III. Brussa und der Olymp.

Reise nach Brussa.

Pera, den 24. Mai, 6 Uhr Morgens.

Ich stehe früh auf, das Erwachen des Tages zu sehen und die letzten Vorbereitungen zur Abreise zu vollenden. Nebel deckten grau und trübe die Aussicht, als sie sich aber verzogen, erschien der Morgen hell und glänzend, wie ihn der gestrige Abend versprochen. Es thut wohl so sichere Erwartung hegen, dem Himmel vertrauen zu dürfen, daß der nächste Tag sonnig und heiter wie der vorige sein werde. Bei uns verzehrt sich das halbe Leben in Zweifeln und Fragen nach dem Wetter und, da die andere Hälfte von der Sorge für unsere Bedürfnisse gefressen wird, bleiben zum Lebensgenusse nur die sparsamen Augenblicke zufälligen Sonnenscheines übrig. Hier, wo das anders, wo unsere Ausnahme die Regel ist, wo die Sonne nur dann nicht scheint, wenn sie untergegangen, hat das Leben schon darum mehr Raum zu seiner Ausbreitung.

Mudania, Nachmittags 2 Uhr.

Vor 7 Uhr ritten wir durch die große Galata-Gasse zu der ersten Hafenbrücke hinab. Dort lag der Dampfer für Brussa. Ueber die Verdecke einiger anderer Schiffe, die zwischen ihm und der Brückentreppe ankerten, stiegen wir auf das des unserigen. Der Kawaß und die Diener, die mit uns reisen, schnallten inzwischen den Pferden unsere Sättel und Gepäckstaschen ab und schleppten sie uns nach durch die zudrängende und schreiende Menge. Ein zweiter Dampfer, der ebenfalls nach Bithinien will, fuhr eben ab. Trotzdem fanden wir auf dem unserigen das Verdeck und die Kajüten so mit Passagieren überfüllt, daß wir verlegen waren, Platz für uns selbst und für unser Gepäck zu finden. Das Schiff ist nicht groß und durch zwei Rauchfänge noch mehr beengt. Zwischen diesen liegt die Maschine und darüber von einem Radkasten zum andern eine Brücke, um den Raum für die Reisenden zu vermehren. Auf dieses zweite Stockwerk wies uns ein Cameriere des Schiffes, dem der freigebige Ausdruck unserer Mienen wohl die Hoffnung auf ein Paar leicht zu verdienende Piaster gab. Um diesen Preis verschaffte uns sein Mitleiden sogar einige Strohschemel, denn nicht höher sind die Stühle, welche hier jeder, dem Kissen oder bloße Teppiche zu nieder sind, benützt; da ihnen auch jede Lehne fehlt, verliert das Sitzen darauf gar bald den Charakter einer Erholung. So lange wir noch im Hafen lagen, war unser erhabener Posten ganz angenehm, denn die Sonne brannte trotz der noch frühen Stunde so warm, daß der Luftzug wohl that; draußen aber auf dem freien Meere wurde seiner Kühle dort oben zu viel. Ich mußte die Uebersiedlung auf das untere Verdeck beantragen. Die See war silberblau und der Himmel, der sie doch erst an der Grenze des Horizonts umarmte, ihr so ähnlich, daß die unzähligen Schiffe mit ihren geschwellten Segeln in der Luft zu schweben schienen. Die Prinzen-Inseln stiegen links vor den nikomedischen Bergen in rothen Farben mehr und mehr aus der Fluth in Formen, die die Hand eines erfahrenen Künstlers eigens für dieses Bild gezogen zu haben scheint. Alles strahlte von morgendlicher Frische und sonniger Heiterkeit, wie das Leben selbst so lange es jung ist und nur Hoffnungen verspricht. Wir steuerten von den Küsten weg mehr ins freie Meer hinaus; der Golf von Ismid, wo das alte Nikomedien stand, blieb weit neben und dann hinter uns. Gegen Mittag erst that sich vor uns der Golf von Mudania auf, zur Rechten die malerischen scharfgeschnittenen Felsen der Insel Kalolimni, zur Linken die arganthonischen Berge aus dem Busen des Golfes in sanften Biegungen zum Vorgebirge von Bos-burun abfallend und doch hinter sich schroff und mächtig den Olymp und andere Riesen aufthürmend. Die Insel rechts lag in rosigen Düften wie in ein Wunderreich entrückt, während links die Küste des Festlandes immer näher kam und unterscheidbarer wurde. Dunkles Grün deckt die Hänge, nur unten hat das Wasser den rothen Stein und das rothe Erdreich nackt gewaschen. Das ist eine grelle aber glückliche Nebeneinanderstellung der Farben.

Kalolimni war die Insel Besbikus und Bos-burun das Cap Posidium der Alten. Jason hat dort gelandet und sein schöner Gefährte Hylas sich in jenen Bergen und in den Armen reizender Nymphen verloren. Heute noch hat man ihn nicht wiedergefunden, obwohl ihn jährlich viele Jahrhunderte lang ein alter Cultus mit bedeutungsvollen Spielen suchte. Dem Gebirge lasse ich den früheren Namen: Arganthonius, weil der türkische, den meine Karte Samanly Dag angibt, weniger gekannt und mir gar nicht im Gedächtnisse haften will. Der ganze Golf war der Sinus Cianus; Gemleck, wohin der Dampfer weiter steuert, das Cius, welches ein Anderer der Argonauten auf der Rückkehr gegründet und nach sich benannt hat, und welches dann später derselbe König von Bithinien, der den Hannibal bei sich aufnahm, auf seinen Namen Prusias umtaufte. Mudania, oder doch Ruinen nahe bei, waren das Myrlea, welches dieser Prusias nach seiner Gattin, Apamea, nannte. Heute bilden nur wenige elende Hütten den Ort, und doch soll er, seit der Handel hier aus- und einzuladen beginnt, schon volkreicher und wohlhabender geworden sein. Er liegt auf der rechtseitigen Küste ziemlich halb Wegs der ganzen Tiefe des Golfes. Bis zu dem Endpunkte der Bucht, nach Gemleck, braucht der Dampfer noch zwei weitere Stunden.

Es scheint gewöhnlich, schon hier für Brussa und andere Gegenden des Innern Asiens den Landweg zu nehmen, denn die meisten Passagiere rüsteten sich mit uns das Boot zu verlassen. Die Teppiche, die Decken und Kissen, auf denen sie geruht hatten, wurden zusammengerollt und gebunden, und die gewaltigen Bündel an dem Borde des Verdecks zu Hügeln übereinandergehäuft. Ein Türke, der mich schon während der Fahrt vor den Anderen beschäftigt hatte, fesselte auch bei diesem Aufbruche meine besondere Aufmerksamkeit. Regungslos hatte er auf einer rosenfarbenen Kattundecke mit untergeschlagenen Beinen gesessen, sein Diener ihm in derselben Position gegenüber und beide hatten Auge und Theilnahme nur für das Meer gehabt. Jetzt erst sprachen sie die ersten Worte, der Herr zum Diener offenbar Befehle, denn dieser reichte ihm darauf verschiedene Kleidungsstücke, sieben Kaftane, die der Herr alle anzog, einen über den anderen; es waren kostbare seidene und schön gestickte, aber auch abscheulich großgeblümte aus englischem Kattun darunter. Ueber alle nahm er zuletzt noch einen Pelz, und das bei einer Temperatur, die wir bei uns auch im Juli eine ungewöhnlich heiße nennen würden. Der Rest seines Gepäcks war nur klein; die Sorge dafür überließ er seinem Diener bis auf einen ganz europäisch gestickten und construirten Nachtsack, den er fest in seiner eigenen Hand behielt. Auf dem Kopfe hatte er einen blendend weißen Turban. Es war eine prächtige Gestalt, hoch und würdevoll, aber ohne jede Beimischung jenes übermüthigen Stolzes, dessen roher Ausdruck schon durch den bloßen Anblick beleidigt, weil Milde und Wohlwollen aus seinen blauen Augen und von seinen rothen Lippen lächelten. Ein kurz geschnittener blonder Bart umfaßte das Gesicht, das frisch und jugendlich war, wie es der ganze Mann zu sein schien; mehr als dreißig Jahre konnte er nicht zählen. Gutmüthig duldete er meine unbescheidene Beobachtung, die ihm nicht entging. Man sagte mir, das sei ein vornehmer, ein größerer Gutsherr aus dem Innern von Asien. Das war die Gestalt, die Kleidung, wie sich unsere Phantasie den Türken vorstellt; nichts Europäisches, keine Entstellung an ihm. Nur so hellblond und blauäugig, wie ich schon so viele gesehen, hatte ich die Türken nicht geglaubt, und gerade diese sind die schönsten.

Was uns beim Landen empfing, und was uns nun hier umgibt, ist — da doch Stambul die Ueberraschung vorbereitet hat — so plötzlich eine andere, als die gewohnte Welt geworden, daß man an zauberhafte Versetzung glauben könnte. Asien ist es mit allen seinen Eigenthümlichkeiten so vollständig, daß, wenn wir auch noch uns selbst vergessen könnten, jede Mahnung an den Erdtheil, den wir dort drüben jenseits dieses Meeres gelassen haben, vergessen und verloren wäre. Auf der Landungsbrücke kämpfte ein Gedränge zerlumpter Gestalten um den vordersten Platz zunächst dem Dampfer. Noch ehe die Maschine stand und er fest angelegt hatte, sprangen sie wie Tigerkatzen auf den Radkasten, auf das Verdeck herab; diejenigen, die es nicht erreichten, klammerten sich an die Brüstung und krochen daran hinauf. Junge aber auch ebenso alte Leute waren darunter, Jeder wagte sein Leben und das für wenige Paras, die er für das Tragen der Teppichbündel begehren darf. Zweimal in der Woche nur, wenn das Boot von Constantinopel kömmt, bietet sich ihm die Hoffnung auf diesen kargen Verdienst, der doch die acht Tage zumeist erhalten muß, darum der Hunger und der Wettstreit ihn zu erwerben. Ich war auf die Teppichbündel gestiegen und beobachtete von dort die Scene bis der Uebergang auf der Brücke freier und weniger lebensgefährlich geworden war. Wir mußten zunächst in ein Zollhaus. Die Zöllner saßen im alttürkischen Kleide mit unterschlagenen Beinen auf einer Gattung Tribüne, das türkische Schreibzeug auf niederen Pulten vor sich. Schnell und ebenso artig wurden wir von ihnen abgefertigt.

Bis die Pferde zur Weiterreise bereitet sind, sollen wir in diesem Gasthofe ruhen, der neu gebaut und für europäische Reisende eingerichtet, in seinen drei Fremdenzimmern zwar nur geweißelte Wände, aber doch Bettstellen bietet. In der Wirthsstube spielt ein türkisches Orchester auf der Tarabuca, einem tamburinartigen Instrumente, auf einigen kleinen Pfeifen und schwach besaiteten Violinen Melodien, die mich durch ihre Ruhelosigkeit, durch das Hinüberziehen des einen Tones in den andern gar sehr an den ungarischen Csardas erinnern. Die Musik ist betäubend. Mir, dem das Plötzliche aller dieser neuen Eindrücke schon den Schwindel gegeben, droht sie die Sinne völlig zu verwirren. Ich flüchte auf die Terrasse, die vor dem Hause in das Meer hinaus gebaut ist; hier finde ich Einsamkeit und athme mit der salzig gewürzten Luft auch die Ruhe, die auf dem Meere den warmen Mittagsschlummer schläft. So fest ist der, daß selbst die Brandung, die doch sonst immer unbekümmert um Windesstille ihre eigenmächtige Sprache fortlispelt, in regungsloses Schweigen versunken, und die Fluth zu meinen Füßen geglättet wie draußen auf der hohen See ist. Dort liegen einige Fischerboote; mit ihren Steuerleuten rasten auch ihre Segel, die schlaff und halb gesenkt an den Masten hängen, von der gethanen Arbeit. So ist Ruhe und Erholung überall, in den Menschen und in den Dingen, lebendig und bewegt nur noch das Licht. Grüne und blaue Farben gleiten wechselnd über das Wasser, und silberne Streifen wellen leuchtend dazwischen. Mir gegenüber, auf der andern Seite des Golfes, glühen die runden Berge in rothen Lichtern, indessen tiefer drinnen, wo die Ufer sich treffen, und man das Land nur noch sieht, weil es bis in die Höhen des ewigen Schnees emporsteigt, versöhnliche Schatten um die schrofferen Formen gehüllt sind, damit sie passender in den heiteren Ton des ganzen Bildes stimmen. Dort ragt höher als alle anderen, wie er auch alle durch Schönheit übertrifft, der Katerlü Dag empor.

Der Schlaf einer ganzen Nacht hätte mir nicht mehr Erquickung und Sammlung geben können als das ungestörte Schauen dieser einen Stunde. Wie eine Wechselwirkung spannt sich der Verkehr zwischen uns und der Natur aus. Ich fühle den Frieden, der in ihr ruht, und sie scheint — so wenigstens meinem Auge, das alles glaubt, was in seinen Vorstellungen gegenwärtig ist — von Gedanken erregt, wie sie aufwühlend mein Inneres durchziehen. Wer das so erfahren, wird den Orientalen nicht mehr tadeln, wenn er ihn tagelang in stummem Sehen vor solchen Bildern sitzend findet. Müßig mag man dabei seine Hände und Füße schelten, aber nicht seinen Geist; der kann solcher Schönheit gegenüber nicht anders als nach ihrem Schöpfer fragen und ihm danken, daß er sie geschaffen und daß er ihn sie schauen läßt. Derselbe Gedanke wird zugleich Erkenntniß, Anbetung und Opfer, und dieselbe Betrachtung: Offenbarung und Glauben werden. So ist der Orient eben dadurch, daß er die Heimath aller Schönheit, der in der Natur wie in der Kunst gebornen, ist, auch die Geburtsstätte aller edelsten Religionen geworden. An den Ufern des Ganges, wie an denen des Nils und an dem großen griechischen Weltmeere, wie an dem kleinen galiläischen See Tiberias hat die hellere Sonne selbst dem Menschen geholfen, sich den Gott und den Glauben zu finden, der den Völkern und den Jahrtausenden erst ihre Richtung und ihre Würde gab. Solche Entdeckung wieder zu verlieren und zu läugnen, das war nur dem Norden möglich, wo sich Nebel zwischen die Augen und die Gotteswerke legen und Kälte die Gedanken einer warmen Empfindung in jammervolle Hungergestalten erstarrt. Der Atheismus ist keine Pflanze des Südens, sein Boden treibt schönere und nahrhaftere Früchte.

Brussa, Hôtel d’Olympe, 24. Mai Mitternacht.

Um 2 Uhr stiegen wir in Mudania auf die Pferde; es waren ihrer achte. Die beiden Kawassen voraus und die Packpferde hinten nach zogen wir aus, Einer hinter dem Andern, im sonderbarsten Aufputze, wie ihn sich Jeder als Schutzmittel gegen den Sonnenstich zusammengestellt hatte. Der Jaschmack, ein weißer Schleier, der in dichten Falten um den Kopf des Hutes gewunden wird und dessen Zipfel über den Nacken bis auf den Rücken hängen, fehlte keiner Toilette. Ich verstärkte diese Abwehr noch durch einen weißen Sonnenschirm.

Eine Weile geht der Weg über den Strand des Meeres. Eine leichte Brise hatte sich erhoben und trieb die Wellen bis unter die Füße unserer Pferde. Wo sie aufschlugen und zerrannen, da brachen die zurückbleibenden Tropfen in alle Farben des Regenbogens auseinander. Wie ich das und unseren Zug sah, fiel mir ein Gemälde und der Wunsch ein, der mir davor gekommen war; Peter Heß hat es gemalt und König Ludwig es in der neuen Pinakothek zu München ausgestellt: „Griechische Landleute ziehen auf dem Strande des Meeres dahin.“ Das ist so, wie heute unser Ritt war; das Meer so blau, der Strand so bunt und die Luft so klar, wie das Wasser neben, der Boden unter und der Himmel über uns. Und wie ich mir damals gewünscht hatte, heiß, und jedesmal wenn ich das Bild wieder sah begehrlicher, daß ich das auch einmal erlebe, so war es mir nun geworden. Es ist das nicht das erste Mal, daß mir scheinbar Unmögliches, das ich übermüthig begehrt hatte, gewährt worden ist; dem Wunsche, wenn er nur fest und unablässig bleibt, wird selten die Erfüllung fehlen. Eine eigenthümliche Kraft, etwas wie ein elektrisches Fluidum ist in ihm wirksam, das instinktiv unsere ganze Thätigkeit nach dem einen Ziele richtet. Wird dieses dann so wie heute erreicht, dann scheint es mir die Pflicht eines schuldigen Dankes, der glücklichen Stunde und der Veranlassung zu gedenken, die zuerst die Sehnsucht und das Verlangen geboren hat.

Vom Ufer weg biegt der Weg rechts in Felder und in Thäler hinein und steigt dann die Berge hinauf. Oliven- und Feigenbäume, Reb- und andere Schlingpflanzen des Südens wachsen im üppigsten Reichthum, die Blätter goldig grün und noch frisch von der ersten Kraft ihrer Jugend. Eine Aloestaude stand hart neben der Straße, saftiger Epheu hat sich um sie geschlungen, aber vorsichtiger als die Liebe, die sich hingebend um das fremde Herz legt und für ihre Umarmung nur Stiche erntet, so gewandt, daß keines der großen Blätter durch die Stacheln verletzt war. Das waren mir lauter neue Bilder, nie hatte ich die Landschaft so gesehen; jedes überraschte mich, und doch war mir auch, als erkenne ich da etwas wieder. Aber wo hatte unsere Bekanntschaft begonnen? Umsonst tastete ich in der Erinnerung herum, in ihrem Zwielichte wollte sich keine Spur finden lassen. Da kam uns eine Gestalt entgegen, die von oben bis unten in ein großes weißes Tuch gegen die Sonnenstrahlen vermummt war. Die war wie eine Erscheinung aus der Bibel. Nun hatte ich es; so wie dieses Land hatte meine Kinderphantasie schon die Erzählungen des neuen Testamentes illustrirt gesehen. So willkürlich verzweigt und in den Weg gebogen hatte ich mir den Feigenbaum vorgestellt, so dichtbuschig und melancholisch den Oelbaum, so wild und weitrankig die wilde Rebe, so hoch und knorrig den Cactus, so stachlig und emporgeschossen die Aloe, so gewellt die Hügel, so schollig den Boden, so wie diese Straße den Weg von Nazareth über Sichem gegen Jerusalem. Der Drang meiner Gefährten wurde mir zu ungeduldig, jeder Schritt meines Pferdes zu schnell, überall wollte ich halten, weil mir jeder Busch, jeder Baum, hier der Einblick in ein Thal, dort der Ausblick von einem Berge hundert neue Erinnerungen der schönsten Zeit, der unbewußt glücklichen Kindheit weckte. So greift die ferne Vergangenheit über breite Zwischenräume weg in die Gegenwart herein, und wirkt belebend und wird zugleich belebt. Da erfährt man, wie werthvoll solch’ ein thatenreicher Boden ist, und wie von den Ländern dasselbe was von den Menschen gilt: interessant und ergiebig sind nur jene, die schwer an Erinnerungen tragen. Ich weiß nicht, ob alle Kinderphantasien sich Asien so vorstellen wie es die meinige gethan; wenn es wäre, dann würde es meine Behauptung bestätigen, daß die freie Einfalt des Kindes das Wahre meistens errathe.

Zweimal blickt das Auge zurück auf den Golf. Jedesmal, je höher wir gestiegen waren, ist das Bild größer und schöner. Dann fällt der Weg über zwei Berge in’s Thal von Brussa. Um halb 5 Uhr passirten wir den Nilufer, einen schmalen aber tiefen Fluß, der gegen Westen strömt. Sein sonderbarer Name, der so viel als Lotosblume bedeutet, ist ihm gewiß von jener griechischen Prinzessin geblieben, die Osman, der Gründer des heutigen Sultansgeschlechtes, von ihrem griechischen Hochzeitfeste weg seinem erst vierzehnjährigen Sohne Orchan raubte. Von der Blume selbst, die in ihm wachsen soll, fand ich keine, aber große gelbe Lilien, die aus dem Schilfe aufragen. Das Wasser war schmutzig von lehmiger Erde, welche die Strömung mitgerissen hatte.

Auf dem anderen Ufer rasteten wir; es war unseren Pferden nothwendig wie uns selbst. Die Hütte eines Wachtcorps war der Stationsplatz. Vier Pflöcke, ein Dach darauf und eine Wand gegen die Wetterseite genügen der Anspruchslosigkeit dieser Leute und der Milde des Klima’s, um sie gegen seine Unbilden zu schützen. Mehr als mit Bequemlichkeiten waren sie mit Waffen versehen. Die vier Soldaten hatten ein ganzes Bataillon von Pistolen und Säbeln in ihren Gürteln stecken. Uns zeigten sie nur die freundlichen Seiten ihres Amtes und ihres Charakters; Strohschemel, Kaffeeschalen, Nargilehs und Kirschen brachten sie uns so viel sie hatten. Nur Zucker und Brod fehlten ihrem Haushalte und unserem Mahle. Dafür war das Wasser um so köstlicher und der Hunger, welchen wir den ganzen Tag über gesammelt hatten, um so begieriger. Genährt und gestärkt stiegen wir wieder auf die Pferde zu dem Ritte, der immer noch zwei Stunden dauerte.

Die Landschaft wechselt das Aussehen. Oben auf den Bergen hatte ich beinahe nur Arbutus, den Erdbeerstrauch, gefunden und den nur an einzelnen Stellen zur Höhe von Bäumen aufgeschossen, aber überall so dicht, daß seitab vom Wege nicht durchzudringen war. Unten im Thale stehen Pappeln, Platanen, zahme Kastanien, Terebinthen und Ahorn in feste Gruppen gesammelt und einzeln über die Wiesen zerstreut. Wo das Gras fehlt, da decken beinahe noch grüner und saftiger die Maulbeerbaumfelder den Boden. Diese Felder sind auf’s sorgsamste gepflegt, die Stöcke gleichmäßig weit von einander gepflanzt, dazwischen alle Unkräuter ausgejätet, damit den Bäumchen nichts von der Kraft des Bodens absorbirt werde. Da man sie sehr nieder und alle gleich hoch hält, fließen ihre Säfte in die Blätter, und sehen die Felder von oben und aus der Entfernung betrachtet wie gesunde, von der Sonne beglänzte Wiesenmatten aus. Wo ein Bauernhaus stand, da saß auch der Friede mit einigen Storchennestern auf dem Dache; ich zählte auf einem einzigen nicht weniger als eilf Nester mit siebzehn Störchen. Keiner kümmerte sich um uns, und so auch jene nicht, die auf den Wiesen und Feldern herumstolzirten. Sie müssen sich bei dem hiesigen Volke heilig wie die Katzen bei den alten Egyptiern wissen. Es kann dort solcher Vierbeiner kaum mehr als hier dieser Einbeiner gegeben haben.

Zwei Karavanen überholten wir, jede wohl von 50–70 Kameelen. Mit leichten Ketten und starken Stricken ist eines an das andere gebunden, ab und zu ein Esel dazwischen, weil sie ihm williger folgen. Ein paar Führer leiten und bewachen den langen schwer beladenen Zug. Gravitätisch und mit großen Schritten, die an den Gang der Störche erinnern, und im gleichgemessenen Heben und Senken des Rückens ziehen diese sonderbaren Thiere ihre Straße dahin, gleichgiltig für jedes Rechts und Links, nur immer geradeaus blickend. Dabei ist ihr Auge nicht todt, nicht glanzlos, es ist mehr, als sei ihnen Alles, was sie umgibt, verächtlich, als wüßten sie das einzig Berücksichtigungswürdige in sich selbst.

Es verräth eine Episode aus der Geschichte der türkischen Volkswirthschaft, daß das erste Geldmaß seinen Namen von der Kameellast entlehnte. Juk, die Last, hieß die Summe, mit welcher anfänglich gerechnet ward. So gibt das, was einem Volke in seiner Beschäftigung das Wichtigste ist, auch dem Tauschgeschäfte den ersten Namen. Pecus, das Rindvieh, der pecunia der römischen Hirten.

Immer fand ich, daß sich zwischen dem Menschen und seinen zumeist gebrauchten Hausthieren eine gewisse Aehnlichkeit bilde, nie aber sah ich die auffallender, als hier zwischen den Kameelen und seinem Landsmanne ausgeprägt. Beide haben dieselbe Ruhe der äußeren Erscheinung und dieselbe Erregbarkeit der inneren Empfindung; beide sind unterwürfig ihrem Schicksale und folgsam den Sclavendiensten, wenn sie ihnen ihre Bestimmung auferlegt hat; daher denn auch das Verständniß und die treue Anhänglichkeit, die sie einander zeigen. Der Mensch und das Thier sind nicht so scharf geschieden, als dies die wissenschaftliche Definition beweisen will. Ja den ersten Zeiten unserer Culturentwicklung, da unser Hochmuth noch weniger eingebildet und unser Instinkt noch freier ist, tritt das klar zu Tage, und hält es Niemand für nothwendig, Zweifel daran zu legen, um die menschliche Würde zu erhöhen.

Es waren dieses die ersten Kameele gewesen, die ich anders sah, als man sie bei uns gewöhnlich der Merkwürdigkeit halber zeigt. Wer sich erinnert, wie oft ihm irgend eine Kleinigkeit, die er aber sonst nur aus der Ferne und so gewissermaßen respectvoll gegen Entrée hatte anstaunen können, in dem Augenblicke, wenn sie als alltägliche Gewöhnlichkeit an ihn herangetreten ist, auch alle die Phantasien lebendig gemacht hat, die er früher daran geknüpft hatte, der wird es begreifen, daß ich mich nun vollends in die Wirklichkeit jener Dichtungen versetzt fühlte, die ich über den Orient gelesen und gedacht habe. Lange noch blickte ich vom Pferde nach dem gleichförmig schleichenden Zuge zurück, der sich wie eine Schlange über die Hügel wand. Erst ein neues Bild vor mir lenkte meine Aufmerksamkeit davon ab. Unter ungeheuren Platanen waren um einen schönen Brunnen bunte Gestalten bei heiteren Spielen versammelt. Griechische Jünglinge übten einen Tanz; Armenierinnen wiegten sich in Schaukeln, die sie von einem Baume zum anderen gespannt hatten; türkische Frauen saßen auf ihren Teppichen zuschauend dabei, ihre Kinder balgten sich; ein Caffeegi bot seine kleinen Schalen und großen Pfeifen aus; Zuckerbäcker hatten ihre tragbaren dreifüßigen Tische aufgestellt; reichgeschirrte Pferde wurden herumgeführt und vergoldete Arabats harrten, um ihre Herrschaften wieder nach der Stadt zurück zu fahren.

Wir waren Brussa nahe gekommen. Die Vegetation wurde noch reicher, und die Bäume noch höher und dichter; oben schließen sich ihre Kronen zu festen Gewölben, und unten verengen ihre Zweige den Durchlaß; darum und dazwischen sind wilde Reben, Nachtschatten und andere mir unbekannte Schlingpflanzen in wuchernder Fülle geschlungen, und Brennessel drohen daraus mit mehr als mannshohen Stauden hervor, daß jede Abweichung vom Pfade in die Felder hinein unmöglich oder doch gefährlich ist. Ueber diese natürlichen Hecken strecken wieder Feigenbäume ihre großblätterigen Aeste in die Straße, an denen die Früchte schon Farben der Reife angesetzt haben, und Granatblüthen leuchten mit glühendem Roth in all’ das Wirrniß und Dunkel herein. So dicht und schattig ist das, daß man den Abend schon gekommen glauben könnte, erschiene nicht auf den Hängen der Berge noch das Licht der Sonne; die erheben sich vor uns langgezogen und himmelanstrebend, wie nur irgend eine Kette der Alpen. Das ist der asiatische Olymp, nicht ein Berg, ein Gebirge, das vom Marmora-Meere bis zum schwarzen Meere reicht. Mit einer geraden Linie schließt es vor uns gegen Süden die Ebene unmittelbar aus der Thalsohle aufwachsend, an seinem Fuße grün und frisch wie das Thal selbst, auf seinem Haupte weiß wie das älteste Alter. In großen Feldern liegt dort noch der Schnee des Winters. Die Stadt Brussa steht unten auf dem Fuße dieses Riesen wie bewacht, aber auch wie bedroht, so im Laube verborgen, daß man ihr sehr nahe kommen muß, um mehr als einige Kuppeln und Minarete von ihr zu erspähen. Der Ueberfluß, der unbändigbar aus diesem wunderkräftigen Boden sprießt, scheint ihr über den Kopf gewachsen zu sein. Grüner als den Olymp und das Thal von Brussa habe ich keine Gegend, auch das höchste Alpenthal nicht gesehen; dabei ist es nicht jene einförmige Farbe, die in unseren Ländern den Maler so oft in Verzweiflung bringt. Vom hellsten Gold bis zum dunkelsten Schwarz steigt es in zarten Mischungen alle Abstufungen hinauf; der Schnee der Alpen und die Sonne des Südens sind zugleich Gevatter an seiner Wiege gestanden, und reicher und schöner ist kein anderes Kind beschenkt worden. Nur wer Brussa gesehen, weiß was die Erde leisten kann. Ein Regenbogen stand über dieses Paradies ausgespannt, als wir darein einzogen, das würdige Thor zu solcher Herrlichkeit. Immer glaubte ich das Beiwort „unbeschreiblich“ ein Bequemlichkeitspolster der Faulheit; jetzt, da ich Brussa gesehen, gestehe ich ihm seine Berechtigung zu. Die lebhaftesten Farben in die schönsten Contouren gelegt, und das Bild, das sich die Phantasie gemalt, wird doch arm neben der Wirklichkeit erscheinen, wie sie hier ist.

Es war 7 Uhr, als wir vor dem Hôtel d’Olympe von unseren Pferden stiegen. Der Gasthof ist gleich hinter der westlichen Vorstadt in einem der ersten Häuser eingerichtet. Er steht auf dem Abhange des Berges, der nur durch die schmale Straße unterbrochen von ihm wieder tiefer in das Thal hinabfällt. Das liegt bis zur gegenüberstehenden Kette des Katerlü-Gebirges überschaubar vor unseren Fenstern ausgebreitet. Die Zimmer sind rein, sogar europäischer Verwöhnung genügsam; der österreichische Consul, Herr Falkeisen, hat sie uns bestellt.

Beim Diner, das nach 8 Uhr genommen wurde, sahen wir, daß der Gasthof noch andere Fremde beherberge. Eine französische Familie fiel mir auf, weil sich Mann und Frau trotz zweier schon ziemlich erwachsener Kinder noch immer Zeichen einer jugendfrischen Liebe erwiesen. Man nannte mir den Namen des Vaters und erläuterte dazu, er sei ein Ingenieur in dem Dienste und in der besonderen Gunst des Sultans, der hierher zur Berathung des kaiserlichen Commissärs, Achmed Veffick Effendi, gesandt worden. Von diesem allgewaltigen Beherrscher dieser Provinz war zwischen den Tischgästen so viel die Rede, daß meine Neugierde bald noch mehr zu hören begehrte.

