Abtheilung II.
Eine ärmliche Wohnung bei Vater Ziemens. Auf einem Tische im Hintergrund steht ein Modell.
Vierte Scene.
Albert tritt auf mit einem Zeichenbrett unter dem Arm, gefolgt von Klaus.
Klaus. Macht's nicht schon drei lange, lange Jahre, daß er Dich mit einer Aussicht auf eine Anstellung vertröstet?
Albert. Es sind drei Jahre, daß er mir drei Stunden täglich von der Arbeit schenkt . . .
Klaus. Welche Gnade!
Albert. Wo findest Du einen Fabrikherrn, der den strebenden Geist des gemeinen Mannes großmüthiger unterstützt?
Klaus. Hätte ich Deine Finger — ah, ich säß' längst in Paris oder London und scharrte das Geld haufenweis, ungezählt . . .
Albert. Es klingt, als giebt's in Paris oder London keine Leute die fähiger und geschickter sind als ich . . . Man muß Deine Einfalt aufrichtig belachen! Wie weit sind Sie in der Chemie? Was verstehen Sie von der Mathematik? Welche Principien leiten Sie in der Constructionslehre? Geben Sie mir Ihre Zeugnisse von der Akademie — Machten Sie Reisen nach den größten Fabrikstädten Europa's? . . Der Pariser oder Londoner Fabrikant würde Augen machen! . . . Ich erwarte von Herrn Questenberg keine goldene Gerechtigkeit, aber bin überzeugt, daß er mich besser stellen wird, sobald ich ein Verdienst besitze.
Klaus. Giebst Du mir fünfzig Thaler ab, wenn ich Dir eine Stellung von hundert Thaler monatlichem Einkommen verschaffe?
Albert. Hier?
Klaus. Nein hier nicht. Wir wandern aus. In London gehe ich mit Deinem Modell zu irgend einem großen Lord. Ich explicire es ihm. Nach wenigen Bedenken leiht er uns sein Capital. Eine neue Fabrik tritt in's Leben und wir sind gemachte Leute! Gelingt's uns nicht in London, so finden wir in Amerika einen Kompagnon auf der ersten besten Straße.
Albert. Schade, daß Du kein reicher Mann bist, ich würde gute Geschäfte mit Dir machen.
Klaus. So viel las ich aus Zeitungen und Büchern zusammen, daß das Talent in jenen freien Ländern schneller zu etwas kommt.
Albert. Da Du davon überzeugt bist, geh' mir voran.
Klaus. Mit Dir läßt sich nichts Vernünftiges reden . . .
Albert. Gönne mir die wenigen Stunden, welche ich für mich habe.
Klaus. Weißt Du, weshalb der Questenberg den Mechanikern den Verfertiger der Skizzen und des Modelle verschweigt? . . Er will ihn vor seinen eifersüchtigen Concurrenten verbergen, in Abhängigkeit und Dummheit erhalten.
Albert. Du denkst schlecht von unserm Herrn.
Klaus. Bauen wir schleunigst ein neues großes Modell — ich helfe daran so gut ich kann — miethen in der Stadt ein Lokal, stellen es dort auf und machen mit großer Schrift durch die Zeitungen bekannt: höchst merkwürdig für alle Zeugfabrikanten im In- und Ausland. Neue Erfindung von unermeßlicher Tragweite. Construction eines Musterwebestuhl's, der in halber Zeit das Doppelte des bisher gebräuchlichen leistet. Zu sehen täglich und stündlich. Entrée fünf Silbergroschen.
Albert. Damit mache ich mir den Herrn zum Todfeinde.
Klaus. Hole ihn doch der — Ehe wir das Modell ausstellen, schicken wir's nebst Zeichnung an die Regierung ab. Dieselbe läßt es von Sachverständigen prüfen. Wird die Erfindung anerkannt, so erhalten wir ein Patent. Dann darf niemand das Ding abgucken, ohne uns zu entschädigen. An's Werk Albert! Ich zeige Dir den Weg einer Industrie, die uns zu freien Leuten und in wenigen Jahren reich macht! Du sollst sehen, wie die Fabrikanten von Nah und Fern herbeiströmen und den großen Fortschritt des neuen Jaquard begrüßen.
Albert. Du blähst die Mücke zu einem Elephanten auf.
Klaus. Es fördert unsern Zweck!
