie mich nicht, Recht und Gerechtigkeit zu üben!
Marie. Ich respectire die Freiheit Ihrer Person und fordere ein Gleiches für ihn!
Klaus. Das darf nicht geschehn.
Marie. Sie sind ein Tyrann!
Klaus. Ich würde mich zum Verbrecher an mir selber machen, erduldete ich schweigend, daß Jemand — und wär's mein Feind — schnödester Spitzbüberei, wie der, zum Opfer fiele!
Marie. Ihre Verblendung ist groß!
Klaus. So klein Ihre Erkenntniß!
Albert. Gebiete Deiner Hitze, ehrenwerth'ster Freund, und vermittle Dich mit uns'rer Ansicht!
Klaus. Strotzend voll Bibel- und Magisterweisheit! Habe Dank, ich bin ein Heide, unempfänglich für solchen Tand!
Albert. Traun, so erwäge, daß die Achtmalhunderttausend bereits verschlungen wurden von den Gläubigern!
Klaus. Bereits!
Albert. Sie waren just versammelt, als wir das Geld dem Herrn brachten. . . Das weißt Du nicht?!
Klaus. Wohl, wohl! Schon erinnere ich mich! Ja, verlor'ne Müh' wär's, gingen wir die Schenkung widerrufen! Hin ist hin! Sinke Hoffnung; ihr luftigen Schlösser brechet zusammen, Klaus baute auf Sumpf! — Man sollte es aber nicht denken! Ein Mensch, so viel erfahren, so reich begabt, nennt edelmüthig unter Schurken — christlich! Entsagung persönlichen Vortheils, irdischer Freude — gottgefällig! Selbstmord — höchstes Rechtthun! vernünftig denken, bedeutsam wirken — ruchlos, verbrecherisch! das kalte Grab allein — Erlösung aus Sünde und Elend! — O hätte doch ein Kind, das schmeichelnd seiner Mutter Brust begehrt, ihm lehren können, wie hohl und nichtig er berathen! Ach, ach, ist es ein Fluch der menschlichen Natur, daß sie, je reifer, desto sinnbethörter wird! — Traun, Du warst Dir consequent bis in den Park; doch weil die Kugel Dich verfehlte, was weiter nun!? Durch welch' ein Mittel, gleich dem großen Märtyrer hinab zur Hölle, dann gen Himmel fahren! — Bist Du von Gott gesandt, die Welt frisch zu entsühnen, so sprich! wenn nicht, verschreib' dem Teufel Deine Haut und ducke unter in den Schlamm, dem Du entkrochst!
Albert. Ich that es Freund, mit einem Herzen aber, das es leugnet! — Halb Thier, halb Engel, ein Zwitter von Licht und Nacht, schlepp' ich mein Leben unter Schmerzenskrämpfen weiter, ringe mit Himmel und Erde um ein unerkanntes Ziel, verschwinde dann, wie ein Gebilde flücht'ger Fantasie, im dunkeln Strom der Zeit! — Was hast Du . . .
Klaus. Kehre Dich um und sieh!
Albert. Gott, Gott! — Wie findest Du das?
Klaus. Erst wissen, was er bringt. . .
Albert. Vielleicht Befried'gung Dir, wonach gewaltsam Du vergeblich rangst!
Zehnte Scene.
Die Vorigen. Frau Ziemens. Questenberg u. Sohn.
Questenberg. Wo ist der brave Mensch! — Ach liebster, bester Albert, ich feiere den hundertjährigen Geburtstag, werde nun kahlköpfig und in Krücken gehn.
Albert. Ich handelte zu grausam, mein Gebieter.
Questenberg. Fast möchte ich's behaupten.
Albert. Es reuete mich gleich — woher denn wohl zur Reue über diese Reue, der böse Geist mir hindernd in den Weg trat!
Questenberg. Hörst Du, Sohn? Bin ich kein Seelenkenner! . . . Nein, nein, der sanfte Albert konnte sich nicht tödten! — Ich erwog es reiflich; säumte deshalb Lärm zu schlagen, hielt mich hübsch zu Hause, hübsch, hübsch, hübsch! — Ach mein Jesus, wär' ich aber nur gleich einem Rasenden durch Straßen, Feld und Wald nach ihm hübsch suchend umgeirrt und ausgewichen hübsch dem finstern Zufall! Ach, ach, warum doch sind wir Menschen immer hübsch gescheidt!
Albert. Es leiht den Dünkel uns, daß mehr wir seien als wir sind!
Questenberg. Zu ew'ger Täuschung! — Weh, o weh! — Dieser alte würdige Mann! — Woher die Kraft mir kam, das zu bestehn!
Albert. Des Unglücks Schauder wachsen in die Ferne; unmittelbar ergreifen sie uns wenig!
Questenberg. Wenn das der Fall ist, zittre ich und bebe! Mein armer Kopf will jetzt bereits — ein Stündchen erst nach dem Ereigniß — in wilder Fiebergluth aus allen Fugen gehn!
