12. V. 1915.

Liebe Lisbeth,

Dank für Deinen langen guten Brief; ja, in Müllheim mußte ich soviel an August und Dich denken; ich kam sehr erschöpft nach einem langen 40 klm Ritt am Bahnhof an, band mein Pferd an einen Laternenpfahl und ruhte mich in der Gartenwirtschaft am Bahnhof aus — da mußte ich so an Euch denken. Ich blieb dann in M. übernacht und ritt am andern Tag etwas schweren Herzens zurück. Ich trennte mich so ungern vom Schwarzwald, der mir so deutsch und heimisch schien. Es kostete mich wirklich einen Entschluß wieder über den Rhein zurück nach Westen zu reiten! Wann werden wir wieder friedlich über den Rhein zurückkehren dürfen?! Daß Maria sich jetzt entschließt, Euch in Bonn zu besuchen, glaube ich nicht sehr; erstens bekommt unser liebes kleines Reh demnächst Junge — auch eine Sorge; man kann das Tierchen doch nicht in solchen Tagen verlassen und fremden Händen anvertrauen; dann die Gartenbestellung und manches andere, ich glaube, Maria wird sich jetzt schwer von Ried trennen. Wenn Du mit den Kindern die Reise nicht wagst und lieber einmal einen kurzen Besuch allein machst, wirst Du Maria und mir auch eine große Freude machen; und ich hoffe so sehr, daß er für Dich selbst eine kleine seelische Erholung wäre —.

Mein Mißverständnis Deiner Frage betreff * * * ist lustig; ich wunderte mich selbst im Stillen, aber konnte die eine Stelle Deines Briefes nicht anders verstehen; wahrscheinlich bezog sie sich auf eine Ausstellung bei * * *. Ich kann Dir schwer raten in dieser Sache. Außer * * * käme eine Wanderausstellung durch die Kunstvereine in Betracht. Dafür müßte sich von vornherein eine richtige und gewichtige Persönlichkeit einsetzen; vielleicht ausgehend vom Frankfurter Kunstverein. Die Ausstellung könnte trotzdem die Bezeichnung „Von seinen Freunden veranstaltet“ tragen. Ich schreibe gern ein paar Freundesworte als Vorwort im Katalog, vielleicht in Verwertung und Überarbeitung meines kleinen Nachrufes. Die Koehlergalerie, als Berliner Ausstellungsort, halte ich für nicht ganz glücklich — es würden zu wenige hingehen. Ich schlug schon einmal Koehler vor, ein Gedächtniszimmer für August’s Kunst in seiner Galerie einzurichten, das immer bliebe und mit aller Liebe und Sorgfalt ausgestattet sein müßte (auch mit Stickerein, Glasbildern und dergleichen, Koehler hat ja daran schon prächtige Stücke). Ein solches Zimmer würde die Intimität der ganzen Sammlung vertiefen und ein dauerndes Denkmal für August sein. Aber die geplante Gedächtnisausstellung ganz auf privatem Wege zu leiten, ist kein glücklicher Gedanke. Man kann dabei in den meisten Fällen die Räumlichkeiten von Händlern doch nicht umgehen oder es würde ein unverschämtes Geld kosten, das in keinem Verhältnis zum Zwecke der Sache stehen würde. Ich geb Dir den einen Rat: warte; jetzt ist nicht die freudige und gesammelte Stimmung für ein solches Unternehmen. August’s Bilder bleiben immer jung, — nichts, was Wert hat, hat Eile; im Gegenteil: das Gute verlangt Distanz und wird immer besser.

Schreibe mir nur mal wieder; ich freu mich immer so, wenn aus dem großen Feldpostsack ein Brief mit Deiner Handschrift herausfällt. Seid alle herzlich gegrüßt, auch Deine liebe, verehrte Mutter und Großmutter und W. Gerhardt mit Frau.

Dein Franz Marc.