Besteigung des Olymp.

Brussa, den 24. Mai.

Es war noch völlige Nacht als wir aufstanden; die Pferde ließen warten. In der Stadt regte sich kaum einiges Leben. Wir ritten durch sie über einen Gießbach, der in einer tiefen Felsschlucht vom Olymp dem Thale zufließt. Gleich hinter den letzten Häusern steigt der Weg steil an und wird immer steiler. Der dichte Reichthum dieses üppigen Bodens, Platanen, Eichen, Maulbeer-, Nuß- und Kastanienbäume beschatten ihn. Männliche und weibliche Cypressen, oft beide einander nahe wie zu ehelichem Bunde, bringen mit ihrer dunkleren Farbe Wechsel in das hellere Grün des Laubes. Darunter sprießen in wundervoller Farbenpracht Anemonen, Hyacinthen und Tulpen, und Quellen geben dem geblümten Boden Frische und Kraft, wie das Blut sie dem menschlichen Körper gibt. Wo sie aus der Erde herauswollen und nicht sollen, weil sie weiter geleitet sind, da beweisen Steine, die schützend über die offene Stelle gelegt sind, die Achtung des Türken für dieses Leben gebende Element.

Nach beinahe zweistündigem Ritte hatten wir das erste Plateau erstiegen. Blumen fanden wir dort noch mehr und schönere als im Thale unten. Die großen Bäume schrumpfen immer mehr in niedere Sträuche zusammen; die Zwergeiche, früher nur vereinzelt, füllt jetzt beinahe ausschließlich das Feld. Die Kastanie kömmt nur noch in seltenen Büschen vor und auch an diesen sind die Blätter kleiner und in der Entwicklung zurück. Allmälig geschieht diese Wandlung an allem Laubholze, bis es ganz ausbleibt und Nadelholz an seine Stelle tritt; selbst auf solcher Höhe zeigt sich an diesem der Einfluß der wärmeren Sonne. Die Tanne und Fichte ist reicher bezweigt und jeder Zweig reicher mit Nadeln besteckt, so daß die Bäume voller und weicher als die des deutschen Waldes erscheinen. Inzwischen ist der Weg an einzelnen Stellen sogar gefährlich geworden, weil sich zu seiner Rechten ein steiler Abgrund in eine Schlucht senkt, die der Ebene zustrebt mit demselben Goldgrün gefüllt, das auch uns umgab, und das den Blick erfreut soweit er das Land überschauen kann. Getrennt durch solche Schluchten stützen herausspringende kleinere Berge, wie die Strebepfeiler an den gothischen Domen, den Hauptstock des Olymp’s, als müßten sie den Koloß vom Ausweichen und Ausgleiten nach der Stadt, die sich vertrauensvoll zu seinen Füßen gebettet, zurückhalten.

Mit der höheren Höhe war auch die Aussicht gewachsen. Schon sahen wir ziemlich das Beste, was der Olymp überhaupt sehen läßt. Im Westen die silberglänzende Fläche des Apollonia-See’s mit einer größern und einer kleinern Insel darauf. Der Spiegel des See’s schließt nach dieser Richtung den Horizont. Im Nordwesten über dem Katerlü-Gebirge den Golf von Mudania, welchen im Osten die Arganthonischen Berge von dem Busen von Ismid trennen, bis sie mit Bos-burun in die offene See fallen, welche darüber hinaus in zarten Düften lag. Die Ferne war überhaupt durch die Schleier, wie sie sich nach den ersten Stunden des Sonnenaufgangs bilden, unkenntlich. So auch ahnte ich mehr den nikomedischen Golf, als daß ich behaupten dürfte, ihn gesehen zu haben. Brussa selbst, das während des Aufsteigens lange und oft mit seinen malerischen Formen und Farben, wie die unterste der Berglilien, womit wir die Höhen des Olymp geschmückt fanden, sichtbar ist, Brussa war und blieb nunmehr dem Auge verborgen. Wir ritten in eine eigenthümliche Welt, in ein wahres Schattenreich der abgestorbenen Natur ein. Lemuren starrten uns von allen Seiten an und streckten uns die kahlen grauen Aeste lebloser Stämme entgegen; Laub und Rinde waren ihnen abgefallen, nur die knochigen Körper aufrecht geblieben. Ganze Wälder umgaben uns in dieser skeletartigen Gestalt. Ein Brand, der vor einigen Jahren durch drei Wochen den Olymp verheert hatte, hat sie so zugerichtet. Abstechend und unvermittelt, so wie das Leben überall neben dem Tode steht, blühten unter diesen saftlosen Gespenstern ganze Felder von Stiefmütterchen, so weit verbreitet und so blau gefärbt, daß es wie Wolkenschatten auf den Abhängen des Berges lag. Die Asche der Bäume hatte die natürliche Zeugungskraft des Bodens noch gemehrt; die Zerstörung des Einen war das Leben des Andern geworden. Es ist derselbe Vertilgungskampf, der auch die Menschenwelt durchzieht. Alles wird und ist nur durch den Tod des Gewesenen. Wie sollte da der Egoismus nicht der vorlauteste Trieb unseres Willens sein?

Nach der dritten Stunde kamen wir auf eine ebene Wiese. Zwergtannen, Zwergkiefern begannen den Boden zu überziehen, aber immer noch wuchsen auch baumhohe Nadelhölzer dazwischen. Durch ihre Zweige schimmerte von nahen Höhen der Schnee herab; Felsen stellen sich in den Weg, der eben weiter geht. Da thut sich plötzlich eine Gruppe von Bäumen, die uns aufgenommen hatte, auf, und eingerahmt von riesigen Föhren, hinter einem kleinen Tümpel und einem großen Steinfelde, zeigt sich überwältigend nahe die langgezogene, in Schnee erstarrte Kette der obersten Gipfel des Olymp’s. Schöner als von diesem Punkte aus sahen wir sie nicht wieder. Der Vordergrund, der vom Wasser, von den Steinblöcken, von den Tannen und Büschen vielfältig belebt ist, gestaltet im Contraste mit der ruhigen Einförmigkeit des gewaltigen Hintergrundes das Bild zu einem der außerordentlichsten und stimmungsvollsten.

Was Olymp heißt, ist nicht eine Bergspitze, sondern ein starker Gebirgsstock, ein Nebeneinander von Bergen. Keiner hat steile spitze Formen. Von diesem Plateau aus gesehen schwingen sie sich von rechts nach links, d. i. von Nordwest gegen Südost in sechs Rundbogen; dann steigt eine langsame aber beinahe gerade Linie zur obersten Höhe. Auf der anderen Seite fällt sie in einen tief und scharf eingeschnittenen Sattel, und wächst zu einer zweiten aber weniger hohen Kuppe empor. Die Fortsetzung des Zuges verschwindet im Osten hinter niedrigeren aber vorliegenden Höhen. Das der Umriß des Berges. Sein Körper fällt von den beiden obersten Gipfeln in einen großen Kessel hinab, den nur ein niederer Rücken von dem Thale trennt, in dem wir ritten. Schnee lag schon auf jenem Rücken, füllte den Kessel ganz und bedeckte weiter hinauf bis zu den Spitzen den Berg so dicht, daß der Wind, der doch dort ungehemmt genug ist, das Erdreich nirgends hatte zu Tage kehren können. Es ist dieselbe ungeheure weiße Wüste wie auf unseren deutschen Alpen, und wie dort empfand ich auch hier dasselbe Gefühl der Befremdung, des Losgelöstseins von allem irdischen Verbande. Ist man so hoch, dem Himmel wirklich näher, oder ist es nur die freiere Luft, die uns die Sorgen vergessen und in der Vergessenheit einen Vorgeschmack des Jenseits kosten macht? Fremd scheinen sich hier oben übrigens auch die Eingebornen des Landes zu fühlen. Keiner von denen, die mit uns waren, wollte sich zu dem Wagniß hergeben, mich höher hinauf zu führen. Der noch allzutiefe Schnee war der Grund ihrer Weigerung; diesem ungewohnten Elemente gegenüber sind sie ängstlich wie Kinder vor ungekannten Gespenstern. Mir, der an unsere Alpen gewöhnt ist, imponirte dieses Hinderniß nicht und schien die weitere Besteigung leicht möglich. Strebsamer als die Anderen, die auf einem großen Felsblocke gelagert blieben, versuchte ich sie. Nur durch Felsen und Zwergkiefern manchmal aufgehalten und zu Umgehungen genöthigt, im Ganzen aber leichter als bei der Ersteigung unserer Berge ging ich eine Stunde, die mich eine weite Strecke aufwärts förderte. Der letzte Stock des Olymp’s mit den zwei Gipfeln stieg aus der letzten Thalsohle vor mir auf. Ueber Schneefelder, die von buntfarbigen Blumen umkränzt waren, drang ich zu ihm vorwärts, dann wieder hinauf, als mir der Wind schwache Flintenschüsse zutrug, die die Besorgniß meiner Freunde mir nachgesandt hatte. Auch Gewitterwolken, die aus dem Innern Asiens kamen, mahnten zur Umkehr. So mußte ich denn auch das, wie so manches Andere, vor dem letzten Schritte zum Erfolge aufgeben, resignirt zwar, aber doch nicht ohne eine Wolke von Verstimmung. Der Schweiß lastet schwer in der Erinnerung, wenn er an unfertige Arbeiten vergeudet worden ist.

Wie hoch ich gewesen und wie hoch der Olymp sei? Ich wage keine Zahl zu behaupten, weil ich auf den Karten und in den Handbüchern zu verschiedene angegeben finde. Vergleiche ich ihn mit anderen Bergen und lasse ich bei dieser Messung nicht außer Rechnung, daß das Thal von Brussa dem Meere nahe und nicht viel über dessen Fläche liegt, so werde ich 8000 Fuß rathen. Viel darüber oder darunter erhebt er sich gewiß nicht. Daß ihm bei einer verhältnißmäßig so niederen Höhe unter so warmer Sonne der Schnee fortwährend wie auf unseren kälteren Alpen liegen bleibt, ist eine Naturerscheinung, die mich schon bei dem Taygetus überrascht hat. Es müssen da Factoren unabhängig von jeder Sonne bestimmend sein.

Um 2 Uhr traten wir den Rückweg an. Bevölkert wie das Thal von Brussa mit Störchen und Nachtigallen ist, sind es seine Berge mit Adlern. In Schaaren kreisten sie über unseren Häuptern und ließen sich nahebei auf die Büsche und Bäume nieder. Den Zeus hat der Unglaube und die Weisheit einer anderen Zeit von seinem olympischen Göttersitze herabgestürzt, aber seinen Lieblingsvogel, den königlichen Adler, konnten sie nicht von dieser heiligen Stätte vertreiben. Einen Versuch das zu thun, strafte uns der Olympier mit drohender Donnerstimme. Es kam nicht mehr zu einem zweiten Schusse. Aber so ist der Mensch, immer undankbar; dem Gotte, der uns Sonne und Licht in solchem Ueberflusse gegeben hatte, daß seine besondere Gunst nicht zu verkennen war, wollten wir eines seiner Thiere rauben.

Die Lichter und Schatten des Abends schmückten die Gegend noch schöner als sie es des Morgens gewesen war. In ihrem Anblicke wurde das Gefährliche des Hinabsteigens vergessen. An den abschüssigsten Stellen gingen wir aber doch zu Fuße und führten die Pferde. Vom letzten Plateau geleitete man uns einen anderen Weg durch eine andere Schlucht zur Stadt hinab. Wir kamen über eine große Wiese, wo sich Kinder und Frauen, darunter viele Negerinnen, alle in den buntfarbigen, faltenreichen Kleidern des Orients, in der Kühle frischer Quellen und im Schatten mächtiger Platanen mit allerlei Scherzen ergötzten. Es war ein Bild, in seinen Farben, Tönen und Gestalten wieder ganz jenen Eindrücken der Bibel verwandt, und wir selbst, die wir in Schleier und Mantel gehüllt, mit Blumen aufgeputzt den steilen Zickzack des Berges hinabzogen, paßten ganz wohl hinein.

Die Stadt betraten wir an ihrem östlichsten Ende. Sie ist dort noch ein weites Trümmerfeld, in das sie das Erdbeben vom Jahre 1855 verwandelt hat. Achmed Veffick Effendi arbeitet seit einigen Monaten eifrig am Wiederaufbaue. Die Straßen sollen breit und gerade und canalisirt werden, wie nur irgendwo im civilisirten Europa. Um 8 Uhr kehrten wir in unseren Gasthof zurück. Die Wanderung auf den Olymp ist nicht immer so sicher und gefahrlos gewesen, wie sie es uns heute war. In den Zeiten des Kaisers Augustus hausten organisirte Räuberbanden in seinen Wäldern; es kam damals so weit, daß sie sich feste Plätze darin bauten und als beherrschende Zwingherren über das niedere Land auftraten. Kleon, einer dieser Räuberhauptleute, war, durch Geschenke gewonnen, der Verbündete des Antonius, bis er das Glück sich von dem ehemaligen Lieblinge der wankelmüthigen Göttin abwenden sah und im aktischen Kriege den Augustus gegen den Antonius unterstützte. Das machte ihn dann vom Räuber zum Fürsten avanciren, ein Sprung, den die Geschichte so oft glücken gesehen, daß der trennende Graben nicht allzu breit sein kann. Glaubt man unseren Journalen, so herrscht auch jetzt noch im Olymp dieselbe Gewaltherrschaft, die die türkische Regierung dulde, weil sie keine Mittel finde, ihr zu wehren. Das ist unwahr oder doch übertrieben. Das Unrecht und die Gesetzlosigkeit wird sich ab und zu in diesen weitläufigen Bergen festsetzen, wie es darin zu Römerzeiten saß, als diese Länder doch übermäßig bevölkert und die Träger einer ausgebildeten Cultur waren, und wie es mitten in unseren civilisirten Städten am Herde der polizeilichen Oriflamme sitzt; aber unangefochten, geduldet, den Verkehr der Geschäfts- oder Vergnügungsreisenden hemmend, lassen es die Türken nicht.

Brussa, den 26. Mai.

Kein Regen mehr, der die Nacht über gefallen war; aber immer noch Wolken, die den Himmel trüben und die Sonne bergen. Ich blieb und ging den ganzen Tag allein. Im Westen der Stadt, eine halbe Stunde vor ihr, liegt der Ort Tschekirdsche inmitten uralter Platanen, Cypressen und Feigenbäume, hoch von einer Stufe des Berges das ganze Land überschauend. Heilkräftige Schwefelquellen entspringen dort in Menge; Bad ist an Bad mit massiven steinernen Kuppeln darüber gebaut. Bemerkenswerther aber ist die Moschee Murad I. Auch jetzt noch, wo sie beinahe eine Ruine und — schlimmer als das — vom Ungeschmacke der Menschen mit Tünche und Farbe entstellt ist, wirken ihre zierlichen Spitzbogen und das Massive des Ganzen im dichten Grün der Platanen auf das gefälligste. Von dem Minarete rief eben der Muezzin zum Gebete. Auf der Terrasse, die davor ist, waren einige wilde Hunde in festen Schlaf und einige Türken in stummes Schauen versunken. Von Ost nach West hatten sie das ganze Thal vor sich ausgebreitet, die Kuppeln kleiner Gräber im unmittelbaren Vordergrunde, einige davon geborsten, alle aber zugleich vom Wetter altersgebräunt und vom Epheu jugendgrün gefärbt. Mich zog’s noch weiter, auch in ungebahnte Wege, in Felder hinein, die von Maulbeer- und Feigenbäumen umgrenzt und durchschnitten, am prächtigsten aber durch Granatbäume geziert sind. Glühenderes Roth in zarterem Grün läßt die Natur an keinem anderen Stamme blühen. Von einem, der besonders reich damit gesegnet war, brach ich so viele Zweige, bis der Kopf meines Strohhutes mit rothen Blumen umflochten war. Scheu und mich umschauend, ob Niemand den Raub bemerkte, hatte ich es gethan und dann mich unter dem Baume niedergeworfen um zu ruhen, zu zeichnen, zu lesen und selbst zu schreiben. Halb in die Arbeit, halb in unthätiges Schauen nach den Wolkenschatten, die hell und dunkel wechselnd über die Fläche des Thales und die Felsenhänge des gegenüberliegenden Katerlü-Gebirges zogen, versunken, fühlte ich mich plötzlich berührt, geweckt. Erschrocken, wie man es durch jedes Unerwartete ist, fuhr ich auf. Ein kleiner Türkenjunge stand vor mir. Mit treuherzigen Augen bot er mir einen Strohschemel zu bequemerem Ausruhen an. Nahebei, hinter den Bäumen und durch sie mir verborgen, war ein Tschiflick, ein Bauernhof. Der Eigenthümer, ein rüstiger Greis, groß und ziemlich wohlbeleibt, in einen gelbseidenen Kaftan gekleidet, war herausgekommen und hatte mich bemerkt. Ich sah ihn in den Büschen stehen, eine Gestalt, so würdig und einladend, wie der alte Abraham, da er im Haine Mamre vor seiner Hütte die drei Männer zu Gaste empfängt. Der Knabe hatte gefunden, daß mir noch ein zweiter Sessel für meine Bücher und Schreibmaterialien nothwendig sei. Ich belohnte seine Gefälligkeit mit einigem Zuckerwerke, das ich gegen plötzlichen Hungerüberfall eingesteckt hatte. Erstaunt sah er mich und dann den Großvater an — denn das konnte der alte Mann von dem Kinde nur sein — und lief dann zu diesem, um ihm das Geschenk zu zeigen. Jetzt erst rührte sich der Alte und trat mir näher um zu danken. Indeß ich weiter schrieb, nahm er das Buch, worin ich gelesen hatte, zur Hand und blätterte darin. Es war der dritte Band der Denkwürdigkeiten und Erinnerungen aus dem Orient des Freiherrn von Prokesch. Nach einer Weile, da ich eben wieder sinnend auf das Land blickte, frug er mich, ob darinnen etwas von dem Kriege stehe, der in Europa geführt werde. So hatte mich denn die unglückselige Schleswig-Holsteinische Frage auf dem Olympe wieder eingeholt.

Ich habe seitdem gehört, daß Erkundigungen nach den politischen Dingen die gewöhnlichen Gespräche der Eingeborenen mit den Franken sind. Sie halten jeden Europäer für vorzüglich zur Politik berufen, vielleicht daß sie von der Sündfluth unserer Zeitungen gehört haben. Mein Alter wollte noch verschiedenes über den Krieg mit den Dänen wissen, zuletzt auch, ob dieser Krieg nicht der Türkei Schaden bringen könne. „Wie wäre das möglich, da ihr Türken doch gar nichts damit zu thun habt?“ „Nun, weil es doch schon vorgekommen ist, daß ein Dritter ganz Unbetheiligter die Zeche für zwei Streitende zahlen mußte.“ Wie klug von dem unwissenden Manne und wie nahe vielleicht sogar in diesem Falle der Wahrheit!

Nachmittags begegnete ich dem Aquarellmaler Pretiozi, der aus Pera hier ist, um Studien zu einem Album von Kleinasien zu sammeln, wie er die von Constantinopel und Kairo in Farbendruck publicirt hat. Die Straße, in der wir uns trafen, ist durch das Grün, das zu beiden Seiten dicht und hoch wie Mauern steht, ein wahrer Hohlweg; darüber schließen sich mächtige Baumkronen zusammen. Uns entgegen auf einem Esel kam eine Türkin, den Kopf in den weißen Jaschmack vermummt, daß nur die schwarzen Augen sichtbar waren, den Körper in einen hellblauen Mantel, den Feredje, gewickelt, vor sich auf dem Halse des Esels ein gesundes aber zart gefärbtes Kind und zu beiden Seiten in zwei Körben zwei kräftige Buben. Ihre Köpfe guckten neugierig aus den Nestern wie junge Störche hervor, und das Mädchen, das die Frau an ihrer Brust hielt, streckte uns ein Mohnblumenbouquet entgegen, so groß, daß es nur beide Händchen halten konnten. Entzückt blieb der Künstler stehen, und rief der Frau zu das Gleiche zu thun. Ohne Erstaunen, gleichmüthig und gutwillig, wie Alles, Wort und Geberde, bei diesem Volke ist, that sie es. In wenigen Minuten war das Bild fertig, eines der glücklichsten, wie es der Meister selbst lobt, das ihm seit Wochen gelungen. „Die Flucht nach Aegypten“ würde ich es nennen, wenn ich ihm für eine Gemälde-Ausstellung den Namen finden sollte. Solche Begebnisse nenne ich die guten Einfälle des Schicksals; sie geben uns mehr, als alles mühsame Suchen.

Auf dem Rückwege hielt mich das Grab eines Türken lange auf. Es ist an die Außenwand einer verfallenen Moschee gelehnt und ein Lorbeerbaum wächst aus seinem Hügel empor, so hoch und mächtig, daß er die geborstene Kuppel der Djami überragt und ihre stürzende Mauer auf die Seite drängt. Ein Schwarm lustiger Singvögel nistet in seinen Zweigen, und flog über meinem Kopfe zwitschernd ab und zu. Wie mich das packte, gleich bei dem ersten Blicke, die ganze Bedeutung dieses Bildes, das menschliche und natürliche Kräfte in vereintem Bemühen gestaltet haben; die Ruhe, die da herum war und die leisen Stimmen der Vögel, die sie noch merkbarer machten. Was erst nur blitzartig geweckte, nebelhafte Empfindung war, festigte sich in der Betrachtung zu klaren Gedanken. Ja, ich verstand es dieses Gedicht ohne Worte, das der größte aller Meister, die unbefangen zeugende, die absichtslos waltende Natur hier erschaffen. Verkörpert, wie auch die Sprache ihre besten Gedanken in Bildern gibt, spricht es eines der ernstesten, der entschiedensten Gesetze unseres Weltendaseins aus: daß aus der Verwesung sich das Leben mäste, um selbst wieder die Speise neuer Existenzen zu werden; daß Alles hinfällig und sterblich sei, und daß doch nichts zu sein aufhöre. Es ist nur ein ewiges Auf und Nieder des Werdens, ein endloser Proceß der Wiedererzeugung, in den die Dinge dieser Welt geordnet sind; es ist nicht das Vernichtungs-, es ist nur das Zerstörungsprincip, das sie regiert. Im Grunde lebt alles einmal Geborene ewig fort, und der Gedanke wie die Blume, die vor tausend Jahren blühten, sind heute in der einen oder anderen Form immer noch vorhanden. Der Vielen so schwer faßbare und als übernatürlich verworfene Begriff der Auferstehung spricht also nur ein einfaches und allgemein giltiges Naturgesetz aus. Darum durfte denn auch dieser Lorbeer, das Zeichen der Unsterblichkeit, in das, was wir den Tod nennen, seine Wurzeln heften. Beschattend und beschützend, wie er seine Zweige über dieses Grab breitet, schwebt der Glaube an ihn und seine Bedeutung über allem Ringen und Leiden der Sterblichen. Da ihr Staub und sein Stamm fortdauert, kann das, was belebend und beseelend, kann der Geist nicht endlich sein. Auch der Türke scheint dieses reizende Spiel der Natur als ein bedeutungsvolles Denkmal zu erkennen; ein vergoldetes Gitter ist um den Baum und das Grab gezogen.

Den 26. Nachts.

Wir unterbrachen Abends, als wir durch die Gassen der Stadt heimkehrten, einen grimmigen Kampf. Schon heute Morgens hatte ich auf meinen einsamen Spaziergängen erfahren, daß der hiesige wilde Hund unfreundlicher und feindseliger, als der von Constantinopel ist. Mit so energischen Anfällen hatten sie mir den Einlaß in Nebengassen verwehrt, daß ich, nachdem sich mein weißer Sonnenschirm als zu schwache Waffe erwiesen hatte, den Rückzug antreten mußte. Ich bezog damals diese übelwollende Gesinnung auf meine fremdartige Kleidung, nun aber sah ich Abends, daß sich diese Stimmung auch gegen Türkisches äußert. Ein junger Türke war mit zwei Kameraden gegen die Mauer eines Thorweges gelehnt gewesen. Ohne Veranlassung, so wenigstens erklärte er nachher, sprang ihm einer dieser Hunde an die Brust. Nur weil er sich gleich über den Hund auf den Boden warf, und die Zähne des Thieres sich in den Stickereien der Jacke verbissen, entging er schweren Verwundungen. So fanden wir die Scene, den Rest des Hundeschwarmes mit wüthendem Bellen gegen die beiden anderen Burschen gestellt, daß sie ihrem Genossen keine Hilfe bringen konnten. Das thaten erst mit schnellem Erfolge die großen Peitschen meiner Freunde, die sie zu solchem Zwecke mit sich führen; von den Pferden aus trafen sie rechts und links die Meute, auch den böswilligsten, der sich mit dem jungen Menschen auf der Erde wälzte, so kräftig, daß sie heulend die Flucht ergriffen und nur aus gesicherter Ferne einen Stillstand und entrüstete Drohung wagten. Der Bursche war bleich und zitternd; so kurz der Kampf, war er doch so erbittert gewesen, daß er alle Kräfte des nicht schwächlich aussehenden Mannes erschöpft hatte. Wir suchten ihn mit einigen Piastern zu trösten und trugen seinen Freunden auf, das Uebrige zu thun.

Dieser wilde Hund ist eine ebenso eigenthümliche als häßliche und widrige Beigabe der türkischen Länder. In den Städten kömmt er besonders zahlreich vor, weil ihm die vielen Abfälle der Haushaltungen bequemen Lebensunterhalt gewähren. Einer gleicht dem Andern an Gestalt, wie an Charakter; alle sind mager, daß ihnen die Knochen hervorstehen, haben struppiges blondgelbes Haar, die Augen scheu und kriechend, ohne einen Blick jener Treuherzigkeit, der sonst die Anhänglichkeit des Hundes sprichwörtlich gemacht, und jene faule langsame Gangart mit geducktem Rücken und eingekniffenem Schwanze, welche Jean Paul’s Feldprediger Schmelzle für ein gesetzlich festzustellendes Zeichen der Wuth erklärt. Aus dem Wege gehen sie nur, wenn er ihnen auf energische Weise gewiesen wird; sonst lassen sie Fußgänger und Reiter über sich steigen, vergelten aber jeden unvorsichtigen Tritt mit unwirrschem Knurren, auch wohl mit einem bösgemeinten Bisse. Um mit ihren vielen Geschlechtsgenossen verträglich und in Frieden zu leben, haben sie in den Städten, ganz ähnlich den civilisirten Menschen, ihre angeborene Freiheit gewissen Beschränkungen unterworfen. Genau begrenzte Viertel haben ihre eigenen Bürger, ihre Hunderechte und Hundepflichten; dort kennt und duldet sich jeder Einheimische, aber jeder Fremde wird dafür auch viribus unitis hinausgebissen. Mag ihn nun Hunger oder Liebessehnsucht in das fremde Gebiet geführt haben, rücksichtslos ruft das Bellen des Ersten, der den Uebertreter bemerkt hat, die ganze Gemeindegenossenschaft zusammen und hat die ihn einmal umstellt, dann gibt es nur eilige Flucht mit zerrissenem Felle oder jämmerlichen Untergang auf einem blutigen und lärmenden Schlachtfelde. Ich habe manche solcher Scenen gesehen, die wahrhaft furchtbar waren. Daß solch ein Uebel ertragen werde, hat seine Ursache in der Achtung des Türken für den Buchstaben seines Religionsbuches. So hat jedes, auch das edelste Bestreben neben seinen guten seine schlimmen Folgen. Der Koran lehrt die Gleichberechtigung des Thieres, und befiehlt die Achtung seiner Rechte; das ist schön und gewiß auch richtig im Principe, und in einigen Fällen, wie bei den Singvögeln, die hier unbelästigt und genußbringend leben, wohlthätig selbst in seiner buchstäblichen Erfüllung; in anderen aber, wie eben bei den Hunden, zeigt sich, daß die Theorie, wenn sie sich in das Extrem verliert, zum Uebel werden kann. Um ihm in Constantinopel abzuhelfen, wo es die Klagen der anders gewöhnten Europäer am grellsten erscheinen lassen, schlug man wiederholt vor, alle dortigen wilden Hunde auf eine Insel zu deportiren, die man ihnen zu ausschließlichem Besitze überlassen würde. Das würde freilich den Ausgewiesenen ein baldiges Ende bereiten — sie könnten sich nur selbst auffressen — nicht aber der Hundefrage von Constantinopel. Der Duft seines Gassenunrathes würde bald wieder neue Bewohner in die entvölkerte Stadt aus der Umgebung hereinlocken. Auch ist der Vorschlag nie ernstlich in Ausführung genommen worden; vielleicht versucht dasselbe einmal ein anderer, mehr civilisatorischer, auf das Wohlergehen der Hunde selbst gerichteter. Die Cultur, die alle Welt beleckt, muß sich doch endlich auch auf die türkischen Straßenhunde erstrecken.

Brussa, den 27. Mai.

Ueber die Geschichte der Stadt finde ich nur Weniges aufgezeichnet. Ihr Alter ist nicht so hoch als das der meisten anderen Städte auf diesem ehrwürdigen Boden, den die Sage schon die Geburt der Menschheit sehen läßt. Erst Hannibal hat sie gegründet, also 200 Jahre vor Chr.; so erzählt Plinius, der sie später als römischer Statthalter verwaltete. Wo heute die Ruinen der Burg die Stadt überschauend und beherrschend stehen, baute sich der Punier vielleicht jenes Schloß, von dem uns Cornelius Nepos schon in der ersten Lateinschule erzählt, daß es auf allen Seiten Ausgänge gehabt, damit dem Verfolgten die weitere Flucht offen bliebe, wenn das geschehe, was dann wirklich geschah. Den Römern war sie nach dem Falle des Mithridatischen Reiches eine gehorsame Provincialstadt. 259 Jahre nach Chr. wurde sie von den Gothen, die vom schwarzen Meere und von der Donau gekommen waren, geplündert und verwüstet, ein Loos, das ihr 941 die Perser wieder bereiteten. Größere Bedeutung aber erhält sie erst durch ihre heutigen Besitzer, als sie die erste Residenz des Osmanischen Reiches ward. Aus ihren Thoren führten die sieben ersten Sultane jene Raubzüge nach dem erstaunten Europa, welche die Christenheit wie Wetterstrahle trafen, und hieher kehrten die Sieger lebendig oder todt zurück, bis der achte des Geschlechtes, Mohammed II., sich und seinen Nachfolgern die stolzeren Gräber auf den byzantinischen Kaiserhügeln bereitete.

Was diese Männer ihrem Glauben an Moscheen und die Nachkommen ihrem Andenken an Grabmälern gebaut, das besuchten wir heute. Da die Stadt, die zwar nicht breit, stundenlang um den Fuß des Berges gezogen ist, und diese Bauten weit auseinander liegen, beschlossen wir, ihnen ausschließlich den ganzen Tag zu widmen und den Umgang zu Pferde zu machen.

