Ich habe eine gute Tat getan

Herz frohlocke!

Eine gute Tat habe ich getan.

Nun bin ich nicht mehr einsam.

Ein Mensch lebt,

Es lebt ein Mensch,

Dem die Augen sich feuchten,

Denkt er an mich.

Herz, frohlocke:

Es lebt ein Mensch!

Nicht mehr, nein, nicht mehr bin ich einsam,

Denn ich habe eine gute Tat getan,

Frohlocke, Herz!

Nun haben die seufzenden Tage ein Ende.

Tausend gute Taten will ich tun!

Ich fühle schon,

Wie mich alles liebt,

Weil ich alles liebe!

Hinström ich voll Erkenntniswonne!

Du mein letztes, süßestes,

Klarstes, reinstes, schlichtestes Gefühl!

Wohlwollen!

Tausend gute Taten will ich tun.

Schönste Befriedigung

Wird mir zu Teil:

Dankbarkeit!

Dankbarkeit der Welt.

Stille Gegenstände

Werfen sich mir in die Arme.

Stille Gegenstände,

Die ich in einer erfüllten Stunde

Wie brave Tiere streichelte.

Mein Schreibtisch knarrt,

Ich weiß, er will mich umarmen.

Das Klavier versucht mein Lieblingsstück zu tönen,

Geheimnisvoll und ungeschickt

Klingen alle Saiten zusammen.

Das Buch, das ich lese

Blättert selbst sich auf.

. . . . . . . . . . . . . .

Ich habe eine gute Tat getan!

Einst will ich durch die grüne Natur wandern,

Da werden mich die Bäume

Und Schlingpflanzen verfolgen,

Die Kräuter und Blumen

Holen mich ein,

Tastende Wurzeln umfassen mich schon,

Zärtliche Zweige

Binden mich fest,

Blätter überrieseln mich,

Sanft wie ein dünner,

Schütterer Wassersturz.

Viele Hände greifen nach mir,

Viele grüne Hände

Ganz umnistet

Von Liebe und Lieblichkeit

Steh ich gefangen.

Ich habe eine gute Tat getan,

Voll Freude und Wohlwollens bin ich

Und nicht mehr einsam

Nein, nicht mehr einsam.

Frohlocke, mein Herz!

Aus
„Wir sind“
Neue Gedichte
1913

Die Unverlassene
(Der Besuch aus dem Elysium)

Es kommt die eine neue Nacht.

Du bist von Ferne aufgewacht,

Und neben Dir ist Schnarchen schwer.

Und ach vom Gitterbettchen her

Ein Weinen klein und unbewußt.

Da schlägst Du Deine Decke um,

Nimmst ohne Glück und stumm

Das Kind an Deine Brust.

Wenn mühsam Tag sich näher drängt

Und Dich in Erdenlos verfängt,

Wird Schoß und Lippe wissensschwer,

Und kennt Dein Fuß kein Schweben mehr,

Wächst Dir ums Aug’ der dunkle Strich,

Gedenke und erinnere Dich,

Daß jener Bot’ aus besserer Welt

Dich seltsam in der Seele hält!

Weißt Du, weißt Du den Abendgang,

Wo noch Dein Wesen glitt und sprang?

Wer fühlte einst im Elternhaus,

Wer Dich in Ewigkeit voraus?

Wenn Du Dich einsam meinst,

Wer kannte schon den Schmerzenston,

In wessen Kehle brannte schon

Das Weinen, das Du jetzt weinst?!