§ 1. SPEKULATIONEN ÜBER EINZELNE BUCHSTABEN

Wir sahen, daß die alten Pythagoreer kraft der ganzen Haltung ihres Denkens dazu neigten, in den Buchstaben Übergrammatisches zu sehen. In welcher Richtung, das zeigt eine seltsame Notiz in den Scholien zu Dionysius Thrax (p. 183, 30): Ἀπολλώνιος ὁ Μεσσήνιος ἐν τῷ περὶ τῶν ἀρχαίων γραμμάτων φησί τινας λέγειν, ὅτι Πυϑαγόρας αὐτῶν τοῦ ϰάλλους ἐπεμελήϑη, ἐϰ τῆς ϰατὰ γεωμετρίαν γραμμῆς ῥυϑμίσας αὐτὰ γωνίαις ϰαὶ περιφερείαις ϰαὶ εὐϑείαις. Man hat also in pythagoreischen Kreisen — auf Pythagoras’ Person wird niemand trotz der bestimmten Bezeugung bestehen wollen — in der Form der einzelnen Buchstaben Symbolisches gesucht und gefunden. Dafür gibt es noch manchen Beleg im Einzelnen.

Delta bedeutet noch heute in der Medizin τὸ γυναιϰεῖον αἰδοῖον. Das ist eine uralte Bezeichnung, s. Aristophanes Lysistr. 151: γυμναὶ παρίοιμεν, δέλτα παρατετιλμέναι. Der Pythagoreer sah im Delta das Dreieck. So wird das Dreieck nach pythagoreischer Lehre zur ἀρχὴ γενέσεως ϰαὶ τῆς τῶν γενητῶν εἰδοποιίας (Procl. in Euclid. 166, 14 Friedlein), vgl. die Porphyrios-Stelle bei Euseb. praep. ev. III 7, 4 p. 98: ϰῶνον μὲν ἡλίῳ γῇ δὲ ϰύλινδρον, σπορᾷ τε ϰαὶ γενέσει φάλητα ϰαὶ τὸ τρίγωνον σχῆμα διὰ τὸ μόριον τῆς ϑηλείας.[61] Eine Auseinandersetzung von 14 Seiten über das Δ steht in dem koptisch erhaltenen Buch „Über die Mysterien der griechischen Buchstaben“, das dem großen palästinensischen Klostergründer Sabas aus Talas († 532) zugeschrieben wird, S. 112–129 der Publikation von Hebbelynck, Muséon N. S. I [1900]. Δ bedeutet die Schöpfung, es ist das στοιχεῖον ὁλόϰληρον, die ὁμάς[62] des Kosmos; es weist mit seinen drei Ecken auf die Dreieinigkeit und die sechs Schöpfungstage, und ist als der vierte Buchstabe ein Symbol der vier Elemente und anderer Tetraden.[63]

Über das Ε als Abbildung der Wage steht folgendes in den Theologumena arithmetica p. 30 Ast (vgl. Lobeck, Aglaophamus S. 1341, 1345) — unter anderen Spekulationen darüber, daß 5 die Mitte von 9 ist —: ϰαὶ τῷ σχήματι δὲ οἱ τοὺς τῶν γραμμάτων χαραϰτῆρας προτυπώσαντες. ἐπεὶ τὸ Θ τοῦ ἐννέα σημαντιϰὸν ὑπάρχει, μεσότης δὲ αὐτοῦ ὡς τετραγώνου τὸ Ε, τὸ δὲ μέσον ἐν ἑϰάστῳ σχεδὸν ϰατὰ τὸ ἥμισυ ὁρᾶται, ἥμισυ τοῦ Θ γράμματος τυποῦσϑαι τὸ Ε ἐπενόησαν, ὡς διχοτόμημα τοῦ Θ, ϰαϑὰ ϰαὶ τὸ τοῦ Ο. Τούτῳ δὴ τῷ τρόπῳ τῆς διϰαιοσύνης τῷ Ε ἀριϑμῷ διϰαιότατα ἐνοφϑείσης ϰαὶ τῆς τοῦ στίχου ἀριϑμητιϰῆς εἰϰόνος ζυγῷ τινι οὐϰ ἀπιϑάνως εἰϰασϑείσης, τὸ παράγγελμα τοῖς γνωρίμοις ὲν συμβόλου σχήματι ὁ Πυϑαγόρας ἐνεποιήσατο ‘ζυγὸν μὴ παραβαίνειν’ τουτέστι διϰαιοσύνην. Anderes über das Ε aus Theodoros v. Asine bei Proklos in Tim. 225 b II 274 Diehl, über das Ζ ebenda p. 275 unten. — Das berühmte Ε in Delphi, über das Plutarch einen Dialog geschrieben hat, kommt hier nicht weiter in Betracht, da es ursprünglich wahrscheinlich kein Buchstabe gewesen ist, sondern ein „andersartiges ἀνάϑημα, vermutlich eine ϰλεὶς ϰρυπτή, die zunächst als eine Erfindung geweiht, dann symbolisch gefaßt und endlich als Ε gedeutet wurde. Denn der Balanosschlüssel sieht einem archaischen Ε sehr ähnlich“. Diels, Vorsokr. II² 520 Anm. 5; Parmenides, Berlin 1897, S. 143; Norden, Agnostos Theos, Leipzig 1913 S. 231 f. Es ist übrigens recht merkwürdig, daß in dem plutarchischen Dialog nichts von Buchstabenmystik vorkommt.

