Das Kalklicht.
Das Kalklicht ist ein Glühlicht, und man kann es mit dem Gasglühlicht vergleichen, bei welch letzterem die mit Luft gemischte Leuchtgasflamme einen feinen Glühkörper, den Glühstrumpf, in Weißglut versetzt. Zum Unterschiede hiervon bedient man sich beim Kalklicht eines massiven Glühkörpers, des Kalkstückes, und an Stelle des luftgemischten Leuchtgases, das hier nicht kräftig genug ist, benutzt man eine Mischung von Leuchtgas und Sauerstoff (sozusagen »stickstoffreier Luft«), die im Kalklichtbrenner eine intensive Stichflamme liefert und, gegen das Kalkstück gerichtet, ein herrliches, blendend weißes Licht abgibt. Ich will hier nun zunächst einen Überblick über die Darstellungsweise geben, um nachher näher auf die Einzelheiten einzugehen.
Das Kalklicht wurde von Drummond im Jahre 1826 erfunden. Heute ist die Darstellung desselben bedeutend bequemer gemacht, indem man den Sauerstoff in Stahlflaschen verpackt bekommen kann, während man ihn früher selbst entwickeln mußte. Die Verwendung dieses komprimierten Sauerstoffes bietet noch den Vorteil, daß man damit ein viel kräftigeres Licht erzielen kann. Man läßt dazu den Sauerstoff unter ziemlich starkem Druck (1/2 bis 1 Atmosphäre oder noch mehr) in den »Starkdruckbrenner« blasen, wo er das von der anderen Seite zugeführte Leuchtgas ansaugt, sich damit mischt und nun eine Stichflamme von mächtiger Kraft erzeugt.
Eine solche Kalklicht-Einrichtung ist in der Abbildung [Fig. 86] dargestellt. Man sieht da den Starkdruckbrenner, auf den ein zylinderförmiges, durchlochtes Kalkstück aufgesetzt ist, und die mit komprimiertem Sauerstoff gefüllte Stahlflasche, woran ein Druckreduzierventil und ein Inhaltmesser geschraubt werden. Der Sauerstoff ist nämlich unter einem Druck von 100‑120 Atm. eingefüllt, und da er nur mit etwa 1/2‑1 Atm. in den Brenner zugelassen wird, muß der Druck zunächst reduziert werden, und dies geschieht durch das Druckreduzierventil. Dasselbe ist mit einem Manometer A versehen, welches den Arbeitsdruck des Sauerstoffs anzeigt, und hat ferner ein Stellrad R zur Einstellung des Arbeitsdruckes: je weiter man das Stellrad R (rechtsum) dreht, desto stärker wird der Arbeitsdruck und desto intensiver gleichzeitig das Licht. So kann man die Helligkeit des Kalklichtes, auch während der Vorführung, innerhalb weiter Grenzen bequem regulieren. J ist der Inhaltmesser, mit dem man bestimmen kann, wieviel Sauerstoff die Flasche noch enthält, K der Verschlußhahn der Flasche, der beim Transport (nachdem Reduzierventil und Inhaltmesser abgeschraubt sind) durch eine übergeschraubte Eisenkappe geschützt wird. Bei H ist der Schlauch aufgesteckt, der zum Brennerhahn S geführt wird, während der linke Brennerhahn L mit der Leuchtgasleitung verbunden wird. Das Kalkstück läßt sich auf dem Brenner mit einem Triebe drehen, so daß man der Stichflamme, die nach und nach ein Loch hineinfrißt, von Zeit zu Zeit eine neue Angriffsfläche bieten kann. Ein zweiter Trieb gestattet die Entfernung des Kalkstückes von der Brennerspitze einzuregulieren.
Fig. 86.
