§ 3. ELEMENTUM
Recht folgenreich für die antike Wertung der Buchstaben war es, daß man sie mit dem Wort στοιχεῖον bezeichnet hat. Durch dieses Wort wurden die Buchstaben der Schrift für den Griechen, der vom Namen einer Sache aus unwillkürlich weitergehende Folgerungen zog als wir, — die „Kritik der Sprache“ fing erst an —, in die Sphäre philosophischer und religiöser Begriffe gehoben.[46]
Die Wortgeschichte von στοιχεῖον stellt sich nach den Untersuchungen von Diels und Lagercrantz folgendermaßen dar: Die Ableitung des Wortes στοιχεῖον von στοῖχος bei Dionys. Thrax, worauf Diels seine Übersetzung „Reihenglied“ gründet, ist wertlos und verbindet zu nichts.[47] Es ist vielmehr von στείχειν = „gehen, marschieren“ auszugehen (S. 88). Στοιχέω ist nach Lagercrantz’ Nachweisen in der Bedeutung gehen, marschieren ganz geläufig (S. 103). Davon ist mit objektivisch-transitiver Verwendung der Endung -εῖον (S. 106) στοιχεῖον in der attischen Sprache gebildet und bedeutet:
I. das begangene Stück, der Gang, die Strecke (so die früheste Verwendung bei Aristophanes Eccles. 651):
II. Grund: a) Erdfläche; b) Grundlage, so bei Xenophon memor. 2, 1, 1; c) Stütze, so in der Astrologie (S. 62) und im Neuen Testament (S. 42). Die vollkommenste Analogie bietet die Bedeutungsentwicklung des von βαίνω abgeleiteten Wortes βάσις.
Das Wort dringt sodann in die wissenschaftliche Fachsprache und tritt auf: 1. in der philosophischen Sprache als Übersetzung von ῥιζώματα τοῦ παντός (der Elemente) bei Empedokles ins Attische, für uns zuerst bei Platon Soph. 252 b, Tim. 48 b (S. 16); 2. in der grammatischen als attischer Ersatz für πυϑμήν, ein Wort, das in grammatischen Ausführungen des Protagoras (Diels Vorsokr. S. 512, 26) in der Bedeutung „Grundform“ vorkam (S. 21). In Platons Theait. p. 202 e heißt στοιχεῖα τῶν γραμμάτων „Urbestandteile der Schrift“ (S. 19). Sicherlich waren aber schon vor Platon die Buchstaben στοιχεῖα genannt worden, sonst könnte Phileb. 19 c nicht so lauten, wie es überliefert ist. Da im Lauf der Kaiserzeit der persische Elementenkult, der besonders im Mithrasdienst ausgeprägt worden ist, in die griechische Welt eindrang (Diels S. 45)[48], so hat das Wort στοιχεῖον von diesen Kreisen her für viele einen starken religiösen Akzent erhalten.[49]
Die Verwendung des Ausdrucks in der Astrologie hat nichts mit der in der Philosophie als „Element“ zu tun, sondern ist eine unmittelbare Übertragung aus der Volkssprache, wo στοιχεῖον „Stütze“ bedeutet. στοιχεῖον heißt da 1. die Tierkreisfigur, insofern sie den wandernden Planeten zur Stütze gereicht[50], 2. Gestirn, insofern es für dessen δαίμων die materielle Stütze abgibt (S. 65 ff.).
Ferner hat Lagercrantz S. 74 ff. nachgewiesen, daß στοιχειοῦν durchaus nicht „verzaubern“ heißt, wie Diels S. 55 meint, der dort die Wortgeschichte auf einer sehr schmalen Linie weiterführt. Es heißt vielmehr gründen in der Bedeutung „festmachen“, real[51] und symbolisch. Als einer, der das symbolische „eingründen“, das ein magisches Binden und Festbannen an einen Ort bedeutet, besonders gut verstand, wird Apollonius von Tyana ein στοιχειωματιϰός genannt bei Cedrenus I 346, 18. Derselbe Ausdruck οί στοιχειωματιϰοί steht schon im Καρπός (Ps.-Claudius Ptolemäus)[52], ohne daß der Zusammenhang mehr lehrte als daß es sich um Leute handelt, die sich mit Astrologie abgeben. Wir müssen daraus schließen, daß es eine Anzahl von Magiern, Astrologen usw. gegeben hat, die diese Art von „Eingründung“ betrieb.
