II. Erste Eindrücke.

Constantinopel, den 20. Mai, Nachts.

Geleitet von theuren Freunden betrat ich den türkischen Boden zum ersten Male bei Top-Hane, der Kanonengießerei. Ein großer Quai voll von alten und neuen Kanonen, dahinter die reizende, wie aus Zucker und Gold gebaute Moschee Mahmud’s, ein zierlicher Köschk des Sultans daneben, der hohe Uhrthurm in Rococoformen hart am Meere davor, auf der andern Seite des großen Platzes das niedrige gelb angestrichene Gebäude der Gießerei und neben ihr die schöne altersgraue Moschee des Pascha Kilidsch Ali sind das erste was mich umgibt. Durch das goldene Gitter an den präsentirenden Wachen vorüber treten wir dann in die sehr belebte Gasse von Top-Hane. Gleich zur Linken fällt mir ein Brunnen auf; viereckig, aus weißem Marmor, reich mit Vergoldungen, bunter Schrift und Porzellanziegeln geschmückt, gleicht er einem chinesischen Lusthause, wie wir sie von den bemalten Lackkästchen her kennen. Selbst das breit vorstehende Dach fehlt ihm nicht. Obsthändler, Pferdeknechte mit ihren Thieren sind darum versammelt und versuchen mit Geschrei und Scherzen uns ihre Waaren aufzunöthigen. Das Nächste, was meine Aufmerksamkeit fesselt, ist ein Hamal. So heißt hier zu Land der Packträger. Durch Amt und Stand unserem neugeschaffenen Dienstmanne ähnlich, gleicht er ihm aber nicht durch das Maß seiner Leistung; das ist mehr als bei uns ihrer drei vermögen. Zwei große Eisenbahnkoffer, darauf noch Nachtsäcke und Hutschachteln trug der, welchen ich zuerst bemerkte, über einen Lederpolster gebunden auf seinem Rücken die steilen Gassen vom Landungsplatze der Kaiks vor uns nach Pera hinauf. Das ist nicht so träge, als man in Europa dieses Volk schildert.

Es scheint herkömmlich, daß die Fremden bei dem Uebergange von dem Aeußern in das Innere der Stadt Enttäuschungen und Vorwürfe äußern über den Schmutz und Verfall, der die Gassen füllt. Meine Freunde wenigstens suchten mich auf diesen Wechsel vorzubereiten und waren dann nicht wenig erstaunt, als sie mich dadurch nicht nur nicht verletzt, sondern eher erfreut sahen. Das Pflaster ist allerdings, wo es nicht durch den Erdboden ersetzt wird, eingesunken, die Lücken sind durch allerlei Unrath ausgefüllt; die Häuser zu beiden Seiten sind nur aus Holz gebaut, schmal und niedrig, aber die Balken sind bunt mit grauen, braunen, rothen und gelben Farben angestrichen; das untere Stockwerk steht ganz offen, daß man frei in die Kaffeestuben, Garküchen und Bäckereien den Leuten bei ihrem Handwerke zuschaut; das obere ragt breit in die Gasse vor, und dazwischen sind von einem Hause zum andern alte Teppiche, zerrissene Tücher gespannt, oder Rosen- und Traubengewinde gezogen, den Schatten und die Kühle darunter festzuhalten. Ab und zu bricht ein Sonnenstrahl durch diese Decke, der leuchtet dann im sonstigen Dunkel doppelt helle und spielt auf den buntfarbigen Kleidern der Weiber, Tscherkessen und Soldaten grelle Lichter. Schwer beladene Esel, Reiter auf schönen und auf geschundenen Pferden drängen sich zwischen den Fußgängern, manchmal in solchen Mengen, daß wir, trotz den Platz machenden Kawassen, gezwungen stehen bleiben mußten. Die wilden Hunde allein liegen regungslos und beinahe unberührt von dem Gedränge mitten darinnen; Jeder weicht ihnen aus, sucht sie zu schonen. Nur wenn der zufällige Huf eines Pferdes oder der böswillige Schlag einer Peitsche sie trifft, laufen sie heulend mit eingekniffenem Schwanze auf die Seite.

Das ist anders lebendig, als es die Bilder unserer Gassen sind. Nichts von polizeilicher Ordnung, aber auch nichts von polizeilicher Langweiligkeit. Zum ersten Male wieder, seitdem mir Eisenbahnen das Reisen verleidet haben, gestehe ich zu, daß es außer unsern Bergen und Alpenthälern noch andere Dinge gebe, die seine Mühen verdienen. Die Welt ist weiter und schöner, als wir sie in unserer heimischen Enge glauben, und vielerlei Menschen wohnen unter ihrem Himmel.

Oben in Pera und im Hause angelangt, stellte man mich vor das offene Fenster der Stube, in der ich nun für einige Wochen leben soll. Die Sonne war inzwischen aus den Wolken getreten, der Himmel rein geworden und so mußte mich, was ich sah, gerade ob der Enttäuschung des frühen Morgens, mit gesteigertem Entzücken erfüllen. Ein weites, glänzendes Bild liegt vor mir, und ist mein in jedem Augenblicke, da ich danach begehre. Unmittelbar vor mir und rechts und links hinab bedecken die bunten Häuser Pera’s und Galata’s die Hügel; Baumkronen rauschen ab und zu wie aufschäumender Wogenschwall daraus empor. Unten, wo sich im Wasser die Häuser baden, mündet das goldene Horn in den Bosporus. Dampfer und Segelschiffe liegen dort in großen Flotten. Auf dem andern Ufer des Busens, mir gerade gegenüber, steht die eigentliche Türkenstadt, Stambul, mit Kuppeln und Thürmen, auch wieder Hügel hinauf, die äußerste Spitze mit den Köschken und Gärten des Serai’s geschmückt. Groß wie eine Stadt ist dieses Sultansschloß und wirklich auch von seinen eigenen Mauern und Thürmen umzäunt. Bäume und Blumen sind ihm über den Kopf gewachsen, als sei ihnen von einem Zauber geboten worden, den geheimnißvollen Ort zu verstecken und zu bewahren. An seinen Ufern vorbei braust der Bosporus ins Marmora-Meer. Der Seraispitze gegenüber, zu meiner Linken also, auf anderer Küste liegt Asien und eine dritte Stadt, das alttürkische Scutari. Dort stehen bei den bethürmten Mauern einer großen Caserne ein paar Pinien so wirkungsvoll im Bilde, als habe sie eine künstlerische Hand absichtlich dahin gestellt. Ihre überhängenden Kronen winken mir Grüße zu; ich verstehe, sie locken nach dem heiligen Welttheile. Zwischen Scutari und der Seraispitze durch erscheinen in der weiten Ferne des ruhigen Meeres die malerischen Felsen der Prinzen-Inseln, hinter ihnen die ebenen Linien der nikomedischen und bithinischen Berge und sie alle überragend die schneeige Kuppe des asiatischen Olympes. Das fortwährende Pfeifen der Dampfschiffe, das Schreien der Verkäufer und Bellen der Hunde dringt bis herauf zu meinem einsam hohen Fenster, mich überzeugend, daß das Geschaute wirklich und nicht traumhaft sei, wie ich mir wohl einen Augenblick lang die Herrlichkeit erklären wollte.

Man berieth indeß mich noch reichlicher für die Enttäuschung der Einfahrt zu entschädigen. Ein schneller Entschluß entschied, sie mich noch einmal sehen zu machen. Bei Top-Hane setzten wir uns zu je zweien in die leichtgebauten und schnellrudrigen Kaicks. Zwischen den Dampfern durch trugen sie uns aus dem ruhigen Wasser des Hafens in die bei der Seraispitze immer bewegte Strömung des Bosporus. Auf und nieder über die breiten Rücken der runden Wellen glitt ich und sah die andern Boote gleiten, so hurtig und so leicht, als schwebe der Kiel eben nur über dem Wasser. Keine angenehmere Fahrt als die im Kaick auf bewegter See. Weil das Boot so leicht und seine Wände so dünn sind, glaubt man sich unmittelbar im Wasser selbst, seine Kühle zu fühlen, ohne doch die Mühe des Schwimmens zu haben. Und weil die Schnelligkeit des Schiffes über den Widerstand des Elementes täuscht, gefällt man sich in der Einbildung, seine Unzuverlässigkeit zu beherrschen. Uebrigens prägt die Lage der Fahrenden dieses Gefühl aus. Man sitzt nicht im Kaick, man ruht ausgestreckt auf Teppichen und niederen Kissen darin; die Fährleute sitzen, den Rücken nach der Richtung der Fahrt gekehrt, ein, zwei, drei und auch mehr hinter einander, je nach dem Range und Vermögen des Eigenthümers. In jeder Hand halten sie eines der fein und glatt geschnitzten Ruder. Schon ist es so warm, daß sie nichts als ein leichtes auf der Brust offenes Hemd aus Brussastoff und weite Pumphosen aus weißer Leinwand tragen; die Beine bis zum Knie und die Arme nackt. Wir mußten uns gegen die Sonnenstrahlen mit weißen Schirmen decken. Zu beiden Seiten des Bootes trieben Delphine ihr munteres Spiel; kleine und große schlugen so gewaltige Purzelbäume, daß sie für Augenblicke ganz außer Wasser sich am hellen Sonnenscheine wärmten. Wenn wir sie dann überholten, fielen sie in die Kühle ihres angestammten Elementes zurück, um nach einer Weile wieder weit vor uns aufzutauchen, als wollten sie das Standesgefühl unserer Kaickgis zum Wettkampfe herausfordern. Niemand stellt im Bosporus diesen Thieren nach, und so leben sie hier wie vor tausend Jahren in unzählbaren Schaaren.

Eine halbe Stunde mochte die Fahrt gewährt haben, als wir an seichtem Ufer anlegten. Es war asiatischer Boden; aber ich vergaß es in der Bewunderung über den Burschen, der dienstfertig mit einem Widerhaken das Boot an der Landungsstelle festhielt. Das Bild eines Benjamin, wie ihn sich keine Phantasie theilnahmswerther vorstellen kann. Helle blaue Augen voll Treue und Gutherzigkeit; ein edles Oval um Farben von zartem Weiß und Wangen von gesunder Röthe gezogen; auf der Lippe und dem Kinn der blonde weiche Flaum des Jünglings, der eben aufgehört Knabe zu sein; den Kopf in einen weißen Turban, den Oberleib in eine bunte Jacke und die Schenkel in weite faltige Hosen aus blauem Zwillich gehüllt; Waden und Füße nackt, so war dieser Jüngling. Alles an ihm, bis auf den persischen Shawl, den er breit und dick um die Hüften gewunden trug, ärmlich und abgenutzt, aber in seiner Haltung und in seinem Ausdrucke ein Anstand und ein Edelmuth, wie in einem zum Könige geborenen Fürstenkinde. Gemein mag beschränkter Geld- oder Wissenshochmuth einen solchen Menschen schelten, weil ihn das Herkommen an niedrigen Beschäftigungen festhält; der unbefangene Forscher wird dort, wo die Natur so sichtbare Auszeichnungen ausgestreut hat, auch eine ausgezeichnete Seele finden. Und wenn das Sclavenkleid den Fürsten, den das Unglück vom Throne gestoßen hat, nicht entadeln kann, warum soll es das über einen andern Unglücklichen vermögen, dessen Leib zwar im Elende und in Lumpen schon geboren, dessen Seele aber von Gott noch vor der Geburtsstunde gekrönt worden ist? Daß man den also verborgenen Keim nicht hervorheben, nicht erheben und retten kann, das ist mit eine der betrübenden Gesetzmäßigkeiten dieser Welt, an deren Unabänderlichkeit so oft unsere wohlwollendsten Wünsche scheitern. Und doch, vielleicht hat auch das der Schöpfer zum Besten gemeint und eingerichtet. In der Beschränkung seiner gemeinen Arbeit und seines kargen Erwerbes sind dem Armen die Grenzen der Zufriedenheit gesichert, und der Geist bleibt ihm edel auch ohne den Aufputz des Reichthums und der Gelehrsamkeit.