Was tut man nun, wenn kein Leuchtgas vorhanden ist? — Dasselbe wie bei Glühlicht: man nimmt eine Brennflüssigkeit und vergast sie. Jeder kennt das Spiritus-, Petroleum- oder Benzinglühlicht. So hat man auch Einrichtungen konstruiert, bei denen Spiritus, Alkohol oder Petroleum verdampft wird und, mit Sauerstoff gemischt, die Stichflamme für das Kalklicht gibt. Aber diese schwer flüchtigen Brennstoffe sind hier schlecht zu regulieren, sie arbeiten recht unzuverlässig und liefern außerdem kein besonders starkes Licht. Die Anwendung von Benzin ist nicht zu empfehlen, da dieses durch den Sauerstoff zersetzt wird und ölige Bestandteile im Brenner zurückläßt, wenn nicht gar die Benutzung des Benzins durch Vermischung mit Sauerstoff gefährlich werden kann.
Sehr günstige Resultate erzielt man dagegen mit Äther, und zwar reinem Schwefeläther. Um den Äther in gasförmigem Zustande dem Brenner zuzuführen, muß man eine besondere Vorrichtung anwenden, und zwar hat man die Wahl zwischen zwei verschiedenen Apparaten: dem Gasator und dem Äthersaturator.
Fig. 87.
Der Gasator zunächst ist ein mehrteiliges Gefäß, das zu etwa 3/4 mit Äther gefüllt und durch einen Schlauch mit dem linken Hahn (L) des Starkdruckbrenners verbunden wird, wie die Abbildung [Fig. 87] zeigt. Wenn man nun durch den rechten Hahn (S) einen kräftigen Sauerstoffstrom einblasen läßt, so übt der Brenner auf den Gasator eine saugende Wirkung aus und dieser Apparat tritt dann von selbst in Tätigkeit. Unter der Wirkung der Saugkraft strömt nämlich durch eine kleine Öffnung Luft ein, streicht durch die verschiedenen Gefäße und sättigt sich mit Ätherdämpfen; das Gemisch, das man als »Luftgas« bezeichnet, wird noch getrocknet und gelangt dann durch den Schlauch in den Brenner, dort mit dem Sauerstoff zu einer intensiven Stichflamme sich vereinend.
Der Äthersaturator, der ebenfalls zur Darstellung von Kalklicht mit Hilfe von Ätherdämpfen dient, arbeitet in anderer Weise als der Gasator. Er besteht aus einem in mehrere Kammern geteilten Gefäß, das mit poröser Masse gefüllt ist, sodaß der eingefüllte Äther darin aufgesaugt wird. Der Saturator hat zwei Hähne; einer wird mit dem linken Brennerhahn verbunden, während man durch den zweiten Hahn Sauerstoff in das Gefäß leitet; der Sauerstoff drückt nun die Ätherdämpfe, die sich schon bei gewöhnlicher Zimmertemperatur entwickeln, zum Brenner vorwärts, wo sie mit dem durch den rechten Brennerhahn eingeführten Sauerstoff gemischt werden. Da bei dieser Arbeitsweise der Brenner keine Saugkraft auszuüben braucht, kann man auch an Stelle des Starkdruckbrenners den sogenannten Mischbrenner benutzen; bei diesem Mischbrenner fällt die Injektor-Einrichtung, durch welche die Saugwirkung beim Starkdruckbrenner hervorgerufen wird, weg und die Gase werden einfach in eine Kammer zusammengeführt, von der sie gemischt durch ein Rohr zur Brennerspitze gelangen. Zur Erzielung eines möglichst kräftigen Lichtes versieht man den Brenner mit einer großen Kammer und bringt in letztere außerdem noch eine Einrichtung, die eine möglichst vollkommene Mischung der Gase gewährleistet.
Für das gleichmäßige Arbeiten des Saturators ist es eine wichtige Bedingung, daß er während des Betriebes keine zu starke Abkühlung erleidet, weil sonst die Vergasung nachläßt. Nötigenfalls, besonders im Winter, wenn der Apparat z. B. auf einer kalten Bühne steht, muß man dafür Sorge tragen, daß dem Saturator in entsprechendem Maße von außen Wärme zugeführt wird; man stellt ihn dazu neben die geöffnete Tür des Skioptikons oder schlägt ihn in ein vorher gut durchwärmtes, wollenes Tuch.
