Inhalts-Verzeichniß.

[C. Der zusammengezogene Satz.]

[I. Einfache Zusammenziehungen.]

Seite.

Zwei Subjecte

  [1.]

Die Wilderer

  1

Mehrere Subjecte

  [2.]

Drei Verdienstvolle

  2

Zwei Aussagen

  [3.]

Die zahme Gans

  3

Mehrere Aussagen

  [4.]

Martin

  4

Zwei Beifügungen

  [5.]

Ein guter König

  4

Mehrere Beifügungen

  [6.]

Der Bergmann

  5

Zwei u. mehrere Ergänzungen

  [7.]

Die Sonne

  6

Desgl.

  [8.]

Der Blinde

  7

Zwei Ortsbestimmungen. Verhältnißwörter

  [9.]

Eine Landplage

  8

Desgl. Umstandswörter

[10.]

Der Christbaum

  9

Zwei Zeitbestimmungen

[11.]

Der Kranke

  9

Desgl.

[12.]

Die Glocken

 11

Zwei Best. der Art u. Weise

[13.]

Elise

 12

Desgl.

[14.]

Das Kanonenfieber

 12

Zwei Beweggründe

[15.]

Gott und wir

 14

Zwei Zwecke

[16.]

Die Kuh

 14

Zwei Stoffe

[17.]

Der kleine Künstler

 14

[Wiederholung.]

Alle Arten Zusammenziehungen

[18.]

Ludwig und Günther

 15

Forts.

[19.]

Die Luft

 16

Forts.

[20.]

Einfache Kost

 17

Forts.

[21.]

Zwei Brüder

 18

[II. Mehrfache Zusammenziehungen.]

Subjective, Ergänzungen, Beifügungen etc.

[22.]

Zwei berühmte Sänger

 18

Forts.

[23.]

Der Winter

 19

Forts.

[24.]

Stolz und Eitelkeit

 20

[III. Arten der Zusammenziehung.]

Zusammenstellend

[25.]

Ein Kampf

 21

Desgl.

[26.]

Die Erzväter

 22

Entgegenstellend

[27.]

Das Meer

 23

Desgl.

[28.]

Geld

 24

Begründend

[29.]

Der Maikäfer

 24

Desgl.

[30.]

Die Bibel

 25

[Hauptwiederholung.]

Alle Arten der Zusammenziehung

[31.]

Die Katze

 25

[D. Zusammengesetzte Sätze.]

[I. Ohne Bindewörter.]

Zusammenstellend

[32.]

Der Morgen

 26

Desgl.

[33.]

Auf dem Meere

 27

Entgegenstellend

[34.]

Der junge Graf

 27

Desgl.

[35.]

Eine Feuersbrunst

 28

Begründend

[36.]

Frühling

 28

Desgl.

[37.]

Die Sündfluth

 29

[Wiederholung.]

Zusammenstellend, entgegenst., begründend

[38.]

Eine Dampfwagenfahrt

 29

[II. Mit Bindewörtern.]

Zusammenstellend

[39.]

Ein Doppelfest

 30

Desgl.

[40.]

Abend

 31

Entgegenstellend

[41.]

Maß halten

 32

Desgl.

[42.]

Das Feuer

 32

Begründend

[43.]

Die Schule

 33

Desgl.

[44.]

Die Kartoffel

 34

[ Wiederholung.]

Zusammenstellend, entgegenst., begründend

[45.]

Die Jagd

 35

Desgl.

[46.]

Der Brudermord

 35

Mit und ohne Bindewörter

[47]

Entstehung des Brodes

 36

Desgl.

[48.]

Das Haus

 36

Mit und ohne Bindew., Zusammenstellend, entgegenst., begründend

[49.]

Eine Luftschifffahrt

 37

[Hauptwiederholung.]

Zusammengezogene u. zusammengesetzte Sätze

[50.]

Der letzte Klos

 38

[E. Satzgefüge.]

[I. Subjectivsätze.]

[1. Vollständige Subjectivsätze.]

Der Subjectivsatz voran

[51.]

Natur

 40

Desgl.

[52.]

Gottvertrauen

 41

Der Subjectivsatz zuletzt

[53.]

Der Hund

 41

Der Subjectivsatz voran u. zuletzt

[54.]

Die Erde

 42

2. Abgekürzte Subjectivsätze

[55.]

Selbsterkenntniß

 43

[ Wiederholung.]

Vollst. u. abgekürzte Subjectivs.

[56.]

Die Todten

 43

[Hauptwiederholung.]

Zusammengesetzte Sätze u. Satzgefüge

[57.]

Im Winter

 44

[II. Prädikatsätze.]

Prädikatsätze

[58.]

Gott und der Mensch

 45

[Hauptwiederholung.]

Subjectiv- u. Prädikatsätze

[59.]

Ein trauriger Pfad

 45

[III. Beifügesätze.]

[1. Vollständige Beifügesätze.]

Der Beifügesatz zuletzt

[60.]

Ein Schulkreuz

 46

Der Beifüges. in der Mitte

[61.]

Ein muthiger Knabe

 47

Der Beifügesatz umschreibt ein Eigenschaftswort

[62.]

Flora

 48

Desgl. ein Mittelwort

[63.]

Eine Bergpartie

 49

Desgl. ein Besitz anzeig. Fürw.

[64.]

Verschiedene Besitzungen

 50

Desgl. eine Ortsbestimmung

[65.]

Ein Todtenbette

 51

Desgl. eine Zeitbestimmung

[66.]

Deutschland

 52

Desgl. eine Art u. Weise

[67.]

Der Lebensmüde

 53

Desgl. einen Grund oder Zweck

[68.]

Vaterlandsliebe

 54

Desgl. ein Hauptw. im 2. Falle

[69.]

Gleiche Rechte, gleiche Pflichten

 55

Desgl. ein Zeitw. in reiner Form

[70.]

Das kindliche Spiel

 56

Desgl. ein Doppelhauptw.

[71.]

Räthsel

 56

Desgl. eine Zahlbestimmung

[72.]

Die Bienen

 57

Desgl. eine Apposition

[73.]

Biblische Beinamen

 57

[ Wiederholung.]

Alle Arten Beifügungen

[74.]

Der sterbende Löwe

 58

Desgl.

[75.]

Das Wasser

 59

2. Abgekürzte Beifügesätze

[76.]

Bete und arbeite

 60

[ Wiederholung.]

Vollständ. u. abgekürzte Beifüges.

[77.]

Napoleon I.

 61

[Hauptwiederholung.]

Subjectiv-, Prädikat- und Beifügesätze

[78.]

Die Sklaven

 62

[IV. Ergänzungssätze.]

[1. Vollständige Ergänzungssätze.]

Im 4. Falle

[79.]

Saat u. Ernte

 63

Desgl.

[80.]

Die kranke Freundin

 64

Im 3. Falle

[81.]

Lebensregeln

 65

Desgl.

[82.]

Mütterliche Lehren

 65

Im 2. Falle

[83.]

Kindespflicht

 66

Der Ergänzungss. umschreibt ein Hauptw. mit Verhältnißwort

[84.]

Ein edler Fürst

 67

Desgl. ein Zeitw. in abhängiger Form

[85.]

Der alte Räuberhauptmann

 67

Der Ergänzungss. in unbestimmter Redeweise

[86.]

An der Indianergrenze

 68

2. Abgekürzte Ergänzungssätze

[87.]

Der Tollkühne

 69

[ Wiederholung.]

Verschiedene Arten der Ergänzungssätze

[88.]

Der feuerspeiende Berg

 69

[Hauptwiederholung.]

Subjectiv-, Prädikat-, Beifügungs- u. Ergänzungssätze

[89.]

Das Reisen

 71

[V. Anführungssätze.]

[1. Wörtlich.]

Der Hauptsatz voran

[90.]

Die Bibel der Natur

 72

Desgl. zuletzt

[91.]

Beim Brande

 73

Desgl. in der Mitte

[92.]

Zwiespalt

 74

[ Wiederholung.]

Alle drei Fälle abwechselnd

[93.]

Die Weidenraupe

 74

[2. Nicht wörtlich.]

Der Hauptsatz voran

[94.]

Das Wetter

 75

Desgl. zuletzt

[95.]

Am Krankenbette

 76

Desgl. in der Mitte

[96.]

Der Fund

 76

[ Wiederholung.]

Alle drei Fälle

[97.]

Ochs und Esel

 77

Wörtlich u. nicht wörtlich

[98.]

Das Gespenst

 78

[Hauptwiederholung.]

Subjectiv-, Prädikat-, Beifüge-, Ergänzungs- u. Anführungssätze

[99.]

Ehre das Alter

 79

[VI. Umstandssätze.]

[1. Umstandssätze des Ortes]

[100.]

Unschuldig Verfolgte

 80

Desgl.

[101.]

Reichthum

 81

[2. Umstandssätze der Zeit.]

[a. Gleichzeitigkeit.]

[102.]

Peter der Große

 83

Desgl.

[103.]

Aus dem Tagebuche eines Kriegers

 82

[b. Ungleichzeitigkeit.]

[104.]

Gewissenhaftigkeit

 84

[ Wiederholung.]

Gleich- und Ungleichzeitigkeit

[105.]

Das Wüstenungeheuer

 84

Umstandssätze des Ortes und der Zeit

[106.]

Die Missionäre

 85

[3. Umstandssätze der Art u. Weise.]

[a. Unverkürzt.]

[aa. Ohne Vergleichung.]

[107.]

Roderich

 86

[bb. Mit Vergleichung.]

[108.]

Ein Sprichwort

 87

[b. Abgekürzt.]

[109.]

Auf der Wolfsjagd

 88

[ Wiederholung.]

Unverkürzt u. abgekürzt

[110.]

Die Rettung

 89

Umstandssätze des Ortes, der Zeit u. der Art und Weise

[111.]

Eine Lebensgeschichte

 90

[4. Umstandssätze des Grundes.]

[a. Wirkliche Gründe.]

[aa. Stoff. Ursache. Erkenntnißgrund.]

[112.]

Die Fledermaus

 91

[bb. Beweggrund. Zweck. Ziel.]

[113.]

Mutterliebe

 92

[ Wiederholung.]

Alle Arten Umstandssätze des Grundes

[114.]

Der Mensch

 93

Umstandssätze des Ortes, d. Zeit, der Art u. Weise u. des wirklichen Grundes

[115.]

Der Apfelbaum

 94

[b. Mögliche Gründe.]

[aa. Bedingungssätze.]

[116.]

Der sterbende Vater

 95

[bb. Einräumungssätze.]

[117.]

Die Zunge

 96

[ Wiederholung.]

Bedingungs- und Einräumungssätze

[118.]

Bildung

 96

Umstandssätze des Ortes, der Zeit, der Art u. Weise, des wirklichen u. möglichen Grundes

[119.]

Die Raubritter

 97

[5. Einschaltsätze.]

[120.]

Ein Dieb

 99

[Hauptwiederholung.]

Subjectiv-, Präd.-, Ergänz.-, Umstands-, Anführungs- und Einschaltsätze

[121.]

Der Mäusethurm

 99

[F. Mehrfach gegliederte Sätze etc.]

Alle Arten Sätze

[122.]

Gellert

102

Desgl.

[123.]

Geistesgegenwart

103

Zwei vollständige Satzgefüge verbunden

[124.]

Schlaf u. Tod

105

Es beziehen sich mehrere Nebensätze auf einen Hauptsatz

[125.]

Die Zukunft

105

Desgl.

[126.]

Hier und dort

106

Desgl.

[127.]

Das Turnen

107

Der Nebensatz enthält wieder einen Nebensatz

[128.]

Die Thierschutzvereine

107

Desgl.

[129.]

Ein Apfelkern

108

Desgl.

[130.]

Eine Wohlthäterin

109

Der Anführungssatz ist ein Satzgefüge

[131.]

Grille und Ameise

110

Zusammengezogene, zusammengesetzte Sätze u. Satzgefüge verbunden

[132.]

Eine Geburtstagsscene

111

Die Periode

[133.]

An Dich

112

C. Der zusammengezogene Satz.

I. Einfache Zusammenziehungen.

1. Der Wilderer.

(Zwei Subjecte.)

Der Mond und die Sterne standen bereits am Himmel. Ihr Glanz und ihr Geflimmer warfen einen matten Silberschein auf die stille Flur. Ringsumher lagerten tiefe Ruhe und ernster Friede. Nur einzelne Frösche und Unken erhoben in dem schilfdurchwachsenen Teiche noch ihre Stimmen.

Da traten ein Vater und sein erwachsener Sohn aus einem Gebirgswalde hervor. Aus ihren Zügen sprachen Rohheit und finsteres Wesen. Ihre leisen Schritte und ihre ganze Haltung bekundeten große Vorsicht.

Auf des Sohnes Schultern lagen ein Reh und zwei Hasen. Ueber den Rücken des Alten hingen eine kurze Büchse und ein großes Netz. Ihr Aeußeres und ihr scheues Verhalten ließen sie sofort als Wilddiebe erkennen.

Stumm schlichen Vater und Sohn über die Felder dahin. Kein Wort, kein Laut kam über ihre Lippen.

Bald hatten beide ein kleines Gebüsch erreicht. Hier aber traten ihnen plötzlich der Flurschütz und sein Hund entgegen. Schreck und Verwirrung bemächtigten sich der Diebe. Das kräftige Halt und die angelegte Doppelbüchse des Flurschützen kamen ihnen doch zu unerwartet. Weder Vertheidigung noch Flucht konnte sie retten. Blut und Leben hätten dabei auf dem Spiele gestanden.

Nach wenig Minuten schritten der alte und der junge Wilddieb als Gefangene voran. Der Flurschütz und sein Hund folgten. Traurig blickten Mond und Sterne auf das düstere Bild hernieder.

Wuth und Aerger lagerten auf den Zügen der beiden Verbrecher. Ihr Weg führte in die Frohnveste. Nach etwa einer Stunde sperrten sie Schloß und Riegel von dem freien Leben ab.

Wochen und Monate zogen an ihren Kerkermauern vorüber. Endlich erfolgten das letzte Verhör und der Richterspruch. Feld- und Wilddieberei werden vom Gesetze hart geahndet. Vater und Sohn wanderten auf das Zuchthaus. Hier quälten sie nun freilich Reue und Gewissensbisse. Doch die Erkenntniß kam zu spät. Ehre und Freiheit waren verspielt.

Was aber hatte jene Beiden nach und nach auf die verbrecherische Laufbahn geführt? Arbeitsscheu und Leichtsinn waren die einzige Ursache.

2. Drei Verdienstvolle.

(Mehrere Subjecte.)

Kuh, Ziege und Schaf sind außerordentlich nützliche Hausthiere. Nicht nur ihr Tod, sondern auch ihr Leben gewähren uns mancherlei Vortheile. Milch, Butter und Käse würzen ja fast täglich unser Mahl. Sowohl die Kuh und die Ziege als auch das Schaf erzeugen durch ihren Dünger Fruchtbarkeit der Aecker. Wird den Kindern nicht oft auch ein Ziegenböcklein oder ein Lamm zum Vergnügen gehalten?

Noch mehr Vortheil und Gewinn erwachsen aus ihrem Tode. Nicht blos Rind und Schöps, sondern auch das Ziegengeschlecht geben uns ein nahrhaftes Fleisch. Rinder-, Schöpsen- und Ziegenbraten essen wol alle Leute gern. Aber nicht blos ihr Fleisch, sondern auch ihr Fell, zudem ihre Haare und ihre Hörner sind sehr nützliche Artikel. Stiefeln, Schuhe und Pantoffeln, außerdem Taschen, Gürtel und Riemen, sogar Zäume und Sättel wachsen auf dem Rücken des Rindes. Weder Arme noch Reiche können deshalb dasselbe entbehren.

Aus dem Felle der Ziege erstehen haltbare Schürzen, feste Handschuhe, sogar dauerhafte Beinkleider. Haus-, Schaf- und Reisepelze, sowie auch Müffe, Pelzstiefel und Reisedecken kommen vom Felle des Schafes. Und wie viel Kleidungsstücke, Stickereien und andere Schmuckgegenstände werden nicht erst aus seiner Wolle gefertigt!

Den außerordentlichen Nutzen dieser Thiere erkannten schon die ältesten Nationen und Völkerstämme. Schon Abraham, Isaak und Jakob besaßen große Heerden. Rinder und Schafe bildeten ihre größten Reichthümer.

3. Die zahme Gans.

(Zwei Aussagen.)

Die Gans ist ein Haus- und Wasservogel. Ihr Rumpf ist oval und ziemlich stark. Ihre Füße haben Nägel und Schwimmhäute. Ihr Hals ist lang und sehr beweglich. Der Schnabel hat eine breite Gestalt und eine abgerundete Spitze. Das Gefieder ist dicht und oft buntfarbig.

Die Stimme der Gans ist weder klangvoll noch melodisch. Sie schnattert und gackert blos. Ihr Gang ist breitspurig und wacklig. Sie schwimmt zwar vortrefflich, fliegt aber schwerfällig. Ihre Eier sind allerdings groß, aber als Speise nicht eben gesucht. Ihr Fleisch dagegen ist sehr wohlschmeckend und darum beliebt.

Die Gans ist namentlich wegen ihrer Federn sehr nützlich und deshalb sehr verbreitet. Sie wird daher in manchen Gegenden ganz besonders gehegt und gepflegt.

4. Martin.

(Mehrere Aussagen.)

Martin war seinen Eltern ein unfolgsames Kind, in der Schule ein fauler Schüler und überhaupt ein ungezogener Knabe. Er war nicht blos zänkisch und schadenfroh, sondern auch lügenhaft und tückisch. Sein ganzes Benehmen war roh, wild und flegelhaft. Er hörte auf keine Mahnung, achtete keinen Tadel, ließ sich durch keine Strafe bessern.

Seine Bücher hatten nicht nur Schmuzflecken und Blattohren, sondern auch keine Schalen mehr. Seine Kleider waren selten ganz, reinlich und in guter Ordnung. Natürlich wurden seine Schulcensuren immer geringer, kläglicher und entehrender.

So war Martin seinen Eltern ein Angst-, Sorgen- und Schmerzenskind. Ebenso hatte der Lehrer mit ihm nichts als Verdruß und Aerger.

Und was war die traurige Folge von all diesen Jugendsünden? Martin wurde später ein Faulenzer, ein Betrüger, ein Dieb und zuletzt ein Bewohner des Zuchthauses.

5. Ein guter König.

(Zwei Beifügungen.)

Ein weiser und gerechter König ist für ein Land ein großes Glück. Er sorgt für das Wohl der Städte und Dörfer. Er fördert die Stätten der Wissenschaft und Kunst.

Seine ebenso wohlwollenden als strengen Gesetze gewähren allen Unterthanen Schutz. Er unterstützt den Fleiß der Handwerker und Bodenbebauer. Er weiß den Segen einer guten Schulbildung und einer frommen häuslichen Erziehung zu würdigen. Er spendet jedem wirklichen Verdienste wohlverdiente und ermunternde Anerkennung.

So strömt Segen von seinem erhabenen, gottbegnadeten Throne über das ganze Land. Allenthalben erblüht geistiges und leibliches Glück.

Das Volk weiß dann aber auch ein solch fürsorgliches und väterliches Regiment zu schätzen. Mit vertrauensvollen und dankbaren Herzen blicken Alle zu dem Throne auf. Jeder Gutgesinnte zeigt nicht blos freudigen, sondern selbst aufopfernden Gehorsam. Für einen solchen Fürsten zieht das Volk willig in den gefahrvollen, blutigen Kampf. An der Gruft eines solchen Landesvaters steht es mit Herzen voll Weh und Schmerz.

6. Der Bergmann.

(Mehrere Beifügungen.)

Der Bergmann hat einen nicht blos mühsamen, sondern auch gesundheits-, ja lebensgefährlichen Beruf. In dem tiefen, dunklen, unheimlichen Schachte ist seine Werkstätte. Die unterirdische ununterbrochene Nacht ist sein Werkeltag. Das kleine, dürftige Flämmchen seiner Grubenlaterne ist seine Sonne.

Die Gefahr zu ersticken, zu verbrennen oder verschüttet zu werden schwebt fortwährend über seinem Haupte. Kann doch jeden Augenblick ein sogenanntes böses Wetter aus dieser oder jener Wand hervorbrechen. Kann doch jeden Tag das an sich zwar feste, aber weitgespannte Steingewölbe über dem armen ruhig arbeitenden Manne zusammenbrechen. Nicht selten droht ihm auch Unheil durch des Wassers tückische, verheerende Macht.

Leider sind dergleichen schreckbare, grauenhafte, herzerschütternde Unglücksfälle gar nicht selten. Die Bergwerke wurden schon für Tausende von braven, biedern, redlich sich nährenden Menschen zum frühen, jammervollen Grabe.

All diesen Gefahren aber geht der Bergmann tagtäglich mit muthigem, gottvertrauendem Herzen entgegen. Er zeigt überhaupt viel frommen, gottesfürchtigen Sinn.

Vor jedem größeren Bergwerke erblickt man ein kleines, einfaches Bethaus. Hier stärkt er sich durch eine zwar kurze, aber erhebende Andacht zu dem schweren und gefahrvollen Gange in die Tiefe.

Trotz der Arbeit voller Aengste und Bedrohnisse erhält der Bergmann aber doch nur einen bescheidenen, fast kärglichen Lohn. In Bergmanns Hütte herrscht daher nicht selten bittere, drückende Noth. Schwarzes, trockenes Brod bildet häufig seine Mahlzeit nach einer langen, erzfundreichen Schicht. Sein zufriedenes, genügsames Gemüth hilft ihm indeß auch dieses schwere, freudenleere Loos ertragen.

7. Die Sonne.

(Zwei und mehrere Ergänzungen.)

Die Sonne führt verschiedene Titel und Namen. Der Dichter nennt sie die Mutter der Erde, die Königin des Tages, auch wol den Quell alles Lichtes. Der Sternkundige bezeichnet sie einfach als Fix- oder Standstern.

Unendlich groß sind ihre Segnungen. Sie regiert Tag und Nacht. Sie spendet der Erde Licht und Wärme. Ihr milder Strahl erquickt sowohl die Menschen als auch die Thiere und die Pflanzen.

Sie ruft den Frühling und den Sommer. Sie läßt den Herbst und den Winter einziehen. Sie zaubert das zarte Keimblättchen aus der Erde, die üppige Knospe aus dem Zweige, die purpurne Blüthe aus dem Kelche, die goldene Frucht an des Baumes Krone.

Sie zeugt die Raupe in dem winzigen Ei und den Schmetterling in der geheimnißvollen Puppe. Ihre segnende Bahn streut Leben, Glück und Freude aus. Sie scheint Gerechten und Ungerechten.

Und wie verherrlicht sie ihren Auf- und Niedergang! Welche Genüsse bereitet sie da dem Auge und dem gefühlvollen Herzen! Wen sollte nicht ein schöner Sonnenaufgang sowohl mit Bewunderung und Entzücken, als auch mit Dankgefühlen und stiller Andacht erfüllen? In wem erzeugte nicht ein schöner Sonnenuntergang nicht allein frohes Staunen, sondern auch ernste Betrachtungen?

Die Größe und Majestät der Sonne erkannten daher auch schon die ältesten Völker. Einige ließen ihr sogar Anbetung und göttliche Verehrung zu Theil werden.

8. Der Blinde.

(Desgleichen.)

Ein Blinder hat ein unsäglich schweres Loos, ein unendlich hartes Geschick zu ertragen. Sein Leben ist reich an Gefahren und Entbehrungen. Ihn kann weder der farbige Blumenteppich des Frühlings, noch das blitzende Diamantkleid des Winters, weder das majestätische Sternenzelt, noch das liebe Bild eines schönen Menschenantlitzes erfreuen.

Er kann nie des Entzückens über eine reizende Landschaft, nie des Jubels über das herrliche Farbenspiel eines Regenbogens, nie auch der ergreifenden Gemüthsbewegung bei dem Anblicke wildzuckender Blitze theilhaftig werden. Auf jedem seiner Wege muß er stets seiner Unsicherheit und Hülflosigkeit eingedenk sein. Er muß jeden Laut, jedes kleine Geräusch beachten. Nur selten kann er des Stockes oder einer leitenden Hand entbehren.

Ein solcher Unglücklicher verdient daher unser Mitleid, unsere herzlichste Theilnahme, unsere Unterstützung. Man muß natürlich an jedem Unglücklichen, ganz besonders aber an dem Tauben, Stummen und Blinden Barmherzigkeit üben. Ein diese Pflicht Vergessender ist weder unserer Achtung und Liebe, noch des Christennamens und der Gnade Gottes würdig.

9. Eine Landplage.

(Mehrere Ortsbestimmungen. Verhältnißwort.)

Sowohl in Ungarn als auch in Serbien und Bosnien hausten ehedem sehr gefährliche Räuberbanden. Ihre Schlupfwinkel befanden sich in den dortigen Gebirgen und Wäldern. Ihre Lager schlugen sie in Höhlen und Felsenkesseln auf.

Weder in den Städten, noch in den Dörfern war man vor diesem rohen Gesindel sicher. Einzelne der kühnen Gesellen wagten sich sogar am hellen Tage auf die Marktplätze, auf öffentliche Vergnügungsorte und in die Gotteshäuser. Kein Reisender konnte auf Wegen und Straßen für sein Leben unbesorgt sein. Immer mußte er ängstlich vor, neben, um und wol auch hinter sich blicken. Konnte ja doch jeden Augenblick ein solcher Wegelagerer aus einem Dickicht, hinter einer Felsenecke oder aus irgend einer Vertiefung hervorgesprungen kommen. Konnte ja doch auf jedem Schritte das tödtliche Rohr für ihn schon an einem Baumstamme, auf einem Erdhügel oder auf einer Felsenkante angelegt sein.

So war aller Verkehr diesseits und jenseits der Donau höchst unsicher gemacht. Nur mit Hülfe des Militärs vermochte man endlich dem Unwesen zu steuern.

Ganze Compagnien mußten in Bergen und Thälern umherstreifen. Nach Süd und Nord, nach Ost und West gingen einzelne Abtheilungen. Diese bewaffneten Männer spähten unter jeden Haufen dürrer Blätter, hinter jeden Steinblock, in jede Felsenspalte, nach jedem kleinen Thalkessel.

Viele von den Räubern wurden in ihren Verstecken oder auch im freien Walde gefangen. Man führte sie zunächst auf die Militärwachen oder auch sofort in die Gefängnisse. Viele der Raubgesellen fanden ihren Tod auf der Stelle oder später am Galgen. Andere wurden lebenslänglich in die Zuchthäuser oder in andere Strafanstalten geschickt. Einzelne Räuberhäuptlinge büßten ihr verbrecherisches Leben bis an dessen Ende theils in unterirdischen Gefängnissen, theils in stockfinstern Festungszellen.

Die Bewohner der dortigen Gegend aber athmeten nun wieder freier unter ihren Dächern und auf ihren Wanderungen.

10. Der Christbaum.

(Desgl. Umstandswort.)

Clemens schrieb kurz nach dem Weihnachtsfeste an seine kleinen Vettern in Reichenbach und Chemnitz. An den einen berichtete er Folgendes über den Christbaum:

Der Christbaum stand mitten in der Stube auf dem Tische. Er war oben und unten auf das prächtigste geschmückt.

Hier und da blitzten lange Perlenschnuren. Links und rechts flatterten goldene Fähnchen an den Zweigen. Silberpapierne Vögelchen schwebten vermittelst dünner Gummifädchen rückwärts und vorwärts. Eine Menge allerliebster Engel schienen innen und außen auf- und nieder zu steigen.