Das Θ (= 9) war zunächst einmal ein Symbol der großen ägyptischen Enneas. Ferner schien seine kreisförmige Gestalt die Welt abzubilden. Bei Philon von Byblos fr. 9 FHG III p. 572 aus Euseb. praep. ev. I 10 = Johannes Lydus de mensibus IV 161 p. 177 Wünsch steht: ἔτι μὲν οἱ Αἰγύπτιοι τῆς αὐτῆς ἐννοίας τὸν ϰόσμον γράφοντες περιφερῆ ϰύϰλον ἀεροειδῆ ϰαὶ πυρωτόν χαράσσουσι ϰαὶ μέσον τεταμένον ὄφιν ἱεραϰόμορφον [οἱονεὶ συνεϰτιϰὸν ἀγαϑὸν δαίμονα] (ϰαὶ ἐστι τὸ πᾶν σχῆμα ὡς τὸ παρ’ ἡμῖν Θ) τὸν μὲν ϰύϰλον ϰόσμον μηνύοντες, τὸν δὲ μέσον ὄφιν συνεϰτιϰὸν τούτου ἀγαϑὸν δαίμονα σημαίνοντες. — Das ist rein astronomisch gewendet im schol. in Dionys. Thrac. p. 321, 37 und 488 Hilgard: Θῆτα ὅτι τοῦ παντὸς ϑέσιν μιμεῖται· ἡ δὲ τοῦ παντὸς ϑέσις ἐστίν ὁ οὐρανός, ὃς τό τε ϰυϰλοτερὲς ἔχει ϰαὶ τὸν διὰ μέσου ἄξονα τῇ ϰατὰ μέσον χαραϰτηρισϑέντα μαϰρᾷ· und übernommen im Etymologicum Magnum p. 441.[64] Weil man bei alleinstehendem Θ leicht daran dachte, daß das Wort ϑάνατος damit anfängt, so wird dieses Unglück bedeutende nigrum theta (Persius 4, 13) ängstlich gemieden, z. B. in den Jahreszahlen der Alexandriner und den Münzbuchstaben des Gallienus.[65]

Das Ι war wohl geborgen durch das Wort Iesu, Mt. 5, 18: οὺ μῂ παρέλϑῃ ἰῶτα ἐν. Auch der Name des Heilands beginnt damit. So spielt es im Mittelalter eine ziemliche Rolle auf Münzen; und Ps.-Joachim von Floris, De seminibus scripturarum (13. Jahrhundert) schreibt darüber Littera minima in forma sed maxima in sacramento.[66]

Das Τ glich dem Kreuz (σταυρός), wie auch Heiden bemerkten, vgl. Lukian, Δίϰη φωνηέντων 61. Die Methoden, die die Christen fanden, um das Τ in noch engere Beziehung zu Jesus zu bringen, sollen unten in dem Abschnitt über den Gnostiker Markos behandelt werden.

Das Υ ist das γράμμα φιλόσοφον schlechthin (Proklos in Plat. Tim. III 225). Es wird an zahlreichen Stellen als Illustration des Gleichnisses von den beiden Wegen der Tugend und des Lasters aufgefaßt, das seit Hesiod in griechischer und jüdischer Moralistik sehr beliebt gewesen ist.[67] Pythagoras selbst soll diesen Sinn des Υ aufgezeigt haben.[68] Neuerdings hat Brinkmann auch „ein Denkmal des Neupythagoreismus“ (Rhein. Museum 66 [1911] S. 616 ff.) richtig gedeutet, auf welchem ein großes Υ den Mittelpunkt einer bildlichen Darstellung des Kebesschen Πίναξ bildet.

Α und Ω war in christlichen Kreisen durch das ΑΩ der Offenbarung des Johannes geheiligt (darüber s. unten einen besonderen Abschnitt). Aber ganz pythagoreisch schreibt Theodosius von Alexandria, περὶ γραμματιϰῆς p. 4 Groettling, Zeile 12, Α bestehe aus drei Strichen, stelle also die ἀρχὴ πλήϑους dar[69], ebenso Paulinus von Nola, carmen 29, 645 ff.:

645

Alpha crucem circumstat et Ѡ, tribus utraque virgis

littera diversam trina ratione figuram

perficiens, quia perfectum est mens una, triplex vis.

