Abtheilung I.
Comtoir Questenbergs. Im Hintergrunde Schränke mit Büchern, Akten, Modellen. An den Wänden hängen Zeichnungen von Maschinen. Ein Bureau links, auf dem ein geöffnetes Kontobuch liegt.
Abend, Licht.
Erste Scene.
Questenberg; v. Zitterwitz.
v. Zitterwitz (unruhig auf und ab gehend). Man sprach von einem Deficit von 500,000 — ich sagte: Kinder streicht eine Nulle weg, es sind höchstens 50,000, Questenberg war ein zu honnetter Fabrikant —
Questenberg. Ich vertraute zu sehr meiner eigenen Kraft! — Der Unglückliche gleicht einem Kranken, der immer größere Hoffnungen an das Leben knüpft, je näher er dem Tode rückt . . .
v. Zitterwitz. Eine Million!
Questenberg (seufzend). In Damastroben à la chinois.
v. Zitterwitz. Wie konnten Sie nur auf die Großen und Reichen dieser Zeit speculiren!
Questenberg. Ich hoffte, daß die siegende Contrerevolution sie herausfordern würde, den Luxus zu verzehn- oder verzwanzigfachen.
v. Zitterwitz. Naiv, naiv!
Questenberg. Ja ich hoffte, es würde wieder so gehen, wie nach der Besiegung Napoleon's und der Stiftung der heiligen Alliance. Eine brillante Epoche! Da schäumte so manches Schweißtröpflein in den eifrigen Restaurationsküchen über den Kessel, kam denjenigen von uns Geschäftsleuten trefflich zu Statten, die mit dem Blend- und Gaukelwerk ihrer Industrie danach zu haschen wußten.
v. Zitterwitz. Wer's heut zu etwas bringen will, muß ein geheimer Demagoge sein, muß auf die Eitelkeit, die Vorurtheile, die Ueppigkeit, Genußsucht, Trägheit, den Hochmuth, die Herrschsucht, mit einem Wort, auf die Confusion und den ausschweifenden Geist des untern Bürgerstandes und des gemeinen Mannes speculiren! Der geschickteste Gauner macht sich in dieser Richtung zum Herrn der Christenheit, wird Präsident, Kaiser und Papst.
Questenberg. Herr Regierungsrath, geben Sie mir morgen noch 150,000 Thaler und Sie sollen über meine Demagogie erstaunen.
v. Zitterwitz (sich den Kopf haltend). Um Gottes Willen!
Questenberg. Ich verfertige fortan die Damastrobe à la chinois statt für zwanzig Thaler, für zwanzig Silbergroschen die Elle. Das schimmernde Kleid der „l'état c'est nous“ wird seiner Billigkeit wegen den Beifall unserer Kammernixen erhalten — es giebt ja für sie weder politische noch sociale Bedenken! — Sie kaufen und ich bin gerettet!
v. Zitterwitz. Zu spät, zu spät!
Questenberg. Das Genie der Mechanik greift mir unter die Arme. —
v. Zitterwitz. Mit einer Erfindung? Ach! lassen Sie mal hören.
Questenberg. Nach zwölf bis funfzehn Tagen habe ich Webestühle — früher werden sie nicht fertig — die noch einmal so schnell als meine alten arbeiten. . . . Niemand weiß davon, es bleibt Geheimniß. — Mit diesen Webestühlen überflügele ich alle Concurrenten, mache mich in kürzester Zeit zum Millionär! — Morgen zeig' ich sie Ihnen und stelle vor Ihren sehenden Augen Versuche an.
v. Zitterwitz. Sie hätten mir das vor einer Woche anvertrauen sollen, die Börse würde verhindert worden sein, Ihren guten Ruf anzukränkeln! — Das Bürgerthum mit seiner Industrie und Maschinenkunst ist doch der Kern aller Demagogie! Welche Propaganda macht's für den Auflösungsprozeß unsrer veralteten Formen! Wer von jenen mittelalterlichen Nebelrittern wirft ihm eine widerstandsfähige Barikade entgegen! Es sind ja nicht mehr die Principien, die Weltanschauungen, die philosophischen Doctrinen, welche auszureuten und in Catholicismus zu verwandeln, sondern die von elektrischen Telegraphen, Eisenbahnen und Dampfmaschinen bedienten, im Körper der Zeit Fleisch und Blut gewordenen Interessen! — O jeh, thu nur die Augen auf, großer französischer Weltherrscher, du findest die Kunsttapeten, Teppiche und Decken deines berühmten Versailles heute beim mittelmäßigsten Werktagsmanne. Tritt in den Salon des schlichtesten Kaufmannes oder Handwerkers, sieh die Tische und Stühle, die Pendeluhren, Spiegel, Leuchter, Schränke und Gestelle deines feinsten Rokoko! Erstaune ob der Malereien, Zeichnungen, Schnitzwerke, Bildhauerarbeiten, die den Boudoirs deiner capriciösesten Maitressen nie gefehlt haben würden. Wohl rufst du betrübt: erhielt meine Herrlichkeit sich nicht länger oben, bedurfte es nur zweier Jahrhunderte der geistigen Regsamkeit, um den gemeinen Mann zum Könige und den König zum gemeinen Manne zu machen! — Ich gehöre dem besonnenen Fortschritt an und schenke Ihrer Erfindung deßhalb die gebührende Aufmerksamkeit. Bewährt sie sich, so — seien Sie verstchert . . .