Inmitten der blitzenden Krone hing ein großer Ruprecht. Er trug hinten und vorn einen Sack. Mit der Rechten bewegte er eine lange Ruthe hin und her. Mit der Linken zeigte er bald aufwärts, bald abwärts.

Hier und dort erblickte man auch vergoldete Schäfchen. Wol an dreißig brennende Kerzen sendeten ihre Strahlen nach den großen Pfeilerspiegeln hinüber und herüber. Und so war das ganze Zimmer bis in alle Ecken und Winkel festlich erleuchtet.

11. Der Kranke.

(Zwei Zeitbestimmungen.)

„Wie geht es Deinem kranken Bruder?“ So fragte Paul den ihm begegnenden Moritz.

Moritz. Seit vorgestern und gestern war das Fieber im steten Steigen begriffen. Früh und abends phantasirte er sehr lebhaft. Seit zwei oder gar seit drei Tagen hat der arme Junge keinen einzigen Bissen Nahrung zu sich genommen.

Paul. O weh! Da kann ich ihn wol weder heute noch morgen besuchen?

Moritz. Vor Sonntag oder Montag wird das der Arzt kaum erlauben. Selbst ich darf unter drei, vier Tagen nicht zu ihm.

Paul. Wie oft kommt denn der Arzt zu ihm?

Moritz. Der Arzt besucht ihn vor- und nachmittags, zuweilen auch noch einmal abends acht Uhr.

Paul. Welche Heilmittel wendet denn der Arzt an?

Moritz. Früh und abends wird er in feuchte Tücher eingeschlagen. Darauf schwitzt er eine Stunde, auch zwei Stunden. Nun reibt ihn mein Vater fünf bis zehn Minuten mit einem wollenen Tuche trocken. Nach dem Schweiße kommt er 20–30 Sekunden in ein kühles Bad. Der hierauf eintretende Schlaf währt zuweilen eine halbe, auch eine ganze Stunde.

Paul. Gewiß ist Deine gute Mutter recht besorgt um den Kranken?

Moritz. Sie sitzt Tag und Nacht an seinem Bette. Sie hat sich schon seit Tagen und Wochen keinen ordentlichen Schlaf vergönnt. Morgen und übermorgen aber wird mein Vater eine Krankenpflegerin für sie eintreten lassen.

Paul. Vor vier, sechs Wochen wird da wol Dein Bruder nicht in die Schule kommen?

Moritz. Vielleicht gar vor drei oder vier Monaten nicht. Er ist zu sehr entkräftet.

Paul. Möge ihn der liebe Gott recht bald und dann für immer gesund werden lassen!

12. Die Glocken.

(Desgleichen.)

Hoch auf dem Thurme hängen die Glocken. Ihre ehernen Zungen tönen früh und spät in die weite Welt hinein.

Des Morgens und des Abends mahnen sie zum Gebet. Wie ernstfreundlich klingt doch des Kirchglöckleins Stimme während des Sonnenauf- und Sonnenunterganges!

An Sonn- und Festtagen rufen sie zum Gotteshause. Wie feierlich ertönt sowohl zur lieben Weihnachts- als auch zur lieben Osterzeit der harmonische Glockengruß!

Tiefernst stimmt uns das Kirchengeläute beim Scheiden des Jahres, an Buß- und Bettagen. Fast wehmüthig zittert es zur Zeit eines Begräbnisses oder gar zur Stunde eines Hochgerichts an unser Ohr.

Geradezu schauerlich aber hallt der Nothruf der Glocke während einer Feuersbrunst oder eines Volksaufstandes durch die Straßen.

Ihr Ruf ertönt aber nicht blos an den Tagen ernster Feier, zur Stunde trauriger Familiengeschicke, in den Minuten drohender Gefahr und während der Augenblicke blutiger Sühne, sondern auch zur Zeit froher Feste und freudiger Familienereignisse.

So verkündet z. B. auf dem Lande die Kirchenglocke minuten-, ja viertelstundenlang die Taufe eines Kindes. Dort stimmen die Glocken am Tage der Geburt des Landesvaters, bei Einweihungen kirchlicher Gebäude, bei feierlichen Einzügen und zu besonders festlichen Trauungen ihren freudigen Lobgesang an.

So sind die Kirchenglocken Sommer und Winter, Tag und Nacht theilnehmende Wächter ob des bewegten Menschenlebens. Diesen Dienst aber versehen sie nicht blos erst zehn oder fünfzig, sondern schon seit Hunderten von Jahren.

Früher oder später werden sie auch Dir Dein Grablied singen.

13. Elise.

(Zwei Bestimmungen der Art und Weise.)

Elise hatte sich auf einem Spaziergange in den Wald plötzlich und auf ganz unerklärliche Weise eine Erkältung zugezogen. Sie wurde nicht blos leichthin, sondern sogar gefährlich krank. Kopf und Brust bereiteten ihr theils abwechselnd, theils gleichzeitig viel Weh.

Mehrere Nächte verbrachte sie schlaflos und äußerst aufgeregt. Unter diesen Umständen waren die Eltern bald mehr, bald weniger um sie besorgt.

Sie ertrug indeß alle Schmerzen still und geduldig. Bereitwillig und ohne eine Miene zu verziehen nahm sie die von dem Arzte verschriebene bittere Arzenei. Ergeben und zugleich vertrauensvoll unterwarf sie sich allen Kurversuchen. Sogar das schmerzhafte Saugen mehrerer Blutegel erduldete sie standhaft und ohne jeglichen Seufzer.

Diesem rühmlichen Verhalten folgte aber auch endlich die Genesung schnell und sicher. Nach vier Wochen war Elise gründlich und darum nachhaltig kurirt. Frisch, munter und fröhlich hüpfte sie nun wieder mit ihren Gespielen im Garten umher.

Ihre Eltern aber dankten dem lieben Gott ebenso aufrichtig als herzlich für die ihrer Tochter neugeschenkte Gesundheit.

14. Das Kanonenfieber.

(Desgleichen.)

Nicht ohne Schreck und eine gewisse Verzagtheit las Melchior den Ruf zu den Waffen. Unter Thränen und Seufzen nahm er Abschied von den Seinigen. Mit trübseligen Gedanken und niedergeschlagnen Augen marschirte er inmitten seines Regimentes zum Thore hinaus.

Seine Kameraden sangen aus voller Kehle und muthiger Brust ihre frischen Soldatenlieder. Melchior schritt stumm und bänglich dahin.

In guter Stimmung und noch bei frischen Kräften überschritt endlich das Regiment die feindliche Grenze. Ebenso kühn als schnell warf sich ihm der Feind entgegen. Zwar in größter Eile, aber dennoch vorsichtig nahm das Regiment Stellung.

Unter Horn- und Trommelsignalen begann der Kampf. Summend und zischend durchkreuzten die tödtlichen Geschosse die Luft. Theils stumm, theils mit einem jähen Aufschrei brachen die von den Kugeln Getroffenen zusammen.

Melchior erbebte bei den ersten Schüssen ganz entsetzlich, fast wie ein furchtsames Kind. Von Todesangst und einer gewissen Betäubung ergriffen stand er in Reihe und Glied. Zitternd und darum ohne jegliches Ziel feuerte er seine Schüsse ab. Fast wider Willen und ohne Selbstbewußtsein ging er mit vorwärts.

Zehn Minuten lang war jetzt mit außerordentlicher Erbitterung, aber noch ohne Erfolg gekämpft worden. Da kam plötzlich und in fast wunderbarer Weise ein ganz anderer Geist über Melchior. Er stellte sich kalt und mannhaft dem Feinde gegenüber. Er zielte mit Ruhe und Sicherheit. Schnell und unerschrocken benutzte er jede Gelegenheit zu seiner Deckung. Mit Ungeduld und sichtlicher Kampfbegeisterung erwartete er das Signal zum Vorwärtsgehen. Beim schließlichen Sturmangriffe eilte er sonder Furcht und Todesangst allen Anderen voran.

Sein Regiment errang endlich unter fast übermenschlichen Anstrengungen und großen Opfern den Sieg.

Und Melchior?

Ihm überreichte sein Commandant vier Wochen nach der Schlacht mit militärischer Feierlichkeit und herzlicher Ansprache eine ehrenvolle Auszeichnung.

15. Gott und wir.

(Zwei Beweggründe.)

Der liebe Gott schenkt uns Alles aus Liebe und Güte. Er verschiebt die Strafe des Sünders aus Geduld und Langmuth. Er vergibt uns unsere Schuld aus lauter Gnade und Barmherzigkeit.

Aus Liebe und Dankbarkeit müssen wir ihm deshalb gehorchen lernen. Unsere Besserung darf nicht aus Angst oder Furcht geschehen. Wir müssen uns aus vollster Ueberzeugung und mit aufrichtigem Vertrauen ihm stets als Kinder gegenüber stellen.

16. Die Kuh.

(Zwei Zwecke.)

Die Kuh wird zur Zucht und auch zum Zuge verwendet. Sie gewährt deshalb für Stadt und Land großen Nutzen.

Um ihrer Milch und ihres Düngers willen hält man sie oft in großen Heerden. Ihre Milch wird nicht blos als Getränk, sondern auch zu Butter und Käse verbraucht. Ihr Fleisch dient zu Braten und zu verschiedenen andern Speisen. Ihre Haut trägt sie für Schuhmacher, Sattler und Riemer zu Markte. Ihre Hörner sind für Drechsler und Knopfmacher bestimmt.

Wegen dieses allgemeinen Nutzens wird auch die Kuh in manchen Gegenden zum Heirathsgute oder zu einem andern Geschenke erhoben.

17. Der kleine Künstler.

(Zwei Stoffe.)

Julius war ein außerordentlich geschickter Knabe. Er verstand aus den unbedeutendsten Dingen und Stoffen allerhand Spielereien zu fertigen. Aus abgesetzten Korken und weggeworfenen Lederstückchen schnitzte er allerliebste Landschaften.

Aus Baumrinde, Moos und Flechten baute er kleine Einsiedeleien. Aus buntem Papier und den Abfällen in der Glaserwerkstatt wußte er niedliche Glasschränkchen herzustellen. Aus Pappstreifen und bunten Leinwandabschnittchen formte er allerhand Schächtelchen. Aus Cigarrenkastenbretchen und den Deckeln zerbrochener Schachteln entstanden unter seinen Händen bewegliche Windmühlen. Thiere schuf er gewöhnlich aus Mehl und Wasser. Menschen wurden von ihm aus Wachs oder Pech gebildet.

Mit diesen Sächelchen aus festen Stoffen oder ursprünglich weichem Material erfreute er dann seine Geschwister besonders zur Weihnachtszeit.

Wiederholung.

(Alle Arten Zusammenziehungen.)

18. Ludwig und Günther.

Ludwig und Günther nannten sich gute Freunde. Beide aber waren faule, ungezogene und rohe Buben. Ueber ihre Lippen ging selten ein sanftes oder ein gutes Wort. Häufig stießen sie nicht blos Schimpfworte und gemeine Reden, sondern sogar Flüche und Verwünschungen aus.

Während ihrer freien Zeit trieben sie sich in Wäldern und Gebüschen umher. Dabei war im Frühlinge und Herbste ihr Hauptabsehen auf das Wegfangen von Singvögeln gerichtet. Diese Schändlichkeit führten sie durch Aufstellen von Leimruthen, Netzen, Sprenkeln und andern Schlingen aus. Mit den armen Gefangenen aber gingen sie nicht selten äußerst roh und herzlos um. Oft marterten sie die unglücklichen Thierchen aus purer Laune und Schadenfreude auf das entsetzlichste. Schließlich wurden dieselben in ein enges Leinwandsäckchen oder gar in einen Strumpf gesteckt.

So wanderten die Aermsten zum Verkaufe oder zum Verschenken aus ihrem Paradiese hinaus. Die Freiheit und den grünen Wald sah keiner der Unglücklichen wieder. Lebenslänglicher Kerker oder ein elender Tod ward ihr Loos.

Zum Glück und zur Freude aller Gutgesinnten legte man endlich den bösen Knaben ihr gottloses Treiben. Sie wurden eingezogen, verhört, verurtheilt und auf zwei Jahre in eine Strafanstalt abgeführt.

Zu ihrem eigenen Heile kehrten sie aus dieser Anstalt nach überstandner Buße als gebesserte, gute und brauchbare Menschen zurück.

19. Die Luft.

(Fortsetzung.)

Die Luft besteht aus Stickstoff, Sauerstoff, Wasserstoff und Kohlensäure. Stickstoff und Sauerstoff sind in großer Menge in ihr vorhanden.

Viele Merkmale und Eigenschaften hat sie mit andern Körpern gemein. Sie ist undurchdringlich, durchsichtig, schwer und elastisch. Sie nimmt verschiedene Grade der Kälte und der Wärme an. Deshalb berührt sie uns zuweilen heiß, warm, lau, kalt, sogar eisig kalt.

Die Luft durchdringt die winzigsten Zellen der Thierkörper und der Pflanzen. Sie findet sich ebensowohl in der Tiefe des Meeres als im Innern des größten Felsenberges. Für alles Leben und Gedeihen ist sie die erste Bedingung.

Ihre Bewegungen und Strömungen sind stets wechselnder Natur. Als lindes Säuseln weht sie durch Hain und Flur. Als scharfer Zug pfeift sie durch Fenster und Thüren. Aehrenfelder, einzelne Baumgipfel und ganze Wälder bewegt der Wind.

Er setzt die Windmühle und die Segelschiffe in Bewegung. Er trägt den leichten Drachen und die schwere Wolke. Pfeifend und heulend saust er als Sturm daher. Als Orkan richtet er in Obstgärten, in Wäldern, auf dem Meere, in Dörfern und Städten oft gewaltige Verheerungen an.

Die Luft vermittelt jeden Schall, jeden Laut, jeden Ton, jeden Knall. Ihre Wellen tragen das Murmeln der Bäche, das Summen der Käfer, das Lied der Nachtigall an unser Ohr. Auf ihren Schwingen rollt der knirschende Donner und der dumpfe Knall der schweren Geschütze dahin. Sie vermittelt unsern Herzen das Flehen des Armen, das Seufzen des Leidenden, den Hülferuf des Verunglückten, den Trost theilnehmender Freunde.

So belebt sie nutzbringend und segenspendend das unendliche All.

20. Einfache Kost.

(Fortsetzung.)

Wasser, Salz und Brod macht die Wangen roth. Das ist ein altes und ein wahres Sprichwort. Wo blieben sonst die markigen Gestalten, die kräftigen Arme und die blühenden Gesichter der armen Gebirgsbewohner?

Die Tafeln der Grafen, Herzöge, Könige und Kaiser möchten brechen unter der Last der feinsten Leckerbissen. Sind diese Herren aber deshalb etwa die gesündesten und kräftigsten Menschen? Starb nicht schon mancher Fürst in der Blüthe seiner Jahre, im kräftigsten Mannesalter?

Möge der Arme darum nicht neidisch weder nach den Kapaunen, Austern und Torten, noch nach den Weinhumpen und Methgläsern der Reichen blicken. Bei zufriedenem Sinn und Hunger ist auch die einfache Kartoffel eine leckere Speise. Gaumenkitzel und Zungenweide sind ja oft nur eingebildete Dinge.

Dein Mahl aus einfachem Gemüse und Schwarzbrod erscheint vielleicht sogar manchem Reichen als genußreich. Möglicherweise haben ihm die allzu fetten Speisen den Magen geschwächt oder gar schon verdorben.

Einfache, aber kräftige Kost ist unter allen Umständen der Gesundheit am dienlichsten.

21. Zwei Brüder.

(Fortsetzung.)

Hans und Otto waren Brüder. Heiterkeit und Frohsinn, sowie Verträglichkeit bildeten die Hauptmerkmale ihres Charakters. Fleiß, wie auch Ordnungsliebe zeigte jeder. Nicht nur der Vater, sondern auch die Mutter waren stolz auf diese Kinder.

Hans galt für einen guten Turner und Schwimmer. Otto leistete viel im Zeichnen und Malen. Ersterer sah frisch und blühend aus. Letzterer war etwas blaß und hager. Beide lernten und arbeiteten um die Wette.

Diese treuen, strebsamen Brüder waren bei Jedermann beliebt. Der Fleiß des Hans und des Otto wurden andern Kindern zum Vorbilde aufgestellt. Otto’s Zeichnungen und Bilder bewunderte man. Von dem Muthe und der Gewandtheit des Hans erzählte man sich überall.

Große und kleine Kinder gingen mit Respekt an diesen Knaben vorüber. Beide jedoch blieben bescheiden und demüthig. So brav und gut sollten alle Knaben und Mädchen sein.

II. Mehrfache Zusammenziehungen.

22. Zwei berühmte Sänger.

(Subjecte, Ergänzungen, Beifügungen etc.)

Nachtigall und Grasmücke sind liebliche Wald- und Singvögel. Sie lieben das niedere, schattige Gebüsch an Flüssen und Teichen.

Ihr einfaches, schlichtes Kleid kann sich weder mit dem bunten Gefieder des Gimpels, noch mit dem vielfarbigen Gewande des Finken messen. Ihr wundervoller, herrlicher Gesang aber macht sie zu Lieblingen bei Jung und Alt.

Weich und harmonisch ertönen ihre Weisen aus dem düstern Strauchwerke und aus den niedern Baumgipfeln hervor. Ihre melodie- und gefühlsreichen Lieder ergreifen jedes unverdorbene und sinnige Menschenherz mit unwiderstehlicher Macht und seltsamem Zauber. Ihnen lauscht zur Früh- und Abenddämmerung der Wanderer auf staubiger Straße oder auf holperigem Waldpfade. Ihren flötenden, oft schwermüthigen Accorden leiht selbst der müde Waldarbeiter und der die Waldmusik längst gewohnte Waidmann noch sein Ohr.

Und doch haben gerade Nachtigall und Grasmücke unter den Menschen die unbarmherzigsten, gefährlichsten Feinde. Aus purer Gewinnsucht und schnödem Eigennutze stellt man ihnen an allen Orten und Enden nach. Selbst die zu ihrer Sicherheit und ihrem Schutze hier und da erlassenen strengen, oft außerordentlich strengen Gesetze vermögen diese Zierden des Waldes, diese Lieblinge aller Naturfreunde nicht ganz vor Nachstellung und Gefangennahme zu schützen.

23. Der Winter.

(Fortsetzung.)

Horst und Alfred erwarteten mit sehnsüchtigen Blicken und förmlicher Ungeduld den ersten Schnee. Stundenlang, ja halbe Tage lang schauten sie zu den hohen, breiten Fenstern hinaus nach dem grauen, wolkenbedeckten Himmel.

Längst schon hatten sie ihre Schlitten und Schlittenpeitschen aus ihren Schlupfwinkeln hervorgeholt und in Bereitschaft gestellt. Nicht blos bereits seit Tagen, sondern sogar seit Wochen schwärmten sie in ihren Gesprächen und Träumen von Schneeballschlachten, Schneemännern und Rutschpartien.

Da endlich wirbelten die ersten feinen, zarten Schneeflöckchen in anmuthigem Tanze und in dichtem Gedränge auf Dach und Baum, auf Hof und Garten herab. Horst und Alfred schrieen laut und freudig auf über das längst ersehnte und längst erhoffte Naturereigniß.

Nach zwei Tagen und drei Nächten lag der Schnee in den Gärten und Feldern nicht blos zoll-, sondern sogar ellenhoch. Nun wurden von den beiden Knaben und ihren Freunden und Gespielen Schlittenbahnen angelegt und große, dickmauerige Schneeschanzen errichtet. Diese ziemlich fest und äußerst geschickt angelegten Bollwerke suchte man dann unter Vivat- und Hurrahgeschrei zu erstürmen. Dabei flogen die großen und kleinen Bomben hinüber und herüber. Viele von ihnen zerplatzten zur Freude und zum Jubel der kleinen Schaar auf dem Rücken, an den Köpfen und wol gar an den Nasen der Gegner.

Zur Abwechselung wurde nach beendigter Schlacht oder nach längerer Schlittenfahrtbelustigung ein hoher, breitschultriger Schneemann erbaut. Wohlausgesuchte und geeignet geformte Steinkohle bildete seine Augen und seine Nase. Zähne und Lippen verlieh man ihm mittels rother Tuchläppchen und kleiner Eiszapfen.

Die Schöpfung eines solch riesigen Schneemannes weckte unter den kleinen Knaben außerordentlich fleißige und emsige Hände und viel Freude und Jubel.

So trieben sie es alle Tage und wurden des langen und zugleich harten Winters nicht müde. Bei aller dieser Freude und bei all diesem Vergnügen vernachlässigten sie aber nie ihre Schularbeiten und ihre sonstigen häuslichen Beschäftigungen.

24. Stolz und Eitelkeit.

(Fortsetzung.)

Stolz und Eitelkeit verderben bei Kindern und Erwachsenen nicht blos den Charakter, sondern beflecken auch das Herz. Stolze und Eitle blicken mit Geringschätzung und Nichtachtung auf Arme und Gebrechliche, überhaupt auf Niedrigstehende herab. Ihr Gemüth verschließt sich aus lauter Dünkel und Hochmuth der Theilnahme, dem Mitleide, der Barmherzigkeit. Dabei werden sie in engeren und weiteren Gesellschaftskreisen unangenehm und darum lästig.

Welcher Verständige und Vernünftige möchte wol gern mit solchen eingebildeten Narren und hochfahrenden Thoren näheren und wol gar freundschaftlichen Umgang haben?

Der Hochmüthige lebt sich unbestritten und unleugbar auch selbst zur Last und Qual. Wie erregt und ärgert ihn jeder fremde Vorzug des Standes, der Bildung, der körperlichen Schönheit, der Kleidung, jedes fremde Lob, jede fremde Ehre oft auf Tage und Wochen hinaus! Wie mitunter peinlich ängstlich ist er früh und spät auf die Pflege seiner Haut, seiner Zähne, seiner Haare, vielleicht sogar seiner Nägel bedacht! Wie späht die Eitelkeit auf den Straßen und in Gesellschaften, sowie in Modezeitungen und andern derartigen Blättern nach der neuesten Form der Kopfbedeckung, dem neuesten Schnitte der Kleider, wol gar nach der neuesten Farbe der Handschuhe! An allen Orten und in allen Kreisen will sie gesehen und bewundert sein.

Welch ein unruhiges, trauriges Leben! Laßt uns lieber zu unserer Ehre und zu unserem Ruhme unsern schönsten Schmuck in Einfachheit und Bescheidenheit suchen und finden.

III. Arten der Zusammenziehung.

25. Ein Kampf.

(Zusammenstellend.)

Ein Staar und ein Sperling stritten sich um den Besitz eines Nistkastens. Derselbe bot allerdings nicht blos alle mögliche Bequemlichkeit, sondern auch viel Raum. Zudem hing er hoch und sicher. Sowohl während der Früh- als der Mittags- und der langen Nachmittagsstunden konnte ihn die Sonne bescheinen. Somit erschien er den beiden Vögeln zum Brüten und zur Kinderzucht außerordentlich geeignet. Beide setzten daher auch für die Eroberung desselben Blut und Leben ein.

Der Kampf wurde mit Wuth und Erbitterung geführt.

Bald schlugen, hackten und bissen sich die hitzigen Gegner auf den Aesten und Zweigen, bald auf dem Dache des Nistkastens, bald auf dem Rasen des Gartens umher. Graue und schwarze Federn wirbelten zahlreich nach links und rechts. Wuth und Schmerzgeschrei zeterte durch die Luft. Eine Menge anderer Vögel eilte theils aus Neugier, theils vor Schreck herbei.

Wol drei bis fünf Minuten dauerte die entsetzliche Fehde. Erschöpft und blutend ergriff endlich der Staar die Flucht. Der allerdings auch verwundete und schrecklich zerzauste Spatz aber zog triumphirend und fast wie hohnlachend in das eroberte Luftschloß ein.

Wollt ihr ihn etwa ob seiner Heldenthat schmähen oder verurtheilen?

26. Die Erzväter.

(Desgleichen.)

Abraham, Isaak und Jakob waren Erzväter. Sie alle führten nicht blos zum Scheine, sondern in Wahrheit ein frommes, gottesfürchtiges Leben. Weder Glück noch Unglück vermochte ihre Gottestreue wankend zu machen. Sie standen nicht allein in ihrer Familie, sondern auch in ihrer weiteren Umgebung als wahre Muster im Gehorsam, in der Demuth und im Gottvertrauen da. Die Israeliten zollen ihnen darum noch heute große Achtung und Verehrung.

Alle drei Männer standen aber auch unter besonderem Schutze und in besonderer Gnade Jehovah’s. Er segnete sie mit leiblichen und geistigen Gütern. Mit Muth und Kraft wußten sie daher stets Leid und Trübsal zu ertragen. Mußte doch Isaak noch in seinen alten Tagen und besonders während seiner Blindheit bittern Undank und schmachvolle Täuschung erfahren. Welch tiefes Herzeleid und welch unendliches Weh mußte Vater Jakob infolge des Neides und der Rachsucht seiner eigenen Kinder empfinden! Immer indeß führte ihr Herr und Gott jene Männer durch Kummer, Noth und Thränen zu neuer Freude, neuem Glücke.

Die Lebensgeschichten dieser Gottesmänner sind im lieben, heiligen Bibelbuche ebenso getreulich als auch ausführlich niedergeschrieben. Sie zu lesen und zu erwägen ist für Kopf und Herz heilsam.

27. Das Meer.

(Entgegenstellend.)

Der Anblick des Meeres kann zu Zeiten mit erhebender Bewunderung, aber auch mit erschütterndem Entsetzen erfüllen.

Es beplätschert den Strand mit freundlichem Wellenspiel, tobt aber auch in wilder Brandung. Seine Straßen sind zwar breit, indeß nicht selten gefahrvoll. Meeressturm, gleichwohl auch Meeresstille können äußerst unheilbringend werden.

Das Reisen auf dem Oceane ist allerdings reich an Genüssen, hingegen auch stets gewagt. Die riesigsten Segelschiffe, doch auch die mächtigsten Dampfer können verunglücken.

Trotzdem geht der Matrose nie mit Zagen, sondern stets mit Freuden aufs neue in See. Der wettergebräunte Seemann vermag in Stunden schwerer Noth lange zu fluchen, allein endlich auch zu beten. Er traut allerdings seiner Kraft, dessenungeachtet zuletzt aber auch der schützenden Hand Gottes.

Das Meerwasser ist zwar hell und klar, dennoch für den Menschen ungenießbar. Viele seiner Bewohner sind uns bekannt, indeß noch lange nicht alle. Es birgt unendlich viel erklärliche Naturerscheinungen, aber auch noch viel Geheimnisse.

28. Geld.

(Desgleichen.)

Viel Geld macht zwar reich, aber nicht immer glücklich. Es ist wohl ein Tröster in der Noth, indeß in vielen Fällen kein Helfer.

Der Besitz viel blinkenden Erzes verschafft nicht selten dem Menschen Ehre, dessenungeachtet aber keinen sittlichen Werth. Das Geld erschließt die Thür zu vielen Genüssen, jedoch auch das Thor zu mancherlei Sünden und Lastern. Es erfreut nicht blos, sondern verführt auch. In das eine Herz pflanzt der Mammon den Sinn des Mitleids und der Wohlthätigkeit, in das andere dagegen die Wurzel des Stolzes und des Dünkels.

So ist er unser Freund, gleichwohl auch unser Feind. Wir können durch ihn in vieler Hinsicht frei, aber auch Sklaven werden. Wir wollen daher unser Geld zwar zusammenhalten, allein niemals das Herz daran hängen.

29. Der Maikäfer.

(Begründung.)

Die Maikäfer sind sehr gefräßig, darum schädlich. Sie erscheinen fast alle zu gleicher Zeit, deshalb in großer Menge. Sie suchen im Frühlinge das junge Blätterwerk und deswegen die Gipfel der Eichen und Kastanien auf.

