IV. Constantinopel.
Constantinopel, den 7. Juni.
Ehe ich in das Innere der Stadt eindringe, das ich nun systematisch durchforschen will, begehrte ich einen Um- und Ueberblick darauf zu thun. Gestern führte man mich auf den Thurm des Seraskeriates und heute um die alten Stadtmauern. Ganz ist aber weder das eine noch das andere zu erreichen. Die Weite der Entfernungen und auch Berge und Thäler, die trennend dazwischen liegen, hindern den Ueberblick, und das Meer, welches sich überall einbuchtet, den ununterbrochenen Umgang.
Die Stadt ist ungeheuer, weit größer als das schon durch die Menge ihrer Einwohner bedungen ist. Die letzte Zählung ergab deren 1,075.000, darunter 480.000 Mohammedaner, 250.000 Armenier (orthodoxe und 30.000 unirte), 220.000 Griechen, 55.000 Juden und 40.000 Angehörige aller Nationen; über diese feste Bevölkerung hinaus noch eine wechselnde von 15.000 Soldaten. Die Tausende von Fremden, die aus allen Welttheilen fortwährend zu- und abströmen, konnten in die Berechnung nicht mit aufgenommen werden, weil sie zu keiner Meldung durch Paß oder sonstige Legitimationspapiere verpflichtet sind.
Das heutige Constantinopel ist eigentlich ein geographischer Begriff für eine Menge von Städten. Auf drei Landzungen liegen sie, in Gruppen zusammengebaut, zum Theile Europa, zum andern Theile Asien angehörig. Ehemals galt der Gesammtname nur für das, was heute Stambul heißt. So richtete es Kaiser Constantin ein, als er im Jahre 330 n. Chr. das frühere Byzanz zur Hauptstadt des römischen Weltreiches erhob; so war es, als die Kreuzfahrer am 6. Mai 1204 hier den Grafen Balduin von Flandern zum ersten lateinischen Kaiser wählten; und so fand es Mohammed II., als er am 29. Mai 1453 die Stadt eroberte. Erst später unter den Türken dehnte sich der Name auch auf die umliegenden Städte aus.
Man erzählt mir, der eigentliche Kern der Stadt, dieses Stambul sei auf sieben Hügeln gebaut, ähnlich ihrer italienischen Vorgängerin im Imperium. Möglich, aber ich sehe nur einen, so sehr sind die Berge und Thäler durch die vielen Bauten ausgeglichen. Nur wenn ich zwischen diesen wandle, werde ich der Unebenheiten des Bodens gewahr.
Pera, welches Stambul gegenüber auf dem anderen europäischen Ufer liegt, besteht aus den Vorstädten Sudlische, Piri Pascha, Haß-Köi, Kaßim Pascha, Galata, Pera selbst, St. Dimitri, Top-Hane, Fündykly und Dolma-Bagdsche (Kürbisgarten). In den allerältesten Zeiten, als aber Byzanz doch schon eine gealterte Stadt war, lag dieses Ufer des goldenen Hornes unbewohnt. Man nannte die Gegend Sykae, bei dem Feigenbaume. Erst als die gegenüberliegende Stadt des Constantin die zuströmenden Menschen nicht mehr fassen konnte, scheinen einige hier hinüber gezogen zu sein und dann im sechsten Jahrhundert dem großen Kaiser Justinian zu Ehren die neue Ansiedlung Justiniana getauft zu haben. So wenigstens nennt sie im fünften Capitel die 59. seiner Novellen. Dort findet man auch, daß das goldene Horn den damaligen Anschauungen weit breiter als den heutigen erschienen sein muß, denn jene Novelle bezeichnet diese Gegenden als transmarini, überseeische; περαμασι ist das griechische Wort, welches an jener Stelle gebraucht wird. Aus ihm hat sich durch Abkürzung und Mißbrauch das jetzige Pera gebildet, welches sonach nichts als überseeisch, jenseitig bedeutet.
