Dritter Auftritt
Lulu. Schön.
Schön
Was tut denn Ihr Vater hier?
Lulu
Was haben Sie?
Schön
Wenn ich Ihr Mann wäre, käme mir dieser Mensch nicht über die Schwelle.
Lulu
Sie können getrost Du sagen; er ist nicht hier.
Schön
Ich danke für die Ehre.
Lulu
Ich verstehe nicht.
Das weiß ich. (Ihr einen Sessel bietend) Darüber möchte ich nämlich gerne mit Ihnen sprechen.
Lulu
(sich unsicher setzend)
Warum haben Sie mir denn das nicht gestern gesagt?
Schön
Bitte, jetzt nichts von gestern. Ich habe es Ihnen vor zwei Jahren schon gesagt.
Lulu (nervös)
Ach so. Hm.
Schön
Ich bitte dich, deine Besuche bei mir einzustellen.
Lulu
Darf ich Ihnen ein Elixir ...
Schön
Danke. Kein Elixir. Haben Sie mich verstanden?
Lulu
(schüttelt den Kopf)
Schön
Gut. Sie haben die Wahl. — Sie zwingen mich zu den äußersten Mitteln — entweder sich Ihrer Stellung angemessen zu benehmen ...
Oder?
Schön
Oder — Sie zwingen mich — ich müßte mich an diejenige Persönlichkeit wenden, die für Ihre Aufführung verantwortlich ist.
Lulu
Wie stellen Sie sich das vor?
Schön
Ich ersuche Ihren Mann, Ihre Wege selber zu überwachen.
Lulu
(erhebt sich, geht links die Stufen hinan)
Schön
Wo wollen Sie denn hin?
Lulu
(ruft unter der Portiere)
Walter!
Schön (aufspringend)
Bist du verrückt?!
Lulu
(sich zurückwendend)
Aha!
Schön
Ich mache die übermenschlichsten Anstrengungen, um dich in der Gesellschaft zu erhöhen. Auf deinen Namen kannst du zehnmal stolzer sein, als auf meine Vertraulichkeit ...
(kommt die Stufen herunter, legt Schön den Arm um den Hals)
Was fürchten Sie denn jetzt noch, wo Sie am Ziel Ihrer Wünsche sind?
Schön
Keine Komödie! Am Ziel meiner Wünsche? Ich habe mich verlobt, endlich! Ich habe jetzt den Wunsch, meine Braut unter ein reines Dach zu führen.
Lulu
(sich setzend)
Sie ist zum Entzücken aufgeblüht in den zwei Jahren.
Schön
Sie sieht einem nicht mehr so ernsthaft durch den Kopf.
Lulu
Sie ist jetzt erst ganz Weib. Wir können einander treffen, wo es Ihnen angemessen scheint.
Schön
Wir werden einander nirgends treffen, es sei denn in Gesellschaft Ihres Mannes!
Lulu
Sie glauben selber nicht an das, was Sie sagen.
Dann muß doch Er daran glauben. Ruf’ ihn nur! Durch seine Verheiratung mit dir, durch das, was ich für ihn getan, ist er mein Freund geworden.
Lulu
(sich erhebend)
Meiner auch.
Schön
Dann werde ich mir das Schwert über dem Kopf herunterschneiden.
Lulu
Sie haben mich ja an die Kette gelegt. Ihnen verdanke ich doch mein Glück. Sie bekommen Freunde die Menge, wenn Sie erst wieder eine hübsche junge Frau haben.
Schön
Du beurteilst die Frauen nach dir! — Er ist ein Kindergemüt. Er wäre deinen Seitensprüngen sonst längst auf die Spur gekommen.
Lulu
Ich wünsche nicht mehr! Er würde seine Kinderschuhe dann endlich ausziehen. Er pocht darauf, daß er den Heiratskontrakt in der Tasche hat. Die Mühe ist überstanden. Jetzt kann man sich geben und sich gehen lassen, wie zu Hause. Er ist kein Kindergemüt! Er ist banal. Er hat keine Erziehung. Er sieht nichts. Er sieht mich nicht und sich nicht. Er ist blind, blind, blind ...
Schön
(halb für sich)
Wenn dem die Augen aufgehen!!
Lulu
Öffnen Sie ihm die Augen! Ich verkomme. Ich vernachlässige mich. Er kennt mich gar nicht. Was bin ich ihm. Er nennt mich Schätzchen und kleines Teufelchen. Er würde jeder Klavierlehrerin das gleiche sagen. Er erhebt keine Pretensionen. Alles ist ihm recht. Das kommt, weil er nie in seinem Leben das Bedürfnis gefühlt hat, mit Frauen zu verkehren.
Schön
Ob das wahr ist!
Lulu
Er gesteht es ja ganz offen ein.
Schön
Jemand, der seit seinem vierzehnten Jahr Kreti und Pleti porträtiert.
Lulu
Er hat Angst vor Frauen. Er bebt für sein Wohlbefinden. — Mich fürchtet er nicht!
Wie manches Mädchen würde sich in deinem Fall Gott weiß wie selig preisen.
Lulu
(zärtlich bittend)
Verführen Sie ihn. Sie verstehen sich darauf. Bringen Sie ihn in schlechte Gesellschaft. Sie haben die Bekanntschaften. Ich bin ihm nichts als Weib und wieder Weib. Ich fühle mich so blamiert. Er wird stolzer auf mich sein. Er kennt keine Unterschiede. Ich denke mir das Hirn aus, Tag und Nacht, um ihn aufzurütteln. In meiner Verzweiflung tanze ich Cancan. Er gähnt und faselt etwas von Obscönität.
