Zweites Buch

Als der Winter kam, sagte Franziskus zu seinen Freunden:

„Segen über euch, denn ihr seid Gottes. Doch bin ich in Unruhe, denn der Schrei der ziehenden Gänse verkündet eine Hungersnot, und daß es nicht in den Absichten des Himmels liegt, euch die Erde zum Wohltäter zu machen. Gelobt seien die verborgenen Ratschlüsse des Herrn.“

Das Land um sie war wirklich verödet. Aus seinen straffen Schläuchen voll Schnee träufelte der Himmel ein fahles Licht. Alle Früchte in den Hecken waren abgestorben und alle in den Gärten. Und die Körner hatten ihre Schoten verlassen, um in den Schoß der Erde einzugehn.

. . . „Gelobt seien die verborgenen Ratschlüsse des Herrn,“ sagte Franziskus. „Vielleicht will er, ihr sollet

mich verlassen und ein jeglicher seines Weges ziehn, auf der Suche nach Nahrung. Trennet euch also von mir, der ich nicht allen zugleich folgen kann, wenn euch der Trieb jeden wo andershin führt. Denn ihr seid im Leben und bedürfet der Speise, ich jedoch bin auferstanden und bin hier durch die Gnade, den leiblichen Bedürfnissen enthoben, und Gott ließ mich erscheinen, damit ihr von mir geleitet wäret bis an diesen Tag. Aber ich weiß nicht mehr, was tun, und kann nicht länger mehr für euch sorgen. Wollt ihr mich also verlassen, so sei einem jeden von euch die Zunge gelöst, und er sag es offen.“

Der erste, der sprach, war der Wolf.

Er hob seine Schnauze gegen Franziskus. In seinem zerzausten Schweif fegte der Wind. Er hustete. Lang war das Kleid seines Elends. Sein kläglicher Pelz gab ihm das Aussehn eines entthronten Königs. Er zögerte und blickte im Kreise um sich, von Freund zu Freund. Endlich kam seine Stimme aus dem Schlund, der rauhe Laut des Winterschnees. Und wie er seine Lefzen öffnete, sah man seine ganze frühere Entbehrung an der Länge seiner Zähne. So wild war sein Ausdruck, daß man nicht wußte, ob er seinen Herrn beißen oder ihn liebkosen wolle.

Er sagte:

„O Honig ohne Stacheln! O Armer! O Sohn Gottes! Wie könnte ich dich verlassen? Mein Leben war elend, und

du hast es mit Freude erfüllt. In den Nächten, wie mußte ich da den Atem der Hunde, der Hirten und der Feuerbrände belauschen, um dann im richtigen Augenblick meine Krallen in die Kehle der schlafenden Lämmer zu versenken. Du lehrtest mich, o Seliger, die Milde der Obstgärten kennen. Ja eben noch, da sich mir der Bauch in der Lust nach Fleischesspeise höhlte, ernährte mich deine Liebe zu mir. Wie so oft war mir doch mein Hunger willkommen, wenn ich meinen Kopf auf deinen Schuh legte, denn diesen Hunger, ich ertrage ihn, um dir zu folgen, und aus Liebe zu dir will ich gerne sterben.“

Und die Tauben gurrten.

Sie beendeten ihren frierenden Doppelflug in den Zweigen eines vertrockneten Baumes. Sie konnten sich nicht zum Sprechen entschließen. Jeden Augenblick, so schien es, wollten sie zustimmen, dann wieder, in Schrecken, erfüllten sie von neuem mit ihren weißen aufschluchzenden Zärtlichkeiten den Wald, der dieser Anmut lauschte. Sie zuckten wie junge Mädchen, die ihre Tränen und ihre Arme vereinen. Sie sprachen beide zu gleicher Zeit, als hätten sie nur eine einzige, gemeinsame Stimme:

„O Franz, milder als der Schimmer des Leuchtkäfers im Moose, lieblicher als der Bach, der uns sein Lied singt, wenn wir unser laues Nest in den würzigen Schatten der jungen Pappeln hängen. Was kümmert uns, daß Reif

und Not uns aus deiner Nähe verbannen und uns vertreiben wollen, hinweg zu fruchtbaren Strichen? Um deinetwillen werden wir die Not lieben und Frost und Reif. Und deiner Liebe willen wollen wir auf unsre Neigungen verzichten. Und müssen wir vor Kälte sterben, so wird es Herz an Herz geschehn, o Herr.“