Ebenso deutet noch Clemens Brentano, Romanzen vom Rosenkranz X 80 f. die Dreieinigkeit in das Α hinein:

„Ich will dich nun belehren,

Wie das Aleph ist geformet.

Aus drei Strichen es bestehet,

Wie auch steht die Einheit Gottes,

Dieses Aleph alles Lebens,

In drei göttlichen Personen.“

Und über das Ω schrieb der Alchimist Zosimus (Berthelot, Collection des alchymistes grecs II 228): τὸ Ω στοιχεῖον <τὸ> στρογγύλον, τὸ διμερές, τὸ ἀνῆϰον τῇ ἑβδόμῃ Κρόνου ζώνῃ ϰατὰ τὴν ἔνσωμον φράσιν—ϰατὰ γὰρ τὴν ἀσώματον ἄλλο τί ἐστιν ἀνερμηνεύτητον, ὂ μόνος Νιϰόϑεος <ὁ> ϰεϰρύμμενος οἶδεν, ϰατὰ δὲ τὴν ἔνσωμον, τὸ λεγόμενον ‘ὠϰεανος ϑεῶν’, φησίν ‘πάντων γένεσις ϰαὶ σπορά’, vgl. Reitzenstein, Poimandres S. 267. Historia monachorum, Göttingen 1916 p. 150. Ähnliches über Ω steht im Etymologicum Magnum p. 294, 29. Die rätselhafte Bemerkung Isidors von Sevilla, Etymologiae I 3, fünf Buchstaben seien mystisch, nämlich Α Θ Τ Υ Ω ist jetzt klar.

Die byzantinischen Lexikographen haben diese Dinge gerne aufgenommen (vgl. Fuhr, Berl. phil. Wochenschr. 31 [1911] S. 1176[70], ebenso wie die griechisch-byzantinischen Gesprächbücher.[71] Grübeleien über einzelne Buchstaben müssen also im oströmischen Schulunterricht einen gewissen Raum eingenommen haben. Ein Beispiel: Γ παρὰ τὸ ἀμᾶν, τὸ ϑερίζειν· δρεπανώδης γὰρ ό τύπος αὐτοῦ. Die Verwendung der alphabetischen Akrostichis bei allerhand Lernsprüchen leistete dem wohl noch Vorschub, s. unten den Abschnitt über Akrostichis.

Zu solchen Spekulationen fand sich in Ostrom noch ein weiterer Anlaß. In byzantinischer Zeit hat sich bei der Feier der Brumalia, die damals vom 24. November bis zum 17. oder 18. Dezember dauerten, die Sitte herausgebildet, diese 24 oder 23 Tage mit den Buchstaben des griechischen Alphabets zu benennen. Jedes Mitglied der guten Gesellschaft gab dann an dem Tag ein Fest, der mit dem Anfangsbuchstaben seines Namens bezeichnet wurde, τὰ ὑπὲρ τῶν ὀνομάτων συμπόσια (Agathias hist. V 3 p. 140 Bonn). Bei diesen Festen durfte natürlich der Festredner nicht fehlen. Wir haben noch einen Panegyrikos des Sophisten Chorikios aus Gaza εἰς τὰ τοῦ βασιλέως Ὶουστινιανοῦ Βρουμάλια[72], in dem die Initiale Ι des Kaisers zu grotesken Sehmeicheleien Veranlassung gibt: Die gerade Form des Ι versinnbildlicht die Gerechtigkeit und Wahrheit Seiner Majestät. Ι zu schreiben kommen in gleicher Weise Greise, Kinder und Jünglinge in die Lage: Beweis, daß der Herrscher kein Lebensalter ungerecht bevorzugt u. dgl.