Questenberg. Ein Mann ein Wort!
v. Zitterwitz. Mein Gott, was thut man nicht um das Seinige zu retten und einen guten lieben Freund dazu, selbst ohne dem Fortschritt zu huldigen! . . . Apropos, wie stünde es mit den Zinsen, im Falle . . .
Questenberg. Mir kommt's auf sechs Procente nicht an.
v. Zitterwitz (scherzend). Wer auf eine bloße Erfindung, so zu sagen, auf eine Idee sein schönes Geld verleiht, könnte auch wohl zehn Procentlein verdienen?
Questenberg. Ich geize nicht und verspreche —
v. Zitterwitz. Sagen Sie nur gleich funfzehn . . .
Questenberg. Weil Sie es sind, Herr Regierungsrath, ich verspreche Ihnen . . .
v. Zitterwitz. Zwanzig, zwanzig, ohne Scherz! . . . das wird morgen schriftlich abgemacht.
Questenberg. Nach Ihrem Wunsch.
v. Zitterwitz. Es ist schon spät, man erwartet mich zum Nachtessen . . . (Er nimmt Stock und Hut und will gehen. An der Thüre bleibt er sinnend stehn.) Der fatale Lärm an der Börse! . . . Wüßte ich ein Mittel die Zweifel der Gläubiger zu zerstreuen . . . Wir brauchen unbegrenzten Credit . . . anders umschiffen wir die Klippe nicht. Meine 150,000 Thaler sind für Ihr Etablissement wie ein Wassertropfen auf die Lippen eines Verschmachtenden . . . Verhält es sich nicht so? Wie lange füttert mein Capitälchen Ihre eisernen Riesen satt?
Questenberg. Etwa acht bis vierzehn Tage.
v. Zitterwitz (ironisch). Ein großer Spielraum zur Abkühlung der Köpfe unsrer Geldmänner.
Questenberg. Sieht man morgen, übermorgen und nachübermorgen das Feuer meiner Maschinen lustig brennen, so wird man sich in den Glauben ergeben, daß es nur brodneidische Verläumdungen oder falsche Speculationen gewisser Leute waren, die —
v. Zitterwitz. Sie kennen von der Art gewisse Leute?
Questenberg. Vorzüglich einen — er steht mir sehr nahe und spielt den Scheinheiligen unübertrefflich.
v. Zitterwitz. Ich halte Herrn Blashammer für einen kalten, ruhigen, überlegenden, braven Banquier. Er war der Einzige, welcher sich heute ganz still verhielt. Man bestürmte ihn um seine Meinung, allein er wich der gewitztesten Zunge aus. . . Blashammer verdiente nach meiner Ueberzeugung in unserm Bunde der dritte zu werden.
Questenberg. Ich kann ihm meine Bücher nicht aufschlagen.
v. Zitterwitz. Ich meine es anders . . . Der Banquier hat eine heirathsfähige Tochter, Sie haben einen erwachsenen Sohn. . . .
Questenberg. Der noch nichts ist. . .
v. Zitterwitz. Aber etwas werden kann! Bestand er doch das beste juristische Examen.
Questenberg. Ich hege längst ein Project der Art, nur weiß ich's nicht auszuführen. . . Stelle ich dem Banquier jetzt einen Heirathsantrag, so fühlt er Absicht und weist mich beleidigt zurück; ich verrathe ihm die Ohnmacht meiner Lage —
v. Zitterwitz. Ihnen kostet's keine Ueberwindung einen Mann zu verdächtigen der Ihr Wohlergehn wünscht, gegen den Sie unfähig sind, den schwächsten Beweis zu liefern!!. Ich versprach Ihnen mein letztes Geld und bin bereit noch mehr zu thun. Die Heirath muß zu Stande kommen. Der Banquier darf uns nicht widerstehen.