Und einer der Hunde mit dem Stachelhalsband trat hervor. Es war die Jagdhündin, die Freundin des Hasen. Wie der Wolf, hatte auch sie schon hart unter dem Hunger gelitten und klapperte mit den Zähnen. Ihre Ohren runzelten sich, auch wenn sie sie hob; ihr Schwanz, zerfahren wie eine Baumwollspindel, hielt sich unbewegt wagrecht. Die rotgelben Augen richteten sich auf Franziskus mit der Glut des unbedingten Glaubens. Und ihre beiden Genossen, die sich anschickten, vertrauensvoll zuzuhören, senkten gutmütig und unwissend den Kopf. Und sie, die Hirtenhunde, die niemals was anderes gehört hatten als das Greinen der Schellen, das Blöken der Herden und den Geißelschlag des Blitzes auf den Gipfeln, sie warteten ab, glücklich

und stolz darüber, daß die kleine Jagdhündin bekannte.

Da versuchte diese einen Schritt, aber kein Laut kam aus ihrer Kehle. Sie leckte die Hand des Heiligen, dann legte sie sich ihm zu Füßen.

Und das Schaf blökte.

Sein Blöken war so traurig, als hauchte es seine Seele dem Tod entgegen, schon bei dem bloßen Gedanken an eine Trennung von Franz. Als es nun schwieg, hörte man auf einmal sein von einer befremdlichen Schwermut ergriffenes Lämmchen weinen wie ein Kind. Und das Schaf sprach:

„Nicht die Munterkeit der Matten, die der Morgen mit seinem Brodem dämpft, nicht in den Bergen das Süßholz, das der Nebel mit seinem Silberseim beperlt, noch die Streu in der verräucherten Hütte, sie alle sind nicht zu vergleichen mit den Almen deines Herzens. Lieber als dich zu verlassen, ist uns das blutige und ekle Schlachthaus, das Schwanken auf dem Karren, der uns dorthin bringt, blökend und die Füße gebunden und

die Rippen und die Wange auf dein Brett. O Franz, unser Tod wäre, dich zu verlieren, denn wir lieben dich.“

Und während dieser Rede hielten Uhu und Sperber beisammen hockend unbeweglich stand, die Augen voll Angst und, um nicht fortzufliegen, die Flügel fest an den Leib gepreßt.

Der letzte, der sprach, war der Hase.

In seinem stroh- und erdfarbenen Haarkleid nahm er sich aus wie eine Gottheit der Fluren. Inmitten dieser winterlichen Wüste glich er einer Scholle zur Sommerzeit. Er rief graue Erinnerung wach an einen Straßenarbeiter oder an einen Landbriefträger. In den Schnecken seiner Löffel trug er aufrecht mit sich die Erschütterung aller Geräusche. Sein linker Löffel horchte, zu Boden gesenkt, auf das Knistern des Frostes, indessen der andre, in die Ferne gestreckt, die Axtschläge aufsammelte, von denen der tote Wald widerhallte.

„Wahrlich“, sprach er, „o Franz, ich kann mich begnügen mit der moosigen Rinde, die unter den Liebkosungen der Schneeflocken aufgeweicht

und von den winterlichen Sonnenaufgängen durchduftet ist. Öfters schon sättigte ich mich daran jetzt in diesen Unglückstagen, wo die Brombeerzweige nur rosige Kristalle sind und die wippende Bachstelze ihren heftigen Schrei gegen die Larven unter dem Ufereis ausstößt, die ihr Schnabel nun nicht mehr erreicht. Und diese Rinden, ich will sie weiter kauen. Denn, o Franz, ich mag nicht hinsterben mit den sanften Freunden in ihrem Todeskampf, sondern leben will ich neben dir und mich nähren von den bittern Fasern des Bastes.“

Demnach, und weil die Heimat eines jeden eine andre und nur für ihn allein bewohnbar gewesen wäre, zogen es also die Genossen des Hasen vor, sich nicht zu trennen, vielmehr in diesem Lande des mörderischen Winters miteinander zu sterben.