Albert. Ich schätze die Erfindung gering. — Und gehörte sie mir allein, so wollte ich mich Dir weniger widersetzen; Herrn Questenberg und seinen gelehrten Technikern gebührt das größere Verdienst . . .
Klaus (verzweifelt). Dafür, daß sie sie Dir wegstehlen.
Albert. . . .Es gereicht mir zur Beruhigung, meine Idee benutzt zu sehen; ich fühle mich von keinem falschen Wahn irre geleitet; was ich erstrebe ist meiner Begabung gemäß; mit Recht darf ich ausharren und meinen Durst nach Vervollkommnung löschen . . .
Klaus. Ha, Du willst essen und es fehlt Dir an Brod; Du willst lustwandeln und bist an einen Felsen geschmiedet! — Wohin Dich die falsche Bescheidenheit führt! — Elender Sclav', richte Dich empor, erkenne wo Du bist und zu welchem Zweck der Herr Dich inspirirt! Doch ich habe zu viel getrunken, ich weiß nicht was ich rede, ich bin ein Aufhetzer, ein wilder unzufriedener Gesell, dem's Vergnügen macht, gute fromme Leute zum Schlechten zu verleiten. —
Albert. Theurer Klaus, Du denkst gut und herzlich, aber lass' mich der Meister meines Geschickes bleiben.
Klaus. Der warst Du noch nie, werde es erst! — Begreife den allmächtigen Sinn, welcher die alte Welt im innersten Wesen erschüttert und um und um geworfen hat. Erst das Mittel und dann den Zweck. Erst freie Hände und Füße und dann an das Werk gesetzmäßiger Bildung; 's ist klar wie das Einmaleins! — Wetze Dein Schwert und zerhaue den Knoten, folge meinem Rath! — O besäßest Du Courage! Wir könnten uns wie der Blinde und der Lahme helfen. In Betreff meines Speculationsgeistes darf ich mich hinter Deinem Talente nicht verkriechen.
Albert. Ich glaube selbst, daß in Dir ein großer Banquier verloren ging.
Klaus. Sage, ein zweiter Rothschild.
Albert. Geld und nur Geld ist Deine Losung.
Klaus. Zunächst nichts weiter.
Albert. Was fingest Du wohl an, würdest Du Herr einer Million?
Klaus. Vor allem kaufte ich mir einen gelben Schlafrock, eine blaue Mütze und ein paar rothe Hosen, so prachtvoll als der junge Doctor aus der Fremde mitgebracht hat, — Du sahst ihn doch schon in diesem Anzug?
Albert. Nein.
Klaus. Mir schwamm's vor den Augen, so wurde ich geblendet. — Ich begegnete ihn mit seinem neufundländischen Hunde in der Allee. Nach Gebühr zog ich die Mütze, — indeß der Dank wurde mir von dem Herrn wie von dem unschuldigen Thiere versagt. Ich nahm's nicht übel . . .
Marie (singt draußen).
Klaus. Die Stimme Deiner Turteltaube . . . Ja, ja, da sitzt der Haase im Pfeffer. Deshalb muß Sclaverei süß schmecken und die Wahrheit verläugnet werden. Pah, ich verstehe Dich längst, Albert — mag's mit heute aber genug sein! . . . (Indem Marie eintritt, zieht er schnell ein Buch aus der Tasche und lies't.) „Der erste Satz lautet so: Der Mensch ist geboren um zu leben. Das Leben besteht in der Befriedigung unserer Bedürfnisse“ . . .
Fünfte Scene.
Die Vorigen. Marie.
Albert. Warum kommst Du nicht näher? . . . Grüß Dich Gott!
Marie. Fürcht' Eure gelehrte Unterhaltung zu stören.
Klaus. Bitte sehr, Jungfer — es handelt sich um höchst einfältige Fragen.
Marie. Was mir wohl erlaubt ein Wörtchen mitzusprechen?
Klaus. Wenn's Ihnen beliebt. —
Albert (mit leisem Lächeln). Es wird uns zur Erbauung dienen.
Marie. Traun, dann hört! Ich halte für besser, daß Ihr an Eure Arbeit denkt.
Klaus. Aber Jungfer, ein bischen Licht sollt' uns doch so viel nicht schaden.