Sie zeugen viel Eier, demnach eine zahlreiche Nachkommenschaft. Ihre Larven ruhen tief in der Erde, folglich wohlgeborgen.

Ihre wohlgenährten, mithin fetten Leiber dienen vielen Vögeln zur Nahrung. Sie sind auch für manche Menschen eine Delicatesse und also nicht ganz ohne Nutzen.

30. Die Bibel.

(Desgleichen.)

Die Bibel ist ein vor Jahrtausenden geschriebenes und daher uraltes Buch. Sie ist durch von Gott erleuchtete Männer verfaßt, darum heilig und ehrwürdig.

Sie enthält unsere ganze Christenreligion, mithin einen unendlichen Schatz von Lehren und Wahrheit. Sie soll unser Licht und unsere Leuchte, somit ein Führer durch das Leben sein. Sie gibt uns die Zusicherung der göttlichen Liebe und Fürsorge und demnach Kraft und Muth in gefahrvollen Stunden und Tagen. Ihre frommen Sprüche erfüllen das Herz mit Vertrauen und Zuversicht auf die ewige Huld und Gnade, daher auch mit Trost und Ergebung im Unglück.

Viele Kapitel darin besingen die Wunderwerke, folglich auch die Macht und Weisheit des Schöpfers. Die Bibel sollte vor allen andern Büchern in jeder Christenfamilie heimisch sein und deswegen überhaupt den allgemeinsten Eingang gefunden haben. Jeder Getaufte, mithin auch der ärmste der Armen müßte dieses heilige Gotteswort besitzen.

Der wirkliche Jünger Jesu mag sie zu keiner Zeit, also auch nicht in den Tagen der Freude entbehren. Werde der heiligen Schrift ihre Würde und Weihe und somit der Menschheit ein unwägbarer Schatz erhalten!

Hauptwiederholung.

(Alle Arten der Zusammenziehungen.)

31. Die Katze.

Die Katze ist ein nützliches und oft sehr nothwendiges Hausthier. Ihr Geruch und ihr Gesicht sind scharf. Sie ist im Springen und Klettern sehr gewandt.

Ihr Charakter zeigt von Schlauheit, aber auch von Falschheit. Sie schmeichelt oft, doch kratzt sie auch leicht. Man muß ihr deshalb nicht trauen, sondern mißtrauen.

Die Katze fängt nicht blos Mäuse, sondern auch Ratten. Sie jagt nicht nur im Hause, sondern auch auf dem Felde. Nicht allein Mäuse und Ratten, sondern auch die Vögel fliehen vor ihr.

Die Katze ist schnell, demnach letzteren sehr gefährlich. Ihr Gang ist völlig geräuschlos, mithin für ihre Raubzüge von großem Vortheile. Ihr Gebiß ist scharf, darum eine tödtliche Waffe.

Die Katze ist ein getreuer Wächter gegen viele kleine Diebe, deshalb ein weitverbreitetes Hausthier.

D. Zusammengesetzte Sätze.

I. Ohne Bindewörter.

32. Der Morgen.

(Zusammenstellend.)

Der Osthimmel röthete sich, der Morgen begann zu dämmern. Die Hähne krähten, die Tauben hoben an zu girren. Die Kühe rasselten mit ihren Ketten, die jungen Rosse wieherten im Stalle. Die Staare ließen ihren Frühpsalm ertönen, die Lerchen stiegen trillernd in die Luft.

Die Frühglocke ertönte, ihr frommes Morgenlied hallte treulich das Thal entlang. Die Gehöfte belebten sich, auf dem schmalen Dorfwege zeigten sich bereits einzelne Landbewohner.

Jetzt war die Sonne über die fernen Berge emporgestiegen, die ganze Natur lag verklärt im Morgenglanze. Die Blumen erschlossen ihre lieben Augen, die Thauperlen blitzten tausendfältig an den Halmen. Die Heerden zogen unter lieblichem Glockengeläute auf die fetten Triften, die Ackersleute führten ihre munteren Gespanne zum Pfluge.

So zeigte sich überall neugestärkte Kraft, so entwickelte sich allenthalben Frische und Lebenslust.

33. Auf dem Meere.

(Desgleichen.)

Der Himmel verdunkelte sich, es ward unheimlich still. Die Seeadler kreischten, die Sturmvögel umschwirrten bereits das Schiff.

Immer dunkler ward der Himmel, näher zog das schwarze Gewölk. Man hört ein fernes Brausen, es erhebt sich der Sturm. Blitze zucken, Donner grollen, die Wellen thürmen sich hoch auf.

Das Schiff wird hin und her geworfen, das Steuerruder droht zu brechen. Der Kapitän commandirt unaufhörlich, die Matrosen fliegen eilend hin und her. Man zieht die Segel ein, die Luken werden geschlossen.

Der Sturm tobt immer wilder, die Wellen gehen immer höher. Plötzlich gibt es einen gewaltigen Stoß, die Masten krachen, die Wände bersten, das Wasser strömt unaufhaltsam ein, das Schiff sinkt. Binnen einer Viertelstunde ist nur die Hauptmastspitze noch von ihm zu sehen, die ganze Bemannung hat ihr Grab in den Wellen gefunden.

34. Der junge Graf.

(Entgegenstellend.)

Ein Haushofmeister gebot seinem vornehmen Schüler zu schweigen, der junge Graf plauderte fort. Der Ungehorsame sollte Latein treiben, er tändelte mit Briefmarken.

Der Lehrer wiederholte bald darauf seinen Befehl sehr ernst, Junker Armin spielte gleichgiltig weiter. Ersterer drohte jetzt mit Bestrafung, der junge Graf lächelte.

Der Hauslehrer besaß viel Geduld, jetzt ging sie zu Ende. Er hatte den jungen Grafen lange genug mit Güte behandelt, heute sollte derselbe seinen ganzen Ernst empfinden lernen.

Der Ungehorsame fürchtete nichts Schlimmes, er täuschte sich. Bald darauf rief ein Diener zur Mittagsmahlzeit, der junge Graf erhielt keine Einladung. Nach Tische fuhr die gesammte gräfliche Familie spazieren, Armin mußte zu Hause bleiben. Armin hatte jeden Abend zwanzig französische Wörter zu lernen, heute mußte er deren noch einmal so viel seinem Gedächtnisse einprägen.

35. Eine Feuersbrunst.

(Desgleichen.)

Die Nacht eines schönen Octobertages war freundlich ins Thal gezogen, sie sollte einen traurigen Ausgang nehmen.

Gegen zwölf Uhr schlugen die Flammen aus dem dürren Strohdache einer alten Mühle, Niemand darin bemerkte es. Schon sprühten einzelne Funken durch die kleinen Fenster, die Mühlbewohner schliefen noch fest.

Die Feuerglocke ertönte, ihr Ruf kam leider viel zu spät. Man setzte die Dorfspritze in Bewegung, die Gluth war nicht mehr zu bezwingen.

Das Leben der Inwohner wurde endlich noch gerettet, ihre Habe ging verloren. Der Abend hatte sie als glückliche Menschen begrüßt, der Morgen sah sie als Bettler.

36. Frühling.

(Begründend.)

Der Frühling nahte, die Menschenherzen athmeten fröhlich auf. Die Sonne schien wärmer, der Schnee schmolz. Der Frost entwich aus dem Erdreiche, frische Pflanzenkeime trieben hervor. Die Luft wehte mild über die Fluren, die Zugvögel kamen herbei. Einzelne Blumen erschlossen bereits ihre Honigkelche, die Oede der Wiesen verschwand. Die Bäume bedeckten sich mit Blüthen, die Bienen verließen ihre Zellen.

Warmer Regen strömte nieder, die Saaten sproßten empor. Alles Leben erwachte aus dem Winterschlafe, überall zeigte sich verjüngte Kraft.

37. Die Sündfluth.

(Desgleichen.)

Die 120 Gnadenjahre waren um, das göttliche Strafgericht begann. Der Regen strömte unaufhörlich hernieder, die Gewässer traten über ihre Ufer. Die Fluthen wälzten sich die Thäler entlang, die Menschen flüchteten auf die Berge.

Die tobenden Wogen stiegen von Tag zu Tag höher, alle Sünder fanden ihren Tod. Noah’s Familie allein blieb übrig, sie war dem Herrn treu gewesen.

Wiederholung.

(Zusammenstellend, entgegenstellend, begründend.)

38. Eine Dampfwagenfahrt.

Die Bahnhofsglocke läutete, die Passagiere stiegen in die Wagen. Die Locomotive pfiff, der Zug setzte sich in Bewegung.

Anfangs bewegte er sich ganz langsam, nach wenig Sekunden rollte er schon bedeutend schnell, bald sauste er mit voller Kraft dahin. Die Telegraphenstangen huschten blitzschnell vorüber, die Fruchtäcker drängten sich gleich schmalen Bändern an einander, die Waldbäume schienen zu tanzen.

Der Zug durchschnitt herrliche Landschaften, sie konnten nur flüchtig genossen werden. Er jagte ja mit Windeseile dahin, das Auge konnte keinen Ruhepunkt gewinnen.

Inmitten der Fahrt erscholl plötzlich ein Nothsignal, die Fahrgäste erschraken.

Die Schaffner bremsten augenblicklich, Alles drängte an die Wagenfenster, Einzelne schrieen laut auf, Andere wollten durchaus hinausspringen.

Ein Unglück erfolgte nicht, der Zug blieb ruhig stehen. In der Maschine war blos eine kleine Röhre gesprungen, ein solcher Vorfall bringt selten Gefahr. Der Schaden ward ausgebessert, das Abfahrtssignal schrillte aufs neue, bald ratterte der Zug wieder die Schienen entlang. Die Fahrt ging glücklich weiter, die Aufregung unter den Fahrgästen währte noch lange.

II. Mit Bindewörtern.

39. Ein Doppelfest.

(Zusammenstellend.)

In dem Garten des Kaufmanns Löbel herrschte eines Tages ein lustiges Treiben, und dieses Treiben gab für den Beobachter ein liebliches Bild. Der Kaufmann hatte nämlich zwei Söhne, und beide Knaben feierten heute einen Festtag. Bruno beging sein Wiegenfest, und Hugo feierte seinen Namenstag.

Zu diesem Feste nun hatten sie nicht blos ihre liebsten Schulkameraden eingeladen, sondern die Eltern hatten auch noch die Kinder der Nachbarschaft herbeigezogen. Es standen den muntern Gästen nicht allein allerhand Spiele zur Verfügung. sondern es war auch für einen wohlgedeckten Tisch gesorgt.

Bald vertheilte man sich zu den verschiedenen Unterhaltungen, und die Lust nahm ihren Anfang. Die großen Knaben griffen zunächst zu den Armbrüsten, und die jüngeren Gäste eilten zuerst nach den großen Gummibällen.

Hier warf man Reifen, und dort schob eine kleine Gesellschaft Kegel. Eine Anzahl Mädchen spielten Blindekuh, auch das Topfschlagen wurde nicht vergessen. Der kleine Heinrich jagte einen großen Reifen im Garten umher, und der dicke Otto ließ einen bunten Kreisel tanzen. Julchen fuhr einen schönen Puppenwagen, und Marie beschäftigte sich mit allerhand Blumen.

Mitten über dem Garten schwebte ein riesiger Drache, außerdem ließ der Kaufmann auch noch kleine Luftballons steigen.

Bei all dieser Lust entstand weder Streit unter den zahlreichen Gästen, noch bemerkte man ein ausgelassenes Verhalten.

Die Kühle des spätern Nachmittags machte endlich dem fröhlichen Treiben ein Ende, zudem nöthigte auch die sinkende Sonne die fremden Gäste zum Nachhausegehen.

So verstrich das heitere Fest in ungetrübter Freude, und allen Theilnehmern blieb es noch lange in freundlicher Erinnerung.

40. Abend.

(Desgleichen.)

Die Sonne ging unter, und Dämmerung senkte sich auf die Erde nieder. Am Westhimmel strahlte ein leichtes Purpurgewölk, und aus den Fenstern der Berghütte blitzte der Wiederschein des herrlichen Abendgoldes. Der Lerchengesang verstummte, ebenso verhallten die Lieder des Waldes.

Die Heerden zogen still nach ihren Ställen, und die Feldarbeiter schritten ermüdet nach ihren Hütten. Traulich tönte die Abendglocke vom Kirchlein herüber, und manches fromme Herz ward durch diesen Ruf zum Gebet gestimmt.

Immer länger dehnten sich die Baumschatten auf dem Rasen dahin, und immer dichter wob die Dämmerung ihren düstern Schleier. Ueber den Blumen flatterten bereits die fahlen Nachtschmetterlinge, und in den Gehöften begannen die Fledermäuse ihren geisterhaften Kreisflug. Immer stiller ward es rings umher, und immer tiefere Ruhe senkte sich auf die müde Erde.

41. Maß halten.

(Entgegenstellend.)

Die Schädlichkeit jedweder Unmäßigkeit in leiblichen Genüssen ist bekannt, dessenungeachtet fallen der letzteren noch viele Menschen zum Opfer.

Wir sollen uns des Lebens freuen, aber unsere Freude muß in gewissen Grenzen bleiben. Wir dürfen uns an dem köstlichen Weine erlaben, doch darf es dabei nicht zu einem Rausche kommen. Wir dürfen unserem Gaumen durch wohlschmeckende Speisen gütlich thun, gleichwohl darf der Magen nie damit überfüllt werden.

Der Mensch muß die gehörige Zeit schlafen, das Zuviel ist indeß auch hier ungesund. Ein naturgemäßer Schlaf stärkt die Glieder, eine zu lange Ruhe hingegen erschlafft das Nervenleben. Auch der Tanz ist eine erlaubte Freude, nur darf diese kreisende Bewegung nicht bis zur Erschöpfung fortgesetzt werden.

Darum genieße Jeder die Freuden dieses Lebens, allein er halte in allen Dingen Maß.

42. Das Feuer.

(Desgleichen.)

Das Feuer ist eine höchst wohlthätige Gabe des Himmels, aber es hat auch schon unsägliches Unheil angerichtet. Es erhellt in finsteren Nächten unser Stübchen, allein ein einziger Funke von ihm kann unsere ganze Habe vernichten.

Das Feuer macht viele Nahrungsmittel erst genießbar, gleichwohl kann ein einziger allzuheißer Bissen uns zum Essen unfähig machen. Es verleiht unserem Zimmer während der kalten Wintertage eine wohlthuende Wärme, doch haben die glühenden Ofenwände auch schon manchem Unvorsichtigen schmerzhafte Wunden beigebracht.

Das weithin strahlende Licht der Leuchtthürme bewahrte schon manches Schiff vor entsetzlichem Unglücke, indeß die Macht der Flammen sehr vielen Seefahrzeugen einen jammervollen Untergang bereitete.

Die lustig lodernde Pechfackel verherrlicht das Friedensfest, der brennende Pechkranz hingegen ist ein Schrecken des Krieges. Tausende von Lichtern verleihen bei festlichen Gelegenheiten einer Stadt den höchsten Glanz, gleichwohl kann ein einziges Flämmchen davon sie in einen Schutthaufen verwandeln. Der Anblick eines feuerspeienden Berges gewährt ein überwältigendes Schauspiel, die Verheerungen der glühenden Lava jedoch sind entsetzlich anzusehen.

So wollen wir denn für die Wohlthat des Feuers dankbar sein, aber seine Gefahren sollen von uns nie unbeachtet bleiben.

43. Die Schule.

(Begründend.)

Die Schulzeit vergeht schnell, deshalb mußt Du sie gewissenhaft benutzen.

Sei in jeder Stunde streng aufmerksam, denn das Leben erfordert mancherlei Kenntnisse. Uebe Dich sorgfältig in allerlei Fertigkeiten, weil Du dadurch Dein Fortkommen in der Welt finden kannst. Oberflächlich Gelerntes vergißt sich bald wieder, deswegen präge Dir jede Lection recht gründlich ein.

Die Schule sucht den ganzen Menschen zu bilden, mithin muß sich ihr auch jeder Schüler mit all seinen Kräften widmen. Beherzige deshalb vor allen Dingen die heiligen Lehren der Religion, denn daraus gehet das Leben. Ein rechtschaffener Charakter ist ein sicherer Wanderstab, daher eigne Dir schon in der Schule sittliche Grundsätze an. Ein frommes Herz ist der größte Schatz auf Erden, deshalb nimm die Heilswahrheiten aus dem Munde Deines Lehrers gläubig in Dich auf. Die Schule will eben nicht blos Dein irdisches Glück begründen, demnach sorgt sie auch für Deine Seele.

Da Du nun Solches weißt, so richte Dein Verhalten danach ein.

44. Die Kartoffel.

(Desgleichen.)

Die Kartoffel ist das Brod der Armen, deshalb ist Franz Drake durch Einführung derselben zu einem Volkswohlthäter geworden.

In Deutschland tauchte sie zum ersten Male unter Karl’s V. Regierung auf, mithin fällt ihre Einbürgerung in die Mitte des 16. Jahrhunderts. Der Werth dieser Frucht wurde geraume Zeit nicht recht gewürdigt, daher verzögerte sich die allgemeine Verbreitung derselben. Manchen Regierungen dauerte dies allerdings zu lange, deswegen suchten sie den Kartoffelanbau durch Zwangsmaßregeln zu fördern.

Die Kartoffel hat in der Regel die Gestalt eines Apfels, daher nennt man sie in einigen Gegenden Erdäpfel. Weil ihr Mehl viel Nahrungsstoff enthält, mischt man es oft mit Getreidemehl zu Brod.

Die Kartoffel enthält auch Klebstoff, mithin kann sie zur Gummibereitung verwendet werden. Sie birgt ferner eine gewisse Süßigkeit, und somit findet sie sogar Eingang in Zuckerfabriken. In der Viehwirthschaft spielt sie eine ganz bedeutende Rolle, denn sie ist ein vorzügliches Mästmittel.

Der Kartoffelbau ist übrigens leicht, da diese Frucht fast in jedem Boden gedeiht.

Wiederholung.

(Zusammenstellend, entgegenstellend, begründend.)

45. Die Jagd.

Das Jagdhorn erscholl, und die Jäger brachen auf. Die Hühnerhunde bellten, auch die kleinen Dachse erhoben ihre Stimme.

Blitzender Reif lag auf den Fluren, zudem drohten die Wolken mit Schnee. Wol blies ein eisiger Wind von Westen nach Osten, aber der Waidmann fürchtet sich vor Kälte nicht.

Die Jäger gingen jetzt auseinander, jeder indeß behielt Linie. Die Hunde drängten vor, allein man hielt sie noch zurück. Bald fielen einzelne Schüsse, aber es fiel kein Hase. Die Ladungen hatten gefehlt, weil man aus zu großer Ferne geschossen hatte. Später traf jeder Schuß, denn die Jäger waren jetzt ihrer Beute näher.

Das Revier war endlich abgejagt, deshalb blies man zum Rückzuge. Das Jagdglück hatte sich günstig gezeigt, darum genoß man nun unter großer Heiterkeit das Mittagsbrod.

46. Der Brudermord.

(Desgleichen.)

Kain bestellte eines Tages seinen Acker, und Abel hütete seine Schafe. Beide waren Brüder, aber ihre Gemüthsart war sehr verschieden.

Kain’s Brust erfüllte die Mißgunst, weshalb er wol auch stets mit Neid auf seinen Bruder blicken mochte. Den Abel beseelte Frömmigkeit, auch trug sein ganzes Wesen das Gepräge der Sanftmuth.

Beide Brüder zündeten eines Tages Feuer an, denn jeder gedachte dem lieben Gott ein Opfer zu bringen. Kain opferte Früchte des Feldes, Abel dagegen verbrannte ein Schaf.

Die Opferfeuer züngelten gleichmäßig empor, die Rauchsäulen indeß nahmen eine verschiedene Richtung an. Der Rauch von Abel’s Opfer stieg in geraden Linien zum Himmel hinauf, der von Kain’s Opferaltare hingegen wälzte sich in dichten Wolken auf der Erde hin.

Das sah Kain, und sein Herz ergrimmte. Sein Bruder dünkte ihm ein besonderer Liebling Jehovah’s zu sein, somit aber war er ihm ein Dorn im Auge.

Der entsetzliche Neid trieb ihn nicht nur zum Hasse, sondern seine lieblose Seele wurde auch sofort mit Zorneswuth erfüllt.

Kain dachte in diesem Augenblick weder an den allwissenden Gott, noch kümmerten ihn die Eltern daheim. Die Mörderkeule zuckte nieder, und sein Bruder Abel stürzte todt zu Boden.

47. Entstehung des Brodes.

(Mit und ohne Bindewörter.)

Das Feld wird bestellt, der Landmann streut Samen aus, der Himmel gibt Regen und Sonnenschein, die Saaten gehen auf, sie grünen und wachsen, der Sommer bringt sie zur Reife, der Schnitter mäht sie ab, die Scheune nimmt die vollen Garben auf, der Dreschflegel stäubt die Aehren, der Mühlstein zermalmt die Körner, der Bäcker knetet den Teig, der Backofen vollendet das Gebäck und der Mensch genießt das Brod.

48. Ein Haus.

(Desgleichen.)

Das Haus hat zu kleine Fenster, sein Dach ist nur von Stroh, der Garten darum hat keine Obstbäume, auch ist das Futter darin nicht gut, die ganze Lage ist zu winterlich und die Umgebung zu einförmig, darum kaufe ich das Grundstück nicht.

49. Eine Luftschifffahrt.

(Mit und ohne Bindewort. Zusammenstellend, entgegenstellend und begründend.)

Der Luftballon hatte seine Füllung erhalten, sein Leib war mächtig geschwollen, fast wie ungeduldig drängte er nach der Abreise.

Wir stiegen drei Mann hoch in die von Weidenruthen geflochtene Gondel, und ich nahm sofort auf einem kleinen Sessel Platz. Wir freuten uns auf die seltene Fahrt, aber dennoch klopften unsere Herzen vor Bänglichkeit. Das Luftmeer ist an Gefahren dem Weltmeere gleich, denn auch jenes hat keine Balken.

Ein Signal erscholl, die Stricke wurden gelöst, der Ballon erhob sich. Die versammelte Menge wünschte uns glückliche Fahrt, Hunderte von Tüchern winkten uns den Abschiedsgruß, Tausende von Augen folgten unserem Fluge.

Unser Luftschiffskapitän warf eine Anzahl Gedichte auf die Zuschauer hinunter, auch schoß er ein Pistol in die Luft hinaus ab. Die Menge tief unten jauchzte dabei laut auf, mich durchrieselte ein bängliches Frösteln.

Unser Luftfahrzeug schlug anfänglich die Richtung nach Osten ein, bald indeß wurde es von dem Winde nach Süden getrieben. Pfeilschnell stieg es empor, dennoch erfolgte sein Flug gänzlich geräuschlos.

Die Wolken näherten sich merklich, die Landschaft unter uns trat immer mehr zurück. Unsere Blicke gewannen ein immer größeres Aussichtsfeld, dagegen schmolzen die Gegenstände auf der Erde zu immer kleineren Gestalten zusammen. Die Menschen erschienen nur noch in der Größe von schwarzen Ameisen, die Flüsse schlängelten sich wie schmale Silberschnuren dahin, die Wälder glichen großen Tinteklecksen, und die Berge amen uns wie winzige Hügel vor. Die Luft wurde jetzt nicht nur mit jeder Sekunde dünner, sondern die Temperatur sank auch merklich herab, und somit hatten unsere Lungen tüchtig zu arbeiten.

Wir mochten etwa eine Stunde unterwegs sein, da beschloß unser Kapitän den Rückzug. Er stieg an einer Strickleiter empor, und gleich darauf entstand ein kleines Geräusch. Er hatte ein Ventil geöffnet, ein Theil der eingeschlossenen Luft entwich, das Schiff begann zu sinken.

Ich hatte das Landen oft als ziemlich gefahrvoll schildern hören, deshalb wurde mir jetzt wieder nicht wohl zu Muthe. Zu unsern Gunsten war vollkommene Windstille eingetreten, kein Lüftchen regte sich. Der Ballon sank immer tiefer und schwebte jetzt etwa noch thurmhoch über einer ebenen Flur. Der Anker sank hinab, das Ventil öffnete sich noch einmal kräftig, die Luft strömte zischend aus, und der gespannte Riesenleib legte sich allmälig in Falten. Plötzlich gab es eine Art Stoß, und gleichzeitig erscholl aus dem Munde des Kapitäns ein Hurrah!

Der Ballon stand still, weil der Anker Boden gefaßt hatte. Bald standen wir wieder auf festem Grunde, und ich war außerordentlich befriedigt, denn eine solche Luftreise bietet ein unbeschreiblich wunderbares Schauspiel.

Hauptwiederholung.

(Zusammengezogene und zusammengesetzte Sätze.)

50. Der letzte Klos.

Hans und Görge waren eines Tages die Letzten am Tische. Hans hatte seinen Sitz auf des Vaters Stuhl eingenommen, der kleine Görge dagegen kniete auf einer breiten Lehnbank.

In der Schüssel befand sich noch ein einziger Klos und etwas Brühe. Beides waren die letzten Ueberreste vom Mittagsbrode, denn das Mittagsmahl war vorüber, und die Tischgäste hatten sich eben entfernt.

Hans und Görge stierten nicht blos sehnsüchtig, sondern auch habgierig den dicken und zugleich fetten Klos an. Jeder wollte ihn haben, keiner gönnte ihn dem andern, denn in beider Herzen wohnten Neid und Mißgunst. Ihre Augen funkelten, ihre Lippen glitschten im Vorgeschmacke des Leckerbissens. Einer beobachtete heimlich die Miene des andern, keiner aber wagte irgend eine Bewegung.

Der Appetit und die Ungeduld schienen sich indeß bei beiden Brüdern von Minute zu Minute zu steigern, zudem konnte ja auch jeden Augenblick die Mutter kommen und den Speiserest forttragen.

Da endlich streckte Hans beide Hände aus und faßte die Schüssel am Rande. Im Nu aber packte sie Görge an der entgegengesetzten Seite, denn er wollte sich den fetten Bissen durchaus nicht so mir nichts dir nichts entreißen lassen, am allerwenigsten sollte ihn Hans ohne alle Hindernisse verschlucken dürfen.

Nun aber entspann sich ein ebenso heftiger als lächerlicher Kampf. Hans zog hin, Görge her, und zwar erfolgte dieses Hinundher zusehends schneller und mit merklich sich steigernder Erbitterung und Wuth. Der arme Klos hatte es am übelsten dabei, denn er wurde unbarmherzig in der Schüssel herumgekollert und hätte vor Angst bersten mögen.

Der brüderliche oder vielmehr unbrüderliche Kampf war jetzt aufs Höchste gestiegen, die Brühe spritzte nach allen Seiten hin, und der gute Klos rannte wie verzweifelt an den Schüsselwänden empor. Da aber trat schnell und unerwartet ein tückisches Ereigniß ein, und Kampf und Sieg waren entschieden. Plötzlich brach nämlich die Schüssel mitten entzwei, die schöne Brühe ergoß sich auf das Tischtuch, und der befreite Klos kugelte vom Tische herab auf den Dielen dahin. In demselben Augenblicke aber sprang Ami unter dem Ofen hervor, fing den Klos auf, that einen kräftigen Schluck, und weg war er.

E. Satzgefüge.

I. Subjectivsätze.

1. Vollständige Subjectivsätze.

51. Natur.

(Der Subjectivsatz steht voran.)