Eines Abends waren die Tauben verwelkt und fielen wie Blätter von ihrem Zweige, auch der Wolf schloß seine Augen dem Leben, die Schnauze auf den Schuh des Heiligen gelegt: schon seit zwei Tagen hatte der Hals den Kopf nicht mehr aufrecht halten können, und das Rückgrat war wie ein Brombeerzweig geworden, mit Kot belastet, im Winde zitternd; sein Herr küßte ihn auf die Stirn.

Danach gaben die Wächterhunde, das Schaf, die Sperber, der Uhu und das Lamm ihren Geist auf, und zuletzt

die zierliche Jagdhündin, die der Hase vergeblich zu erwärmen trachtete. Sie verschied wedelnd, und Langohr war darüber so tief betrübt, daß er bis zum nächsten Tag nicht imstande war, an die Eichenrinde zu rühren.

Und Franziskus, in dieser Verheerung, betete, die Stirn in die Hand geschmiegt, so wie im Übermaß des Leidens ein Dichter sein Herz abermals schwinden fühlt.

Dann, zum Hasen gewandt, sprach er: „O Langohr, ich höre eine Stimme mir eröffnen, daß du diese hier (und er wies auf die Tierleichen) in die ewige Seligkeit bringen mußt. O Langohr, wisse, es gibt für die Tiere ein Paradies: aber ich kenne es nicht. Kein Mensch wird es jemals betreten. O Langohr, führe du dorthin die Freunde, die mir Gott gegeben und wieder genommen hat. Du bist verständig unter allen, und deinem Verstande vertrau ich die Weggenossen an.“

Franzens Worte stiegen auf in den erhellten Himmel. Das harte Winterblau

war allmählich wieder durchsichtig geworden. Und in dieser Helligkeit wollt es scheinen, als ob die reizende Jagdhündin nochmals ihre geschmeidigen Seidenohren aufrichten werde.

„O meine Freunde, ihr Toten,“ sagte Franziskus, „seid ihr denn tot, dieweil ich allein von euerm Tode weiß? Wodurch könntet ihr dem Schlaf beweisen, daß ihr nicht bloß eingeschlummert seid? Schläft denn die Frucht der Waldrebe oder ist sie tot, wenn der Wind nicht mehr ihre leichten Wimpern beschwingt? Vielleicht, o Wolf, geht vom Himmel nur nicht mehr Hauches genug, um deine Flanken zu heben? Und ihr, Tauben, damit ihr wie ein Seufzen anschwellt? Und ihr, Schäflein, damit eure sanfte Klage die Sanftheit noch der überschwemmten

Wiesen erhöhe? Und du, mein Uhu, damit dein Ruf wieder erwache, der Liebesseufzer der Nacht selbst? Und ihr, Sperber, damit ihr euch aufschwingt vom Boden? Und ihr, Wachthunde, daß euer Schnappen zusammenströme mit dem Rauschen der Schleusen? Und du, Hündin, damit deine köstliche Einsicht neu auferstehe und du wieder spielen dürftest mit dem Graustrumpf da?“

Auf einmal, von dem Maulwurfshügel, wohin er sich gelagert hatte, tat Langohr einen Sprung ins Blaue und fiel nicht zurück; und dann noch einmal, so leicht als ging es über eine Wiese von blauem Klee, sprang er in das Leere hinein, in das Engelreich. Kaum hatte er diesen Sprung vollführt, als er neben sich die kleine Jagdhündin gewahrte, und er fragte sie voll Freude:

„Warst du denn nicht tot?“ Worauf sie aufhüpfend zur Antwort gab:

„Ich begreife nicht, was das heißt. Mein Schlaf heute war ruhevoll und hell.“

Und Langohr sah, daß auch die andern Tiere ihm in den Raum nachfolgten, während auf einer zweiten Himmelsstraße Franziskus ausschritt

und dem Wolf mit der Hand ein Zeichen gab, er möge dem Graustrumpf vertraun. Und Isegrim, gelehrig und beruhigten Sinnes, fühlte, wie ihn der Glaube abermals überkam, und er schloß sich an seine Freunde, nach einem langen Blick auf seinen Herrn und in dem Bewußtsein, daß für die Auserwählten sogar das Abschiednehmen göttlich ist.