Auf schroffen Felswänden erhebt, oder wahrer erhob sich — denn seit dem letzten Erdbeben stehen nur noch Ruinen dort, — das feste Schloß, die Akropolis von Brussa. Mauern und Felsen sind in der jahrhundertalten Verbindung ein Körper geworden; der Epheu hat sie von oben bis unten überzogen, und die Wunden der Zeit und der Gewalt mit seinem heilenden Grün geschlossen. Wo ein Stein aus der senkrechten Neigung vorspringt, da sind Gärten darauf angelegt, da blüht die Rose und der Lorbeer und reifen Nüsse und Feigen. Vor dem Berge und fest um ihn geschlungen sind die Häuser der Stadt, und hinter ihm setzt sich der Olymp fort, aus dem er wie eine Altane zum bequemen Ueberblicke des Thales vorgeschoben ist. Zu allen Zeiten, auch da die Gebäude dort oben noch nicht so malerisch verfallen waren, muß dieser Schloßberg das charakteristische Merkmal der Gegend gewesen sein. Bei der Ankunft und bei jedem Ausgange hatte ich ihn besonders neugierig in’s Auge gefaßt, und so ritten wir denn auch heute zuerst zu ihm hinauf. Oben ruhen die beiden ersten Sultane, Osman und Orchan. Durch alte Thore und Mauern, die aus den Resten einer älteren Zeit gebaut sind, kamen wir auf die Stätte, die ihre Gebeine begraben hält. Bis zum Jahre 1855 stand eine byzantinische Kirche darüber; das Erdbeben hat sie so vollständig niedergeworfen, daß auch nicht eine Mauer, keine Säule mehr aufrecht steht. Der Boden aber ist mit Bruchstücken von Porphyr, Verde antico, Marmor in allen Farben, auch mit Mosaiken so übermäßig und unordentlich bedeckt, daß man sich in der Wildniß eines Steinbruches glauben könnte. Bei näherer Besichtigung fand ich an manchem Blocke den Schmuck zierlicher Sculpturen und beinahe an allen Säulenknäufen das Kreuz in die Zierathen geflochten. So hatten sie sogar hier, wo sie doch die ersten und am höchsten verehrten Fürsten ihres Stammes begruben, das Zeichen eines anderen Glaubens unberührt gelassen! Ich frage die Leute, die in Europa über die Unduldsamkeit der Türken schreien, ob sie, wenn es ihnen glückte, in Moscheen die Messe zu lesen und Predigten zu declamiren, den Halbmond und die Tuhgra so unverletzt lassen würden? Ich sage nicht, daß es der Respect sei, der das Kreuzeszeichen so lange erhalten hat; aber daß der Türke nicht eine Verpflichtung seiner Religion darin erkennt, es zu vernichten, scheint mir des Lobenswerthen genug.

Zwischen den Trümmern fand ich eine Menge offener Gräber. Sie müssen ehemals in dem Fußboden der Kirche gelegen haben. Alle sind türkische. Die Construction, die ich genau untersuchte, ist einfach eine Gruft ganz in der Gestalt und Größe unseres Sarges aus Ziegeln in die Erde gemauert, in den Fugen sorgfältig verschmiert und mit einer Lage Tünche ausgefüttert. Aus dem Boden ragt nur der Deckel hervor. Erst über diesen unansehnlichen Bau ist das Holzgerüste gestellt, das ähnlich unseren Katafalken auch mit der Macht und der Bedeutung des Verstorbenen wächst. Solche Gerüste sind denn auch über den Gräbern Osmans und Orchans aufgeschlagen, die einzigen der vielen, die man aus dem Schutte wiederhergestellt hat. Ob man dabei wirklich die Rechten gewählt, wird dem Zweifler freilich zweifelhaft erscheinen können; den Gläubigen aber — und für diesen sind solche Orte doch zumeist bestimmt — überzeugt das Gebotene und befriedigt diese Ueberzeugung. Die Tempel, die man darüber an Stelle der kirchlichen Wölbungen errichtet hat, sind ärmlich und geschmacklos. Aus Brettern und in antiken Formen aufgeführt, beleidigen sie durch den Widerspruch des Materials und der Gestalt. Reicher ist der Eindruck ihres Innern. Es ist rein gehalten und mit den kostbarsten Teppichen belegt. An dem Turban Osmans, der so wie er ihn zu Lebzeiten trug an dem Kopfende seines Katafalkes geschlungen ist, hat der jetzige Sultan, als er kurze Zeit nach seinem Regierungsantritte, im Frühjahre 1862, Brussa besuchte, den Osmanije-Orden, welchen er eben erst gestiftet hatte, aufgehängt. Es muß der plötzliche Einfall eines begeisterten Augenblicks gewesen sein, denn er mußte den Orden, weil kein anderer zur Hand war, von der Brust seines Großveziers, Fuad Pascha, entlehnen. Ich erinnere mich, daß die europäische Journalistik, die für alles Türkische nur Verachtung hat, diese That damals mit ihren Witzen begleitete. Und doch, was war sie anderes, als was wir täglich thun, ein Zeichen der Treue und Dankbarkeit und ein Beweis zugleich, daß die Vergangenheit unserem Leben nicht weniger als die Gegenwart ist. Wo aber ist das Volk, — denn in solchen Fragen zählt nur die Menge, nicht der Einzelne, — das entartet genug wäre, in solchem Cultus ein Zeichen geistiger Schwäche zu sehen?

Auf dem engen Platze vor den Mauern, die diese Grabstätten umschließen, arbeiteten Sträflinge an der Grabung von Canälen; lauter junge Bursche, eifersüchtige Liebe soll die meisten zum Verbrechen verleitet haben. Trotz der Ketten und Kugeln, die an ihren Füßen hängen, schienen sie lebensmuthig und rührig. Sie drängten sich zu, uns die Pferde zu halten, von denen wir abgestiegen waren, und diesen Dienst und schlechte byzantinische Münzen, die sie ausgegraben hatten, mit einigen Piastern vergelten zu lassen; die Aufseher, menschenfreundlicher als ihre Pflicht, ließen das lächelnd zu. In den Kastellmauern, zwischen denen wir weiter ritten, erkannte ich wohl eine Menge römischer Reste, Säulenschäfte und Knäufe, auch Friese auf das unbarmherzigste verwendet, aber nirgends römische Arbeit; Vieles ist sogar erst aus türkischer Zeit, denn der saracenische Spitzbogen steht oft über dem byzantinischen Rundbogen.

In die Stadt hinabgestiegen, besuchten wir die Ulu-Djami, d. i. die große, wie sie vor allen anderen heißt. Drei Geschlechter, Murad I., Bajasid I. und Mohamed I., haben sie gebaut. Es war die erste Moschee, deren Inneres ich sah, und mir, wie es überspannten Erwartungen unvermeidlich ist, eine Enttäuschung. Warum? — ich weiß es nicht; aber meine Phantasie hatte sich Alles größer und prachtvoller vorgestellt als unsere Kirchen sind. Statt dessen fand ich nichts, was nicht von den Domen der romanischen, gothischen, toskanischen und lombardischen Architektur übertroffen würde. Zwanzig Kuppeln in ein Quadrat zusammengestellt ruhen auf dicken viereckigen Pfeilern. Was diese dem Baue noch von Leichtigkeit lassen, nimmt die abscheuliche Malerei, womit die Wände übertüncht sind. Wo sie nicht riesige Schriftzüge hingezeichnet hat, die in dieser Größe und schwarz auf weißem Grunde bedrohlich wie Schlangenwindungen aussehen, sind es Draperien im Style der Fenstergardinen aus der sogenannten Kaiserzeit. Jede Thüre, jeder Bogen, jedes Fenster hat so seine eigenen Vorhänge. Es ist das Unübertrefflichste des Ungeschmackes, das auch den wohlgeformtesten Bau entstellen müßte, und an diesem gefiel mir eigentlich nur der Einfall, die Mittelkuppel, die zwanzigste, ohne Wölbung und offen zu lassen, und darunter einen plätschernden Springbrunnen und ein Wasserbecken so groß wie das ganze Quadrat anzulegen. Sogar Fische leben darinnen; das bringt frische Luft in den Raum, der sonst moderig wie unsere Kirchen wäre. Es ist der glückliche Natursinn des Orientalen, der das erfunden hat. Er weiß, daß kein Kunstwerk so schön gebildet sein kann, daß es nicht durch die Beimischung der natürlichen Gaben noch verbessert würde. An der Form des Baues störte mich, daß sie gleichseitig und daß ihm daher die Tiefe fehle. Diese ist der Moschee wie unserer Kirche nothwendig, weil beide einen Punkt haben, dem sich die Aufmerksamkeit besonders zuwenden soll und dorthin die Augen eher durch die Richtung der Mauern als durch das Kennzeichen des Altars oder des Mihrab gelenkt werden. Uebrigens ist es nicht blos dieser praktische Grund, auch nicht die Anhänglichkeit an die Gewohnheit allein, die mich solche Forderung stellen lassen. Von jedem Baue begehre ich, daß mir schon der Anblick den Zweck und die Bedeutung verrathe. Beim Gotteshause sind diese das Gebet und die Gottesverehrung, und wird sie die weitere Entfernung, die ehrwürdig zwischen dem Eingange und dem Hochaltare, wie ja auch zwischen uns und unseren höchsten Idealen liegt, am deutlichsten ausprägen. Wo solche Verständlichkeit einem Gebäude fehlt, werde ich es auch als ein verfehltes tadeln.

Wir Fremde hatten Ueberschuhe angezogen; ein einheimischer Grieche aber, der mit uns ging, wies die Babuschen, welche ihm unsere Kawassen, die ein ganzes Bündel solcher leichter Lederpantoffeln eingekauft hatten, anboten, zurück und patschte in der Einbildung seiner christlichen Ueberlegenheit mit seinen schmutzigen Stiefeln auf die reinen Strohmatten und Teppiche, die der Mohammedaner nur mit abgezogenen Schuhen betritt, weil er bei seinen Gebeten den Boden mit dem Munde und mit der Stirne küßt. Mich juckte die Hand, dem übermüthigen Kerle eine Ohrfeige ins Gesicht zu schlagen. Ist mir jede Rohheit verhaßt, so ist mir doch diejenige die verhaßteste, welche sich gegen den Glauben der Andersgläubigen kehrt. Ich trage über Gott und die Welt meine ganz besonderen Ansichten in mir, habe aber nur Achtung für die der Anderen, wie einfältig und kindisch sie mir auch erscheinen mögen. Das Factum, daß sie sind und einem bekümmerten Gemüthe Trost und Befriedigung gewähren, genügt, um sie als existenzberechtigt meiner Duldung zu empfehlen. Ich habe die Bildung nie erreicht, welche verächtlich auf den Fetischanbeter herabsieht, weil er Hilfe oder Strafe von einem Holzklotze hofft oder fürchtet. Was bürgt uns denn, daß über tausend Jahren die Zukunftstheologen nicht ebenso verächtlich auf unsere Religionen herabblicken werden, wie die heutigen auf die Götzendienste der Griechen und Römer? In Athen und in Rom glaubte sich die damalige Menschheit dem Himmel gewiß nicht ferner, als in Berlin und Paris sich die heutige hinaufgestiegen wähnt.

Christliche Ungezogenheiten gleich der, welche vor uns gespielt hatte, kommen im Oriente täglich vor. Kann man sich danach wundern, wenn dem Türken, wie sehr auch die Duldsamkeit seiner Natur und Religion eingebürgert ist, doch manchmal der Faden reißt und er solch Ungezogene zur Thüre hinauswirft, dem Fremden überhaupt aber sie versperrt? Würde der deutsche Bürger es dem Lümmel anders thun, der ihm in seiner Staatsstube die kothigen Stiefel auf das sammetne Canapee legte? Und katholische oder protestantische Christen würden sie den Mohammedaner, der in der Kirche das Fezz oder den Turban aufbehielte, bei ihrem Gottesdienste dulden? Und doch hat die eine Sitte so viele Berechtigung als die andere, ja das Niederwerfen und das Bodenküssen scheint mir bedeutungsvoller, als das Hutabziehen vor dem lieben Herrgott. Hier läßt der Mohammedaner den Europäer mit dem Hute auf dem Kopfe in seiner Moschee herumgehen; er begehrt nicht, daß der Fremde niederfalle und den Boden küsse, und einem fremden Glauben mit fremden Zeichen lügenhafte Verehrung heuchle, er begehrt nur, daß ihm die Stelle, die er mit seinen Lippen berühren muß, nicht verunreinigt werde. Ob wir dem Muselmanne so viel zugestehen, und ob ihn nicht, wenn ihn die Nachsicht des Küsters in die Kirche eingelassen hätte, das ungezogene Erstaunen unseres Pöbels daraus verdrängen würde, ist eine Frage, die ich zur Wahrung christlicher Ueberlegenheit lieber nicht auf die Probe gestellt sehen möchte. Wenn im Oriente ganze Städte, auch ganze Provinzen, wo Jahrzehnte lang Griechen, Armenier und alle übrigen Christen in Frieden neben den Mohammedanern gearbeitet und geschlafen haben, mächtig und reich geworden sind, plötzlich vom Christenhasse erregt werden, so ist die erste Veranlassung nur selten beim Türken zu finden, gewöhnlich irgend ein bübischer Streich jenes sonderbaren Geistes, der die Religion, welche ursprünglich das eifrigste Bekenntniß der Liebe und Demuth gewesen war, in eine Parteileidenschaft des Hochmuths verwandelt hat. Es ist ein Zeichen der Verderbtheit, welche ich dem Menschen angeboren glaube, daß er nichts berühren kann, ohne es nicht auch zu beflecken; das ist der Fluch der Erbsünde, der an unseren Händen haftet. So ist auch der Gedanke gut und rein nur in dem Augenblicke seiner Empfängniß; da gehört er noch Gott an, dem er entstammt, kaum aber für diese Welt geboren und in der Berührung mit neuen Generationen gealtert, wird er seinem Ursprunge und seiner Absicht immer mehr entfremdet.

Jeschil-Djami, d. i. die grüne, welche Mohammed I. ziemlich außerhalb der Stadt und auf einem Hügel gebaut hat, war die nächste, welche wir besuchten, und nach der Enttäuschung der Ulu-Djami eine doppelte erfreuliche Ueberraschung. Von innen und außen bildet sie ein köstliches Kleinod mohammedanischen Baustyls. Nicht groß, eher klein, ist ihr Rauminhalt nicht viel mehr, als der einer Capelle. Vor ihr stehen uralte verwitterte Platanen, und zwischen den Stämmen durch sieht das Auge den östlichen Theil des Brussaer Thales. Das Material des Baues ist größtentheils Marmor; die Einfassung, die an jedem Fenster und an der Thüre verschieden ist, sind Arabesken und Schriftzüge, wie in den Stein damascirt, so wenig erhaben und so deutlich. Im Inneren sind drei Kuppeln in einer Linie nebeneinander und, um die Richtung gegen Osten zu markiren, eine vierte vor die mittlere gestellt, so daß man beim einzigen Eingange eintretend und unter der Mittelkuppel stehen bleibend auf jeder Seite und auch vor sich eine Capelle hat. Daß der Boden unter der mittleren Kuppel tiefer als unter den umliegenden sei, ward erst vor wenigen Tagen entdeckt. Aus dem Schutte, der ihn den anderen Abtheilungen gleich gemacht hatte, kam ein Marmorbrunnen in den Formen der Renaissance heraus und so wohl erhalten, daß er gleich wieder frisches Wasser gab.

Die Restauration des Baues, der vom Erdbeben stark gelitten hat, ist von Achmed Veffick Effendi angeordnet. Nach und nach, so will es wenigstens sein Plan, soll dasselbe an allen hiesigen Moscheen geschehen, und wird dazu bei jeder derselbe Geschmack und dieselbe Freigebigkeit verwendet werden, so wird Brussa um seiner Moscheen nicht weniger sehenswerth, als um die Schönheit seiner Gegend willen sein. Ich habe kaum irgendwo sonst eine Restaurirung glücklicher projectirt und ausgeführt gesehen, das Ganze entsprechend dem Grundgedanken und jedes Einzelne in Uebereinstimmung mit diesem Ganzen. Nach dem Vielen, was ich von türkischer Unfähigkeit gehört, überraschte mich das nicht wenig. Ich frug nach dem Baumeister. Man stellte mir einen Italiener vor; der Mann erschien jung, aber reich begabt mit dem besonderen Talente, welches seinem Volke für alle bildenden Künste eigenthümlich ist. Er lobte mir die Arbeiter, sie seien genau und folgsam. Allmälig kamen wir auch auf den Bauplan zu sprechen; den habe nicht er eigentlich gemacht. Achmed Veffick Effendi habe namhaften Gelehrten seine Ideen mitgetheilt, die hätten sie zusammengestellt, er in die Pläne wieder hineincorrigirt und so sei das entstanden, was wir nun vor uns sähen. Um jede Kleinigkeit kümmere sich Achmed Veffick Effendi; Jeden, der ihm verständig erscheine, ziehe er darüber zu Rathe, und seine Entscheidungen bewiesen dann eben so viel angebornes Urtheil, als kluge Verwerthung des in Europa Gesehenen. So sei die Idee, das einfallende Licht verschiedenartig zu färben, die so gut zu dem Reichthume der orientalischen Bauformen paßt, ganz sein Eigenthum. Es ist nämlich jede Abtheilung des inneren Raumes in anderen Farben gehalten, unten gemalt und mit Porzellantafeln inkrustirt und oben in der Kuppel durch bunte Scheiben erleuchtet; der Mittelbau weiß, der rechtsseitige grün, der linke orange und der östliche, wo der Mihrab und Minber stehen, roth. Dasselbe anmuthige Spiel wird mit dem Lichte in den Logen des Sultans und seiner Frauen getrieben, die über dem Eingange in der Höhe eines ersten Stockwerkes liegen. Sie sind mit jenen prachtvollen Porzellanplatten austapezirt, deren Fabricationsmethode erst kürzlich wieder entdeckt worden ist. Ebenso geziert sind die zwei anderen, die unten zu beiden Seiten der Thüre, ich möchte sie Parterrelogen nennen, einige Stufen höher, als der Boden angebracht sind. Ein Türke, der zufällig darinnen saß, den Arm auf die durchbrochene Porzellanbrüstung gelegt, fügte sich in das Bild, wie die künstlerisch gewählte Staffage in die Composition eines Malers.

Hinter der Djami liegt das Grabmal Mohammed I., ein achteckiger Tempel. Vom Erdbeben gewaltig zerstört und noch in der ersten Restauration begriffen, zeigte uns das Aeußere nicht mehr als Ruinen und das Innere Bretterwände, die schützend gegen den Staub und die Arbeiter um die Särge des Sultans und seiner Familie geschlagen sind.

Noch weiter von der Stadt und noch schöner gelegen sind Moschee und Grab Sultan Bajasid I. Das Erdbeben hat sie am ärgsten getroffen. Wie bei allen Moscheen hat es die Minarete geknickt, daß sie gleich geköpften Lilienstengeln aufragen, hier aber auch aus den Wölbungen ganze Blöcke herabgeworfen, daß der blaue Himmel in die verödeten Räume herabsieht. Die heilende Hand hat noch nichts berührt; Herrliches kann wieder hergestellt werden. Die Moschee hat einen Porticus aus weißem Marmor in sarazenischen Formen von solcher Einfachheit, aber so großer Mächtigkeit, daß mein Geschmack sie dessenwegen die schönste von Brussa nennt. Der innere Plan gleicht, wenn erst alle späteren Zwischenwände durchgebrochen sein werden, in so manchem der Jeschil-Djami, daß ich auch hier den ursprünglichen Boden des Mittelbaues wie dort tiefer und einen Brunnen darinnen liegend vermuthe.

Im Westen der Stadt, eigentlich in der Vorstadt, ist die Muradje, d. i. die Djami Murad II. und die zehn Grabcapellen seiner Familie. Die Moschee steht auf einer Terrasse erhöht über einem großen Platze. Prachtvolle Cypressen, durch Alter, Größe und Verknorpelung ihrer Stämme die schönsten, die ich gesehen habe, sind davor auf der Terrasse. Die Vorhalle, die zu dem Haupteingange führt, ist aus fünf luftigen Rundbogen und breiten Gewölben so machtvoll gebildet, daß von dem hinteren Theile des Baues nur die Kuppel darüber emporragt. Dieser Porticus mahnt mich an die Feldherrnhalle zu München; der Vergleich enthüllt mir aber auch endlich die Fehler jenes Gärtnerischen Baues, von denen ich immer gehört, die ich aber nie hatte begreifen wollen. Jetzt erkenne ich ihn neben der harmonischen Vollendung des türkischen Kunstwerkes schuldig der Anmaßung in der Absicht und kleinlich in dem, was er geworden ist. Aber so steht in allen bildenden Künsten die Neuzeit neben der Vergangenheit, nicht blos erfindungsarm, auch unvermögend in der Nachahmung und selbst mit türkischer Vergangenheit nicht zu vergleichen. Die Gräber sind neben der Moschee, von dem Platze in einem Hofe abgeschlossen. Ein kuppelgedecktes Thor führt zwischen den hohen Umfassungsmauern hinein; es ist ein Garten lauschig und still, kühl und wohlriechend, wie sie der Koran denen verspricht „so da glauben und das Gute thun“. Große Platanen, größer als die größten, die ich bisher gesehen, beschatten die grünen Wiesen, und blasse Rosen färben und umduften Alles, was ihren Ranken Wände und Stämme bietet; Nachtigallen singen und wiegen sich in den Zweigen, und fromme Männer mit ehrwürdigen Bärten, in langwallenden Kaftanen tragen andächtigen Jünglingen die Lehren des Korans vor. Zwischen den Bäumen und Büschen stehen die Mausoleen, ihre Thüren weit geöffnet, wie die Tempel geheimnißvoller Grade bereit, die Geprüften und Müden zu den seligen Freuden zu empfangen, die sie sich im Kampfe mit dem Leben verdient haben. So gebettet, wenn das Grab selbst schon mit den Reizen der anderen Welt geschmückt ist, wo bleiben denn dann die Schrecken des Todes?

Gleich das erste nach dem Thore, wenn man von Mudania in Brussa einzieht, ist dieser Platz der Muradje; die grünen Hänge und Schluchten des Olymps steigen so nahe hinter ihr empor, daß man sie zu ihrem Gräbergarten gehörig glauben könnte. Auf dem Platze vor ihr war das zerlumpte Zelt eines Kaffeegi aufgeschlagen, eine malerische Staffage, die in den Skizzen, welche meine Freunde versuchten, nicht wegbleiben durfte. Sonst war er leer. Ab und zu sammelte sich in den Stunden, die wir dort lagerten, eine gaffende aber niemals unfreundliche Menge um uns. Selbst die Schuljugend war weniger muthwillig, als das sonst ihre Art. Indeß die Anderen mit dem Bleistifte beschäftigt waren, machte ich mir mit der näheren Besichtigung der Gebäude zu thun. Auch diese Moschee ist durch die Folgen des Erdbebens dem kirchlichen Dienste unbrauchbar geworden. Achmed Veffick Effendi ließ eben in der Vorhalle die Gerüste zu den Restaurationsarbeiten aufschlagen. Eines der Gräber ist schon hergestellt; Pracht der Farben, der Steine, des Porzellans und schöner Schriftzüge ist daran auf das großartigste verwendet. An den anderen sah ich, daß bei diesen Bauten nicht blos zu flicken ist, was die Gewalt der Elemente zerstört hat, daß auch weggeräumt werden muß, was der Ungeschmack des vorigen Jahrhunderts, das der Türkei wie unseren Ländern den Zopf angehängt hatte, über das Werk einer früheren Zeit geklext hat. In allen fand ich dieselbe Tünche und dieselbe Malerei, wie sie die Ulu-Djami entstellt. Betrachte ich die Bemühungen, die hier an diesem einzigen Orte in dieser Richtung thätig sind, und erinnere ich mich an den Tadel, der bei uns von dem Verfalle der türkischen Kunstdenkmale erzählt, so fühle ich mich unwillkürlich verpflichtet nach dem zu fragen, was denn z. B. das Kaiserthum Oesterreich für die Restaurirung seiner kirchlichen Bauten gethan habe? Ich finde unter den vielen, denen sie nothwendig wäre, nur den Stephansdom in Wien und die Marcuskirche zu Venedig, die von einer helfenden Künstlerhand berührt worden sind. Das nur jenen Leuten zur Entgegnung, welche die Türkei immer mit Vergleichen richten.

An den äußeren Mauern dieser Grabcapellen ist das Baumaterial nackt gelassen. Es sind feste gelbe Kalksteine, abwechselnd mit größeren schwarzen vulcanischen Blöcken zwischen die vorstehenden Kanten rother Ziegel gemauert. Ab und zu unterbrechen diese Zeichnung sechs- und achteckige Figuren durch Ziegel geformt, zwischen welche ein mit Kiesel gemengter Kalk gelegt ist. Oben, unter den vorspringenden Dächern, schließen bunte verglaste Ziegeltafeln friesartig die Mauern ab. Der innere Aufbau gefiel mir besonders bei dem Thore, das in den Gräbergarten führt. Es ist eine viereckige Halle, gekrönt durch einen Tambour und eine hohe Kuppel; den Tambour tragen große Postamente, die in die vier Ecken geschoben sind. Sie sind stalaktitartig wie aus einer Menge kleiner Postamente gebildet. Im Friese sind neben runden Arabesken dreieckige Körper zu Verzierungen gruppirt, die mir vorzüglich wirkungsvoll erfunden und leicht für unsere moderne Bauweise brauchbar erscheinen.

Ein alter Türke machte bei all’ dem meinen Führer. Nicht größer als ein Bube gewachsen, war ihm auch noch die Haut bis auf die Magerkeit der Knochen zusammengeschrumpft. Seine Pantomimik, mir alles deutlicher zu erklären, war ebenso komisch als bereitwillig. Was in unserer Zeichensprache ungefähr Rasiren bedeuten würde, das sollte bei ihm eine Frau vorstellen, d. h. die Schleier, mit denen sie sich das Gesicht unter den Augen verhüllt. So sind die Völker nicht nur durch die Sprachen der Zungen, auch durch die der Hände und Mienen verschieden. Die paar Piaster, womit ich ihn schließlich belohnte, nahm er mit so großem Danke auf, wie mir in Europa nie ein Trinkgeld vergolten worden ist. Die Genügsamkeit dieses Volkes hat ihr Rührendes und Angenehmes zugleich.

Fasse ich mit zurück- und überschauendem Blicke das Resultat meiner heutigen Wanderung durch die kaiserlichen Moscheen Brussa’s als ein Ganzes zusammen, so finde ich, daß ich zugleich auch einen Cursus durch die erste Periode der mohammedanischen Kunstgeschichte gemacht habe. Die Reihenfolge der Entwicklung, die sie repräsentiren, ist lückenlos und jede Moschee schon durch ihre eigene Eigenthümlichkeit, auch ohne den zeitbestimmenden Namen ihrer Erbauer, auf eine besondere Stufe gestellt. Ulu-Djami, die Große, knüpft beinahe unmittelbar an die ersten Anfänge an, wie sie zu Mekka in dem mit kleinen Kuppeln gedeckten Säulengange um die Kaaba gereiht stehen. Was dort freier Hof geblieben, ist hier mit einem Nebeneinander von Kuppeln gedeckt; ein Rest der ursprünglichen Anlage blieb in dem mittleren offenen Quadrate erhalten. Die Erfindung dieses Planes kann — da das erste, der hallenumfaßte Hof, einmal erfunden war, — keine große Mühe mehr gekostet haben. Was dadurch geschaffen ward, ist übrigens auch — wenigstens für meinen Geschmack — arm genug geworden. Ich kann an diesem einförmigen, sinnlosen Nebeneinander gleich großer und gleich gestalteter Kuppeln keinen Gefallen finden. Daß es nicht unberechtigt ist diese Verwandtschaft zu behaupten, beweist auch das Aeußere der Moschee; es gleicht ganz dem jener Höfe. Hohe nackte Wände nach allen Seiten und auf jeder, nur auf der gegen Osten gekehrten nicht, eine Eingangsthüre; kein Porticus vor der Hauptfronte, nirgends etwas Außerordentliches. Die zweite Stufe vertritt die Djami Bajasid I. mit ausgebildet saracenischen Formen. So ist wenigstens der Porticus gestaltet mit hohen schmalen Bogen, welche luftig und aufstrebend wirken trotz der lastenden Schwere des festen Baumaterials, das heller Marmor ist. Das Innere hat schon die byzantinische Kuppel aufgenommen; das, was heute so recht eigentlich die Form des mohammedanischen Kirchenthums ist, die breite und nieder gespannte Kuppel, hat es vom Christenthume entlehnt. Freier und selbstständiger ist dann dieses fremde Eigenthum in Jeschil-Djami verwendet worden. Ein eigener Styl hat sich aus dem fremden herausgebildet. Kuppel ist neben Kuppel gelegt, aber so, daß jede über einem auch in dem untern Bau besonders gestalteten Raume liegt, und daher im Eindrucke des Ganzen gleich ihre eigenthümliche Bedeutung erhält. Uebrigens wurde hier wieder der prachtvollen Ornamentirung, wie sie der reiche Orient seit je geliebt, freie Entfaltung gelassen. Auf der letzten Stufe, schon nach Europa die Hand hinüberreichend, steht die Muradje. In Venedig oder Florenz würde sie durch nichts Fremdartiges überraschen. Daß diese Wirkung von dort hierher nach Asien gereicht haben sollte, wie unsere Kunstgeschichte gewöhnlich annimmt, hat mir nichts wahrscheinliches. Es müßte entgegen aller sonstigen Bildungsströmung geschehen sein, die von Asien nach Europa ging.

Den späten Abend verbrachten wir in Burnabaschi — Quellenhaupt — einem der beliebtesten Vergnügungsorte des Brussaer Volkes. Er ist zwischen die Stadt und die Abhänge des Olymp eingeklemmt. Die Quelle ist so wasserreich, daß sie gleich beim Ursprunge das Bett eines ansehnlichen Baches füllt. In die Felswände, die darum emporsteigen, sind Bänke gehauen, die als auszeichnende Ehrenplätze zu gelten scheinen, denn kaum bemerkt wurden sie uns mit artigen Verbeugungen eingeräumt. Kaffee und Nargileh fehlten nicht lange und bald fühlten wir uns auf den steinernen Sitzen, das Wasser unter den Füßen, ganz heimlich. Nur die Kühle wurde in dem eingeengten Winkel, der auch den Tag über im Schatten bleibt, allzu fühlbar; draußen, wo sonst die Sonne waltet, sind grüne Wiesen und große Bäume darauf. Ein Kameel lagerte dort und bunte Menschengruppen waren darum zerstreut. Ein paar ernste Perser mit ihren hohen Pelzmützen und in der ganzen Besonderheit ihrer Nationaltracht gehörten unter die auffälligsten und schönsten Gestalten, die mir bisher im Oriente begegneten. Die Menschen sind es, die Burnabaschi seinen Reiz verleihen, denn um der Landschaft willen würde ich andere Puncte wählen. Gleich der Friedhof, über den wir dahin ritten, bietet in seiner Umgebung und in seiner Aussicht weit schöneres. Er liegt hinter der Stadt auf den Abhängen des Olymp’s. Zwischen ihm und dem Walde ist keine Mauer, die das Leben von dem Tode abzusperren versuchte; Gräber und Bäume umschlingen sich mit ihren Wurzeln und oben auf der Decke hat die Wildniß, die unter den mächtigen Cypressen den Boden überwuchert, an einzelnen Stellen den besondern Zweck dieses Erdenfleckes schon wieder ausgelöscht. Dieses Zurückgeben des Grabes in den freien Besitz der Natur ist wie das Zeugniß eines instinctiven Verstehens des Bundes, der zwischen allem Menschlichen und Natürlichen besteht. Schon das Begräbniß drückt ihn sichtbar aus, wie er unsichtbar und gefühlt, wenn auch nur selten begriffen, die ganze Lebenszeit über besteht. Was der Natur gehört, die Schlacken unseres Geistes, den irdischen Körper überläßt ihr der Orientale zu ungebundenem Walten. Danach ist die Ordnung seiner Friedhöfe bestellt, die wir oft beinahe feindselig gegen jeden Einfluß der Natur richten.