Im Neugriechischen heißt στοιχειό Geist, Gespenst. Lagercrantz entwickelt S. 80 ff. einleuchtend, wie dies aus Glauben und Brauch beim ϑεμελιοῦν von Häusern entstanden ist.
Das alles hat nicht unmittelbar damit, daß στοιχεῖον auch Buchstabe heißen kann, etwas zu tun, wie Albrecht Dieterich, Rhein. Museum 56 (1901) S. 102 f. = Kl. Schr. S. 225 f. will. Aber man begreift ohne Schwierigkeit, wie „die Tatsache, daß Buchstabe und Gestirn durch dasselbe Wort ausgedrückt werden, mystisch veranlagte Gemüter bewegen konnte, nach realen Entsprechungen zwischen ihnen zu suchen“. Lagercrantz S. 57.
[46] Die Dielssche Bedeutungsgeschichte von στοιχεῖον („Elementum“, Leipzig 1899) wird in entscheidenden Punkten berichtigt durch Lagercrantz, Elementum, eine lexikologische Studie. Skrifter utgifna af K. Humanistiska Vetenskaps-Samfundeti Uppsala XI 1, Leipzig, Harrassowitz 1911.
[47] Gegen eine verwandte Ableitung hatte auch schon Bedenken Pa.-Sabas, „Über die Mysterien der griechischen Buchstaben“, ed. Hebbelynck, Muséon N. S. I (1900) p. 21 f.: „Man gibt den Buchstaben den Namen Elemente (στίχος!) nicht deshalb, weil sie selbst nicht mehr in Elemente zerlegbar sind (d. h. die kleinste Schrifteinheit sind), wie die Weisen der Griechen in ihrer Hohlheit gedacht haben, sondern weil in ihren Zügen sich die Form der Elemente der erschaffenen Welt findet.“
[48] Cumont, Textes et Monuments I 6; Dieterich, Mithrasliturgie 2. Aufl. S. 64; Diels Elementum 45; Cumont-Gehrich, Die Mysterien des Mithra² 1911 S. 104 f.
[49] Zuerst bei Hippobotos, einem Schriftsteller des ersten Jahrh. v. Chr., der nach Diog. Laert. VI 102 von dem Hute des Menedemos, des Stifters der Philosophenschule von Eretria, sagte, auf ihm seien die zwölf στοιχεῖα abgebildet gewesen (Diels S. 45, Lagercrantz S. 62). Diesen Sprachgebrauch deutet Lagercrantz auf Grund von Tatian, orat. ad Graec. 9 στοιχείωσις δὲ αὐτοῖς ἡ ζώωσις ἦν zu übersetzen: zur Stützung diente ihnen (den Planeten) das Bevölkern des Himmels mit Tieren (S. 60 und 73).
[50] Nach Diels ist dieser Wandel der Wortbedeutung auf dem Umweg über den grammatischen Gebrauch von στοιχεῖον als Bezeichnung von „Buchstabe“ erfolgt. Den aus Nikomachos von Gerasa belegten Satz von Diels S. 44: „So hat an ältere Schrullen der Pythagoreer anknüpfend die neupythagoreische Schule das Alphabet an den Himmel versetzt“, hätte Lagercrantz noch mit folgendem chronologischen Argument widerlegen können: In einem Auszug aus Vettius Valens, dem Astrologen aus dem 2. Jahrh. n. Chr., steht zu lesen, daß im Gegensatz zu einem verwickelten Verfahren des Vettius die ἁρχαῖοι die Tierkreisbilder mit je zwei Buchstaben bezeichneten in der Anordnung Α Ν, Β Σ usw. bis Μ Ω. Mit den ἁρχαῖοι sind in der astrologischen Literatur meist „Nechepso und Petosiris“ gemeint. Also wahrscheinlich schon diese Begründer der griechischen Astrologie im 2. Jahrh. v. Chr. und durch die Tatsache, daß στοιχεῖον „Buchstabe“ und „Tierkreiszeichen“ bedeuten konnte, dazu bewogen worden, diese miteinander in Beziehung zu bringen (s. darüber unten in dem Abschnitt über Astrologie).
[51] Schlagend spricht für Lagercrantz die Stelle in Anonymi Byz. Παραστάσεις ed. Preger (Progr. d. Kgl. Max-Gymnas. München 1898) p. 33, 12 § 72 ὁ λεγόμενος Νεώριος ὁ ϰαὶ Ἀρϰάδιος, ὃν Κόνων ἐστοιχειώσατο, wo auch Diels das letzte Wort durch „bauen“ übersetzte.
[52] 16⁰-Ausgabe von 1552 S. 214.