Unter hochragenden Cypressen und breiten Platanen führte man mich dem Ufer entlang. Die Fluth hatte weiße Muscheln darauf gespült. Auf der äußersten Spitze der Landzunge ließen wir uns nieder; die Stelle ist darnach, Hütten darauf zu bauen. Blau und glatt lag das Meer vor und um uns, nur wo eine leichte Brise seine Fläche streichelte, zogen silberne Streifen darüber. Links begrenzen es die Küsten des nikomedischen Golfes, rechts die Gärten des Serai’s und die Hügel von Stambul. Aus seinem Schooße vor uns tauchen die Prinzen-Inseln auf, kleine weit auseinandergestreute kahle Felsen und größere näher zusammengeschobene Berge; das Grün von Oliven- und Pinienwäldern und die blinkenden Mauern kleiner Ortschaften bedecken diese. Alle in den schönsten Formen, die Felsen wild und zerbrochen, die Berge zart und ebenmäßig geschnitten und Farben darauf vom sonnigsten Roth bis zum schattigsten Blau. Friede und Heiterkeit waren auf der See, so fühlbar wie sie nur die Luft des Südens ausathmet. Jede Stimmung der Natur theilt sich dem ihr so innig verbundenen Geiste mit. Mir wurde ruhig und zufrieden, wie ich mich lange nicht mehr gefühlt hatte. Ausgeglichen waren alle Wünsche und die Leidenschaften ebbten; dem Gemüthe blieb nichts als das Genießen eines seligen Augenblicks. Wenn die Anmuth, der Frohsinn und die Heiterkeit wirklich einmal als die besonderen Reize der Aphrodite geglaubt wurden, dann mußten dieser Göttin die dankbaren Menschen diesen Ort, den sie so vorzüglich mit ihren Gaben geschmückt hat, zu besonderer Verehrung weihen. Und in der That auf Akritos, wie die Alten dieses Vorgebirge nannten, stand ein Tempel und ein Altar der Aphrodite, vielleicht auf derselben Stelle, wo heute die Ruinen des türkischen Bethauses stehen. Ich sehe ihn noch, wenn ich das Gedächtniß nur etwas anstrenge, den kleinen mäßigen Bau mit der gastlichen Vorhalle, durch Säulen zugleich geöffnet und geschlossen und drinnen in der Cella ein liebliches Marmorbild der holdlächelnden Cypris, das Haar über der niederen Stirn gewellt und am Genicke in einen Knoten geflochten, und Priesterinnen, die in weißen Gewändern den heiligen Dienst verrichten und im heiligen Haine auf und nieder wandeln. Nirgends hat der Mensch durch Namen oder Denkmäler eine Gegend passender gekennzeichnet, als da er hierher der meergebornen Göttin ein Haus stellte. Die spätere Zeit zerstörte es, aber die Schönheit und die Weihe blieben dem Orte. Fener Bagdsche (Garten des Leuchtthurms) heißt er heute, und immer noch brennt eine heilige Flamme dort.

Ein Türke brachte uns Orangen und in kleinen Schalen schwarzen Kaffee. Andere lagerten in der Nähe gleich uns auf dem grünen Boden unter den alten Bäumen, den kühlen Schatten über, das sonnige Meer vor sich. An ihnen und an uns vorbei zog ein Trupp sonderbarer Musikanten. Sie bliesen aus kurzen Flöten einen scharfen Pfiff und strichen kleine Geigen, die sie senkrecht vor die Brust hielten. Melodie und Zusammenhang war keiner in den Tönen, aber sie klangen sonderbar und stimmten in den Frieden des Ortes. Das übten sie zu ihrem eigenen Vergnügen, zur Feier ihres Sonntages, der den Türken auf den Leidenstag unseres Kalenders, den Freitag, fällt. Für die Musik eine Belohnung anzubieten, würde als eine Beleidigung zurückgewiesen worden sein. Die Menschen und ihre Belustigungen erschienen so harmlos gegen das scharfe Gewürz unserer sonntäglichen Vergnügungen, daß mich das mehr als alles Uebrige in eine andere Welt versetzte.

Ich ließ mir dann die Namen der Berge und Ufer, die um uns waren, nennen, und theilte ihnen ihre früheren Bezeichnungen und Sagen zu. Das ist in jeder mir neuen Gegend mein Erstes. Es ist wie mit den Menschen, die wir uns erst bekannt glauben, wenn wir ihre Namen und Geschichten gehört haben. Mit dem Opernglase suchte ich das Entferntere zu finden, so auch die Grenzen der türkischen Hauptstadt. Erstaunt folgte ich ihren Mauern, die in sichelförmiger Ausbuchtung um das Marmora-Meer gebaut sind bis in eine Weite, daß sie im Dunste der Sonne verschwanden. „Ist das noch immer Constantinopel, und das bei jener Kuppel, bei jenem Thurme auch noch? Aber wo ist denn sein Ende?“ Erst als die Sonne tiefer gesunken und die Luft durchsichtiger geworden war, fand ich es bei dem Schlosse der sieben Thürme, aber so undeutlich, daß ich mehr nur von der Beschreibung meiner Freunde als von dem selbst Gesehenen berichten kann. Noch weiter auf dem Halbmonde der europäischen Küste bezeichnet ein hoher Schornstein die Lage von Barut-Hane, der Pulverstampfe, und ein Leuchtthurm die von St. Stefano, einem betriebsamen Fabriksorte mit Landhäusern der Griechen und Armenier.

Stunde um Stunde war so im Schauen und Genießen vergangen; der Abend drängte zur Rückkehr. Näher dem asiatischen Ufer hielt sich dieses Mal die Fahrt; dort öffnet sich zuerst der Busen von Moda, ziemlich enge, aber tief ins Land geschnitten. Fener Burun und Moda Burun schließen ihn; Burun bedeutet so viel als Nase, Vorgebirge. In alten Tagen war darin der Hafen des Eutropius, und auf Moda Burun, wo heute das ländliche Kadi-Köi (Richterdorf) steht, das glänzende Chalcedon, die Stadt der Blinden, wie das Orakel ihre Gründer schalt, weil sie nicht die Vortheile der Lage des gegenüber liegenden goldenen Hornes gesehen hatten. Die Mauern von Chalcedon sind verschwunden, um den Namen aber hat die Geschichte das Immergrün großer Kriegs- und Leidensthaten geschlungen. Eine der rührendsten, ein wahres Denkmal des Unglücks und der Grausamkeit, das Ende des Kaisers Mauricius durch den Usurpator Phokas, hat dort in dem Hafen gespielt. Sie ist wenig gekannt, und verdient es mehr als manche, die der Volksmund verewigt. Am 14. August 582 war Kaiser Mauricius seinem Schwiegervater, dem wohlwollenden Kaiser Tiberius II., in der Herrschaft über das römische Reich gefolgt. Mauricius war der dritte Regent seit dem Tode des berühmten Justinian. Er war edel denkend, besorgt die Lasten seines Volkes zu erleichtern und das Ueberkommene durch Reformen zu bessern, sparsam in seinem Haushalte, liebevoll für seine Kinder, als Herrscher und als Mensch der Ludwig XVI. der byzantinischen Geschichte; aber leider auch wie dieser zu schwach und wankelmüthig, und sein Volk und seine Zeit verdorben und verkommen wie das französische und das achtzehnte Jahrhundert. Sein Robespierre, der Empörer Phokas, rückte im Jahre 602 gegen Constantinopel; der unzufriedene Pöbel der ungeheuren Stadt öffnete dem gemeinen Soldaten die Thore und half ihm sich auf-, den Mauricius vom Throne abzusetzen. Es waren nicht wie sonst in der byzantinischen Geschichte die aristokratischen Parteien der Rennbahn die das thaten, es war der Demos, das rothe Gespenst, das auch damals schon die sogenannten Gutgesinnten wohl erschrecken, aber nicht zu thatvoller Abwehr ermuthigen konnte. Mauricius, von Allen verlassen, floh aus seinem Palaste in einem Kahne nach einem Kloster auf der asiatischen Küste. Er hätte weiter fliehen können, die Zeit fehlte ihm nicht, aber Krankheit hielt ihn und der Wahn, durch seine Abdankung alle Parteien und auch den neuen Herrscher versöhnt zu haben. Der aber ließ ihn vom heiligen Asyle, aus der Kirche und vom Altare wegreißen und seine fünf Söhne vor ihm, ihn zuletzt hinrichten. Der unglückliche Vater hatte nur Anerkennung für die Weisheit der göttlichen Gerechtigkeit und bei dem letzten Streiche, als die Amme dem Henker ihr eigenes Kind statt des jüngsten Prinzen unterschieben wollte, die Selbstverleugnung, den Betrug zu entdecken; für seine Schuld sollte kein unschuldiges Blut fließen. Seine Frau, die Kaiserin Constantia, mußte ihn mit ihren drei Töchtern überleben, um später mit diesen auf derselben Stelle, den Marmorstufen des eutropischen Hafens, hingerichtet zu werden. Früher noch war der älteste Sohn, der Prinz Theodosius, der zu den Persern wollte, in Nicäa erwischt und enthauptet worden. Nur die Schwester des Kaisers blieb am Leben, um der unglücklichen Familie das Grab in dem Kloster des heil. Mamas, das im Hintergrunde des goldenen Hornes auf dem immer heiligen Boden des heutigen Ejub stand, zu errichten.

Kadi-Köi war immer ein Ort der Unglücklichen und Verbannten. Heute lebt in Abgeschiedenheit und freiwilliger Aermlichkeit der ehemalige Kriegsminister Riza Pascha dort, der bei dem Tode des letzten Sultans nichts Geringeres als die Thronfolge zu ändern und sich selbst zum Nachfolger des allgewaltigen Reschid Pascha einzusetzen beabsichtigte. Mit den Franzosen, die überall die Freunde solcher abenteuerlichen Pläne sind und in diesem Falle vielleicht auch hofften, durch den ihnen ganz ergebenen Mann an die Stelle des überaus mächtigen englischen Einflusses zu kommen, hatte er noch vor dem Tode des letzten Sultans verabredet, den ältesten Sohn desselben statt des Bruders, wie es die gesetzliche Thronfolgeordnung will, auf den Thron zu erheben. Das Heer war in seinen Händen und alles zur Ausführung des Planes vorbereitet, aber die Energie und Entschlossenheit des Großveziers und Aali Pascha’s gegen ihn. Kaum war Abdul Medschid todt und die Augen ihm geschlossen, so kehrte sich Aali Pascha, der den Verräther unter den Ministern wußte, zu ihnen mit dem Rufe: „Nun gehen wir dem neuen Sultan zu huldigen!“ Und durch die Gärten von Dolma Bagdsche führte er sie zu dem Hause Abdul Azis’. Die Thüre war verschlossen, so daß sie heftig daran pochen mußten. Statt ihrer öffnete sich oben ein Fenster, an dem die Mutter des Thronfolgers erschien. Auch sie wußte von der Gefahr. „Keinen von Euch lasse ich ein,“ rief die muthvolle Frau, „so lange ich den Verräther unter Euch sehe!“ Erst als Aali Pascha neuerdings im Namen des neuen Sultans den Einlaß begehrte, ließ man sie vor diesen. Schon mit allen Kleidern der neuen Würde angethan, fanden sie ihn, und auf der Stelle leisteten sie alle ihm den Eid der Treue und des Gehorsams, der Großvezier voraus und der Kriegsminister mit den Anderen. Riza hatte gesehen, daß der große Platz zwischen dem ersten Thore von Dolma Bagdsche und dem neuen Privattheater des Sultans, wo seine Soldaten stehen sollten, frei und menschenleer war, und hatte gehört, wie der Kapudan Pascha dem Großvezier sagte, daß die Linienschiffe, welche auf dem Bosporus hart an dem Ufer lagen, den Befehl hätten, ihre Breitseiten loszufeuern auf den ersten Soldaten, der sich auf jenem Platze zeigen würde. Den Ministern voran ging dann Abdul Azis über eben jenen Platz nach dem Schlosse von Dolma Bagdsche und von dort in der großen Staatsbarke hinüber nach dem Serai und der Pforte, wo seine Installation stattfand. Aengstlich und vorsorglich folgte ihm die Mutter, unerkannt in einem kleinen bescheidenen Kaik und dann in einer Tragbahre. Er und seine Minister zeigten so viel Wille und so viel Kraft des Handelns, daß den Verschwörern nach dem Fehlschlagen ihrer ersten Bemühungen der Muth zu neuen verloren ging. Riza Pascha wurde verhaftet, und ein großer Theil des Harems, der mit in den Plan verwickelt war, zur Nachtzeit aus dem Serai nach einem der kaiserlichen Paläste tief im Busen des goldenen Horns in sicheren Gewahrsam gebracht. Der Proceß, welcher dem ehemaligen Kriegsminister gemacht wurde, war in vollem Gange, als die vielen gravirenden Scandale, welche er zu Tage förderte, den französischen Botschafter zu dem demüthigenden Schritte bestimmten, den Sultan im Namen des Kaisers Napoleon um dessen Niederschlagung und um die Begnadigung des Schuldigen zu bitten. Mit ächt orientalischer Großmuth gewährte Abdul Azis beides, auch Vergessenheit für die großen Geldsummen, welche der französische Drogmann angenommen hatte. Riza Pascha wanderte zuerst in’s Exil nach einer der Inseln des Archipels, dann ward er begnadigt auf Kadi-Köi im fortwährenden Anblicke Constantinopels, das er hatte beherrschen wollen, zu leben. Das thut er in schlechten Kleidern und in einem elenden Hause, weil ihm ein Gefühl, das gewiß das richtige ist, eine andere Lebensweise unverträglich mit seinem gedemüthigten Zustande erscheinen läßt.

