Luzifers Abendlied
Wenn ich über die nächtlichen Städte fahre,
Flatternder Mantel auf Nebel und Wind, der mich trägt . . .
Unter mir ist ein Abend der Tage und Jahre,
Stuben sind hell und Fenster von Schatten bewegt.
Und den Fluch im Genick muß ich all die Leidenden schauen.
Wie das lebt, wie das schlägt, und Worte bildet und glaubt.
Weinen und Sehnsucht zu all diesen Männern und Frauen
Faßt mich und beugt mein schwarzes, mein ewiges Haupt.
Und dem furchtbaren Blick erscheint in der alternden Kammer
Lehrerin, bitter und steif, die sich elend zu Ende führt.
Mutter, das Schwert im Herzen, die all ihren Jammer
Heilig ertragend im Hause die Hände rührt.
Jugend geht in den Krieg und schweiget. Geizige Knochen
Schrecklicher Greife klappern von Haß verzehrt.
Selbst die Unschuld, geboren aus blutigen Wochen
Hat den Leib einer lieblichen Frau verheert.
Und sie tragen sich selbst mit Worten. Elend ist Glaube!
Manche ahnen die Lüge, Gefährten von meinem Fluch.
Doch eine süße Schwester mit weißer, edelster Haube,
Hütet den Kranken, und ebnet das fiebrische Tuch.
Und sie nehmen es hin, daß sie sind, und zum Sterben geboren.
Manchmal lächeln sie gut, und tragen im Auge das Heil.
Und dann fühle ich weh: Ich bin verloren.
Stolz und geflügelt und hart, und unbeugsam und steil.
Ich bin der Geist ihrer Klage, der Gnadenlose und Klare,
Der sich gegen den Fluch despotischer Gnade bäumt!
Rein will ich sein und Geist, das ist Schmerz. Und heiße der Wahre,
Der umsonst an das Tor der Versöhnung und Liebe schäumt.
Aber seh ich am Abend die so geliebten Gestalten,
Reißt mich Schluchzen dahin, und es sinket und schwebt
Aller Tränen die reinste, und ruht als Stern in den Falten
Kalten Himmels, Stern, der meinen unseligen Namen lebt.
Held und Heiliger
Prophezeiung an Alexander
Held
Du Entfachter auf dem Scheiterhaufen,
Dem die Feuer um die Stirne laufen,
Sprich, was drückst Du die gepechten Drachen
An Dein Antlitz, überschwemmt von Lachen?
Heiliger
Reiter Du auf dem bebuschten Pferde,
Sieh mich an. Ich bin die Schuld der Erde!
Und ich zahl mich! Wie die Aschen sinken,
Brüllt schon Gott vor Lust, mich auszutrinken.
Held
Nennst Du Trank Dich und zerbrichst den Becher,
Sieh mich an! So nenne ich mich Zecher.
Dieses Da ist da, daß ich es saufe,
Und wer mich säuft, meiner überlaufe!
Heiliger
Eitelster, der auf dem Rosse reitet,
Deinem Pferd ist mehr die Welt bereitet!
Ohne Opfer soll Dir Gott gehören?
Wen Gott will, den muß er sich zerstören!
Held
Kann dies Jetzt denn ohne mich geraten?
Gibt es Leben außer meinen Taten?
Du und Er und alle sieben Reiche
Sind, wenn ich sie in die Tasche streiche.
Nennst Du Leben die verruchten Stunden?
Erst die Stunde, die Dich überwunden,
Erst das Weh, zu dem Er Dich erkoren
Hebt in Gnad Dich an. Du wirst geboren . . .
Held
Schon verbrennst Du, Mann, in Deinem Brennen.
Brand, der nicht verbrennt, will ich mich nennen.
Wer nicht liebt, kann nicht zugrunde gehen.
Sterben alle, bleib ich doch bestehen.
Heiliger
(schon als Asche zusammensinkend)
Alexander über tausend Meeren,
Hör die Flammen an, die sich verzehren!
Hör den Staub, zu dem ich mich vermische!
Liegt ein Freund bei Dir an Deinem Tische,
Ist sein Blut bestimmt, Dich zu bespritzen.
Du vergißt, auch Du kannst nur besitzen.
Schwer in Händen bleibt, was Du errungen,
Im Besitz schon hat Dich Gott bezwungen!
Daß er furchtbar seine Gnade wähle,
Rüste die noch nicht verdammte Seele!
Alte Dienstboten
In dem sanften Wallen der alten Frühlinge
Stehn die alten Dienerinnen von Haus zu Haus.
Der ausgebrannte Himmel schwebt dem Mond entgegen,
Der Sonntag füllt mit seinem zarten Tod die Straße aus.
Sein letzter Odem trägt den Schall von Ruderschlägen,
Von Ufer, Hügelton und Klang von Weggesprächen her.