Als wir durch diesen schönen Hain ritten, war er leer. Nur auf einem Grabe saß ein Türke, ein Mann stark und in den besten Jahren, aber das Auge müde und alt; er sah und hörte uns nicht. Sein Ohr war wohl von Erinnerungen betäubt und sein Blick in die weite Ferne verloren. Ueber die Stadt weg, die unter den Bäumen geborgen zu seinen Füßen lag, und über das Thal, das schon die Schatten der Nacht deckten, nach den rothglühenden Felsengipfeln des Katerlü-Gebirges schien er hinzudringen. Ob er dort noch das letzte Leuchten der Sonne bemerkte, ob seinem umdüsterten Leben noch so viel Hoffenskraft geblieben war?

Brussa, den 28. Mai.

Ich beginne den Tag mit einem türkischen Bade, das ich in Kökürdli nehme. Die Quellen dort sind außerordentlich heiß, so daß man Eier darinnen siedet, und so schwefelhaltig, daß ich die Wände ihrer künstlichen und natürlichen Flußbetten mit gelben Krystallen überzogen und schon nach diesem einen Bade meine Haut und Wäsche schwefelig riechend fand. Es ist etwas ganz anderes das türkische Bad, als ich es nach den vielen überschwänglichen Beschreibungen erwartet hatte; System und Wesen dem russischen Dampfbade sehr ähnlich, von Pracht keine Spur, aber viel Bequemlichkeit und Reinlichkeit darinnen. Rein ist der große Saal, wo man sich entkleidet und nach dem Bade auf Betten ruht; rein sind die marmornen Badehallen und rein ist die Wäsche, die im Ueberflusse und in köstlicher Feinheit gereicht wird.

Ueberhaupt enthält der Vorwurf der Unreinlichkeit, den man dem Süden schon an der italienischen Grenze zu machen beginnt, ebenso viel Uebertriebenes als Unbilliges. Ohne Berücksichtigung der angebornen Eigenschaften dieser Himmelsstriche haben ihn nordländische Theoretiker, welche die ganze Welt über den Leisten ihrer Studierstube zu construiren versuchen, erfunden und so lange drucken lassen, bis ihn das ganze allem Gedruckten gläubige Europa unter seine Dogmen aufgenommen hat und nunmehr um so eifriger nachbetet, als der Schmutz, den man vor der Thüre des fremden Hauses zusammenkehrt, das eigene nur um so reiner erscheinen läßt. Daß eine Sonne, die in Feld und Wald die Blüthen und die Früchte schneller reifen und des Menschen Geist und Körper früher zeugungskräftig macht als die unserige, auf die Thierwelt nicht weniger wirksam, und daß diese Wirkung nicht blos auf Kameele, Pferde, Hunde, Krokodile, Schlangen beschränkt bleiben könne, daß sie das ganze große Geschlecht der kleinen Insecten, Mücken, Flöhe und leider auch Wanzen in ihrer Entwicklung und Vermehrung ebenso begünstigen müsse, sind so leichtgreifliche Folgen einer offenkundigen Ursache, daß sie gerade die europäische Gelehrsamkeit, die alles zu wissen behauptet, nicht hätte übersehen und damit einigermaßen erklären sollen, warum der Reisende in Italien und im Oriente mehr vom Ungeziefer heimgesucht werde als im Norden. Bei uns freilich lassen ihn Flöhe und Wanzen ungeschoren, weil das viel zu gescheidte Thiere sind, um sich gleich den Menschen die kostbaren und zu ihrer Existenz so nothwendigen Extremitäten erfrieren zu lassen; ehe es so schlimm wird, verbeißen sie sich in einen Commis voyageur und lassen sich bequem placirt über den Karst oder die Via mala nach dem Süden befördern. Wenn nun bei dem Baue und bei der Einrichtung des Hauses auch noch wie hier im Oriente viel Holz, Tapeten und Teppiche verwendet sind, so macht das diesen Thieren die südliche Existenz noch heimlicher, wärmer und furchtbarer. Bei solchen Umständen sie ganz ferne zu halten ist eine völlige Unmöglichkeit, an der ich die Versuche der propersten deutschen Hausfrauen scheitern sah. Darum aber zu behaupten, daß die Gewohnheiten der hiesigen Völker unreinlicher seien als die der Nordländer, ist ein Tadel, der ebenso unverdient trifft, als das Lob, welches die Tugend einer Frau rühmen will, die nie in Versuchung geführt worden ist. Auf dem Leibe glaube ich den Orientalen sogar reiner, und gerade der Mann der unteren Stände wird bei diesem Vergleiche mit seinem nordischen Genossen am meisten gewinnen. Von den Türken insbesondere kann ich wie Herodot von den alten Aegyptiern berichten, „daß sie es für höher achten rein zu sein als wohlanständig“, wenigstens als das, was unseren Begriffen gewöhnlich als anständig gilt. Denn in Stambul sah ich, wie an den öffentlichen Brunnen der Moscheen Hamale, Surugi’s und andere arme Leute dieser Volksclasse ihre Kleider ablegen und sich vom Kopfe bis zu den Füßen waschen. An dem Brunnen der prächtigen Suleimanije, der zu beiden Seiten der Djami einige Stufen tief aus den Marmormauern hervorquillt, fand ich so die sämmtlichen Pipen besetzt.

Bäder laden beinahe in jeder Gasse mit offenen Thüren ein und wo ich eintrat, traf ich Gäste darinnen. Das Herkommen hat diesen Brauch, wie auch bei uns so manchen, längst dem freien Willen entzogen; er unterliegt einem Zwange so gut als ein in gesetzlicher Form gebotener. Die öffentliche Badehalle aber dient Männern und Frauen als Zusammenkunftsort, wo man sich sieht, politischen und andern Tratsch betreibt, wie der Franzose im Salon, der Deutsche in seiner Ressource und der Italiener im Opernhause. Der Eintrittspreis ist, da die meisten wohlthätige Stiftungen sind, so wohlfeil, nicht mehr als einige Para’s, daß sich Jeder dieses Vergnügen gewähren kann, und das geschieht denn auch wenigstens ein bis zwei Mal in der Woche. In Oesterreich kannte ich Dienstboten von solcher Wasserscheu, daß sie ein ganzes Jahr und auch darüber ungebadet blieben.

Und so wie die Menschen habe ich im Durchschnitte auch die orientalischen Häuser gefunden; Treppen, Vorsäle und Stuben, wenn sie nur einigermaßen vermöglichen Leuten gehörten, rein und die weißen Strohmatten, die doch so leicht Spuren festhalten, fleckenlos. Daß sie darum auch frei von Wanzen, Flöhen und anderem Ungeziefer gewesen, soll damit nicht behauptet werden; im Gegentheil, ich fand sie überall, weil sie Unvermeidlichkeiten des Klima’s sind. Aber der äußere Anblick der Räume, das, was die Bemühungen der Menschen herstellen können, erschien mir tadellos. Es ist auch im Südländer zu viel Schönheitssinn lebendig, als daß dieses anders sein könnte. Zum Sclaven der Reinlichkeit, wie das der Holländer thut, wird er sich freilich nie degradiren; dazu ist sein Sinn zu maßvoll und auch zu bedacht, daß das, was von Natur aus Mittel ist, nicht durch das Uebermaß der Fürsorge Zweck des Lebens werde. Im großen Ganzen fand ich den Süden sauberer und netter als den Norden. Wollen dem andere Reisende ihre unangenehmen Erfahrungen, die sie in Italien oder im Oriente erduldet haben, entgegen halten, so kann auch meine Erinnerung mit einigen nördlichen Beispielen dienen, die nicht weniger Schmutziges zu erzählen haben. So ist Prag, gewiß eine nordische Stadt, in seinen Gassen und selbst in den Treppenhäusern seiner Paläste das unsauberste, was ich auf meinen Reisen gesehen.

Der Gouverneur von Brussa sandte gestern einen seiner Beamten zu unserer Begrüßung in den Gasthof. Wir erwiderten ihm heute die Artigkeit durch unseren Besuch. Seit Achmed Veffick Effendi als kaiserlicher Commissär hier eingezogen, will die Stellung des Pascha’s nicht viel mehr als die eines ausführenden Bureauchefs bedeuten. Alle organisatorischen und schaffenden Maßregeln werden von dem kaiserlichen Commissär angeordnet, dessen Befugnisse noch über ihre nominellen Grenzen geachtet werden, weil er als einer der beliebtesten Günstlinge des Sultans bekannt ist. Er sollte wie die anderen Commissäre, welche nach den Provinzen geschickt wurden, zusehen, in wiefern die kaiserlichen Befehle vollzogen worden seien, und die Vollziehung der dermaligen überwachen. Diesen Auftrag übt er im weitesten Maße. Was seit dem Erdbeben vom Jahre 1855 darnieder lag, und allen kaiserlichen Erlässen zum Trotze liegen blieb, hat er in wenigen Monaten wieder aufgerichtet, oder doch so in Angriff genommen, daß dessen Herstellung gesichert erscheint. Dabei ist sein Eifer dem Nützlichen wie dem Schönen in gleicher Weise zugewendet. Was er für die Moscheen und Gräber thut, habe ich gestern gesehen; heute sah ich, wie er die engen Gassen Brussa’s erweitert, wie er ganze Stadttheile, die in Trümmer gesunken waren, aufbaut, mit geraden Straßen, mit Canälen durchzieht und wie er größere Plätze dazwischen legt, damit dem Verkehre und der frischen Luft mehr Raum zu ihrer Ausbreitung sei. Nach Gemleck baut er eine Straße, die so gerade, so praktisch und leider auch so häßlich wird, als nur irgend eine unserer Chausseen. Bis auf eine kleine in der Mitte liegende Strecke ist sie fertig. Von Brussa nach dem Hafen von Gemleck wird man dann die Waaren nicht mehr auf Kameelen und Pferden, sondern bequemer und rascher auf Wagen transportiren. Für die Beförderung der Personen bildet sich ein eigener Omnibusdienst, den auch Achmed Veffick Effendi unter seinen besondern Schutz genommen. So ist er überall helfend und widerlegt das Vorurtheil, welches die türkische Verwaltung zu jedem energischen und reformatorischen Handeln unbedingt unfähig schildert. In Europa löst vielleicht nur der Präfect von Paris, Herr Haußmann, seine Aufgaben noch schneller. Von ihm hat sich Achmed Veffick Effendi gewiß manches angeeignet, vielleicht auch zu viel von jener Rücksichtslosigkeit, welche, weil ihr ein Einfall nutzbringend erscheint, ohne jede Schonung des Privateigenthums dessen Ausführung betreibt. Achmed Veffick Effendi ist keiner jener unverständigen Reformatoren, die in der Bewunderung für das Fremde die eigenen Eigenthümlichkeiten vergessen und die fremden Schößlinge ohne jede weitere Vorbereitung auf die heimischen Stämme pfropfen wollen; dazu ist er zu strenger Mohammedaner. Er hält fest am Koran und findet nur das zulässig, was mit den Vorschriften seines Glaubens verträglich ist; worauf das Reich, das Volk, die Religion und der Sultan von Alters her stehen, der Boden ihres Wachsthums, muß nach seiner Ansicht vor allem Andern gesichert bleiben. Aber er hat im Auslande gelernt, daß für die Türkei, seitdem sie in den Bund der europäischen Staaten eingetreten, ein schnelleres Weiterschreiten unvermeidlich geworden ist, weil alle Anderen um sie herum in Bewegung sind. Er hat aber auch von den fremden Fortschritten genug gesehen, um sich zu sputen, seinem Vaterlande, ehe es blinde Nachahmungssucht in die fremden Wege lenket, die eigenen nach den selbstgewählten Zielpunkten zu bereiten. Manches mag ihm dazu unbedingt übertragbar, anders nur in so ferne beachtenswerth erschienen sein, als es lehrt, wie mannigfaltig die Mittel sein können, um die Bedürfnisse der Völker zu befriedigen. Seine Grundsätze und Pläne, welche er sich so gebildet hat, scheinen mir gut gemeint, ihre Ausführung aber oft zu überstürzt, zu eigenwillig, zu rücksichtslos zu sein. Wenn ihm jemand mit herkömmlicher Phrase sein Haus zur Verfügung stellt und sagt: „Es ist Dein und des Padischah’s, schalte und walte darinnen nach Belieben!“ — so dankt er mit dem Befehle, die Fronte des Hauses um einige Schuhe zu verkürzen und zurückzuschieben, damit das nächste Eck nicht so scharf und die Gasse breiter sei. Diese Fälle und ähnliche erzählt man hier viel. Das streift an die Art unserer Bureaukratie, die auch nur die Rücksicht ihres eigenen Willens kennt. In der Türkei, wo die persönliche Freiheit mehr als eine bloße Phrase, wo sie eine Gewohnheit ist, erträgt sich das schwerer als irgendwo anders. Daher mag es kommen, daß Achmed Veffick Effendi mit den besten Intentionen hier so wenige Lobredner seiner Thaten hat. Die Form, die Weise, in der er sie vollzieht, der Ton, der die Musik macht, beeinträchtigen sie; vielleicht schleift das Leben, die Erfahrung diese Schärfe an ihm stumpf. Er ist noch ein junger Mann. Uebrigens hat er sich so auch in seinem Vorleben gezeigt und viel geschadet. Napoleon, dem er als türkischer Botschafter zugesandt worden war, vertrug ihn deshalb nicht und forderte seine Abberufung, und als Minister, wozu ihn Abdul Aziz bald nach seiner Thronbesteigung erhob, dauerte darum sein Amt nicht länger. Man schob ihn aus dem Wege hierher nach Brussa; daß er wieder in das Ministerium treten, sogar das Großvezierat übernehmen werde, ist eine Möglichkeit, welche die europäischen Diplomaten voraussehen und sehr fürchten. Für Europa könnte er Brände entzünden, insbesondere weil er sich zu scharf gegen Rußland kehren, wie er überhaupt den Einfluß der fremden Gesandtschaften zu beschränken trachten würde.

Nicht nur die Machtbefugniß, auch der Verwaltungsbezirk dieses außerordentlichen Commissärs ist ein viel weiterer, als der des Pascha’s, der auf das eine Vilayet von Khodawendkjar beschränkt ist. Uebrigens ist auch dieses, das in acht Livas zerfällt, immer noch größer, als manches Königreich der antiken Weltordnung, denn es umfaßt zugleich das bithinische, misische und einen Theil des phrygischen Landes.

Brussa, das einmal die Hauptstadt des ganzen türkischen Reiches war, ist es von dieser Statthalterschaft geblieben. Betrachtet man die Stadt von oben und schätzt sie nach dem Maßstabe, den sich das Auge an dem Umfange unserer Städte gebildet, so wird man ihr eine Bevölkerung von weit über 100,000 Menschen zusprechen; verläßliche Mittheilungen geben mir nur 80,000 Einwohner an. Dieses eigenthümliche Verhältniß stellt sich bei allen orientalischen Städten so, weil nicht wie bei uns ein paar Dutzend Miethsleute zusammen in einem Hause wohnen, sondern jeder der Bewohner seiner eigenen Mauern ist und dabei gewöhnlich noch einen Fleck Gartenland besitzt. In den meisten Häusern leben daher nicht mehr als zwei bis fünf Personen; denn der Glaube, daß jeder Türke ein ganzes Balletcorps luftzufächelnder Sclavinnen um sich versammelt halte, ist eine von den vielen Fabeln, die man dem leichtgläubigen Europa aufgebunden hat. Um nur eine Sclavin im Hause halten zu können, muß der Mann wohlhabend sein; den Meisten ist eben wie bei uns ihr einziges Weib zugleich Gattin, Köchin, Dienerin und, was nicht das seltenste ist, Herrin. Denn auch das ist eine Fabel, was wir von der untergeordneten, leidenden Stellung der türkischen Frau glauben. In der ist sie so wenig gebunden, als es die Frau der antiken Welt war, und als dieses überhaupt bei irgend einer Frau möglich ist. Wo ist das Glied des weiblichen Geschlechtes, das sich auf die Dauer und in den Hauptsachen das Regiment im Hause aus der Hand nehmen ließe? und nun gar erst ein ganzes Volk von Weibern, das sich solcher Herrschaft unterwürfe! Der Gedanke ist so naturwidrig, und jeder sieht ihn so oft in seiner nächsten Nähe widerlegt, daß man wahrhaftig nicht erst hierher zu reisen braucht, um Zweifel gegen jene trübgefärbten Schilderungen der türkischen Frauenschicksale zu finden. Es sind da einige Capitel der gegenwärtigen wie der vergangenen Geschichte gefälscht worden, weil man wie so oft Aeußerlichkeiten für das Wesentliche, Symptome für die Sache selbst nahm. Weil die Frauen nicht anders als verschleiert außer dem Hause erscheinen dürfen, weil sie nicht Männer zum Besuche empfangen, nicht Diners, Soiréen, Bälle mit jungen und alten Herren mitmachen, überhaupt nicht mehr mit dem anderen als mit dem eigenen Geschlechte verkehren dürfen, hat man sie geknechtet, ihrer Menschenrechte beraubt und das Land, wo solche Sclaverei üblich, zumeist darum einen Schandflecken der Menschheit genannt. Harems und Nonnenklöster werden als die verschwisterten Feinde des Fortschrittes ausgerufen, und selbst der alten griechischen Republik das Prädicat der Freiheit bestritten, weil sie ihre Frauen in gleicher Knechtschaft abgesperrt hatte. So sehr ist die europäische Mildherzigkeit bemüht, ihre alleinseligmachenden Begriffe in die Weibergemächer aller Nationen zu übertragen! Daß das unerreichbar und, wenn es je erreicht würde, nur zum Uebel wäre, wird nicht geglaubt, weil sich der Eifer, der sich einmal tugendhaft proclamirt hat, auch für unfehlbar hält.

So wie die Türkin ist, hat sie in der gesellschaftlichen Ordnung den Platz inne, der für sie der richtige ist: mehr gebührt ihr nicht, und mehr wird das Weib im Oriente nie werden, wie seine dortige jahrtausendalte Geschichte beweist. Geknechtet, unglücklich ist sie darum nicht, ja ihre Rechte gehen in manchem weiter als die der europäischen Frau; jedenfalls thun das die Rücksichten, welche der Mann ihr erweist. Zu fragen, wenn er sie nicht zu Hause findet, wo sie hingegangen, oder in das Harem einzutreten, wenn er Schuhe vor der Thüre sieht und also Gäste darinnen weiß, wäre eine Beleidigung so außer aller Art, daß sie auch den Thäter entehren würde. Daß der Schleier zwischen die Frau und die fremde Männerwelt gehängt, ihr überhaupt der Verkehr mit dieser untersagt ist, das muß Jeder, der in dem Lande selbst gelebt hat, als eine nothwendige Vorsicht gegen die sinnlichere Entzündbarkeit des hiesigen Klima’s erkennen. Ohne nöthigenden Grund würde auch ein für beide Geschlechter so lästiger Zwang gewiß nicht durch Jahrtausende ertragen worden sein. Daß dieser Grund nicht die tyrannische Willkür der Männer und nicht der unwissende Sclavensinn der Frauen, auch nicht irgend eine Caprice der Religion, sondern eben eine Bedingung des anderen Himmelsstriches sei, das hätten selbst in ihren Studirstuben unsere Gelehrten entdecken können, wenn sie in den alten Büchern verzeichnet fanden, wie schon die Königin Vasthi die Trennung von ihrem Gatten, dem Könige Ahasveros, einer Verletzung der strengen Haremssitte, welche er begehrt hatte, vorzog, und wie dann Jahrtausende später im byzantinischen Constantinopel, wo das Christenthum seine eitelsten Pfauenräder schlug, das Eunuchenwesen dieselben Wächterdienste thun mußte, die es 500 Jahre vor Chr. am Hofe des persischen Königs Cambyses gethan hatte. Besondere Klöster bestanden in Aegypten, um gewerbsmäßig für die christliche Kaiserstadt die Knaben zu diesem Dienste zu entstellen und zu erziehen. Von ihr erst hat, als die Sultane griechische Prinzessinen heimführten, das mohammedanische Türkenvolk diese christliche Hofmode unter seine Gebräuche aufgenommen.

Was so zu verschiedenen Zeiten aber immer auf demselben Flecke gleich gestaltet erscheint, das kann nicht blos in einem Irrthume, das muß in einem berechtigteren Grunde seine Wurzeln haben. Und angemessen dieser natürlichen Begründung ist heute wieder das türkische Haus constituirt, wie es ehemals das babylonische und das persische und das griechische war. Das ist nicht so, wie man es sich in Europa vorstellt; das ist entsprechend den Verhältnissen und Bedürfnissen des so ganz anders gearteten Landes und Volkes, von denen die richtige Vorstellung uns erst an Ort und Stelle wird.

In Brussa übrigens fiel mir auf, daß die Frauen das Verhüllen vor dem fremden Manne noch weit strenger als in der Hauptstadt nehmen. Ich begegnete so häßlichen und alten Weibern, daß sich auch die selbstgefälligste Einbildung nicht mehr verführerisch glauben konnte, und doch setzten sie die Wasserkübel, die sie auf dem Kopfe trugen, nieder, um sich vor dem Fremden, den sie in der Abgelegenheit ihrer Gasse nicht erwartet hatten, mit einem Zipfel ihres Mantels, da ihnen der Schleier fehlte, zu verhüllen oder den Kopf in eine Ecke zu verstecken, weil sie zu schwach waren um davon zu laufen. Eine jämmerliche Alte, deren Lumpen nicht so weit reichten, um ihr auch das Antlitz zu verbergen, rührte mich in ihrer Verzweiflung, womit sie die beiden Arme davor faltete, so daß ich Kehrtum meinen Weg zurück ihr aus dem ihrigen ging. Ein Gebrauch, der sich so heftig ausspricht, ist mehr als die Affectation einer Modethorheit. Was die Erziehung angewöhnt hat, muß endlich ein Glaubenssatz des Gefühles geworden sein. Unnatürlich kann ich dabei nur den Versuch finden, es zu verletzen oder zu beleidigen.

Brussa, den 29. Mai.

Die 80.000 Einwohner Brussa’s sind zum weitaus größten Theile Türken; Griechen nur ungefähr 6000, Armenier 11.000 und Juden 3000. Die übrig bleibende Zahl der 60.000 beweist, daß es doch auch arbeitswillige und fähige Türken geben müsse, denn die große Menge der Güter, welche Brussa jährlich producirt und die seinen Bezirk zu einem der ergiebigsten des türkischen Reiches macht, kann nicht ganz ohne die Mithilfe jener überwiegenden Volkszahl gewonnen werden. Mannigfach sind die Producte, die es durch gewerbliche und landwirthschaftliche Thätigkeit hervorbringt, und aus den Häfen von Gemleck und Mudania ausführt. Auf dem Felde vor allem der Maulbeerbaum, um das Blatt und die Frucht zu verwerthen, 17.374 Wiener Joche sollen so nutzbar gemacht sein; die Rebe, die Olive, Kastanien; Nuß- und andere Obstbäume; Gemüse und in neuester Zeit auch die Baumwolle. Im Hause beschäftigt die Seidenproduction die meisten Hände, um die Raupen zu erziehen, die Cocons abzuhaspeln, die Rohseide zu zwirnen und zu verweben. Doch sind auch die Kräfte, welche in der Baumwollenproduction zur weiteren Verarbeitung des Rohstoffes thätig sind, keine geringen. Im vorigen Jahre führte es von all’ diesen Producten einen Werth von 108 Millionen Piaster aus, dem nur ein Einfuhrswerth europäischer Waaren von 38 Mill. Piaster gegenüber stand; also eine Handelsbilanz, die den herkömmlichen Begriffen unserer Nationalökonomie als eine außerordentliche Bereicherung des Landes erscheinen muß. Mir, dem auch ein Plus der Einfuhr nicht schädlich erscheint, weil ich glaube, daß es dem Lande nur Güter zuführe, die ihm — weil gekauft — nothwendiger sind als jene, welche es dafür bezahlt, mir erhalten diese Zahlen erst Bedeutung in einer Vergleichung mit denen der vorausgegangenen Jahre. Noch 1861 war die Ausfuhr nicht mehr als 49 Mill. Piaster und die Einfuhr 20 Mill. Piaster werth. In beiden Zweigen des Handels hat sich also der Verkehr innerhalb zweier Jahre geradezu verdoppelt. Das beweist eine Entwicklungsfähigkeit, die schneller und kräftiger als das Wachsthum irgend einer andern Volkswirthschaft, beinahe so, als sei auch sie von der wärmeren Sonne gezeitigt, fortschreitet.

Was Brussa’s Gewerbe produciren, besah ich heute Morgens in seinen Bazaren, und wie es arbeitet Nachmittags in seinen Fabriken. Der Besestan, denn so und nicht Bazar heißen eigentlich diese Verkaufshallen, muß ehemals um seiner selbst willen sehenswerth gewesen sein. Die wenigen Thorwege, die stehen geblieben sind, besonders ein ungewöhnlich hoher und breiter Spitzbogen, erzählen von der eingestürzten Herrlichkeit, denn auch hier hat das Erdbeben gewüthet. Wölbungen und Kuppeln sind jetzt aus Holz ersetzt; das sieht ärmlich und dunkel aus, weil durch die sparsamen Fenster nur dürftiges Licht einfällt. Zu beiden Seiten der langen bedeckten Gassen sitzen die Verkäufer mit untergeschlagenen Beinen auf niederen Ladentischen, ihre Waaren auf Gestellen an den Wänden hinter sich. In den Vierecken, welche durch die Kreuzungen der Gassen gebildet werden, sind Hane, d. h. Höfe von festen steinernen Gebäuden umschlossen, in welchen die Karavanen ihre Waaren ablagern, fremde Kaufleute wohnen und unten in den Laubgängen die einheimischen ihre Schreib- und Wechselstuben und ihre Magazine haben. Man führte mich in mehrere; in allen waren Armenier die Herren, die hier den Handel beinahe ganz in Händen haben. Man empfing uns artig, Kaffee und Sorbet wurden gleich gereicht, aber jedes Geschäft machte sich auf das langwierigste. Der Fremde wird zu übervortheilen gesucht; der Preis auf das ungebührlichste überfordert und dann schließlich, wenn man weggegangen ohne auch nur ein Stück zu kaufen, die Waare um die Hälfte und auch noch weniger in die nächste Bude oder in den Gasthof nachgetragen. Es ist das noch eine der primitivsten Handelsformen; für den Käufer ebenso lästig, als für den Verkäufer gewiß in vielen Fällen, wo er sich im Eifer unter den Preis des wahren Werthes hinabdrücken läßt, nachtheilig, und für beide verschwenderisch durch den Zeitverlust.

Unter dem, was man uns zeigte, gefielen mir Gebetsteppiche aus Kameelhaaren gewoben, mit Arabesken und Schriftzügen in Seide, Gold und Silber bestickt. Als Vorhänge vor Thüren und Fenster und als Divanüberwürfe müßten sie sich, wenn nur erst einmal eingeführt, in der das Fremdartige so sehr liebenden eleganten Welt unserer Salons schnell einen Markt gewinnen. Ich sah sie heute zum ersten Male; der Orientale braucht sie für seine Reisen. Er breitet sie über den nackten Boden um darauf zu den gebotenen Stunden, wo es auch sei, seine Gebetsübungen zu verrichten, und Nachts, wenn ihm nichts besseres wird, zu schlafen. Die Preise stiegen mit dem Werthe der Stickerei von 100 bis zu 500 Piastern. Halbseidenstoffe, schwere für Möbel-Ueberzüge und Tapeten, leichte für Frauenkleider, darunter jene wunderbar feinen, welche wohl die koischen Stoffe der Alten vorstellten und die heute unter dem Namen Brussa-Gaze zu Frauenhemden verwendet werden, waren nur in geringen Mengen vorhanden. Die Dessins sind beinahe bei allen Gattungen Streife; bei den Möbelstoffen meistens rothe und weiße oder rothe und perlgraue, auch braune, nicht schöner als man sie in Europa fabricirt, wenn schon abgestumpfter in den Farben. Der Preis für den Pick, der etwas über 2 Wiener Fuße hält, ist 12 bis 22 und 24 Piaster. Die Kleiderstoffe gefielen mir besonders in blaßgelber Grundfarbe mit leicht lilafarbigen schmalen Streifen, kleine Blumen darinnen, der Pick 15 bis 17 Piaster. Diese Stoffe sind weit geschmackvoller als irgend etwas, das Lyoner Fabriken unseren Weibern auf den Leib hängen und auch ihre Dauerhaftigkeit möchte ich höher schätzen. Ebenso sind die gazeartigen Hemdstoffe von einer Feinheit, Weichheit, Durchsichtigkeit bei aller Dichtigkeit, wie unsere Maschinen das nie produciren werden. Ohne sie zu vergleichen weiß ich diesen letzteren an Originalität des Aussehens nur die bekannten Crêpes de Chine an die Seite zu setzen. Beide sind gewiß Gewebe von einer uralten vieltausendjährigen Erfindung, die unverändert immer fortgetragen werden. Und dasselbe ist bei den Baumwollstoffen der Fall, den eigenthümlichen wie behaarten Handtüchern, Badetüchern und Bademänteln, mit denen sich die Haut so schnell und so weich abtrocknen läßt. Selbst hierher an die Quelle liefert England Nachahmungen davon. Auf den europäischen Markt hat es damit diesen türkischen Geschmack eigentlich erst eingeführt; aber die englischen Tücher werden steif und spröde schon nach der ersten Wäsche, während die türkischen dadurch nur weicher und schmiegsamer werden.