Kadi-Köi zeigt von all’ diesen traurigen Erinnerungen nichts in seinem äußeren Anblicke; es ist freundlich mit Gärten und Landhäusern und stattlichen Gasthöfen geschmückt. Gleich bei dem Orte biegt sich eine neue Bucht ein. Ihren Hintergrund füllt die weite Ebene von Haider Pascha und der ungeheure Cypressen-Friedhof von Skutari. Ihr anderes Ende springt hoch und zerklüftet wieder in das Meer heraus. Einige Bäume stehen darauf, der Obelisk, welcher den in der Krim verwundeten und in Constantinopel gestorbenen Soldaten der Engländer und Franzosen errichtet worden ist, dahinter die großen Mauern der Caserne Selims und in ihrem Hofe die Pinien, die so freundlich zu meinem Fenster winken. Die alten Megarenser weihten das Vorgebirge mit einem Tempel der Hera und nannten es Heraeon. Erhaben wie das Diadem auf dem Junoischen Haupte muß der Bau von seiner hohen Stelle in das weite Meer gesehen haben. Es beweist zugleich die Liebe zu dem feuchten Elemente und das Gefühl für die Schönheit der Natur, daß die Griechen nahe der See alle diese weitausblickenden Punkte mit Heiligthümern auszeichneten. Justinian setzte statt dessen einen Sommerpalast dahin.

Mit senkrechten Wänden verlängert sich die Küste bis zu einem dritten Vorgebirge, das, wo die in eine Kuh verwandelte Io auf der Flucht vor der eifersüchtigen Juno gelandet haben soll; daher der Name Bosporus, Ochsenfurt. Ein weißer Thurm steht weit im Meere auf einer Klippe davor. Die Franken knüpfen irriger Weise die Leandersage daran; aber auch das Märchen, welches die Türken dort spielen lassen, hat die Liebe zu seiner Seele. Der Ort ist romantisch und malerisch genug, daß ihm die Phantasie nichts Anderes anheften kann; Möven und fortwährend empörte Wellen umschwärmen und hüten ihn. Der kleinen Bosporus-Dampfer wurden nun so viele, daß wir für sie allein die Augen aufhalten mußten, um eine unberufene Taufe zu verhindern. In den Abendstunden ist der Verkehr am regsten. Von der Stadt und von den Geschäften will dann Alles nach Hause und aufs Land.

Das war der erste Tag in Constantinopel und Abends hörte ich den ersten Ruf des Muezzin. Nun, da die Nacht da ist, soll ich schlafen, aber was träumen, da ja schon der ganze Tag ein Traum aus Tausend und einer Nacht war?

Constantinopel, den 21. Mai.

Die Neugierde wie die Liebe folgen regellosen Trieben. Ohne Grund und Ursache heften sie ihre Neigungen an irgend einen Gegenstand, und bleiben ihm treu bis zum Augenblicke des Besitzes. So werden die meisten Menschen in ihrer Kindheit das Gelüste nach irgend einer Merkwürdigkeit empfunden haben, die sie unersättlich durch alles Uebrige das ganze Leben hindurch zu sehen begehren. Es ist das nicht immer das Größte, Schönste und Bedeutendste, oft nur eine kleine Statue, ein bescheidenes Bild oder ein einziges Haus, aber das Verlangen danach führt uns zu dem Größeren und Bedeutenderen, nach einem neuen Lande, zu einer glänzenden Stadt. So ist es mir mit dem Hippodrom des alten Constantinopel gewesen und mit der Reise nach dem Oriente geworden. Ich weiß nicht, warum ich gerade nach dem constantinopolitanischen Circus so sehr begehrte. In der Geschichte, wie sie gewöhnlich deutschen Kindern tradirt wird, spielen die Byzantiner nur eine geringe Rolle, und ein Aufsatz im Raumer’schen Taschenbuche des Jahres 1830, den ich als Knabe gelesen, schildert die Parteikämpfe der Rennbahn nicht mit solcher Lebhaftigkeit, daß er mir diese Begierde geweckt haben könnte.

Ich erbat mir, daß die erste unserer Wanderungen nach dem At-Meidan gehe, „Pferdeplatz“ zu deutsch, so heißt heute noch die Stätte. Die Fluthen einer Völkerwanderung konnten das Andenken an die Ereignisse, die darauf gespielt, nicht davon wegspülen. Man wählte einen Umweg, um mir vor dem Ziele noch einen Theil Pera’s und Stambuls zu zeigen. Durch den Garten der französischen Botschaft, an dem großartigen Palaste der englischen und der bescheidenen Behausung des preußischen Gesandten vorüber, ritten wir nach dem sogenannten kleinen Campo; das ist ein Friedhof, welchen die darum sich ansammelnde Bevölkerung allmälig mitten in die Stadt gestellt hat. Daß er einmal davor gelegen, beweisen die Mauern Galata’s, welche aus alter Genueser Zeit erhalten an seiner linken Seite zum Meere hinablaufen. Kassim-Pascha, die Stadt auf der andern, der rechten Seite, ist dann erst später, nachdem das dazwischen liegende Feld schon lange dem ehrwürdigen Zwecke gedient hatte, daran gebaut worden; denn daß die Byzantiner hier schon ihre Todten begruben, sieht man bei jedem Grabe, das jetzt einem Türken hier gegraben wird. Gemauerte Grüfte, Gerippe und Münzen werden da gefunden und auf letzteren die Bildnisse byzantinischer Kaiser, die wenigstens annäherungsweise den Zeitpunkt des Begräbnisses feststellen.

Ueberrascht von dem Bilde, das sich oben an dem Saume dieses Friedhofes, da man aus den Häusern Pera’s heraustritt, darbietet, hielt ich das Pferd eine Weile an. Gerade nach der zwängenden Enge der Gassen genießt man die Weite, die sich dort ausbreitet, mit doppeltem Vergnügen. Der Friedhof ist durch die Landessitte, die das Leben aus den Gräbern zieht, ein großer Cypressenwald; hohe, dicke, runzelige Stämme von so ehrwürdigem Aussehen, als seien sie schon den ältesten Gräbern zu Denkmälern gesetzt worden, stehen die Berglehne bis zum Arsenale hinab. Das ist auf dieses Ufer des goldenen Hornes gebaut. Der Golf liegt unten und große Linienschiffe schwammen darauf. Auf dem jenseitigen Ufer steigen wieder Höhen empor; gedrängt wie die Köpfe einer Volksmenge die Holzhäuser Stambuls darauf. Kuppeln und Minarete dazwischen, die größeren der drei kaiserlichen Moscheen Selims, Mohammeds und Suleimans wie herrschende Kronen und Scepter zu oberst. Weil Thäler die einzelnen Hügel trennen, sind die Bogen einer Wasserleitung über das ganze Stambul gespannt, als solle eine Brücke Anfang und Ende der ungeheuren Stadt verbinden. Der blaue Himmel blickt vom Marmora-Meere her durch die kühnen Schwingungen dieses luftigen Baues. Der Kaiser Hadrian hat ihn begonnen. Er kann dem alltäglichen Bedürfnisse damit nicht nützlicher gewesen sein, als der Verschönerung der Gegend. Man sieht vom kleinen Campo aus übrigens nur den mittleren Theil von Stambul; die Seraispitze und die Grenze gegen das innere Land zu findet das Auge nicht.

Steile, schlecht gebahnte Wege führen zur zweiten Hafenbrücke hinab. Der ganze Verkehr bewegt sich durch den Friedhof hinauf und hinunter. Andere Reiter, Soldaten und ganze Karavanen von Lastpferden kamen uns entgegen. Die Brücke ist wie auch die erste aus Pontons zusammengefahren. Sie scheint gesünder, als das Brücken bei uns gewöhnlich sind, oder die hiesige Polizei weniger hofmeisternd als die unserige zu sein. Wir ritten und Kanonen fuhren im Trabe darüber.

So eigenthümlich mir in Pera und Galata schon Alles erschienen war, in Stambul fand ich noch mehr zu staunen. Die Stein- und Ziegelhäuser, wie die fränkisch gekleideten Menschen verschwinden dort gänzlich. Die Häuser sind ausnahmslos hölzerne, meistens malerisch nach irgend einer Seite geneigt. Polizeiliche Regeln scheinen sie bei diesen Neigungen nicht zu befolgen, eher etwas anarchisch ihrem eigenen Willen nachzuhängen. So viel Freiheit in dem Vaterlande der Sclaverei muß überraschen. Die Hauptgassen sind auch hier lebendig durch die offenen Werkstätten, aber nicht so menschengefüllt wie drüben in Pera. In den engen Seitengassen sind Thüren und Fenster fest geschlossen. Wir passirten einige, in denen man fragen konnte, ob in den Häusern wirklich alles Leben ausgestorben sei und sie leer und besitzerlos das Ende ihres schon begonnenen Verfalles erwarten.

Mehrere Stunden waren wir so geritten, Hügel auf und ab, auch unter dem malerisch von Schlingpflanzen und vom durchsickernden Wasser triefenden Bogen der hadrianischen Wasserleitung hindurch, als die Länge der Zeit die Vermuthung weckte, der Kawaß, der uns führte, könne den Weg, den er vielleicht nie gewußt, verloren haben. Und so erwies es sich denn auch nach einigem Streite. Nun wurde ein Fragen an allen Ecken, bei jedem Caffegi und Tabakverkäufer nothwendig, und doch führte uns erst die Entdeckung, daß das Marmora-Meer nahe zu unserer Rechten hinter einer Reihe von Häusern sei, auf die rechte Spur. Wir waren im Viertel Condoscale auf einem verwilderten Platze. Regellos stehen breite Platanen darauf und Säulenschäfte ragen aus dem Boden auf, die Zeugen einer unterirdischen Welt. Kadriga-Liman, „Galeerenhafen“, nennt ihn der Türke, und bewahrt auch hier mit dem Namen ein Stück der Vergangenheit seiner Vorgänger. Unter dem Schutte, der stellenweise zu kleinen Hügeln angeschwellt ist, birgt sich der Hafen, den die Kaiserin Sophia, die Gemahlin Justin II., im Jahre 571 gegründet und nach sich benannt hatte. Noch im 16. Jahrhundert sah man dort stehendes Wasser und das Volk glaubte darin die Masten versunkener Galeeren zu erkennen. Seitdem hat die Erde die Schiffe immer tiefer begraben, daß sie heute sogar dem Märchenerzähler verschwunden sind. Die Wurzeln hundertjähriger Bäume ranken sich vielleicht um die Masten, welche sonst nur Segel und Taue zu tragen gewohnt waren.

Von Kadriga-Liman steigen ostwärts steile Gassen hinan. Wir hatten bald hohe Quadermauern vor uns. Anfangs zweifelhaft über ihren Zweck, ist es mir jetzt gewiß, daß sie der Rennbahn die zu kurze Oberfläche des Hügels verlängern und ausgleichen mußten. Wenige Schritte unserer Pferde neben diesen Mauern aufwärts brachten uns auf den At-Meidan. Das Gedächtniß gefüllt mit all’ den prachtvollen Bildern von Marmorstufen, von Palästen und Statuen, den herrlichsten, welche die griechischen und römischen Künstler producirt und die byzantinischen Räuber hier aufgestellt hatten; gefüllt mit den Erzählungen der Groß- und Blutthaten, der Siegeszüge und Niederlagen, welche hier das Schicksal der Welt entschieden hatten, muß Jeden das, was er jetzt auf dieser Stätte findet, verstimmen und betrüben. Wie stolz wird sonst das Auge von den Laubgängen, die hoch oben um die lange Rundung liefen, zugleich weit hinaus auf die Stadt, das Marmora-Meer und die grünen Berge des Bosporus, und vor sich hinab auf die menschengefüllten Sitzesreihen, auf die Obelisken, Säulen und Standbilder, auf die Tribünen des Kaisers und auf den ehrgeizigen Kampf der Pferde- und Wagenlenker geblickt haben! Und heute?! Ich sah nur alte morsche Holzhäuser, Trümmer, welche die Verwüstung in gestaltloses Gerölle zerstoßen hat, und als letzte Zeugen der gewesenen Pracht die drei Denksäulen, die zwar auch verstümmelt, aber doch aufrecht geblieben sind. Der Platz war öde und leer, nur Kinder drängten sich zu, für ein Almosen die Pferde zu halten. Auch die Luft kündete mit warmem mittäglichem Schweigen den Verfall und die Abgestorbenheit. Selten hat sich mir eine historische Stelle gleich mit dem ersten Eindrucke so ähnlich ihrer Geschichte vorgestellt als diese; Ehrgeiz und Eitelkeit, Verrath und Mord, die hier mehr als auf jeder anderen gerungen und gestritten, verdienen den Schutt, den die Zeit so hoch darauf gehäuft, um sicher vor jeder Auferstehung begraben zu bleiben.