Der Vater des Klosterwesens, der Kopte Pachomius, numerierte die von ihm gebildeten Mönchsklassen mit griechischen Buchstaben; im einzelnen gibt er darüber folgende Vorschriften, Palladios, hist. Lausiaca 38 bei Migne, PG 34 p. 1100 = cap. 32 p. 90 Butler: ἐϰέλευσεν εἰϰοσιτέσσαρα τάγματα εἶναι τῶν ἀδελφῶν, ϰατὰ τὸν ἀριϑμὸν τῶν εἰϰοσιτεσσάρων γραμμάτων. Καὶ προσέταξεν ἑϰάστῳ τάγματι τὸ ὄνομα τεϑῆναι στοιχεῖον Ἑλληνιϰόν, ἀπὸ τοῦ ἄλφα ϰαὶ βῆτα ϰαὶ τῶν ϰαϑεξῆς ἕως τοῦ ω μεγάλου· ἴνα ἐν τῷ ἐρωτᾶν ϰαὶ φιλοπραγμονεῖν τὸν ἀρχιμανδρίτην περί τινος εἰς τοσοῦτον πλῆϑος, ἐρωτᾷ τὸν δεύτερον ἑαυτοῦ, πῶς ἔχει τοῦ ἄλφα τὸ τάγμα, ἢ πῶς ἔχει τὸ βῆτα· πάλιν ἀσπάσαι τὸ ῥῶ· ἰδίῳ τινὶ σημείῳ ὀνόματος γραμμάτων ἀϰολουϑοῦντος. Καὶ τοῖς μὲν ἁπλουστέροις ϰαὶ ἀϰεραιοτέροις ἐπιϑήσεις τὸ ἰῶτα· τοῖς δὲ δυσχερεστέροις ϰαὶ σϰολιωτέροις προστάξεις τὸ ξ. Καὶ οὕτως ϰατ’ ἀναλογίαν τῆς ϰαταστάσεως τῶν προαιρέσεων ϰαὶ τῶν τρόπων ϰαὶ τῶν βίων ἑϰάστῳ τάγματι τὸ στοιχεῖν τοῦ γράμματος ἐφαρμόσεις, μόνων τῶν πνευματιϰῶν εἰδότων τὰ σημαινόμενα. Dasselbe steht bei Sozomenos III 14 Migne PG 67, 1072. Der letzte Teil dieser Stelle, der in 2. Person geschrieben ist, stammt anscheinend aus einem Brief des Pachomius, s. unten in dem Abschnitt über Abc-Denkmäler.

Die bisher erwähnten pythagoreisch gehaltenen Erklärungen betonen vor allem die Bedeutsamkeit, die der Form der einzelnen Buchstaben innewohnt. Demgegenüber weist man auf christlich-jüdischer Seite darauf hin, daß die Namen der Buchstaben nicht gleichgültig sind. Diese Namen waren ja uralt, älter, also richtiger, als alle griechische Weisheit.[73] Mit Befriedigung führt der große Kirchenhistoriker Eusebios von Caesarea in seiner Praeparatio evangelica X 5[74] den Nachweis, daß die Griechen ihre Bezeichnungen von den Hebräern übernommen haben. Denn jedes hebräische Schulkind könne über die Bedeutung der Buchstabennamen Auskunft geben, während unter den Griechen selbst Platon nicht dazu imstande wäre, gesetzt den Fall, daß er Ἄλφα, Βῆτα usw. für griechische Wörter hielte. Bei den Kirchenvätern und später finden sich dann mehrmals etymologisch-erbauliche Deutungen der Buchstabennamen im Anschluß an die unten gesondert zu besprechenden alphabetisch akrostichischen Stücke in den Psalmen und Klageliedern Jeremias. Schon Origenes von Alexandria in einem Kommentar zu Psalm 126 und in einem „Fe literae tractatus“ hatte Derartiges besprochen (Hieronymus, epistola XXXIV ad Marcellam de aliquot locis Psalmi CXXVI p. 260 Hilberg). Der älteste erhaltene Kommentar dieser Art ist die expositio in Psalmum CXVIII des Ambrosius vom Jahr 387[75] (vol. V ed. Petschenig 1913, Migne PL XV col. 1198–1526). Es folgt Hieronymus mit Brief 30 (p. 246 Hilberg), de nominibus hebraicis 71 (Migne PL 23, 827; Lagarde, Onomastica sacra, ²Göttingen 1887 S. 79) und dem Kommentar zu den Threnoi des Jeremia (Migne PL 25, 787–791). Den hier gesammelten Stoff übernahmen dann im 9. Jahrhundert der Abt Paschasius Radbertus von Corbie in seiner expositio in lamentationes Ieremiae (Migne PL 120, 1059–1256), Hrabanus Maurus, expositio super Ieremiam XVIII 1 (Migne PL 111, 1183 ff.), Remigius von Auxerre, enarrationes in psalmos (Migne PL 131 col. 145 und 732 ff.), Joseppus, memorialis liber 26 (Migne PG 106 p. 32 f). Eine kleine altenglische Abhandlung ähnlicher Art veröffentlichte Bonnard, Revue des études juives 4 (1882) p. 255 ff., ein hebräischer Alphabet-Midrasch, die „Othijoth des Rabbi Akiba“ ist übersetzt „Aus Israels Lehrhallen“ von A. Wünsche 1909, IV S. 199–269.