Zu den Fabriken machte Nachmittags ein Franzose, Monsieur Dufour, meinen Führer. Ich möchte den Mann, der sich mir äußerst gefällig erweist, den Mäcenas der Seidenwürmer nennen. Ohne jeden Zwang als den seiner Liebhaberei, hat er diesen Thieren sein ganzes Leben gewidmet. Jahre und jetzt noch immer jährlich einige Monate bringt er hier zu, um in dem Versuchshofe, den er ihnen gebaut und eingerichtet hat, ihre Charakter- und Geschmacks-Eigenthümlichkeiten zu studiren und zu pflegen. Zweck und Vortheil sind ihm dabei nur die Vermehrung seiner Kenntnisse, und in zweiter Instanz die Belehrung seiner südfranzösischen Landsleute. Das letztere hat er durch mehrere Brochüren, die gedruckt erschienen sind, versucht, und wirklich schon so viel erreicht, daß in den Gegenden des südlichen Frankreichs, wo die Seidenproduction zumeist betrieben wird, die Brussaer Züchtungsweise des Maulbeerbaumes und der Seidenraupe Berücksichtigung und Nachahmung auch in den untern Volksklassen gefunden hat. Die gelehrten Gesellschaften und Akademien haben beinahe alle nach langen Zweifeln und Discussionen seine Rathschläge acceptirt und ihn zu ihrem Mitgliede ernannt. Die letzte seiner Schriften hat der Kaiser Napoleon mit der goldenen Medaille ausgezeichnet; sie heißt: Appendice aux observations pratiques faites en Orient sur la maladie actuelle des vers à soie pendant les années 1857, 1858 et 1859 par Mr. B. Dufour, Paris, und verdiente sehr auch von unseren österreichischen Seidenzüchtern gelesen zu werden.

Der Weg nach dem Stadttheile, wo die meisten Seidenfabriken stehen, ist von unserem Gasthofe ziemlich derselbe, wie der auf das Schloß. Hinter diesem, im Westen der Stadt, sind sie in einer Schlucht des Olympes zusammengedrängt. Das Thal wie die Gebäude erinnerten mich an einige Industrieorte des Schwarzwaldes, nur daß hier die Farben lebhaft und bunt sind, während dort Alles einförmiges Dunkel ist. Aber die Werkstätten hängen wie in Tryberg an den Thalwänden übereinander, und sind drei, vier Stockwerke hoch aus bloßen Holz- und Riegelmauern aufgeführt.

Wir besuchten zuerst die Seidenmühle des Herrn Marschall, eines der größeren Etablissements. Der Eigenthümer, ein Franzose, erschien alsbald, um auf die artigste Weise selbst den ganzen Proceß seines Gewerbes zu erklären. Er haspelt die Seide von den Cocons ab und richtet sie zu, um nach Marseille für die französische Weberei ausgeführt zu werden. Dampf und Maschinen helfen ihm dabei wie nur in irgend einer unserer Fabriken. Als Arbeiter beschäftigt er nur Frauen und, was mich nicht wenig überraschte, meistens türkische. Sie arbeiteten ohne Schleier, verhüllten sich aber hastig, als sie uns Männer gewahr wurden. Ich ließ ihnen dazu einige Minuten, die ich zögernd am Eingange verweilte; die armen Leute, denen es gewiß schon Opfer genug ist, entgegen ihrer bisherigen Gewohnheit in fremden Häusern zu dienen, sollten nicht zu einer weiteren Verletzung ihres Gefühles gedrängt werden. Einige andere Herren mutheten dem Eigenthümer zu, seine Befehlshabermacht und die Abhängigkeit der armen Arbeiterinnen zu gebrauchen, um ihren lüsternen Augen den Anblick der enthüllten Schönheiten zu verschaffen. Das war wohl, damit ich die Art der europäischen Civilisation nicht vergesse. Herr Marschall that, als habe er in dem Gespräche mit mir seine Ohren ganz an meine Reden verloren. Er lobte mir den Fleiß und die Brauchbarkeit dieser türkischen Arbeiterinnen sehr. Die meisten sind jung, doch auch solche von 40 bis 50 Jahren sind dabei. Der erste Einfall, Türkinnen in den Fabriken zu verwenden, kam ihm, als die Armenierinnen und Griechinnen mit dem Entstehen neuer Filaturen ihre Lohnforderungen übertrieben. Anfangs habe er damit viele Mühe gehabt. Es war, was er vorschlug, ein solcher Einbruch in die alte Gewohnheit, welche die Frau in der Gemeinschaft mit ihren Glaubensgenossen und in den Geschäften des eigenen Hauswesens begrenzt, daß auch die emsigste Ueberredung nicht, erst das Beispiel dem Vorschlage Proselyten gewinnen konnte; das lockte denn auch mehr und mehrere, die ihre Nachbarinnen täglich Gelder heimbringen sahen, wie sie ihnen nur für die ganze Woche zur Verfügung standen. Waren die ersten langsam und spärlich gekommen, so bieten sich heute mehr an als zu brauchen sind. Auch ihre Arbeit war anfangs keine gute; sie stellten sich ungeschickt und selbst unwillig an. Aber die Geduld der französischen Lehrmeisterinnen und Aufseherinnen überwand dieses Widerstreben und jetzt, wo jede Anfängerin so viele geübte Genossinnen findet, bringt sie wie anderwärts den Ehrgeiz mit, es ihren Vorgängerinnen gleich zu thun. Die Arbeit ist fleißig und ordentlich geworden, und ihr Product nennt Herr Marschall reinlich und gleichmäßig, und so war wirklich die Seide, die er uns in seinen Vorrathskammern zeigte. Auch die Arbeitslocale fand ich sauber und die Luft darin bis auf den unvermeidlichen Leimgeruch gut. Der Tagelohn steht heute, wie sie finden, nieder, 4 bis 5 Piaster, steigt aber bis zu 10 Piaster. Des Vergleiches halber stelle ich daneben einige Lohnsätze der Baseler Seidenfabriken, die in Europa als außerordentlich niedrige gelten: Einer Weberin wird dort 2 Frcs. bis 2 Frcs. 30 Cents. für den Tag, einer Zettlerin 7 bis 8 Frcs. für die Woche, untergeordnetern Arbeitern auch nur 4½ bis 5 Frcs. wöchentlich gegeben.

Die allgemeinen Folgen dieser Verwendung türkischer Weiber im Fabriksbetriebe schildern mir Herr Dufour und Herr Marschall als sehr wohlthätige und weitreichende. Sie haben zugleich die wirthschaftliche Lage und die sociale Stellung der Frau gehoben; das Weib, das sonst nur durch seine Besorgung des Hauswesens galt, gilt jetzt der Familie auch durch den selbständigen und eigenthümlichen Erwerb, den es von außen in die gemeinschaftliche Casse beisteuert. Das erste Verdienst konnte der Mann übersehen, weil der Egoismus der Gewohnheit überhaupt geneigt ist, die Werthschätzung für die täglich wiederkehrenden Dienste zu verlieren; das zweite aber kam ihm so unerwartet, so ganz außer der pflichtigen Ordnung, und kommt ihm jeden Tag in so klingender Gestalt wieder, daß er dafür dem Weibe eine erkenntlichere Dankbarkeit zollen muß. Bis jetzt sind diese Vortheile ohne die Nachtheile geblieben, welche wir sonst beinahe überall der Etablirung von Fabriken folgen sehen, so daß man sich bei uns schon den Trost der Unvermeidlichkeit dafür zurecht gelegt hat. Noch ist die türkische Arbeiterfamilie nicht auseinander gerissen, nicht haus- und besitzlos und verloren in den Interessen eines hungernden Proletarier-Haufens, und die Frau kehrt noch nach den Arbeitsstunden in die Abgeschlossenheit und Sittenstrenge des Harems statt in die Ausgelassenheit und Lüderlichkeit des Branntweinhauses zurück. In einigen Gegenden der Schweizer und Schwarzwälder Berge habe ich das Fabriksleben ähnlich gestaltet gesehen. Erhält sich das, so haben Herr Marschall und seine Gewerbsgenossen mehr für die Befestigung und Weiterbildung der Türkei gethan, als alle europäischen Congresse und Journale, die endlich doch nur einem noch ungewohnten Magen die überfeinerten Speisen ihres Tisches zumutheten. Auf diesen Wegen, auf denen der Arbeit und des Erwerbes, liegt die Umgestaltung des türkischen Volkes, wo sie überhaupt nothwendig ist; und es ist falsch zu behaupten, wie so Vieles, das sich Europa einbildet, daß der Koran diesen Zielen entgegenstehe. Der Koran verbietet so wenig die Arbeit und auch die industrielle nicht, daß er vielmehr vorschreibt, Jeder solle ein Gewerbe treiben und Glied einer Zunft sein. Und haben endlich nicht schon einmal die Araber durch den glänzendsten Betrieb der Gewerbe, Künste und Wissenschaften bewiesen, daß der Mohammedanismus kein Hinderniß zur Verwerthung der menschlichen Fähigkeiten sei? Was Europa von der Grundlage seiner heutigen Bildung nicht den Griechen und Römern zu danken hat, das schuldet es den Mohammedanern des Mittelalters. Da also der Glaube keine Schranke und das Vermögen im Volke vorhanden ist, warum soll ich zweifeln, daß die Türkei im Stande sein werde, auch gesteigertere Bedürfnisse als ihre heutigen zu befriedigen. Ob sie dann glücklicher, wenn sie ihr Leben an hundert neue Nothwendigkeiten festgebunden haben wird, ist eine andere Frage. Leider aber sehe ich ihr die Wahl nicht mehr frei, weil sie mit eingetreten ist in das Regiment der Civilisationsstaaten. Ganz dieselben Uniformen braucht sie nicht anzuziehen, aber die Ruhelosigkeit, das rücksichtslose Weiterdrängen muß jetzt auch ihre Gangart werden. Es geht den Staaten wie dem Einzelnen. Wer in eine jener modernen Gesellschaftsverbindungen eintritt, sei’s durch freien Entschluß des Willens oder durch die unvermeidliche Fügung der Geburt, kann diesen Zuwachs an Hilfe nur durch Aufopferung eines Theiles seiner Selbständigkeit erkaufen. Darum auch in unserer Zeit der Vereine so selten nur mehr originale und sonderbar angelegte Menschen. Das sind die Triumphe der freiheitlichen Gleichheit, die mit despotischem Riesenbügeleisen alle Falten nieder und glatt legt. Duldung, die sonst so viele Eigenthümlichkeiten aufwachsen ließ, gilt nur noch wie eines jener verlorenen Worte aus der Sprache des Nibelungenliedes. Es weiß wohl Jeder, daß es zur Geschichte gehört, aber verstanden wird es nur von den Wenigen, deren Blick rückwärts gerichtet ist auf die Vergangenheit. In den Epochen des Entstehens, des Werdens und Aufblühens ist das anders, da gilt der Einzelne und die Verschiedenheiten vertragen sich. Die Zeit der Civilisation, der Verbürgerlichung, ist die des Verfalles und ihr würdiges Staatskleid die constitutionelle Regierungsform, dieser Nothbehelf der Schwäche, wo die Quantität den Mangel der Qualität ersetzen soll. Nicht der jetzige Sultan und nicht Abdul Medschid, auch Mahmud nicht, der nur ein etwas voreiliges Werkzeug in der Hand des hereingebrochenen Verhängnisses war, hat diese Wahl für das Reich so entschieden; das geschah, als der Türkei die Kraft verloren ging, dem gesammten Europa die Stirne zu bieten. „Gegen mich oder mit mir!“ das ist die Losung der heutigen Civilisation, wie es die jeder übermächtigen, der persischen und der römischen gewesen war. Ein „ohne mich und außer mir!“ wird nicht geduldet. Und wirklich scheint es eines der Gesetze zu sein, welche von Anfang an die Ordnung der Welt bestimmt haben, daß Keiner, so lange er in der Gesellschaft steht, aus der Art seiner Mitlebenden heraustreten dürfe; die Sonderlinge, welche ihrer Zeit vorausgehen oder hinter ihr zurückbleiben wollten, wurden immer gekreuzigt und verbannt. Daher dann auch in den Tagen des äußersten Verfalles das Sehnen der Vielen, die sich edler, aber zu schwach zum Kampfe fühlen, nach Ruhe und Einsamkeit. Der enge Gipfel einer Säule wie die endlose Fläche einer Wüste können zum Paradiese werden, wenn die übrige Welt in eine Hölle der Laster und Verkehrtheit verwandelt ist.

Die nächste Seidenmühle, wohin man mich führte, war die des Herrn Prote. Der Arbeitssaal ist noch größer und besser eingerichtet als der der Marschall’schen Fabrik. Was irgendwie emancipirbar ist von der menschlichen Hand, besorgt auch hier der Dampf, und von dem übrigen ein gut Theil die Arbeit türkischer Frauen. Den Eigenthümer, der in Geschäftsangelegenheiten in Frankreich abwesend ist, ersetzte seine Gemahlin. Nachdem wir alle Räume der Fabrik besichtigt hatten, nöthigte sie uns in ihr Wohnhaus einzutreten. Die Frau, die dann für einige Minuten verschwand, um ihre Handwerkskleider gegen eine schlichte aber gut gewählte Toilette umzutauschen, war vor ungefähr 16 Jahren, als sie Herr Dufour hierher verpflanzte, noch eine simple Seidenspinnerin gewesen. Der Vortheil der Vorhand, denn sie und ihr Gatte waren unter den ersten französischen Ansiedlern, ausdauernder Fleiß, dankbare Anhänglichkeit an ihren Wohlthäter Herrn Dufour, und der klare Verstand, an dem ich mich lernend ergötzte, haben ihr und ihrem Manne das gegeben, was sie mir heute mit der behäbigen Zufriedenheit des selbstverdienten Besitzes zeigen konnte: ein großes einträgliches Unternehmen, ausgebreitete Handelsverbindungen, Grundbesitz, einen kleinen Garten und ein wohleingerichtetes Haus, wo sie uns in einem eleganten Salon mit frischem Obst, Cliquots und süßen Weinen bewirthete. Stolz, wie mir die Frau ihr gegenwärtiges Glück gezeigt hatte, sprach sie von ihrer ärmlichen Vergangenheit und daß sie immer noch wie damals dem Herrn Dufour allein die Erziehung der Seidenwürmer in seinem Versuchshofe besorge. Dorthin begleitete sie uns denn auch, um gemeinschaftlich mit Herrn Dufour den ganzen Proceß der Seidenraupenzucht, die Eigenthümlichkeiten der verschiedenen Racen und die Unterschiede der Brussaer Züchtungsmethode von der in Europa üblichen zu erklären.

Der erste Unterschied liegt beim Maulbeerbaume. In Europa benutzt man nur den zahmen. Man pfropft den Baum, und erst wenn man sein Blut so weit gebändigt hat, glaubt man seine Blätter diesen empfindlichen Thierchen verdaulich. Hier vertraut man dem wilden Sprößling der Natur, läßt ihn aber, wo er diesem Zwecke dienen soll, nicht zum Baume, nur zum Strauche aufwachsen. Die Zweige werden ihm früher abgebrochen, und das gerade, um sie den Seidenwürmern als Speise zu serviren. Diese Art der Speisung macht den zweiten Unterschied, denn in Europa servirt man den Seidenraupen nur die Blätter, die Stück für Stück von den Aesten gebrochen werden. Diese mühsame Arbeit thut der türkische Bauer für die Seidenraupen nur, so lange sie in ihrer zartesten Kindheit sind. In ihrem ersten Alter tischt er ihnen die Blätter losgelöst und in Bouquetten gebunden auf, in ihrem zweiten, stärkeren, schon an kleinen Zweigen, und in ihrem dritten, entwickelten, an ganzen Aesten; die legt er, je vier Stück in ein Quadrat geordnet, über einander und immer neue darauf, je mehr die Thiere die unteren entlauben und in die oberen hinaufsteigen. Zuletzt kann er die untersten, die nichts mehr als blätterlose Ruthen sind, leicht und ohne die Ruhe der oberen zu stören, unter dem Stoße wegnehmen. Das geschieht auf dem Boden der Zuchtanstalten, die nichts Besseres als die Speicher der Bauernhäuser sind, wie denn der Türke überhaupt eine Menge der Vorsichten, welche wir für diese Thiere unentbehrlich glauben, nicht beobachtet.

Man hat längst von dieser Art in Europa gewußt, aber nicht der Prüfung werth gehalten, ob sie nicht doch vielleicht eine andere Ursache als die Faulheit der Türken und eine andere Folge als die Verkümmerung der Thiere habe. Daß man die Blätter mühsam zusammenlese, erschien um so viel fleißiger, daß unsere ohnedies zur Ueberzeugung der Unübertrefflichkeit neigende Einbildung den besten Grund hatte, ihre Art ohne Weiteres für die beste zu halten. Man verurtheilte die Trägheit der türkischen Züchter und bedauerte die schlimme Lage der türkischen Raupen, um mit der Verdammung und dem Mitleiden die Sache auf die bequemste und selbstgefälligste Weise abzuthun. Auch Herr Dufour hat das nachtrompetet und noch Jahre lang, nachdem er an Ort und Stelle die Dinge anders gesehen. Ja er bemühte sich sogar, die Türken zu seiner Fütterungsweise zu bekehren, bis er plötzlich in seinem Versuchshofe die Seidenwürmer-Krankheit hatte, während sie um ihn herum bei den Bauern nicht war. Das machte ihn zuerst zweifelhaft an der Unfehlbarkeit seiner Züchtungsmethode. Er begann in seinem Versuchshofe Thiere auch nach der landesüblichen Fütterungsweise zu erziehen, und siehe da, er hatte die Beschämung, zu erfahren, daß von zwei Proben, die er hart nebeneinander aufstellte, diejenige krank wurde, welcher er die Blätter, und diejenige gesund blieb, welcher er die Zweige zum Fressen gegeben hatte. Das gefunden, suchte er diese Entdeckung durch die Proben einer Reihe von Jahren zu bewähren. Von den Seidenwürmern aller Seidenländer der Welt legte er je zwei Nester an, das eine um sie nach europäischer Weise ausschließlich durch Blätter, das andere um sie nach türkischer Art zumeist durch die belaubten Zweige des Maulbeerbaumes zu nähren. Heute noch sah ich das so eingerichtet, und an den meisten konnte er mir die Bestätigung seiner Entdeckung weisen. In dem einen krabbelten die Thiere beweglich und gesund in den belaubten Zweigen herum, während sie in dem andern träge und beinahe wie schon abgestorben auf den zweiglosen Blättern klebten.

Die Erklärung dafür ist ebenso leicht begriffen als gegeben. Der natürliche Zustand dieses Thieres ist der, sich wie jede andere Raupe an dem Baume selbst die Nahrung zu holen. Dazu muß es kriechen, muß von einem Blatte zum anderen sich bemühen, muß Bewegung machen. Diese Bemühung wird ihm erspart, wenn man ihm klein zugerichtet die Speise in Unmasse auftischt; es fehlt ihm dann aber auch die Veranlassung das Genossene zu verdauen und den Appetit zu neuem Genusse zu sammeln. Gefräßig, wie alles Thierische, füllt es, wenn nicht anders gezwungen, die Zeit nur mit dem Fressen aus und überfrißt sich. Der Schaden, den die Menge anstiftet, wird noch schlimmer durch den Zustand der Speise, der meistens ein verdorbener ist, weil die Blätter, die dicht auf einander liegen, leicht in Gährung übergehen. Das veranlaßt dann, wie es unter solchen Bedingungen auch dem Menschen nicht fehlen würde, eine indigestion de l’estomac, die hinwiederum in der Beharrlichkeit, in der sie erhalten wird, die Seidenwürmer-Krankheit erzeugt. So ist denn diese nicht durch das Klima, nicht durch eine üble Einrichtung der Zuchthäuser, nicht durch eine Erkrankung der Maulbeerbäume verschuldet, weil nirgends nachgewiesen ist, daß die Bäume von einer Krankheit befallen sind, sie ist — wie gezeigt — allmälig durch die Zähmung des Maulbeerbaumes und durch die Fütterung mit den bloßen Blättern, durch die Wahl und Art der Nahrung also verursacht und befestigt worden. Wo sich der Stoff einmal festgesetzt, da ist die Krankheit, wie das so oft bei zeugenden Organismen geschieht, eine erbliche geworden. Ansteckend hat sie Herr Dufour jedoch nicht gefunden. Die Krankheiten, welche auch in der Türkei während der Jahre 1857 und 1858 herrschten, hatten nach seinen genauen Beobachtungen keine Aehnlichkeit mit den europäischen.

Der gesunde Sinn des Orientalen, der dem Natürlichen überhaupt näher geblieben sei, habe — so meint Herr Dufour — den Türken in dieser wichtigen Frage das Richtige treffen und dabei beharren lassen, während es in Frankreich Jahre brauchte, um nur einen Zweifel an der Vortrefflichkeit der dortigen Uebercultur glaubhaft zu machen. Er hofft übrigens, daß auch in Italien und in Oesterreich seine Untersuchungen nicht unbeachtet bleiben. In Oesterreich könnten sie sich ganz besonders vortheilhaft erweisen, weil die türkische Züchtungsmethode neben anderen Vorzügen auch den der Wohlfeilheit hat und die österreichische Industrie an zu theueren Productionskosten krankt. Schon die andere Pflege des Maulbeerbaumes begünstigt den Türken mit einem Gewinne von 25 Procent, die ihm der wild und strauchartig gehaltene Baum mehr an Blättern trägt. Weiters enthält das Blatt des Wildlings 30 Procent Nährstoff, darunter 5 Procent Seidenstoff mehr. Zwei Erziehungen derselben Gattung und Zahl von Würmern nebeneinander gestellt, brauchten die mit den Blättern des zahmen Baumes gespeisten 30 Procent mehr als die vom wilden gefütterten. Auch zieht der Wurm den Wildling vor. An Handarbeit werden hier überdies 70 Procent erspart. Alle Vortheile zusammen und in Geld umgerechnet, gewinnt der türkische Züchter durch seine Methode an der Unze Seidenwürmersamen ein Plus von 126 Frcs. 20 Cents. Der Gewinnst steht den europäischen Seidenproducenten zur Verfügung und dazu noch die Ersparniß der kostspieligen und lebensgefährlichen Expeditionen nach Persien und China, die doch resultatlos blieben, weil schon im nächsten Jahre nach der Umpflanzung der neue Same wieder krank geworden war durch dieselbe verkommene Frucht, die man der Raupe wieder zu fressen gegeben hatte. Herr Dufour behauptet übrigens, und er züchtet hier alle Raupengattungen nebeneinander, daß die von Brussa die beste sei, wie ja auch die Brussaer Seide als die beste auf den französischen Märkten gekauft werde. Er räth von hier sich Eier kommen zu lassen, sie nach hiesiger Art zu erziehen, und verspricht, daß dann Europa bald seiner Seidenwürmer-Krankheit ledig und wieder reich an Ernten sein werde. Er machte mich aufmerksam auf die Eigenschaften, welche Dalmatien zu dieser Production angeboren sind. Ganz andere Resultate als die bis jetzt erreichten seien dort leicht mögliche. Diese regsamer anzustreben könne vielleicht die Einführung einer neuen Productionsmethode den Anstoß geben. Den gegeben zu haben, das wäre nun allerdings eine Wohlthat, etwas empfindlicher, als sie bureaukratische Erlässe gewöhnlich sind; denn in Dalmatien, das isolirt außer aller Weltbewegung geblieben, wird jetzt noch die erste Ermunterung von der Regierung ausgehen müssen. Das Land hat Arbeitskraft genug, und es hat das Meer vor seiner Thüre, aber es fehlt ihm die Findigkeit und der Eifer, die eine und das andere zu verwerthen. Kein geschickteres Mittel dazu, als ein großartiger und emsiger Betrieb der Seidencultur, die der Landwirthschaft und Industrie zu thun, der Gesundheit keinen Schaden und dem Handel fortwährende Beschäftigung gibt, weil der Seidenmärkte so viele und so reiche sind, daß die Nachfrage noch lange als eine unerschöpfliche gelten kann.

In Brussa sind dermalen 56 Seidenfabriken thätig, im ganzen Bezirke ihrer 90 mit 5400 Kesseln. (In Oesterreich 83 Filanden mit 4000 Kesseln, in Preußen 133 Anstalten für Mouliniren, Haspeln und Zwirnen.) Es sind nicht mehr als 16 Jahre, daß dieses Gewerbe sich hier fabriksmäßig constituirt und so entwickelt hat. Daneben thut immer noch viel die Hausindustrie, wie sie denn allein die Weberei besorgt. Darum aber auch für alle Gewebe Preise, die zur Ausfuhr auf den europäischen Markt zu hohe sind; denn dort, wo die Mode jeden Tag Anderes ordinirt, ist die Dauerhaftigkeit des Stoffes eher ein Hinderniß des Absatzes und nur die Niedrigkeit des Preises eine Empfehlung geworden. Und es ist ganz in der Ordnung und wäre wirthschaftliche Verschwendung, wenn es der Producent anders machte, daß dem veränderten Bedürfnisse veränderte Waare geboten werde. Das Idealziel eines unbedingt besten Productes kennt das Streben des heutigen Gewerbsmannes nicht; ihm ist jede Waare bedingt durch die dermaligen Ansprüche seiner Kunden und diejenige die beste, welche diese Ansprüche am vollständigsten befriedigt. Hier im Oriente, wo sich wie in dem Mittelalter unserer Entwicklung die Prachtgewänder der Eltern mit dem anderen festen Besitze in die Nutznießung der Kinder vererben, sind diese Ansprüche an die Waaren andere, und darf darum auch die Production eine anders eingerichtete sein. Durch dieselbe für den europäischen Markt arbeiten zu wollen, wird ein unglückliches Experiment sein, dem ich nur die wenigen Käufer verspreche, welche die Raritätenpassion zur Nachfrage treibt. Auch zur Uebertragung der europäischen Productionsmethoden in die hiesige Seidenweberei halte ich den Augenblick hier noch nicht gekommen; es fehlt an dem Ueberflusse von Arbeits- und Capitalkräften, der dazu nothwendig ist. Was davon vorhanden und auch das Mehr, welches in den nächsten Jahren vielleicht zufließt, wird vortheilhafter für den Einzelnen und für den Staat in anderen mehr primitiven Productionszweigen angelegt. Ueberläßt man diese Industrie ihrem natürlichen Selfgovernment, so werden türkische Seidenstoffe noch lange, vielleicht ein ganzes Jahrhundert fort, einen großen und ergiebigen Markt nur in ihrer Heimath haben, wo ihnen die Besonderheit des Geschmackes gegen fremde Eindringlichkeit einen gewissen Schutz verleiht. Diese Lage voreilig günstiger, die Grenzen der Consumtion auch für türkische Gewebe weiter gestalten zu wollen, wäre ein widernatürliches Bestreben, das sich zuletzt in den volkswirthschaftlichen Dingen noch schädlicher als in allen Lebensverhältnissen überhaupt bewährt.

Ich habe wohl einige Zahlen über die Brussaer und die gesammte türkische Seidenproduction gesammelt, aber nicht auf sie eigentlich, mehr auf die unmittelbare Anschauung des Lebendigen selbst meine Urtheile gegründet. Denn entgegen der allgemeinen Meinung habe ich für statistische Zahlen nur geringen Respect und für die Sache, die sich nur durch sie beweisen läßt, gar keinen Glauben. Ich habe sie zu oft doppelsinnig und dieselbe Zahl in zu vielen Parteilagern gefunden, und muß überdies sogar, weil ich den Leichtsinn, der diese Zahlen sammelt und zusammenstellt, persönlich kennen lernte, diese Vielseitigkeit ihrer Natur gemäß finden. Bestätigen und ordnen das, was die Augen im Leben selbst gesehen haben, das können sie; aber alleiniger und verläßlicher Wegweiser werden sie mir nie sein, und waren sie mir auch hier nicht.

Zu den Zahlen, die ich oben schon mittheilte und die mir so wie jene dienten, verzeichne ich noch die folgenden: Brussa erzeugt jährlich an Cocons 600.000 Okas, das sind 13.687 Ctr. Davon führt es 36.000 Okas, das sind 821 Ctr., aus; den Rest verarbeitet es zu Rohseide im Gewichte von 300.000 Okas, das sind 6843 Ctr. (Oesterreich producirte 1863 an Rohseide und Abfällen 18.000 Ctr.) 161.700 Okas, das sind 3688 Ctr., von dieser Productionsmenge von Rohseide überläßt Brussa an fremde Märkte. Seine gesammte Seidenausfuhr beträgt also:

Cocons  36.000 Okas =  821 Ctr.,
Rohseide 161.700   „ = 3688  „
 Summa 197.700 Okas = 4509 Ctr.,

im Werthe von ungefähr 8 Mill. Frcs. Daneben stelle ich die Zahlen der Ausfuhrwerthe einiger anderer Seidenländer, mehr um die Bedeutung ersichtlich zu machen, welche dieser Productionszweig in der Weltwirthschaft überhaupt hat, als um einen Maßstab für die Werthbestimmung der türkischen Production zu geben. Denn ein Vergleich, wo die Ausfuhren der einzelnen Länder beinahe mehr durch die Waarengattungen als durch die Zifferngrößen von einander verschieden sind, würde hier zu einer Sünde gegen die Wahrheit werden. Jede Ausfuhr vertritt ein anderes Stadium der Seidenproduction, worin das ausführende Land eben besonders stark ist. Danach geordnet steht allen voran die Türkei mit einer Ausfuhr von größtentheils Cocons, Roh- und Flockseide im Werthe von ungefähr 79 Mill. Frcs.; ihr beinahe gleich durch die Waarengattung Oesterreich mit einer Seidenausfuhr von 15 Mill. fl.; zunächst England, das alles Rohmaterial einführen muß, um es zumeist in Garne zu verarbeiten und in solcher Gestalt einen Werth von 60 Mill. Frcs. auszuführen; endlich auf der dritten Productionsstufe, der der Weberei, der Zollverein mit einer Seidenausfuhr von 27 Mill. Thlr.; die Schweiz mit einer Ausfuhr von 188 Mill. Frcs. und Frankreich mit einer Seidenausfuhr von 494 Mill. Frcs. Werth.

Bestochen durch die ungeheueren Summen, welche auf dieser letzten Stufe gewonnen werden, preist man sie gewöhnlich als die der Arbeit lohnendste und das Land, welches sie erklommen hat, als das glücklichste. Insbesondere sind es die Schutzzöllner, die mit solcher Darstellung ihre Grundsätze und Wünsche zu motiviren suchen. Ich halte das für einen Irrthum. Als Ganzes genommen erwirbt die Weberei allerdings größere Summen, als irgend eine der voraus liegenden Productionsstufen; die Arbeit selbst aber, das einzelne Maß ist auf allen durchschnittlich gleich bezahlt. Denn abgesehen davon, daß von den producirten Werthen der Weberei die Kosten abzuziehen sind, welche sie dem Garn- und Rohseidelieferanten gezahlt hat, ist auch in ihr ein größeres Quantum von Arbeit nöthig, als in den früheren Productionsstadien. Das Mehr des Erworbenen gleichmäßig unter dieses Mehr der Arbeitskräfte nach dem Verhältnisse der von ihnen geopferten Zeit und Mühe vertheilt, wird sich schließlich jede einzelne Arbeiterzahl ziemlich mit demselben Betrage wie in der Zwirnerei und Coconszucht belohnt finden. An und für sich ist also die Weberei nicht besonders vortheilhafter; sie wird es nur dort, wo ein größerer Reichthum an Arbeitskräften Beschäftigung und Lohn sucht. Solchen Ländern wird sie, aber das wie jede neue Erwerbsquelle überhaupt, eine Speise für den Hunger sein. Daß sie im rechten Augenblicke das werden, daß sie aufleben und sich ausbreiten könne, wenn die Volkszahl dem Becher der Landesgrenzen überzufließen droht, daß ihr aber einstweilen nur die Wurzel zu diesem künftigen Wachsthume bewahrt werde, das finde ich die eigentliche Aufgabe einer schutzzöllnerischen Politik, wie ich sie verstehe. Was die Schutzzöllner gewöhnlich wollen, die Weberei ohne jede Rücksicht auf das Zeitgemäße, blos weil sie sie bei dem Nachbar glänzend und einbringlich sehen, auch in ihres Volkes Wirthschaft einzuzwängen, das kömmt mir wie die gewaltsame Heranbildung von Wunderkindern vor; die vorzeitige Reife rächt sich durch frühzeitige Verkümmerung.