Es ist irrthümlich, wie das gewöhnlich geschieht, Pera und Galata als zwei, dann in der Folge scharf geschiedene Städte zu schildern; Pera als die Stadt der Venetianer und Galata als die der Genuesen. Wenn auch beide Namen besonders für die zwei wirklich getrennten Stadttheile bestanden, so hat doch auch der von Pera immer zugleich für beide zusammen gegolten. So liest man es heute noch in den Inschriften der Mauern und Thürme von Galata. Alle reden nur von Prätoren der Stadt Pera. Die Genueser und Venetianer, die man gesondert in diesen Städten wohnen läßt, haben wohl abwechselnd nach- aber nie nebeneinander darüber geherrscht. Zuerst die Venetianer schon im sechsten Jahrhundert unter dem Kaiser Justinian. Sie zählten damals zu den Einheimischen und genossen bedeutende Vorrechte zu Gunsten ihres Handels. Dieses Verhältniß währte bis zur Einnahme Constantinopels durch die Lateiner im Jahre 1204; diese machte sie zu den eigentlichen Herren auf den beiden Ufern. 1261 mit der Rückkehr der Griechen verloren sie aber mehr noch als sie damals gewonnen hatten, denn der Paleologe setzte die Genuesen, welche ihm beigestanden waren, als Erben in den ganzen Nachlaß der flüchtigen Venetianer ein. Von nun an herrschte Genua hier und von hier aus weiter gegen Osten zu über die Meere und Küsten des ehemals römischen Reiches. 1446 muß diese Herrschaft noch aufrecht bestanden haben, denn eine Inschrift des Galata-Thurmes von jenem Jahre nennt ausdrücklich „Galata von Byzanz und Pera an dem Bosporus“ berühmte Colonien der Genuesen. Und als solche übergaben sie sich auch, abgesondert von der übrigen griechischen Stadt, an Mohammed den Eroberer. Dieser verlieh ihnen zwar, als er am fünften Tage nach der Einnahme der Stadt auch in Pera feierlich einzog, einen Schutzbrief, aber ihre Rechte als unabhängige Colonie gingen nun doch verloren. Erst von jener Zeit an wurde es den Venetianern möglich neben den Genuesen hier zu leben; aber Herren des Ortes waren beide nicht mehr. Sie wohnten eben nur wie heute die Unterthanen aller europäischen Staaten auf türkischem Boden. Von ihren Nachkommen ist noch manches übrig, wie ich denn überhaupt — was ich schon einmal angemerkt zu haben glaube — hier gar manche Aehnlichkeit mit den italienischen Stammländern finde.
Von dem äußerlichen Erscheinen des besonderen Charakters dieser Stadt sind die schwarzen Ringmauern und Thürme die letzten Ueberbleibsel. 12 Thore und 24 Thürme schließen sie ein, die Hälfte der letzteren gegen die Seeseite gekehrt. Sie sind nicht so alt als man sie gewöhnlich glaubt. Zwar schon im Jahre 1296, nachdem die Venetianer am 29. Juli Galata überfallen und verwüstet hatten, war den Genuesen vom Kaiser Andronikus Paleologus erlaubt worden die Stadt zu befestigen, aber die Mauern und Thürme, welche wir heute sehen, bauten sie erst im 14. und 15. Jahrhundert; das liest man auf den eingemauerten Gedenksteinen. 1344 scheint der Um- oder Neubau begonnen zu haben; 1387 setzte ihn ein ungenannter Prätor von Pera fort; 1404 that dieses der sehr ehrenwerthe Johannes Sauli, 1435 der oberste Beamte Stephan von Marini, 1441 Antonio Spina, 1443 Borneia de Grimaldi, 1445 und 1446 der besonders thätige und darum auch auf allen Steinen vorzüglich gelobte Balthasar Marufo, bis 1447 der Prätor Johann von Famo den Bau vollendete; so wenigstens möchte ich die Anmaßung deuten, die er auf einem Steine ausspricht: das ganze Werk allein gethan zu haben. Alle diese Herren nennen sich Prätoren der Städte von Galata und Pera, und diese, Colonien der Genuesen. Es scheint unter die freiwilligen Verpflichtungen dieses Amtes gehört zu haben, bei der Errichtung der Stadtmauern behilflich zu sein. Den großen Thurm von Galata, der jetzt als Feuerwächter so nützliche Dienste thut und auf jeder Ansicht des Ortes kennzeichnend hervortritt, hat Balthasar Marufo hergestellt. Er hieß damals der Christusthurm und eine Inschrift versetzt den Marufo ob dieses edlen Werkes unter die Götter. Die Restaurationen, welche seitdem nach großen Feuersbrünsten Selim III. 1794 und Mohammed II. 1824 daran vorgenommen, können nur wenig verändert haben.
Zwischen den beiden Ufern von Pera und Constantinopel fanden oftmals blutige Kämpfe statt. Von Pera aus bekriegten im Jahre 559 die Venetianer den Kaiser Justinian und später die Genuesen durch fünf Jahre den Kaiser Cantakuzenos. Fünfmal erschien die venetianische Flotte in dem goldenen Horne, ihre Waffen gegen das genuesische Pera zu kehren und jedesmal im Bunde mit dem griechischen Constantinopel (in den Jahren 1296, 1302, 1328, 1349 und 1351). So nahe kann man sich benachbart sein und doch so feindselig in seinen Schicksalen.
Auch der dritte Stadttheil, Skutari, das auf dem asiatischen Vorgebirge liegt, war lange in seiner Geschichte von den übrigen getrennt. Als es Chrisopolis hieß, rastete Xenophon sieben Tage dort. Seine Soldaten verkauften indeß die persische Beute; der Ort war wohl damals schon ein günstiger Markt für die Waaren, welche die Karavanen aus dem Innern von Asien brachten. 626 n. Chr. lagerten die Perser dort, Constantinopel bedrohend, das auf der Landseite die Avaren umschlossen hatten; 669 begehrten von dort aus die aufständischen Truppen des Kaisers Constantin IV., des Bärtigen, daß er zur Nachahmung der heiligen Dreieinigkeit seine beiden Brüder neben sich auf den Thron setze und 1402 belagerten die Tataren des Tamerlan, der eben bei Angora das junge türkische Reich niedergeworfen hatte, die asiatischen Ufer des Bosporus. — Skutari soll wie Constantinopel auf sieben Hügeln gebaut sein. Das äußere Aussehen gibt auch dort keine Bestätigung dieser Behauptung.