Questenberg. Ich lege Glück und Unglück in Ihre Hand.
v. Zitterwitz. Schicken Sie durch den Telegraphen eine Depesche über Paris nach London, mit dem Befehl schleunigster Rückkehr an Ihren Herrn Sohn, und . . .
Questenberg. Er kam bereits gestern an.
v. Zitterwitz. Um so besser! Aber aus welcher Ursache? es erstaunt mich . . .
Questenberg. Geld, Geld, Geld! Er kostete jährlich fast so viel als ich morgen von Ihnen borge.
v. Zitterwitz. Die großen Städte sind das Verderben unserer Jugend. Wehe dem Vater, der dort ein Kind zum vornehmen Müssiggänger, Fantasten, Wollüstling oder hochgespannten Weisen erzieht! . . Schlafen Sie wohl.
Questenberg. Noch ein Wort . . . Mir fällt ein Mittel in den Sinn — 's ist durchaus nicht zu kühn . . . Wenn ich übermorgen oder spätestens Sonntag ein recht großartiges Fest arrangirte! etwa für zehn bis zwölf Tausend Thaler —
v. Zitterwitz (seinen Hut fallen lassend). Die Gläubiger sollen kommen und beschämt sich fragen, woher der Luxus, die Verschwendung, das üppige Leben? Will er uns damit antworten? Wer bezahlt die einhundert und funfzig Musikanten —
Questenberg. Die sechzig Köche und Kellner —
v. Zitterwitz. Die sechs Tausend chinesischen Lampen? Oder wer liefert auf Borg die Meerkrebse —
Questenberg. Die Fasanen —
v. Zitterwitz. Die Schildkröten —
Questenberg. Die Vogelnestern und Austern —
v. Zitterwitz. Die zweihundert Flaschen Champagner, Muskatweine, das Porter Bier —
Questenberg. Die eingelegten Sardellen, die Artischokken, den Mokka-Caffee —
v. Zitterwitz. Da wir ihm den Credit versagten —
Questenberg. Wir großmächtigen Männer der Börse?!
v. Zitterwitz. Wer wagt das brillante Feuerwerk abzubrennen? —
Questenberg. Wer engagirt das Pistolenschießen und Kegelschieben, den Tanz im Garten und den Tanz im Salon, und alle köstlichen Decorationen?
v. Zitterwitz. Wer leiht seine Stimme zum Singen schwärmerischer Lieder, zum Vortrag moralischer Schulreden, zur Declamation launenvoller kindlicher Gedichte? — — Meiner Seel', 's ist 'ne wahre Kriegslist! Daß sie mir nicht einfiel! — Nur an's Werk! Arrangiren Sie das Fest. Ich gehe für Ihren Sohn unterdessen auf die Frei, und es müßten höllische Dinge uns entgegentreten, wenn wir nicht Sonntag mit Fräulein Börse seine Verlobung feierten! — Man soll dem Unglück Trotz bieten bis auf den letzten Moment wo es der Ehre gilt. Verfechten wir sie! der Zweck ist moralisch, er heiligt die Mittel — Auf morgen das Nähere, will's Gott.
Questenberg. Empfehlen Sie mich Ihrer werthen Familie.
Zweite Scene.
Questenberg (allein). Der alte Sünder! Ich zählte auf ihn am wenigsten und er wird zum tugendhaften Manne an mir! . . . Wäre doch jeder Gläubiger so geizig, liebte die ganze Welt ihre irdischen Güter wie er, und ich hätte keinen Grund zur Klage! . . . Aber brauche ich mir Gewissensscrupel zu machen? Nein. Dank dem Schicksal, daß kein edlerer Freund sich meiner erbarmt; mit diesem kann ich den letzten verzweifelten Versuch ohne Herzklopfen wagen. . . (Er setzt sich nieder zum Schreiben.)
Dritte Scene.
Questenberg. Sein Sohn. (Derselbe in gelbem Schlafrock von Seide mit reichem Besatz, in rothen Fantasiehosen und einer blauen mit Silber brodirten griechischen Mütze.)
Der Doctor. Verzeihung, Herr Papa, daß ich in Ihr Heiligthum eindringe.
Questenberg. Was giebt's denn?
Der Doctor. Nichts als Begehr Sie zu sehn.
Questenberg. Ich komme.
Der Doctor. Mit Bestimmtheit?
Questenberg. Es dauert höchstens noch ein Viertelstündchen.
