18. V. 15. Nachts.

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Ich habe eine merkwürdige Lektüre zufällig in die Hände bekommen, die mich unsagbar tief berührt hat, gerade weil sie mich so ganz überraschend und entgegen meinen bisherigen Anschauungen über Missionswesen ergriffen hat: eine Biographie Livingstones! Ich bin ganz erschüttert davon. Ich lege das Büchlein bei, (— es gehört nicht mir, schicke es mir darum baldmöglichst zurück). Es ist schriftstellerisch ganz armselig, — aber der Gegenstand, diese mystische Einfachheit des wahren Genies, der durch das tiefste, furchtbarste Dunkel das Licht seiner Idee trägt, ist so überwältigend, daß die Form einerlei wird. Ich möchte kaum ein wissenschaftliches Buch über die Expedition Livingstones lesen, — allerdings wohl ein ausführlicheres als das vorliegende, vor allem eines, das mehr persönliche Worte und Notizen Livingstones enthielte; sieh Dich einmal im Buchhandel bei Lehmkuhl danach um, kauf es und schenke es Maman von mir aus, — später will ich es dann auch lesen. Von der Lektüre dieses Büchleins aus bin ich Tolstoi, dem wahren Tolstoi wieder viel näher gekommen. Das ist Größe und „Poesie durch sich“; die wenigen angeführten Worte Livingstones sind von einer so klangvollen riesigen Erhabenheit, wie auf dem Grabstein das Wort von der „offenen Wunde der Welt“ oder die Worte S. 25, das ist ein Leben! da kann man von einer That reden. Wir alle faulenzen. Man muß sich gänzlich opfern; nicht: „sich an die Säule seiner Idee lehnen,“ wie ich mich letzthin, glaub ich, ausgedrückt habe, sondern sein Kreuz tragen, an dem man für die Welt stirbt, — dann nur könnte einst auf unserem Grabstein die Mahnung an die Nachwelt stehen, für die man sich geopfert: „Ihr seid teuer erkauft, — werdet nicht der Menschen Knechte.“ (1. Corinth. 7, 23.)