Sie ließen den Winter hinter sich. Sie staunten über ihren Gang durch diese Wiesen, die ehemals unerreichbar waren und so hoch über ihnen. Doch das Verlangen nach dem Paradiese gab ihnen Halt und Sicherheit in dem Himmel.

Auf den Pfaden der Seraphim, die Lichtspaliere entlang, auf den Milchstraßen, wo der Komet eine Garbe ist, leitete Langohr seine Genossen; Franziskus hatte sie ihm anvertraut, ihn zu ihrem Führer erwählt, weil er Langohrs Klugheit kannte. Und hatte denn Langohr seinem Herrn nicht bei verschiedenen Gelegenheiten Proben erbracht von jener Furcht, die der Anfang der Weisheit ist? Hatte er bei der Begegnung mit Franziskus und bei der Aufforderung zum Mitgehn nicht gewartet, bis ihm der Heilige

ein Büschel frisches Gras zu fressen reichte? Und als alle seine Gefährten sich aus Liebe zueinander dem Tode weihten, hatte da er, der Graustrumpf, nicht weiter die bittere Baumrinde gekaut?

Darum konnte es dem Hasen auch im Himmel an seiner Klugheit nicht fehlen; wich man ab, so kam er immer wieder auf die rechte Straße, verstand es, Irrwege zu vermeiden, und wußte, wie man weder an die Sonne noch an den Mond stößt, auch wie man den fallenden Sternen ausweicht, die so gefährlich sind wie die Steine aus den Schleudern; und sich zurechtzufinden mit all den Pfählen, die die Zahl der zurückgelegten Kilometer anzeigen und die Namen der himmlischen Dörfer.

Die Landschaften, die Langohr und seine Genossen bereisten, erschienen ihnen hinreißend und begeisternd, und dies um so mehr, als sie, anders gerichtet als die Menschen, niemals die Schönheiten des Himmels geahnt, sondern ihn immer nur von der Seite erblickt hatten, doch nicht in der Höhe über sich, was ein Vorrecht des Herrn der Tiere bleibt.

Also, Kurzschwanz, Wolf, Schaf, Lämmchen, Vogel, Herdenwächter und Jägerin stellten fest, daß der Himmel nicht minder schön war als die Erde. Und alle, außer Langohr, dem die Marschrichtung zuweilen Sorge machte, genossen einer ungemischten Freude auf dieser Pilgerung zu Gott, wo an Stelle des Himmelfeldes, noch kürzlich unerreichbar über ihren Häuptern, jetzt langsam

die Erde unerreichbar wurde unter ihren Füßen. Und in dem Maße, wie sie sich von ihr entfernten, ward ihnen diese Erde zu ihrer neuen Himmelskugel. Das Blau der Meere ballte dort Wolken Schaumes, und die Lichter in den Buden besternten dort die Weite der Nacht.

Allmählich näherten sie sich den Ländern, die ihnen Franziskus verheißen hatte. Bereits zergingen der rosenrote Klee der Sonnenuntergänge und die leuchtenden Früchte des Dunkels, ihre Speise, größer immer und voller, in ihren Seelen zu paradiesischen Süßen.

Die Blätter, die brennenden Säfte flößten in ihr Blut eine sommerliche Kraft, einen frohen Überschwang, wovon die Herzen schneller schlugen bei der Annäherung an die künftigen Herrlichkeiten.

Endlich gelangten sie zu dem Aufenthalt der seligen Tiere, zum ersten Paradies, dem der Hunde.

Eine Weile schon vernahm man ein Bellen. Sie kamen an den Stumpf einer zerfressenen Eiche und sahn darin eine Dogge sitzen wie in einer Nische. An ihrem abweisenden und zugleich sanften Blick merkte man, daß sich ihr Gehirn ein wenig in Unordnung befand. Es war die Dogge des Diogenes, der Gott eine Einsamkeit geschenkt hatte in dieser aus dem ganzen Baum gehöhlten Tonne. Unbewegt sah sie die Stachelhunde vorbeiziehn. Danach, zu deren großer Verwunderung, trat sie auf einen Augenblick aus ihrer moosbewachsenen Behausung und knotete sich selbst wieder an, indem sie mit dem Maule nachhalf — denn ihre Leine

hatte sich gelockert — kehrte dann in ihr Holzgewölbe zurück und sagte:

Hier findet jeder seine

Lust, wo er sie sucht.