Der Doctor. Unbegreifliche Geschäftigkeit! Keine Minute Zeit! Wir waren seit Jahren getrennt, kaum hießen Sie mich willkommen — 's ist hart! — Ich hoffte Ihre alten Tage erheitern, Ihnen Unterhaltung gewähren zu können — aber wenn das so fortgeht, muß ich mich vollkommen unnütz in Ihrem Hause fühlen.
Questenberg (schreibend). Wisse nicht was Du hier sollst, ich — dem Modelleur 5400 — ich hege kein Bedürfniß nach einem — für rafinirtes Brennöhl 80 — nach einem Gesellschafter von Deiner Art.
Der Doctor. Nicht fein! — Warum zwangen Sie mich denn London zu verlassen?
Questenberg. Weil ich nicht länger zahlen kann . . . 9000 Theertonnen — Fühlst Du keine Lust Dich zu verheirathen?
Der Doctor. Ich?
Questenberg. Du . . . 2 Schock Gerüstbretter —
Der Doctor. Lust? nein.
Questenberg. Du möchtest wohl immer ledig bleiben, und in der Welt umherschwärmen als Hans von Ohnesorgen?
Der Doctor (mit Malice). Warum nicht! ich finde es würdiger als hier unter vergitterten Thüren und Fenstern den Judas von allem Schönen und Sittlichen zu spielen.
Questenberg. Bravo . . . Der Einfuhrzoll der Baumwolle 11,000 — der Seide 20,000 — Es hilft Dir nichts, Du wirst Dich wohl vermählen müssen . . .
Der Doctor. Müssen?
Questenberg. 11,000, — 20,000, — 5000, — und 1500 macht — macht 37,500 . . .
Der Doctor. Das heißt also, Sie wünschen nicht mehr für mich zu bezahlen.
Questenberg. Du wurdest ja schon ein alter Kerl! Warum sollte ich Dich noch lange bei mir auf der Bärenhaut halten!
Der Doctor. Schön.
Questenberg. Nicht wahr?
Der Doctor. — — Ich werde mich denn vermählen . . . Sie haben vielleicht eine recht vorteilhafte Partie in Vorschlag zu bringen?
Questenberg. Fräulein Blashammer.
Der Doctor. Ah gratulire! (für sich schaudernd) Brrr . . .
Questenberg. Ein Mädchen von vielseitigster Bildung.
Der Doctor. (wiederholt sein Brrr).
Questenberg. Sie spielt Beethoven und singt Schubert, spricht fertig französisch, lies't englisch und italienisch, interessirt sich für Architektur, Sculptur, Malerei, ja selbst für Naturwissenschaft — dichtet Liebeslieder und Trinksprüche, verfertigt Oden und Sonnette, steht mit bekannten Professoren in brieflichem Verkehr und schreibt, wenn ich nicht irre, sogar Kritiken für belletristische Journale . . . (Er steht auf und tritt vor den Doctor.) Was ist Deine Meinung?
Der Doctor. Darf ich eine äußern?
Questenberg. Ich bitte.
Der Doctor. Vor einer gelehrten Frau flieh' ich Meilen weit.
Questenberg. Du, ein Doctor, ein Philosoph?! — Ah, thu' man den Schlimmen etwas Gutes! Ich dachte, da kommen einmal zwei von einem Schlage zusammen und freute mich wie ein Kind . . . Sapperment!
Der Doctor. Sie hätten keine Rücksicht auf meinen Charakter nehmen, sondern nach Ihrem innersten Geschmacke wählen sollen, folglich ein Mädchen, welches Sinn für das Häusliche hat, mit den Mägden in der Küche schaltet, Strümpfe stopft, Hemden näht und über jeden Pfennig sorgsamst Buch führt, ein Mädchen, welches besitzt was mir fehlt, Unschuld, Heiterkeit, Liebe, Vertrauen und Leidenschaft! . . . Ich bin bescheiden, Herr Papa — auf jedem Dorf prangt in herrlichster Bluthe mein Glück!
Questenberg. Sprichst Du aus Verrücktheit so vernünftig oder aus Vernunft so verrückt.
Der Doctor. Ein andermal die Fortsetzung. (Er legt ein Buch, welches er in der Hand hielt, auf den Schreibtisch.) Dieses Buch brachte ich für Sie aus Paris mit. 's ist die berühmte Schutzzollrede Ihres Gesinnungsgenossen. Der Autor hat sie selbst redigirt und herausgegeben. Möge die Lectüre Ihnen den guten Humor wieder schenken, den Sie seit meiner Ankunft gänzlich verloren zu haben scheinen. (ab.)
Questenberg. Der Regierungsrath sagte mit Recht, die großen Städte seien das Verderben unserer Jugend. (ab nach einer andern Seite.)