§ 4. KINDHEITSMYSTIK

Noch eine letzte mögliche Wurzel der Buchstabenmystik möchte ich andeuten. In viel stärkerem Maße als es heute m. W. geschieht, wurde im Altertum und bis ins 18. Jahrhundert auf das Erlernen des Alphabetes bis zur virtuosen Beherrschung Wert gelegt.[53] Während für uns die Alphabetreihe nur für Verzeichnisse und Lexika wichtig ist, war sie für den antiken Menschen auch die Folge der Zahlen[54], und das hatte, wie wir sahen, infolge der pythagoreischen Lehren in Altertum und Mittelalter keine bloß praktische Bedeutung. Wir hören, daß man das Alphabet an der Schule vor- und rückwärts einübte und in der Reihenfolge Α Ω Β Ψ Γ Χ usw.[55] Die Beschäftigung mit den Buchstaben war also etwas, das ein Wesentliches der Kindheit bezeichnet, und daß Kindheitserinnerungen auf assoziativem Weg zu Faktoren im religiösen Leben der Erwachsenen werden können, ist bekannt.

Albrecht Dieterich hat in seiner „Mithrasliturgie“ über das „liturgische Bild“ der Gotteskindschaft schöne Sammlungen vorgelegt. Dabei handelt es sich hauptsächlich um Zeugung durch die Gottheit und Geburt aus ihr. In der spätantiken, besonders der christlichen Mystik haben auch Dinge, die mit dem Kindesalter zusammenhängen, einen religiösen Gefühlston. Christus selbst hatte gesagt: ἐὰν μὴ στραφῆτε ϰαὶ γένησϑε ὡς τὰ παιδία, οὐ μὴ εἰσέλϑητε εἰς τὴν βασιλείαν τῶν οὐρανῶν Mt. 18, 3 Lc. 18, 17. Dies Wort hat man nicht immer in seiner einfachen Tiefe verstanden. Christus fungiert bei Clemens von Alexandria als Paidagogos, als Kindererzieher. Seine Gestalt war schon zu fest umrissen, ebenso wie seine Stellung im dogmatischen System, als daß es bei einem rechtgläubigen Schriftsteller in der Zeichnung dieser Figur zu realistischen Einzelheiten hätte kommen können. Desto mehr sollen sich die Zöglinge hier als kleine Kinder fühlen. Am befremdlichsten zeigt sich das in dem langen Kapitel über die Milch im Paidagogos I 6 p. 112 P, das betitelt ist πρὸς τοὺς ὑπολαμβάνοντας τὴν τῶν παιδίων ϰαὶ νηπίων προσηγορίαν τὴν τῶν πρώτων μαϑημάτων αἰνίττεσϑαι διδαχήν.[56] Dazu haben wir jüngst in der 19. Ode Salomos eine Parallele bekommen, die uns zeigt, daß es sich hier nicht um Seltsamkeiten Einzelner handelt, für die es erst etwa in bekannten deutschen Kirchenliedern des 17. Jahrhunderts oder in Zinzendorfs Ausdrucksweise Entsprechungen gibt, sondern um verbreitete Stimmungen:

Ein Becher Milch ist mir dargebracht worden, und ich habe ihn getrunken in der Süße der Freundlichkeit des Herrn.

Der Sohn ist der Becher, und der, der gemolken ward, der Vater.

Und es melkte ihn der heilige Geist, weil seine Brüste voll waren usw.

Man ist sich bewußt, Frommes zu tun, wenn man der Gottheit gegenüber und zu ihren Ehren Kindliches tut.

Der große Gnostiker Valentinos behauptete, der Logos sei ihm in der Gestalt eines kleinen Kindes erschienen und habe ihm so seine Offenbarungen mitgeteilt (Hippolytos philosoph. VI 5, 43 p. 309 Cruice). Sein Schüler Markos deutete den Vers 2 des 8. Psalmes: „Durch den Mund von Kindern und Säuglingen hast du ein Bollwerk gegründet um deiner Widersacher willen, damit du Feinde und Rachgierige zum Schweigen bringest“[57] so, daß er das Geschrei der Säuglinge als Vokale auffaßte. So loben die Kinder Gott ebenso, wie es in Psalm 19, 1 heißt: „die Himmel erzählen die Ehre Gottes.“ Diesen letzteren Vers deutete er natürlich auf die unten zu behandelnde Beziehung zwischen Vokalen und Planeten (vgl. Iren. adv. haer. I 14, 8 Manucci; Epiphan. I 3, 7 haeres. 34) und hielt das Geschrei der Säuglinge für eine Bestätigung dieser Entsprechung. Die Buchstabenspielerei in den später zu besprechenden Branchosversen gegen die Pest hält Klemens von Alexandria für einen frommen Hinweis auf die Kindheit (Stromata V 8, 48 p. 675 P.): αἰνίσσεται, οἶμαι, τὴν ἐϰ τῶν τεσσάρων ϰαὶ εἵϰοσι στοιχείων ψυχῆς γαλαϰτώδη τροφήν, μεϑ' ἣν ἤδη πεπηγὸς γάλα βρῶμα, τελευταῖον δὲ αἷμα ἀμπέλου τοῦ λόγου τὸν „αἴϑοπα οἶνον“ τὴν τελειοῦσαν τῆς ἀγωγῆς εὐφροσύνην διδάσϰει.