Und wirklich erblickten Langohr und seine Freunde eine Anzahl Hunde auf der Suche nach vorgestellten, verlornen Wanderern. Sie wagten den Abstieg in tiefe Schlünde, um die Verunglückten dort zu finden, ihnen ein wenig Brühe zu bringen, Fleisch und Branntwein, in den kleinen Fässern an ihrem Hals.

Andre wieder warfen sich in vereiste Seen, in der immer getäuschten Hoffnung, einen Schiffbrüchigen daraus hervorzuziehn. Sie schwammen zurück ans Ufer, zitternd und betäubt, jedoch befriedigt von ihrer nutzlosen

Treue und bereit, sich aufs neue hinauszustürzen.

Wieder andre bettelten hartnäckig um ein paar alte Knochen vor der Schwelle verlassner Hütten an der Straße und warteten auf die Fußtritte, die ihren Blicken eine verehrungswürdige Schwermut verleihen sollten.

Da war auch ein Scherenschleiferhund, der drehte freudig, mit hängender Zunge, an dem Räderwerk eines Steines, auf dem sich kein Messer glatt schliff. Aber seine Augen glänzten von dem hinnehmenden Glauben an seine erfüllte Pflicht, und er unterbrach seine Anstrengung nur, um Atem zu holen und sich wiederum anzustrengen.

Dann gab es da einen Wächterhund, der wollte ewig verirrte Schafe in ihre

Hürde zurückführen. Er jagte nach ihnen am Rand eines Baches, der am Hang eines wiesengrünen Hügels leuchtete.

Von diesem grünen Hügel, und aus Unterholz hervorbrechend, stieg eine Meute nieder, die den ganzen Tag Traumhindinnen und Traumgazellen verfolgt hatte. Ihr Geläute, festgehalten auf alten Spuren, erklang wie beglückte Glocken an einem blühenden Ostermorgen.

Nicht weit von dieser Stelle richteten sich die Wachthunde und die kleine Jägerin häuslich ein. Aber als diese von Langohr zärtlichen Abschied nehmen wollte, gewahrte sie, daß er sich aus dem Staub gemacht hatte, schon seit dem Anschlagen der Meute.

Und so mußten ohne ihn die Sperber,

die Eule, die Tauben, der Wolf und die Lämmer ihren Flug wieder aufnehmen. Sie begriffen gar wohl, daß er, ein kleingläubiger Hase, nicht wie sie zu sterben verstanden hatte, und daß er lieber, als sich durch Gott gerettet zu sehn, sich selber retten wollte.

Das zweite Paradies war das der Vögel; es lag in einem kühlen Wäldchen, ihr Sang tropfte auf die Erlen und kräuselte die Blätter. Und von den Erlen strömten die Lieder hinab in den Fluß und erfüllten ihn so mit Musik, daß er auf den Schilfrohren spielte.

In der Ferne zog sich ein Hügel hin, voll Frühling und Schatten. Sein Bau war von einer unvergleichlichen Anmut. Er duftete nach Einsamkeit: nach nächtlichem Flieder und dem Odem aus dem Herzen dunkler Rosen, woraus die heiße weiße Sonne trinkt.

Nun mit einemmal, in Pausen, als wären die kristallenen Sterne, ihr Licht brechend, auf Wasser gefallen, hörte man den Sang der Nachtigall aufgehn. Nichts hörte man als den

Sang der Nachtigall. Auf dem ganzen weiten stillen Hügel hörte man bloß den Sang der Nachtigall. Die Nacht war bloß das Seufzen der Nachtigall.

Da, in dem Wäldchen, stieg die Morgenstunde auf, errötend wegen ihrer Nacktheit inmitten der gefiederten Sänger, die noch nicht daran dachten, ihr Zwitschern abzustimmen, so schwer waren ihre Flügel von Gefühl und Morgentau. Noch schlugen die Wachteln nicht in den grünen Halmen. Die Meisen mit ihren schwarzen Köpfchen rauschten in dem Feigendickicht wie Kiesel in der Strömung. Ein Grünspecht, beinahe wie ein Büschel Gras von goldschimmernden Wiesen, eine Kleeblüte auf dem Kopf, zerriß mit seinem Schrei die Himmelsbläue. Dann richtete

er seinen Flug auf die alten, blendend blühenden Apfelbäume.

