Der Tempel

O Tempel, in die

Zarteste Stunde gebaut,

Wenn schon die unermüdlichen

Schmetterlinge

Die kreisenden welken an

Der alten Lampe des Weisen und

Die Träumer plötzlich das Haupt

Tauchen aus tausend Fenstern.

Tempel,

In solcher Stunde erschallend,

Läßt Du uns gehn

Über die Treppe.

Aber wenig leuchtet

Die Laterne voran des Priesters,

Wenn tief der Tierkreis

Brüllet und leis im Schlaf.

Wie bald doch steh ich

Und schon im Kuppelsaal.

Dort aber rundet

Der offne Himmel.

Ein Morgen

Macht ihn schon fast

Zum verschwommenen Knaben.

Doch in dem hellen Boden

Findet er sich bemessen

Zu unseren Füßen wieder

Genau

Im bildenden Wasserteich.

Wie da ruhen

Über unseren Schultern

Die einhaltenden Vögel,

Die Planeten sich aus.

Sitzen sanft eine Weil’ nur,

Geschlossene Flügel

Auf atemlosen Säulen.

Trällert einer im Schlaf.

Aber als letzter

Luzifer schwirrend

Hebt sich hinweg

Morgender Stern.

Mit fernem Gelächter

Spiegelnd Gefieder

Im schon helleren Bassin.

Nun aber seh ich

Wolken grünen im Wasser.

Sehe dreifach

Das Strandgut treiben

Im kleinen Umkreis

Des Brunnenteichs.

Wohl weiß ich,

Und nimmer täuschet mich wer,

Mattes und Morsches.

Drei Dinge schwimmen,

Kleines Brett Noahs,

Binsenkorb Mosis,

Holzspahn der Krippe

Drei Schatten schwimmen

Auf wachsendem Himmel.

Nun aber schreiten —

(Da es doch bald mehr Frühe ist)

Die Männer hinaus,

Die herrlichen

Nach der Abfertigung.

Über den Brauen

Schimmern die Glatzen vor Osten

Sie neigen und schreiten,

Die Heiligen schreiten

Hinter Planeten.

Frühe Arbeiter

Und kühl

Von diesem Himmel und Frische.

So schreiten sie,

Ohne zu wecken,

Gesenkte Stirnen,

Aus allen Türen zugleich

Hinaus aus diesem

Kuppelkreis,

Die Verschmäher der Speise.

Die heilige Elisabeth

für Gertrud Spirk

Wie sie geht

Die Schwester der fünften Stund und der Lerchen,

Unter dem noch versagenden Himmel,

Dem atmenden Osten voraus!

Über Stufen

Steigend nieder

Am Klirren vorbei des frühen Frühlings . . .

Aber es wehen noch, es fliegen

Die wahrhaft gläubigen Träumer

Durch Träume auf schlagenden Fittichen,

Über den unzähligen Morgen,

Stürzen sich in die Meere,

Brust und Haar voll Auferstehungswind.

Ihre Füße lächeln

Über die Steine nieder.

Doch in den harten

Gebeizten Händen

Hält sie, die Dienende,

Den gedeckten Korb.

Nun drängen schon

Hunde und räudige Krüppel,

Krähende Tolle

Sich an das Jenseits ihres Knies.

Bettler mit Näpfen

Heben sich auf,

Gestreifte Kranke,

Lampe in Händen,

Hustende Kinder,

Betrunkene Greise,

Huren, Gelichter, sterbende Sünder,

Wanken geschlossenen Auges ihr nach.

Schon heult die Stadt auf

Und ächzt in ihren Morgen ein.

Durch den Nebel der Kaserne

Bricht die entsetzliche Trompete.

In den Asylen krächzt

Der Greis, gewälzt von der Bettstatt.

Flößerruf!

Die schweren unseligen Pferde

Neigen in Höfen ihr Haupt.

Sie geht noch,

Eh sie verfließt,

Eh ihr Aufwärtslächeln

Sich einmischt in die Antwort des Himmels,

Sie geht noch die Magd,

Sie weht noch die hohe Deutsche . . .

O Dämmerung ihres Haars,

O Schritt, o Blick,

Wie sie geht, die Schwester der fünften Stunde!