Der größte Theil der türkischen Seidenausfuhr von 79 Mill. Frcs. geht nach England und Frankreich. Nach England 213.400 Okas, das sind 4868 Ctr., für 5 Mill. Frcs., und nach Frankreich 1,258.700 Okas, das sind 28.717 Ctr., für 51 Mill. Frcs. Die französische Seidenspinnerei und -Weberei bezahlt für Rohmaterial überhaupt an das Ausland 181 Mill. Frcs., der Türkei also allein den dritten Theil ihres ganzen auswärtigen Bezuges. Dieses eine Verhältniß scheint mir zu genügen, um die Bedeutung des türkischen Reiches für die französische Volkswirthschaft festzustellen. Uebrigens reden nicht in diesem einen Handelszweige allein so die Zahlen. Im vorigen Jahre hat Frankreich aus der Türkei bei sich eingeführt einen Werth von 138 Mill. Frcs. und nach ihr ausgeführt einen anderen von 114 Mill. Frcs., zusammen also einen Verkehr von 252 Mill. Frcs. Werth mit der Türkei gehabt. Das repräsentirt 5 Procent seines gesammten auswärtigen Handels. Daß in diesem Tausche die Türkei zumeist Rohproducte, Frankreich dafür Manufacte liefere, sagt die dermalige national-ökonomische Lage der beiden Länder. Welches ergiebige Feld der Ernte also für die französische Industrie dieses türkische Reich, das ihr näher als andere überseeische Länder und offen ist, beinahe wie die heimischen Märkte selbst, denn den türkischen Zoll von 8 Procent fühlt der Handel kaum. Und einen solchen Kunden umzubringen sollte Frankreich, wie manche Politiker vermuthen, ernstlich gewillt sein? Die Türken aus der Türkei fortjagen, um Gott weiß wen an ihre Stelle zu setzen, der seine Thüre vielleicht ganz verschließen, gewiß nicht so freihändlerisch offen stehen lassen würde? Es wäre Mord, aber zugleich auch Selbstmord, und den traue ich einer Nation und einer Regierung, die lebenslustig wie die französische ist, nicht zu. Die Pläne der französischen Politik in der Türkei wollen Anderes als die Vernichtung. Das beweisen die vielen Fabriken, womit die Franzosen Kleinasien bevölkern; das die Schulen und die Kirchen, die sie, wo nur der Schein eines Bedürfnisses auftritt, den Christen und Juden zuvorkommend erbauen, mit Geldern und Lehrern dotiren, um sie von Paris aus wie die Dependenzen irgend einer ihrer Präfecturen zu verwalten. Das verpflichtet sie dann, schon scheinbar um der Humanität willen, neue Rechte zum Schutze ihrer Angehörigen zu beanspruchen, und erwirbt ihnen ohne zu erobern die Oberherrschaft über ein Land, dessen Volkswirthschaft insbesondere sie sich wie die einer Colonie unterthänig haben wollen. Dieses sind die Wünsche und Ziele, die ich in den Plänen der orientalischen Politik Frankreichs vermuthe; Glauben an den Zusammensturz der Türkei gebe ich ihr keinen schuld. Den hat sie vielleicht manchmal geheuchelt, um beutegierigen Concurrrenten den kranken Mann als keiner Bemühung mehr werth erscheinen zu lassen, aber ernstlich und dauernd gehegt hat ihn die französische Politik gewiß nicht. Einer der erfolgreichst Getäuschten ist Oesterreich. Dort hat sich der Glaube schon beinahe in den Wunsch nach dem Ableben des kranken Mannes verwandelt; natürlich weil man von seinem wahrscheinlichen Erben, den griechischen Russen, schon so viel Freundliches erfahren hat. Von dort aus regt sich denn auch keine Thätigkeit, um den französischen Händlern Concurrenz zu machen; kein Versuch z. B. mit Glas, mit Eisen, mit Baumwollwaaren in Brussa Seide einzutauschen, wenn auch nicht für die eigene Weberei, weil diese noch nicht entwickelt genug ist, so doch für den ansehnlichen Bedarf (jährlich 34.000 Ctr.) der Züricher und Baseler Fabriken. Der Gewinn an Frachtlöhnen bliebe unseren Schiffen, dem Lloyd, den Häfen von Triest und Venedig und den südlichen Eisenbahnen. Allerdings hemmt gleich bei diesen eine Lücke dermalen noch die Ausführung eines solchen Projectes. Die Eisenbahn durch Tirol nach dem Bodensee ist durchaus nothwendig, um der Schweiz einen Theil ihres Seidebedarfs auf österreichischen Schiffen aus der Levante zuzuführen. Diese Bahn ist gerade mit Rücksicht auf den für Oesterreich so sehr wichtigen Handel mit dem Oriente eine der nothwendigsten.

Brussa, den 30. Mai.

Gög-Dere — Himmelsthal — heißt die Schlucht, welche die Stadt in zwei Theile scheidet, und Gög-Su das Wasser, das darinnen vom Olymp herabkömmt. Oben auf dem Berge ist Gög-Dere wirklich ein Thal, breit und mit reichlichem Grün ausgefüllt; unten im flachen Lande aber stehen seine Wände einander so nahe, daß sie zu überspannen der einzige Spitzbogen einer kühn geschwungenen Brücke genügt. Steil und tief senken sie sich zu dem Wildbache hinab. Felsen springen aus den Uferhängen hervor, scharf und kantig als seien eben erst Stücke davon weggebrochen, und unten im Bette liegen andere glatt und rund vom anprallenden Wasser zugeschliffen. Auf einem solchen Blocke haben wir heute Morgens das Frühstück genommen, die Gäste einer armenischen Familie, die eines der Häuser oben auf dem Ufersaume der Schlucht besitzt. Von einer kleinen Blumenterrasse waren wir schmale Fußsteige und eingehauene Stufen hinab und unten über eine künstliche Brücke auf das Felseneiland geführt worden, wo Tisch und Stühle bereitet waren. Dort sitzend tafelten wir eingeengt wie in eine der himmelhohen Gassen unserer europäischen Hauptstädte, nur daß statt des unruhevollen Menschengedränges das einsame Rauschen des Wassers und statt der häßlichen Häusermauern lebendiges Erdreich uns umgab. Denn Blumen und Schlingpflanzen und selbst ganze Stauden wachsen aus den Uferhängen hervor und verkleiden sie, und wo sich auf einem vorspringenden Felsen so viel Erde gesammelt hat, um einer Wurzel Halt und Kräftigung zu geben, da haben sich sogar Bäume wie auf Postamenten aufgestellt; die neigen sich über und schauen herab, als wollten sie sich im Wasser bespiegeln. Hinter uns, dort wo der Bach mit hüpfenden Fällen herkömmt, war die Aussicht durch eine undurchdringliche Wildniß von Büschen und Schlinggewächsen verschlossen, und vor uns sahen wir unter dem malerischen Bogen der sarazenischen Brücke hinweg in die Ebene, die eingerahmt zwischen den Uferwänden in weiter Ferne wie der Ausblick aus irgend einer Lebensenge auf breitere Hoffnungsfelder erschien. Das ganze reiche Wachsthum der überfließenden Natur hier unten ist das Werk weniger Wochen. Denn jährlich mit dem ersten Frühlinge, wenn die Schneemassen des Olympes geschmolzen zu Thale fließen, nehmen sie auch das Holz mit sich, welches das vorige Jahr in dieser immerkühlen Höhlung geschaffen hatte. Das zeigt recht wie zeugungskräftig dieser Boden ist.

Die Hausleute erfreuten sich sichtlich an dem Gefallen, welches ich an dem Orte und an der ganzen Situation fand. Mit ihrer Freundlichkeit entwickelte sich auch ihre Mittheilsamkeit. Weine, Liquere, Caffee, frische Erdbeeren, eingesottene Früchte und Bäckereien wurden herum gereicht, und dazu von dem erzählt, was hier noch immer die Phantasie der Menschen füllt — so schrecklich muß es gewesen sein — dem Erdbeben des Jahres 1855. Sie zeigten die Felsen, die es damals aus den Ufern herabgestürzt hat, und die, zu mächtig selbst für die Gewalt des Frühjahrsstromes, immer noch mitten im Flusse liegen, leicht unterscheidbar von den anderen, die als Gerölle von den Bergen herabgespült worden sind, durch ihre scharfen Kanten und Ecken. Von der Brücke erzählten sie, daß sie ehemals bedeckt und von Buden eingefaßt gewesen sei, daß diese aber auch das Erdbeben zu Falle gebracht habe. Zweimal hatten sich die Stöße wiederholt, jedesmal mit solcher Intensität, daß in wenigen Secunden ganze Stadttheile niedergelegt und die festesten Bauten verletzt waren. Wer konnte, rettete sich hinab in die Ebene, um wenigstens geborgen vor den vom Berge herabfallenden Steinblöcken zu sein. Dort lebten Tausende wochenlang unter Teppichen und Decken, die sie in Zelte zusammengeflickt hatten. Insbesondere schien die Frau unseres Wirthes noch unter dem Eindrucke jenes Ereignisses zu zittern. Ein einziger Felsblock hatte vor ihren Augen ihr Haus zerdrückt; sie war dann nach Constantinopel geflüchtet, und hatte ein ganzes Jahr lang nicht den Muth zur Rückkehr finden können. Die schwächeren Erdstöße, die seitdem immer wieder verriethen, daß die Kraft, welche diese Berge geformt, noch nicht zur Ruhe gekommen ist, haben sie in eine fortwährende Aengstlichkeit versetzt, so daß sie jedes Geräusch für das Zeichen eines neuen Erdstoßes hält. Das gab Veranlassung zu manchem Scherze und quälender Neckerei.

Dann aber sprachen die Leute auch von dem Glücke ihrer Ehe, von Kindern und Enkeln. Das brachte mich dahin das Begehren auszusprechen, das unseren Besuch eigentlich veranlaßt hatte, das Innere ihres Hauses zu sehen. Das wurde gerne gewährt. Eine breite Holztreppe führt nach dem ersten Stockwerke. Sie läuft dort in die Sala aus, welche hier aber nicht nur in der einen Richtung von vorne nach hinten das Haus durchschneidet, wie in Italien, sondern auch von rechts nach links, so daß in das Quadrat des ganzen Baues ein regelmäßiges gleichschenkliches Kreuz gelegt ist; da an jedem Ende desselben Fenster sind, ist dadurch noch mehr Durchzug und Kühle als in dem italienischen Hause gewonnen. Die vier durch das Kreuz ausgeschnittenen Winkel des Hauses dienen zu den besonderen Gemächern der Familie. In einem sind die Staatsstuben, in dem anderen die Arbeitszimmer des Hausherrn, in dem dritten die Schlafzimmer und in dem vierten die Wohnungen für den Schwiegersohn und die Tochter angebracht. An den Wänden laufen niedere Divane her, die mit einfachem Kattun überzogen sind, wie denn überhaupt die ganze Einrichtung unserer Verwöhnung sehr einfach erscheint, und das bei Leuten, die ihr Vermögen nach Hunderttausenden zählen. Nur der sogenannte Salon macht einigen Anspruch auf größere Eleganz durch die europäischen Canapees, Schaukelstühle und Standuhren, die darin zur Schau gestellt sind. Auf der Treppe stand eine große Marmorvase aus so dünnem Steine, daß er beinahe durchscheinend ist, mit folgender bisher unentzifferter und auch meiner Unwissenheit nicht lesbaren Inschrift:

ΕΛΕΥξΙΕCΤξΙΖΙΔ.

Die Vase ist in Kutahia, dem alten Cotiaium, einer phrygischen Stadt, zwei Tagereisen von hier gefunden. Ihre Formen sind die rohen einer verkommenen Bildung, welche aber doch noch die Spuren einer edleren Abstammung festgehalten haben.

Was bei uns Hof wäre, ist hier als Garten hergerichtet. Die Wege sind geradlinig und schmal, mit blendend weißem Sande bestreut; die Beete klein, von Buchs umsäumt, mit außerordentlich bunten Blumen in symmetrischer Anordnung bepflanzt. Der ganze Eindruck mahnt mich lebhaft an das, was ich auf chinesischen Bildern gemalt gesehen, und in chinesischen Romanen beschrieben gelesen. So auch die Wirthschaftsgebäude, die alle klein und pavillonartig wie das Wohnhaus selbst um den Garten gereiht sind. Der Baustyl der türkischen Häuser überhaupt, wie ich sie hier und in Constantinopel sehe, läßt mich diese Aehnlichkeit finden. Vielleicht, daß er so Asien von einem Ende zum andern allen seinen Völkern mehr oder weniger gemeinsam ist, weil er zu den Eigenthümlichkeiten des Klima’s stimmt. Unter den Wirthschaftsgebäuden ist auch ein türkisches Bad, im kleinen Raume dasselbe was die großen öffentlichen Bäder sind. Auch hier reiner Marmor auf den Dielen und an den Wänden, und kleine spinnwebverdüsterte Fenster in der Kuppel. Keinem nur einigermaßen reichen Hause fehlt diese Anstalt eines unentbehrlichen Luxus!

Für den Nachmittag hatte uns unser Consul, Herr Falkeisen, zu einem Feste geladen, das er in seinen Gärten und Kellern auf dem Schloßberge gab. Diese sind natürliche Grotten, wie sie den ganzen Olymp durchwühlen. Einige derselben hat das Erdbeben verschüttet und die Fässer darinnen zertrümmert. Ein riesiger Felsblock, der aus der Wölbung sich losgelöst, hält eine Höhle so fest verschlossen, daß Herr Falkeisen dort heute noch nicht nach dem Schicksale seiner Weine forschen konnte. Vielleicht öffnen erst spätere Jahrhunderte dieses Grab, und finden statt eines wartenden Kyffhäuser diesen anderen auch vergessenen aber saftvoll gebliebenen Geist. Der Schaden war für Herrn Falkeisen ein bedeutender gewesen; zu dem Verluste des Weines kam auch die Auslage, neue Keller graben, die verschütteten ausputzen, vergrößern und stützen zu lassen. Das Ganze dieser Gänge bildet ein kleines Labyrinth, in dem wenigstens Anfangs ein Zurechtfinden ohne Führer unmöglich ist. Er hatte es uns zu Ehren beleuchten lassen, und die tiefe Perspective der sich verlierenden Lichter gab gleich auf den ersten Blick einen Begriff von der Größe dieser Keller, die die Natur ihrem edelsten Bodenproducte selbst geformt hat.

Die Weine, welche uns zu kosten gegeben wurden, glichen bis zur Möglichkeit der Verwechslung denen der Mosel- und Rheingegenden. Das ist ein Erfolg der Weinbau- und Kellerzucht des Herrn Falkeisen. Als ich bei einem, der mir dadurch besonders auffiel, mein Erstaunen laut äußerte, rief eine Stimme aus dem Dunkel neben mir: „Ach, Herr Jeses, Sie müssen ja ein Rheinländer sein; Sie reden gerade so!“ „Nun, Sie können auch nicht weit weg von Freiburg sein?“ frug ich zurück. Und so war es. Der Bursche, eine struppige und etwas verwilderte Gestalt, ist von Herrn Falkeisen vor 14 Jahren aus dem Breisgau hierher als Kellermeister verpflanzt worden. In der langen Zeit ist er nicht in seine Heimath zurückgekommen, und auch von seinen Landsleuten hat er hier nicht viel gesehen; seine Freude in mir einen zu finden, war daher unbändig, so recht wie jedes Gefühl, das zehn Jahre lang gehungert hat. In einiger Entfernung bleibt er mein steter Begleiter, und hält, die Hände über dem Bauche zusammengefaltet, die Blicke halb glückselig und halb melancholisch unverwandt nach mir gerichtet. Sein lange nicht mehr gekämmtes Haar steht ihm dazu sonderbar zu Berge. Ich erzählte ihm von der deutschen Heimath was ich weiß und auf der Höhe seines Begriffsvermögens vermuthe, und hielt ihm dann die Predigt gegen das Laster des Trunkes, welche Herr Falkeisen für ihn begehrt hatte. Vergebene Mühe! Wie sollen auch Worte Leidenschaften zähmen, wenn die nur eine Nacht alten Entschlüsse schon am nächsten Morgen wieder derselben Versuchung unterliegen! Dann war auch seine Philosophie nicht ohne Gründe, die er den meinigen entgegenstellte. Er suchte Vergessenheit, Vergessenheit der Gegenwart und der Vergangenheit, die ihm beide unerträglich sind, weil die eine besser als die andere war. Die abendliche Wirthshauspfeife, das Bierglas, das Kartenspiel und die anderen edlen Vergnügungen, die alle diesen uncivilisirten Ländern der Türkei fehlen, hat ihm nichts ersetzt. Wer in der Gegenwart nichts hat, von der Zukunft wenig hofft, dem gibt auch die Erinnerung meistens nur Stiche. Da ist denn Vergessen seiner selbst allerdings der einzige Trost.

Ohne Badenser oder Schweizer fand ich übrigens noch keinen Winkel der Welt; das verräth die große Rührigkeit dieser zwei kleinen Völkchen. Ihren Namen und ihr Geld tragen sie hin, wo nur irgend etwas zu erwerben ist.

Die jährliche Weinproduction von Brussa soll ungefähr 140.000 Pfunde, das sind etwas über 100.000 Flaschen, betragen. Zur weiteren Ausfuhr verkäuflich ist davon nur das, was Herr Falkeisen producirt. Daß von dem Reste, bei so außerordentlichen Begünstigungen wie sie das Klima und der Boden hier bieten, so wenig ausgeführt wird, liegt zum Theile in dem Verschulden der hiesigen Production, ebenso aber auch in der Abneigung der auswärtigen Consumtion. Die türkische Weincultur ist wenig sorgsam. Man läßt die Reben flach über den Boden wie Unkräuter kriechen und keltert die verschiedensten Trauben in demselben Fasse zusammen. Indeß auch wenn diese Zucht verbessert wird, glaube ich nicht, daß türkische Weine, so lange unser Geschmack so bleibt wie er heute ist, starken Absatz auf den europäischen Märkten finden werden. Darum hätte ich auch kaum den Muth, der Regierung besondere Bemühungen zur Hebung der Weinproduction anzurathen. Man könnte da die Staats- und Privatcassen zu großen Ausgaben verführen, die schließlich nutzlos verschwendet erschienen. Sicherer glaube ich die Hoffnung, wenn die Capitalien zu dem Zwecke der Rosinenerzeugung angelegt sind, wie das viel auf den Inseln des Archipel geschieht. Smyrna führte davon Millionen aus.

Wein baut die Türkei den meisten auf Lemnos (1,260.000 Pfunde, das sind 12.000 Eimer), auf Tenedos, der Küste von Smyrna, auf Candia und den besten auf Cypern (21.000 Eimer). Weitere Ausfuhr hat nur dieser letztere und der seit den letzten Jahren auch in sinkenden Quantitäten. Dasselbe Hinderniß, das ich überhaupt der Ausfuhr türkischer Weine entgegenstehend finde, der andere Geschmack des Auslandes, dem sie zu süß sind, hemmt auch diesen.

Brussa, den 31. Mai.

Schon an einem der ersten Tage nach meiner Ankunft besuchte ich die Moschee Emir Sultans im Osten vor der Stadt, auch wie die Mohammed I. und Bajasid Ilderim’s beherrschend auf einem Hügel gelegen, mit der Aussicht in das fruchtbare Land und das Grab des Fürsten der Heiligen bei ihr in dem weiten Vorhofe. Djami und Türbe sind schön übrigens nur aus der Entfernung; in der Nähe, wo die täuschenden Schleier schwinden, zeigen sie sich als morsche Holzbauten in den verschnörkelten Formen des vorigen Jahrhunderts. Selim III. hat das verschuldet, nachdem ein Brand das frühere Denkmal vernichtet hatte. Das Erdbeben und die Zeit sind seitdem bemüht, bald wieder dasselbe zu erreichen. Emir Sultan ist einer der gefeiertsten Heiligen des Islam und seine Grabstätte einer der besuchtesten Wallfahrtsorte der Mohammedaner. Lebendig und todt ist seine Geschichte mit Wundern durchflochten, wie nur die eines unserer abenteuerlichsten Heiligen. Ein Perser und schlichter Derwisch, proclamirte ihn eine geheimnißvolle Stimme aus der Kaaba als den ersten aller Heiligen, und er wies aus seinem Grabe so wieder Sultan Selim I. zur Eroberung von Aegypten an. Wie der Stern die heiligen drei Könige nach Bethlehem, so führte diesen eine vorausschwebende Lampe nach Brussa. Um aller dieser Wunder willen achtet das Volk diesen Heiligen bis weit in die persischen Berge hinein und zeichneten ihn die Sultane durch die zweimalige Erbauung dieser weitläufigen Djami aus.

Als ich aus ihrem Harem heraustrat, erregte ein Bettler meine Aufmerksamkeit durch die Melodie, welche er auf einer kleinen Querpfeife spielte. Sie klingt als wolle sie einen Marsch vorstellen, aber so sonderbar, so durchaus originell, daß ich sie durch keinen Vergleich mit denen in Europa gehörten begreiflich machen kann. Am ersten erkläre ich sie noch, wenn ich sie wie die Begleitung zu dem Gange des Kameeles, zu dem Schleichen der Karavanen schildere, ebenso gleichförmig, ebenso melancholisch und doch auch so ganz das Gemüth erschütternd. Das ist mir gewiß, Meyerbeer hätte um den einen Effect dieser Melodie eine ganze Oper geschlungen, und wenige Wochen nach der ersten Pariser Ausführung das Clavier den Marsch des Bettlers von Brussa bis zu den amerikanischen Hinterwäldern getrommelt.

Der Mann saß auf seinen untergeschlagenen Beinen zusammengekauert unter den niederen Zweigen eines blühenden Rosenbusches. In sich gekehrt und der Welt abgewandt, hatte er keinen Blick und keinen Dank für das Almosen, das ich in die blecherne Schüssel neben ihm warf. Ich glaubte ihn blind. Nachdem ich eine Weile zugehört, griff ich, eine Rose zur Erinnerung an den Spieler und seine Melodie zu bewahren, in den Busch, der sich über und um ihn wölbte. Da erst rührte er sich und blickte mit einem Auge, dunkelschwarz, von zündender Blitzeskraft in das meine, daß ich unwillkürlich vor der Berührung zurückwich. Es war nur die Wirkung und die Dauer eines Augenblickes, vielleicht das Aufleuchten einer ehemals herrischen, nunmehr unterworfenen Leidenschaft. Schnell, wie sie geglüht, erlosch ihre Flamme, und das Auge schaute wieder ruhig und ernst, beinahe traurig wie der einsame Bergsee, der noch die letzten Wolken eines überstandenen Gewitters widerspiegelt. So hatte sich mir gleich der Eindruck des ganzen Mannes eingeprägt. Ich brach die Rose dann unbefangen.

Seitdem traf ich ihn täglich wenigstens einmal wieder; an heiter bevölkerten oder an still abgelegenen Orten, überall begegnete mir die etwas gebeugte Gestalt im alten grünen Kaftan, einen bunten Turban um den Kopf, und klingt mir das sonderbare Lied mit den nicht eigentlich klagenden und doch so wehmuthsvoll stimmenden Tönen entgegen. Sie ist wie die Erscheinung des grauen Bettlers in Raimund’s tiefsinnigem Verschwender, die abmahnend den leichtfertigen Flottwell durch die fünf Acte seines wechselvollen Lebens begleitet. Schon als Knabe, da ich das Zauberspiel zum ersten Male sah, hatte mich diese verkörperte Mahnung einer schützenden Geisterwelt mit ihrem immer wiederkehrenden so einfachen, aber rührenden Liede ungewöhnlich erschüttert, und nun führt mir hier die Wirklichkeit Aehnliches zu. So gleich sind sich beide Eindrücke, der heutige und der von damals her bewahrte, daß ich zuletzt die fortwährende Wiederkehr des türkischen Bettlers nicht mehr ohne ein geheimes Grauen sehen konnte. Wollte auch er mich mahnen? Bin auch ich der Warnung bedürftig? Das wirkliche Leben wiederholt so oft, was die Phantasie vorahnend im Traume schon erlebt hat.

Heute Morgens, da ich vor der Abreise noch einmal meinen Lieblingsweg nach den Granatblüthen von Tschekirdsche gehen wollte, fand ich den Bettler neben einem Brunnen, der an der Straße unter einer überhängenden Hecke sein kühles Wasser gibt und mit verblaßter Goldschrift dem Wanderer Allah’s Segen für seinen Trunk und seine Wege verspricht. Die schwachen Töne der Pfeife, die wieder dieselben waren, berührten mich dieses Mal noch empfindlicher. Ich mußte wissen, was ihre Bedeutung sei: Leichter, als ich besorgt, brachte ich den Mann zum Reden, und bald auch dazu, seine Geschichte zu erzählen. Es ist dieselbe alte, die hier wie bei uns ewig neu bleibt, und türkische wie deutsche Herzen entzwei bricht.

Er war, so begann sie, der einzige Sohn ziemlich wohlhabender Bauersleute. Ihr Tschiflik lag einige Stunden von Brussa in der Richtung gegen den Apollonia-See zu. Auf den Feldern bei der Pflege des Maulbeerbaumes und zu Hause bei der Wartung der Seidenwürmer war seine Kindheit vergangen und seine Jugend gekommen. Nun wurde er jedes Jahr ein paar Mal im Seidengeschäfte nach der Stadt geschickt; er fand dort Freunde, lärmende Genossen, und in ihrer Gesellschaft auch eine Dirne, die er bald für besser als ihr Gewerbe hielt. Liebe, die sich in die bloße Sinnenlust gemischt hatte, betrog ihn. Wenn diese Bauernburschen nach Brussa kommen, alle zusammen aus weiter Umgebung, an Tagen, welche ein alter Gebrauch bestimmt hat, dann umlagert Nachts Lärm und Streit, oft auch blutiger Angriff und Todtschlag die Häuser dieser unglücklichen Mädchen. In den letzten Jahren, als der Unfug immer schlimmer wurde, brauchte die Behörde die Vorsicht, für solche Tage die Dirnen oben auf dem Schlosse einzusperren. Mein Jüngling hatte die seinige diesem Leben abgewendet geglaubt. Da führten ihn seine Freunde, die lange schon diesen Glauben durch Spötteleien zu entwerthen suchten, in einer dunklen Nacht vor das Haus des Mädchens. Er glaubte immer noch, auch da er mehrstimmiges Geräusch hörte, wo er die lautlose Stille der Einsamkeit vermuthet hatte. An die Thüre gelehnt, erkannte er es; das war die Stimme eines Mannes. Auf die Schwelle gebettet, wo er sich niedergelegt hatte, starrte er, eine endlose Nacht, hinauf in den wolkenschweren Himmel, der schwarz und sternenleer wie seine Zukunft war. Die Anderen schleppten indeß Reisigbündel, Holz und was sonst von Brennbarem zu Handen war, vor die zwei einzigen Fenster. Ohne Lohe drang der Rauch durch die springenden Scheiben in die Stube; aber erst die Flamme, als sie züngelnd die Zimmerdecke erfaßte, weckte die Schuldigen. Vom Feuerschein verwirrt, vom Rauche wohl auch betäubt, rettete er, der Unglückliche, sich allein zur Thüre. Er riß sie an sich, stürmte hinaus, fiel aber über einen Körper, der regungslos davor lag, und war im selben Augenblicke eine Leiche durch ein langes spitzes Messer, das ihm von unten herauf in den Unterleib gestoßen worden war. Nicht ein Schrei war erklungen, auch den Fall hatte man nicht gehört, weil ein Lebendiger den Todten in seinen Armen aufgefangen hatte und das Feuer eben lauter aufprasselte. Es füllte den Raum schon wie einen glühenden Ofen; die Balken knisterten und neigten zum Einsturz: da kam durch die Gluth das Weib gewankt. Sie hatte tastend die Thür gefunden, die Schwelle erreicht, als sich eine junge kräftige Gestalt — sie muß die Züge in dem rothen Lichte erkannt haben — vor ihr aufrichtete; die faßte sie und stieß sie mit erbarmungslosem Blicke, mit unwiderstehlichem Stoße in das Zimmer zurück. Das gab den einzigen Schrei, der in dieser schauerlichen Nacht gehört worden ist. Der Rächer verschloß die Thüre. Er war der Einzige, den die Wache, als Hilfe nach der abgelegenen Gasse kam, auf der Brandstätte fand. Das hölzerne Häuschen war schon eine Ruine, aber der Schutt noch zu warm, als daß man ihn vor dem nächsten Tage untersuchen konnte. Da grub man daraus zwei Leichen hervor, die eine so verkohlt, daß man kaum mehr ihr Geschlecht bestimmen konnte, und die andere die eines Mannes.

Mein Bursche gestand nichts und gegen ihn trat kein Zeuge auf; aber das Urtheil schickte ihn doch für den dritten Theil seines Lebens auf die Galeere. Seine Füße mußten Ketten und Kugeln ziehen und seine Hände Arbeiten thun, wie ich neulich oben auf der Burg vor den Gräbern Osman’s und Orchan’s die Sträflinge Canäle graben sah. Seine Eltern sah er nicht wieder; sie starben kurze Zeit ehe ihm die Freiheit wurde. Den Hof, der nun sein Eigenthum war, schenkte er dem alten Vater des jungen Menschen, dem er in jener grausen Nacht den Messerstich versetzt hatte. Der Bursche hatte oft für Lohn neben ihm in den Maulbeerfeldern des Tschifliks gearbeitet und war sein Freund gewesen. Dem alten Manne fehlte mit dem Sohne die Quelle, die ihn in den letzten Jahren genährt hatte. Er hatte wieder arbeiten und zuletzt, da ihm das Alter auch diese Kraft genommen, betteln gemußt.

Der entlassene Sträfling aber gesellte sich dem Derwische, der den Anfangs starren und eigensinnigem bei Gott und der Welt die Ursache seiner Schuld findenden Charakter zum Selbstbekenntnisse des Fehlers gedemüthigt hatte. Mit ihm wanderte er die weite sandige Pilgerstraße nach Mekka, und erst als sein Herz den letzten Groll getilgt und dem Todten völlig verziehen hatte, folgte er seiner Sehnsucht zurück nach den Bergen seiner Heimat. Seitdem lebt er hier von Almosen, mit sich und der Welt so im Frieden, daß die unmittelbare Stätte seiner Leiden und seiner Verbrechen keine Dornen mehr für ihn hat.