Marie. Was Ihr Licht nennt! — Schweigen Sie nur, Klaus! Wer ein ordentlicher Mann ist, sorgt zuerst für einen guten Rock, dann meinetwegen für einen Ministerposten . . . O, Sie wollen hoch hinaus! Glück zu!
Klaus. Ihre Vorwürfe sind ungerecht.
Albert. Was bringt Dich so auf?!
Marie. 's ist nicht heut', wo ich erkenne, daß Du an Klaus Geschmack findest —
Klaus. He, bin ich ein Missethäter? Warum soll er nicht an mir Geschmack finden? Die Beweise, Jungfer, oder — Sturm und Hagel! . . .
Marie. Daß ich Ihr Schuld- und Schuldenregister nicht aufdecke!
Klaus. Ah, nur zu! Doch vergessen Sie nicht, daß ich Ihnen als Entgegnung einen Spiegel vorhalten könnte, der Ihre liebreizende Jungfräulichkeit, besonders vor dem frommen Albert, in keinem besonders günstigen Lichte darstellt.
Marie. Das wäre abscheuliche Verläumdung.
Klaus. Wohl in gewisser Beziehung, — denn ein Spiegel reflectirt alles verkehrt.
Marie. Was ließ ich mir denn zu Schulden kommen?
Klaus. So lange Sie mich schonen, schon' ich Sie.
Marie. Ueberflüssig! — Heraus damit.
Klaus (sarkastischen Lächelns auf Albert anspielend). Es möchte Ihnen bei Jemand einen Meineid kosten —
Marie. Abscheulicher! — Du duldest das, Albert? Weis' ihm doch gleich die Thür, schütze mich!
Klaus. Ich gehe schon, Jungfer.
Albert. Konntest Du Dich nicht beherrschen! Dir ist ja sein Lästermaul bekannt, warum reiztest Du ihn!? . . .
Klaus. Leb' wohl Kamerad! . . .
Albert wendet ihm den Rücken.
Klaus. Hi, hi, hi, — könnt ich mich aus einer Kanone dem Herrn Questenberg in's Herz schießen, so thät' ich's. Für Dich bin ich im Stande alles, selbst mein Leben, zu verwetten! — — Apropos! Ich vergaß der Jungfer eine gar wichtige Neuigkeit zu melden —
Marie. Packen Sie sich nur, Elender.
Klaus. Vor einigen Tagen kehrte der junge Doctor Questenberg als ein sehr schmucker Herr aus der Fremde zurück. Die Jungfer wird sich an ihm die Augen versehn!
Marie. Pfui.
Klaus. Hi, hi, hi, hiermit Adieu.
Sechste Scene
Die Vorigen ohne Klaus.
Marie (nach einer Pause). — — Ihr bracht verlegen das Gespräch ab als ich in die Stube trat, wovon war die Rede?
Albert. Du kennst seine Absichten, er sang mir das alte Lied.
Marie. Und mußte Dich tief erschüttern! . . . Ha, Du schenkst seinem Rathe innerlich Beifall, Du hängst ihm an! Der Wahrheit die Ehre! — Es steht alles auf Deinem bleichen Gesicht. Längst ward mir klar, daß ich Dir ein Hinderniß bin! Du schwankst zwischen zwei Neigungen, die sich nicht vereinen lassen: es sind bereits fünf oder sechs Jahr! Traun, 's ist Zeit, Dich zum Ziele zu führen. Albert, ich bin bereit, mich Deinen Träumen zu opfern!
Albert. Meinen Träumen!?
Marie. Besäße Herr Questenberg von Deinem Talente Ueberzeugung, beseelte ihn der Wunsch, etwas Gutes aus Dir zu erziehen, so hätt' er schon für Dich gesorgt. In seiner Macht steht viel, sein Ansehen ist groß. Wohl kostete es ihm ein Wörtlein nur und die Regierung oder der König nähme Dich in Schutz. Du würdest auf öffentliche Kosten in den Akademieen ausgebildet, nach allen berühmten Werkstätten der Industrie geschickt und nach überstandener Prüfung in einem Etablissement des Staates untergebracht. . . Wohin strebst Du hier in Deiner Ohnmacht? Allein auf Dich selbst gestellt, ohne Hülfsquellen, ohne Unterweisung, ohne Rath treibt Dich ein hohler Dünkel durch eine öde Wüste unaussprechbarer Qual — Albert, Albert, das gelobte Land ist weit, Du wirst sterben ohne es von ferne zu sehen.