Welcher Äther-Apparat ist nun mehr zu empfehlen? wird der geneigte Leser fragen. — Nun, mit dem Saturator läßt sich eine noch höhere Lichtstärke erreichen, doch wird man den Gasator in der Regel vorziehen; denn er ist einfacher zu handhaben und das mit ihm erzielte Licht ist so stark, daß es in den meisten Fällen weitaus genügt.
Es ist noch zu bemerken, daß man auch komprimierten Wasserstoff bekommen kann, der einen vorzüglichen Ersatz für Leuchtgas bildet, ja dieses an Wirkung übertrifft. Zu einer solchen Einrichtung gehört dann eine weitere Stahlflasche mit Druckreduzierventil und Inhaltsmesser. Man wird den komprimierten Wasserstoff da anwenden, wo man unter allen Umständen die höchste Lichtstärke haben will, die sich mit Kalklicht erzielen läßt. Auch das Azetylengas läßt sich zur Darstellung von Kalklicht benutzen, nachdem es gelungen ist, einen geeigneten Brenner zu konstruieren; das erzielte Licht ist außerordentlich intensiv. Zur Darstellung des Azetylens ist ein zuverlässig arbeitender Entwickler erforderlich.
Eine wichtige Frage beim Arbeiten mit Kalklicht ist die, wie lange eine Sauerstofflasche ausreicht. Eine Stahlflasche von der gewöhnlichen Größe, die etwa 10 Liter Rauminhalt hat, enthält, wenn der Sauerstoff auf 120 Atm. komprimiert ist, zirka 1200 Liter Gas; sie reicht, wenn man ein kräftiges Licht herstellt, durchschnittlich für 8 Stunden. Der Verbrauch ist geringer, wenn man den Sauerstoff unter schwächerem Druck zum Brenner läßt, wobei das Licht gleichzeitig weniger stark wird, und umgekehrt steigt der Verbrauch, wenn man durch Anwendung höheren Druckes ein intensiveres Licht erzeugt. Stahlflaschen mit 600 Liter Inhalt reichen also durchschnittlich für 4 Stunden und noch kleinere Flaschen, die 360 Liter fassen, für etwa 2 1/2 Stunden.
Wo der Bezug von komprimiertem Sauerstoff unmöglich oder durch große Entfernung zu sehr erschwert ist, wie z. B. in überseeischen Ländern, muß man den Sauerstoff selbst herstellen, wie dies früher allenthalben geschah. Man erhitzt dazu in einer Retorte eine Mischung von Braunstein und chlorsaurem Kali, führt das entwickelte Gas durch eine Wasserflasche und fängt es in einem Kautschuksack auf. Vereinfacht wird die Sauerstoffbereitung durch Verwendung eines Gasometers in Verbindung mit einem Sauerstoff-Generator, einer Einrichtung, welche den Gassack überflüssig macht und gestattet, auch während des Projizierens, ohne Störung der Vorstellung, Sauerstoffgas nachzuentwickeln, und zwar in beliebiger Menge. Man braucht dazu nur Braunsteinkuchen, die man sich selbst herstellt oder fertig bezieht, einzulegen und die Flamme im Generator zu entzünden.
Auf die Anwendung des Starkdruckbrenners wie auch des Gasators muß man hierbei verzichten, da hier bei weitem nicht der starke Druck des komprimierten Sauerstoffes zur Verfügung steht. Man bedient sich des sogenannten Sicherheitsbrenners, bei dem Leuchtgas und Sauerstoff erst in der Brennerspitze zusammengeführt werden, und wenn kein Leuchtgas vorhanden ist, des Äthersaturators in Verbindung mit dem Mischbrenner, dem man durch eine große Mischkammer eine möglichst intensive Wirkung gibt.
Interessant ist eine neuere Art der Sauerstoff-Bereitung mit Hilfe des Oxyliths (Sauerstoffstein), einer Masse, die bei Berührung mit Wasser Sauerstoff abgibt. Bei Verwendung des Oxyliths ist Vorsicht geboten, indem dieses sich bei Berührung mit organischen Substanzen, z. B. Brotkrumen, entzündet und dadurch leicht einen Brand veranlassen kann. Auch ist diese Art der Sauerstoff-Erzeugung verhältnismäßig teuer.