Wer keine Freude an der herrlichen Gottesnatur hat, ist ein gefühlloser Mensch. Wen ein Sonnenaufgang nicht entzücken kann, verdient nicht der Sonne Segen. Wessen Herz nicht beim Anblick des Sternenhimmels die Größe des Schöpfers empfindet, muß keinen Funken Glauben in sich tragen. Wem der wunderbare Blumenbau nicht die Weisheit Gottes verkündet, der wird auch durch die Bibel diese Eigenschaft nicht zu erkennen vermögen.

Wem der Sinn für Natur abgeht, dem entgehen überhaupt unzählige Freuden. Was die Vöglein singen, ist ihm leerer Schall. Wovon die murmelnden Bächlein erzählen, kümmert ihn nicht. Wie zauberisch sich ein Schmetterling aus der Raupe entwickelt, dünkt ihm nicht der Beachtung werth. Daß der herbstlich gefärbte Laubwald ein reizendes Bild ist, bleibt seinen Augen verborgen. Worin die Reize einer schönen Winterlandschaft bestehen, ist seinen blöden Augen ein Räthsel. Worüber Tausende inmitten des schönen Gottestempels entzückt aufjauchzen, dünkt ihm vielleicht gar lächerlich.

Wer darum sein Leben mit edlen Freuden würzen will, mache die Natur zu seiner Freundin.

52. Gottvertrauen.

(Desgleichen.)

Wer Gott vertraut, hat wohl gebaut. Ob dies Wort von Allen verstanden wird, ist wol zu bezweifeln. Daß aber vielen Menschen jene Ergebung in den Willen des Höchsten mangelt, ist dagegen gewiß.

Wozu dieser Mangel oft führt, zeigt uns die Erfahrung.

Dem Gottvertrauen innewohnt, der hat eine mächtige Stütze im Leben.

Was den Gottvertrauenden hinieden auch betrifft, bringt ihn niemals außer Fassung. Womit ihn der Herr erfreut, veranlaßt ihn zum Danke. Was das Schicksal ihm auferlegt, wird von ihm geduldig hingenommen. Warum Gott gerade ihm Leiden sendet, wird in ihm nie ein Gegenstand kleinmüthiger Frage. Was sein Himmelsvater thut, dünkt ihm wohlgethan.

Der so zum Herrn steht, ist ein echtes Kind Gottes. Den solcher Glaube beseelt, ist ein wahrer Christ. Wessen Herz von solcher Zuversicht durchdrungen ist, der steuert sicher auf dem bewegten Strome des Lebens.

53. Der Hund.

(Der Subjectivsatz zuletzt.)

Es ist längst erwiesen, daß schlechte Verpflegung den Hund schließlich toll macht. Es ist hinlänglich bekannt, daß ein toller Hund unsägliches Unheil anrichten kann. Es ist oft genug geschildert worden, wie gräßlich das Ende eines in Tollwuth verfallenen Menschen ist. Trotzdem ist es aber die große Frage, ob alle Hundebesitzer ihre Pflichten gegen ihre Thiere gewissenhaft erfüllen.

Der pflegt seinen Hund nicht, der ihm zu geringe Kost reicht. Der bekümmert sich wenig um die Gesundheit des treuen Thieres, den sein Bedürfniß zu saufen nicht rührt. Der liebt den lieben Hausfreund kaum, dem dessen Winseln vor Kälte kein Erbarmen einflößt.

Gib darum Deinem Hunde, was ihm gehört. Reiche ihm, was ihn wirklich nährt. Wende von ihm ab, was ihm schädlich ist. Muthe ihm nicht zu, was über seine Kräfte geht. Vergiß nie, wie ihn die Natur gebaut hat.

Der ist ein Thierquäler, der das Alles nicht beachtet. Derjenige sollte darum auch keinen Hund halten, der seine Bedürfnisse nicht kennt.

54. Die Erde.

(Der Subjectivsatz vorn und zuletzt.)

Daß die Erde große Schätze birgt, steht in jeder Naturgeschichte. Es ist aber sehr fraglich, ob alle schon entdeckt sind.

Wen Diamanten umstrahlen, der dankt sie der Erde. Wem sein Mittagsbrod auf goldenen Gefäßen gereicht wird, der gedenke des Fundortes dieses edlen Metalles. Es wäre möglich, daß ihn dieser Gedanke vor Stolz bewahrte.

Was nur irgend aus Metall gefertigt ist, hat seinen Ursprung im Schooße der Erde. Einleuchten muß es daher, daß auch die Stecknadel ein Geschenk der Mutter Erde ist.

Wovon wir unsere Wohnungen bauen, liefert sie uns ebenfalls. Womit wir uns kleiden, wächst zu einem großen Theile aus ihrem Schooße empor. Was uns nährt, entsteigt ihrem geheimnißvollen Grunde. Unleugbar ist es daher, daß sie die Erhalterin alles Lebens ist.

Es ist längst kein Geheimniß mehr, wie der Erdball entstanden. Wol aber bleibt es eine offene Frage, wie lange er fortbestehen wird. Wo sein Ziel gesetzt ist, weiß nur sein Schöpfer. Es steht indeß zu hoffen, daß die Erde während unseres Lebens nicht untergehen wird.

2. Abgekürzte Subjectivsätze.

55. Selbsterkenntniß.

Es ist eine große Weisheit, sich selbst zu kennen. Wenigen aber nur fällt es ein, sich selbst zu beobachten. Nur Einzelnen ist es bequem, über sich selbst nachzudenken. Es ziemt indeß besonders dem Christen, sich stets zu prüfen. Seine eigenen Fehler zu gestehen, schändet niemals. Sich schuldig zu bekennen, ehrt oft gar.

Es ist ja doch menschlich, sich einmal vergessen zu haben. Ebenso menschlich ist es, sich zu irren.

Sehr leicht ist es dagegen, Andere zu richten. Manchen scheint es ein wahres Vergnügen zu sein, fremde Mängel zu enthüllen. Gar Viele finden eine Freude darin, Anderer Fehler aufzudecken. Ein Splitterrichter zu sein, ist indeß kein Lob.

Es bleibt stets gefährlich, sich über Andere zu erheben. Sich selbst zu bekämpfen, ist der allerschwerste Krieg. Sich selbst zu besiegen, ist der allerschönste Sieg.

Wiederholung.

(Vollständige und abgekürzte Subjectivsätze.)

56. Die Todten.

Daß man die Todten ehrt, ist eine löbliche Sitte. Ihr letztes Ruhebette zu schmücken, ist nichts Tadelnswerthes. Ihr Begräbniß feierlich zu gestalten, ist den Angehörigen ein Bedürfniß.

Wer aber hierbei die rechte Grenze überschreitet, dessen Verfahren verdient Mißbilligung. Es ziemt auch hierbei Maß zu halten.

Wirkliche Kleinode mit ins Grab zu geben, ist eine Verschwendung. Was der Sarg umschließt, ist ja für immer verloren. Der ruht deshalb nicht sanfter in der Erde, an dessen Fingern Diamanten funkeln. Was an dem Geschiedenen auf dem Paradebette blitzt, das erlischt im Grabesdunkel.

Todte zu ehren, ist löblich. Mit Todten Luxus zu treiben, ist verwerflich. Es wäre rühmlicher, „die Salbe“ zu verkaufen und den Armen zu geben.

Hauptwiederholungen.

(Zusammengesetzte Sätze und Satzgefüge.)

57. Im Winter.

Bruno setzte sich an das Fenster, Heinrich dagegen nahm am Tische Platz. Was sie zeither gespielt hatten, war ihnen langweilig geworden. Es ist ja bekannt, daß selbst das schönste Spiel endlich ermüdet.

Bruno ergötzte sich jetzt an dem wirbelnden Schneefalle, denn der alte Winterkönig schüttelte die silbernen Flocken mit vollen Händen herab. Heinrich baute aus Kartenblättern Häuser und Brücken, sogar eine Festung versuchte er zu errichten.

Ob sie heute noch Erlaubniß zum Schlittenfahren erhalten würden, war beiden Brüdern zweifelhaft. Sich draußen im frischen Schnee herumtummeln zu dürfen, wäre ihnen freilich sehr erwünscht gewesen. Wer je einmal diese Winterlust genossen hat, wird ihnen diesen Wunsch nicht verdenken.

Endlich trat der Vater ein, und sein heiteres Gesicht ließ die Knaben Hoffnung schöpfen. Was sie hofften, ging in Erfüllung.

Wen das Schlittenfahren reizte, der konnte gehen. Wem eine Schneebataille erwünscht schien, der hatte die Erlaubniß dazu. Wie sich überhaupt die beiden Brüder draußen vergnügen wollten, blieb ihnen überlassen.

So viel Freiheit hatten sie nicht erwartet, denn sie kannten die gewöhnliche Strenge des Vaters. Das aber ist die größte Freude, die uns unerwartet kommt.

Bruno und Heinrich eilten hinaus. Wo der Schnee am tiefsten lag, wußten sie schon. Wozu die Schneewehen für die Kinder da sind, war ihnen ebenfalls gar wohl bekannt. Daß sie auf der Pfarrwiese zahlreiche Gesellschaft treffen würden, ließ sich vermuthen.

Wol an zwei Stunden tummelten sich beide Brüder nach Herzenslust in der freien Winterflur umher, und bei dieser Belustigung gab es keine Langeweile.

II. Prädikatsätze.

58. Gott und der Mensch.

Gott ist, der er war. Gott ist auch, der er sein wird. Er bleibt, der er stets gewesen.

Der Mensch dagegen bleibt nicht, der er war. Wol aber wird er einst, was er war.

Auch ich werde wieder, was ich einst gewesen. Der Leib verwandelt sich in Erde. Somit wird so manches Menschen höchster Stolz im Grabe, was er im Leben gleichgiltig mit Füßen trat. Eine große Thorheit ist es, daß man dies zu oft vergißt.

Die Gräber sind es, woran des Lebens ernsteste Gedanken geschrieben stehen. Die größte Weisheit ist, daß man diese Schrift zu lesen versteht. Sie ist übrigens derartig, daß sie Jeder lesen kann. Demuth sei es daher, wonach wir stets trachten wollen.

Hauptwiederholung.

(Subjectiv- und Prädikatsätze.)

59. Ein trauriger Pfad.

Gefährlich ist es, des Lasters Bahn zu gehen. Was anfänglich genußreich erschien, wird gar zu oft die Ursache bitterer Schmerzen. Worüber der Sinnenmensch früher jubelte, erscheint ihm später nicht selten als Gegenstand der Reue.

Der Lasterhafte wird endlich, was der Sklave an der Kette ist. Er ist somit, was er um Alles in der Welt nicht sein will. Sein Bestes zu bedenken, kommt ihm nicht in den Sinn. Das Ende seiner Lebensweise zu erwägen, vermeidet er absichtlich.

Sich selbst zu beherrschen, mangelt ihm die Kraft. Wozu ihn sein Gelüste treibt, wird seine nächste Aufgabe. Wohin der Rausch führen könne, kümmert ihn nicht.

Aber der anfangs blumenreiche Lasterpfad bleibt nicht, wie er war. Was anfänglich Rosen waren, sind zuletzt nur noch Dornen. Was den Körper zu oft erquickt, richtet ihn zu Grunde. Was den Geist rauschartig aufregt, stumpft ihn ab.

Der Schwelger wird als Jüngling, was der Greis in späteren Tagen ist. Der Fluch der Sünde ist es, worin er seinen Untergang findet.

III. Beifügesätze.

1. Vollständige Beifügesätze.

60. Ein Schulkreuz.

(Der Beifügesatz zuletzt.)

Theodor gehörte zu den Schülern, die dem Lehrer Noth machen. Er zeigte ein Betragen, das keineswegs löblich war. In seinem ganzen Wesen lag ein Stumpfsinn, der ihn für jeden Tadel gleichgiltig machte. Aus seinem Auge aber sprach dabei eine gewisse Tücke, die ihn als einen gefährlichen Nachbar erscheinen ließ.

Seine Arbeiten waren oft von einer Beschaffenheit, die den Lehrer in Aufregung versetzte. Oft brachte er Exempel, die er nicht selbst gerechnet hatte. Zuweilen lieferte er einen Aufsatz ab, der durchaus nicht aus seiner Feder geflossen war. Nicht selten legte er Zeichnungen als die seinigen vor, die fremde Hände ausgeführt hatten.

Er war demnach ein Schüler, der log. Er war ein Mensch, der betrog.

Natürlich erhielt Theodor Strafen, die sehr empfindlich waren. Er bekam Censuren, die fast nicht schlechter sein konnten.

Der Lehrer wies ihm endlich einen Platz an, der ihm zur großen Schande gereichen mußte. Theodor’s Hände mußten zuletzt sogar Bekanntschaft mit dem Dinge machen, das man gewöhnlich nur zum Linienziehen verwendet. Trotzdem aber blieb er ein Schüler, der für die Schule ein Kreuz war.

61. Ein muthiger Knabe.

(Der Beifügesatz in der Mitte.)

Ein Knabe, der im Walde Beeren suchte, fühlte Hunger. Er setzte sich deshalb unter einer Eiche, die mit ihren riesigen Aesten viel Schatten bot, nieder. Ein Stück trockenes Brod, das er aus der Tasche zog, diente ihm als Mahl. Die Beeren, die er bereits gepflückt hatte, rührte er indeß nicht an.

Bald war die höchst einfache Mahlzeit, die ihm jedoch vortrefflich gemundet, beendet. Da fühlte er plötzlich an dem einen Fuße, den er an einen Stein gestemmt hielt, einen stechenden Schmerz. Fast zu gleicher Zeit huschte eine Otter, die er sofort für die Kreuzotter erkannte, unter den Stein.

Der Knabe, der sich sofort von der Natter gebissen hielt, erschrak über die Maßen. Ihm war die Gefahr, die aus einem solchen Bisse entsteht, aus der Naturgeschichte bekannt. Ihm war aber auch das Mittel, das hier allein retten konnte, nicht verborgen.

Er führte den Fuß, der bereits zu schwellen begann, an den Mund. Hierauf nahm er die verwundete Stelle, die nur unbedeutend blutete, zwischen die Lippen. Nun fing er mit aller Kraft, die seine Lungen gestatteten, zu saugen an. Das Blut, das er auf diese Weise in ziemlichen Massen aussog, spuckte er natürlich aus.

Dieses Aussaugen der Wunde, das er mit allem Eifer betrieb, setzte er wol eine halbe Stunde fort. Darauf hielt er den Fuß, der nicht weiter angeschwollen zu sein schien, in den nahen Waldbach.

Jetzt erst ging der Knabe, der sich indeß ziemlich ermattet fühlte, nach Hause. Die Eltern, welche über das Geschehene in große Aufregung versetzt wurden, riefen sofort einen Arzt herbei. Der betreffende Arzt, der in seiner Kunst wohl erfahren war, erklärte alle Gefahr für beseitigt.

Der Knabe, dessen Geistesgegenwart man allgemein bewunderte, hatte sich selbst von den schrecklichen Folgen eines Otternbisses gerettet.

62. Flora.

(Die Beifügesätze umschreiben ein Eigenschaftswort.)

Flora, welche sehr strebsam war, liebte besonders die Musik. Ihr Ohr, das für die Harmonien sehr viel Empfänglichkeit besaß, lauschte jedem Tone. Kein Genuß ging ihr über das Anhören eines Concertes, das sich einer guten Ausführung erfreute.

Flora besaß einen musikalischen Nachahmungstrieb, der oft Staunen erregte. Melodien, die zum Gemüthe sprachen, spielte sie sofort auf dem Piano nach. Arien, die einen gediegenen Charakter offenbarten, sang sie mit Leichtigkeit nach dem Gehör.

Dieses Talent Flora’s bemerkte ihr Onkel, der ein reicher Mann war. Er ließ ihr sofort musikalischen Unterricht ertheilen, wie er besser wol kaum gefunden werden konnte. Durch seine Verwendung genoß sie überhaupt eine musikalische Ausbildung, die nach jeder Richtung hin ausgezeichnet genannt werden mußte.

Flora machte in kurzer Zeit Fortschritte, die abermals der Bewunderung werth waren. Schon nach zwei Jahren trat sie in dem Theater, welches das größte der Stadt war, als Sängerin auf. Ihr Gesang, dessen Reinheit nichts zu wünschen übrig ließ, fand außerordentlichen Beifall.

Flora, die bei aller Auszeichnung ihre Bescheidenheit bewahrte, ward eine berühmte Sängerin. So hatte jener Onkel, der bei allem Reichthum ein gutes Herz besaß, ihr Glück begründet.

63. Eine Bergpartie.

(Der Beifügesatz umschreibt ein Mittelwort.)

Der Fuß des Berges, den wir besteigen wollten, war erreicht. Unser Führer, der im Reisen wohlerfahren zu sein schien, rieth zu einer kurzen Rast.

Diesem Rathe, der uns sehr wohlgemeint dünkte, folgten wir gern. Schnell warfen wir die Reisebündel, die uns nicht wenig drückten, ab. Ein jeder suchte sich sofort ein Ruheplätzchen, das Schatten gewährte. Bald machte ein Trunk, der uns schier erquickte, die Runde. Auch ein Imbiß, der uns Stärke verleihen sollte, wurde genommen.

Nach einer halben Stunde, die wir traulich verplaudert hatten, setzten wir unsere Reise fort. Langsam stiegen wir den Abhang, welcher indeß bald sehr steil wurde, hinan. Namentlich wurde der Marsch durch das Steingeröll, welches den Pfad bedeckte, ungemein erschwert. Die Alpenstöcke, die wohl mit Eisen beschlagen waren, fanden bei jedem Schritte Verwendung.

Nach einem einstündigen Marsche erreichten wir eine Matte, welche viel Reize bot. Dicht vor einem Felsen stand eine Sennhütte, welche zahlreiche Geisen umlagerten. Freundlich grüßte ihr Geläute, das sanft in die Luft hallte, uns entgegen. Der Anblick der Alpenwiese, die üppig grünte, war für das Auge ein Genuß. In vollen Zügen schlürften wir den Alpenkräuterduft, der uns wahrhaft stärkte.

Mit einem Marschliede, das aufs neue erheiterte, schritten wir über die liebliche Bergeinsamkeit hinweg. Der Punkt, den wir erreichen wollten, lag noch etwa 2000 Fuß hoch. Von jetzt an gab es mitunter Weghindernisse, die nur höchst mühsam zu überwinden waren. Wir gelangten außerdem wiederholt auf Felsenvorsprünge, welche Schwindel verursachten. Unter des Führers Zusprache, die uns ermuthigte, strebten wir indeß vorwärts.

Ohne Kampf, der allerdings ermüdet, kein Sieg. Nach einer Stunde, die uns noch fürchterlich anstrengte, standen wir endlich auf dem Gipfel des Berges. Hier aber lohnte auch der Umblick, der uns förmlich bezauberte, reichlich unsere Mühe.

64. Verschiedene Besitzungen.

(Der Beifügesatz umschreibt ein Besitz anzeigendes Fürwort.)

Das Haus, das mir gehört, steht an einem Bache. Der Freund, welchen ich mein nenne, besitzt auch ein Grundstück. Das Grundstück, das ihm zu eigen gehört, liegt nahe am Walde.

Die beiden Besitzungen, die unser Eigenthum sind, haben beide ihre Vorzüge. Die Lagen, deren sie sich erfreuen, bieten mancherlei Reize. Ziemlich öde ist dagegen die Lage der Villa, die Du angekauft hast. Ein Gleiches gilt von dem Rittergute, das Dein Bruder inne hat. Die Asyle, die Ihr Euch da zu eigen gemacht habt, könnten mir nicht gefallen.

Der Geschmack, den ich in dieser Beziehung besitze, weicht eben von dem Eurigen ab. Die Wünsche, die ich in dieser Hinsicht hege, erstrecken sich auf eine romantische Umgebung. Die Ansprüche dagegen, die Ihr macht, beziehen sich mehr auf eine schöne Einrichtung im Innern der Gebäude.

65. Ein Todtenbette.

(Der Beifügesatz umschreibt eine Ortsbestimmung.)

Das Schloß, das inmitten eines wundervollen Parkes lag, war heute eine Stätte unendlichen Schmerzes. Der große Saal, durch den sonst heitere Musik rauschte, hatte müssen in eine stille Todtenhalle verwandelt werden. Das kostbare Fußgetäfel, über welches oft die geflügelten Füße fröhlicher Ballgäste glitten, trug heute einen Sarg. Dieser Sarg, um den herum unzählige Kerzen brannten, barg einen Jüngling.

Der Todte, auf dem Aller Augen mit tiefer Wehmuth ruhten, war der einzige Sohn des reichen Schloßbesitzers. Theilnehmende Verwandte hatten kostbaren Blumenschmuck gesendet, der vor dem Sarge in sinniger Ordnung aufgestellt war. Riesige Fächerpalmen, die man oberhalb des Hauptes angebracht hatte, bildeten eine Art Himmelbette.

An dem Betstuhle, der dicht neben dem Sarge stand, kniete ein betender Priester. Das Crucifix, das zu Füßen des Paradebettes lehnte, war umflort.

Des Jünglings Vater, der an einer nahen Marmorsäule lehnte, sah in stummem Schmerze vor sich nieder. Die Mutter, welche dicht hinter ihm stand, barg ihr thränenzerflossenes Antlitz in ihr weißes Taschentuch. Sogar des Todten Lieblingshund, der nicht von der Seite des Sarges wich, schien seinen Herrn zu betrauern.

Dieser Todesfall, der bei Alt und Jung die größte Theilnahme hervorrief, zeigte so recht die Ohnmacht des Reichthums. Dieser Schicksalsschlag, der ja doch von oben kam, machte all das irdische Glück der Schloßfamilie zu nichte. Er führte sie aber auch zur Demuth vor dem, der jenseits der Sterne wohnt.

66. Deutschland.

(Der Beifügesatz umschreibt eine Zeitbestimmung.)

Der deutsch-französische Krieg, der nach verhältnißmäßig kurzer Zeit beendet war, ist für die deutschen Länder von großem Segen gewesen. Das Blut, das damals floß, ist nicht umsonst geflossen. Die verschiedenen deutschen Staaten, die es vorher gab, haben sich zu einem großen Ganzen vereinigt. Die vielen deutschen Heerkörper, die sonst unter ebenso vielen obersten Befelshabern standen, stehen nun unter einem einzigen Kriegsherrn.

Die mancherlei deutschen Stämme, die sich vor kurzem noch mehr oder weniger von einander absonderten, reichen sich jetzt die Bruderhand. Aus den einzelnen Gebieten, welche vordem zerstückelt umherlagen, ist ein einziges großes Reich erstanden. Das Deutschthum, das zeither von gewissen Nationen über die Achsel angesehen wurde, hat sich eine außerordentliche Geltung erobert. Selbst der gewöhnliche Mann, der sonst auf seine Angehörigkeit wenig Gewicht legte, fühlt sich jetzt als Deutscher.

Aber die Sonne, die nach jenem glücklichen Kriege über unser Vaterland aufgegangen ist, hat auch sonst noch große Veränderungen bewirkt. Die Milliarden, die noch heute als Kriegsentschädigung nach Deutschland einwandern, haben in der Verkehrswelt einen großen Umschwung hervorgebracht. Der Unternehmungsgeist, der allerdings den Deutschen stets innewohnte, hat gegenwärtig einen ungeheuren Anlauf angenommen.

Dadurch sind freilich die Arbeitskräfte, welche bisher in ziemlich genügender Zahl vorhanden waren, rar geworden. Infolge dessen haben sich die Arbeitslöhne, die vor dem Kriege mäßige waren, fast um das Doppelte gesteigert. In gleichem Maße sind die Lebensmittelpreise, wie wir sie im Jahre 1870 kannten, in die Höhe gegangen.

Doch das, was einst war, müssen wir vergessen lernen. Halten wir trotzdem unser liebes Deutschland, wie es jetzt ist, hoch und hehr.

67. Der Lebensmüde.

(Der Beifügesatz umschreibt eine Art und Weise.)

Ein Greis, welcher unter vielen Lebensstürmen ergraut war, wollte sich in die Einsamkeit zurückziehen. Zu diesem Zwecke ließ er sich am Ende seines Vaterdorfes, dessen Häuser ziemlich zerstreut in einem Thale lagen, eine Hütte bauen. Diese Hütte, die er sich ganz nach seiner Weise einrichten ließ, sollte sein letztes Asyl im Leben sein.

Die Wände, die kaum die Dicke eines Mauerziegels hielten, wurden aus Lehm errichtet. Die Fenster, die beinahe wie Kerkerfenster aussahen, waren durchaus nicht auf viel Stubenhelle berechnet. Das Dach, welches man in einfachster Weise mit Stroh gedeckt hatte, reichte an der Hinterseite fast bis auf die Erde. Auch die innere Einrichtung der Wohnstube, in der man vergeblich nach dem kleinsten Luxus suchte, trug das Gepräge der größten Einfachheit.

Endlich zog der lebensmüde Greis, der längst auf die Vollendung der Hütte gewartet hatte, ein. Er, der lange genug im Schweiße seines Angesichts sein Brod gegessen hatte, pflegte hier nun der Ruhe. Um die Welt, der er unverdrossenen Sinnes seine Kräfte gewidmet hatte, kümmerte er sich wenig mehr.

Seine Welt war jetzt ein kleines Gärtchen, das er ohne alle Anstrengung mit Blumen bepflanzte. Sein treuester Freund war der alte Mops, der ihm beständig auf Schritt und Tritt folgte.

So floß sein Lebensabend, der bei aller Entbehrung doch noch manche stille Freude bot, ruhig dahin. Der stille Rückblick auf die Vergangenheit, die wie ein sturmbewegter See heute vor ihn lag, kürzte ihm die Zeit.

Endlich nahte seine Sterbestunde, der er schon längst ergebenen Sinnes entgegengesehen hatte. Sein Ende, das unter einem gläubigen Gebete erfolgte, war ein sanftes Entschlummern. Die Hütte aber, aus der man den Entschlafenen ohne Sang und Klang zur Ruhe trug, hieß von Stund an das Friedenshäuschen.

68. Vaterlandsliebe.

(Der Beifügesatz umschreibt einen Grund oder Zweck.)

Ein Bauer, der durch eine Erbschaft sehr reich geworden war, hatte einen einzigen Sohn. Diesen Sohn, für dessen Zukunft sich nun eine glänzende Aussicht eröffnete, liebte er mit rührender Herzlichkeit. Sein Gotthold, der wegen seiner guten Aufführung auch im ganzen Dorfe geliebt wurde, war sein größter Stolz. Uebrigens gehörte Gotthold, seines schlanken Wuchses halber, zu den schönsten Burschen der Umgegend.

Da brach ein Krieg herein, der zur Rettung des Vaterlandes geführt werden mußte. Der König, welcher kraft seiner Macht das Kriegsheer verstärken konnte, ließ sofort Rekruten ausheben. Einzelne junge Männer, die aus Furcht vor den Kriegsgefahren entflohen, wurden gewaltsam zurückgebracht. Viele Jünglinge indeß, die um des Vaterlandes willen gern ihr Leben einsetzen wollten, stellten sich freiwillig. Auch Gotthold, der überhaupt für den Soldatenstand schwärmte, eilte aus freiem Entschlusse zu den Waffen.

Wenige Wochen darauf wurde er dem Regimente, das zum Schutze der Hauptstadt bestimmt war, einverleibt. Sein schon betagter Vater, der vor Besorgniß um den einzigen Sohn keine Nacht ruhig schlafen konnte, holte täglich Nachricht über den Stand der Dinge ein.

Da endlich langte gerade an dem Sonntage, der der Erinnerung an die Heimgegangenen geweiht ist, die Kunde von einem blutigen Kampfe um den Besitz der Hauptstadt an. Glücklicherweise ließ die Botschaft von der gänzlichen Niederlage des Feindes, die durch den Telegraphen vermittelt wurde, nicht lange auf sich warten.