Als Beispiel diene das Α. Bei Suidas s. v. Ἀβραάμ steht, Abraham habe die Buchstaben erfunden. Καὶ τούτου μαρτύριον ἡ τοῦ Ἄλφα φονὴ τοῦ πρώτον στοιχείου ϰαὶ ἄρχοντος, ἀπὸ τοῦ Ἄλεφ Ἑβραιϰοῦ λαβόντος τὴν ἐπίϰλησιν τοῦ μαϰαρίου ϰαὶ πρώτον ϰαὶ ἀϑανάτου ὀνόματος. Dieser herrliche Name ist „die Erkenntnis“. Denn Aleph wird nicht immer gedeutet als Ochsenschädel, sondern oft als alliph = μαϑέ, vgl. Euseb. praep. ev. V 5 p. 474 b und XI 6 p. 519 c, Theodosios von Alexandria, περὶ γραμματιϰῆς p. 1 Goettling. An der letzteren Stelle heißt es weiter: Gott öffnete dem Menschen den Mund zur Sprache mit dem Laut, der das weiteste Öffnen erheischt. Auch das ΑΩ der Johannesapokalypse wird mitwirken. Ferner war sicher jeder, der aus irgendeinem Grund in den Buchstaben etwas Transzendentes sah, versucht, beim Α anzufangen. So der apokryphe Jesusknabe der Markosier, der, als er in der Schule die Buchstaben lernen soll, seinen Lehrer darüber zur Rede stellt, ob er wisse, was das Α sei.[76] Ebenso macht sich Johannes Chrysost homil. IX in epist. ad Hebr. Migne PG 63 col. 77 seine Gedanken zunächst über das Α: ὥσπερ γὰρ ἐπὶ τῶν στοιχείων τὸ πᾶν ἄλφα συνέχει, ϰαὶ ὁ ϑεμέλιος τὴν πᾶσαν οἰϰοδομήν, οὕτω ϰαὶ τοῦ βίου τὴν ϰαϑαρότητα ἡ περὶ τὴν πίστιν πληροφορία. Ταύτης δὲ ἄνευ οὐϰ ἔστιν εἶναι Χριστιανόν· ὥσπερ οὐδὲ ϑεμελίων ἄνευ οἰϰοδομήν, οὐδὲ στοιχείων χωρὶς ἔμπειρον γραμμάτων εἶναι.

Von der antiken Schule her kommen Gedichte wie Ausonius, De litteris monosyllabis Graecis et Latinis S. 166 Peiper. Scotus, versus de alphabeto bei PLM ed. Baehrens V p. 375 mit dem Kommentar Expositio prescripti alphabeti ed. Omont, Bibl. des hautes études, Paris 1881, p. 429. Cabrol Dictionnaire p. 61. Besonders wichtig scheint eine Schrift des 13. Jahrhunderts, De semine — oder seminibus — scripturarum, zu sein, die mit Unrecht dem berühmten Apokalyptiker Abt Joachim von Floris in Calabrien († 1202) zugeschrieben wird. Friedensburg, Symbolik der Mittelaltermünzen S. 90 ff. druckt ein bezeichnendes Stück daraus ab.

In einem Dit de l’ABC (440 Verse) von Hue de Cambrai (um 1250) „werden die Buchstaben des Alphabets mit geläufigen Wörtern in Verbindung gebracht, die mit ihnen anheben (z. B. crois, con bei C, dieu bei D, Eve bei E, lettres, langue bei L, Marie bei M usw.) oder es wird ihnen nach ihrer Form ein gewollter Sinn (wie bei PQ) untergelegt, nicht ohne daß bei Gelegenheit satirische Hiebe auf die verderbte Zeit fallen“ (Groeber, Grundriß der romanischen Philologie II 837).

An der oben erwähnten Stelle Hieronymus de nominibus Hebraicis 71 stehen nur kurze, rein etymologisch-grammatische Angaben über die Bedeutung der Buchstabennamen im Hebräischen. Irgendwelche mystische oder erbauliche Ausdeutung wird nicht daran geknüpft. Laut Angabe des ersten Satzes Migne PL 23 col. 771 ist dieses Onomastikon die Bearbeitung einer Schrift des Philon von Alexandria. Für Philon ist also irgendwelche Buchstabenmystik dadurch nicht bezeugt. Sie ist es auch sonst nicht. Trotzdem hat D. H. Müller in den Sitzungsberichten d. k. Akademie Wien, philos.-histor. Kl. 167. Bd. 2. Abh., Wien 1911 auf Grund dieses Tatbestandes und gestützt auf Vergleichung der Deutungen des Ambrosius und Hieronymus einerseits und spätjüdischer Midraschim andrerseits gemeint, die „verlorene Schrift Philos über die Etymologie und Symbolik der Buchstaben“[77] teilweise rekonstruieren zu können. Es liegt auf der Hand, wie willkürlich es ist, auf diesem Wege Spekulationen des 4. Jahrhunderts in das 1. zurückzudatieren.