Zunächst der Seite, wo wir auf den Platz gestiegen waren, und das war ehemals die der kaiserlichen Loge entgegengesetzte, steht der Obelisk aus Mauersteinen. Heute das verkommenste der drei übrig gebliebenen Denkmäler, hieß er doch einmal der goldene. Bronzetafeln verkleideten ihm den steinernen Leib; seitdem sie herabgerissen sind, bröckelt ein Glied um das andere aus seinem Körper heraus und neigt er sich drohend zum Sturze. Um ihn allein ist die Erde nicht weggegraben, daß man wie auf einen Hügel zu ihm emporklettert. Näher gegen die Mitte des Platzes ist die gewundene Schlangensäule aus grünem Erze. Griechen stifteten sie im 5. Jahrhunderte nach Delphi in den Tempel des Apollo für Siege, die sie über die Meder erfochten hatten. Ist es nicht verhängnißvoll, daß dieses alte Zeichen der früheren Kämpfe zwischen dem Morgen- und dem Abendlande hierher nach dem heutigen Knotenpunkte der orientalischen Frage versetzt worden, mit ihr vom griechischen Strande nach dem des Bosporus übersiedelt ist? Denn die orientalische Frage hat die Neigung, entgegen dem sonstigen Gange der Geschichte, vom Westen nach dem Osten zurückzuwandern. Und als hätte er eine Ahnung von der ursprünglichen Bedeutung dieses Denkmals gehabt, schlug ihm einer der Sultane eines der drei aufbäumenden Schlangenhäupter ab, rächend die Niederlage, die Europa seinen asiatischen Vorfahren zugefügt hatte. So merkt sich an einem todten Denkmale derselbe Gedanke Jahrtausende und Millionen von Menschen überlebend an. Daß auf den drei Köpfen ein Dreifuß gestanden, ist wahrscheinlich. Auch des Lysikrates Denkmal zu Athen beweist, daß es bei den alten Griechen Sitte gewesen, den opferbringenden Dreifuß möglichst hoch und erhaben aufzustellen; vielleicht aus demselben Grunde, aus welchem wir unsere Wallfahrtscapellen auf die obersten Berggipfel bauen, damit die Opfergabe dem empfangenden Gotte näher stehe. Daß aber dieser Dreifuß der der Pythia gewesen sei, ist eine Unmöglichkeit, obwohl es Herr v. Hammer drucken ließ. Die Fabel ward wohl wie so manche ihrer Schwestern von gewinnsüchtigen Fremdenführern erfunden, um unaufmerksame Reisende theilnahmsvoller zu stimmen. Von den drei Schlangenköpfen, welche fehlen, bewahrt man einen Unterkiefer in dem Museum, welches in der Irenenkirche eingerichtet ist. Auch Gypsabgüsse sah ich davon; danach muß der Rachen weit aufgerissen gewesen sein. Gerade in der Mitte des At-Meidan, wie auch ehemals des Hippodroms, steht der granitene Obelisk, das besterhaltene der Denkmäler. Er ist weit und viel gewandert. Seine erste Heimath und Geburtsstätte war Aegypten; bei Syena wurde er gegraben, dann war er in Athen. In Constantinopel stellte ihn Theodosius der Große sechzig Jahre nach Einweihung der Stadt, also im Jahre 390, auf das Postament, das ihn noch heute trägt. Die Spitze scheint ihm bei seinen Uebersiedelungsreisen beschädigt worden zu sein; sie ist stumpfer zugeschliffen. Seine Seitenflächen sind mit Hieroglyphen beschrieben, die des Fußgestelles mit erhabenen Bildern verziert, von so roher Arbeit, daß auch nicht einmal mehr die edlere Abstammung der Kunst zu erkennen ist. Es sind Werke eines schon vollzogenen Verfalles.

Der Lärm und die Mühe um eines der Pferde, das sich seinem kleinen Hüter losgerissen hatte und in freien Sprüngen über den Platz setzte, weckte mich aus meinen alterthümlichen Betrachtungen. Was die spätere Zeit auf die Trümmer gebaut hat, das fing ich erst jetzt an zu sehen. Drei Seiten des Platzes sind von unscheinbaren Gebäuden umsäumt, die vierte aber, die Ostseite, schlossen die Türken mit einem Prachtbaue, der Moschee Achmed I. Hinter einer niederen Marmormauer liegt sie, getrennt von dem gemeinen Lärm der Gasse, in der vornehmen Abgeschiedenheit eines heiligen Haines. So hoch hat das Alter die Platanen, Terebinthen und Cypressen gezogen, daß ihre Kronen und Wipfel die Kuppeln und Minarete zu überragen drohen; dabei sind die Bäume nicht greisenhaft abgelebt, sondern gesund in voller Manneskraft. Späht man genauer durch die vergoldeten Gitter, welche in die Umfassungsmauer eingesetzt sind, so findet man nur ahnungsvolle Stille und frommen Frieden unter dem kühlen Schatten, wie er Gott und dem Orte gebührt. Wo der Türke schmücken will, da genügt ihm nicht die Kunst des Menschen, er nimmt das freie Schaffen der Natur zu Hilfe. Um seine Gräber schlingt er Rosen und seine Tempel verbirgt er unter Bäumen. Wir thun das wohl auch an unseren Festtagen, wenn fromme Beter und andächtige Weihrauchwolken durch die Gassen wallen und grüne Zweige an den Häusern lehnen; der Türke aber hält jeden Tag solch’ festlichen Schmuckes würdig.

Das nördliche Ende des At-Meidan verunstaltet dermalen der geschmacklose Holzbau der türkischen Industrie-Ausstellung. Auf der Westseite des Platzes hatte man mir ein bescheidenes einstöckiges Haus mit dem unverdienten Titel: Palast des Finanzministeriums, Defter-Hane, genauer übersetzt Oberrechnungshof, gewiesen; jetzt zeigte man mir in der Seitengasse, in welche wir einbogen, zu unserer Rechten ein noch verfalleneres Gebäude als den Palast des Handelsministeriums. Das große Hofthor daran ist dienstesunfähig; die Thüren der Kanzleistuben münden unmittelbar auf die Bogengänge, welche den Hof umfassen; von orientalischer Pracht, wie sie unsere Vorurtheile erwarten, keine Spur. Die hohe Pforte, zu der wir durch steile Gassen hinabkommen, entspricht unseren Erwartungen und ihrem erhabenen Beiworte nicht viel mehr. Es ist eine lange, einförmige, gelb angestrichene Fronte, einen Stock hoch, mit vorspringender Säulenhalle und krönendem Giebelfelde, in dem abscheulichen Style englischer und amerikanischer Antike. Schön ist nur die Aussicht von der breiten Terrasse, die dem ganzen Baue vorliegt. Die Hügel von Pera und von Galata, die Berge von Asien und zwischen ihnen weit hinauf den Strom und die Ufer des Bosporus sah ich von dort aus in ganz neuer Ansicht und in den Gluthen der untergehenden Sonne.

Ueber die erste Hafenbrücke kehrten wir nach dem andern Ufer zurück. Das Leben, das sich auf der Brücke und auf den beiden Plätzen ihrer Mündungen, und weiter dann in der Galatagasse entfaltet, verwirrte und beschäftigte mich dergestalt, daß mich nur die Aufmerksamkeit meiner Führer vor unangenehmen Zusammenstößen bewahrte. Ich wußte nicht, wie ich Alles auf einmal oder was ich zuerst sehen sollte, die neuen Menschen oder die Dampfer, die pfeifend und schnaubend zu beiden Seiten der Brücke anlegten, gewiß immer ein Dutzend, das eben in Bewegung war. Auf dieser Brücke zu stehen verdient allein schon eine weite Reise; es ist als ließe man die Völker einer ganzen Welt die Revue passiren.

Pera, den 22. Mai.

Was bei uns eine Reise vorstellt, ist hier erst ein Spazierritt hinüber nach Stambul. Vom gestrigen, der den ganzen Tag gedauert hatte, waren wir so ermüdet, daß uns heute Ruhe nothwendig schien. Ich wollte sie mir am Schreibtische gewähren, um Briefe für die morgige Post vorzubereiten. Aber wie sollen sich die Gedanken sammeln, wie die Feder arbeiten, wenn rechts und links vom Schreibtische durch zwei offene Fenster der blaue Himmel und die helle Sonne hinaus nach dem Meere und nach den Hügeln dieses schönen Landes locken. Da half kein Widerstreben der entschlossensten Vorsätze. Ich schlich mich fort voll Vertrauen in meinen oft erprobten Ortssinn, mich allein in dem Häusergewirre zu versuchen. Das gibt den Reiz eines Wagnisses.

Durch enge steile Gassen und über Treppen stieg ich noch höher den Hügel hinauf. Nicht breiter als in den Calles Venedigs stehen die Häuser auseinander und so wie dort bleiben auch hier die Gassen keine zehn Schritte in derselben Richtung; rechts oder links, nach einer Seite biegen sie aus, daß sie ein fortwährendes Zickzack bilden. Ueberhaupt, wo ich hinsehe, finde ich den Anknüpfungspunkt wieder zu dem Faden, welchen der Handel im Mittelalter zwischen Constantinopel und der Lagunenstadt gesponnen hatte. Daß noch so viel davon fortbesteht, trotz des Wechsels der Zeit und der Menschen, beweist, wie angemessen dem angebornen Charakter beider Städte diese Verbindung war. Pera und Galata sind zwar nicht mehr eigenberechtigte Städte der Venetianer und Genuesen, aber immer noch beinahe ausschließlich von Italienern, Maltesern, Dalmatinern, Croaten, Franzosen, überhaupt von dem, was man mit dem Gesammtnamen „Franken“ zu bezeichnen pflegt, bewohnt. Die buntfarbigen Häusergruppen der Türken liegen nur wie einsame Inseln dazwischen. Auf den Stufen der Gassen saßen Bettlerinnen; sie hoben die Augen und die Hände auf und declamirten ihre Noth und ihre Gebete mit denselben dunklen Blicken und demselben Pathos, wie die struppigen Weiber auf den Brücken der Calle lunga und der Riva degli Schiavoni: „Grazia Signore, una povera vecchia!“

Alle die Treppen und Gäßchen münden in die große Perastraße, die vom kleinen bis zum großen Campo, den zwei Friedhöfen dieser Stadttheile, in einer ziemlich geraden Linie über den Kämmen der Hügel liegt. La grande rue de Pera, wie man hier alle Augenblicke in der Conversation hört, denn sie ist den Peroten, was den Wienern ihr „Graben“ und den Berlinern ihre „Linden“ sind, — hatte ich mir, ich gestehe es, etwas großartiger vorgestellt. Groß kann sie überhaupt wohl nur wegen ihrer Länge genannt werden, denn ihre Breite ist schmal wie die der andern Gassen, daß sich eben zwei Wagen darin ausweichen können, und Reiter und Fußgänger in ein fortwährend sich mißhandelndes Gedränge zusammengequetscht sind. Die Höhe der Häuser vermehrt noch diesen Eindruck der Enge. Die ersten Gasthöfe: Hôtel d’Angleterre, Hôtel de Byzance etc. stehen darinnen. Die Kaufläden waren offen und geschlossen, je nachdem der Glaube dem Eigenthümer die Heiligung unseres Sonntages freigibt oder gebietet; Polizeiverordnung verfügt hierüber nichts. Die Auslagen sind sehr primitiv, Spiegelscheiben nur an einigen Modehandlungen, sonst kleine Aushängekästchen, wie wir sie nur in unserer Kinderzeit oder heute noch in unseren Landstädten sahen. Ein Friseur verkauft auch Halsbinden und Handschuhe, ein Schuster Strohhüte, und beinahe alle Zuckerbäcker Kinderspielwaaren. Das repräsentirt eine Nationalökonomie, wie sie bei uns nur noch die Dörfer und böhmischen Badeorte betreiben. Indessen sie befriedigt ein Bedürfniß und die Verhältnisse sind andere, und so mag ich sie, blos darum weil sie anders als das Gewohnte ist, nicht tadeln.