Leider hatte Gotthold diesen Sieg, der für die Rettung des Landes den Ausschlag gab, mit seinem Leben bezahlen müssen. Sein Vater, der zwar für den Augenblick von diesem Schicksalsschlage wie zerschmettert schien, brach indeß keineswegs in ein verzweifeltes Wehklagen aus. Er ertrug den Schmerz über den herben Verlust, den er um des Vaterlandes willen erlitten, mit stiller Ergebung. Von seinem Sohne aber, der durch seinen Tod den Sieg erkaufen half, sprach er sein Lebelang mit sichtlichem Stolze.

69. Gleiche Rechte, gleiche Pflichten.

(Der Beifügesatz umschreibt ein Hauptwort im zweiten Falle.)

Das Gesetz, wonach in Deutschland jetzt jeder gesunde junge Mann zum Militärdienste verpflichtet ist, ist gewiß ein gerechtes. Die frühere Einrichtung, welcher zufolge sich die Söhne der Reichen vom Militär freikaufen konnten, hatte große Schattenseiten. Warum sollte blos der Arme die Pflicht, den Fürstenthron zu schützen, zu erfüllen haben? Warum sollten blos die Söhne unbemittelter Eltern den schweren Eid, nach welchem der Soldat das Vaterland mit Blut und Leben zu vertheidigen hat, auf sich nehmen?

Die Zusicherung, daß Jedermann vom Staate gleichen Schutz genießt, legt auch Allen gleiche Pflichten gegen den Staat auf. Wollen wir also die weise Verfügung, kraft deren jetzt der Millionär neben dem ärmsten Nachtwächterssohne unter der deutschen Fahne steht, freudig begrüßen. Möge jeder junge Soldat den Schwur, vermöge dessen er unverbrüchliche Treue gelobt, in Ehren halten!

70. Das kindliche Spiel.

(Der Beifügesatz umschreibt ein Zeitwort in reiner Form.)

Der Trieb, demzufolge das Kind gern spielt, ist ein sehr natürlicher. Es darf darüber natürlich die Pflicht, die es für die Schule arbeiten heißt, nicht vergessen.

Sehr verschieden ist die Art, in der manche Kinder ein Spiel treiben. Kleinen Kindern muß oft die Weise, nach welcher ein Spiel zu handhaben ist, erst gelehrt werden. Sie zeigen in der Regel anfänglich das Bestreben, daß sie die Spielgegenstände am liebsten zerstören möchten.

Bei geselligen Spielen tritt leider oft die Sucht, daß der Einzelne über die Andern gern herrschen möchte, recht deutlich hervor. Man muß aber diesen Hang, demzufolge ein Einzelner allen Andern befehlen will, unbedingt tadeln. Jedem Mitspielenden muß das Recht, wonach er sich für ein gewisses Spiel entscheiden kann, freistehen.

Ebenso darf auch bei sogenannten Glücksspielen der Wunsch der Kinder, daß sie gewinnen möchten, nie zur Leidenschaft werden. Die Möglichkeit, daß man im Glücksspiele auch verlieren kann, muß jedem Spieler vorweg einleuchten.

71. Räthsel.

(Der Beifügesatz umschreibt ein Doppelhauptwort.)

Alfred und Heino gaben sich gegenseitig Räthsel auf. Alfred brachte folgende zum Vorschein:

Wie heißt das Stroh, womit das Dach man deckt,

Wie nennst du das, drauf man im Bett sich streckt,

Wie heißt das Dach, das man aus Stroh gewinnt,

Und wie der Mann, deß Glieder Stroh nur sind?

Nenn’ mir das Bier, das gleich vom Faß man trinkt,

Und wieder das, das aus der Flasche blinkt.

Wie heißt das Faß, dem frisch das Bier entfließt,

Und wie das Glas, aus dem man Bier genießt?

Wie heißen Maler, die die Stube schmücken,

Und die, die uns durch Landschaftsbilder oft entzücken?

Wie nennst die Stube Du, da still ein Maler schafft,

Und die, drin uns der Schlaf gibt neue Kraft?

72. Die Bienen.

(Der Beifügesatz umschreibt eine Zahlbestimmung.)

Die Bienen eines Stockes, deren Zahl oft 15000 beträgt, bilden eine Art Königreich. Die Honigbienen, die ziemlich stark vertreten sind, erscheinen als die eigentlichen Arbeiter. Die Drohnen, deren Zahl geringer ist, machen den Hofstaat aus.

Neben den Honigzellen bauen die Bienen auch Brutzellen, die man ebenfalls nach Tausenden zählen kann. Die Eier, welche eine gleich große Menge bilden, legt einzig und allein die Königin.

An einem günstigen Tage kann von den Bienen eines reich bevölkerten Bienenstockes eine Honigmenge, die das Gewicht von zehn Pfund erreichte, eingeheimst werden.

73. Biblische Beinamen.

(Der Beifügesatz umschreibt eine Apposition.)

Die Sitte, in irgend einer Weise sich auszeichnenden Menschen einen besonderen Beinamen zu geben, ist uralt. Den ersten erhielt Adam, den man den Stammvater des Menschengeschlechts nannte. Einer gleichen Ehre hatte sich Abraham, der als der Erzvater bezeichnet wurde, zu erfreuen.

Zu diesen bevorzugten biblischen Personen gehört auch der König Salomo, dem man bekanntlich den Ehrentitel „der Weise“ beilegte. Unbestritten aber führt Christus, der als der Sohn Gottes bezeichnet wird, den erhabensten Beinamen.

Die biblischen Beinamen sind indeß nicht immer solcher Natur, daß die betreffende Person dadurch geehrt wird. Wir denken dabei an Herodes, welcher der Grausame benannt worden ist. Auch an Judas, der den Namen „Verräther“ führt, müssen wir uns hierbei erinnern. Ebenso ist Thomas, den man als den Ungläubigen bezeichnet hat, hierher zu rechnen. Nicht minder gehört Antiochus, den man zu den Tyrannen zählt, in diese Klasse.

Wiederholung.

(Alle Arten Beifügungen.)

74. Der sterbende Löwe.

Ein Löwe, der ein hohes Alter auf seinem Rücken trug, lag vor seiner Höhle. Die Mähne, die einst in üppiger Fülle seinen Leib schmückte, hing nur noch in dünnen Büscheln über die Schultern. Das Auge, das sonst feurig durch die Wüste spähte, stierte matt vor sich hin. Aus den früher so mächtigen Tatzen, die sich jetzt auf dem heißen Sande hinstreckten, war alle Kraft gewichen.

Das Mahl, das sich der Löwe gestern herbeigeholt hatte, war von ihm unberührt geblieben. Der gute Appetit, dessen er sich stets erfreute, schien gänzlich verschwunden. Auch an ihm behauptete das Naturgesetz, demzufolge selbst der Stärkste dem Tode verfällt, seine Rechte.

Der Wunsch, daß man den Beherrscher der Wüste gern noch einmal sehen möchte, führte eine Menge Thiere herzu. Darunter befanden sich freilich auch solche, welche die Schadenfreude herbeitrieb. Man sah sogar einige, die nun ihren Haß an dem hinfällig Gewordenen auslassen wollten.

Der Fuchs, der zu den ärgsten Feinden des Löwen gehörte, kränkte ihn mit allerlei beißenden Reden. Der Wolf, dem der Wüstenkönig einmal ein feistes Lamm abgejagt hatte, schimpfte den Sterbenden einen schändlichen Räuber. Ein Büffel, der seit Jahren in Furcht vor dem Löwen lebte, stieß ihn mit seinen Hörnern. Sogar ein träger Esel, der aus bloser Laune den König der Thiere nie leiden konnte, versetzte ihm noch einen Schlag mit seinen Hufen.

Da trat endlich ein Roß, dem der Löwe nur unlängst noch sein Junges zerrissen hatte, herzu. Es richtete sein Auge, dessen Ausdruck von Mitleid zeugte, schweigend auf den Sterbenden. Dieses edle Thier konnte die gemeine Gesinnung, derzufolge man sich an einem unschädlich gewordenen Feinde rächt, nur verabscheuen. Es hielt eine solche Handlungsweise, die nur aus Niederträchtigkeit hervorgehen kann, für die größte Schande.

Der Löwe, dem dieser Edelmuth nicht entging, warf dem Pferde einen dankbar gerührten Blick zu. Bald darauf aber machte der Tod, mit dem er schon geraume Zeit kämpfte, seinem Leben ein Ende.

75. Das Wasser.

(Desgleichen.)

Das Wasser, welches ein tropfbar-flüssiger Körper ist, bedeckt zu zwei Drittheilen die Erdoberfläche. Seine Farbe, die durch die darin aufgelösten Stoffe bedingt wird, tritt verschieden auf.

Fast himmelblau leuchten uns die Spiegel derjenigen Seen, welche sich zwischen den Alpen ausbreiten, entgegen. Im schillernden Dunkelgrün wälzt die Woge, die der Sturm auf dem Weltmeere vor sich her treibt, dem Ufer zu. Fast farblos dagegen erscheint der Strahl, der sich aus dem Röhrbrunnen ergießt.

Außerordentlich mannichfaltig sind die Formen, in denen uns das Wasser begegnet. Als Dunstbläschen, in welche es durch Wärme verwandelt worden ist, steigt es in die Luft. In Tropfen fällt es aus den Wolken, die langsam über unsern Häuptern dahinziehen, herab. Im Frühlinge überzieht es zuweilen die Flur mit Reif, der uns dann als eine Art Feenschleier erscheint. Auch in Gestalt von Graupeln, die in den höhern Luftschichten gebildet werden, bekommen wir es nicht selten zu sehen.

Grausig klingt bei mächtigem Gewitter das Herniederdonnern der Schloßen, die durch ihren Niederschlag oft große Verheerungen anrichten. Alle Eisdecken, welche im Winter die Gewässer tragen, sind Gebilde aus Wasser. Und wem wäre nicht die Entstehung des Schnees, der das Schlummergewand der Erde bildet, bekannt?

Unendlich groß ist der Segen, den das Wasser gewährt. Es erhält alles Leben, das die weite Erde trägt. Selbst das kleinste Pflänzchen, das auf dem dürrsten Sandboden gedeiht, kann ohne Wasser nicht fortbestehen.

Das Wasser trägt auf seinem Rücken Lasten, deren Gewicht Staunen erregen muß. Es setzt gewaltige Räder, durch welche wieder große Maschinen in Thätigkeit gebracht werden, in Bewegung. Durch die Eigenschaft, vermöge deren es sich durch Hitze in Dämpfe verwandelt, wird es für die riesigsten Fahrzeuge zum treibenden Elemente.

Freilich kann auch das Wasser, wenn es zur Flut wird, unsagliches Unheil anrichten. Wer zählt die unglücklichen Opfer, die schon das sturmdurchtobte Meer verschlungen?

2. Abgekürzte Beifügesätze.

76. Bete und arbeite.

Wendler, ein schlesischer Leineweber, hatte vom Leben sehr verkehrte Ansichten. Die Pflicht, sein Daheim zu erhalten, legte er lediglich in Gottes Hand. Die Annahme, Gott erhöre jedes Gebet, verleitete ihn zum Müßiggange. Der Gedanke, einen Tag verfaulenzt zu haben, störte ihn nicht.

Dagegen befriedigte ihn das Bewußtsein, heute wieder ein recht fleißiger Beter gewesen zu sein. Die Hoffnung aber, durch Gebet Alles erreichen zu können, ist eine Thorheit.

Gott, unser wahres Wohl im Auge habend, fordert auch den Gebrauch unserer eigenen Kraft. Er, obgleich von unendlicher Güte, gibt nichts im Schlafe.

Wendler, einst gar nicht unbemittelt, versank mit der Zeit in Armuth. Der Arbeit, dieser Würze des Lebens, hatte er sich gänzlich entwöhnt. Und so wurde er, alle Mahnungen unbeachtet lassend, auch noch ein vollendeter Taugenichts. Endlich mußte Wendler, unter dem Namen Betbruder bekannt, sein Brod sogar vor den Thüren suchen.

Dein Bedürfniß, täglich mit Deinem Gott reden zu müssen, verdränge daher nie den Trieb zur Arbeit. Bei dem Triebe, durch rührige Thätigkeit Dein Auskommen zu sichern, vergiß aber auch nie das Gebet.

Wiederholung.

3. Vollständige und abgekürzte Beifügesätze.

77. Napoleon I.

Napoleon, der Große genannt, war seiner Zeit der Gefürchtete von ganz Europa. Sein Eroberungsgelüste, welches keine Grenzen kannte, erfüllte manchen andern Herrscher mit Zittern. Seine Siege, für ihn selbst freilich oft recht opferschwer, wurden in den deutschen Staaten mit Entsetzen vernommen.

Ein Fürst nach dem andern mußte sich unter sein Scepter, das einer blutigen Geißel glich, beugen. Ein Land nach dem andern fiel seinem Kriegsglücke, das allerdings durch sein großes Feldherrntalent bedingt wurde, zum Opfer.

Somit schien er sein Ziel, Weltherrscher zu werden, wirklich erreichen zu sollen. Der König aller Könige aber, der allmächtige Weltenlenker, gebot endlich den stolzen Wellen. Der Stern, der zeither über dem Haupte des großen Kaisers glänzte, verdüsterte sich.

In der deutschen Nation, durch die Noth geeinigt, zog sich ein schweres Gewitter über ihm zusammen. Seine Macht, die jetzt in höchster Blüthe stand, wurde gebrochen. Auf Leipzigs Ebenen, den ewig denkwürdigen, erlitt er eine seiner furchtbarsten Niederlagen. Eine kleine Insel, welche mitten im Meere liegt, wurde dem Ueberwundenen von seinen Siegern zum Asyl angewiesen. Auf St. Helena beschloß endlich Napoleon, der gefangene Kaiser, sein sturmbewegtes Leben.

Hauptwiederholung.

4. Subjectiv-, Prädikat- und Beifügesätze.

78. Die Sklaven.

Daß es noch immer Sklaven gibt, ist eine beklagenswerthe Thatsache. Auch der Neger ist, was wir sind. Er gehört zu den Menschen, den Ebenbildern Gottes.

Furchtbar schrecklich ist das Loos, das den armen Sklaven beschieden ist. Was des Menschen höchstes Glück ausmacht, ist ihnen für das ganze Leben genommen. Die Freiheit, die goldene, kennen sie nicht. Unter einer Arbeitslast, die oft ihre Kräfte übersteigt, müssen sie ihre Tage verbringen. Die Pflicht, derzufolge sie sich dem Willen ihres Herrn bedingungslos zu unterwerfen haben, wird ihnen meist mit der Knute gelehrt.

Die allerscheußlichsten Scenen, die ein Menschenauge nur sehen kann, bietet ein Sklavenmarkt. Da stehen die armen Schwarzen, mit teuflischer List eingefangen, gleich Opferthieren. Was in ihrem Innern vorgeht, prägt sich in ihren Mienen aus. Ihren Ohren kann nicht entgehen, wie um sie gefeilscht wird.

Ihre allergrößte Besorgniß ist, daß sie von ihren Angehörigen getrennt werden könnten. Auch das Herz, das der Allvater in die Negermutter gelegt, umfängt ja ihr Kind mit zärtlicher Liebe. Auch das Negerkind, obgleich in der Wildniß aufgewachsen, erkennt seine Eltern als die besten Freunde.

Dank sei denjenigen Staaten, welche innerhalb ihrer Grenzen das Unwesen der Sklaverei abgeschafft haben. Ob dies noch in diesem Jahrhunderte allenthalben geschehen wird, ist sehr die Frage. O laßt doch die armen Sklaven wieder werden, was sie einst waren! Erhebt sie wieder zu freien Menschen, die gleiche Rechte mit uns allen haben.

IV. Ergänzungssätze.

1. Vollständige Ergänzungssätze.

79. Saat und Ernte.

(Im 4. Falle.)

Was der Mensch säet, das wird er ernten. Möchte ein Jeder beachten, daß in diesem Satze ein sehr ernster Fingerzeig für das Leben liegt.

Jeder vernünftige Mensch muß darum stets reiflich erwägen, was er thut. Er muß jederzeit bedenken, wie sich die Folgen seiner Handlungen gestalten können. Er muß mit Ruhe überlegen, wohin seine Schritte möglicherweise führen.

Der ist kein Weiser, den das Alles nicht kümmert. Diejenigen sind darum auch nicht zu bedauern, die jenen Fingerzeig nicht beachten.

Der Müßiggänger muß wissen, wohin die Faulheit endlich bringt. Der Verschwender muß einsehen, daß durch unsinnige Ausgaben auch der größte Reichthum vernichtet werden kann. Dem Schwelger muß die Erfahrung gelehrt haben, daß durch ein wüstes Leben die leibliche Gesundheit untergraben wird. Der Spieler darf sich nie verhehlen, daß die Spielwuth die Brücke zu vielen andern Lastern ist.

Von den toll in den Tag Hineinlebenden weiß man nie, wo die Fahrt zu Ende geht. Wie Mancher hat es schon am Ende seiner Tage bitter bereut, bösen Samen auf seine Lebensbahn gestreut zu haben.

Bedenke darum in frühester Jugend schon, was Dir einmal frommen kann. Träume Dir nie, Du seist vor all jenen Thorheiten sicher. Was Dich in Versuchungsstunden schützen kann, findest Du in der Religion.

Vergiß nie, was Du in diesem Artikel gelesen hast.

80. Die kranke Freundin.

(Desgleichen.)

Johanna erfuhr eines Tages, daß ihre Freundin krank sei. Sie vernahm auch, worin die Krankheit bestand. Daß der Zustand der Freundin keineswegs ungefährlich erscheine, hatte ihr deren Arzt gesagt.

Da überlegte denn nun Johanna, womit sie der Kranken eine Freude bereiten könne. Das freilich konnte sie der am Magen Leidenden nicht anbieten, was diese in gesunden Tagen gern aß.

Endlich fiel ihr ein, daß die Freundin die Feldblumen sehr liebe. Johanna wußte, wo die schönsten zu suchen seien. Sie fand daher sehr bald, was sie suchte. Das gute Mädchen verstand es ausgezeichnet, aus diesen einfachen Kindern der Flur einen reizenden Strauß zu binden.

Die Kranke errieth sogleich, woher die sinnige Gabe komme. Die Freude über dieselbe bewirkte, daß sich jene auf einige Zeit wohler fühlte.

Einige Tage später erfuhr Johanna, daß ihre Freundin auf dem Wege der Genesung sei. Wieder einige Tage darauf schrieb diese ihr sogar eigenhändig, daß sie nächsten Sonntag wieder ausgehen werde. Zugleich versprach sie, daß ihr erster Besuch Johanna gelten solle.

81. Lebensregeln.

(Im 3. Falle.)

Wer sich Dir anvertraut, dem leihe Dein Ohr. Wen Du dagegen nicht kennst, dem vertraue kein Geheimniß. Wer einer Gabe bedürftig ist, dem verschließe Deine Hand nicht. Der Dir dafür nicht dankt, dem gib noch einmal.

Wer Dich haßt, dem reiche kein Messer. Dem aber weiche nicht aus, der Dir die Hand zur Versöhnung bieten will. Danke dem, der Dich grüßt. Der Dich indeß nicht grüßt, dem zürne nicht.

Wer seine Ehre lieb hat, dem muß auch der böse Schein verhaßt sein. Wer aber von der Welt falsch beurtheilt wird, dem muß sein unbeflecktes Gewissen zum Troste dienen.

82. Mütterliche Lehren.

(Desgleichen.)

Mutter Regine mußte heute dem die Hand zum Abschiede reichen, der bisher ihr Liebling gewesen war. Wer ihre Liebe zu ihrem ältesten Sohn kannte, dem sind ihre heißen Thränen gewiß erklärlich vorgekommen. Wer auf die Wanderschaft geht, dem kann ja Mancherlei zustoßen.

Regine befahl in dieser Trennungsstunde den noch unerfahrenen Sohn dem, der jedes Menschen Geschick mit Weisheit lenkt. Darauf legte sie dem Scheidenden noch Folgendes ans Herz: „Wandere allezeit mit dem im Herzen, der auch im finstern Thale unser Stab ist. Wer das Gottvertrauen nicht fahren läßt, dem ist des Himmels Beistand immer nahe.

Traue dagegen nicht Jedem, der sich Dir als Freund anbietet. Der Weise mißtraut dem am meisten, der ihm am meisten schmeichelt. Gib jederzeit Ehre, dem Ehre gebührt. Wer Dich vor einer Thorheit warnt, dem küsse die Hand. Vergib dem, der Dich einmal beleidigen sollte.

Der Dich zum Zorne reizt, dem gehe aus dem Wege. Wem Du in irgend einer Weise helfen kannst, dem versage Deine Dienste nie. Wer Dir selbst dient, dem bleibe den Dank nicht schuldig.

Entfliehe denen, die verbotene Wege gehen wollen. Wer sich unter die Wölfe begibt, dem ist bald das Heulen gelehrt. Wem das Diebeshandwerk gefällt, dem kann ein Strick zum Halsband werden. Wer dagegen immer auf Gottes Wegen wandelt, dem wird es allezeit wohlgehen.“

83. Kindespflicht.

(Im 2. Falle.)

Der alte Vater Erasmus bedurfte, daß ihn eine liebende Hand pflegte. Zudem war er es auch würdig, daß ihm von seinen Kindern dieser Liebesdienst erwiesen werde. Niemand vermochte ihn zu beschuldigen, daß er gegen dieselben je eine Pflicht versäumt habe.

Trotz alledem aber wurde sein ältester Sohn dessen überführt, daß er den guten Alten ungebührlich behandelt habe. Der Undankbare versicherte dessenungeachtet ganz trotzig, daß er unschuldig sei.

Eines Tages ließ ihn der Geistliche des Ortes zu sich kommen und ermahnte ihn mit folgenden Worten: „Erinnere Dich dessen, der einst als der beste Sohn auf der Erde wandelte. Sei doch eingedenk alles dessen, was Dein Vater an Dir gethan hat. Werde Dir überhaupt bewußt, wie treulich Dich Deine Eltern einst gepflegt haben. Vergiß es nie, was sie für unzählige Opfer um Deinetwillen brachten.

Befleißige Dich daher, daß Du Deinem Vater all seine Liebe vergeltest. Freue Dich, daß Du ihn überhaupt noch besitzest. Zudem bedenke, daß auch Du einmal älter wirst.“

Diese Rede ging dem Sohne zu Herzen. Er klagte sich jetzt selbst an, daß er der Pflichten gegen seinen Vater vergessen habe. Er zieh sich selbst, daß er bisher ein höchst undankbares Kind gewesen sei. Und von dieser Stunde an blieb er eingedenk dessen, was das vierte Gebot von jedem Kinde fordert.

84. Ein edler Fürst.

(Der Ergänzungssatz umschreibt ein Hauptwort mit Verhältnißwort.)

Ein edler Fürst lebt nur dafür, daß es seinem Volke wohlgehe. Er trachtet zunächst darnach, daß die Landesgesetze immer vollkommener werden. Er hält aber auch darauf, daß man sie allenthalben erfülle. Er forscht, worin ein Nothstand seine Ursache haben könne. Darauf trachtet er, daß die Quelle des Uebels verstopft werde.

Ein edler Fürst kümmert sich, daß ein Jeder vor dem Gesetze gleiche Rechte habe. Er erkundigt sich angelegentlich, wie der Stand der Volksbildung sei. Er freut sich, wenn die Schulen immer größere Fortschritte erzielen. Er verwendet sich auch dafür, daß die Kunst zu immer größerer Blüthe gelange.

Ein edler Fürst sorgt getreulich für die, welche im Dienste des Vaterlandes zu Schaden gekommen sind. Er übt Gnade an denjenigen, die in Verblendung am Gesetze sündigten.

Er glaubt, daß über ihn noch ein Höherer waltet. Diesen König aller Könige aber bittet er, daß er ihm Weisheit schenke.

85. Der alte Räuberhauptmann.

(Der Ergänzungssatz umschreibt eine Zeitwort in abhängiger Form.)

Ein alter Räuberhauptmann fürchtete, daß er sein Leben noch auf dem Schaffote enden werde. Er wünschte daher, daß er bald sterben möge. Er verlangte sogar, daß man ihm Gift beibringe.

Seine Leute verneinten indeß, daß sie ihm in diesem Falle gehorchen müßten. Der alte Sünder hoffte nun von Tag zu Tag, daß er erkranken möchte.

Eines Abends glaubte er auch wirklich, daß sein Körper fiebere. Er bildete sich sogar ein, daß er bereits phantasire. Er wähnte, daß er merklich ermatte. Aber er begehrte nicht, daß man ihm etwas Stärkendes zu trinken gebe. Er vermied sogar mit allem Ernste, daß er in einen Schlaf verfalle. Die Krankheit war indeß nicht zum Tode. Seine Natur nöthigte ihn, daß er genesen mußte. Der Himmel zwang ihn, daß er noch am Leben bleibe.

86. An der Indianergrenze.

(Der Ergänzungssatz in unbestimmter Redeweise.)

Ein Farmer erfuhr, daß ein Haufen räuberischer Indianer im Anzuge sei. Sein Nachbar versicherte, daß er schon einige in der Nähe gesehen habe. Ein Kuhhirte wollte sogar wissen, daß die Räuber gegen fünfzig Mann stark wären. Ein zufällig dazukommender Reisender behauptete wieder, daß es die Indianer auf eine ganz andere Gegend abgesehen hätten.

Man einigte sich indeß, daß man in jedem Falle Vertheidigungsmaßregeln ergreifen müsse. Es wurde daher beschlossen, daß sich jeder Anwohner bewaffne. Zu gleicher Zeit aber wurde auch befohlen, daß keiner unnöthiger Weise von der Waffe Gebrauch machen solle. Ebenso wurde angeordnet, daß Niemand vorläufig seine Behausung verlassen dürfe. Namentlich empfahl der Fremde, daß ein Angriff erst abgewartet werde.

Zum Glück konnte bald darauf ein Abgesandter berichten, daß der Indianerschwarm jedenfalls vorüberziehe. Er wollte sich überzeugt haben, daß die Horde auf das nächste kleine Städtchen zusteuere. Man glaubte indeß, daß man trotzdem immer noch auf der Hut sein müsse.

Erst den nächsten Morgen nahm man an, daß nun alle Gefahren vorüber seien. Der Farmer gebot, daß Jeder seine Waffe wieder aus der Hand lege. Damit solle indeß nicht gesagt sein, daß die Räuberhorde nicht später wiederkehren könne.

1. Abgekürzte Ergänzungssätze.

87. Der Tollkühne.

Joseph bildete sich ein, ein vorzüglicher Schwimmer zu sein. Er wünschte deshalb, einmal seine Bravour zeigen zu können.

Eines Tages kündete er seinen Kameraden an, über den nahen, breiten Strom schwimmen zu wollen. Sie riethen ihm indeß, davon abzusehen. Sie beschlossen sogar, seinem Wagestücke gar nicht zuzusehen.

Joseph aber blieb dabei, seine Kraftprobe auszuführen. Er versicherte, keine Furcht zu kennen. Er bat deshalb die Kameraden, ihn zu begleiten.

Diese kamen endlich überein, ihm zum Flusse zu folgen. Der Tollkühne berechnete nicht, dem reißenden Strome nicht gewachsen zu sein. Das Schicksal verurtheilte ihn, seine Verwegenheit mit dem Leben zu büßen.

Wiederholung.

(Verschiedene Arten der Ergänzungssätze.)

88. Der feuerspeiende Berg.

Des Försters zehnjähriger Wilibald wußte recht gut, daß das Pulver ein gefährliches Ding ist. Sein Vater hatte ihm wiederholt gesagt, was für großes Unglück schon durch unvorsichtigen Umgang mit diesem Schießmaterial herbeigeführt worden sei.