„Diese Welt ist, damit wir den Willen Gottes kennen lernen, die andere wird ihn uns erst zu verstehen geben,“ schloß er, sich selbst über die Härte des irdischen Geschicks tröstend, die Geschichte seines Lebens. Das Volk, das sie nicht kennt, und dem er als ein Fremder zurückgekehrt ist, verehrt ihn als einen jener Gottgesegneten, denen vorzeitig der Geist genommen und in den Himmel versetzt worden ist, so daß hier nur mehr ihr Körper herumwandelt. Es nennt sie Abdahls und hält so alle Irren, Blöd- und Schwachsinnigen und die sich zurückziehen von dem Verkehre mit der Welt, besonderer Rücksicht und Achtung werth. Keine Gegend des türkischen Reiches ist mit solchen muselmännischen Anachoreten bevölkerter als die waldige Umgebung Brussa’s und von hier aus wandern sie, Apostel ihres Glaubens, bis in das ferne Indien, an die Ufer des brahmanischen Ganges. Das mohammedanische Klosterleben des asiatischen Olympes hält dem griechischen des beinahe gegenüberliegenden europäischen Berges Athos das Gleichgewicht.

Gemleck, den 31. Mai, Mitternacht.

Wer, dem das Reisen Gewohnheit ist, hat es nicht schon erfahren, daß ihm eine Trennung von geliebten Menschen, die er lange wie etwas Unerträgliches gefürchtet, im letzten Augenblicke beinahe ungefühlt vorübergegangen ist, so daß er sich nachher herzlose Undankbarkeit vorwerfen mußte? So ist es mir mit dem Abschiede von Brussa geworden; im Augenblicke des Aufbruches war er leichter, als mir dieses jetzt möglich erscheint. Die Geschichte des Bettlers, die all’ mein Denken und Fühlen beschäftigte, endlich auch die Geschäfte der Abreise, die ich zuerst hinausgeschoben, dann vergessen hatte, und die zuletzt doch gethan werden mußten, hatten alle Wolken des Schmerzes zerstreut. Das aber weiß ich heute schon: wo ich auch den bloßen Namen Brussa hören werde, die Mahnung wird immer ein freundliches Lächeln in die Erinnerung zurückrufen und die Möglichkeit einer Rückkehr mich überall willig finden. Mir ist jetzt, wenn ich zurück denke an das Grün und die Blüthenpracht, an die schneeigen Berge auf der einen und an die rothen Felsen auf der anderen Seite, als biete das Thal von Brussa auch in der schlechtesten seiner Hütten die Erfüllung aller irdischen Wünsche, als sei dort das letzte und verdiente Ziel mühsamer Lebenspilgerschaft zu finden, bis mir mein Bettler einfällt und mich mahnt, daß Schuld und Sorge überall und daß Ruhe und Zufriedenheit nicht an den Wänden eines Thales und eines Hauses, sondern tief im Gemüthe des Menschen haften. Dem Glücklichen kann die Lüneburger Haide dasselbe Paradies sein, wie mir das Thal von Brussa.

Erst nach 4 Uhr verließen wir das Hôtel d’Olympe. Gewitter drohten, wichen und gaben uns endlich doch einigen Regen; dann aber blieben nur Wolken mit kühlendem Schatten. Auch daß der Staub festgelegt war, priesen wir als eine Wohlthat. Wir durchritten das Thal in seiner ganzen Breite über zwei Stunden; die neue Straße durchschneidet es, eine häßliche gerade Linie, die ich bedauerte, weil sie zuerst mir wieder Europa und seine Civilisation in’s Gedächtniß brachte. Wir lenkten bald von ihr ab auf kürzere Pfade zwischen die Berge hinein und dann hinauf und über diese. Die Landschaft wird dort ausgestorben, einsam, auch völlig unbebaut, beinahe wild in ihrer Leerheit. Sie mahnt mich durch die Kahlheit ihrer Hügel und den gerundeten Fall ihrer Linien an das, was ich von den griechischen Inseln gesehen. Eine gewisse Poesie bleibt dem Wege immer eigenthümlich, und zurück hat man lange den Blick frei auf Brussa und die mit der Entfernung immer mehr aufsteigende Höhe des Olymps. Seine Abhänge erscheinen nach dieser Seite viel wilder und seine Schneefelder, die sich gegen Osten zu ziehen, viel größer als nach der Straße von Mudania zu. Den letzten Blick gab er uns auf das kostbarste geschmückt. Ich hatte lange nicht mehr zurückgeschaut, als ein plötzlicher Stillstand meines Pferdes das zufällig veranlaßte. Ein Schrei der Ueberraschung hielt alle meine Gefährten auf. Da lag unter uns in tiefem Schatten, so dunkel, daß dort schon die Nacht sein mußte, das Thal von Brussa und über ihm goldig und roth glühend das weiße Haupt des Olymps. So intensiv und farbenprächtig habe ich das Alpenglühen früher nur einmal gesehen; das war in Tirol auf der Höhe des Passes Thurn, und damals unter mir der sumpfige Pinzgau und mir gegenüber der Hohe Tenn und das Wiesbachhorn in so wunderbarem Violett, als sollte dort für andere Geister eine verklärte Welt erstehen. Heute aber stand ich auf asiatischem Boden, und Lorbeer, Arbutus, Clematis, Nachtschatten und Myrthen blühten und dufteten bis zur Betäubung um mich, und weiche, warme Luft quoll wie stärkender Balsam in die erschöpfte Lunge. Ich war wie verwandelt, zugleich zurückgeführt in die Erinnerung und doch auch weit voraus durch Alles, was die Eindrücke Neues brachten.

Den ersten Halt machten wir in dem Lager einer Caravane. Lange hatten wir gestritten, was die vielen schwarzen Punkte vor uns auf dem Bergrücken, über den wir mußten, sein könnten. Mitten unter ihnen stehend erkannten wir sie als Kameele, die, wohl ein Hundert, einzeln weit von einander zerstreut lagen, daß wir eine Viertelstunde lang durch ihre Lagerstätte ritten. Alle hatten ihre Lasten auf den Rücken behalten; nur einige reckten die langhalsigen Köpfe in die Höhe, die Luft nach den Fremdlingen prüfend, die meisten blieben in Schlaf und Ruhe versenkt. Nirgends war eine Vorkehrung, den Thieren das Entweichen zu wehren; es scheint in ihrem eigenen Willen zu liegen, das Zusammenhalten bei den Wandergenossen und Führern. Diese waren Kurden, wilde, schwarzbärtige Kerle, Hosen und Jacken roh aus abgenützten persischen Teppichen zusammengeflickt, den Schädel in einem ungeheuern Shawl verborgen. Ihre Umgangsweise hatte aber nichts von dem Bedrohlichen ihrer äußeren Erscheinung. Mit Sprüngen und Späßen umringten sie uns und suchten sich mit kleinen Diensten Almosen zu erwerben. Bis auf die Höhe des Berges klang ihr Jubelgeschrei und leuchteten uns ihre Zeltfeuer nach.

Bei einem Chan dort oben, wo wir rasteten und aßen, fiel die Nacht völlig ein und so dunkel, daß wir uns Einer hinter dem Anderen halten mußten, um den Weg nicht zu verlieren; der fällt nun meistens bergab der Seeküste zu. Einmal noch bei einer Wachthütte hielten wir; zwei Leute, darunter ein Neger, bildeten ihre Besatzung. Ohne auch nur ein Wort des Auftrages zu erwarten, übernahmen sie gleich die Besorgung unserer Bedürfnisse. Es liegt in der Sitte dieser Länder, daß die Gendarmen auch zugleich die Wirthe sind. Jeder weitere Augenblick auf diesen Reisen bringt neue Eindrücke, und wem die Phantasie nicht ganz erstorben ist, der stellt sich Bilder und ganze Gemäldesammlungen daraus zusammen. Belebt werden sie durch die ausdrucksvollen Köpfe der Menschen, und Farben gibt selbst die Nacht hier reichere, weil die Augen glühender und die Kleider bunter als in unseren Ländern sind. Unser Lager sah ich als ein solches Bild. Wir, müde auf dem Boden ausgestreckt; der eine Soldat beschäftigt, uns den Caffee zu serviren und die Pfeifen mit Kohlenstücken zu entzünden, der andere das Feuer anzublasen, das schwarze Gesicht grell von der Flamme beschienen; die Pferde an die Pfähle der Hütte und eines an das andere gebunden, und Diener, Kawassen und Führer bemüht, das eine, das sich losgerissen hatte, einzufangen. Die zwei Leute der reitenden Courierpost kamen noch dazu gesprengt und lagerten sich zu uns. Der Eine, den wir den Conducteur nennen würden, mit langem grauen Barte, in buntgestickter blauer Jacke, einige Dutzend Ellen rothen Zeuges als Gürtel um den Bauch gewunden und silberbeschlagene Pistolen darinnen, weite blaue Pumphosen und gestickte Gamaschen an den Beinen, auf dem Kopfe einen grünen Turban, also ein Abkömmling des Propheten, ganz eine jener würdevollen anständigen Gestalten, die mir jetzt schon als die schicklichen Vertreter des ganzen Volkes erscheinen.

Wir brachen erst später hinter den Eiligen auf. Vor einer halben Stunde sind wir hier eingetroffen. Der Ritt hat also sieben Stunden gedauert. Wieder fühle ich mich wach und ohne Müdigkeit; die Neuheit der Lebensart und der Eindrücke hält Alles in mir rege. Der Körper erliegt nur, wenn das geistige Fühlen und Denken erschlafft. Und das thun nicht die Mühen der Arbeit, sondern die hundert kleinen Nadelstiche unserer gewöhnlichen Verhältnisse; darum das Aufleben in der Fremde, in der Freiheit, und nun gar erst, wenn sie getrennt und losgelöst von aller europäischen Sclaverei wie hier in Asien ist.

Gemleck, den 3. Juni.

Ich habe diese letzten Tage ausschließlich zu dem Studium der Baumwollcultur verwendet, die in der Türkei jetzt vorwiegend die Hände und Interessen beschäftigt. Im weiten Umkreise, bis nach Ismid hin, durchzog ich das Land, um auf den Feldern selbst zu prüfen, wie die Erfolge, von denen man mir erzählte, möglich geworden. Da überraschte mich zuerst die Gestalt der Pflanze, weil, wie so oft, ein Mißbrauch unserer Sprache eine irrthümliche Vorstellung in mir festgesetzt hatte. Von Baum sollte nicht die Rede sein, denn das, was die vielbegehrte Wolle spendet, ist eine Staude, nicht mehr und nichts Größeres.

Die nächste Ueberraschung war die Arbeit der Bauern, die ich eifrig und sogar beim Gebrauche der Maschinen geschickt fand. Die Einführung dieser Maschinen soll beinahe überall, wenigstens an den Seeküsten, wo der Transport nicht zu kostspielig, leicht und schnell gegangen sein, erzählen Missude Bey und die Engländer, junge Söhne von Liverpooler Handlungshäusern, welche sich hier um die Baumwollcultur besonders verdient gemacht haben. Nothwendig war nur, daß sie die Maschinen, welche ihnen englische Dampfer gebracht hatten, auf ihren Zimmern zusammensetzten und zuerst selbst bei dem Handwerke erprobten. Schon am ersten Tage meldeten sich dann Bauern mit dem Antrage, ihnen die neuen Werkzeuge gegen Abschlagszahlungen zu überlassen. Und auch der große Haufe habe bald die Vortheile der Neuerung begriffen. Nicht in England und nicht in Amerika würde diese Einsicht und diese Uebung so schnell gekommen sein, behaupten diese Engländer, die in allen drei Welttheilen gelebt und gearbeitet haben. Der türkische Bauer sei unter den Factoren, welche bei der Einführung dieser Cultur behilflich sein müssen, der bereitwilligste und anstelligste; zögernd nur vor dem ersten Versuche, überrede ihn zu diesem am leichtesten das Beispiel; einmal sein Glaube gewonnen, fehle auch sein Wille nicht lange. So wollen es diese Geschäftsmänner eher mit dem hiesigen als mit dem Bauer ihrer Heimath zu thun haben.

Die Geschichte der kleinasiatischen Baumwollcultur gleicht in sehr vielem der des Landes selbst. Wie diese ist auch sie ein fortwährendes Auf und Nieder von weltbeherrschender Blüthe zum Verfalle in beinahe völlige Vergessenheit. Zwei-, dreimal im Laufe der Jahrtausende standen die kleinasiatischen Staaten allen anderen voran, und ihre Schicksale schienen die der Welt zu sein. Dazwischen liegen lange Perioden der Verwüstung und Unbedeutendheit, wo kaum ihre Ruinen übrig blieben. Und ähnlich so ist das, was heute der Baumwollpflanze hier wird, die Wiederholung einer glänzenden Rolle, die sie schon einige Male nach Zwischenfällen völliger Vernachlässigung auf diesen Feldern gespielt hat.

Die Heimath der Baumwolle ist vielleicht für die Production der ganzen Welt, jedenfalls aber für die kleinasiatische, Indien. Dort, so erzählt zuerst Herodot, trugen schon zur Zeit, als Indier dem ersten Darius Tribut brachten, also ungefähr um das Jahr 523 v. Chr., die wilden Bäume als Frucht eine Wolle, die an Feinheit und Güte weit über die Schafwolle kam; wie denn auch die Indier von diesen Bäumen ihre Kleider hatten. Daß Herodot hiebei unterläßt, diese Neuigkeit durch eine Hindeutung als auf etwas seinen Landsleuten auch schon Bekanntes zu erläutern, beweist, daß auch später noch, da er schrieb, 450 Jahre v. Chr., die Baumwollenstaude und das Gewebe daraus in Griechenland und Kleinasien unbekannt gewesen sein müsse. Der Handel hat also den Griechen die feinen indischen Stoffe, welche dann ebenso wie heute als etwas Außerordentliches geschätzt wurden, erst in verhältnißmäßig neuer Zeit zugeführt. Indische Schiffe brachten sie nach dem Hafen Moscha, dem heutigen Maskat auf der arabischen Küste, und phönicische Kaufleute weiter nach den kleinasiatischen, ägyptischen und europäischen Märkten. Den Geweben wird, da sie erst einmal diese große Nachfrage gefunden hatten, die Pflanze und die Productionsmethode bald nachgefolgt und so die Baumwollencultur in Kleinasien heimisch geworden sein. Babylon, das im Alterthume die größten und geschicktesten Webereien hatte, lieferte der ganzen damaligen Welt Baumwollenstoffe und realisirte dabei Gewinne, welche die Phönicier, die ursprünglich nur den Handel besorgt hatten, auf den Gedanken brachten, in ihren syrischen Küstenstädten die Production selbst nachzuahmen. Später, besonders in der Glanzzeit des römischen Luxus, war die Insel Kos um ihrer feinen Baumwollengewebe berühmt.

Im byzantinischen Constantinopel bestanden förmliche Baumwollenfabriken und andere in den griechischen Küstenstädten des mittelländischen und des schwarzen Meeres. Wo im Innern des Landes diese Production den Kriegen erlegen war, da frischten sie die Araber wieder auf; die bauten, spannen, woben und färbten die Baumwolle noch fleißiger als die Griechen, und suchten ihren Anbau nach Spanien, Sicilien und Italien zu verpflanzen. Aber auch diese Blüthe zerstörten wieder Kriege, die blutigen, langen, welche Europa und Asien um den Glauben und die Weltherrschaft kämpften. Doch muß im vorigen Jahrhundert noch so viel davon übrig gewesen sein, daß der Orient außer seinem eigenen Bedarf, den bedeutendsten Theil der damals freilich sehr kleinen Nachfrage der europäischen Industrie mit seiner Baumwollenproduction decken konnte. 1784 wurde sogar aus Smyrna der Same zu der heute weltüberschwemmenden Produktion nach Amerika gebracht.

Völlig ausgerottet, oder doch beinahe so gut als das, hat erst das laufende Jahrhundert die Baumwollstaude aus dem hiesigen Boden. Nur an wenigen Orten erhielt sich kümmerlich eine dürftige Production, um der inländischen Manufactur den Rohstoff zu liefern, und auch an diesen nur so lange, bis die englischen Garne erschienen, und mit ihren wohlfeileren Preisen die türkischen Spinnereien zu Grunde richteten. So z. B. in Syrien, wo vor zwanzig Jahren die Baumwollcultur mehr als 2 Millionen Pfunde Rohstoff producirte und sie die jüngsten Wiederbelebungsversuche von der englischen Einfuhr erdrückt, auf eine Production von nicht 700.000 Pfunden herabgesunken fanden. In anderen Theilen Kleinasiens überlebte nicht einmal so viel den Verfall, ja kaum die Erinnerung an die Möglichkeit in diesem Boden die Pflanze zu erziehen; daß einmal hier die Baumwolle geblüht und reiche Frucht getragen, war aus dem Gedächtnisse der meisten Menschen entschwunden. Unglauben und Zweifel antworteten daher den Vorschlägen, welche beim Ausbruche der Baumwollkrisis auch auf Kleinasien als auf einen möglichen Helfer wiesen.

Unter den rührigsten, welche so riethen, war Missude Bey, von Geburt ein Belgier, durch dienstlichen und religiösen Verband aber ein Türke. Schon zur Zeit der ersten Londoner Industrie-Ausstellung, der er als türkischer Regierungscommissär beigewohnt, hatte er in einer ausführlichen Rede den Liverpoolern die Wahrscheinlichkeit eines Ausbleibens der amerikanischen Baumwolllieferungen und die Möglichkeit, für diesen Fall einen Ersatz in den türkischen Ländern vorzubereiten, vorgehalten; damals ohne jede Theilnahme. Ein ganzes Decennium später, da er eben in Bagdad mit der Einführung der Dampfschifffahrt auf dem Euphrat beschäftigt war, schickten ihm einige Engländer, die sich an seine prophetischen Rathschläge erinnerten, das Anerbieten nach, dem englischen Publicum dieselben noch einmal vorzutragen. Die türkische Regierung bewilligte ihm den Urlaub, ernannte ihn sogar förmlich zu ihrem Bevollmächtigten in dieser Sache. In Liverpool hatte Missude Bey nichts zu thun, als seine frühere Rede vorzulesen, an seine Prophezeiung zu erinnern und den Antrag zu wiederholen: es solle sich eine eigene Gesellschaft bilden, um den Anbau der Baumwollstaude in den türkischen Ländern anzuregen, und den Einkauf und die Ausfuhr des türkischen Productes als kaufmännisches Geschäft im Großen zu betreiben. Im Namen der türkischen Regierung konnte er deren eifrige Unterstützung versprechen. Eine Stunde nach dem Schlusse seiner Rede war eine solche Gesellschaft gebildet und das Unternehmen durch die Subscriptionen verwirklicht. Jede Actie zahlt nur so viel von ihrem Nominalwerthe ein, als der Betrieb des Geschäftes erfordert. Das war bis jetzt so wenig und der Ertrag des Unternehmens ein so reichlicher, daß die bisherigen Einzahlungen den Actionären bald durch die Superdividenden zurück erstattet sein werden. Missude Bey wurde zu einem der Bevollmächtigten der Gesellschaft ernannt; Andere wurden aus England gesandt, meistens junge Leute, die sich früher in Amerika bei demselben Geschäfte umgethan hatten.

Die türkische Regierung blieb dabei nicht gleichgiltig. Rasch und ohne die erste Kraft des Entschlusses in dem Scheindienste büreaukratischer Begutachtungen zu erschöpfen, mehr durch individuelle Initiative ordnete sie ein ganzes System zusammengreifender Maßregeln an, die alle Organe der Verwaltung in derselben Richtung thätig und alle Stadien der Production begünstigt sein lassen.

Sie gewährte jenen Grundstücken, die früher brach gelegen und künftig zum Baumwollbau verwendet werden, für die fünf ersten Jahre ihrer neuen Cultur Freiheit von der Grundsteuer.

Sie überläßt den ihr eigenthümlichen Boden der unentgeltlichen Benutzung zur Baumwollproduction.

Sie verwandelt bei dem zum Baumwollbau verwendeten Boden den Zehenten, welchen er bisher vom Ertrage hatte abgeben müssen, in eine feste Grundsteuer, welche dem räumlichen Umfange des Feldes nach seinem Durchschnittserträgniß der letzten sechs Jahre zugemessen wird, und verspricht diesem Zugeständnis eine zehnjährige Dauer.

Sie vertheilte 90.000 Okas, das sind 205.625 Pfunde Baumwollsamen gratis unter das Landvolk.

Sie ließ in allen üblichen Landessprachen Broschüren schreiben, drucken und unter das Volk ausstreuen, um Belehrung über die Baumwollcultur, die Wahl des dazu tauglichen Bodens, die Bestellung der Felder, der Aussaat, die Pflege der Pflanze, über die Ernte und den Gebrauch der Maschinen zu verbreiten.

Sie selbst ließ Maschinen als Modelle für die Ackerbauer und die Fabrikanten kommen, und die, welche die Privaten einführen, befreit sie von jeder Zollpflichtigkeit.

Sie reducirt den Ausgangszoll der jetzt so sehr verfeinerten Baumwolle auf den Werth der früher viel weniger guten und auch diese Gewährung mit zehnjähriger Giltigkeit.

Sie hat endlich an allen Hauptproductionsorten Commissionen aus Eingebornen und Fremden mit dem Auftrage eingesetzt, die wirksamsten Mittel zur Förderung der Baumwollcultur zu finden und vorzuschlagen.

So haben sich staatliche und privatliche Bemühungen die Hände gereicht. Ihren Erfolg erzählt das letzte Capitel der Geschichte kleinasiatischer Baumwollcultur mit den Zahlen, die ich hier im Folgenden gebe:

1861, wo nach langem Winterschlafe die ersten Wiederbelebungsversuche gemacht wurden, betrug die türkische Baumwollproduction nicht mehr als 171.000 Ctr. im Werthe von ungefähr 1,300.000 Pfd. Sterling. 1863 brachte sie schon 890.000 Ctr., und in diesem Jahre 1864 erwartet man wenigstens 2,000.000 Ctr. und blos für die Ausfuhr einen Werth von 15 Mill. Pfd. Sterl. In diesen summarischen Zahlen steht unter den einzelnen Posten die Ausfuhr von Smyrna als der überraschendste Erfolg da; 1860 nicht mehr als 42.750 Ctr., war sie 1863 300.000 Ctr. und wird sie in diesem Jahre 500.000 Ctr. im Werthe von 4 Mill. Pfd. Sterl. sein. In Macedonien bestand 1861 keine Production; 1863 führte sein Hafen Salonik 125.468 Ctr. und der andere, Kawala, 13.784 Centner Baumwolle aus. Ebenso bedeutend ist die Entwickelung in Syrien. Nur in Rhodus, dessen Erde die ersten Versuche der Cotton supply association als sehr geeignet zur Baumwollproduction erwiesen hatten, verfällt sie, weil Hände zu ihrer Bestellung fehlen.

Die Productionszahlen der Jahre 1861 und 1864 nebeneinander gestellt, 171.000 Ctr. Baumwolle neben 2 Millionen Ctr., zeigt das einen Fortschritt, der in drei Jahren die Production verzwanzigfacht hat, und der seines Gleichen nur bei der ägyptischen Baumwollproduction findet, die 1860 für 2,770.000 Francs, 1863 für 234 Mill. Frcs. und in diesem Jahre für wenigstens 400 Mill. Frcs. ausführt, denn selbst Amerika, das Land der Sieben-Meilenstiefel, kann nichts Aehnliches daneben setzen.

Auch in Oesterreich nahm die Regierung die Einführung der Baumwollproduction unter ihre Pläne auf. Bis heute sind aber im Banate und in Dalmatien nur jene Stauden gepflanzt worden, durch welche versuchsweise die Tauglichkeit des Bodens und des Klimas bewiesen worden ist. Desto ansehnlicher sind die Resultate, welche durch diese Proben für die Archive erreicht wurden; Handelskammern, Bezirksämter und Statthaltereien haben ihnen und den Aktenwürmern mit „erleuchteten Gutachten“ und „gefälligen Meinungsäußerungen“ ein reichliches Futter geliefert. Ueber die Möglichkeit oder Unmöglichkeit, die Nützlichkeit oder Schädlichkeit einer dalmatinischen Baumwollcultur sind alle Zweifel gehört und entschieden worden. Daß dem armen Dalmatiner damit eine neue Erwerbs-, dem Staate eine neue Steuerquelle flüssig gemacht werden könne, gestanden die meisten Federn zu; aber gethan ist darum nichts worden. Jedes Jahr schloß mit der Ausrede ab, daß es zu spät war, um mit der Ausführung der Absichten zu beginnen. Das muß überall so sein, wo statt der Willenskraft eines egoistischen Interesses die Uneigennützigkeit einer Maschine eingestellt ist. In der Türkei ist das Räderwerk nicht immer so gut geschmiert, auch nicht so künstlich construirt wie bei uns und es bleibt mehr dem Willen und der Einsicht des Leitenden überlassen, so daß, wenn dieser faul ist, allerdings überhaupt nichts geschieht, aber auch das allgemeine Interesse nicht durch das geistlose Weiterarbeiten rein mechanischer Kräfte geschädigt wird; wenn aber der Machtbegabte geistig stark und willenskräftig ist, dann werden auch die staatlichen Dinge mit jener ausschließlichen Rücksichtnahme auf praktische Vortheile gethan, welche sonst nur den Bestrebungen des Privatlebens eigen ist. Unsere Amtsleute halten indeß immer die Theile in der Hand, lassen auch nicht ab sie zu kutschiren, es fehlt ihnen leider nur oft das geistige Band.

Ich will übrigens nicht behaupten, daß der Verlust, der Oesterreich durch diese Verzögerung wird, ein sehr schwerer sei, weil ich nicht daran glaube, daß die Baumwolle in Oesterreich eine glückliche Heimath finden werde. Ich wollte nur an einem Beispiele zeigen, wie unsere officiellen Schreibstuben die Volkswirthschaft betreiben, und wie nicht alles Türkische schlechter als das Europäische sei. Wer so wie ich eben erst von dorten kömmt, die Mängel der Heimath immer erkannt und auch noch frisch im Gedächtnisse hat, so daß er nicht den selbst erfundenen Maßstab eingebildeter Vollkommenheit mitbringt, der wird gewöhnlich dieses günstigere Urtheil für die fremden Dinge haben. Mir will es scheinen, daß er damit nicht nur der Billigkeit, sondern auch der Wahrheit näher stehe als diejenigen, welche bei ihrer Kritik die längere Bekanntschaft der Dinge ihm voraus, aber vielleicht auch den Nachtheil haben, die Uebelstände ihrer ehemaligen Heimath zu vergessen, und alles was hinter ihnen liegt als rosige Felder des Blühens und Gedeihens zu betrachten. Dazu neigt die Natur des Menschen. Mit der Gegenwart immer unzufrieden und auch von der Hoffnung nur selten völlig getröstet, weil selbst der Leichtsinnigste die Zweifel der Ungewißheit nicht ganz überwindet, vergoldet er sich die Erinnerung um so verschwenderischer, damit er wenigstens ein Feld habe, sich Blumen für die steinige Wanderung des Lebens zu pflücken. Denn selbst das Unangenehme, das ihm dort erzählt wird, klingt eben, weil es von dem Siegerbewußtsein des Ueberstandenen begleitet ist, versöhnlich und trostreich. Die Wehmuth, und sie ist ja dieses schmerzliche Fühlen der Erinnerung, wird die blasse Rose in diesem Blumenstrauße, die weit aufgeblüht und dem Entblättern nahe immer noch sticht aber auch durch balsamisch lindernden Wohlgeruch heilt.

Ich mußte meine europäischen Landsleute, die hier in den Diensten der Türkei leben, an die vielen Unerträglichkeiten ihrer früheren Vaterländer erinnern, und wie sie ja gerade durch den Kampf mit diesen in das Exil getrieben worden seien, um ihr Urtheil über die türkische Regierung gerechter und ihre Klagen über das Traurige ihrer Lage weniger unzufrieden zu machen. Es war das große Wort des großen deutschen Dichters Franz Bacherl, den ich blos um dieses Einen willen unter die Ersten unseres Stammes reihe, das ich ihnen zurief:

Ja! So sind sie! So ist ihr Verlangen!

Was sie wirklich schon haben, das wollen sie nicht;

Was sie dünkelhaft wollen, das haben sie nicht!

Wie ein Donnerschlag hatte mich das einmal aus der heiteren Komik einer Trauerspielsvorstellung des Münchener Schweiger-Theaters geweckt, als Thusnelda mit hochtragischem Pathos diesen Vorwurf dem Häuptlinge Narisko, dem Repräsentanten der Deutschen, entgegenschleuderte, und seitdem klingt er mir aller Orten wieder, ähnlich den Sprüchen der sieben Weltweisen, welche die Griechen ja auch überall hin mit sich trugen. Dieselben Männer, welche sich in Europa nicht mit dem Zuviel des Regierens vertragen hatten, klagen hier über das Zuwenig, über den Mangel des Eingreifens und der Hilfe. Indessen scheint leider wirklich das alte Lied, wo es auch hier über den kleinlichen Sinn, den nationalökonomischen Unverstand der Bureaux jammert, nicht immer ganz im Unrechte zu sein. So soll die Regierung z. B. nicht zu bewegen sein, derjenigen Baumwolle, welche zur weiteren Ausfuhr durch Dampfpreßmaschinen zusammengedrückt werden muß, weil die englischen Dampfer der Raumersparniß wegen sie nur in diesem verminderten Volumen aufnehmen, die zollfreie Ausschiffung im Hafen von Constantinopel, wo diese Maschinen aufgestellt sind, zu gestatten.

In nationalökonomischen Dingen mehr als in allen anderen ist zu wirklichen Erfolgen ein oberster, leitender Grundsatz Bedingung. Um seinen Kern muß sich die ganze Politik krystallisiren, so daß er allem Ursprung, daß seiner Rücksicht jede andere untergeordnet werde. Es ist das keine zu herrische Forderung, weil zuletzt doch nur auf der wohlbestellten Wirthschaft das Haus und die Familie sicher steht. Die absolute Monarchie ist zumeist darum der Geduld der Völker unerträglich und der Zukunft der Staaten unmöglich geworden, weil sie es versäumt hat, ihre Wirthschaft durch ein solches Princip leiten, Ordnung durch dasselbe in ihren Haushalt und Zweckmäßigkeit in ihre Politik bringen zu lassen. An den nationalökonomischen Irrthümern geht eine Staatsform nach der anderen unter, soweit wir in der Geschichte zurückschauen können. Taucht die demokratische aus diesen Trümmern immer am öftesten und mächtigsten wieder hervor, so ist das, weil in ihr vermöge ihrer vielköpfigen Bildung ein Vergessen und Verläugnen der volkswirthschaftlichen Interessen schwerer als in jeder anderen ist. Die Nationalökonomie duldet eben wie der Magen kein Verkennen der angeborenen Rechte; sie verlangt Nahrung und die richtige, damit der Körper des Staates und des Volkes lebe.