Die alten Mägde haben gütige Hüte auf,
Mild von Vergangenheit und kaum entlächelnd mehr.
Nur manche Masche oder kühne Rose schlägt zum Flug die Flügel auf.
Gestrickten Handschuh tun sie ab mit treuem Gruß und altem Nicken,
Eh sie sich in das Dunkel ihrer Tore schicken.
Ach diese alten Frauen tragen ewig auf den alten Händen
Das erdenlose schluchzende Traumlicht vom frühen Tag.
Wohin sie auch ihr Gehen wenden,
Klirrt ein Geschirr, ist Küche um sie, Stiege, alter Uhrenschlag.
Im Hof ist Lärm, im Herd die ewige Kohle.
Sie hören auf dem Gang das Schlürfen ihrer Sohle,
Sie haben keinen Sohn und kein Geschick,
Kein Bett zum Sterben breit. Nur kleinen Klatsch im Flur.
Schon keift die Herrin auf, die aus der Türe fuhr . . . .
Unwandelbar in Ehrfurcht, so mit scheu gebeugtem Rücken
Sind sie bereit, sich neu zu ewigem Dienst zu bücken.
Doch ich Verworfener der Lust und Eitler in der Zeit,
Ich weiß, daß diese alten geisterhaften Leben
Sich ohne Ende über meins erheben,
Das voll von Hoffart Worte machen mag.
Nur uns zu prüfen gab uns Gott den Tag,
Allein des Tages Sinn heißt Heiligkeit.
O heiliger Dienst, o Dienst, der niemals schließt,
O Einfalt, die nichts weiß und nichts genießt,
O Licht am Abend überm Tisch gebückt!
Gepriesenes Leben, Dienst! Mit abgeschundenen Händen,
Sich irdisch tilgend, himmlisch zu vollenden!
Jesus und der Äser-Weg
Und als wir gingen von dem toten Hund,
Von dessen Zähnen mild der Herr gesprochen,
Entführte, er uns diesem Meeres-Sund
Den Berg empor, auf dem wir keuchend krochen.
Und als der Herr zuerst den Gipfel trat,
Und wir schon standen auf den letzten Sprossen,
Verwies er uns zu Füßen Pfad an Pfad,
Und Wege, die im Sturm, zur Fläche schossen.
Doch einer war, den jeder sanft erfand,
Und leiser jeder sah zu Tale fließen.
Und wie der Heiland süß sich umgewandt,
Da riefen wir und schrieen: Wähle diesen!
Er neigte nur das Haupt und ging voran,
Indes wir uns verzückten, daß wir lebten,
Von Luft berührt, die Grün in Grün zerrann,
Von Eich’ und Mandel, die vorüberschwebten.
Doch plötzlich bäumte sich vor unserem Lauf
Zerfreßne Mauer und ein Tor inmitten.
Der Heiland stieß die dumpfe Pforte auf,
Und wartete bis wir hindurchgeschritten.
Und da geschah, was uns die Augen schloß,
Was uns wie Stämme auf die Schwelle pflanzte,
Denn greulich vor uns, wildverschlungen floß
Ein Strom von Aas, auf dem die Sonne tanzte.
Verbissene Ratten schwammen im Gezücht
Von Schlangen, halb von Schärfe aufgefressen,
Verweste Reh’ und Esel und ein Licht
Von Pest und Fliegen drüber unermessen.
Ein schweflig Stinken und so ohne Maß
Aufbrodelte aus den verruchten Lachen,
Daß wir uns beugten übers gelbe Gras
Und uns vor uferloser Angst erbrachen.
Der Heiland aber hob sich auf und schrie
Und schrie zum Himmel, rasend ohne Ende:
„Mein Gott und Vater, höre mich und wende
Dies Grauen von mir und begnade die!
Ich nannt’ mich Liebe, und nun packt mich auch
Dies Würgen vor dem scheußlichsten Gesetze.
Ach, ich bin eitler, als die kleinste Metze
Und schnöder bin ich, als der letzte Gauch!
Mein Vater Du, so Du mein Vater bist,
Laß mich doch lieben dies verweste Wesen,
Laß mich im Aase Dein Erbarmen lesen!
Ist das denn Liebe, wo noch Ekel ist?!“
Und siehe! Plötzlich brauste sein Gesicht
Von jenen Jagden, die wir alle kannten,
Und daß wir uns geblendet seitwärts wandten,
Verfing sich seinem Scheitel Licht um Licht!
Er neigte wild sich nieder und vergrub
Die Hände ins verderbliche Geziefer,
Und ach, von Rosen ein Geruch, ein tiefer,
Von seiner Weiße sich erhub.
Er aber füllte seine Haare auf
Mit kleinem Aus und kränzte sich mit Schleichen,
Aus seinem Gürtel hingen hundert Leichen,
Von seiner Schulter Ratt und Fledermaus.