Wilibald aber folgte dem nicht, der ihn schon oft gewarnt hatte. Er blieb dessen nicht eingedenk, was ihm sein Vater sagte.

Einmal nahm er sich vor, einen Sandhaufen in einen feuerspeienden Berg zu verwandeln. Er vermeinte, daß dies mit Schießpulver leicht ausführbar sei.

Wilibald war dessen gewiß, daß sein Vater heute erst spät heimkehren werde. Er hoffte deshalb, sein Werk ganz ungestört vollbringen zu können.

Das Unglück wollte, daß der Förster gerade an diesem Tage sein Pulverhorn hatte an der Wand hängen lassen. Wer die Sorgsamkeit des Försters kannte, mußte diese Unvorsichtigkeit fast unerklärlich finden. Man konnte aber auch wieder dem eine solche einmalige Vergeßlichkeit verzeihen, dem es im Kopfe oft vor Amtssorgen schwirrte.

Wilibald erinnerte sich, das Pulverhorn gesehen zu haben. Er fand daher sehr bald, was er suchte.

Den Sandhaufen hatte er bereits mit einer röhrenartigen Oeffnung versehen. Dahinein schüttete er, was sich im Pulverhorne vorfand. Schon freute er sich darauf, wie der Berg Feuer speien werde. Er erwartete, daß die Feuergarbe einen Meter hoch steigen würde.

Der kleine Vesuv bedurfte jetzt nur noch, daß ein Stück brennender Schwamm darauf gelegt werde. Bald hatte Wilibald beschafft, was eben noch fehlte. Ungeduldig sah er dem entgegen, was nun eintreten sollte. Er harrte indeß vergebens, daß das Schauspiel seinen Anfang nehme.

Endlich hielt er es für angezeigt, einmal nachzusehen. Er glaubte sich versichern zu müssen, daß der Schwamm verlöscht sei.

Wer aber unvorsichtig ist, dem kann gar Schlimmes begegnen. Wilibald bemühte sich, sich genau von der Ursache des Nichtentzündens zu überzeugen. In diesem Augenblicke aber erfolgte, was erfolgen sollte.

Das Schicksal fügte es leider, daß ihm die Pulverflamme gerade in die Augen schlug. Er verlor auf der Stelle sein Augenlicht.

Wem nicht zu rathen ist, dem ist freilich auch nicht zu helfen.

Hauptwiederholung.

(Subjectiv-, Prädikat-, Beifüge- und Ergänzungssätze.)

89. Das Reisen.

Wem Gott will eine Gunst erweisen, der wird von ihm in die weite Welt geschickt.

Das Reisen gewährt zunächst eins der größten Vergnügen, die für Geld zu haben sind. Es verleiht Vielen eine Bildung, die selbst das Studium der gelehrtesten Bücher nicht geben kann. So Mancher ist durch vieles Reisen erst geworden, was er werden sollte.

In der weiten Welt lernt der Mensch erst kennen, was für Wunder der Herr geschaffen hat. In der Fremde überzeugen ihn tausend Dinge, daß auch der Mensch in seinen Thaten groß sein kann.

Wer reist, muß freilich seine Augen hübsch offen behalten. Wer Gewinn vom Reisen haben will, muß auch die Ohren fein spitzen. Er muß sich befleißigen, mit Verstand zu reisen. Ein Wandern, dem kein bestimmter Plan zu Grunde liegt, hat wenig Zweck.

Auch die Kunst, mit rechtem Nutzen zu reisen, will freilich erst erlernt sein. Die ersten Ausflüge in die Welt kosten deshalb, was man Lehrgeld zu nennen pflegt. Man muß lernen, sich den gegebenen Verhältnissen zu fügen. Man muß auszurechnen verstehen, wie man überall am billigsten wegkommen kann. Man darf aber auch wieder gewisse Opfer, ohne welche zu besondern Sehenswürdigkeiten kein Zutritt gewährt wird, nicht scheuen.

Außerordentlich mannichfaltig sind die Verkehrsmittel, welche das Reisen ungemein erleichtern. Wer will, der kann jetzt binnen wenig Tagen in weit entlegene Länder versetzt werden. Es bedarf nur, daß er den Dampfwagen besteigt.

Das Verlangen, die weite Welt zu sehen, verallgemeint sich von Jahr zu Jahr. Wahrhaft erfreulich ist es, auf den Bahnhöfen täglich die große Menge Reisender zu sehen.

Trotzdem aber gibt es noch Leute genug, die lieber in behaglicher Ruhe auf ihrer Ofenbank sitzen bleiben. Sie ziehen den Glanz der blitzenden Thaler im Geldkasten, ihrem Abgotte, dem Anblicke der reizendsten Alpenlandschaft vor. Manche wieder sind geradezu zu faul dazu, ihren Gesichtskreis durch Aufsuchen von noch nie Gesehenem zu erweitern. Sie wollen lieber bleiben, wie sie sind. Wir aber sagen, daß dies eine Schande für sie ist.

Reise also, wer reisen kann. Das Reisen ist eine Lust, die kaum durch eine andere zu ersetzen ist.

V. Anführungssätze.

1. Wörtlich.

90. Die Bibel der Natur.

(Der Hauptsatz voran.)

Gleich der heiligen Schrift ruft uns auch die Natur zu: „Merke auf meine Rede!“ Der zuckende Blitz verkündet uns: „Alles Leben stehet in Gottes Hand!“ Die Lilie des Feldes tröstet: „Gott sorgt auch für dich!“

Das welkende Blatt legt uns die Worte an’s Herz: „Alles Irdische vergeht!“ Ernst murmelt uns das Bächlein entgegen: „Mein unaufhaltsames Dahinrollen ist ein Bild von Deiner Lebenstage Lauf.“

Das Würmchen im Staube spricht: „Groß sind die Werke des Herrn!“ Die Lerche in blauer Höhe jubelt: „Preise mit mir die Güte des Schöpfers!“ Der der Puppe sich entwindende Falter versichert uns: „Auch Du wirst auferstehen!“ Der majestätische Sternenhimmel predigt uns: „Hier sind noch viele Wohnungen!“

91. Beim Brande.

(Der Haupts. zuletzt.)

„Feuer!“ erscholl es mitten in der Nacht. „Eilt zu retten!“ mahnte die Feuerglocke.

„Wo brennt es?“ rief ich zum Fenster hinaus.

„Das Pfarrhaus muß in hellen Flammen stehen“, antwortete mir eine Stimme.

„Es kann auch die Schule sein!“ sagte eine andere.

„Keins von beiden“, versichert der zufällig vorübereilende Nachtwächter.

„Ich muß zu Hilfe eilen“, sagte ich zu den Meinigen.

„Das Erbgericht brennt!“ rief mir beim Austritt aus meinem Hause ein Vorübergehender zu.

„Dieser hat Recht!“ dachte ich beim Anblicke der auflodernden Flammen für mich.

Ich eilte dem Brande zu. Die Feuerwehr war bereits in voller Thätigkeit. Aber welch ein Lärm!

„Zuerst das Vieh retten!“ schrie der Eine.

„Drei Mann aufs Dach des Nachbarhauses!“ befahl ein Anderer.

„Eine Leiter hierher!“ kreischte eine heisere Stimme.

„Richtet den Spritzenstrahl mehr nach der Giebelmauer!“ commandirte der Feuerlöschdirector.

„Mehr Wasser herbeischaffen!“ riefen die Spritzenleute.

Das Hauptgebäude des Erbgerichts brannte nieder.

„Die Verhütung größeren Unglücks ist hauptsächlich der Windstille zu verdanken“, hörte man allgemein aussprechen.

92. Zwiespalt.

(Der Hauptsatz in der Mitte.)

„Womit“, fragte Kunz seine Kameraden auf dem Spielplatze, „werden wir uns denn heute die Zeit vertreiben?“

„Laßt uns“, sagte Hilmar, „Ball werfen.“

„Ball“, fiel Lambert schnell ein, „spiele ich nicht mit!“

„Nun, so wollen wir“, versetzte Hilmar wieder, „den Drachen steigen lassen.“

„Zum Drachensteigenlassen“, bemerkte Ewald, „habe ich wieder keine Lust.“

„Vielleicht“, schlug Hilmar aufs neue vor, „holen wir dann heute einmal alle unsere Reifen herbei?“

„Das Reifenspiel“, fiel Feodor spöttisch ein, „ist ja hauptsächlich eine Beschäftigung für Mädchen!“

„So laßt uns“, nahm hier Kunz wieder das Wort, „Soldaten spielen!“

„Das“, entgegnete Lambert, „wäre mein allerletzter Zeitvertreib!“

„Auf diese Weise“, sagte jetzt Günther, „kommen wir freilich heute zu keinem Zeitvertreibe. Lieber“, fügte er noch hinzu, „mag da jeder für sich spielen!“

Und so wurde es auch zuletzt.

Wiederholung.

(Alle drei Fälle abwechselnd.)

93. Die Weidenraupe.

„Wo kommst Du her?“ fragte Alban den ihm begegnenden Alexander.

„Ich komme“, gab dieser zum Bescheid, „von der Raupenjagd.“

„Und wie steht es mit der Ausbeute?“ fragte Alban weiter.

Darauf erwiderte der Gefragte mit einem gewissen Stolze: „Einen sehr interessanten Fund habe ich gemacht!“

„Wie so?“ versetzte Alban neugierig.

„Ich habe“, sagte Alexander hocherfreut, „eine Weidenraupe gefunden.“

„O Du Glücklicher!“ rief Alban fast etwas neidisch. Gleich darauf aber fügte er hinzu: „Wo wirst Du denn diese Raupe sich verpuppen lassen?“

„Die Weidenraupe“, belehrte jener, „muß man in ein Glas mit Sägespänen aus Weidenholz setzen!“

„Wozu das?“ fragte Alban.

Darauf erwiderte Alexander: „Weil diese Raupe meist vom Weidenholze lebt! Zu dem“, setzte er noch hinzu, „verpuppt sie sich auch stets in Holzspänen.“

„Wie lange liegt sie denn als Puppe?“ fragte Alban wieder.

Mit etwas verwunderter Miene erwiderte Alexander: „Weißt Du denn das nicht selbst aus der Naturgeschichte?“

„Das habe ich wirklich wieder vergessen“, war die Antwort.

„Sie braucht“, fuhr Alexander fort, „volle drei Jahre zu ihrer Entwickelung zum Falter.“

„Entsetzlich lange“, staunte Alban. „Den Schmetterling aber“, bat er, „laß mich dann ja gleich sehen!“

„Das soll geschehen“, versicherte Alexander.

2. Nicht wörtlich.

94. Das Wetter.

(Der Hauptsatz zuletzt.)

Eines Tages trafen sich vier Bauern auf dem Felde. Mit dem Wetter könne man dies Frühjahr doch eigentlich gar nicht zufrieden sein, äußerte Melchior.

Das sei auch seine Ansicht, sagte Samuel. — Er müsse für seine sandigen Fluren etwas mehr Regen wünschen, setzte Wenzel hinzu. — Ihm wären einige Tage Sonnenschein jetzt lieb, meinte Weinrich.

Die Wärme lasse diesmal außerordentlich lange auf sich warten, bemerkte Melchior wieder. — Für seine Saaten aber komme das kühle Wetter gerade recht gelegen, hielt Samuel entgegen.

Ihm sei ein Gedanke beigekommen, bemerkte jetzt Wenzel.

Wenzel möge reden, meinten alle.

Der liebe Gott werde es wol nie allen recht machen können, lautete Wenzel’s Gedanke.

95. Am Krankenbette.

(Der Hauptsatz voran.)

Zwei Aerzte wurden an das Krankenbette eines Kindes gerufen.

Der jüngere Arzt meinte, die argen Kopfschmerzen des Kindes könnten von schlechter Verdauung herrühren. Dem hielt die Mutter des Kindes entgegen, von einem Magenübel ihrer Marie habe sie noch nie auch nur die leiseste Spur entdeckt.

Der ältere Arzt war der Ansicht, es läge hier eine Erkältung zu Grunde. Dazu bemerkte der Vater, das Kind sei seit länger als acht Tagen nicht aus der Stube gekommen.

Beide Aerzte einigten endlich ihre Ansichten dahin, der Kopfschmerz habe seine Ursache in einem bedeutenden Blutandrange nach dem Gehirn. Der junge Arzt schlug nun vor, die Patientin solle in naßkalte Tücher eingepackt werden. Der ältere dagegen äußerte, hier sei ein niederschlagendes Pülverchen ganz am Platze.

Um des lieben Friedens willen beschlossen endlich die zwei Herren, man wolle von beiden Mitteln Gebrauch machen.

96. Der Fund.

(Der Hauptsatz in der Mitte.)

Ein armer Dienstmann fand auf der Straße einen Brillantring. Endlich, murmelte er für sich, habe er doch einmal Glück gehabt. Der Ring, meinte er, sei wenigstens seine zwanzig Thaler werth. Der Verkauf desselben, dachte er weiter, könne keine großen Schwierigkeiten bieten. Er brauche ja nur damit, überlegte er kurz, zum nächsten Goldarbeiter zu gehen.

Da aber mischte sich sein Gewissen darein. Ein unehrlicher Finder, hielt es ihm vor, sei einem Diebe gleich zu achten. Einen Dieb aber, setzte es hinzu, nenne die Bibel ein schändlich Ding. Unrecht Gut, warnte es weiter, habe noch niemals Segen gebracht. Und der Allwissende, mahnte es noch, wisse dergleichen Schlechtigkeiten ans Licht zu bringen.

Dieser innern Warnung, äußerte der Dienstmann nach einiger Erwägung ganz laut, wolle er aber auch folgen. Somit ging er auf die Polizei und meldete den Fund an.

Wiederholung.

(Alle drei Fälle.)

97. Ochs und Esel.

Ein Ochse und ein Esel stritten sich um den Ruhm der größten Klugheit.

Der Ochse meinte, er sei unter allen Umständen der Klügste. Ihm sei die Weisheit gleich angeboren, behauptete der Esel. Schon seine breite Stirn, brummte der Ochs, müsse doch seine Gelehrsamkeit beweisen. Der Esel behauptete dagegen, er würde jedenfalls seiner Zeit das Pulver auch erfunden haben. Gerade diese Eingebildetheit müsse er für einen Beweis großer Dummheit erklären, höhnte der Hornträger.

Diesen unangenehmen Streit, meinten endlich beide, werde der Löwe am besten entscheiden.

Sie gingen zu ihm.

Der Löwe eröffnete ihnen nach kurzer Ueberlegung, sie gehörten beide zu den Narren. Keiner habe in der Dummheit etwas vor dem andern voraus, versicherte er. Das hätten sie, fügte er hinzu, gerade durch ihren Streit bewiesen.

Ochs und Esel wurden auch wirklich jetzt der Meinung, der Löwe habe Recht.

98. Das Gespenst.

(Wörtlich und nicht wörtlich.)

„Hörst Du das Poltern?“ sagte der abergläubische Johann um die Mitternachtsstunde zu seinem Bruder Gottlieb.

„Freilich“, erwiderte dieser, „höre ich es.“

Ob dies nicht gar ein Gespenst sein könne, meinte Johann.

Ihm wolle es, flüsterte Gottlieb, auch ganz so scheinen.

Gleich darauf rief Johann dem neben ihm schlafenden Großknechte zu: „Es sind Gespenster im Hause!“

Im Erwachen äußerte Töffel, er habe das bereits auch verspürt.

„Leuchte nur einmal mit einer Laterne auf den Oberboden“, gebot Gottlieb dem Großknechte.

Da muthe man ihm freilich viel zu, entgegnete dieser.

Johann aber tröstete ihn mit den Worten: „Vor Deinen Fäusten werden schon die Gespenster Respekt haben.“

Töffel stand auf und ging. Bald kehrte er zurück. Fast wie aus einem Munde fragten beide Brüder, was es denn gewesen sei?

Wie man doch aber auch, murmelte der Großknecht verdrossen, gleich eine Mücke für einen Elephanten ansehen könne.

„Aber“, fiel Gottlieb schnell ein, „so gib uns doch nur Bescheid!“

„Das ganze Gespenst war unsere alte Hausmietze“, berichtete jetzt Töffel.

„Wie so denn?“ fragte Johann.

„Sie stak mit dem Kopfe in einem Topfe und konnte nicht wieder heraus“, war die Antwort.

Hauptwiederholung.

(Subjectiv-, Prädikat-, Beifügungs-, Ergänzungs- und Anführungssätze.)

99. Ehre das Alter.

Der alte Römhild, ein achtzigjähriger Greis, saß eines Tages vor der Thür seiner Hütte. Wer ihn kannte, hielt ihn hoch in Ehren.

Ueber seinem Haupte, das die Silberkrone des Alters schmückte, war mancher Sturm hinweggezogen. Er war sich aber bewußt, daß ihn keiner vom Wege der Glaubenstreue abgebracht habe. Er durfte sich sagen, stets rechtschaffen gehandelt zu haben.

Daß er ein höchst ehrwürdiger Greis sei, war in der ganzen Umgegend bekannt. „Vor Vater Römhild,“ hörte man oft sagen, „sollte Jeder die Mütze abnehmen.“

Nicht so dachten zwei gottlose Knaben, deren Vater Frohnvogt im Orte war. Sie spotteten, daß der alte Römhild gar so gebückt dort saß. Sie wollten sich todtlachen, daß die zitternden Hände des Greises kaum das thönerne Tabackspfeifchen zu halten vermochten.

Was die beiden Buben thaten, schmerzte den Alten tief. Sein Grundsatz aber, demzufolge er auch alles Unrecht geduldig ertragen wollte, ließ in seinem Herzen keinen Groll aufkommen.

Ganz freundlich sprach er zu den Knaben: „Tretet doch einmal zu mir heran!“

Sie würden sich hüten, äußerte höhnisch der eine. Und der andere meinte, sie hätten nichts mit ihm zu schaffen.

Darauf nahm Vater Römhild, dem es um die Besserung der beiden Knaben zu thun war, zwei ganz neue Groschenstücke aus der Tasche. „Diese blitzenden Groschen sollt Ihr Euch bei mir holen“, sagte er.

Dieses Angebot reizte die Knaben, den Schritt zu wagen. Sie traten also hinzu.

Vater Römhild faßte, ohne seine freundlichen Züge zu verändern, jeden Knaben bei der Hand. „Ihr habt meiner gespottet“, begann er darauf. „Damit“, setzte er hinzu, „habt Ihr mir sehr weh gethan.“

Bei diesen Worten, die seiner Brust mit einem tiefen Seufzer entstiegen, zitterte eine Thräne von seinen grauen Wimpern. Darauf fuhr er fort: „Werdet Ihr nicht selbst auch einmal alt werden?“ Und weiter fragte er: „Würde Euch denn in Euren alten Tagen der Spott der Jugend gefallen?“

In ähnlicher Weise redete der Alte, der dabei einen wahrhaft väterlichen Ton annahm, noch längere Zeit zu den Herzen der beiden Knaben.

Beide sahen jetzt ein, daß sie sich an dem Alten versündigt hatten. Beide gelobten auch endlich, daß sie sich ein solches Vergehen nie wieder wollten zu Schulden kommen lassen.

Daß ihnen dieses Versprechen wirklich aus dem Herzen kam, sah der Alte an ihren Mienen. Ob sie der Zusage für immer eingedenk sein würden, konnte Vater Römhild freilich nicht wissen. Zur Ehre gereicht ihnen aber noch, daß sie die neuen Groschen durchaus nicht nehmen wollten.

Hoffentlich blieben sie solcher Gesinnung, wie sie jetzt waren.

VI. Umstandssätze.

1. Umstandsnebensätze des Ortes.

100. Unschuldig Verfolgte.

Wo man die Sperlinge vertilgt, da züchtet man schädliche Insekten. Wo man die Maulwürfe erwürgt, da hegt man ein dem Graswuchse nachtheiliges Gewürm. Wo man den Eulen nachstellt, liebäugelt man mit den Feldmäusen.

Dort steht es nicht gut mit der Oekonomie, wo jene drei Unschuldigen verfolgt werden. Ein solcher Unverstand kommt eben daher, woher aller Unverstand kommt. Und er führt dahin, wohin alle Unwissenheit führt. Er führt zu Nachtheilen.

Der Landbebauer möge daher sein Ohr dahin halten, wo die Ordnung der Natur gelehrt wird. Er möge da hineingucken, wo von den wirklichen Feinden der Landwirthschaft geschrieben steht. Gewiß wird er dann jene drei unschuldig Verfolgten dahin zählen, wohin sie gehören.

101. Reichthum.

(Desgleichen.)

Wo der Reichthum thront, da wohnt nicht immer auch das Glück. Das wahre Glück ist weit öfter dort zu finden, wo die Armuth um den Tisch sitzt.

Wo der Hausherr stolz zu Rosse dahinfegt, hinkt sehr oft die Sorge hinterdrein. Wo die Hausfrau dreimal täglich das Gewand wechseln kann, kann leicht auch dreimal die gute Laune wechseln.

Da, wo die Tafel die fetten Bissen kaum zu tragen vermag, stellen sich in der Regel viel ungeladene Gäste ein. Und dort hat man den Grünspan am meisten zu fürchten, wo sich viel Silber anhäuft.

Dahin, wohin der Reichthum zuweilen führt, möchte mancher Arme wol um keinen Preis gelangen. Wohin der Ueberfluß an Mammon den Weg erschwert, dahin deutet auch Christus in einer Unterredung mit seinen Jüngern.

Woher sich daher Mancher in dieser Beziehung ein beneidenswerthes Loos träumt, daher kann gerade sein Verderben kommen. Trachte doch ein Jeder zunächst dahin, woher ein zufriedener Sinn das Gemüth durchdringt.

2. Umstandsnebensätze der Zeit.

a. Gleichzeitigkeit.

102. Peter der Große.

Eines Tages fuhr Peter der Große, als er zu Mittag gespeist, in seiner Schaluppe nach Sesterbank. Während seine Matrosen die Ruder schlugen, mußten sie zur Ergötzlichkeit des Kaisers ihre Lieder anstimmen. Dieses Concert unterhielten sie stets so lange, bis er winkte.

Indem die Schiffsleute noch sangen, erhob sich von Westen her etwas Wind. Kaum aber waren zehn Minuten vergangen, entwickelte sich aus diesem Winde ein arger Sturm.

Indeß sich des Kaisers Fahrzeug seinem Ziele nähert, bemerkt er in der Ferne einen mit den Wogen kämpfenden Kahn. Sowie Peter die große Gefahr für das kleine Fahrzeug erkennt, schickt er sofort seine Matrosen zur Rettung aus. Noch aber haben diese kaum die Schaluppe verlassen, entdeckt er mitten in der Flut eine Frau mit ihrem Kinde.

Schon drohen die Wogen die Unglückliche zu begraben, als Peter selbst zu ihrer Rettung in die schäumende Flut stürzt. Sobald es Menschenleben zu retten gilt, denkt er nicht an seine Kaiserwürde.

Indem ihn eine Welle hoch emporhebt, erfaßt er die Unglückliche. Mit starker Hand hält er sie fest, bis der Schiffsjunge die Schaluppe herbeigeführt hat.

Während seine ausgesendeten Matrosen jenen Kahn in Sicherheit bringen helfen, führt er die beiden Geretteten dem Ufer zu. Für diese aber war nun gesorgt, solange sie lebten.

103. Aus dem Tagebuche eines Kriegers.

(Desgleichen.)

Als die Sonne zu sinken begann, rückten wir in N. ein. Sobald die nöthigen Befehle für die nächste Nacht verlesen waren, ging das Bataillon auseinander.

Kaum war ich zwei Minuten weit gegangen, stand ich vor meinem Quartier. Ich klopfte so lange an, bis sich mir die Thür des einfachen Dorfhauses öffnete.

Während ich mein Gepäck ablegte, brummten meine Wirthsleute einige unwillige Worte. Ihr Widerwille steigerte sich noch, als ich endlich zu essen begehrte.

Indeß endlich die Wirthin einige karge Lebensmittel herbeibrachte, trat ihr vierjähriges Töchterchen zu mir. Seitdem wir die französische Grenze überschritten hatten, war mir noch kein so hübsches Kind vorgekommen.

Ich nahm das Kind auf meinen Schooß und liebkoste es in der väterlichsten Weise. Sowie die Wirthin dies sah, veränderten sich auf einmal ihre zeither so mürrischen Gesichtszüge. Währenddem ich nun vollends dem lieben Kinde die Stirn küßte, verklärte sich ihr Gesicht in ein glückliches Lächeln.

Wie staunte ich indeß, als sie plötzlich das dürftige Abendbrod wieder entfernte. Indem ich aber noch über dieses seltsame Gebaren nachdachte, trat sie auch schon mit einem großen Teller höchst appetitlicher Speisen an den Tisch.

Schon wollte ich zulangen, als die Wirthin mir Einhalt gebot. Noch aber hatte ich meine Gabel kaum wieder hingelegt, brachte der Wirth eine Flasche köstlichen Wein herbei. Jetzt erst sollte ich mir es wohlschmecken lassen.

Die beiden Wirthsleute blieben meine freundlichen Nachbarn, solange ich aß. Als ich sie den nächsten Morgen verließ, erhielt ich von ihnen noch einen halben Schinken auf den weiten Marsch.

Seit ich dieses einfache Dorfhaus verließ, habe ich nie wieder ein so gutes Quartier gefunden.

b. Ungleichzeitigkeit.

104. Gewissenhaftigkeit.

Bevor ein guter Schüler die Feder zu irgend einer schriftlichen Arbeit ansetzt, sammelt er in seinem Kopfe erst den Stoff dazu. Nachdem dies geschehen ist, ordnet er denselben. Ehe er aber dann die fertige Arbeit dem Lehrer übergiebt, sieht er sie noch einmal gewissenhaft durch.

So oft ein Schüler dies thut, so oft wird er mit seinem Schaffen auch Ehre einlegen.

So gewissenhaft sollte der Mensch überhaupt in allen seinen Unternehmungen sein. Er muß stets ein bestimmtes Ziel ins Auge fassen, bevor er handelt. Er muß auch stets die möglichen Folgen seiner Thaten erwägen, ehe er die Hand an irgend ein Werk legt.

Gar Viele sehen ihre Thorheiten erst dann ein, nachdem sie vollbracht sind. Halte daher weisen Rath, so oft Du etwas Neues unternehmen willst.

Wiederholung.

(Gleichzeitigkeit und Ungleichzeitigkeit.)

105. Das Wüstenungeheuer.

Bevor wir die mühsame Wanderung durch die Wüste ganz beendet hatten, sollten wir noch deren schrecklichstes Ungeheuer kennen lernen. Als die Sonne ihre Strahlen gegen Mittag sengendheiß herabschoß, bemerkten wir an unsern Kameelen eine gewisse Unruhe. Kaum hatten wir wieder eine Meile hinter uns, fühlten wir selbst eine eigenthümliche Schwere in der Luft.

Während wir noch darüber sprachen, schien sich in der Ferne der Himmel zu verdunkeln. Noch waren wieder nicht zehn Minuten vergangen, vernahmen wir auch ein fernes Brausen. Wenn aber dieses Zeichen auftritt, dann kann sich der Wüstenreisende auf Schlimmes gefaßt machen.

In der Regel schickt der Samum erst einzelne leichte Sandwolken vor sich her, ehe er selbst in seiner ganzen Macht losbricht. Sowie die erste dieser Staubwellen auf uns zugewälzt kam, warfen sich sämmtliche Kameele im Nu platt auf die Erde nieder. Sobald dies geschehen, streckten auch wir uns lang neben ihnen hin. Indem wir uns aber auf diese Weise in Sicherheit zu bringen suchten, tobte auch schon das Ungeheuer in seiner wilden Macht daher.

