Drittes Buch
Der Hase nun, der hatte beim Anblick der himmlischen Hundeschar klüglich das Panier ergriffen. Solange Franziskus bei ihm war, glaubte er an Franziskus. Bald aber, und wenn auch in den Gefilden der Seligen, hatte seine mißtrauische Bauernnatur wieder Gewalt über ihn gewonnen. Und da er sich hier nicht so recht in seinem Paradies fühlte, weder eine vollkommene Seligkeit auskostete, noch den Reiz der bekannten Gefahr, gegen die man ankämpfen konnte, war er irre geworden.
Er lief also hin und her, mit Unbehagen, er kannte sich nicht aus, fand sich nicht zurecht und suchte vergebens, was er doch immer wieder floh und was ihn geflohen hatte. Was war das nur? War denn der
Himmel nicht das Glück? Wo mochte die Stille noch stiller sein? In welchem andern Nest hätte der Spaltnasige einen unbedrohten Schlaf besser träumen können als in diesen wollenen Wiegen, die der Windhauch hinbreitete unter das beblütete Strauchwerk der Sterne?
Doch schlief er hier nicht, ihm fehlte die Unruhe und noch manches andere. In den Gräben des Himmels hockend, spürte er unter dem weißen Fleck seines Stummelschwanzes nicht mehr, wie ihn die Feuchtigkeit mit Schauern durchdrang. Die Mücken, weit weg in ihrem Teichparadies, gewährten seinen immer offenen Augenlidern nicht länger das beizende Brennen des Sommers. Wohin war dieses Fiebern geschwunden? Sein Herz schlug nicht mehr mit
jener Kraft von ehemals, wenn auf den Kuppen der flammendroten Heiden das Feuerrohr einen Erdregen um ihn herum versprühte. Unter der weichen Liebkosung des Rasens sproßte ihm sein sonst spärliches Haar aus den Schwielen der Pfoten. Und er begann den Überfluß des Himmels zu bedauern. Ihm war wie dem Gärtner, der, König geworden, purpurne Sandalen tragen muß und sich seine Holzschuhe zurückwünscht, mit ihrem Schwergewicht von Lehm und Armut.
Und Franziskus in seinem Paradies erfuhr von den Bedrängnissen des Hasen und von seiner Verwirrung. Und sein Herz litt darunter, daß einer seiner alten Genossen nicht glücklich war. Seitdem schienen ihm die Gassen des himmlischen Dorfes, seines Wohnortes, nicht mehr so friedlich, die abendlichen Schatten nicht mehr so milde, nicht mehr so weiß der Atem der Lilien, nicht mehr so heilig der Schein des Werkzeugs in den Schuppen, nicht mehr so hell die singenden Krüge, deren Wasser in frischen Garben auseinanderstrahlte, kühlespendend über die Leiber der Engel, die an den Brunnenrändern saßen.
Also begab sich Franziskus zum lieben Gott, und er empfing ihn in seinem Garten bei sinkendem Tag. Es war dieser Garten Gottes der einfachste und schönste. Woher das Wunder seiner Schönheit kam, war unerklärlich. Vielleicht wuchs darin nichts anderes als die Liebe. Über die Mauern, ausgekerbt von den Weltaltern, wucherte dunkler Flieder. Entzückt trugen die Steine ihre lächelnden Moose, deren goldne Köpfchen an der schattigen Brust der Veilchen sogen.
In einem zerstreuten Schimmer, der nichts von Morgenlicht noch von Abenddämmerung an sich hatte, denn er war noch zarter als diese, inmitten eines Beetes blühte ein blauer Lauch. Ein Geheimnis umgab die blaue Kugel seines Blütenstandes,
der sich unbewegt in sich verschlossen hielt auf seinem hohen Stengel. Man begriff, daß diese Pflanze träumte. Wo von wohl? Vielleicht von dem Werk ihrer Seele, die am Winterabend in dem Topfe summt, worin die Suppe der Armen kocht. O göttliches Los! Nicht weit von den Buchsbaumzäunen strahlten die Zungen des Lattichs lautlose Worte, während ein gedämpftes Licht um den Schatten entschlafener Gießkannen lag. Ihre Arbeit war getan.
Und zu Gott, voll heitern Vertrauens, nicht hochmütig noch kriechend, erhob ein Salbei sein geringes Rüchlein.
