Vierter Auftritt

Schwarz. Die Vorigen

Schwarz

(einen Pinsel in der Hand, links unter der Portiere)

Was ist denn los?

Lulu (zu Schön)

Nun? Reden Sie doch.

Schwarz

Was habt ihr denn?

Lulu

Nichts was dich betrifft ...

Schön (rasch)

Ruhig!

Lulu

Man hat mich satt.

Schwarz

(führt Lulu nach links ab)

Schön

(blättert in einem der Bücher, die auf dem Tisch liegen)

Es mußte zur Sprache kommen. — — Ich muß endlich die Hände frei haben.

Schwarz (zurückkommend)

Ist denn das eine Art zu scherzen?

Schön

(auf einen Sessel deutend)

Bitte.

Schwarz

Was ist denn?

Schön

Bitte.

Schwarz (sich setzend)

Nun?

Schön (sich setzend)

Du hast eine halbe Million geheiratet ...

Schwarz

Ist sie weg?

Schön

Nicht ein Pfennig.

Schwarz

Erklär’ mir den eigentümlichen Auftritt.

Schön

Du hast eine halbe Million geheiratet ...

Schwarz

Daraus kann man mir kein Verbrechen machen.

Schön

Du hast dir einen Namen geschaffen. Du kannst unbehelligt arbeiten. Du brauchst dir keinen Wunsch zu versagen ...

Schwarz

Was habt ihr beide denn gegen mich?

Schön

Seit sechs Monaten schwelgst du in allen Himmeln. Du hast eine Frau, um deren Vorzüge die Welt dich beneidet und die einen Mann verdient, den sie achten kann ...

Schwarz

Achtet sie mich nicht?

Schön

Nein.

Schwarz (beklommen)

— Ich komme aus den düstren Tiefen der Gesellschaft. Sie ist von oben her. Ich hege keinen heißeren Wunsch, als ihr ebenbürtig zu werden. (Schön die Hand reichend) Ich danke dir.

Schön

(halb verlegen seine Hand drückend)

Bitte, bitte.

Schwarz

(mit Entschlossenheit)

Sprich!

Schön

Nimm sie etwas mehr unter Aufsicht.

Schwarz

Ich — sie?

Schön

Wir sind keine Kinder! Wir tändeln nicht. Wir leben. — Sie fordert ernst genommen zu werden. Ihr Wert gibt ihr das volle Recht dazu.

Schwarz

Was tut sie denn?

Schön

— Du hast eine halbe Million geheiratet!

Schwarz

(erhebt sich, außer sich)

Sie ...

Schön

(nimmt ihn bei der Schulter)

Nein, das ist der Weg nicht! (Nötigt ihn sich zu setzen) Wir haben hier sehr ernst mit einander zu sprechen.

Schwarz

Was tut sie?!

Schön

Rechne dir erst genau an den Fingern nach, was du ihr zu verdanken hast, und dann ...

Schwarz

Was tut sie — Mensch!!

Schön

Und dann mach’ dich für deine Fehler verantwortlich und nicht sonst jemand.

Schwarz

Mit wem? Mit wem?

Schön

Wenn wir uns schießen sollen ...

Schwarz

Seit wann denn?!

Schön (ausweichend)

— Ich komme nicht hierher, um Skandal zu machen. Ich komme, um dich vor dem Skandal zu retten.

Schwarz (kopfschüttelnd)

— Du hast sie mißverstanden.

Schön (verlegen)

Damit ist mir nicht gedient. Ich kann dich in deiner Blindheit nicht so weiterleben sehen. Das Mädchen verdient eine anständige Frau zu sein. Sie hat sich, seit ich sie kenne, zu ihrem Besseren entwickelt.

Schwarz

Seit du sie kennst? — Seit wann kennst du sie denn?

Schön

Etwa seit ihrem zwölften Jahr.

Schwarz (verwirrt)

Davon hat sie mir nichts gesagt.

Schön

Sie verkaufte Blumen vor dem Alhambra-Café. Sie drückte sich barfuß zwischen den Gästen durch, jeden Abend zwischen zwölf und zwei.

Schwarz

Davon hat sie mir nichts gesagt.

Schön

Daran hat sie recht getan! Ich sage es dir, damit du siehst, daß du es nicht mit moralischer Verworfenheit zu tun hast. Das Mädchen ist im Gegenteil außergewöhnlich gut veranlagt.

Schwarz

Sie sagte, sie sei bei einer Tante aufgewachsen.

Schön

Das war die Frau, der ich sie übergab. Sie war die beste Schülerin. Die Mütter stellten sie ihren Kindern als Vorbild hin. Sie besitzt Pflichtgefühl. Es ist einzig und allein dein Versehen, wenn du bis jetzt versäumt hast, sie bei ihren besten Seiten zu nehmen.

Schwarz (schluchzend)

O Gott ...!

Schön (mit Nachdruck)

Kein o Gott!! An dem Glück, das du gekostet, kann nichts etwas ändern. Geschehen ist geschehen. Du überschätzest dich gegen besseres Wissen, wenn du dir einredest, zu verlieren. Es gilt zu gewinnen. Mit dem „O Gott“ ist nichts gewonnen. Einen größeren Freundschaftsdienst habe ich dir noch nicht erwiesen. Ich spreche offen und biete dir meine Hilfe. Zeig’ dich dessen nicht unwürdig!