Anhangsweise möchte ich für Leser, die hier derartiges wohl suchen werden, einiges zusammenstellen über Buchstabensymbolik nicht magischer und religiöser Art, Buchstabenspielereien u. dgl.

Wie im Altertum nicht anders zu erwarten, fehlt das obszöne Element nicht. Es handelt sich aber in den Fällen, die uns hier angehen, nicht um das primitive Jenseits von aller Scham, was eng mit der Religiosität des Naturvolkes zusammenhängt, sondern um einfache Cochonerien. Für den primitiven Menschen ist das Obszöne, das heilige Geheimnis der Zeugung, Tabu, es wird als solches gesucht und gescheut, verehrt und als verblüffendes Schutzmittel gegen die Dämonen in Dienst genommen. Aber auch schon da muß man, wie Albrecht Dieterich oft sagte, nicht so tun wollen, als hätte das den Leuten nebenbei keinen Spaß gemacht. Bei den Buchstabenzoten fällt alles Sakrale durchaus weg, es sind παίγνια, Belege für das nichts verschonende Argot der Griechen und Römer oder unpassende Schulwitze.

Das Älteste in dieser Art wird Aristoph. Eccl. 920 sein: δοϰεῖς δέ μοι ϰαὶ λάβδα ϰατὰ τοὺς Λεσβίους.[78] Dann steht als Priapeum 54 ein Rätsel:

CD si scribas temonemque insuper addas,

qui medium te vult scindere, pictus erit

Lösung: testiculae + mentula φ. Das Stärkste ist das Epigramm 87 von Ausonius S. 344 Peiper: „Ad Eunum ligurritorem paedagogum.“[79] Das Rätsel vom διπλοῦν γράμμα Συρηϰοσίων gehört jedoch nicht hierher: Anthol. Pal. V 191 Μελεάγρου· εἰς Καλλίστιον.

Γυμνὴν ἢν ἐσίδῃς Καλλίστιον, ὦ ξένε, φήσεις·

‘Ἤλλαϰται διπλοῦν γράμμα Συρηϰοσίων.’

Die Lösung ist harmlos. Doppelt kommt in dem Wort Συρηϰόσιοι der Laut συ : σι vor. Umgestellt ergibt das ὗς.[80] Derartige Anagramme müssen hier außer Betracht bleiben, sonst müßte ein gutes Teil aller antiken Rätsel und, wenn die neuere Zeit mitberücksichtigt werden sollte, die Unterhaltungsecke sämtlicher Zeitungen und Zeitschriften aufgearbeitet werden. Das antike Material ist gesammelt bei Ohlert, Rätsel und Rätselspiele der alten Griechen² (1912) S. 211–241. Wolfgang Schultz, PW s. v. Rätsel Sp. 109 f.

Buchstaben dienen ferner als Namen oder Beinamen von Personen. Recht lustig ist der Name, den der Korinthier Amphion seiner lahmen Tochter gab, die später Mutter des Tyrannen Kypselos wurde. Er nannte sie Labda[81]; natürlich ist das archaische

gemeint, das die ungleiche Beinlänge gut wiedergibt. Sonst gibt es noch allerhand Schulwitze. Den großen Gelehrten Eratosthenes nannten sie Βῆτα[82], den Aristarcheer Satyros Ζῆτα, den Astronomen und Mathematiker Apollonios von Perge Ε[83], typische Schulspitznamen, wie sie wohl heute noch auf jedem Gymnasium vorkommen. Sie haben meist eine ganz gleichgültige zufällige Entstehungsursache, die bald vergessen wird. Später werden dann irgendwelche Gründe hinzugedichtet. Die unwahrscheinlichen Anlässe, die Ptolemaeus Hephaestion u. a. überliefern, hat Lehrs a. a. O. widerlegt. Aber wenn er nun alles auf körperliche Ähnlichkeit der Benannten mit den betreffenden Buchstaben zurückführen will, so ist das wieder einseitig. Wir werden uns da etwas bescheiden müssen.

Bloße Numerierung ist es, wenn Martial II 57 und V 26 einen Freund alpha paenulatorum und sich selber beta togatorum tituliert. Anth. Palat. XI 15 ist ein Scherz an einen Arzt, der verschiedene Leute, deren Namen mit A anfängt, totkuriert hatte. Da der Arzt demnach anscheinend in alphabetischer Reihenfolge vorzugehen gedenkt, will der Dichter Ὠριγένης heißen.