Franziskus setze sich neben Gott auf eine Bank unter eine mit Efeu umwachsene Esche. Und Gott sprach zu Franziskus:
„Ich weiß, was dich herführt. Man soll nicht sagen, daß hier einer, Hase oder Milbe, sein Paradies nicht finde. Geh also zu dem Schnellfüßigen und frage ihn, was er begehrt. Und sobald er es dir gesagt hat, will ich es ihm gewähren. Wenn er nicht wie die andern zu sterben und zu entsagen verstanden hat, gewiß, so war es, weil sein Herz allzusehr an meiner geliebten Erde hängt. Denn, o Franz, gleich diesem Langohr liebe ich die Erde mit einer tiefen Liebe. Ich liebe die Erde der Menschen, der Tiere, der Pflanzen und der Steine. Franz, suche den Hasen auf und sage ihm, daß ich sein Freund bin.“
Und Fransiskus schritt auf das Paradies der Tiere los, das, von den jungen Mädchen abgesehn, niemals vorher ein Menschenkind betreten hatte. Dort fand er den Hasen untröstlich umherirren; sowie aber das Tier seinen alten Herrn auf sich zukommen sah, verspürte es eine so große Freude, daß es sich niederhockte, die Augen erschrockener als je, die Nase kaum merklich zitternd.
„Sei gegrüßt, mein Bruder,“ sagte Franziskus. „Ich habe dein Herz klagen gehört, und ich bin gekommen, den Grund deiner Betrübnis zu erfahren. Hast du zu viel bittere Körner gegessen? Warum genießest du nicht den Frieden der Tauben und der ebenso weißen Lämmer . . .? O Mäher hinter der Ernte, was suchest du also unruhig hier, wo doch keine Unruhe
mehr ist und wo du niemals wieder das Keuchen der Rüden fühlen wirst, wie sie herjagen hinter deinem Landstreicherfell?“
„Mein Freund,“ gab der Spaltnasige zur Antwort, „was ich suche? ich suche meinen Gott. Solange du mein Gott warst auf der Erde, fühlte ich mich befriedigt. Aber in diesem Paradies, wo ich verloren bin, weil ich deine Gegenwart entbehre, du göttlicher Bruder der Tiere, erstickt meine Seele, denn hier finde ich ihn nicht.“ „Meintest du denn,“ versetzte darauf Franziskus, „daß Gott die Hasen verläßt und daß sie allein in der Welt kein Recht auf das Paradies haben?“
„Dieses nicht,“ erwiderte ihm der Graustrumpf. „Darüber habe ich mir keine Gedanken gemacht. Dir wäre
ich nachgegangen, denn ich habe gelernt, mich in dir so gut auszukennen wie in der irdischen Hecke mit ihren Flocken warmen Lämmerschnees, der mein Nest wohnlich macht. Vergeblich habe ich über diese Himmelswiesen hin den Gott gesucht, von dem du da redest. Doch während ihn meine Freunde sogleich entdeckten und ihr Paradies fanden, irre ich umher. Von dem Tage an, da wir von dir schieden, und in der Stunde schon meines Eingangs in den Himmel schlug mein kindisch wildes Herz in Heimweh nach der Erde.
O Franz, mein Freund, du einziger, an den ich glaube, gib mir meine Erde wieder. Ich fühle, daß ich hier nicht zu Hause bin. Gib mir meine Furchen wieder voll Kot, meine lehmigen Pfade. Das heimische Tal
gib mir zurück, wo die Jagdhörner den Nebel aufrühren; die Wagenspur, von wo aus ich mein Abendläuten hörte, die Meute mit den hängenden Ohren. Gib mir meine Angst wieder. Gib mir meinen Schrecken wieder. Gib mir wieder die Erregung, die mich ergriff, wenn plötzlich ein Schuß unter meinem Sprunge die duftenden Minzen hinwegfegte oder wenn im Strauch unter den Quittenbäumen mein Mund an das Kupfer der kalten Schlinge stieß. Gib mir die Wiese wieder, wo du mich entdeckt hast. Gib mir wieder die morgenroten Wasser, aus denen der gewandte Fischer seine Netze schwer von Aalen herauszieht. Gib mir die blaue Nachlese im Monde zurück und mein furchtsames heimliches Liebesspiel in den wilden Ampfern, wenn
ich nicht mehr unterscheiden konnte zwischen einem Blumenblatt, das mit Tau überlastet ins Gras glitt, und der rosigen Zunge meiner Freundin. Gib mir, o du mein Herz, gib mir meine Schwäche zurück. Und sage dem lieben Gott, daß ich nicht länger bei ihm leben kann.“
„O Graustrumpf,“ erwiderte ihm darauf Franziskus, „mein Freund, sanfter mißtrauischer Bauer, kleingläubiger Hase, der du lästerst; du konntest deinen Gott nicht finden? so wisse, um diesem Gott zu begegnen, hättest du sterben müssen wie deine Genossen.“
„Aber wenn ich sterbe, was soll aus mir werden?“ schrie der Strohpelz.