Dasselbe meinte Remigius von Auxerre († ca. 908) in seinem tractatus de dedicandis ecclesiis von dem Aschenkreuz auf dem Boden der neu zu weihenden Kirchen, auf welche das Alphabet geschrieben wird.[58] Auch der Kaiser Didius Julianus ließ 193 n. Chr. durch junge Knaben, die mit verbundenen Augen in einen Spiegel schauen mußten, die Zukunft erforschen.[59] Ein Knabe fungiert als Pythia bei Hippol. philos. IV 4, 1 p. 93 ff. Cruice.

So mag mancher, der schon vielleicht aus den erwähnten Gründen in den Buchstaben etwas Heiliges sah, in dieser Vorstellung dadurch bestärkt worden sein, daß sie ihm ein heiliges Stück Kindlichkeit waren. Und gerade die eifrige Erlernung des Alphabets mochte in dieser Richtung mitwirken; später wird sich zeigen, wie eine Anordnung der Alphabetreihe als mystisch bedeutungsvoll verwendet worden ist, die im Anfangsunterricht der Kinder ihre Stelle hatte. Ja, man hat auf dieser Unterrichtsstufe mit Zauberei nachgeholfen, wobei die Alphabetreihe im Sinn der hohen Anschauungen über den Ursprung der Schreibkunst als Symbol alles Wissens erscheint. Um ein Kind lernbegierig und leichtfassend zu machen, rät ein neugriechisches Zauberrezept, das ABC auf eine Schüssel zu schreiben, die für die heiligen Brote gebraucht wird, sie segnen zu lassen und die Schrift mit reinem Wein aufzulösen; das soll das Kind trinken.[60]

[53] Man gab den Kindern Kuchen (Horaz sat. I 1, 25), elfenbeinerne Typen (Quintilian inst. I 1, 26) und Würfel, worauf das Alphabet stand (Hieronymus, epist. ad Laetam 107, 4). Über altirische Alphabetkuchen Gaidoz, Les gâteaux alphabétiques, Mélanges Renier, Bibliothèque des hautes études Paris 1887. Woher die russischen Buchstaben stammen, die man noch heute als — übrigens recht schmackhaftes — Gebäck zu essen bekommt, weiß ich nicht. Jedenfalls stammt der Brauch, ebenso wie die Suppennudeln in Buchstabenform, aus alter Zeit. Ähnliche Verfahren des Elementarunterrichtes beschreiben noch Rabelais, Gargantua I 14. Goldsmith, vicar of Wakefield cap. 12. Smollet, Humphrey Clinker ed. Tauchnitz p. 122; über Basedows Buchstabenbäckerei s. Grasberger, Erziehung und Unterricht im klassischen Altertum I 2, 267, Würzburg 1864, vgl. Leclerq bei Cabrol, Dictionnaire d’archéologie chrétienne et de liturgie I, Paris 1907, s. v. Abécédaire p. 60 f. Beudel, Qua ratione Graeci liberos docuerint, Dissertation Münster 1911. S. auch die kuriose Geschichte von dem begriffsstutzigen Sohn des Herodes Atticus, des bekannten Redners zur Zeit der Antonine, bei Philostratos, vit. sophist. II 10 p. 66 Kayser: das Alphabet hat er wenigstens durch 24 mit den Buchstaben bezeichnete Spielkameraden gelernt.