Die drei Sperber und die Eule gingen ein in diese Blumenweiden, und nicht ein Rotkehlchen, nicht ein Distelfink, nicht ein Hänfling erschraken vor ihnen. Die Raubvögel hockten sich nieder ins Geäst, in anmaßender und schwermütiger Haltung, und das Auge zur Sonne gekehrt, schlugen sie dann und wann mit ihren Stahlschwingen gegen den scheckigen Kiel ihrer Brust.

Die Eule aber suchte den Schattenhügel auf, um zurückgezogen in einer Höhlung, und zufrieden mit ihrem Dunkel und ihrer Einsicht, die Nachtigall klagen zu hören.

Doch die köstlichste Zuflucht hatten sich die Tauben erwählt. Sie saßen auf würzigen Ölbäumen im Abendwehn. In diesem Garten lebten junge Mädchen, die man wegen ihrer tierhaften Anmut eingelassen hatte, alle die jungen Mädchen, seufzend und wie Jelänger-Jelieber, alle die jungen Mädchen, die mit den empfindsamen Tauben schmachten, von den Tauben Venetiens an, die den gelangweilten Dogaressen fächelten, bis zu den Tauben Westindiens, mit dem neckischen Feuer ihrer orangen- und tabakfarbenen Fischerinnenschnäbel; alle die Tauben der Träume und alle die träumenden Tauben: die Taube, die Beatrice aufzog und der Dante ein Korn reichte; und jene, die in der Nacht von der enttäuschten Quitteria vernommen

ward; und jene, die aufschluchzen mußte auf der Schulter Virginiens, als sie im nächtlichen Quell, im Schatten der Kokospalme, vergebens ihre Liebesglut zu kühlen versuchte; und noch die Taube, der die Siebzehnjährige, bedrückt von der Schwüle des Sommers, im Hausgarten bei den reifenden Pfirsichen zärtlich wilde Botschaft anvertraut, damit sie sie mit forttrage, auf ihrem Flug ins Ungewisse.

Und dann waren hier die Tauben der alten, rosenumsponnenen Pfarrkirchen: die Tauben, die aus seiner weihrauchduftenden Hand Jocelyn nährte, während seine Gedanken bei Laurence weilten. Und die Taube, die man dem sterbenden kleinen Mädchen bringt; und die Taube, die man in manchen Gegenden auf die

heiße Stirn der Kranken legt; und die geblendete Taube, die so schmerzlich aufstöhnt, daß sie den Zug ihrer wilden Schwestern in den Hinterhalt des Jägers lockt; und die beste aller Tauben, die in seiner Dachkammer den alten vergessenen Dichter tröstet.

Das dritte Paradies war das der Schäfchen.

Im Schoße eines Smaragdtales, bewässert von Bächen, die unter ihrem besonnten Kristall eine Decke unerhörten Grüns zeigten; nahe bei einem perlmutternen, pfauengleich schillernden See, tiefblau und wie Glimmerschiefer, wie die Kehle der Kolibri und die Flügel der Schmetterlinge: hier, wo sie das ungetrübte Salz von dem goldgekörnten Granit geleckt hatten, unter dem Dach ihres dichten Wollvließes wie Blatt und Ast unter Schnee, träumten die Lämmer ihren langen Traum.

Diese Landschaft war so rein, so traumhaft klar, daß sie die Wimpern der Schäfchen angesilbert hatte, als sie hineingeglitten war in das Gold ihrer Augen. Darin schien

alles so durchsichtig, daß man tief in ihrem Wasser, so deutlich enthüllten sich die Umrisse, die gelbgestreiften Kalkgipfel zu erblicken vermeinte. In die Teppiche der Buchen- und Tannenwälder waren Blüten eingewirkt, von Reif, von Himmel und von Blut, und der sanfte Wind, wenn er darüber hinweggeweht hatte, zog noch leichter, noch bedufteter, noch eisesklarer von dannen.

Gleich einer blauen Meerflut wallten die köstlichen Kegel der Bäume hoch, mit verflochtenem Silbertang. Abwärts von den felsigen Zähnen des Gebirges dampften Wasserfälle. Und auf einmal blökten die himmlischen Herden Gott entgegen; die verzückten Schellen weinten um den Schatten der Farnkräuter. Und das dunkle Wasser der Grotten brach sich im Licht.