Das Sprichwort liebt die Häufung in symmetrischer Form. Da entwickelt sich entweder die Priamel

Beispiel: Ὑγιαίνειν μὲν ἄριστον ἀνδρὶ ϑνατῷ
δεύτερον δὲ φυὰν ϰαλὸν γενέσϑαι usw.[84]

oder das Zahlensprichwort, das der Orientale so liebt. Beispiel: Vier Tiere dürfen mit der Halfter angetrieben werden: das Pferd, das Maultier, das Kamel und der Esel. — Sechs Dinge dienen dem Menschen, drei sind in seiner Gewalt und drei sind nicht in seiner Gewalt: das Auge, das Ohr und die Nase sind nicht in seiner Gewalt. Der Mund, die Hand und der Fuß sind in seiner Gewalt (Talmud.)[85] Diesen Formen ist nahe verwandt die Spielerei mit mehreren Worten, die gleiche Anfangsbuchstaben haben. In dem Stabreim, der so entsteht, kommt der sich wiederholende Buchstabe besonders zu Ehren und wird als das Wichtigste hervorgehoben. Etwa: τρία ϰάππα ϰάϰιστα, nämlich Kreter, Kilikier, Kappadokier (Suidas s. v. ϰάππα); lateinisch: Cornelius Sulla, Cornelius Cinna, Cornelius Lentulus: Schneidewin-Leutsch, Paroemiogr. II S. 369 (aus Augustinus, de grammat.). Friedensburg, Die Symbolik der Mittelaltermünzen I, Berlin 1913 S. 90 verweist auf Gesta Romanorum Kap. 13, 42, 125 und Anhang Kap. 3 der Grässeschen Ausgabe und gibt als Beispiel: „Vier P soll jeder ehren: patriam, parentes, praeceptorem, praetorem“ und die drei Regierungsmittel des Rè Bomba Ferdinand II. von Neapel: farina, forca, festa. Dazu kämen noch die „drei bösen Weh“, die unter König Friedrich I. das Land Preußen plagten: Wartenberg, Wittgenstein, Wartensleben.

[61] Johannes Lydus, De mens. II 8 p. 28 Wünsch: οἱ Πυϑαγορεῖοι τριάδα μὲν ἐν ἀριϑμοῖς ἔν τε σχήμασι τὸ ὀρϑογώνιον τρίγωνον ὑποτίϑενται στοιχεῖον τῆς τῶν ὅλων γενέσεως, dazu Lobeck, Aglaophamus 1345. Delatte, BCH 37 (1913) S. 263 ff. Deltoton als Sternbild bei Aratos 233 und an vielen anderen Stellen; danach heißt es in einem byzantinischen Gesprächbuch: Δέλτα ἀπὸ τοῦ δελτωτοῦ ἐξ ἀστέρων συγϰειμένου. Heinrici, Abhandl. d. sächs. Ges. philos.-histor. Kl. 28 (1911) S. 90, 18. Wortlaut gebessert von Stählin, Byzantin. Zeitschr. 21 (1913) S. 508.

[62] Zu diesem Ausdruck s. unten in dem Abschnitt über Onomatomantie.

[63] Es folgt dann dort eine Deutung der einzelnen Buchstaben auf die Etappen der Schöpfung. Von Π ab gehen die Zeichen auf Christus (p. 271 ff.). Auf S. 114 steht eine Abbildung, wo das Delta-Dreieck als Bild des Kosmos in mehrere Stockwerke eingeteilt ist, die den obersten Himmel, die Wasser des Himmels, das Firmament, die Erde bezeichnen. Zu diesen Stockwerken gibt es nach einer Mitteilung von Dr. C. Jaeger-Straßburg auch äthiopische Belege. In einer Handschrift des Britischen Museums Orient 503 fol. 1 b steht eine Abhandlung über die Schönheit der Schöpfung, worin folgende fünf Stockwerke festgestellt werden: Himmel des Lichtes, das obere Wasser, der Plafond, das untere Wasser, die Erde. Die Einzeichnung in ein Dreieck findet sich dort nicht.

[64] Vgl. Lobeck, Aglaophamus 1341.

[65] Friedensburg, Berliner Münzblätter N. F. 4 S. 25. Martial VII 37, 2.

[66] Friedensburg, Symbolik der Mittelaltermünzen I, Berlin 1913 S. 69 ff.

[67] Albrecht Dieterich, Nekyia S. 182, Kleine Schriften S. 472. Wünsch, Sethianische Verfluchungstafeln S. 98.

[68] Persius III 56 mit Scholien. Lactant. instit. div. VI 3, 6. Servius zu Aen. 6, 136. Ausonius technop. 12. 13 p. 138 Schenkl; Maximinus in Anthol. lat. 632 Riese; Martian. Cap. II § 102; Hieronymus in Eccl. Migne, PL 23, 1091; vgl. Lobeck, Aglaophamus S. 1341, 1344; Dieterich, Nekyia (1893) S. 192; Pascal in den Miscellanea Ceriani (1910) p. 64; Wolfgang Schultz, Philologus 68 (1909) S. 488 ff.

[69] Steinthal, Geschichte der Sprachwissenschaft der Griechen und Römer² II (1891) S. 366.