Schön
Unsinn. Er ist doch Künstler.
Lulu
Er glaubt es wenigstens zu sein.
Schön
Das ist schon die Hauptsache!
Lulu
Wenn ich mich als Modell hinstelle. Er glaubt auch, er sei ein berühmter Mann.
Schön
Dazu haben wir ihn auch gemacht!
Er glaubt alles! Er ist mißtrauisch, wie ein Dieb und läßt sich anlügen, daß man jeden Respekt verliert. Als wir uns kennen lernten, machte ich ihm weis, ich hätte noch nie geliebt ...
Schön
(fällt in einen Lehnsessel)
Lulu
Er hätte mich ja sonst für ein verworfenes Geschöpf gehalten!
Schön
— Du stellst weiß Gott was für exorbitante Anforderungen an legitime Verhältnisse!
Lulu
Ich stelle keine exorbitanten Anforderungen. Oft träumt mir sogar noch von Goll.
Schön
Der war allerdings nicht banal.
Lulu
Er ist da, als wär’ er nie fortgewesen. Nur geht er wie auf Socken. Er ist mir nicht böse. Er ist furchtbar traurig. Und dann ist er furchtsam, als wäre er ohne polizeiliche Erlaubnis da. Sonst fühlt er sich behaglich mit uns. Nur kommt er nicht darüber hinweg, daß ich seither so viel Geld zum Fenster hinausgeworfen habe ...
Du sehnst dich nach der Peitsche zurück!
Lulu
Mag sein. Ich tanze nicht mehr.
Schön
Erzieh’ ihn dir dazu.
Lulu
Das wäre verlorne Müh’!
Schön
Unter hundert Frauen sind neunzig, die sich ihre Männer erziehen.
Lulu
Er liebt mich.
Schön
Das ist freilich fatal.
Lulu
Er liebt mich ...
Schön
Das ist eine unüberbrückbare Kluft.
Lulu
Er kennt mich nicht, aber er liebt mich! Hätte er nur eine annähernd richtige Vorstellung von mir, er würde mir einen Stein an den Hals binden und mich im Meer versenken, wo es am tiefsten ist!
Schön (sich erhebend)
Kommen wir zu Ende!
Wie Ihnen beliebt.
Schön
Ich habe dich verheiratet. Ich habe dich zweimal verheiratet. Du lebst im Luxus. Ich habe deinem Mann eine Position geschaffen. Wenn dir das nicht genügt und er sich dazu ins Fäustchen lacht, ich trage mich nicht mit idealen Forderungen, aber — laß mich dabei aus dem Spiel!
Lulu
(mit entschlossenem Ton)
Wenn ich einem Menschen auf dieser Welt angehöre, gehöre ich Ihnen. Ohne Sie wäre ich — ich will nicht sagen wo. Sie haben mich bei der Hand genommen, mir zu essen gegeben, mich kleiden lassen, als ich Ihnen die Uhr stehlen wollte. Glauben Sie, das vergißt sich? Jeder andere hätte den Schutzmann gerufen. Sie haben mich zur Schule geschickt und mich Lebensart lernen lassen. Wer außer Ihnen auf der ganzen Welt hat je etwas für mich übrig gehabt? Ich habe getanzt und Modell gestanden und war froh, meinen Lebensunterhalt damit verdienen zu können. Aber auf Kommando lieben, das kann ich nicht!
(die Stimme hebend)
Laß mich aus dem Spiel! Tu’ was du willst. Ich komme nicht, um Skandal zu machen. Ich komme, um mir den Skandal vom Halse zu schaffen. Meine Verbindung kostet mich Opfer genug! Ich hatte vorausgesetzt, mit einem gesunden jungen Mann, wie ihn sich eine Frau in deinem Alter nicht besser wünschen kann, würdest du dich endlich zufrieden geben. Wenn du mir verpflichtet bist, dann wirf dich mir nicht zum drittenmal in den Weg! Soll ich denn noch länger warten, bis ich mein Teil in Sicherheit bringe? Soll ich riskieren, daß mir der ganze Erfolg meiner Konzessionen nach zwei Jahren wieder ins Wasser fällt? Was hilft mir dein Verheiratetsein, wenn man dich zu jeder Stunde des Tages bei mir ein- und ausgehen sieht? — Warum zum Teufel ist Dr. Goll nicht auch wenigstens ein Jahr noch am Leben geblieben! Bei dem warst du in Verwahrung. Dann hätte ich meine Frau längst unter Dach!
Lulu
Was hätten Sie dann! Das Kind fällt Ihnen auf die Nerven. Das Kind ist zu unverdorben für Sie. Das Kind ist viel zu sorgfältig erzogen. Was sollte ich gegen Ihre Verheiratung haben! Aber Sie täuschen sich über sich selber, wenn Sie glauben, mir Ihrer bevorstehenden Verheiratung wegen Ihre Verachtung zum Ausdruck geben zu dürfen!
Schön
Verachtung?! — Ich werde dem Kind schon die richtige Façon geben! Wenn etwas verachtenswert ist, so sind es deine Intriguen!
Lulu (lachend)
Bin ich auf das Kind eifersüchtig? — Das kann mir doch gar nicht einfallen ...
Schön
Wieso denn das Kind! Das Kind ist nicht einmal ein ganzes Jahr jünger als du. Laß mir meine Freiheit, zu leben, was ich noch zu leben habe! Sei das Kind erzogen, wie es will, das Kind hat gerade so wie du seine fünf Sinne ...