Daß die türkische Regierung solche Forderungen nicht immer genügend befriedige, haben Andere und hat sie selbst erkannt, und hat sie darum auch einige der Rathschläge, welche ihr verschieden von Engländern und Franzosen, als Leitsterne ihrer wirthschaftlichen Politik, gegeben wurden, versucht, aber immer mit dem übelsten Erfolge. Natürlich, denn nichts als fremder Eigennutz hatte sie gerathen. Das hat die Türken mißtrauisch gemacht, und nicht zu ihrem Nachtheile. Der Europäer glaubt den Türken sein geborenes Opfer. Bei sich selbst sollen die Türken das Princip ihrer Politik suchen. Der Entschluß, der aus der eigenen Erfahrung aufwächst, ist immer der nutzbringendste, und gerade die letzten Erfahrungen bei der Baumwollcultur sind dazu geeignet, einem solchen als Material zu dienen. Sowohl die überraschenden Erfolge, als die Maßregeln, wodurch sie errungen worden, aber auch die Klagen, welche die Producenten und die Handelsleute immer noch erheben, weisen die Wege. Was erreicht, was angeordnet worden und was begehrt wird, liegt alles in der Richtung der Rohproduction, und dort liegt auch der Keim der Kräftigung und der nächsten Zukunft der Türkei. Diesen Gedanken wird die türkische Regierung zum Principe aller ihrer Handlungen erheben, ihm in der äußeren wie in der inneren Politik alle anderen Absichten unterordnen müssen. Ist das einmal klar verstanden, dann werden sich von selbst die Aenderungen anmelden, die in allen Zweigen der Verwaltung nothwendig sind. Der türkische Volksgeist wird sie bald verträglicher erkennen mit den Grundlagen seines Glaubens, als dieses die Unformen Mahmud’s und seiner im Respecte vor allem Europäischen erzogenen Nachfolger waren. Die Pflege des Ackerbaues, der Viehzucht und des Handels, überhaupt der Production, liegt so sehr im Willen des Korans, den ja ein Kaufmann gegeben hat, daß kaum von irgend einer Maßregel, welche die Wirthschaft des Volkes zu unterstützen beabsichtigt, Widerspruch gegen die Lehre der Religion zu befürchten ist.

Einiges wird vielleicht im Schulwesen nothwendig sein, das meiste aber im Steuer- und Zollwesen. Im Steuerwesen wird eine gleichmäßigere Vertheilung der Lasten und die Einhebung des Zehnten in eigener Regie, oder doch wenigstens bessere Wahl der Steuerpächter nothwendig sein. In den Städten werden die Häuser mehr zur Steuerpflichtigkeit verhalten werden müssen. Straßen und Wege sind nach Möglichkeit im Stande zu halten und neu anzulegen. An vielen Küstenpunkten müssen die Häfen sorgfältiger gereinigt und sicherer angelegt werden. Die Erwerbung des Grundbesitzes muß möglichst erleichtert und, was ich für das Nothwendigste halte, dem Fremden, d. i. dem Europäer, frei gestellt werden. Das wird die meisten Capitalien in das Land hereinbringen, und nicht blos wie im Handel zu flüchtigem, nur vorübergehendem Arbeiten, sondern zu fester, bleibender Anlage. Das Capital zieht sich dort am meisten hin, wo ihm Sicherheit in unzerstörbar körperlicher Gestalt zugleich mit Gewinnen geboten wird, wie sie sonst nur die precären Speculationen der Börse, der Industrie und des Handels geben. Das bietet ihm dermalen noch die Landwirthschaft der Türkei. Es kann ihr daher eine massenhafte Einwanderung europäischer Capitalien aus dem übersättigten, an einzelnen Stellen oft nicht mehr drei Procente tragenden europäischen Boden versprochen werden, wenn nur erst der Einlaß geöffnet und der unbewegliche Besitz gesichert sein wird. Daß dieses geschehe, liegt aber nicht blos in der Hand der türkischen Regierung, auch in der Befugniß der übrigen Großmächte, denn die sogenannten Capitulationen, die Verträge, durch welche sich die europäischen Regierungen die Exemptionen ihrer Unterthanen von allen türkischen Pflichtigkeiten zugestehen ließen, sind das Hinderniß. Sie bilden einen Staat im Staate. Alle diese Franzosen, Engländer, Oesterreicher, Russen u. s. w., und darunter sind Viele, die zu den reichsten Leuten der Welt gehören, genießen neben anderen außerordentlichen Vortheilen auch den der völligen Steuerfreiheit. Ihrem betreffenden Vaterlande zahlen sie keinerlei Staats- oder Gemeinde-Abgaben, weil sie nie dort leben und nichts dort besitzen, und hier, wo sie leben, wo sie erwerben und besitzen, sind sie befreit davon durch den Schutz einer Regierung, der sie keinen Dank, keinen Zoll dafür leisten. Unter dem Deckmantel dieses Schutzes eigneten sie sich nach und nach immer bedeutendere Besitzstände an, in den Städten: Häuser, auf dem Lande: Felder, Waldungen, Bergwerke u. s. w., bis der türkischen Regierung der Steuerentgang allzu fühlbar wurde. Es war und ist ein Zustand ähnlich dem der Steuerexemption des französischen Adels und Clerus vor der großen französischen Revolution. Die türkische Regierung antwortete endlich der fremden Anmaßung, die diese Rechte überdies nur durch eine willkürliche überspannte Auslegung der Verträge behaupten kann, mit dem Gesetze, daß zum Erwerbe jederlei festen Eigenthumes die türkische Unterthansschaft nothwendig sei. Darüber erhob und erhebt man noch ein gewaltiges Geschrei, beschuldigt die Regierung einer Unduldsamkeit, die den Fremden nicht im Lande haben wolle. Und doch, was blieb ihr übrig der Anmaßung der fremden Unterthanen und der Widerspänstigkeit der fremden Regierungen gegenüber? Wo ist der Staat, der sich auf die Dauer eine solche Schmälerung seiner Einkünfte, seiner Machtbefugnisse über einen zahlreichen Theil seiner Bewohner gefallen ließe? Man hält der türkischen Regierung immer Aegypten als Muster vor und daß dort der Islam den Verkauf der festen Güter an Fremde nicht hindere. Als ob nicht Millionen Griechen und Armenier und auch andere Christen Grund und Boden unter dem Scepter des Sultans besäßen, und als ob die türkische Regierung überhaupt ein Muster brauche das Wünschenswerthe zu finden. In Aegypten ist der Fremde nicht steuerfrei; er leistet dem Staate so gut wie jeder Eingeborene die Pflichtigkeit, welche an der Scholle haftet. Von seinen fremden Staatsbürgerrechten geht ihm darum keines verloren.

Wollen die europäischen Großmächte, welche immer schöne Reden für das Wohlergehen des kranken Mannes im Munde führen, wirklich sein Bestes, so sollen sie vor Allem von den Forderungen ablassen, die sie aus den Capitulationen geltend machen. Türkische Justiz ist nicht mehr wie früher, war vielleicht auch für ehrliche Leute, was eben nicht alle fränkische Kaufleute sind, nie so wie man sie verläumdet hat, und steht heute jedenfalls so sehr unter dem Machtbereiche der europäischen Großmächte, daß ihr, so gut als den Gerichtshöfen anderer Staaten, die Fremden überlassen werden können. Die türkische Regierung wird ihnen dagegen den Eigenthumserwerb aller Gattungen von Gütern zugestehen; ein Zugeständniß, das, wenn man es nach dem Lärm mißt, womit es begehrt wird, auch in seinen Folgen für die Fremden als ein nicht unvortheilhaftes geschätzt werden darf.

Das wäre eine der erfolgreichsten Maßregeln in jener Richtung, in welcher ich die Wirthschaftspolitik der türkischen Regierung thätig zu sehen wünsche. Ein anderer demselben obersten Grundsatze entspringender Entschluß müßte das Zollwesen umgestalten. Das ist in der Türkei beinahe ohne eigene Absichten, mehr zufällig durch die von außen kommenden Forderungen der Handelsverträge gebildet worden. Das der Türkei Eigenthümliche daran haben engherzige Vorurtheile veranlaßt, welche die Zölle nur vom fiskalischen Standpunkte ansahen. Daß sie diesen heute noch nicht überwunden habe, glaube ich in der Bemerkung zu lesen, womit der Finanzminister bei der Vorlegung des Budgets für 1863–1864 dem Großvezier das Zurückbleiben der Zolleinnahmen hinter dem Voranschlage durch das jährliche Herabsinken des Ausfuhrzollsatzes erklärt und hierbei kein Wort dafür hat, einen Ersatz dieses Ausfalles aus dem reichlicheren Ertrage der anderen Steuern zu versprechen, denn die Production, der die Ausfuhr erleichtert wird, kann nicht müßig auf dem früheren Flecke bleiben. Die Handelsverträge aber, welche die Großmächte mit den Türken abgeschlossen haben, sind immer die schamlosesten Ausbeutungen gewesen, wie sie sich nur Wucherer bei ihren hilflosesten Gläubigern erlauben. Ganz einseitig, d. h. nachtheilig für die Türkei, gestehen sie den europäischen Waaren an den türkischen Grenzen beinahe völlige Zollfreiheit zu, lassen aber die türkischen Waaren von den europäischen Märkten ausgeschlossen sein, in einigen Ländern, wie bis vor kurzem in Frankreich, durch offen eingestandene Prohibition, in anderen wie dermalen noch in Frankreich und Oesterreich durch angebliche Finanzzölle. Die Türkei, die aber als der Wärwolf aller Barbarei, aller Finsterniß und alles Zurückbleibens in der Cultur geschildert wird, ist der einzige Staat der Welt, der an der Natur der Dinge, am Freihandel festgehalten hat; wahrscheinlich unabsichtlich und unbewußt ihrer Verdienstlichkeit, auch hier mehr als eine Folge des dem Orientalen angeborenen Natursinnes, aber darum nicht weniger zum Vortheile der Anderen.

Das türkische Zollsystem hat keine anderen als Finanzzölle, d. h. die Zölle, welche die Türkei einhebt, beabsichtigen nichts, als eine Einnahme für den Staatssäckel. Nach den Waaren, von denen sie erhoben werden, sondern sie sich in Eingangs-, Ausgangs- und Durchfuhrszölle.

Als Eingangszoll erhebt die Regierung von dem Werthe jeder eingehenden Waare acht Procente; sie gleichen die Steuer aus, welche die heimische Production an den Staat zu leisten hat. Schutz wird der türkischen Production damit keiner gegeben. Aber diese hat vor der fremden Einfuhr den Vortheil des so sehr verschiedenen Geschmackes voraus, den besonders bei den kostbareren Waarengattungen selbst die Bemühungen der Belgier, Schweizer, und Engländer nicht ganz befriedigen können. Dadurch erhält sie sich auf dem Standpunkte, der späteren Zeit, wenn das Volk den Fortschritt zum Großbetriebe der Gewerbe machen kann und will, die Findigkeit, die Arbeitstechnik, überhaupt das Vermögen zu solcher Leistung zu überliefern. Denn für alle Zeiten soll die Türkei nicht auf den Fleck gebannt bleiben, auf dem sie heute steht. Es liegt kein Hinderniß vor, daß sie nicht einmal, so gut als ihre Vorgänger auf diesem Boden, Europa mit Manufactur- und Kunstprodukten versehe. Nur so lange sie ist, was sie heute ist, soll sie ihre Kräfte nicht an solche Wagnisse verschwenden; Capitals- und Arbeitskräfte, deren Ueberfluß einem Großbetriebe der Industrie ganz unentbehrlich ist, fehlen ihr dazu viel zu sehr. Sie muß diesen Mangel durch die angemessene Benutzung des anderen Ueberflusses, den sie einstweilen noch hat, des freien Productionsfactors der Naturkraft ersetzen. Ob dann in späterer Zeit, wenn das Volk diesen wirthschaftlichen Fortschritt macht, nicht auch das türkische Zollsystem in dem Theile, welcher diese achtprocentigen Eingangszölle normirt, eine Umwandlung benöthigen wird, das zu beurtheilen, muß jener Zeit überlassen bleiben. Jede hat so eigenthümliche Bedingungen und Bedürfnisse, und es arbeiten so wechselnde Elemente an der Bildung ihrer Verhältnisse, daß es mir immer als die allerunsinnigste Ueberhebung erschienen ist, allen Zeiten voraus, indem man das sogenannte absolut Beste aufstellt, ihre Gesetze und Formen dictiren zu wollen. Das, was im Augenblicke das Brauchbarste und Mögliche ist, wird immer auch das Beste sein, denn das Wünschenswerthe wird, bei der Unvollkommenheit aller irdischen Zustände, immer vom Besten unterschieden werden müssen.

Den Ausgangszoll haben die Verträge der Jahre 1861–62 in der Weise festgesetzt, daß die türkischen Zollämter von jeder ausgehenden Waare ursprünglich acht Procente des Werthes, seitdem aber mit jedem Jahre um eines weniger einheben, bis diese Minderung bei dem letzten Procente angelangt sein wird, welches fortwährend als Beitrag zu den zollämtlichen Kosten bestehen soll. In diesem Jahre ist die Scala des türkischen Ausgangszolles schon auf fünf Procent herabgesunken. Bei diesem Theile des türkischen Zollsystems beginne ich die Sünden zu finden, um deren Willen ich oben seine Umgestaltung verlangte zu Gunsten der türkischen Volkswirthschaft und ausgehend von jenem Principe, welches ich oben ihrer Politik als oberstes und leitendes angerathen habe. Ausgangszölle belasten mit einer besonderen Steuer den Theil der Production, der sich das Verdienst erwerben will, im Auslande Güter einzukaufen, welche dem heimischen Bedürfnisse nothwendiger und werthvoller sind, als der unverwendbare Ueberfluß der daheim erzeugten. Ist es nun schon an und für sich grundlos, die Producte je nach dem Orte ihrer Bestimmung verschieden zu besteuern, so erscheint diese Ungerechtigkeit noch unbilliger, wenn man die ausgeführten Güter auf den fremden Märkten neben den dort producirten ohnedies schon durch die weiteren Transportkosten und die fremden Eingangszölle ungleich belastet sieht. Die Unklugheit, welche aber auch darin liegt, die Ausfuhr, d. h. die Entwicklung der eigenen Production zu schädigen, zeigt sich hier in der Türkei bei den hiesigen Ausgangszöllen am allerauffälligsten. Denn sie treffen meistens Waaren, welche beim Transporte nicht nur durch die Kosten für die weitere Entfernung an und für sich, sondern auch durch das schwerere Gewicht benachtheiligt werden, und welche dabei doch ziemlich die einzigen sind, die dem türkischen Volke zur Verfügung stehen, sich die Mittel einer verfeinerten Gesittung einzutauschen. So vereinigen sich alle Rücksichten einer wohlmeinenden Politik, die der Gleichheit, der Billigkeit, der Gerechtigkeit und Klugheit, um die Abschaffung dieser Zölle zu befürworten. Dafür sind keine anderen, als die des Staatssäckels anzuführen, und das sind irrthümliche, in der Unwissenheit über jede Nationalökonomik aufgefundene. Denn was dem Zolleinnehmer durch den Wegfall der Ausgangszölle entgeht, das fließt schon nach einigen Uebergangsjahren dem Steuereinnehmer durch höhere Zehnten und andere Steuer-Erträgnisse, endlich auch durch den Eingangszoll verdoppelt zu. Die zum Zwecke der Ausfuhr gesteigerte Production bringt sich selbst und auch dem Staate neue Gewinne, und die größere Ausfuhr muß mit einer neuen Einfuhr bezahlt werden, die statt dem einen Procent des Ausgangszolles die acht Procente des Eingangszolles abliefert. Im Wirthschaftsleben producirt der Mensch nur um zu kaufen; an der Production aber wie an dem Verkaufe hindern ihn Ausgangszölle. Ihre Politik wirkt gerade wie das Erziehungsmittel eines Schulmeisters, der den Fleiß statt der Faulheit bestrafen wollte.

Und dasselbe gilt gegen die Durchfuhrzölle, welche die Türkei auch vermöge ihrer Verträge dermalen noch mit zwei Procent, vom Jahre 1869 nur mehr mit einem Procent vom Werthe jeder ihr Gebiet passirenden Waare einhebt. Sie werden, wenn einmal aufgehoben, durch die Vortheile des gesteigerten Verkehres bald ersetzt werden, besonders wenn die Türkei einmal größere Eisenbahnen gebaut haben wird.

Am allerdrängendsten erhebe ich aber meine Einwendungen gegen die Zwischenzölle, welche noch immer die einzelnen Provinzen der Türkei trennt. Die schädigen die Production zum Nachtheile des ganzen Staatswesens. Es ist mir immer ein Räthsel geblieben, wie es eine Zeit geben konnte so blind für den offenkundigen Vortheil, daß alle Staaten in einer Fesselung der Natur ihr Wohl zu fördern glaubten.

Zu einer solchen Umgestaltung ihres Zollsystemes wird die Türkei — wenn sie sich nicht schon eigenmächtig hierzu berechtigt glaubt — leicht die Zustimmung der Vertragsmächte erhalten, weil England, Frankreich, Oesterreich und Italien nur Vortheile aus dem Wegfalle der türkischen Ausgangs-, Durchfuhr- und Zwischenzölle zu erwarten haben durch den billigeren Bezug der Rohproducte, die, wie die Baumwolle und Seide, ihren Industrien unentbehrlich sind. Sollten einige indeß doch widersprechen und die Türkei ihnen dazu aus den Verträgen wirklich die Berechtigung einräumen, so könnte vielleicht im Jahre 1868, wo das Recht zur Revision des Zolltarifes einfällt, das Zugeständniß zu solcher Umgestaltung vor Ablauf der 28 Jahre, für welche lange Dauer die Handelsverträge abgeschlossen sind, erlangt werden.

Sind aber jene Verträge abgelaufen, oder bricht sie vor ihrer Zeit der eine oder andere Zufall, dann soll die Türkei ja keine neuen mehr schließen. Dann regle sie frei und ungebunden, nur nach den Forderungen ihres eigenen Bedarfes ihr Zollwesen, gleich für Alle, wenn sie es nämlich sich noch immer angemessen glaubt, am Freihandelsprincipe festzuhalten. Will die Türkei aber dann doch wieder, oder ist sie durch Verhältnisse genöthigt, ihre Handelsbeziehungen mit den einzelnen Staaten durch Verträge zu regeln, so thue sie dieses wenigstens nur gegen das Zugeständniß der vollen Gegenseitigkeit. Wer ihr seine Glas-, seine Eisen-, seine Calicot-Waaren zollfrei zuführen will, der lasse auch unter denselben Bedingungen nicht nur türkische Rohproducte, die ihm ohnedies unentbehrlich sind, sondern auch Smyrnaer Teppiche, damasische Seiden-, Brussaer Gazestoffe und jene weichen Hand- und Badetücher, die alle der Luxusgebrauch in Europa so sehr liebt, in seine Grenzen. Und wer ihr das weigert, wer sie fort und fort mit Zöllen von 20, 30 und 50 Procenten von sich weist, dem schließe sie eben so zu Gunsten des gerechteren und billigeren Nachbars die Thüre. Es wäre eine verdiente Beschämung für Europa, wenn auf diese Weise die uncivilisirte Türkei der wirksamste Apostel des Freihandels würde. Die Möglichkeit, daß sie das mit Repressaille-Maßregeln erlange, liegt nahe, weil unseren überindustriellen Staaten die Ausfuhr nach dem großen und reichen Becken des Orientes immer unentbehrlicher wird. England und die Schweiz konnten ihre freihändlerische Duldsamkeit nicht zu demselben Zwecke verwenden, weil beide daheim keine Käufer, nur Concurrenten der anderen Industrien auf den auswärtigen Märkten sind. Der Türkei aber gegenüber sind alle Industrien ausfuhrsfähige; ihre Bedingungen haben daher einen gewissen Zwang.

Wie neulich in Brussa die Seidenproduction, habe ich auch hier die Baumwollproduction mit besonderer Rücksicht auf Oesterreich betrachtet. Oesterreich brauchte für seine Baumwollmanufactur

1861 = 879.196 Ctr.,
1862 = 386.105  „
1863 = 305.442  „

Davon hat es in jedem Jahre den weit überwiegenden Theil auf dem Landwege eingeführt, also meist durch den indirecten Bezug von Zwischenhändlern aus Hamburg und Bremen, nämlich

1861 = 662.051 Ctr., das sind ⅔ des ganzen Bedarfes,
1862 = 285.009 Ctr., das ist nur mehr etwas über die Hälfte,
1863 = 219.157 Ctr.

In Zahlen ausgedrückt stellt das ein Stück der letzten Geschichte der Baumwollcultur dar. Die österreichische Einfuhr hängt mit der Production des Orients zusammen. Je mehr jene den Seeweg wählt, desto ergiebiger entwickelt sich diese. Dem österreichischen Consumo lieferte 1861

die Türkei nur  9.533 Ctr.,
Aegypten 31.456  „
der gesammte Orient also 40.989 Ctr. Baumwolle.

Das war nur der fünfte Theil der österreichischen Seeeinfuhr und der einundzwanzigste der ganzen österreichischen Einfuhr.

1862 lieferte:
die Türkei 20.592 Ctr.,
Aegypten 31.850  „
der Orient also 52.442 Ctr. Baumwolle.

Das war mehr als die Hälfte der österreichischen Seeeinfuhr und der siebente Theil der ganzen österreichischen Baumwolleinfuhr.

1863 lieferte:
die Türkei 20.598 Ctr.,
Aegypten 55.847  „
der Orient 76.445 Ctr. Baumwolle.

Das war beinahe die ganze österreichische Seeeinfuhr und der vierte Theil der gesammten österreichischen Baumwolleinfuhr.

Das sind erfreuliche Resultate, die auch nach dem Vergleiche mit dem, was die anderen Hauptbaumwollen-Consumenten von der Türkei bezogen haben, ansehnliche bleiben. Denn England hat 1862 nicht mehr als 37.334 Centner und Frankreich 77.270 Ctr. türkische Baumwolle gekauft, das läßt hoffen, daß der österreichische Handel sich endlich wieder in seine natürlichen ihm nächstliegenden Wege finden und sie fleißiger benutzen werde. Es kann nur mit dem besten Erfolge für die österreichische Schifffahrt, die Kaufmannschaft und die Industrie geschehen, denn endlich müssen solche Bezüge türkischer Rohproducte durch österreichische Waaren bezahlt werden. Und so hat denn wirklich auch Oesterreich den dritten Theil seiner ganzen Baumwollwaaren-Ausfuhr der Türkei verkauft; an kein anderes Land auch nur annähernd so viel. Diesen auswärtigen Absatz zu vermehren liegt ganz im freien Belieben und Fleiße der österreichischen Producenten, der allerdings im Genusse eines sicheren und einbringlichen inländischen Marktes kein allzu williger und angestrengter ist. Aufmerksam muß ich auch machen, daß Oesterreich ebensoviel Gelegenheit und Veranlassung habe wie seinem eigenen Consumo, so dem Süddeutschlands und der Schweiz die Baumwolle zu liefern. In diesem Zwischenverkehre könnten seine Rheder, seine Handelsleute, und selbst seine Industriellen, denn auch diese Bezüge könnten der Türkei mit österreichischen Producten bezahlt werden, schöne Gewinne verdienen. Allerdings ist auch hierzu wieder die direkte und kürzeste von Triest durch Tirol zum Bodensee hinführende Eisenbahn Bedingung. Sie würde dort die fabriksreichsten Cantone: Glarus, St. Gallen, Appenzell, Zürich und selbst Basel zu Hinterländern des adriatischen Meeres machen. So lange diese Bahn nicht ist, werden die Schweiz und Süddeutschland fortwährend Marseille als ihren Einfuhrshafen halten. Ein neuer Grund, wie ich einen schon neulich bei dem Seidenhandel gefunden, daß die österreichische Regierung ihrem Handelsstande gegenüber diesen Gefälligkeitsdienst thue.

An Bord des Dampfers „Brussa“, 4. Juni, Mitternacht.

Um 11 Uhr haben wir uns eingeschifft. Jetzt höre ich das Brodeln der Kessel, das Zeichen, daß sich die Abfahrt vorbereite. Um mich herum auf den Divans und in den Schlafstellen, und über mir auf dem Verdecke ruht Alles. Eine Stunde war ich oben, aber auf einem Flecke stehend, nicht auf und ab gehend, weil der Raum für meine Sohle der einzige war, den ich frei fand. Was ich bisher von türkischer Ungenirtheit gesehen, so in Constantinopel, wenn die Officiere und Beamten in voller Uniform, wie sie aus den Bureaux zu den kleinen Localdampfern kommen, selbst das Gemüse, den Salat und das Fleisch nach Hause tragen, wird weit durch das überboten, wie man sich auf dem Verdecke gebettet hat. Der Türke kennt nur eine Ordnung seiner Lebensweise, die erlaubt ihm, sich jede mögliche Bequemlichkeit auch zu gewähren. Die hundert Rücksichten einer oft geradezu unschicklichen Schicklichkeit, womit wir unser Leben binden, bestehen für ihn nicht, und das qu’en dira-t-on? hindert keine seiner Launen. Was ihm genehm und von dem Gesetze erlaubt ist, das sind die einzigen Grenzen seiner Lebensart. Nach diesem Grundsatze haben die Passagiere das Verdeck des Dampfers umgestaltet. Da liegt einer neben dem anderen in seinem besonderen Bette, entkleidet und in buntfarbige Nachtkleider angethan. Das Bett ist verschieden, je nach dem Stande des Reisenden, aus Decken und Polstern oder nur aus Teppichen, aber auch ganz ordentlich aus Matratzen und allem Zugehör gebildet. Der Eine hält die Decke fest bis an die Nase heraufgezogen, daß man, da sein Kopf unter dem Turban verschwindet, zweifeln kann, ob etwas Lebendiges unter diesem Kattunbündel sei; ein Anderer hat sich so dicht eingewickelt, daß er wie ein Schlangenleib erscheint, und ein Dritter, offenbar in der Erregtheit eines Traumes, denn er schnarcht, daß man ihn über die Länge des ganzen Schiffes hört, die Hüllen vollständig abgeworfen, unter denen zu oberst eine rosenfarbene Nachtjacke zum Vorscheine kömmt. Diese freundliche Farbe scheint überhaupt für diese Gewänder die beliebteste zu sein, denn die meisten Schläfer sind darein gekleidet. Ein Theil des Hinterdeckes ist, wie das hier auf den meisten Dampfern üblich, durch eine Bretterwand für die Frauen abgesondert; die schlafen dort gerade so wie die Männer gebettet. Ueber das ganze Lager ist zeltartig ein Segel gespannt, so nieder, daß ich nur gebückt darunter durchkomme; beleuchtet ist es von dem matten Lichte einer Laterne, die in halber Manneshöhe an dem hinteren Mastbaume festgebunden ist. Neben der Lampe hängt ein Käfig; der Vogel, der darinnen, hat den Kopf unter die Flügel gesteckt, und schläft fest, wie die übrigen Passagiere. Ich habe selten eine originellere Scene gesehen. Ein Genremaler, der wie der Niederländer Peter van Schedel auch die Lichteffecte sucht, fände hier endlich einen anderen Gegenstand als die ewigen „nächtlichen Marktscenen im Lichte einer Laterne“ und den effectvollen Namen: „die Nacht auf einem türkischen Dampfer“ — dazu.

Constantinopel, den 5. Juni.

Bei nichts mehr als beim Schlafe ist die Qualität im Stande, die Quantität zu ersetzen. Vier Stunden der heutigen Nacht gaben mir nach ermüdenden Ritten die ganze Körper- und Geisteskraft wieder. Schon um 5 Uhr verließ ich meine Cabine, die — denn auch das muß ich zur Rettung türkischer Reinlichkeit anmerken — frei von Flöhen und Wanzen war. Auf dem Verdecke war das Nachtlager im Aufbruche begriffen, großer Lärm und gewaltthätiges Zusammenschnüren des Bettzeuges und der Teppiche; an seiner Stelle ließen sich Kaffeetrinker und brodelnde Nargilehsraucher nieder. Ich entwich dem allen nach vorne auf die Prora des Schiffes, um den Morgen zu genießen, der voll Frische und rosigen Lichtes war. Von dort aus sah ich auch unsere Einfahrt in den Bosporus und in das goldene Horn. So beleuchtet ist es das herrlichste, das farbenprächtigste Bild und der Augenblick, der es gibt, der glückseligste. Wir schwammen in einem glatten silbernen Meere einem Halbkreise in die Arme, der mit Gebäuden bedeckt so groß ist, daß er zuletzt an seinen Endpunkten in der Undeutlichkeit der Entfernung verschwindet. Daß links Europa und rechts Asien, kann das Auge nicht unterscheiden, und sagt man es ihm, so wird es doch wieder ungläubig, weil es nirgends die Spur einer Trennung findet. Zwei Welttheile scheinen zusammengewachsen zu sein und zu dem Feste ihrer Vereinigung den kostbarsten Schmuck angelegt zu haben. Erst wenn man schon zwischen ihren Ufern, zu seiner Linken Stambul mit dem Cypressenwalde seiner Minarete und dem Olympe seiner Kuppeln, der allgewaltig überragenden Aja Sophia, die kleine Irenenkirche davor und ganz zu vorderst die smaragdgrün geschmückte Seraispitze hat, zur Rechten Skutari mit seinem dunkeln Gräberhaine und den einsiedlerischen Pinien vor der großen Caserne Selims: erkennt man die Täuschung und auch vor sich noch die dritte Küste, die Spitze von Top-Hane, die dort aus dem goldenen Horne und aus dem Bosporus kommend ausläuft. Noch einige Ruderschläge der Schaufelräder weiter, thut sich rechts zur Seite der Bosporus auf, von Häusern und Gärten eingefaßt, als wolle die ungeheuere Stadt sich auch dorthin endlos fortsetzen. Dann werfen wir inmitten all der Pracht, der grünen Hügel, der vergoldeten Kuppeldächer, der buntangestrichenen Häusermauern und des Lebens, das sich lärmend und drängend auf den Schiffen und Ufern regt, den Anker in die Fluth, die auch hier rein und blau wie der Himmel über ihr ist.

Es lagen so viele Dampfer an der ersten Hafenbrücke, daß es unmöglich war, uns dort auszuschiffen. Da unser Dampfer ohne Seitentreppen ist, wurde das auf freier See keine erquickliche Aufgabe. An Stricken ließ man uns und unser Gepäck neben den Schiffswänden in die Boote hinab, die sich unter unseren in der Luft schwebenden Füßen den Platz und die Passagiere streitig machten. Das Geschrei und Gedränge unterhielt mich; es ist hier alles trotz überschäumender Lebendigkeit ohne jene grobe Rohheit des Nordens, die vom Menschen nur das Thierische fühlbar macht.

Mittags ging ich in die Peragasse, Einkäufe zu machen. Ich fand sie von bunten Schleiern überspannt, mit Teppichen behängt und von türkischem Militär, das Spalier bildete, besetzt. Dann kam die Procession, und die Soldaten im türkischen Kleide, den grünen Turban auf dem Kopfe, präsentirten die Waffen vor dem Allerheiligsten. Man wage mir jemals wieder ein Wort über Unduldsamkeit des türkischen Volkes und Unbildung seiner Regierung! Dieses eine Beispiel will ich dem gesammten Europa entgegen halten, und sehen wo ein ehrlicher Christ ist, der nicht beschämt an die Brust schlüge und mea culpa, mea maxima culpa! eingestünde.