[70] Ἐτυμολογία τοῦ ἀλφαβήτου Etym. Gud. Anhang p. 595 Sturz.

[71] Heinrici, Die griechisch-byzantinischen Gesprächbücher, Abhandl. d. Kgl. sächs. Gesellschaft d. Wissenschaften, histor.-philol. Klasse, Bd. 28 (1911) S. 90, 14; Nachträgliches zu den griechisch-byzantinischen Gesprächbüchern, Berichte der Kgl. sächs. Gesellschaft, histor.-philol. Kl. Bd. 64 (1912) 8. 179 f.: ein cento grammaticus codex Marcianus VII 38. In der ersten Heinricischen Abhandlung S. 87, 27, stehen einige Zeilen über Buchstaben als σφραγῖδες. Ganz Ähnliches findet sich in einer Handschrift des Briefes Jesu an König Abgar von Edessa, der im Mittelalter als Palladium diente, s. Dobschütz, Zeitschrift für wissenschaftliche Theologie 43 (1900) S. 443.

[72] Hrsg. von R. Foerster, Index lectionum Vratislaviensium 1891.

[73] So empfindet noch heute der Orient. Hohes Alter ist das erste, was man von der Überlieferung verlangt. Und gegen die Tradition vermögen moderne Errungenschaften nur schwer aufzukommen.

[74] Dasselbe steht praep. ev. XI 6 p. 519.

[75] Zur Zeitbestimmung J. B. Kellner, Der hl. Ambrosius als Erklärer des AT, Regensburg 1893 S. 153. Ambrosius versteht es dabei, einen Zusammenhang der Anfangsbuchstaben mit dem Inhalt der damit begonnenen Verse nachzuweisen. Der Buchstabe des Akrostichons erscheint so als Titel. Als Beispiel diene Vers 4: Daleth bedeutet entweder „Furcht“ oder „Geburt“ (Ambrosius kann kein Hebräisch). Beides paßt; denn die Geburt ist etwas Materielles und Hinfälliges, deshalb nicht frei von Furcht. Vortrefflich bestätigt dies die erste Zeile: „Am Staube hing meine Seele“; denn Staub ist Erde, und die Erde ist etwas Materielles.

[76] Iren. adv. haeres. I 20. Kindheitsevangelium des Thomas cap. 6. Dazu Hennecke, Handbuch zu den neutestamentlichen Apokryphen, Tübingen 1904, 8. 136 ff., bes. S. 142 eine indische Parallele: jeder Buchstabe ist der Anfang eines Spruches. Auch den Muslim hat die Geschichte von dem Jesusknaben gefallen, vgl. Schanawânî Bl. 16 (s. oben [S. 5 Anm. 5]) bei Goldziher, Zeitschrift d. deutschen morgenl. Gesellschaft 26 (1872) S. 784.

[77] Von deren Existenz wir zudem gar nichts wissen. D. H. Müllers Ergebnisse abgelehnt auch von Franz Wutz, Onomastica sacra, Texte und Untersuchungen 41, 1 (1914) S. 216–231.

[78] Dazu Goebel, Ethnica, de Graecorum civitatum proprietatibus proverbio notatis, Diss. Breslau 1915 S. 80 f.

[79] Der Schulmeister Eunus, ein fellator, der alle Sexualia in seinem Schuljargon wiedergibt, sieht das membrum muliebre für ein Rechteck an. Das hat den Vorteil, daß, wenn die eine Seite zusammengezogen wird, der Buchstabe Δέλτα herauskommt, der gewöhnliche Name für das γυναιϰεῖον αἰδοῖον s. oben S. 20 f. Die Rückansicht der Menschen erklärt er für ein Ψ (gebildet von den drei Linien: Grenze zwischen den Beinen und untere Grenze der beiden nates). Ubi si Eunus ligurrit, anus patet sicut Λ. Φ litera Ausonius aut πορδήν imitari mihi videtur, quae paedogogo ligurrienti sentienda est, aut figuram, quae natibus pueri et lingua istius paedagogi efficitur. Im letzten Vers wird ihm die Strafe den Θ(άνατος) gewünscht (s. oben S. 22). Die Verse 10–12 verstehe ich nicht.

[80] Preisendanz RM 68 (1913) S. 640.

[81] Herodot V 92.

[82] Marcian. Heracl. epit. peripl. Menippei 2.

[83] Phot. bibl. p. 151, 21; Lehrs, Quaestiones epicae, Königsberg 1837 p. 19 ff.

[84] Euling, Die Priamel bis Hans Rosenplüt, Germanist. Abhandlungen hrsg. v. Voigt Bd. 25, Breslau 1905.

[85] Wünsche, Die Zahlensprüche im Talmud und Midrasch, ZDMG 65 (1911) und 66 (1912).