Das Pflaster wäre eine Wohlthat, wenn es gar nicht wäre; so wie es ist, scheint es nur zu sein, um das Fahren zu hindern; in Berücksichtigung der Enge der Gassen und des Menschengedränges allerdings eine wohlthätige Vorsorge. Trotzdem begegneten mir einige Wagen. Es waren modische Broughams, Ein- und Zweispänner, die Pferde lose eingespannt, die Kutscher im albanesischen Kleide oder doch wie die meisten Einheimischen, wenn sie auch sonst ganz fränkisch gekleidet sind, durch das Fezz unterschieden. Mehr aber überraschte mich ein anderes Fuhrwerk, dem seinem Aussehen gemäß in allen Sprachen der türkische Name Arabat, was eigentlich nur Wagen sagen will, gelassen wird. Der Kasten ist mit Blumen bemalt und übermäßig vergoldet, ringsum möglichst offen mit Glasfenstern, oben mit einem gewölbten Dache geschlossen. In hohe Federn gehängt wackelt er nach allen Seiten, herüber und hinüber, vor- und rückwärts zugleich; das Ganze wie ein Ueberbleibsel des vorigen Jahrhunderts, aber von einem Dorf-Wagnermeister statt von einem Hoflieferanten Ludwig XV. gefertigt. Meistens ist nur ein Pferd davor gespannt; der Kutscher, Türke auch durch sein Kleid, geht oder läuft daneben, wenn ein kleiner Trab draußen im Freien möglich wird, denn in der Stadt kann jedes Fuhrwerk nur im Schritte fahren. In dem ersten Arabat, den ich sah, saßen Türkinnen; ich hielt das daher für ein speciell türkisches Beförderungsmittel, bis mich in einem späteren vier barmherzige Schwestern überraschten. Ich fand dann auf einem Platze solche Arabats in Menge dem Publicum wie unsere Fiaker aufgestellt. Uebrigens werden in der Stadt Wagen nur selten benutzt, in Stambul beinahe gar nicht. Die weiten Entfernungen und die schlechten Straßen zu überwinden lassen sich die Frauen tragen und reiten die Männer; darum die vielen Pferde mitten im Gedränge der Fußgänger. An den Straßenecken, bei den zierlichen Brunnenhäusern werden sie dem Bedürfnisse bereit gehalten; man setzt sich darauf, läßt den Pferdeknecht, Surugi, hintennach laufen, und zahlt ihn und sein Thier nach dem Ritte für die Stunde, wie in Berlin den Droschkenkutscher. 10 Piaster, ungefähr 1 Gulden, werden, wenn der pfiffige Surugi nicht den unwissenden Fremden herausgewittert hat, als die standesgemäße Bezahlung von einer Anstandsperson dankbar angenommen.

So guckte ich eines um das andere dem Straßenleben ab. Bild schob sich an Bild, und meine Gedanken, die thätig wie die Augen waren, suchten zu erklären, was die Blicke nicht gleich verstanden. Da drang ein neuer Laut, ein neues Bild in meine Betrachtungen. Jangin war! Jangin war! (Feuer ist!) riefen kreischende Stimmen aus weiter Entfernung. Aber kaum gehört, sah ich auch schon die Rufer. Alle nackt bis auf die Lenden, um die sie weiße Tücher geschlungen hatten, liefen sie vorüber, lauter schöne kräftige Bursche, die zur Feuerwehr gehören. Mitten im Laufe, ohne daß der auch nur einen Augenblick hielt oder in der gleichmäßigen Bewegung schwankte, wechselten sie mit ihren Kameraden im Tragen der wassergefüllten Spritzen. Was ihnen im Wege blieb, wurde rücksichtslos niedergeworfen und übersprungen. Schon gestern Abend, als eine große Feuerröthe über Stambul flammte, hatte man mich auf diese wilde Jagd vorbereitet. Ich war daher gleich bei dem ersten Rufe in eine Ladenthüre getreten und beobachtete aus diesem Schilderhause, wie sich die Menge gelassen, ohne auch nur die Miene dem sonderbaren Zuge zuzukehren, vor ihm theilte und hinter ihm wieder im alten Strome zusammenschloß. Diese stürmende Erscheinung ist ihr so alltäglich, daß die Gewohnheit dafür keine Aufmerksamkeit mehr hat. Ich aber brauchte eine Weile, um wieder im früheren Gleichgewichte weiter schreiten zu können.

Wo die Perastraße breiter wird und sich theilt, um einen Zweig nach dem großen Campo und einen anderen in’s Freie über die kahlen Hügel zu senden, steht ein verfallener aber immer noch mit Marmor bekleideter Brunnen. Platanen, Terebinthen, eine geborstene Cypresse, die hinter ihm wachsen, beschatteten einige Sakas, Wasserverkäufer, die vor ihm ihre Tische und ihre Krüge aufgestellt hatten. Bretter hatten sie von einem Fuße zum andern ihrer wackeligen Waarengerüste nageln und binden müssen, um ihnen Halt zu geben. So abgenützt und zerbrochen diese Trümmer waren, der Schönheitssinn des Südländers hatte sie immer noch einer Ausschmückung werth gefunden. Lilien und Nelken hatte er in hohen Büscheln an die Tischecken gebunden und in breiten Kränzen um die blechernen Schöpfeimer gewunden. Einer der Verkäufer war ein Neger. Seine kurze Hose, sein zerrissenes Hemd, der Mangel anderer Kleidungsstücke und sein confiscirtes Spitzbubengesicht bewiesen, daß die Gewerbe, welche er sonst betrieben haben mag, vielleicht weniger unschuldig, aber gewiß nicht einbringlicher als sein heutiges gewesen waren. Er war noch thätiger als seine Genossen im Rühmen seiner Waare. Endlos wuschen sie die Gläser, hielten sie den Vorübergehenden zur Prüfung der Reinlichkeit entgegen, priesen die Sauberkeit des Glases und die Frische des Wassers, und gossen wie zur Lockung mit hochgeschwungenem Arme aus den Schöpfkrügen einen langen Strahl in die Gläser, die sie dann mit der linken Hand präsentirten, ihr „Sacka!“ so lange und so aufdringlich schreiend, bis einer der Spaziergänger nach dem Glase langte und seinen Para dafür auf den Tisch warf.

Gegenüber ist ein Standplatz für Miethpferde. Es sind kleine aber zierliche und, wenn nur etwas geschont, schöne Pferde. Ohne wenigstens einen Tropfen edlen Blutes scheint kein türkisches Pferd zu sein. Die plumpe Rohheit der unserigen, die nicht einmal immer stark ist, fehlt hier den Thieren wie den Menschen. Diese Reitknechte, die mich gleich umringten, mir — jeder durch einen andern Kniff — ihre Pferde aufzuschwätzen, wie ausdrucksvoll sprechen ihre Gesichter, und wie anstandsvoll sind ihre Bewegungen! Und welche Mannigfaltigkeit der Physiognomien! Da war ein Blasser mit dunklem Haar und kleinem Schnurrbarte, die Lüderlichkeit hatte ihn offenbar so romantisch zugerichtet, der klopfte gelassen den neuen Sattel seines jungen Schimmels und lockte nur mit den Augen. Ein Anderer, dem aller Verstand im pfiffigen Schlusse der Lippen saß, führte seinen Braunen langsam vorüber und rühmte mir dessen Vorzüge mit italienischen, sogar mit einigen französischen Brocken an. Und ein Dritter, dem die Schönheit auf der Stirne thronte, warf sich auf seinen Fuchsen und jagte davon, mir dessen Schnelligkeit zu beweisen, aber gleich wieder zurückkehrend, damit den Kameraden nicht die Zeit bliebe mich ihm abzugewinnen. Und so ein Dutzend mehr, und jedem hätte man seine besondere Geschichte erfinden können. Dazu die maßvoll gebildete Gestalt; nicht zu klein und engbrüstig, um verächtlich und kränklich, und nicht zu groß und breitschulterig, um bedrohlich und roh zu erscheinen. Wenn sie gingen oder sich in den Sattel schwangen voll gelenkiger Beweglichkeit, und wenn sie sich an das Roß anlehnten oder rauchend auf dem Boden lagen voll ausgeglichener Ruhe. Ihre Kleidung war ärmlich aber wohlanständig, weil sich jeder darin zu Hause fühlte. Eine weite Hose bis zum Knie, eine Jacke, über dem Bauche durch den Shawl zusammengehalten, ein kleiner Turban um die Mütze geschlungen, Arme und Füße nackt, das ist der ganze Reichthum, den diese Nomaden der Gassen Constantinopels auf dem Leibe tragen. Ihre Herren, was bei uns also Stallmeister wären, oder die Reitknechte, welche in den festen Diensten reicher Privatleute stehen, sind kostbarer angezogen. Sie tragen das montenegrinische oder albanesische Kleid, kirschroth oder dunkelblau, über und über mit verschlungener Goldstickerei geziert. Auch solche trieben sich da herum. Nahebei erwarteten Arabats ihre Kunden. Ein Kaffeehaus, das auf einer Terrasse errichtet ist, hatte die seinigen schon in Menge gefunden. Der Menschenstrom aber wälzte sich weiter, jetzt in’s Freie hinaus, sichtlich immer vergnügter, je mehr die Enge der Stadt und des Handwerks hinter ihm zurückblieb, daß mir hier in der Türkei, „wo die Völker auf einander schlagen,“ der Ostersonntag in Göthe’s „Faust“ einfiel.

Rechts von der Straße ist eine große Artilleriecaserne und links ihr Exercirplatz; Recruten übten sich dort. Nur wenige der Leute trugen noch die häßlichen Uniformen nach europäischen Mustern, die meisten waren in der Nationaltracht, welche der neue Sultan seinem Heere zurückgegeben hat. Die weiten Hosen und offenen Jacken kleiden sie weit besser, weil ihre Glieder, die in solcher Zwanglosigkeit aufgewachsen sind, darin das Selbstgefühl einer alten Gewohnheit wiederfinden. Wie sehr diese Tracht übrigens den Werth einer schönen Gestalt erhöht, sah ich an einem Manne der Hundert-Garden des Sultans, der mir entgegen kam. Er war ein Araber in hohen glänzenden Stiefeln, feuerrothen Pumphosen, rother Jacke und rothem Burnus, der in breiten Falten über seinem Rücken bis zu den Fersen hinabfiel. Ich habe nie etwas Schöneres gesehen als diesen Burschen. Kaum daß ihm ein Flaum auf der Lippe keimte und sein ganzes Wesen drückte doch schon die Ruhe und die Hoheit des Alters aus. Dabei war sein Auge jugendfrisch und lebenslustig und voll Theilnahme für das Treiben der Menge. Wenn ich Verachtung in seinem Blicke, der mich traf, zu erkennen glaubte, so war das wohl nur, weil ich mich solcher Hoheit gegenüber verächtlich fühlte; dem Jünglinge waren Körper und Geist viel zu gesund, um ein so krankhaftes Gefühl hegen zu können. Wie ein Gott der alten Griechen, der Mensch geworden um mit seinen Mitmenschen zu leben und zu genießen, zu sündigen und zu büßen, so schritt er einher mit mächtig ausgreifenden Schritten. Und so staunte ich ihn an. Nicht anders mögen die Indianer die ersten Weißen bewundert haben. Wie ärmlich erscheint mir danach das, was unsere Salons einen schönen Mann nennen, und wie erbarmungswerth solche Genügsamkeit!