Und Franziskus sagte:
„Wenn du stirbst, wird aus dir dein Paradies.“
Während sie sich so besprachen, gelangten die ans Ende des Tierparadieses. Hier begann das Paradies der Menschen. Langohr neigte den Kopf und las über einem Pfahl auf einer blauen, gußeisernen Tafel mit einem Pfeil, der die Wegrichtung anzeigte:
Von Kastetis nach Balansun
5 Kilometer
Der Tag war so heiß, daß die Schrift in dem stumpfen Sommerlicht zu zittern schien. In der Ferne, auf dem Weg, wirbelte der Staub wie im Märchen vom Blaubart, wenn die Schwester fragt: Schwester Anna, siehst du noch nichts? Die silberne Trockenheit, wie war sie prächtig und duftete bitter nach Minze.
Und Langohr sah ein Pferd mit einem Karren herankommen.
Es war ein armseliger Gaul vor einem zweirädrigen Gefährt, und er konnte nur noch im Galopp und ruckweise ziehn. Jeder Schritt erschütterte sein gelockertes Gerippe, daß das Geschirr klirrte, und die helle Mähne flatterte in der Luft, grünlich wie der Bart eines alten Seemanns. Mühsam, als wären es Pflastersteine, hob das Tier seine geschwulstig aufgetriebenen Hufe . . .
Da überfiel ein Zweifel, stärker als alle bisherigen Zweifel, die Seele des Hasen und durchbohrte sie.
Dieser Zweifel war ein Schrotkorn, das soeben durch den Nacken in das Hirn des Löffelmanns drang. Ein Blutschleier, schöner als der glühende Herbst, schwebte vor seinen Augen, darin die Schatten der Ewigkeit aufstiegen. Er schrie. Die Finger eines Jägers schnürten ihm die Kehle zu, würgten ihn, erstickten ihn. Es verlangsamte sich sein Herz, das ehemals flatterte wie im Wind die bleiche wilde Rose, wenn sie zergeht um die Stunde, da es Morgen wird und die Hecke die süßen Lämmer liebkost. Einen Augenblick blieb er unbeweglich in der Faust seines Mörders, matt ausgestreckt, lang wie der Tod. Dann schnellte er auf. Seine Klauen krallten vergebens nach dem Boden, sie erreichten ihn nicht mehr, denn der Mann ließ nicht
los. Langohr verrann, Tropfen um Tropfen.
Auf einmal sträubte sich sein Haar, und er wurde den sommerlichen Stoppeln gleich, worin er einst gelegen hatte neben seiner Schwester, der Wachtel, und neben seinem Bruder, dem Mohn; gleich auch der lehmigen Erde, die seine Bettlerfüße benetzt hatten; gleich dem Braun, womit die Septembertage den Hügel bekleiden, dessen Gestalt er angenommen hat; gleich der Kutte des Franziskus; gleich der Wagenspur, von wo aus er sein Abendläuten hörte, die Meute mit den hängenden Ohren; gleich dem starren Felsen, wie ihn der Quendel liebt; er glich in seinem Blick, worin jetzt ein Hauch nächtlichen Blaus schwamm, dem gesegneten Rasenplatz, auf dem ihn einst
das Herz seiner Freundin im Herzen der wilden Ampfer erwartet hatte; in den Tränen, die er vergoß, glich er dem Engelquell, an dem der alte Aalfischer sitzt und seine Netze ausbessert; er glich dem Leben; er glich dem Tode; er glich sich selbst; er glich seinem Paradies.
Schluß des Hasenromans
Von Francis Jammes sind im Verlag Jakob Hegner in Hellerau erschienen: Almaide oder der Roman der Leidenschaft eines jungen Mädchens, Röslein oder der Roman eines leicht hinkenden jungen Mädchens, Klara oder der Roman eines jungen Mädchens
aus der alten
Zeit
Gedruckt bei Jakob Hegner in Hellerau bei Dresden