Die ganze Welt schien verwüstet werden zu sollen, indeß der furchtbare Sturm über uns dahinwüthete. Die Gluthitze drohte uns zu ersticken, während der feine Sand unsere zarten Hautstellen wie mit Nadeln ritzte.

Solange der entsetzliche Samum wüthete, sahen wir uns in schauerliche Nacht gehüllt. Erst nachdem wir etwa zwei Stunden diese fürchterlichen Qualen erduldet, lichtete sich das grausige Dunkel allmälig.

Wie dankten wir Gott, da der erste Sonnenstrahl wieder durch die immer schwächer werdenden Sandwirbel drang. Noch immer rieselt mir es kalt durch die Adern, so oft ich jener Schreckensstunde gedenke.

(Umstandssätze des Ortes und der Zeit.)

106. Die Missionäre.

Die Heidenboten haben einen sehr schweren Beruf. Wohin sie gesendet werden, dahin ist in der Regel noch kein Wort vom Christenthume gedrungen. Wo sie ihre Arbeit beginnen sollen, da kniet das Volk noch vor todten Götzen.

Häufig erfahren sie das schnödeste Mißtrauen, sobald sie sich nur unter einem solchen wilden Stamme blicken lassen. Dieses Mißtrauen verwandelt sich nicht selten in Haß, wenn sie dann die ersten Bekehrungsversuche wagen. Sowie der Wilde seine angestammte Religion durch ihn gefährdet sieht, betrachtet er den Heidenboten gewöhnlich als einen ärgsten Feind. Gerade da aber, wo dieser den härtesten Widerstand findet, ist auch sein Werk am verdienstvollsten.

Es kostet oft große Anstrengung, ehe nur ein Einziger für den christlichen Glauben gewonnen wird. Noch viel größere Opfer aber erfordert es, bevor sich ein ganzer Stamm unter das Kreuz des Erlösers beugt.

Woher aber der Missionär die Neigung zu seinem so gefahrvollen Berufe erhält, daher erhält er auch die Kraft dazu. Indem er nur die geringste Frucht seiner Saat aufgehen sieht, wächst sein Muth. Die glücklichen Erfolge mehren sich indeß auch in der Regel auffällig, nachdem einmal erst eine Seele gerettet ist.

Möge das Licht des Christenthums überall aufgehen, wo jetzt noch Finsterniß herrscht. Möge es so lange Missionäre geben, solange es noch Heiden gibt. So oft uns Gelegenheit geboten ist, so oft wollen wir aber auch unsern Theil zu dem heiligen Werke der Heidenbekehrung beitragen.

3. Umstandsnebensätze der Art und Weise.

a) Unverkürzt.

aa) Ohne Vergleichung.

107. Roderich.

Indem der kleine Roderich mit seinen Eltern oft Concerte besuchte, entwickelte sich in ihm der Sinn für Musik. Ohne daß er es eigentlich wollte, prägten sich seinem Gedächtnisse einzelne schöne Melodien ein. Diese sang er dann wol auch, indem er vielleicht gerade ein Kartenhaus baute, vor sich hin.

Bald bat er seine Eltern so dringend um Musikunterricht, daß sie ihm nicht widerstehen konnten. Er machte glänzende Fortschritte, ohne daß er sich etwa besonders angestrengt hätte. Schon nach einem Jahre spielte er ziemlich schwere Klavierstücke so, daß man staunen mußte. So trug er z. B. eine ziemlich schwere Sonate von Mozart vor, ohne daß ihm auch nur ein falscher Ton entschlüpfte. Dabei bearbeitete er an gewissen Stellen das Instrument dermaßen, daß die Saiten hätten springen mögen.

Indem er Klavier spielte, bildete sich sein Gehör auch für den Gesang. Seine kleinen Lieder ertönten so rein, daß man seine Freude daran haben mußte.

So reifte Roderich zu einem Künstler heran, ohne daß er es eigentlich wußte. Indem er aber auch als Künstler ein harmloser Charakter blieb, lohnte er am besten die von seinen Eltern ihm gebrachten Opfer.

bb) Mit Vergleichung.

108. Ein Sprichwort.

Wie es in den Wald hineinschallt, schallt es wieder heraus. Dieses alte Sprichwort ist so verständlich, daß sein Sinn schon von einem Kinde erfaßt werden kann. Es ist aber auch so beherzigenswerth, daß man es auf die Zifferblätter der Uhren schreiben sollte.

Je gewissenhafter ein Mensch seinen Verkehr mit andern nach dieser Erfahrung regelt, desto weniger wird er über fremde Unbill zu klagen haben. Wie wir Andern begegnen, so pflegen diese uns entgegen zu kommen. Je freundlicher wir sind, desto mehr schützen wir uns vor Beleidigungen. Je theilnehmender wir uns erweisen, desto sicherer können wir auf fremdes Mitleid rechnen.

Muß sich ja doch der Christ vor allen Dingen zu seinen Mitmenschen stellen, wie sich ein Bruder zum Bruder stellt. Erscheint er doch überhaupt nie so edel, als wenn er im Sinne seines himmlischen Vorbildes handelt.

Manche Menschen treten freilich so rücksichtslos gegen andere auf, wie wenn sich die ganze Welt vor ihnen beugen müßte. Dadurch aber machen sie sich dermaßen verhaßt, daß sie endlich selbst verachtet werden. Ihr Schicksal verhält sich dann zu ihrem Gebaren, wie sich Ursache und Folgen verhalten.

Behandle also Deinen Nächsten, gleichwie Du von ihm behandelt zu sein wünschest.

b) Abgekürzt.

109. Auf der Wolfsjagd.

Mit allem Jagdgeräthe wohl ausgestattet, verließen wir unsere Behausungen. Einige Diener, reichlich mit Lebensmitteln versehen, folgten. Eine Wolfsjagd kann sich ja, wie alle Jagden auf wilde Thiere, sehr in die Länge ziehen.

Uns über den Jagdplan besprechend, erreichten wir den Wald. Berathen ist freilich leichter, als handeln.

Einander gegenseitig Glück wünschend, gingen wir an der Waldesgrenze bis auf gewisse Entfernungen auseinander. Wir schritten langsam vorwärts, ohne uns jedoch aus dem Auge zu verlieren. Jeder freute sich auf den ersten Schuß, wie auf irgend ein frohes Ereigniß.

Die Flinte zur Seite, schritt ich fürbaß. Mich an einer Felsenwand hindrückend, gelangte ich vor den Eingang einer kleinen Höhle. Alsobald meine Schritte hemmend, spähte ich nach dem dunklen Hintergrunde derselben. Hier leuchteten mir, wie grünfeurige Flammen, zwei Augen unheimlich entgegen. Diese sprühenden Punkte sogleich als Wolfsaugen erkennend, lege ich mein Gewehr an. Nicht ohne vorher die beiden Feuersterne gehörig aufs Korn zu nehmen, drücke ich endlich ab.

Ein kurzes Geheul ausstoßend, stürzt der Wolf dem Eingange der Höhle zu. Hier aber bricht er, noch einen tiefen Seufzer ausstoßend, zusammen. Ich aber schleppte meine Beute, nicht ohne einen gewissen Stolz, an den Rand des Waldes zurück.

Wiederholung.

(Unverkürzte und abgekürzte Nebensätze der Art und Weise.)

110. Die Rettung.

Den hellen Tag in düstere Nacht verwandelnd, zog ein Gewitter über ein Thal hinweg. Die Blitze folgten so schnell auf einander, daß man dazwischen kaum bis zehn zählen konnte. Der Donner rollte so mächtig durch den Himmel hin, daß die nahen Berge zu erzittern schienen. Zudem strömte der Regen vom Himmel herab, wie zur Zeit der Sündflut.

Von allen Seiten Zufluß erhaltend, trat der sonst so unbedeutende Thalbach über seine Ufer. In wenig Minuten gestaltete er sich, das ganze Thalbecken überflutend, zum reißenden Strome. Er nahm ebenso zu an Tiefe, als er in der Breite wuchs. Seine schmuziggelben Wogen brausten dahin, daß es Jedermann mit Entsetzen erfüllte.

Mitten in dem Thale stand eine alte Mühle, von den Wogen jetzt auf das entsetzlichste bedroht. Die armen Bewohner derselben schrieen, auf dem Dache sitzend, mit herzzerreißender Stimme um Hilfe. Niemand freilich konnte sie ihnen bringen, ohne selbst das Leben auf das Spiel zu setzen. Die eigene Gefahr war zu groß, als daß sich sogleich rettende Hände gefunden hätten.

Je höher indeß das Wasser stieg, desto entsetzlicher ertönte der Hilferuf der Unglücklichen. Ihr Angstgeschrei erscholl so verzweifelt, daß es hätte Steine erweichen können.

Je größer aber die Noth, desto näher oft die Hilfe. Plötzlich brachten zwei wackere Männer, vor Anstrengung keuchend, einen kleinen Nachen herbei. Ohne daß sie weiter viel redeten, ließen sie denselben ins Wasser. Indem jeder ein Ruder zur Hand nahm, stiegen sie in das dürftige Fahrzeug ein.

Der Mensch erscheint nie so groß, als wenn er sein eigenes Leben für die Rettung eines anderen einsetzt.

Mit kräftigen Armen den Nachen lenkend, erreichten die beiden Männer glücklich die Mühle. Nicht ohne daß es große Vorsicht gegolten hätte, wurde die Müllerfamilie in den Nachen gebracht.

Schon die nächste Minute darauf versank das ganze Gebäude, sich noch einige Male im Kreise drehend, in den Fluten. Die edlen Männer aber gelangten, dem lieben Gott für seinen Beistand innig dankend, mit der armen Familie glücklich ans Land.

Hauptwiederholung.

(Umstandssätze des Ortes, der Zeit und der Weise.)

111. Eine Lebensgeschichte.

Wehmüthig auf einem Stäbchen seines Gebauers sitzend, erzählte ein Rothkehlchen einem Kanarienvogel seine Lebensgeschichte:

Wo die jungen Kiefern mit Birkenbüschen im bunten Wechsel standen, da war mein liebster Aufenthalt. Hier lebte ich, mein treues Weibchen meist zur Seite, in ungestörtem Glücke.

Sobald der erste Morgenstrahl durch die Zweige drang, stimmte ich mein Lied an. Ein Tag nach dem andern floß dahin, ohne daß uns irgend ein Leid bewegte. Je höher die Sonne stieg, desto lustiger wurde mein Gesang.

Sowie der Frühling einzog, bauten wir uns ein Nest. Wohin wir es bauten, dahin konnte sich kaum ein Raubthier finden.

An einem schönen Herbsttage nun fliege ich, einigen Hunger verspürend, an einem Waldbache hin. Indem ich mich auf ein Tannenbäumchen niederlasse, bemerke ich am Stamme desselben rothe Beeren. Während ich mir dieselben noch betrachte, erblicke ich sogar dicht dabei einen fetten Mehlwurm.

Ueber meine Entdeckung höchst erfreut, fliege ich hinab. Zu meiner noch größeren Freude bemerke ich da, wo die Beeren hingen, ein bequemes Hölzchen. Nichts Schlimmes ahnend, setze ich mich darauf. Kaum aber berühre ich dasselbe, werde ich an den Füßen von einer Schlinge festgehalten.

Ich ringe natürlich mit allen Kräften, gleich einem Löwen im Netze, nach meiner Freiheit. Die Schlinge aber zieht sich dadurch so zusammen, daß sie mir die Beine zu durchschneiden droht.

Währenddem ich nun um Hilfe rufe, kommt ein Bube herbeigesprungen. Er rieb sich vor Freude die Hände, als er mich erblickte. Woher er kam, daher sah ich sonst selten einen Menschen kommen.

Dieser Bube steckte mich, ohne daß er nur das geringste Mitleid empfunden hätte, in ein Leinwandsäckchen. Wo er mich hinbrachte, da waren hartherzige Menschen. Sie kauften mich so gleichgiltig, wie wenn sie eine Schuhbürste gekauft hätten.

Nachdem ich jetzt in einen Käfig gesperrt war, übersah ich erst mein trauriges Loos!

Seitdem ich ein armer Gefangner bin, ist mein ganzes Lebensglück vernichtet. Woher ich gekommen, dahin darf ich nie zurückkehren. Die Freiheit aber ist ein zu edles Gut, als daß man sie ganz vergessen könnte. Vielleicht erlöst mich mein Schöpfer, von meinem Elende gerührt, bald durch den Tod aus dieser Qual.

4. Umstandssätze des Grundes.

a) Wirkliche Gründe.

aa) Stoff, Ursache, Erkenntnißgrund.

112. Die Fledermaus.

Die Fledermaus erkennt man daran als Säugethier, daß sie lebendige Junge erzeugt. Da sie aber fliegen kann, rechnet sie mancher Unwissende zu den Vögeln. Indem ihre Füße mit den Flügeln verbunden sind, kann sie nicht gut sitzen. Auf das Laufen muß sie fast ganz verzichten, weil sie eigentlich gar keine Gehwerkzeuge besitzt.

Da sie sich meist von nächtlich schwärmenden Insekten nährt, beginnt sie zur Dämmerzeit ihre Jagd. Woraus ihre Nahrung besteht, daraus besteht auch das Mahl der Nachtschwalbe.

Die Fledermaus gewinnt dadurch etwas Unheimliches, daß sie fast stets in einem Kreise umherfliegt. Besonders häufig zeigt sie sich in den Gehöften, weil sie dort jedenfalls reiche Beute findet. Wenn sie gefangen wird, stößt sie kläglich pfiepende Töne aus.

Mancher Landmann will danach das Wetter bestimmen, ob sie hoch fliegt oder nicht.

Da sie im Winter keine Nahrung finden würde, verschläft sie denselben. Zu diesem Zwecke sucht sie oft die Gemäuer der Thürme auf, weil sie hier Schutz vor den Winterstürmen findet.

bb) Beweggrund, Zweck, Ziel.

113. Mutterliebe.

Um ihr Kindlein groß zu ziehen, bringt eine Mutter unzählige Opfer. Damit es körperlich gedeihe, reicht sie ihm wohlgewählte Nahrung. Ihr Auge wacht mit ängstlicher Sorgfalt, daß ihm kein Unfall zustoße. Um es vor Gefahren zu behüten, warnt sie es bei jeder Gelegenheit.

Wie treubesorgt ist nun erst eine Mutter um ein krankes Kind, damit es bald wieder genese. Sie entsagt nächtelang dem Schlafe, um keine Veränderung in dem Zustande ihres Lieblings unbeobachtet vorübergehen zu lassen.

Eine treue Mutter ist aber auch darauf bedacht, daß ihr Kind geistig gedeihe. Sie hütet es vor schlechtem Umgange, weil dieser sein Herz verderben könnte. Sie bewahrt es vor widerwärtigen Eindrücken, da diese ein zartes Gemüth leicht abstumpfen. Sie leuchtet ihm in jeder Hinsicht stets mit einem guten Beispiele voran, indem ein gutes Vorbild auf des Kindes Veredlung jedenfalls am segensreichsten wirkt. Sie ermahnt ihr Kind tagtäglich zu allem Guten, weil sie ihm ein reines Herz erhalten will. Sie straft aber auch ihr Kind zur rechten Zeit, weil sie es eben lieb hat.

Wiederholung.

(Alle Arten Umstandssätze des Grundes.)

114. Der Mensch.

Woraus die Erde besteht, daraus besteht auch der thierische Körper. Und woraus sich der thierische Körper aufgebaut hat, daraus hat sich auch unser Leib entwickelt.

Die Wahrheit dieser Behauptung erkennt man deutlich daran, daß sich jeder Leichnam schließlich wieder in Erde verwandelt. Da nun überhaupt der Mensch in körperlicher Hinsicht ganz dem Thierwesen entspricht, so gehört er auch dem Körper nach zu den Thieren. Natürlich nimmt er unter diesen die höchste Stellung ein, weil sein Körper der vollkommenste ist.

Um aber den Menschen zu seinem Ebenbilde zu erheben, verlieh ihm der Schöpfer einen Geist. Er stattete ihn, damit er einst als Himmelsbürger in die andere Welt eingehen könne, mit einer unsterblichen Seele aus.

So wurde der Mensch dadurch auch zum Herrn der Welt, daß er eben in seinem Körper einen Geist birgt. Unser Leib wird deshalb wol auch ein Tempel Gottes genannt, weil jener göttliche Funke in ihm wohnt.

Beide Bestandtheile des Menschen stehen in Wechselwirkung zu einander, da sie eng mit einander verbunden sind. Wenn der Leib kränkelt, leidet der Geist mit. Wenn der Geist leidet, verkümmert nicht selten der Leib. Halte darum Deinen Leib in Ehren, weil Deine geistige Gesundheit davon abhängt. Veredle Deinen Geist, denn dadurch begründest Du Dein Glück. In jeder dieser Hinsichten hat uns Christus ein Vorbild gelassen, daß wir sollen nachfolgen seinen Fußtapfen.

Hauptwiederholung.

(Umstandssätze des Ortes, der Zeit, der Weise und des wirklichen Grundes.)

115. Der Apfelbaum.

Wo der Garten ziemlich zu Ende ging, stand ein Apfelbaum. Er hing so voll Früchte, daß sich seine Zweige weit herabbogen. Dieses reichen Segens hatte er sich deshalb zu erfreuen, weil er auf einem fetten Boden stand. Seine Aepfel glänzten, wie wenn sie in Gold getaucht wären.

Kaum waren sie völlig gereift, erhielt der Apfelbaum viel Besuch. Bevor der Kutscher in den Stall ging, holte er sich von ihm einige Aepfel. Sobald die Köchin früh aufstand, war ihr erster Gang zu diesem Apfelbaume. Sogar das Kindermädchen holte sich, während die Herrschaft speiste, einige der goldenen Aepfel.

Weil sich nun so viel Gäste einfanden, wurde der Apfelbaum stolz auf sich. Je mehr man an seinen Zweigen schüttelte, desto mehr wuchs sein Hochmuth. Mit aufgeblasenem Wesen richtete er jeden neuen Tag seine Blicke dahin, woher seine vielen Freunde kommen mußten. Dabei sah er auf andere Bäume um sich her so verachtend herab, als wären diese nichtsnutziges Gesindel.

Da sich indeß so viel Gäste fanden, schmolz sein Reichthum zusehends zusammen. Kaum waren zwei Wochen ins Land gegangen, hatte er nur noch drei Aepfel auf seinen Zweigen. Um dieser habhaft zu werden, warf ein Knabe mit einem Steine danach.

Da der Apfelbaum nun keine Früchte mehr hatte, kam ihm kein Mensch mehr zu nahe. Er stand da, wie ein von aller Welt Verlassener. Ohne daß er es natürlich gestand, schämte er sich jetzt seines ehemaligen Hochmuthes.

Wahre Freunde erkennt man daran, daß sie uns ohne Eigennutz lieben.

b) Mögliche Gründe.

aa) Bedingungssätze.

116. Der sterbende Vater.

Als Vater Aminth sein Ende nahen fühlte, ließ er seinen Sohn noch einmal an sein Bett kommen. Unter Anderem legte er ihm Folgendes ans Herz: Wenn es Dir nur irgend möglich ist, so sei dem Bedrängten ein Helfer. Hast Du viel, so gib reichlich. Wofern Du nicht mit einer That einstehen kannst, gib wenigstens einen guten Rath. Wäre auch dieser nicht möglich, so zeige Deine Theilnahme in einem tröstenden Worte.

Hast Du irgend ein Werk vor, so fange es mit Gott an. Wo der Herr nicht das Haus behütet, wachen ja doch die Wächter umsonst. Wenn Du stets deine Hauptstütze in dem Herrn suchst, wirst Du wohlfahren. Wolltest Du Dich aber zu sehr auf Menschenhilfe verlassen, würdest Du Dich oft getäuscht sehen.

Suche Dir vor allen Dingen selbst zu helfen, so wird Dir in vielen Dingen geholfen sein. Schicke Dich in alle Verhältnisse, dafern Deine Rechtschaffenheit nicht darunter leidet.

Falls Du gehorchen mußt, thue es mit Lust. Beuge sogar einmal Deinen Nacken, wenn es die Klugheit gebietet. Hast Du selbst zu gebieten, thue es mit Freundlichkeit. Müßtest Du auch einmal darben, bewahre Dir die Zufriedenheit. Fiele Dir Reichthum zu, so verfalle nicht in Hochmuth.

Würdest Du einmal verkannt, laß den Muth nicht sinken. Stießest Du je auf persönliche Feinde, gib nie dem Zorne Raum. Willst Du Dich an Deinen Beleidigern rächen, so vergib ihnen.

bb) Einräumungssätze.

117. Die Zunge.

Trotzdem die Zunge ein kleines Glied ist, kann sie doch großen Schaden anrichten. Obgleich dies eine allbekannte Sache ist, wird sie doch nicht immer beachtet. Ein einziges Wort kann ja sogar einen Weltkrieg heraufbeschwören, wiewohl ein Wort doch eigentlich nur ein flüchtiges Luftwellengebild ist.

Wie verletzend wirkte nicht schon oft ein einziger Ausspruch, wenngleich er ohne allen Vorbedacht hingeworfen wurde. Gar nicht selten zerriß ein einziges winziges Wörtchen, ungeachtet es durchaus nicht böse gemeint war, die heiligsten Bande der Liebe auf immer. Und wurde nicht zuweilen durch einen einzigen ausgesprochenen Verdacht, obwohl man ihn vielleicht gar im Scherze zum Vorschein brachte, Jemand gar arg an seiner Ehre gekränkt?

Auch ein Scherzwort, wie unschuldig es an sich immer scheinen mag, kann zum zündenden Funken für ein großes Feuer werden. Hat doch unter besonderen Umständen selbst das Schweigen, obschon die Zunge hierbei eben gar nichts thut, viel Unheil gestiftet.

Halte darum Deine Zunge stets im Zaume, wenn Du Dich auch in den vertrautesten Kreisen bewegtest. Wäge stets Deine Worte ab, ob Du auch keine Ursache dazu zu haben vermeinst. Das einmal gesprochene Wort läßt sich nie wieder vernichten, trotzdem es eben nur ein Erzeugniß einer Luftbewegung ist.

Wiederholung.

(Bedingungs- und Einräumungssätze.)

118. Bildung.

Obwohl Du in der Schule viel lernen kannst, bleibt Dir doch nach der Schulzeit noch viel zu lernen übrig. Wenn ein Schüler auch noch so fleißig wäre, kann er doch in der Schule immer erst den Grund zu seiner weitern Ausbildung legen. Hast Du aber in der Schule einen guten Grund gelegt, wird Dir das spätere Lernen sicher leicht werden.

Bildung ist ein großer Schatz, obschon er sich nicht in Zahlen bezeichnen läßt. Hast Du also Gelegenheit zur Fortbildung, benutze sie. Dem kenntnißreichen Manne steht die Welt offen, wenngleich seine Tasche keinen Kreuzer beherbergte. Hätte Mancher in seiner Jugend mehr gelernt, er brauchte jetzt nicht Steine zu klopfen.

Wie sehr auch heutzutage das Geld die Welt regiert, die Bildung wird doch endlich den Sieg davontragen. Falls Du also auch gleich nach Deiner Confirmation nach Brod arbeiten müßtest, ein nützliches Buch wirst Du nebenbei doch lesen können. Und müßtest Du Dir auch einige Vergnügungen darob versagen, suche Dir vor allen Dingen bildende Schriften zu erwerben.

Falls Du in Deinem Berufe auch nicht viel zu schreiben hättest, laß die Feder nicht liegen. Wenn Du nur ernstlich willst, etwas Zeit zur Fortbildung läßt sich schon gewinnen.

Obgleich man sich für Geld große Genüsse verschaffen kann, Bildung bleibt doch der Schlüssel zu den edelsten.

Wiederholung.

(Umstandssätze des Ortes, der Zeit, der Art und Weise, des wirklichen und möglichen Grundes.)

119. Die Raubritter.

Als das Ritterthum in voller Blüthe stand, gab es leider auch Raubritter. Wo ihre Burgen emporragten, dort war besonders für die Kaufleute ein gefährliches Reisen.

Ohne daß es sich der Reisende oft versah, wurde er von einer Schaar solcher Wegelagerer überfallen. Sie kamen, um ihn seiner Schätze zu berauben. Zuweilen verlegten sie ihm auch blos den Weg, damit sich der Reisende zu Opfern für seine Freiheit verstehen solle. Falls der so Gehemmte sich zu keiner Zahlung verstehen wollte, wurde er nicht selten als Gefangener abgeführt.

Wo diese Raubritter ihre Burgen erbauten, führten gewöhnlich wichtige Verkehrswege vorüber. Damit kein Mensch ungesehen diese Straßen ziehe, stellten sie Wachen aus. Kaum graute der Morgen, standen diese schon auf ihren Posten.

Mit diesen Verhältnissen vertraut, reiste darum auch selten ein Handelsmann mit seiner Waare allein. Damit man nöthigenfalls Widerstand leisten könne, verband man sich zu Karavanen. Obgleich aber diese Gesellschaften oft ziemlich stark waren, entgingen sie doch selten ihrem Schicksale.

Sobald es zu irgend einem Kampfe kam, trugen die wohlbewaffneten Reisigen in der Regel den Sieg davon. Je mehr diese dann dabei Verluste erlitten hatten, desto größeren Tribut mußten die Besiegten zollen.

Da nun ein Raubritter neidisch auf das Glück des andern sah, entstanden nicht selten unter diesen selbst blutige Fehden. Ehe es sich der eine versah, umzingelten mißgünstige Nachbarn seine Burg. So kurze Zeit eine solche Fehde auch dauerte, so blutig war sie doch oft. Nicht selten schleifte man den Rittersitz des Besiegten, weil dieser sonst doch wieder hätte zu Macht gelangen können.

Wiewohl es auch heute noch Straßenräuber gibt, ist doch die Gefährlichkeit des jetzigen Reisens mit der jener Tage gar nicht zu vergleichen. Niemand wird, ohne ein gewisses Grauen zu empfinden, an jene Zeit zurückdenken.

Während damals die überlegene Gewalt regierte, regiert jetzt das Recht. Die Zeit wollen wir ja nicht die goldene nennen, während welcher das Faustrecht galt.

5. Einschaltsätze.

120. Ein Dieb.

Vergangenen Montag — es konnte wol nachmittags gegen drei Uhr sein — entstand auf der Straße ein gewaltiger Menschenauflauf. Zwei Polizeidiener ergriffen einen Menschen, welcher — man sollte es kaum glauben — am hellen Tage einen Herrenrock von einem Schaufenster gestohlen hatte.

Dieser freche Dieb — er schien übrigens der Polizei als solcher bekannt zu sein — wehrte sich dermaßen, daß man ihn binden mußte. Jetzt aber — welch eine Frechheit! — stellte er sich, als ob er nicht laufen könne. Und so mußte er — den Polizeiern blieb nichts Anderes übrig — auf einen Schubkarren geladen werden.

Im ersten Verhöre soll er sich — wie sich nicht anders erwarten ließ — auch äußerst widerspenstig benommen haben. Hoffentlich wird ihn aber die Strafe für seine Vergehungen — und diese wird wahrscheinlich eine ziemlich strenge sein — mürbe machen.

Hauptwiederholung.

(Subject-, Präd.-, Beif.-, Ergänz.-, Umstands-, Anführ.- und Einschaltsätze.)

121. Der Mäusethurm.

Gegen Ende des zehnten Jahrhunderts lebte ein berüchtigter Kirchenfürst, mit Namen Hatto. Nachdem er mehrere Jahre Abt zu Fulda gewesen war, wurde er zum Erzbischof von Mainz erhoben. Diese Stadt liegt bekanntlich da, wo sich der Main in den Rhein ergießt.