Tiefer in’s Land, wohin die Straße führt, wollte ich nicht. Ich suchte das Meer. Ein blauer Streifen rechts über den Hügeln verrieth es mir. Ich bog von dem Wege ab in die staubigen

Felder ein. Diese liegen hier alle unbebaut, wüste, ein trostloser Anblick; aber nur wenige beharrliche Schritte durch den gelben Sand weiter, und ich sah Europa und Asien, den Bosporus und Propontos wieder in all’ der Farbenpracht, die mein Auge seit den letzten Tagen so sehr verwöhnt hat. Unten auf dem Hügel, auf dessen Kuppe ich stand, und seine Hänge hinauf und ihnen entlängst sind von Top-Hane in den Bosporus hinein Stadt an Stadt gereiht: Fündykly, Dolma-Bagdsche mit dem neuen Palaste des Sultans, dessen Höfe und Gärten gerade unter mir waren, Beschicktasch, Tschirraghan etc., eine an der anderen, Haus an Haus, Name an Namen. Gegenüber auf dem asiatischen Ufer Skutari, ausgedehnter und volkreicher als es sich nach irgend einer anderen Seite hin zeigt. Bis tief in den Bosporus, um dessen Buchten und Vorgebirge sind seine Häuser gebaut und hoch die Höhen hinauf seine Villen und Gärten gepflanzt, daß die Stadt Meer und Berge zugleich zu umfassen scheint. Die Seraispitze, einige der ihr zunächst liegenden Moscheen Stambuls und die schiffebeladene Mündung des Goldenen Hornes, die der Strom des Bosporus von Asien scheidet, schließen auf der rechten Seite das Bild. Darüber und grenzenlos weit liegt der Horizont des Marmora-Meeres. Das sind die Umrisse, die mir die Farben fest in dem Gedächtnisse halten müssen. Wie sollte auch die schwarze Tinte das Blau des Meeres, das Grün der Gärten, das Roth der Hügel, den Glanz des Himmels und den Duft der Ferne malen können!? Das kann nur der Dichter, der in der Brust jedes Menschen wohnt und dem Künstler wie dem Leser, dem einen beim Schaffen, dem andern beim Genießen, helfen muß, damit die Bilder wieder werden, wie sie wirklich und greifbar nur die allmächtige Kunst der Natur erschaffen kann.

Ich war ermüdet auf einen Stein am Wege gesunken. Soldaten, türkische Weiber mit ihren Kindern, Griechen im übertriebensten Sonntagsputze der letzten Pariser Mode, Armenier in den langen Pelzröcken ihrer alten Nationaltracht, Menschen aller Nationen und Religionen, die an mir vorüber die Straße von Dolma-Bagdsche hinauf oder hinab stiegen, belebten das Land, das um mich war, und Schiffe, die vom Dampfe, dem Segel oder den Rudern in den Bosporus hinein oder heraus getrieben wurden, belebten das Meer, das wellend im warmen Mittagswinde zu meinen Füßen lag. Drei Fregatten und zwei prächtige Dampfjachten des Sultans ruhten an ihren Anker vor den Fenstern seines Palastes. Gegen Pera zu, nicht allzuweit von meiner Rechten, war der Wald des großen Campo’s; seine Cypressen mahnten wie düstere Ahnungen in den heiteren Frohsinn des sonst so hellen Bildes. Da klang ein anderer, auch ein bekannter Ton in meine Stimmung: der Baccio, ein Walzer, den die Artôt und der sie berühmt gemacht. Eine Musikbande spielte ihn lärmend und tactlos in einem nahen Kaffeehausgarten. Auch in dieser verstümmelten Gestalt hörte ich ihn gerne, weil er angenehme Stunden zurückbrachte. Da kam eine Nacht wieder, die mir in Dresden auf der Brühl’schen Terrasse liebe Freunde vergnügt hatten; ein Abend im Conversationshause zu Baden-Baden, den schöne Frauen, ein Nachmittag im Mathissongraben des Heidelberger Schlosses, welchen die Einsamkeit beglückt hatte. Denn glücklich, wie die heutige Gegenwart, war jene Vergangenheit gewesen, und dieselbe Melodie knüpfte verwandte Eindrücke an die früheren. So hängt zuletzt eine ganze Kette an dem einzigen Tone, und angeschlagen zittert er Glied um Glied erweckend zurück bis in die entlegenste Jugend. Oft schon, wenn ich diese Macht der Musik so erinnerungskräftig erfahren habe, frag ich, ob sie so nicht auch über das Grab hinaus wirken werde?

Wie sie hier unten aber auch quälen kann, das erfuhr ich gleich darauf, als eine türkische Musikbande in der großen Caserne links von mir über dem Palaste von Dolma-Bagdsche ihre Uebungen begann, denn das sollten diese Dissonanzen vorstellen, die dort geblasen wurden. Und so wenig Musiksinn scheint der Orientale zu haben, daß sich gleich eine Menge Volkes unter den offenen Fenstern sammelte. Damit die Katzenmusik vollstimmig werde, fing nun auch zu meiner Rechten im Kaffeegarten das Orchester wieder an diesmal die schwindsüchtige Sterbearie der Traviata zu spielen. Eines allein hätte ich vielleicht um des längeren Anblickes der schönen Gegend willen erduldet, beides zusammen war für Ohren und Nerven zu viel. So interessant es mir gewesen wäre, einen Trupp Soldaten zu beobachten, die eben nach ihrer Caserne zurück marschirten, ich flüchtete mich. Durch Seitengassen Pera’s suchte ich den Rückweg, langsam und mit vielen Verirrungen, aber doch so, daß ich ihn allein fand. Der Plan Dufour’s erwies sich mir dabei als ganz fabelhaft und nutzlos.

Den 22. Mai, Nachts.

Gleich nach dem Essen, um 9 Uhr Abends, zu einer armenischen Hochzeit. Durch ein Labyrinth von Gassen, die Hügel hinauf und hinab, führte man mich zu einer Kirche, von der man mir sagte, daß sie in der Nähe des Feuerthurmes von Galata sei. Auf dem kleinen Platze vor der Kirche war ein lärmendes Durcheinander von Dienern, Fackel- und Sesselträgern, die ihren Herrschaften den Vorrang erkämpfen wollten. Das Innere der Kirche ist häßlich, ein Viereck durch eine Kuppel gedeckt und durch drei gerade Mauern, auf der vierten Seite durch einen Halbkreis geschlossen, in dem zwischen vier plumpen Säulen der Altartisch steht. Zahlreiche Armleuchter hingen von der Decke und an den Wänden herab. Auf den Boden waren dichte Teppiche gebreitet und Stühle in Reihen neben und hinter einander gestellt. In dieser Anordnung und Beleuchtung glich das eher einem Concertsaale, und so auch sah das Publicum aus. Links die Frauen, rechts die Männer waren alle festlich, die Weiber über und über mit Edelsteinen geschmückt; dem diplomatischen Corps hatte man vorne auf beiden Seiten besondere Plätze vorbehalten. Ich sah von dort aus Alles auf’s beste.

Es war eine Doppelheirat, die eingesegnet wurde. Auf jeder Seite standen Bruder und Schwester. Die Brautleute, die Eltern und die nächsten Anverwandten füllten den Halbkreis vor uns. Die Geistlichen ordneten sie und reihten sich dann dienend um den Altar. Es waren ihrer achte, Alle in hellgrünen, reich mit Silber gestickten Talaren, die in breiten langen Falten, durch keinen Gürtel unterbrochen, vom Halse auf den Boden fielen; ein goldenes Band, eine Art Stola, hing jedem auf der rechten Schulter, und eine gefältete Krause, die beim Halsausschnitte hervorstand, rahmte die dunkeln Köpfe aufs wirkungsvollste ein. In diesem Kleide glich einer der Priester so sehr einem der schönsten Porträte Paolo Veronese’s, daß mich die Aehnlichkeit während der ganzen Feier mehr als alles übrige beschäftigte. Wie er da sorgend herumging, bald artig die Brautleute belehrte, wie sie sich bei den Ceremonien zu benehmen hätten, bald herrisch den Dienern winkte, die silbernen Teller mit den Kränzen zu bringen, war es, als sei aus dem großen Bilde: „Christus im Hause des Levi,“ welches die Akademie der schönen Künste zu Venedig bewahrt, der stolze Venetianer mit dem schwarzen Barte im grünen Wamse, der aus dem Vordergrunde seine Befehle in die hohe Säulenhalle zurückruft, herausgetreten, um das Amt, worin ihn der Künstler so glücklich abgebildet, wiederum auszuüben.

Die Ceremonien dauerten lange und blieben mir zum Theile unerklärt. Auffallend war der sonderbare Schmuck der Bräute. Zu beiden Seiten des Gesichts fielen statt der Schleier, worin man sie bei uns verhüllt hätte, lange Locken der Einen aus rauschendem Gold-, der Anderen aus Silberpapier herab, und das so lange, daß sie beinahe den Boden berührten, und so dicht, daß sie die Mädchen fortwährend aus dem Gesichte streichen mußten. Der Blassen stand dieser goldene Lockenwuchs sehr gut; sie sah verzaubert wie die Prinzessin in einem Kindermärchen aus. Die beiden Männer schienen jünger als ihre künftigen Frauen zu sein, nicht älter als 20 Jahre. Sie trugen lange schwarze Gehröcke mit aufstehenden Kragen und das Fezz auf dem Kopfe. Das ist für alle Unterthanen des Sultans, für Griechen, Armenier, auch für jene Türken, die sich fränkisch tragen, das Hofkleid statt unseres Frackes und Cylinders. Besondere Eitelkeit scheint für die Füße sorgsam zu sein. Sie sind aber auch meist klein und wohlgebildet und eines gutgemachten Schuhes würdig.

Als wichtig in dem Acte der Vermählung bezeichnete man mir das Wechseln der Kränze, denn auch dem Bräutigam wurden Myrthen und Orangen auf’s Haupt gelegt. Nachdem er sie eine Weile getragen, vertauschte sie der Oberpriester mit denen der Braut. So gekrönt blieben beide bis zum Ende der Ceremonie. Diese Kränze sollen sorgsam als Talisman des ehelichen Glückes aufgehoben werden.

Auf der linken Seite des Presbyteriums hatten sich bald nach Beginn des kirchlichen Aktes in denselben kostbaren Gewändern, wie sie die Priester trugen, Chorknaben aufgestellt, um die ganze Feier mit einem Gesange zu begleiten, der werthvoll wie die Blechmusik des Morgens war. Ein Junge aber, der darunter war, ersetzte mit seinen kunstbegeisterten Gesichtern den Augen, was die Ohren leiden mußten. Je höher der Ton stieg, desto mehr neigte er den Kopf auf die linke Schulter und desto krampfhafter schüttelte er den ganzen Körper; die Augen schloß er dabei immer fester, den Mund öffnete er immer weiter, und doch ließ er keinen Ton auf einem andern Wege als auf dem Umwege durch die Nase hinaus. Es gab ein Geheul und das mit so viel Aufwand von Pathos, daß es einem Liebhaber des Sonderbaren zuletzt als etwas Unübertreffliches bewundernswerth werden mußte.

Nachdem in der Kirche die Festlichkeit vorüber war, geleitete man uns nach dem nahen Hause der einen Familie, wo ein Ball sie fortsetzen sollte. Schon an der Hausthüre erwarteten uns die beiden neuen Ehemänner; der eine nahm meinen Arm und führte mich die Treppe in das zweite Stockwerk hinauf; die Musikanten, die im Stiegenhause versteckt aufgestellt waren, empfingen uns mit einem Marsche und die Hausleute, obwohl ich ihnen fremd und uneingeladen kam, mit den zuvorkommensten Bemühungen, mir die Gesellschaft bald bekannt zu machen. Sie war zahlreich, so daß die Räume zu klein wurden. Diese sind, sowie ich das aus den italienischen Häusern her kenne, durch die Sala, die mitten durch das Haus geht, in zwei Hälften getheilt; die zur Linken schien hier den Männern, die zur Rechten den Frauen zu gehören. Ich fand wenigstens in den Zimmern der letzteren meistens nur Frauen, die nach der Landessitte mit hinaufgezogenen Füßen auf den breiten Divanen lagen. Es waren schön geschnittene Gesichter darunter, mehr aber noch fielen sie mir durch den Ausdruck ihrer Augen auf, die sind schwarz wie die Kohle und die Blicke leuchten wie der Funke, der vor dem Verglimmen noch einmal in seiner allerhellsten Kraft auflodert, nur daß keiner dieser Blicke der letzte und daß jeder wie der erste ist. Selbst Weiber, die beinahe häßlich sind, werden durch das Feuer dieser Sprache fesselnd.

Die Gäste benahmen sich frei und ungezwungen, die Männer gegen die Frauen sogar vertraulicher als das bei uns erlaubt ist; aber alle in den Formen des schicklichsten Anstandes, weil das dem Gefühle eines jeden angeboren ist. Der größere Theil der Männer trug das Fezz auf dem Kopfe, das waren Eingeborene des Landes, die vielen Anderen, welche den Hut in der Hand hielten, Herren des diplomatischen Corps. Dem französischen Botschafter, Marquis du Moustier, wurde ich gleich beim Eintritte vorgestellt. Er ist ein großer, schöner und durch Haltung und Formen noch jugendlicher Mann und danach sind auch seine Ansprüche an das Leben bemessen. Der englische Botschafter, Sir Henry Bulwer, kam erst nach Mitternacht. Ich lernte ihn in einem kleinen Nebenzimmer kennen, wo die Stille den Raum zu einem längeren Gespräche gab.