[54] Über das Alter des milesischen Zahlenalphabets (8. Jahrh.) s. Larfeld, Griechische Epigraphik³ (1914) S. 294 ff. Man hat aber auch mit den Buchstaben α–ω als 1–24 numeriert, ebenso wie wir es mit unsern Buchstaben tun. Beispiele sind die in Olympia zur Auslosung der Kämpfer gebrauchten Täfelchen (Lukian Hermotimos 39), Theatermarken (J. Friedländer, Hermes 9 (1875) 251 ff. Svoronos, Περὶ τῶν εἰσιτηρίων τῶν Ἀρχαίων, Journal International d’Archéologie numismatique I (1898) 45-120; III (1900) 197–235; 319–349), Numerierung von Gesimsblöcken an Bauten (Karapanos, Dodone et ses ruines 68 f. pl. 34–40; thessalische Inschriften bei Lolling, Athen. Mitt. VII (1882) 69. Gesimsblöcke des Altars zu Pergamon, Robert, Hermes 18 (1883) 466 ff. Eisler, Weltenmantel und Himmelszelt, Nachtrag), der Sektionen des Heliastengerichtshofes in Athen (Lipsius, Das attische Recht und Rechtsverfahren I [1905] S. 140 f.), von Äckern („casae literarum“, Inschrift von Halesa, IG XIV 352. Gromatici ed. Lachmann I 309; II 235, 268, 409), die Bezeichnung der Stadtquartiere von Alexandreia (Ausfeld, RM 55 [1900] 379, Der griechische Alexanderroman, Leipzig 1907 S. 139), der Gesänge der homerischen Gedichte (Woisin, De Graecorum notis numeralibus, Diss. Kiel 1886, S. 30), der Wochentage (Boll s. v. Hebdomas, PW Sp. 2573). Über unsre Benennung der sieben Töne der Oktave von C bis H unten mehr. Auch der Alchimist Zosimos hat die 28 Bücher seines Werkes mit Buchstaben bezeichnet, ebenso Mani und Aphraat die ihrigen mit den 22 Buchstaben des syrischen Alphabets. Pachomius numerierte seine Mönchsklassen mit Buchstaben, s. unten den Abschnitt über die Spekulationen über die ganze Alphabetreihe.

[55] Quintilian, inst. or, I 1, 25: Quae causa est praecipientibus, ut etiam, com satis affixisse eas pueris recto illo quo primum scribi solent contextu videntur, retroagant cursus et varia permutatione turbent, donec litteras qui instituuntur facie norint, non ordine. Hieronymus in Jerem. 25, 26, Migne PL 24, 838 = p. 311 Reiter 1913. Ferner in Brief 107 an Laeta über die Erziehung ihrer Tochter II p. 294 Hilberg: Et non solum ordinem teneat literarum et memoria nominum in canticum transeat; sed ipse inter se crebro ordo turbetur, et mediis ultima, primis media misceantur, ut eas non sono tantum, sed et visu noverit. Dieterich, Rhein. Mus. 56 (1901) S. 99. Solche Schulübungen stehen auf einem Ostrakon im Brit. Museum, einem Säulenstück aus Sparta, Papyrus aus Hermupolis, vgl. Milne, Journ. hell. stud. 28 (1908) p. 121 nr. 1; Annual of the brit. school of Athens XII 476; Wessely, Studien zur Paläogr. und Papyruskunde II (1902) p. XLV nr. 2; Ziebarth, Aus der antiken Schule², Kleine Texte Nr. 65, Bonn 1913 S. 1 ff.

[56] Über Anklänge an gewisse Bräuche beim Verwandtschaftsschließen in diesem Kapitel Adolf Jacoby, Archiv für Religionswissenschaft 13 (1910) S. 549 ff.

[57] Der sich m. E. am besten erklärt, wenn man ihn mit dem Kommentar von Hitzig darauf bezieht, daß in einem Krieg ein siegreicher Feind durch das Geschrei von Säuglingen sich zur Milde hatte stimmen lassen, vgl. etwa 1 Sam. 30, 2.

[58] Migne PL 131, 851: Quid autem per alphabetum nisi initia et rudimenta doctrinae sacrae intelligi convenit? offenbar in Anlehnung an den Hebräerbrief 5, 12: τὰ στοιχεῖα τῆς ἀρχῆς τῶν λογίων τοῦ ϑεοῦ. Diese Erklärung ist übernommen von de Rossi, Bullettino di archeologia cristiana 1881 p. 135 und von Leclerq bei Cabrol, Dictionnaire d’archéologie chrétienne et de liturgie, Paris 1907 s. v. Abécédaire Sp. 56.

[59] Aelius Spartian, vita Didii Iuliani VII 10. Über ϰατοπτρομαντία Bouché-Leclercq, Histoire de la divination, Paris 1879, I 185. Wünsch, Hess. Blätter für Volkskunde 3 (1904) 154 ff. Reitzenstein, Historia monachorum, Göttingen 1916, S. 244 ff.

[60] Abbott, Macedonian Folklore, Cambridge 1903 S. 362. Pradel, Griechische Gebete usw. Religionsgesch. Versuche u. Vorarbeiten III, Gießen 1907 S. 381; Jacoby, Archiv für Religionswissenschaft 13 (1910) 529.