Albert. Du kennst weder meine Kraft, meinen Willen, noch Herrn Questenberg. Glaube mir, er unterstützt mich aufrichtig —
Marie. Etwa in dem Sinne, daß Du vom Hochmuthsteufel Dich selber kuriren sollest —
Albert. Niemand kann mich tiefer verachten, Du verneinst den Glauben an meinen Beruf! 's ist das einzige Band, welches mit der Gottheit mich verbindet, welches mir sagt, daß ich ein höheres Wesen bin als das beschränkte Thier.
Marie. So schwärmt Klaus.
Albert. O, Du fühlst die Flamme nicht, die mir im Busen brennt.
Marie. Albert, lass' Dich von der Stimme des Guten leiten. Liebe den Webestuhl, doch arbeite, statt für die Vervollkommnung seines Mechanismus, für die Erhöhung Deines Lohnes! Du wurdest nicht zum Techniker geboren. — Sieh, unser Nachbar trat mit Dir zu gleicher Zeit in die Fabrik ein. Wie überflügelte er Dich! Du stehst noch immer auf der untersten Stufe und kannst Dir selber kaum helfen, während er bereits Dreien hilft, und mit zufriedenem Herzen. Welche glücklichere Thätigkeit begehrt der Bescheidene? Wer nach Kleinem strebt, wird des Großen Herr . . . Schwöre den Wahn ab! — Kannst du noch zweifeln?
Albert. Höre auf davon.
Marie. Ich will Dich weder mit List noch Gewalt an mich fesseln! — Erfahre was meine Mutter beschloß: Du sollst unser Haus räumen; die Umstände gebieten's! — Keine entsetzte Miene! Zittre nicht! Schnüre das Bündel, schleiche Dich heimlich weg! — Es dauert nicht lange und die Gewohnheit an mich schwächt sich in Dir ab. — Schon morgen wird ein Hoffnungsschimmer den Schmerz Deiner Seele brechen; Du wirst das Truggebilde der Freiheit begrüßen als Erlöserin, und im Dunkel der Zukunft die flammende Siegerkrone Deines Strebens erblicken. Erwarte nichts mehr von mir, ich gab Dir alles was die Armuth besitzt! Geh' ohne Schaam! Bereu' meine gekränkte Jugend nicht, eben so wenig meinen beleidigten guten Ruf. — Mir geschieht recht! Oh, Du warst Gottes Engel und mein Rächer! Warum verschloß ich meine Sinne jedem Rathe der Erfahrenen, warum trotzte ich der eigenen Vernunft und zehrte schonungslos das Leben der braven Eltern auf, warum harrte ich von einem Monate, von einem Jahre zum andern in sündhafter Geduld, Dir feige verschweigend meine Pein?!
Albert. Erbarmen!
Marie. — Du bist rein wie der Festglocke feierlicher Ton! — Geh' nur hin, verhalle, mein Gebet folgt Dir nach! (Sie will gehen.)
Albert. Bleib' Marie.
Marie. Was wünschest Du noch?
Albert. Herr Questenberg giebt heute ein großes Fest. Es läßt sich voraussetzen, daß er außergewöhnlich guter Laune ist. Wenn ich zu ihm ginge? Vielleicht will's der Himmel — Sollte er nicht durch die Darstellung unserer Lage zur Großmuth gestimmt werden? sollte das Gefühl seiner Bedeutung ihn heute nicht schmeicheln und . . .
Marie. Versuch's.
Albert. Bis dahin, Marie . . . (Ihm versagt das Wort. Er legt schnell einen Rock an).
Marie. Bis dahin, gut Albert, auch bis dahin! — Fahre hin gekränkter Stolz, verschmähte Liebe vergiß! Bis dahin! Nur bitt' ich Dich, eile! Kürze die schreckliche Zeit der Ungewißheit! Sprich mit feurigen Zungen, male unser Elend, daß es Steine zu Thränen rührt, stelle das Herz des kalten Gebieters mehr auf die Probe als ich das Deine — O, nicht alle Menschen sind unbezwingbar! Nur Muth, Albert!
Albert (macht einen Wink nach oben und geht).
Marie (blickt ihm von tiefem Schmerz ergriffen nach).