Sir Henry Bulwer folgte dem Lord Stratford Redcliffe, der auf diesem Posten alt und berühmt geworden war. Das Amt, das für England immer eines der wichtigsten ist, war nach der Bedeutung, die es durch die Persönlichkeit des Lord Redcliffe erlangt hatte, ein noch schwerer zu besetzendes geworden; daß unter solchen Umständen Sir Henry Bulwer dafür gewählt wurde, beweist, welche Meinung die vorsichtigen Staatsmänner seiner Heimath von seinen Fähigkeiten haben. Seine äußere Erscheinung zeigt alle Sonderbarkeiten, aber auch die ganze Vornehmheit des englischen Aristokraten. Wo man ihm auch begegnen mag, nirgends wird man ihn übersehen können. Seine Gestalt ist nicht groß, hager und in der Brust so eingefallen, daß die leise, oft beinahe nur gehauchte Stimme nicht überrascht. Er trägt einen Vollbart, der sonderbar in zwei Zwickel getheilt ist. Hände und Füße sind beinahe unnatürlich klein; den einen Fuß sah ich ihn, wie das hier Sitte ist, auf den Divan heraufziehen. Das Französische, die übliche Sprache der hiesigen Salons, spricht er fließend, wenn schon mit dem englischen Accente, der die Worte dehnt. Er liebt es, seine Reden mit kleinen Witzworten und Sentenzen zu spicken, und erinnert dadurch an die Schreibweise seines Bruders, des Romandichters, die um solcher Aperçüs willen philosophisch genannt worden ist. Ein Gespräch weiß er, da sein Geist thätig und gewandt ist, leicht ohne das verlegene Angeln nach einem Gegenstande flüssig zu machen. Mit einer zuvorkommenden Frage setzt er den Fremden auf dessen Steckenpferd und weil doch jeder lieber sich als den Andern reiten sieht, in Entzücken über die Klugheit und Artigkeit dieses großen Herrn. Von mir verlangte er meine ersten Ideen über den Orient zu hören. Sichtlich erfreut durch die Antwort, weil auch ihm dieses Land gefällt, meinte er, ich werde es nächstens nicht blos mehr mit Vergnügen, sondern auch mit nutzbarer Anwendung auf die Zustände meiner Heimath sehen. Das brachte uns auf Oesterreich. Er ließ mich länger darüber sprechen, nur ab und zu einfallend, um Einzelnes noch mehr ausgeführt zu erhalten, und als ich zur ungarischen Frage sagte, daß mir jeder gemeine Hußar eine genügende Widerlegung der Germanisirungshoffnungen sei, zu bemerken: gerade rücksichtlich dieser Streitfrage werde mir hier klar werden, daß es auch andere Wege, als die der europäischen Gewohnheit gebe, die Völker zu ihrem Wohlsein zu führen.

Vergleiche ich nun seine gescheidten Bemerkungen mit den albernen Schilderungen, die unsere Zeitungen von diesem Manne brachten, so bestätigt mir das von Neuem die Erfahrung, die ich zumeist nach dem Jahre 1859 in Italien gesammelt, daß, um richtig zu urtheilen, man vor allem den Zeitungen mißtrauen und die Dinge mit eigenen Augen gesehen haben müsse, an dem so gebildeten Urtheile aber mit der Arroganz des unverschämtesten Selbstvertrauens festhalten dürfe.

Die Fürstin von Samos hatte dieses Gespräch, das wohl eine Stunde gedauert, unterbrochen. Sie wollte mir an dem offenen Fenster die Mondnacht zeigen. Die Fürstin hat mich übrigens neben Sir Henry Bulwer auf diesem Balle am meisten beschäftigt. Sie ist noch jung und muß einmal sehr schön gewesen sein. Sorgen haben den Jahren vorgegriffen. Sie ist bleich, aber das Auge noch jugendlich feurig. Mit dem ersten Eindrucke erschien sie mir nicht bedeutend. Ihr Wesen ist und gibt sich so einfach, daß ich begreife, daß man sie lange übersehen kann; wer dann aber einmal ihren ganzen Reiz empfunden, den hält sie unlösbar gefangen. Es ist mit ihr, wie mit manchen Blumen, die ihren feinen Duft nur an auserwählte Günstlinge geben. Und wie ihre äußere Art, so ist auch ihr Verstand. Manche unserer Frauen könnten ihn ungebildet schelten, denn ihr Wissen ist lückenhaft; aber eben darum ist er unbefangener und natürlicher, urtheilsfähiger und ergiebiger, und von einer Kraft, daß er die Eitelkeit, von der doch sonst alles Menschliche bemeistert wird, so sehr bezwingen konnte, daß sie, der sich hier Jeder zu empfehlen sucht, immer bestrebt ist, jede Bedeutung, auch die einer femme politique — sonst das höchste Ziel weiblichen Ehrgeizes — abzuleugnen. Sie mußte wissen, daß mir ihre einflußreiche Stellung auf dem hiesigen Platze bekannt sei, und übte doch auch gegen mich dieselbe Bescheidenheit. Was sie ist, gilt ihr nur insoferne es als Vortheil, nicht als es Glanz bringt; eine Klugheit, die bei uns zu Hause keine weitverbreitete ist.

Sie rief mich an das Fenster, weil ich ihr früher mein Gefallen an Constantinopel ausgesprochen hatte. Wir setzten uns in zwei Sessel, deren hohe Lehnen uns von dem übrigen Zimmer isolirten. „Voyez et respirez!“ sagte sie mir. Der Mond stand voll in einem wolkenlosen Himmel, und sein Spiegelbild ruhte vergrößert auf der regungslosen Fluth des goldenen Horns; das lag tief unter unseren Fenstern, kleine Terrassen und flache Dächer hinab; Stambul, wie eine hohe schwarze Mauer uns gegenüber, und links hinaus in weiter Ferne sogar noch ein silbernes Glimmern des Bosporus. Die liebenswürdige Frau neben mir, dieses Bild vor mir, die verhallende Musik des Tanzsaales hinter mir und die Luft, die ich athmete, das waren Genüsse, wie ich sie schon lange nicht mehr genossen habe. Lichter und Menschen sind mir, wie oft ich mir selbst das auch abzuleugnen versuche, im Grunde unentbehrlich; mischt sich aber wie hier und in Venedig dem Salon noch die Poesie bei, dann bin ich sein doppelt williger Gast.

Während ich stumm schaute und nur mit einzelnen Ausrufen mein Entzücken ausdrückte, schilderte mir die Fürstin beredt und lebendig die Reize ihres Heimathlandes, das sie glühend liebt. Sie nannte mir Orte dieser Stadt, die ob ihrer landschaftlichen Schönheit besonders sehenswerth seien; sie sprach von den Sommerabenden auf dem Bosporus, von den Mondscheinnächten auf dem Quai von Bujuk-dere, von den Sonnenuntergängen auf den Prinzen-Inseln und von ihrem Landhause auf Prinkipo, wo ich sie besuchen müsse. „Ja, Sie haben,“ so schloß sie ihre Rede, „Sie haben den rechten Zeitpunkt getroffen; Constantinopel und den Bosporus muß man im Sommer sehen, wenn seine Gärten blühen und seine Hügel grünen, wenn seine Fluthen eben und mit den leichten Booten seiner Bewohner gefüllt sind, die im Abendsonnenscheine von Europa nach den noch schöneren Ufern Asiens hinüber rudern. Ich halte es überhaupt für einen Irrthum, in den die Bequemlichkeit den Nordländer verführt, die Länder des Südens, Italien und den Orient, in den kalten Jahreszeiten zu besuchen; da erstirbt hier so gut als im Norden das Leben, wenn auch nicht in gleichem Grade, so doch verhältnißmäßig. Was der Fremde sieht, ist todt, soweit die Sonne des Südens das Sterben überhaupt zuläßt. Es ist ein Unrecht, das dann mit dem Frühling des Nordens zu vergleichen und zu richten, als sei es das letzte Wort, welches diese Landschaften aussprechen können. Neapel gefiel mir erst, als ich es im Sommer sah, wenn es Alle fliehen; wer den Preis haben will, darf den Schweiß nicht scheuen und muß etwas Hitze aushalten können.“

Es war 2 Uhr nach Mitternacht, als ich nach Hause kam und jetzt, da ich die Feder weglegen will, regt sich der Morgen. Sehen kann ich ihn nicht, denn die Sonne geht hinter dem Hause auf, aber Vögel und die anderen ersten Laute einer großen Stadt künden ihn. Das Fenster neben meinem Schreibtische stand die ganze Zeit über offen; glückliches Land, wo das beste Gut, die frische Luft, immer frei zu uns ein darf.

Pera, den 23. Mai.

Der Morgen verging in Vorbereitungen zur Abreise nach Brussa. Ich soll nach Asien ehe die Sommerhitze einfällt. Nachmittags setzten wir uns bei Top-Hane in’s Kaik, um durch das Goldene Horn nach Ejub, einer Vorstadt und Begräbnißstätte Stambuls, zu fahren. — Das Goldene Horn! Wie schön der Name klingt, und wenn man diese Bucht mit werthvollen Schiffen gefüllt und von volkreichen Städten umschlossen sieht, erkennt man ihn auch als berechtigt und durch die Natur der Dinge gegeben. Ueber seinen Ursprung und sein Alter finde ich nirgends eine Nachricht aufgezeichnet; über seine Bedeutung schon bei den alten Schriftstellern die mannigfaltigsten Auslegungen. Dem Einen hieß die Bucht Chrysokeras, weil sie wie ein Füllhorn des Ueberflusses sei; dem Anderen, wie dem Strabo zum Beispiel, weil sie einem Hirschgeweihe gleiche. Dem Füllhorn ist sie, mit einiger Phantasie gesehen, auch heute noch ähnlich; dem Hirschgeweihe nicht mehr, weil die kleinen Buchten, die Aeste, in die sie sich sonst getheilt haben soll und die unter den Kaisern zu den vielen kleinen Hafenanlagen gedient haben mögen, von denen in den byzantinischen Geschichtschreibern die Rede ist, ihr heute fehlen. Die verschiedenen Eroberungen und Zerstörungen der Stadt werden diese Zweige verschüttet und dem Ufer gleich gemacht haben. Ich habe übrigens zu den Vermuthungen und Auslegungen über die Entstehung und die Bedeutung des Chrysokeras meine eigenen selbst erfundenen hinzuzufügen. Seit den ältesten Fabelzeiten war an diesen Küsten der Dienst der Hekate der besonders gefeierte. Das Zeichen dieser Göttin, der Halbmond mit den Sternen, wurde das Wappenbild der Stadt, die Byzaz hier gegründet, und mit ihr das der Römer und der Türken. Liegt es nicht nahe, daß dieser Halbmond, der den Alten so gut als uns Neuen Κέρας, Horn, hieß, nicht auch der ihm so ähnlich geformten Bucht den Namen gegeben und sich wie das Wappen von diesem uralten allen gemeinsamen Ursprunge her durch die ganze Folge der Landeigenthümer bis auf den heutigen vererbt habe? Dieser Vermuthung über die Entstehung des Κέρας steht nun freilich meine sprachliche Auslegung des Wortes entgegen. Indeß da mich nichts zu einer Wahl zwingt, so mögen immerhin beide Deutungen neben einander stehen. Ich finde nämlich, daß das Wort Κέρας den Griechen nicht blos Horn oder Geweih, sondern jede Krümmung überhaupt und so auch ganz einfach den Arm eines Flusses bedeutet habe; dann hätten sie mit Κρυσοκέρας nichts sagen wollen, als der goldene Arm des flußähnlichen Bosporus. Und so ist dieses Stück See und seine Bucht wirklich gestaltet. Wer zu seinen Füßen sich das schwarze Meer denkt und den rechten Arm ausstreckt, der stellt mit seinem Körper ungefähr den Bosporus und das goldene Horn vor. Denn keine der andern Buchten des Bosporus tritt im Vergleiche zu der des goldenen Horns merklich tief aus der Hauptrichtung des Bettes in die Ufer hinein, und das goldene Horn ist im Verhältniß zum Bosporus ziemlich gleich schmal und lang, wie der Arm zum Körper. Auf eine Länge von 4000 Klafter oder 2 Stunden kömmt eine Breite von nur 500 Klafter oder ¼ Stunde, die an einzelnen Stellen noch mehr zusammenschrumpft. Das bildet eine sonderbare Gestaltung, die auch auf der Landkarte gleich als solche auffällt. Ich weiß ihr in allen fünf Welttheilen kein Gegenstück zu finden. Aber nicht blos um seiner Sonderbarkeit, auch um seiner Schönheit und Bequemlichkeit willen ist dieser Golf ohne seines Gleichen in der Welt. Größer und zugleich sicherer ist kein anderer Hafen. Die tiefstgehenden Kriegsschiffe können an den Häusermauern ihre Anker werfen, und der Strom, der aus dem schwarzen Meere kömmt, fegt ihn, indem er seine Ufer im Bogen umkreist, rein von all’ dem unvermeidlichen Unrathe einer großen Stadt. Nie war eine Säuberung, eine Ausbaggerung nothwendig; die Natur und die Menschen helfen zusammen, das Horn zu einem wahrhaft goldenen zu machen.