Schwarz

(von jetzt an mehr und mehr in sich zusammenbrechend)

Als ich sie kennen lernte, sagte sie mir, sie habe noch nie geliebt.

Schön

Wenn eine Witwe das sagt! Ihr gereicht es zur Ehre, daß sie dich zum Manne gewählt. Stelle die nämliche Anforderung an dich, und dein Glück ist makellos.

Schwarz

Er habe sie kurze Kleider tragen lassen.

Schön

Er hat sie doch geheiratet! — Das war ihr Meisterstreich. Wie sie den Mann dazu gebracht, ist mir unfaßlich. Du mußt es jetzt ja wissen. Du genießt die Früchte ihrer Diplomatie.

Schwarz

Woher kannte Dr. Goll sie denn?

Schön

Durch mich! — Es war nach dem Tode meiner Frau, als ich die ersten Beziehungen zu meiner gegenwärtigen Verlobten anknüpfte. Sie stellte sich dazwischen. Sie hatte sich in den Kopf gesetzt, meine Frau zu werden.

Schwarz

(wie von einer entsetzlichen Ahnung befallen)

Und als ihr Mann dann starb?

Schön

— Du hast eine halbe Million geheiratet!!

Schwarz (jammernd)

Wär’ ich geblieben, wo ich war! Wär’ ich Hungers gestorben!

Schön (mit Überlegenheit)

Glaubst du denn, ich mache keine Zugeständnisse? Wer macht keine Zugeständnisse? Du hast eine halbe Million geheiratet. Du bist heute einer der ersten Künstler. Dazu kommt man nicht ohne Geld. Du bist nicht derjenige, um über sie zu Gericht zu sitzen. Bei einer Herkunft, wie sie Mignon hat, kannst du unmöglich mit den Begriffen der bürgerlichen Gesellschaft rechnen.

Schwarz (ganz wirr)

Von wem sprichst du denn?

Schön

Ich spreche von ihrem Vater. Du bist Künstler, sag’ ich. Deine Ideale liegen auf einem andern Gebiete, als die eines Lohnarbeiters.

Schwarz

Ich verstehe von alledem kein Wort.

Schön

Ich spreche von den menschenunwürdigen Verhältnissen, aus denen sich das Mädchen dank seiner Führung zu dem entwickelt hat, was sie ist!

Schwarz

Wer denn?

Schön

Wer denn? — Deine Frau.

Schwarz

Eva??

Schön

Ich nannte sie Mignon.

Schwarz

Ich meinte, sie hieße Nellie?

Schön

So nannte sie Dr. Goll.

Schwarz

Ich nannte sie Eva ...

Schön

Wie sie eigentlich hieß, weiß ich nicht.

Schwarz (geistesabwesend)

Sie weiß es vielleicht.

Schön

Bei einem Vater, wie sie ihn hat, ist sie ja bei allen Fehlern, das helle Wunder. Ich verstehe dich nicht ...

Schwarz

Er ist im Irrenhause gestorben ...?

Schön

Er war ja eben hier!

Schwarz

Wer war da?

Schön

Ihr Vater.

Schwarz

Hier — bei mir?

Schön

Er drückte sich, als ich kam. Da stehen ja noch die Gläser.

Schwarz

Sie sagt, er sei im Irrenhause gestorben.

Schön (ermutigend)

Laß sie Autorität fühlen! Sie verlangt nicht mehr, als unbedingt Gehorsam leisten zu dürfen. Bei Dr. Goll war sie wie im Himmel, und mit dem war nicht scherzen.

Schwarz (kopfschüttelnd)

Sie sagte, sie habe noch nie geliebt ...

Schön

Aber mach’ mit dir selber den Anfang. Raff’ dich zusammen.

Schwarz

Geschworen hat sie!

Schön

Du kannst kein Pflichtgefühl fordern, bevor du nicht deine eigene Aufgabe kennst.

Schwarz

Bei dem Grabe ihrer Mutter!!

Schön

Sie hat ihre Mutter nie gekannt. Geschweige das Grab. — Ihre Mutter hat gar kein Grab.

Schwarz (verzweifelt)

Ich passe nicht hinein in die Gesellschaft.

Schön

Was hast du?

Schwarz

Einen grauenhaften Schmerz.

Schön

(erhebt sich, tritt zurück, nach einer Pause)

Wahr’ sie dir, weil sie dein ist. — Der Moment ist entscheidend. Sie kann morgen für dich verloren sein.

Schwarz

(auf die Brust deutend)

Hier, hier.

Schön

Du hast eine halbe ... (sich besinnend) Sie ist dir verloren, wenn du den Augenblick versäumst!

Schwarz

Wenn ich weinen könnte! — Oh, wenn ich schreien könnte!

Schön

(legt ihm die Hand auf die Schulter)

Dir ist elend ...

Schwarz

(sich erhebend, anscheinend ruhig)

Du hast recht, ganz recht.

Schön

(seine Hand ergreifend)

Wo willst du hin?

Schwarz

Mit ihr sprechen.

Schön

Recht so. (Begleitet ihn zur Türe rechts)