Albert. Vernehm' ich dies von Ihnen; welche Sprache bleibet mir noch übrig?
Questenberg. Wie das, mein Goldfisch.
Albert. Ruht nicht auf mir die größte Schuld!?
Questenberg. Auf Ihnen!
Albert. Ja oder nein — gleichviel! ich messe sie mir zu, da ich so gut als Sie und alle wir geborne Heuchler sind.
Questenberg. Albert, Albert, ich ward ein Anderer! Hier den Beweis! (Er zieht ein Portefeuille mit Geld aus der Tasche und reicht's ihm). Ein Theil der Gläubiger, bereuend ihres Mißtrau'ns Ungestüm, gab mir das Geld zurück.
Albert (bei Seite). Verletzte Eitelkeit scheinheil'gen Herrenstolzes — nichts — nichts weiter! Ach, schaute ich den Grund von keiner That!
Questenberg (zudringlich, da Albert das Geld zu nehmen zögert). Demüthigen Sie mich nicht tiefer!
Albert. Ich lehnte es schon einmal ab.
Klaus (ironisch). Hast Du ein Herz von Stein!
Questenberg. Entledigen Sie mich der Sündenlast!
Klaus. Sei christlich!
Albert (nimmt das Geld und reicht es Klaus, der erschrocken zurückbebt). Da! für Dich!
Klaus. Alles!
Albert. 's ist Dir noch lange nicht genug! Geh' hin und häufe mehrend es bis in den Himmel!
Klaus. Bruder, Bruder, ich wurde schwach geboren! . . . (Mit tiefer Verbeugung nehmend). Hab' besten Dank! . . . (Umhüpfend und das Geld zählend). Lauter giltige Papiere — fünf — zehn — zwanzigtau — Kinder, helft! führt zu den Nachbarn mich, die nicht mehr borgten, daß ich den Mammon ihnen zeige, wie mit der Meduse Schlangenhaupt, sie wandele zu Stein! Ach Gott, mit einmal reich! Nie lernte ich an etwas glauben und nun, nun bin ich dieser Lumpen Gläubiger! — Wie abgegriffen und welch' Inbegriff! — Gift für den Staat und Medicin für mich! — Adieu, mein Bruder! Der Augenblick zu großen Unternehmungen ist günstig; ich reise morgen nach Paris und spekulire auf das Kaiserreich! Kommt es zu Stande, was der Himmel fügen möge, so zahl' ich von Napoleon's Gnaden alles Dir zurück und trage Sorge, daß Du bald den Herrn Questenberg hier spielst!
Albert. Leb' wohl und bleibe der Du warst.
Klaus. Dein Freund auf ewig!
Eilfte Scene.
Die Vorigen ohne Klaus. Abenddämmerung.
Questenberg. Ob Sie des Mitleids würdig oder der Bewunderung, ob Weisheit oder Wahnsinn Sie beherrschet, zag' ich zu entscheiden.
Albert. Im Geben, nicht im Nehmen, theurer Herr, bestehen meine Freuden.
Questenberg. Gedächten Sie auch meiner dann in Großmuth!
Albert (ihm gerührt die Hand schüttelnd). Verzeihung, ach, was wäre das! ein leerer Schall! Nein, dienen wir fortan der Zeit als echte Menschen, streben ihrer kranken Glieder große Noth durch gutes Beispiel, Rath und That zu mildern, und schnell verwandeln die gewalt'gen Schmerzen, welche unser Herz entzwei'n, in Achtung sich und Bruderliebe!
Questenberg. Amen! Amen! Sie braver, wackerer Mann! Auf solch' ein bibelfestes Wort, komm her und reich' auch Du die Hand ihm! — So! so! so! Und nun, senke dich, o Nacht; der Friede ward geschlossen! —
Albert. Träumen Sie von Paradiesesengeln!
Questenberg. Geleit' mich, Sohn; ich bin ein wenig schwach zu Fuß . . . Doch still, etwas vergaß ich noch . . . Hier, der Erstling unsres neuen Webestuhls! — Die Welt wird sich darin entzückt im Spiegel schau'n!
(Albert nimmt das Stück Zeug, welches Questenberg vor ihm entfaltet, wischt seine Thränen damit und tritt zu Marie, die in des Doctors Nähe steht.)
Albert. Mädchen! — Sieh, sieh her! — Der Stoff zum Kleide für die Hochzeit und — zur Todtenfeier Deines Vaters! . . .
(Dumpfe Stimmen im Hintergrunde. Man ruft: „Platz da, macht Platz!“ — Aus weiter Ferne kündigt sich ein Gewitter an. — Die Leiche des Vater Ziemens, auf einem goldenen Stuhle sitzend, wird von Questenberg's Dienern unter Fackelschein hinten über die Scene getragen.)