Die zwei Schiffbrücken, die heute darüber liegen, haben es in drei Häfen abgetheilt. Der erste, eigentlich die Mündung des goldenen Hornes in den Bosporus, ist beinahe ausschließlich mit Dampfbooten gefüllt; der zweite, zwischen den beiden Brücken, gehört den Segelschiffen des Handels, die an beiden Ufern in Reihen vor einander ankern, und der dritte, bis nach Ejub und den süßen Wässern, ist der kaiserlichen Kriegsmarine vorbehalten. Nach dem Gedränge in den beiden andern erscheint er stille und leer, denn größere Schiffe liegen nur vor dem Arsenale auf der Seite von Pera. In jedem besorgen besondere Dampfer den Verkehr die Ufer entlang und von einem zum andern hinüber. Nur dem zweiten und dritten Hafen dienen einzelne Dampfer gemeinschaftlich; die legen dann unter der zweiten Hafenbrücke den Rauchfang um. Das Abstoßen, Landen und das Fahren selbst geht weit schneller und behender, als das auf unseren Flüssen und Landseen gewagt wird. Und doch wird dabei so große Vorsicht beobachtet, daß ich Dampfschiffe den kleinen Kaiks ausweichen, plötzlich stille stehen, den Lauf verdoppeln sah, um sie vorüber zu lassen oder zu überholen. Es war, als habe das dampfende Ungethüm nur einer gelenkigen Hand und nicht einer umständlichen Maschine zu folgen. Der Verkehr ist ein ungeheurer und stellt den Volksreichthum dieser großen Stadt recht eindringlich vor die Augen. An den Durchlaß-Oeffnungen der Brücken drängt er sich am auffälligsten zusammen. Jede Brücke hat deren zwei, die eine näher dem Ufer Stambuls für die Fahrt in das goldene Horn, die andere näher dem Ufer Pera’s für die Fahrt aus demselben.

Die Sonne war warm, die Wasserfläche glänzend wie Silber und mein Sinn heiter wie der blaue Himmel. Im leichten Kahn zwischen zwei lachenden Ufern auf glattem Wasser dahin zu fliegen, wahrlich es ist ein Bild der Sorgenlosigkeit und gibt sie zuletzt selbst dem Gemüthe. Ich ließ mir wieder die Namen der größeren Moscheen nennen. Es sind die ihrer Erbauer, wie bei unseren Kirchen gewöhnlich die ihrer Schutzpatrone; das waren die Sultane von den großen, die wie Hügel auf den sieben Hügeln Stambuls sich erheben. So haben Mohammed der Eroberer, Bajasid II., Selim I., Soleiman der Große und Achmed I. sich die Unsterblichkeit auch durch die Steine festzuhalten gesucht. Diese größern, die von Kuppeln gedeckt, von Minareten bewacht und von wohlthätigen Anstalten umrungen sind, nennen die Türken Djami, d. i. Versammlungsort; die kleinen, die häufig sogar von Holz, aber nie ohne wenigstens ein Minaret sind, Medjid, Bethaus. Aus dem letzteren mag sich der Europäer das sonst ganz unerklärliche und dem Türken unverständliche Wort Moschee gebildet haben. Indeß was liegt an dem Laute, wenn er nur den Gedanken verdolmetscht.

Auf dem Ufer von Stambul, hart am Saume des Wassers, erregte ein Haus mein Erstaunen, das, aus Holz gebaut, mit Latten verschlagen, vier Fenster breit, sich vor den andern ohnedem nicht überaus lothrechten, durch eine solche Neigung nach links auszeichnet, daß seine Querlinien beinahe in die ursprünglich senkrechten gerückt sind. Nicht eine Stunde würde unsere Bauordnung diese Uebertretung ihrer Vorschriften ungestraft und das Haus bewohnt lassen. Hier leben und, wie die Vorhänge verriethen, ganz wohlhabende Leute darinnen, und leben, was das allerärgste ist, seit 25 Jahren unbehelligt und vielleicht sicherer als in einem bauordnungsmäßig construirten Hause. Es erfüllt seinen Zweck und erscheint darum dem Eigenthümer und der Polizei vorwurfsfrei. Bei uns verliert man den gerne in der Sorge um das Nebensächliche, und insbesondere sind es unsere Gesetze, die, um den Beamten Futter zu geben, ganz ähnlich der Martha des Evangeliums, sich viele Sorge und Mühe um das Ueberflüssige machen, und darüber das Eine, was uns Noth that, vergessen. Im Staatswesen könnte eben auch die heil. Schrift öfter zu Rathe gezogen werden, als das der Unglaube unserer Zeit erlaubt.

Der Landungsplatz von Ejub war menschenleer, und leer und stille war die eigenthümliche Straße, die sich vor uns aufthat. Der Boden ist mit saubern Steinen gepflastert, und zu beiden Seiten stehen hohe Mauern aus weißem Marmor, die durch Halbsäulen und Rundbogen architektonisch gegliedert, und an den Enden, und ab und zu in der Fronte durch vorspringende Mausoleen unterbrochen sind. In die Rundbogen, die alle offen sind, und in die Fenster der Mausoleen sind vergoldete Gitter eingesetzt; dahinter liegt dichtes, beinahe undurchdringlich verwachsenes Rosengebüsch und darüber das Gewölbe uralter Platanen, Ahorne und Maulbeerbäume. Das ist eine Stadt der Todten, aber ohne jeden Schrecken des Todes, ein Zaubergarten des Schlafes, der in Ruhe und Vergessenheit die Müden beherbergt, bis die Posaunen der Auferstehung sie zu einem neuen aber besseren und endlosen Leben erwecken. In den Grabkapellen, die im Türkischen Türbe heißen, sah ich hohe Sarggerüste aufgebahrt, kostbare Shawls darüber gehängt, den Boden mit persischen Teppichen belegt und zu Häupten des Gerüstes einen Turban so um einen Pflock geschlungen, wie ihn der Begrabene zu Lebzeiten getragen. Der Leichnam ist in die Erde versenkt, darüber aus Stein oder Ziegelplatten eine Art Sargdeckel gemauert und erst darauf das hohe Holzgerüste gestellt. Um und neben ihm liegen unter kleineren Sarkophagen seine Frau und Kinder. Aber nur die Mächtigsten und Reichsten können sich solche Türbes bauen; die Anderen, und auch unter diesen sind hier Viele, die in der Geschichte dieses Volkes genannt werden, liegen im Freien unter Marmorplatten und Rosensträuchern, manche auch noch durch vergoldete Gitter von ihren Nachbarn getrennt; dann haben sich die Rosen und Blumen daran noch höher geschlungen und die Todten darunter noch tiefer begraben. Wie wenn ich selbst schon in eine andere Welt entrückt wäre, so abgekehrt von allem Gewöhnlichen wurden meine Gedanken, als ich durch diese sonderbare, stille, geheimnißvolle Gasse schritt. Der Duft der Blüthen hatte mich betäubt und ihr blasser Farbenschmelz mich entzückt. Schöner und duftiger als hier habe ich die Rosen nirgends gefunden; der Name Rosenthal, der so oft mißbraucht wird, sollte dem Thale von Ejub ausschließlich gehören.

Wir stiegen nun den Berg und dann von rückwärts seine Höhe hinauf. Dort sind dem Laubholze auch Cypressen beigemischt. Wildes Schlinggewächse hat sie unterschiedlos Ast an Ast, Baum an Baum gebunden, und Gräber schlafen auch da unter ihren Schatten. Der Nachmittag war uns heiß geworden, und der Weg steil und beschwerlich. Aber jedes Unbehagen schwand, als das spähende Auge den ersten Ausblick zwischen den Cypressenstämmen über die Gräber hin auf die große Ferne fand. Wie vom Blitze getroffen stand ich da, denn großartiger und freundlicher zugleich hatte ich die Welt nirgends gesehen. Vor mir lag das goldene Horn in seiner ganzen Länge bis zum Bosporus mit Schiffen, mit dem reichen Verkehre dieser Weltstadt bedeckt; auf seinen beiden Seiten die Höhenzüge von Stambul und Pera weit wie zu einer Umarmung hinausgestreckt, und Farben auf Land und Meer so lebensvoll, wie das Roth auf den Wangen rosiger Jugend. Es war das glänzendste, das prächtigste Bild des Lebens voll Luft und Rührigkeit, und um mich, damit ich es ungestört betrachte, die Lautlosigkeit der Gräber. Es ist ein friedebringendes Gefühl, überall Leben zu sehen und keines mehr zu hören; das läßt uns dieser Welt und löst uns doch los von dem Gewichte ihrer Ketten. Wir stehen in aber über ihr, und Zufriedenheit zieht in die Seele ein, wie sie sie sonst nur von dem versprochenen Jenseits hofft. Ob so nicht auch von dort herab der Blick auf unsere Erde fällt? Das wäre ein Mitleben der theuern Abgeschiedenen, ohne ein Mitleiden zu sein.

Ich warf mich um zu ruhen auf den grünen Boden nieder. Im Thale unter mir, zurückgezogen in eine Einbuchtung der Hügel, stand die Moschee von Ejub. Nur ihre Kuppel und ihre Minarete langten aus den Baumwipfeln nach dem Lichte und dem Lärmen des Tages hervor. Sie verstecken das Grab eines Heiligen. Denn Ejub, der bei der dritten Belagerung Constantinopels durch die Araber die Fahne des Propheten vertheidigend fiel, soll dort eingescharrt worden sein. Als dann bei der zehnten und letzten Belagerung der Stadt durch die Mohammedaner der Muth der Angreifer eben nachlassen wollte, stärkte sie die rechtzeitige Wiederauffindung seiner Gebeine, und die Erinnerung an den Helden half mit die Stadt erobern. Dem Wunder und dem Helfer zum Gedächtnisse baute Mohammed II. die Moschee dahin. In ihr beginnt jeder Sultan mit der Umgürtung des Schwertes seine Regierung; denn nicht der Schein der Macht, Krone und Scepter, das Schwert, das wirklich trifft und tödtet, ist das Herrscherzeichen der heutigen Kaiser des Ostens. Ringsherum ist Berg und Thal dem Osmanen geweihter Grund, darin zu ruhen der sehnsüchtige Wunsch seines Lebens. Wer die Mittel zusammenbringt, baut sich selbst in Ejub sein Grab. Besonders sind es viele Gelehrte, Gesetzgeber, Männer von der Feder, die das erreicht haben. Von Kriegsleuten, die auch Europa kennt und gefürchtet hat, liegen Sokolli Mohammed Pascha, der Eroberer von Szigeth, und Kara Mustapha, der Eroberer von Cypern, hier. Uebrigens setzen auch in Ejub die Mohammedaner nur eine Tradition fort, die lange vor ihnen begonnen hatte. Immer war sein Boden ein heiliger; unter den Christen dem heiligen Mamas, der Kirche, Kloster, Palast und Rennspiele darauf hatte, und unter den Heiden dem Vater Zeus. Und immer wird er es bleiben, weil das Thal eine jener gottgezeichneten Gegenden ist, die sich der Schöpfer selbst zu seiner Wohnstätte geschaffen zu haben scheint.

Zurück gingen wir durch den Ort; lauter niedere Holzhäuser, nicht anders als unsere schlechtesten Dorfhütten; sie sind unten offen, rührige Menschen bei ausdauernder Arbeit darin. Kein träges Zusammenlegen der Hände und neugieriges Aufschauen der Augen, um die Fremden anzustaunen. Wirklich, so hörte ich später, zeichnet sich diese Vorstadt durch besonders fleißige Bürger aus. Auch um ihrer Hunde willen könnte sie berühmt sein; es gibt dieser Wildlinge dort noch mehr, als in andern Theilen Constantinopels.