Und wie er so im dunklen Tage stand,
Brachen die Berge auf, und Löwen weinten
An seinem Knie, und die zum Flug vereinten
Wildgänse brausten nieder unverwandt.
Vier dunkle Sonnen tanzten lind,
Ein breiter Strahl war da, der nicht versiegte.
Der Himmel barst. — Und Gottes Taube wiegte
Begeistert sich im blauen Riesen-Wind.
Neue Gedichte
1916
(In Buchform noch nicht veröffentlicht)
An den Richter
Ich habe meine Lampe ausgelöscht und mich zu Bette gelegt in mein fremdes Bette.
Da wallte mir durchs Fenster die bleiche Welt der Nacht, und der aufgebaute Berg beugte sich über meine Brust und wankte.
Die reißenden Hunde bellten in den schattenlosen Höfen des mondreichen Dorfes und ich
Verwarf mich und stand auf und zündete die unwillige Lampe wieder an.
Ich will nichts von den Früchten und Speisen genießen, die noch auf meinem Tische stehn, obgleich es mich gelüstet.
Ach die Befriedigung vertritt uns Deinen Weg, und wer weich kniet, betet heiser.
Mit dem Apfel lockt der Arzt das kranke Kind von seinem Weinen ab, um Fieber zu messen;
Weh uns, verheert von Lockung und Genuß, allzubereit die edle Stätte des ewigen Erkenntnisschmerzes zu verlassen!!
O mein Richter! Meine Feinde haben mich enträtselt, durchschaut und geschlagen.
Sie verwarfen mich, und ich mußte mich mit ihnen verbünden.
Sie schalten mich: Scheinmensch, charakterlos, eitel, träge, gleichgültig, zu klein zur Sünde, zu gering zur Wohltat, schwach im Frevel und wertlos in der Reue,
Und ich hörte sie, und fuhr gegen mich, und gab ihnen Recht — mein Richter — und muß mich hassen!
Ich bekenne — und wenn auch dies Eitelkeit ist, weh, vermag ich nichts dagegen, bekenne dennoch:
Ich war an diesem einzigen Tage so klein und niedrig, mittelmäßig und schwach, wie nicht einer! an meinem Tisch —
Höflich war ich aus Angst, lobsprecherisch aus Feigheit, aus Trägheit zweizüngig und ohne Halt, Liebe vergalt ich mit böser Hoffnung, Sorge mit sorglosem Schwachsinn.
Es ist nicht die Lust der Zerknirschung, wenn ich mich dem weidenden Vieh vergleiche.
Wie köstlich ist der kommende Tag, mein Richter, wie träumt man sich wandeln im Gebirg, wie hoffend auf Größe.
Aber der abgestorbene Tag ist schrecklich, man sieht sich ungern nach ihm um, wie nach einem Kübel voll Kehricht.
Wird es immer so sein? Mein Tag immer so sein, bis zum letzten Tage?
Und wird sich im schmutzigen Kranken noch die alte Sturmglocke der Schuld empören?!
Mein Richter, ich weiß nichts vom kommenden Tag, von jenem Tag, nicht ob Du wirst zu Gerichte sitzen, mein Richter.
Aber Deinen Gerichtstag fürchte ich nicht, Deine Erhabenheit nicht, Dich nicht, mein Richter, mich fürchte ich, ich fürchte mich, Mich.
Meine lahme Seele fürchte ich, mein stummes Herz, den unverzweifelten Blick, den Leichtsinn, das So und So, das leere Achselzucken!
Ich weiß nicht, ob Du bist, mein Richter, aber ich wünsche, daß Du bist, mein Richter, und will Deine gute Rute besprechen.
Ich sitze in diesem kalten Zimmer vor meiner Lampe. Horchst Du an meinem Fenster? Ich kann die Sterne sehn.
Ich wende meinen Kopf scheu zum Fenster, und rufe Dir diesen Gesang zu, und mache diesen Gesang den Schlafenden kund.
Meine Lampe erfriert. In das Grab des schrecklichsten Todes sehe ich, ich sehe den geistigen Tod, ich fühle das fieberlose Übel, Trägheit des Herzens!
Mit kalten Fingern sitze ich da, ohne Hilfe, und völlig ratlos.
Bald werde ich mich unter meine Decke legen, meinen Leib dehnen, und ruhig atmen.
Laß es nicht zu, mein Gott, dieses Stunde um Stunde, dies Heute und Gestern, dies Immer und Ewig!
Aber vielleicht hast Du keine Macht über mich, wie ich keine Macht über diesen Gesang habe, der in seiner Wahrheit noch gleisnerisch ist.
Und nicht einmal den Wahnsinn darfst Du mir mit seinen Sperberschwärmen und großen Steppen schenken!