Gelagert unter wilden Lorbeerbüschen erschien das wiedergewonnene Lamm der Bibel. Seine Pforte ruhte auf seinem Mund und blutete noch. Seine Wege waren hart gewesen, bald aber sollte es an dem leicht gesäuerten Zucker der Myrten wieder gesund werden. Schon zitterte es bei dem Laut seiner zerstreuten Gefährten.

Einziehend in dieses gelobte Land, ihren bleibenden Aufenthalt, gewahrten die franziskanischen Schäfchen das Lamm aus der Fabel des Lafontaine, wie es unter Vergißmeinnicht an der spiegelhellen Welle graste. Nicht mehr stritt es mit dem Wolf des Gedichtes. Es trank, und das Wässerlein wurde nicht trübe davon. Die ungefaßte Quelle, für das Gefühl durch einen zweihundertjahrlangen

Epheu-Schatten verdüstert, strömte über den Rasen hin ihre zerbrochenen Wellchen und, fortgerissen mit ihrem Glitzern, das schneeige Beben des Lammes.

An den Halden der Glückseligkeit hochhängende Schafe, die Schafe sahn sie jener Helden des Cervantes, die aus Liebesgram alle wegen ein- und derselben Schönheit ihre Stadt verlassen hatten, um in der Ferne ein Hirtenleben zu vollbringen. Die Stimmen dieser Tiere waren die allersanftesten: Stimmen von Herzen, die insgeheim ihr eigenes Leiden lieben. Sie schlürften von den Quendelbeeten die immer neuen brennenden Tränen, die ihre bukolischen Dichter wie Tau hatten fallen lassen aus dem Kelche der Augen.

Am Rande dieses Paradieses erhob

sich ein undeutliches Geräusch gleich dem unendlichen Wellenschlag. Es war der Flöten und der Klarinetten immer wieder stockendes Schluchzen, ein Rufen, von den Abgründen zurückgeschnellt, Gebell der unruhigen Hunde, der Sturz eines umgrünten Steines ins Leere. Es war der Schwall der Wasserfälle hoch über den tosenden Wildbächen. Wie die Sprache war es eines Volkes auf dem Wege zu seinem gelobten Land, namenlosen Weintrauben entgegen, brennenden Dornbüschen entgegen, Laute, untermischt mit dem Aufschrei trächtiger Eselinnen, die die Last der vollen Milchkannen trugen und die Hirtenmäntel und das Salz und den schieferig abblätternden Käse.

Das vierte Paradies, in seiner fast unbeschreiblichen Nacktheit, gehörte den Wölfen.

Auf dem Gipfel eines baumlosen Berges, in der Öde des Windes, in durchdringenden Nebeldämpfen, genossen sie des Glückes der Märtyrer. Sich also verlassen zu fühlen, empfanden sie als eine herbe Freude und ebenso dies, daß sie niemals länger als einen Augenblick lang — und unter welchen Qualen! — ihrem Blutdurst hatten entsagen können. Sie waren die Enterbten mit dem ewig unverwirklichtem Traum. Schon seit langem konnten sie nicht mehr heran an die himmlischen Lämmer, deren blanke Augenwimpern in dem grünen Lichte auf- und niederschlugen. Und dann, da keines dieser Tiere starb, durften sie auch nicht länger den Leib

erwarten, daß ihn der Schäfer ihnen hinwürfe an den immer lachenden Bach.

Und die Wölfe hatten sich bescheiden gelernt. Ihr Pelz, rauh wie ihr Fels, war zum Erbarmen. Eine Art von kläglicher Größe herrschte an dem seltsamen Ort. So tragisch, so unselig wirkte ihr Erlöstsein — man hätte sie, o Mitgefühl!, selbst wenn man sie beim Lämmermord ertappte, auf die Stirne küssen mögen, voll Zärtlichkeit, diese armen Fleischfresser. Die Schönheit ihres Paradieses, wo nun auch der Herzenswolf des Franziskus Wohnung nahm, war in der Trostlosigkeit beschlossen und in der hoffnungslosen Verzweiflung.

Über dieses Gebiet hinaus aber erstreckte sich der Tierhimmel ins Unendliche.