Wer jenem hohen Herrn untergeben sein mußte, konnte nicht ohne Furcht zu ihm aufblicken. Hatto war — man sollte dies von einem Bischofe kaum glauben — vom Geize besessen. Nehmen erschien ihm jederzeit angenehmer als das Geben. Daran, daß sein Herr und Heiland in Armuth dahinwandelte, wollte er sich wahrscheinlich ganz absichtlich nicht erinnern.

Da ihn nun die Habsucht gefangen genommen hatte, kannte sein Herz natürlich kein Mitleid. Ohne daß es ihn rührte, konnte er an den Hilfsbedürftigsten vorübergehen. Die Geschichte berichtet sogar, daß er sich ganz unmenschliche Grausamkeit habe zu Schulden kommen lassen:

Als er schon lange Jahre Bischof zu Mainz war, entstand einmal eine furchtbare Hungersnoth. Die Rheingegend war es, wo das Uebel am ärgsten auftrat. Hunderte von Familien hatten nicht, womit sie auch nur eine Mahlzeit ihren Hunger stillen konnten. Von den entsetzlichsten Qualen langsam aufgerieben, erlagen eine große Anzahl Menschen endlich dem Tode.

Daß die Noth groß war, konnte dem Erzbischof nicht unbekannt bleiben. Wessen Herz freilich der schändlichste Eigennutz beherrscht, der mag fremdes Elend nicht sehen. So blieb Hatto angesichts alles Jammers, der er war.

Nachdem die Hungersnoth den höchsten Grad erreicht hatte, versammelten sich eines Tages mehrere Hundert Halbverhungerter vor der Burg des Erzbischofs. Obgleich man seine Härte kannte, wollte man doch einen Bittversuch wagen. Der Trieb, das Leben zu erhalten, läßt ja kein Mittel unbenutzt.

„Hab’ Erbarmen!“ flehte eine Anzahl solcher Unglücklichen zu den Burgfenstern hinauf. Und Andere riefen mit herzzerreißender Stimme: „Nur ein einziges Stück Brod laß uns werden.“

Obwohl nun Hatto’s Speicher überreich gefüllt waren, hatte er doch kein Ohr für das Hungergeschrei. Er äußerte sogar, das Volk da unten sei nur liederliches Gesindel.

Da nun aber die armen Menschen ihr Flehen fortsetzten, gerieth er endlich in Zorn. In diesem Zorne befahl er seinen Knechten, daß sie das lästige Bettelvolk in eine große Scheune sperren sollten. Die Knechte, weil es ihr Herr befohlen, führten die Schändlichkeit augenblicklich aus.

Was aber that Hatto, der Wütherich, nun? — Er ließ — fast sträubt sich die Feder vor diesem Berichte — die betreffende Scheune an allen vier Ecken anzünden. Ohne daß es ihn nur im geringsten rührte, sah er der auflodernden Flamme zu. Während des entsetzlichen Geschreies der Verbrennenden rief er sogar seiner Umgebung, teuflisch spottend, zu: „Hört Ihr das Piepen der Brodmäuse?“

Hören wir nun, was die Sage über das Lebensende dieses Grausamen berichtet: Kurz nach dieser fluchwürdigen That zogen in die Burg, die Hatto bewohnte, eine unerhörte Menge Mäuse ein. Wo man nur hinsah, wimmelte es von diesen Thieren.

Wie entsetzlich dies dem Erzbischof sein mußte, läßt sich leicht denken. Je mehr er aber das Ungeziefer verfolgen ließ, desto zahlreicher wurde es.

Um sich diesen Feinden zu entziehen, siedelte er in die Stadt Bingen über. Aber auch hier wurde es wieder, wie es gewesen war. Die Mäuse, die sich einmal gegen ihn verschworen zu haben schienen, folgten ihm auch hierher. Von ihnen aufs neue gequält, sann er abermals auf Rettung.

Endlich hatte er einen Plan, wie er sich vor der Höllenschaar unzweifelhaft sichern könnte, entworfen. Da, wo sich der Ruppertsberg im Rheine spiegelt, ließ er sich einen kleinen Thurm mitten in dem Strome erbauen. „Dort muß ich doch endlich vor den Bestien Ruhe haben“, dachte er bei sich.

Als der Thurm vollendet war, segelte Hatto auf einem Nachen hinüber. Daß freilich die Mäuse auch schwimmen können, hatte er nicht bedacht.

Ihr Rächeramt zu vollenden, ruderten sie in zahlloser Menge dem Thurme zu. Bald war derselbe, der an sich nicht viel Räumlichkeiten bot, von ihnen überschwemmt.

In diesem Thurme aber wurde Hatto — so berichtet eben die Sage — von den Mäusen endlich aufgefressen. Der Thurm, in dem dies geschehen sein soll, steht übrigens heute noch. Man nennt ihn, eingedenk der Sage, den Mäusethurm.

F. Mehrfach gegliederte Sätze etc.

122. Gellert.

(Alle Arten Sätze.)

Gellert war ein Dichter. Er wurde am 4. Juli 1715 in dem damals ziemlich kleinen sächsischen Städtchen Hainichen geboren. Sein frommer und darum hochgeachteter Vater war Pfarrer daselbst. Sowohl der Vater als auch die Mutter erzogen ihren Knaben sehr streng.

Gellert versuchte sich bereits in früher Jugend in der Dichtkunst und über manches seiner kleinen Lieder konnte sich sein Vater schon freuen. Das erste größere Gedicht, welches er seinem Vater zu dessen Geburtstag überreichte, erregte sogar einiges Aufsehen.

Gellert studirte. Nach dem Wunsche seines frommen Vaters sollte er sich zu einem tüchtigen Prediger ausbilden. Gellert aber zeigte weder besondere Lust zu dem geistlichen Stande, noch schien er sich für denselben besonders geeignet zu halten. Der junge Mann hatte jedenfalls ein richtiges Urtheil über sich, denn schon in seiner ersten Begräbnißrede blieb er stecken.

Nachdem ihm seine Schriften einen besonderen Ruf erworben, trat er als Lehrer in einer höheren Schule auf. Seine Vorträge gefielen. Wegen seines lauteren Charakters genoß er unter der studirenden Jugend bald die größte Achtung.

Seine Oden, geistlichen Lieder und Fabeln erlangten die allgemeinste Anerkennung. Seine frommen Lieder werden noch heute in den Kirchen gesungen und an seinen lehrreichen Fabeln ergötzt sich noch heute die Kinderwelt.

Was Gellert geschrieben, ist in sechs starken Bänden der Nachwelt aufbewahrt.

123. Geistesgegenwart.

(Desgleichen.)

In einem großen, schönen Garten, welcher dicht an einer Straße, die nicht eben sehr belebt war, lag, befanden sich eines Tages drei Geschwister. Sie hatten sich hier eingefunden, um sich zu erholen und sich zu gleicher Zeit angenehm zu beschäftigen.

Paul, der Zwölfjährige, beschnitt mit seinem scharfen Taschenmesser ein wildes Obstbäumchen, damit seine Krone eine bessere Form erhalten sollte. Wo der Weg nach einem kleinen Hügel führte, kauerte Bertha, die zehn Jahre zählte, vor ihrem Blumenbeete, Nelken und Tausendschönchen pflanzend. Wilhelm, erst im siebenten Lebensjahre stehend und in der Familie gewöhnlich der Wilde genannt, zimmerte vor einer duftenden Jasminlaube aus den braunen Bretchen eines Cigarrenkastens, die ihm der Vater geschenkt hatte, ein Segelschiff.

Alle drei Kinder waren fröhlich und wohlgemuth, denn jedes trieb seine Lieblingsbeschäftigung. Paul pfiff, Bertha sang und Wilhelm trällerte bei der Arbeit, sodaß es eine Lust war, ihnen zuzuhören. Wer hätte zu ahnen vermocht, daß ihre Freude plötzlich in erschrecklicher Weise gestört werden sollte!

Plötzlich nämlich — es mochte nachmittags gegen ein Uhr sein — erschien ein fremder Hund, ohne einen Laut von sich zu geben, im Garten. Sein dickes Fell war zerzaust, seine Augen waren geröthet, die Zunge hing ihm weit zum Maule heraus und die Ruthe trug er zwischen die Hinterbeine geklemmt.

Paul, welcher den Hund zuerst erblickte, erschrak, denn das Aussehen des Thieres, das ihm noch dazu ganz unbekannt war, kam ihm sogleich verdächtig vor. Bertha, die nur erst kürzlich in der Schule von der Wuthkrankheit der Hunde gehört hatte, schrie aus Leibeskräften: „Hilfe! Hilfe! Ein toller Hund!“ Und der kleine Wilhelm, um der Gefahr zu entgehen, wollte eben in eine Laube flüchten. Noch aber hatte er dieselbe nicht erreicht, als der Hund auf ihn losfuhr, wie wenn er ihn beißen wolle. Der Kleine schrie und zitterte vor Angst am ganzen Körper, sodaß er keinen Schritt von der Stelle wagte. Seine Lage war entsetzlich!

In diesem verhängnißvollen Augenblicke jedoch sprang Paul herbei, packte das gefährliche Thier mit beiden Händen am Halse, drückte ihm die Kehle zusammen und hob es empor.

Während nun der beherzte Knabe den Hund über der Erde hielt, konnte sich Wilhelm in die Laube retten und die Thüre derselben hinter sich verschließen.

Auf das Geschrei der Kinder, das jetzt aus drei Kehlen zugleich erfolgte und ganz entsetzlich klang, eilte der Vater, vor Schreck fast bleich, herbei. Er erkannte sofort, daß der Hund, der in den Händen des Knaben wie verzweifelt hin- und herschnellte, toll war. Die schreckliche Gefahr, in der seine Kinder schwebten, ermessend, und ohne einen Augenblick Zeit zu verlieren, ergriff er eine in der Nähe liegende Hacke und führte damit einen wohlgezielten Schlag auf die Nase des wüthenden Thieres.

Mit einem grellen Aufschrei fiel es zu Boden, woselbst es augenblicklich von dem Vater den Todesstreich erhielt.

Um seines Muthes und seiner Geistesgegenwart willen, die einzig und allein ein furchtbares Unglück verhindert hatten, erhielt Paul, ehe noch der Tag zu Ende ging, von seinem Vater eine prachtvolle Bilderbibel. Die ganze Familie aber, in welcher überhaupt ein frommer Sinn herrschte, dankte in ihrem Abendgebete, dem der Vater heute eine besondere Feierlichkeit verlieh, dem lieben Herrgott, daß er in jenen verhängnißvollen Augenblicken ihr gnädiger Beschützer gewesen.

124. Schlaf und Tod.

(Zwei vollständige Satzgefüge verbunden.)

Der Schlaf, welcher unserm Körper Erholung gewährt, hat viel Aehnlichkeit mit dem Tode, und der Tod, der einst unser aller Loos ist, hat Vieles mit dem Schlafe gemein.

Sobald uns der Schlaf befällt, hören verschiedene Thätigkeiten des Körpers auf, ebenso vermindern sich allmälig verschiedene Bewegungen der Muskeln, wenn der Tod an den Menschen herantritt. Das völlige Entschlummern wird dadurch herbeigeführt, daß die Sinnesnerven endlich ihre Dienste einstellen, und der Tod tritt ein, indem die Athmungsorgane schließlich zum Stillstand gelangen.

Das Einschlafen erfolgt so allmälig, daß der eigentliche Augenblick des Entschlafenseins gar nicht genau beobachtet werden kann, ebenso erlöscht auch zuweilen ein Lebenslicht in so unmerklicher Weise, daß die am Sterbelager Stehenden den Eintritt des Todes gar nicht gewahren. Der Schlafende weiß nicht mehr, was um ihn her vorgeht, auch dem Todten ist bekanntermaßen verschlossen, wie das Leben um ihn her waltet.

Wer schläft, erwacht nach einer bestimmten Zeit wieder, und wer im Grabe ruht, den wird einst ebenfalls die Stimme des Herrn erwecken.

125. Die Zukunft.

(Es beziehen sich mehrere Nebensätze auf einen Hauptsatz.)

Wüßte der Mensch, was morgen sein wird, und läge ihm die Zukunft überhaupt klar vor Augen, so würde das durchaus kein Glück für ihn sein. Obgleich er sich manchen Kummer ersparen und auf manches traurige Geschick vorbereiten könnte, obschon er sich manche Freude mehr zu verschaffen und manche schon im voraus zu genießen vermöchte, müßte ihn dieser Zukunftsblick doch in steter Aufregung erhalten.

Was er von den künftigen Tagen zu erhoffen und was er von ihnen zu fürchten hätte, beschäftigte ihn sicher Tag und Nacht. Die Zeit, da er gesunden, oder in der ihm eine besondere Ehre zu Theil werden, oder zu welcher er Reichthum erlangt haben soll, würde er unter quälender Ungeduld herbeisehnen. Wiederum ginge er der Stunde, die ihn aufs Krankenlager werfen, oder dem Tage, der ihm Zurücksetzung bringen, oder dem Zeitpunkte, zu welchem der Bettelstab sein Loos sein soll, gewiß mit Zittern und Zagen entgegen.

Wer aber möchte nun vollends im voraus wissen wollen, wann er einmal sterben, wie einmal sein Ende sein und wo man sein Grab graben wird?

Wir sind daher unserm Gott Dank schuldig, daß er uns über unser künftiges Geschick im Unklaren läßt, daß er uns das künftige Ungemach verbirgt und daß uns vor allen Dingen die Stunde unseres Abscheidens ein Geheimniß bleibt.

126. Hier und dort.

(Desgleichen.)

Wer die verschiedenen Schicksale der Menschen beobachtet, den Lebensgang einzelner verfolgt, ihren sittlichen Werth mit ihrem äußeren Loose in Vergleich zieht, der wird manche Frage aufzuwerfen haben.

Er sieht da oft, wie der Fromme im Elend schmachtet und wie das Laster im Ueberflusse schwelgt, wie man den Verdienstvollen zu Boden sinken läßt und den Unwürdigen erhebt, wie man einen Ehrenmann über die Schultern ansieht, vor dem Ehrlosen aber einen tiefen Bückling macht.

Ein solcher Beobachter fragt dann still für sich: „Wo bleibt hier die Gerechtigkeit? Womit haben jene Braven ihr bitteres Geschick verdient? Warum folgt die Strafe der Sünde nicht auf dem Fuße?“

Nur dort oben, wo hoch die Sterne stehen, woher alles Licht uns zuströmt, wohin die Erdenpilger einst alle eingehen müssen, sucht er des Räthsels Lösung. Der Glaube an den Allvater, der Gerechtigkeit lieb hat, der Jedem nach seinem Thun vergelten will, dessen Gedanken freilich hoch und dessen Wege wunderbar sind, hilft ihm über das Dunkel dieses Lebens hinweg.

Hat doch auch Christus, um jenen Zweifelfragen zu begegnen, den unschuldig Leidenden zu trösten und überhaupt den Blick in das Jenseits einigermaßen zu lichten, das „Hier und dort“ in dem Gleichnisse vom armen Lazarus vortrefflich beleuchtet.

127. Das Turnen.

(Desgleichen.)

Wer seinem jugendlichen Körper eine heilsame Bewegung verschaffen, seine Muskelkraft gleichmäßig ausbilden und seinem ganzen Menschen eine sichere Haltung verschaffen will, der muß turnen. Was das Turnen nützt, wie es stärkt und belebt und wie es sogar den Geist frischer macht, wissen gar viele Menschen noch gar nicht.

Ohne Furcht zu verspüren, auf seine Gewandtheit bauend und seiner Körperkraft vertrauend, geht der echte Turner leiblichen Gefahren entgegen. Denke hierbei an die Turnerfeuerwehr, die eben aus Turnern besteht, die sich gewöhnlich freiwillig zu dem schweren Dienste des Rettungswerkes stellt und die bei einem Brande nicht selten die größten Wagnisse unternimmt. Wo die Gefahr am größten, wo das Rettungswerk am schwierigsten, wo es vor allen Dingen Menschenleben zu sichern gibt, da ist der Turnerfeuerwehrmann zur Hand.

Weil nun das Turnen eine so gute Schule für den Körper ist, weil es den Geist freier macht und weil es somit den ganzen Menschen bildet, so werde auch Du ein Turner.

128. Die Thierschutzvereine.

(Der Nebensatz enthält wieder einen Nebensatz.)

Man muß sich leider gar oft überzeugen, daß viele Leute noch gar nicht einsehen, wie höchst segensreich die Thierschutzvereine wirken. Diese Erscheinung aber, die eine recht betrübende ist, hat ihren Grund meist darin, daß viele Menschen, namentlich viele Pferdebesitzer, dem Thiere nicht die Stellung in der Welt zugestehen, die ihm gebührt.

Manche vermeinen wol auch, das Thier, als ein vernunftloses Wesen, empfinde den Schmerz, der ihm durch Mißhandlungen zugefügt wird, nicht in dem Grade wie ein Mensch.

Möchten dergleichen Anschauungen, die doch ganz irrige sind, weil sie eben auf falscher Beurtheilung der Natur des Thieres beruhen, bald gänzlich verschwinden. Möchte es den Thierschutzvereinen, die, trotz mancherlei Hindernissen, ihr edles Werk mit allem Eifer treiben, gelingen, das Mitgefühl mit der Thierwelt, ohne welches der Thierquälerei Thür und Thor geöffnet sind, in jedes Menschen Brust zu pflanzen.

Man muß es mit Freuden wahrnehmen, daß da, wo das Auge solcher Vereine, das ja oft ein tausendfaches ist, wacht, Mißhandlungen von Thieren, wie sie sonst fast täglich zu erleben waren, zu den größten Seltenheiten gehören.

Dank aber auch den Behörden, welche, die gute Sache erkennend, jene wohlthätigen Vereine, wo sie immer ihren Sitz haben, nachdrücklich unterstützen, indem die Thierquäler, und zwar ohne Ansehen der Person, vor Gericht gestellt und gebührend bestraft werden.

129. Ein Apfelkern.

(Desgleichen.)

Man glaubt gar nicht, was in einem einzigen Samenkerne, den wir vielleicht mit Füßen treten, für Wunder enthalten sind.

Du weißt z. B., daß ein Apfel, der die gehörige Reife erlangt hat, sechs bis acht braune Kerne enthält. Du erinnerst Dich, wie einfach ein solcher Kern, der noch dazu ziemlich klein ist, aussieht.

Nun aber bedenke, daß in ihm eigentlich schon der zukünftige Apfelbaum, dessen breitarmige Aeste später einen geraumen Theil des Gartens beschatten, enthalten ist. Es bedarf von Deiner Seite weiter nichts, als daß Du ihn in die Erde, die natürlich kein unfruchtbarer Boden sein darf, legst.

Was er zu seiner Entwickelung, die dann geheimnißvoll vor sich geht, nöthig hat, verleiht ihm die gütige Natur. Nach nicht allzulanger Zeit bemerkst Du, wie sein zarter Keim, hellgrün von Färbung, die Erdrinde, die sogar etwas fest sein kann, durchbohrt. Bald siehst Du dann, daß sich aus der grünen Spitze ein Blättchen, das schon ziemlich die Form der künftigen Baumblätter zeigt, entwickelt.

Die weitere Ausbildung zum Stämmchen, die nun vor sich geht, ist es werth, von Dir beobachtet zu werden. Wer dergleichen Vorgänge in der Natur, die eben ein großes Wunderreich ist, mit Aufmerksamkeit verfolgt, dem muß ein Licht über die Größe des Schöpfers, dessen Kraft alles Geschaffene durchdringt, aufgehen.

130. Eine Wohlthäterin.

(Desgleichen.)

Barbara Uttmann, die unvergeßliche Wohlthäterin des sächsischen Erzgebirges, wurde 1514 — also noch vor der Reformation — geboren. Sie verheirathete sich mit einem Bergherrn, welcher den Namen Uttmann führte und in der Nähe von Annaberg, der Berg- und Gebirgsstadt, mehrere Grubenwerke besaß.

Das Klöppeln erlernte Barbara — wie man gewöhnlich annimmt — von einer Brabanterin, welche um ihres protestantischen Glaubens willen aus ihrem Vaterlande, in dem der Katholicismus die Oberhand hatte, vertrieben worden war. Um diese Kunst, die zu jener Zeit gut lohnte, weiter zu verbreiten, lehrte sie Barbara Uttmann, ohne aber irgendwie Bezahlung dafür zu nehmen, zunächst den Mädchen und Frauen Annabergs.

Kaum waren zehn Jahre vergangen, hatte der Klöppelsack — so nennt man das Werkzeug, an dem geklöppelt wird — im ganzen Erzgebirge, wo damals viel Armuth herrschte, Eingang gefunden. Somit legte die brave Frau den Grund zu einem Erwerbszweige, der unzähligen Armen Brod gab und noch heute über 40000 Menschen, die zwischen der bairischen Grenze und Geising wohnen, beschäftigt.

Barbara Uttmann verdient deshalb auch, daß man ihr, um ihr Andenken in Ehren zu halten, auf dem Friedhofe zu Annaberg, welcher die Hospitalkirche umgibt, ein Denkmal gesetzt hat. Es ist aus weißem Marmor gearbeitet und stellt Barbara dar, wie sie vor ihrem Klöppelsacke, der ungemein kunstreich ausgeführt ist, sitzt und arbeitet.

Dieser schöne Grabstein, welcher von allen Fremden, die nach Annaberg kommen, aufgesucht wird, enthält die Inschrift: „Ein thätiger Geist, eine sinnige Hand, sie ziehen den Segen ins Vaterland.“

131. Grille und Ameise.

(Der Anführungssatz ist ein Satzgefüge.)

Eine Grille, welche den Sommer in Trägheit verlebt hatte, sprach zur nahenden Winterzeit zu ihrer Nachbarin, einer Ameise: „Borge mir ein wenig zu essen, damit ich nicht Hunger leiden muß.“

Ohne etwa augenblicklich vom Mitleid ergriffen zu werden, fragte die Ameise: „Hast du dir denn keine Speise für den Winter, den du doch kommen sahst, gesammelt?“

„Ich würde das gewiß gethan haben“, erwiderte die Grille, indem sie einen etwas schnippischen Ton annahm, „wenn ich nur Zeit dazu gehabt hätte.“

„Womit hast du denn die Sommertage, die doch sehr lang und für alle zur Arbeit bestimmt sind, verbracht?“ fragte, nicht ohne Verwunderung, die Ameise.

Der Grille Antwort, die etwas zögernd erfolgte, war: „Du weißt doch, daß ich den Sommer über emsig gespielt und gesungen habe!“

Darauf sagte die Ameise, ohne indeß einen bitteren Ton anzunehmen: „Du hast gewußt, was nach dem Sommer folgt. Wer während des Sommers, der Zukunft uneingedenk, singt, mag im Winter tanzen.“

132. Eine Geburtstagsscene.

(Zusammengezogene, zusammengesetzte Sätze und Satzgefüge verbunden.)

Der dreizehnjährige Otto schenkte gestern mit freudestrahlendem Gesichte seinem lieben Vater zum fünfzigsten Geburtstage ein Paar goldene Knöpfchen von der neuesten Form und ein Rosenstöckchen mit acht lachenden Knospen; das kleine Lischen überbrachte dem guten Papa lächelnd eine große Torte aus Chocolade, sowie sechs reizende Liqueurgläschen aus geschliffenem Glase, und der zehnjährige Sigismund überreichte ihm fast mit gerührtem Herzen ein prachtvoll gebundenes Gebetbuch mit herrlichen Stahlstichen und sprach mit bewegter Stimme ein langes, ergreifendes Gedicht dazu.

Der Vater, welcher sichtlich gerührt war, dankte den Kindern, indem er jedem einen Kuß auf die Stirn drückte, aufs herzlichste, daß sie ihn heute in so sinniger Weise überrascht hätten; zu gleicher Zeit reichte er aber auch der Mutter, welche, ebenfalls Glück wünschend, hinter den Kindern stand, dankbar die Hand, weil er sie sich als die Veranstalterin der schönen Feier dachte, und zu dem Ende ordnete er noch an, daß heute, um auch den Kindern ein besonderes Vergnügen zu bereiten, ein Ausflug in die etwas entlegene Waldschenke, die in einem reizenden Buchenhaine lag und deshalb einen herrlichen Aufenthalt gewährte, unternommen werden solle.

Otto, ein großer Freund des Waldes, jubelte, als er dies hörte, hochauf vor Freude; Sigismund, der da meinte, es ginge noch dieselbe Stunde fort, eilte sogleich nach seiner Botanisirtrommel, die ihm, sobald er ins Freie ging, nie fehlen durfte, und Lischen hüpfte, um ihrer Freude Ausdruck zu geben, auf einem Beine in der Stube umher, sodaß die Mutter schließlich noch sagte, sie solle doch ihre Kräfte für die bevorstehende Partie sparen.

133. An Dich.

(Die Periode.)

Wenn Du die Sprachbilder, welche eigens für Dich, um Dich in Deiner Muttersprache zu unterrichten, geschrieben sind, mit rechter Aufmerksamkeit durchgearbeitet hast; wenn Dir die Regeln, welche darin veranschaulicht werden, recht zum Bewußtsein gekommen sind; wenn Du namentlich im Auflösen der einzelnen Sätze eine gehörige Fertigkeit, die allerdings nur durch Uebung erreicht wird, erlangtest; und wenn Du schließlich, ohne zu ermüden, im Nachbilden des Gegebenen recht fleißig warst: so wird und muß Dir jetzt Deine Muttersprache, dieses theure Eigenthum, wie ein herrlicher Baum vorkommen, an dem kein Blättchen umsonst gewachsen ist; so muß es Dir jetzt möglich sein, die bewundernswerthen Geisteserzeugnisse unserer Dichter, wie sie immer heißen mögen, genügend zu verstehen und infolge dessen muß Deine Achtung vor diesen großen Männern, die mit der Feder in der Hand Unsterbliches geschaffen haben, immer höher steigen.

Wer sich schon als Kind befleißigt, jedes Wort rein zu sprechen; wer es durch unermüdlichen Fleiß in der Schule dahin bringt, daß er seine Gedanken in wohlgeordneter Weise mündlich auszudrücken vermag; wer mit der Feder, diesem weltbewegenden Instrumente, in befriedigender Weise umgehen lernt: der legt für sein Fortkommen im Weltverkehre, der solche Kenntnisse und Fertigkeiten wohl zu schätzen weiß, einen guten Grund; dem können sich dadurch sogar Gelegenheiten bieten, vortheilhafte Lebensstellungen einzunehmen; dem wird man wenigstens immer mir einer gewissen Achtung, die ja viel Werth hat, begegnen.

Befähigten Dich Deine erlangten Sprachkenntnisse indeß später auch nicht gerade zu einem Volksredner, die allerdings eine Rolle in der Welt spielen; reichten Deine Errungenschaften auf dem Sprachgebiete nicht hin, um als Schriftsteller, deren Loos freilich nicht immer ein beneidenswerthes ist, aufzutreten; vermöchtest Du später Dein sprachliches Wissen und Können, das Du mit vieler Mühe Dir angeeignet, nur in einem ganz bescheidenen Berufskreise zu verwenden: immerhin wirst Du nie bereuen, Dich von dem inneren Baue Deiner Muttersprache gehörig unterrichtet zu haben, wirst vielmehr dankbar der Zeit gedenken, da Du ihr inneres Wesen verstehen lerntest, und wirst Dich gemüßigt finden, der Jugend, die Dich seiner Zeit umgibt, das Studium der deutschen Sprache aufs dringlichste zu empfehlen.

Druck von Otto Huschke in Nordhausen.