Zwischen den Ufern dieser drei Städte zu treiben auf glatter ruhiger See, den Blick rechts und links hinüber frei und die Erinnerung mit Bildern der Vergangenheit gefüllt, ist eine Fahrt, wie sie sich nirgends schöner und eindrucksvoller bietet, denn Rom selbst ist nicht denkwürdiger vom Schicksale gekennzeichnet. Sage und Geschichte knüpfen seit den allerältesten Zeiten bis zu den neuesten die Menschheit mit ihren entscheidendsten Erlebnissen an diese Stelle fest. Erst die letzten Jahre zeigten wieder, daß in dem Knoten der orientalischen Frage die Fäden aller Politik zusammenlaufen; die ganze heutige Weltordnung ist durch den Krimkrieg gestaltet worden. Und wie damals die Staaten des westlichen Europa mit Rußland, so haben hier immer die jeweiligen Weltmächte um den Vorrang in der Herrschaft gerungen; so die Griechen mit den Persern, die Athener zuerst mit den Lacedämoniern, dann mit den Macedoniern, die Römer mit den Persern, die Byzantiner mit den Franken, die Genuesen mit den Venetianern und endlich die Mohammedaner mit den Christen. Unter den vielen war eine der blutigsten Entscheidungen die der Nacht vom 13. auf den 14. Februar des Jahres 1352. Sie ist nur wenig gekannt und auch mir wohl nur im Gedächtnisse, weil ich die venetianische Geschichte eine Zeitlang als Lieblingsstudium betrieben habe. Venetianer und Genuesen standen sich gegenüber auf einer wildbewegten See. Vom Hafen bei Kadi-Köi durch den ganzen Bosporus bis hinaus zum Schwarzen Meere zog sich der Kampf; die Nacht war so finster und der Sturm so wüthend, daß an eine festgegliederte Schlacht nicht zu denken war. Unterschiedslos vernichteten sich Freunde und Feinde. Von 139 großen Galeeren fehlten am nächsten Morgen 39; sie waren verbrannt oder versunken. Der Venetianer Nicolo Pisani, der doch das Uebergewicht der Zahl — 75 Schiffe — für sich gehabt hatte, räumte am nächsten Tage dem Pagano Doria das Marmora-Meer ein und mit ihm den Genuesen für eine lange Zeit den ausschließlichen Handel nach den Küsten des Schwarzen Meeres. Es war dieses derselbe Pisani, der dann einige Monate später, beinahe im Angesichte von Genua, bei dem italienischen Vorgebirge Cagliari seine Niederlage so furchtbar rächte, daß die genuesische Seemacht vernichtet und die stolze Stadt gezwungen war, ihre Freiheit an den Tyrannen von Mailand, den Erzbischof Giovanni Visconti, zu verkaufen. Aber schon zwei Jahre darauf wurde Pisani gefangen in das neuerdings triumphirende Genua eingebracht, nachdem ihm Doria am 2. November 1354 bei der Insel Sapienza, derselben, an der ich vorübergefahren, den Sieg und die Flotte abgewonnen hatte.
So fest mir diese Erinnerungen eingeprägt sind, es gab Augenblicke, wo sie alle untertauchten in der Herrlichkeit des mich umgebenden Meeres und Himmels. Rosenfingerig, so wie es die Göttin Homer’s ist, war der Morgen, lächelnd als habe ihm Eos ihren ganzen Liebreiz auf die Lippen gelegt und die Farbe ihrer Hände dem Meere und den Wolken beigemischt. Es gibt Augenblicke, und das sind die auserwählten des Glückes, wo nur ein Dichterwort den Eindruck des Geschauten und Empfundenen ganz wiederzugeben vermag. Wer die Morgenluft nie so lau geathmet und das Morgenroth nie so versöhnlich gesehen hat, wie ich heute Morgens, der wird jene homerische Sprache nicht verstehen; wer das aber einmal erlebt, dem wird das einzige gut getroffene Wort auch das ganze Bild malen.
Um 5 Uhr war ich zum Kaik nach Top-Hane hinabgestiegen. Osman und seine zwei Gefährten erwarteten uns. In weite Pumphosen und feine Hemden schneeweiß gekleidet saßen sie vor uns, die nackten Füße aufgestemmt und mit den Armen zu den Ruderschlägen weit ausholend. In den intelligenten Gesichtern bemerkte ich freudige Theilnahme an meinem Entzücken; der Südländer, und besonders der Mann der unteren Stände, ist immer dankbar für die Bewunderung, die man seinem Lande zollt.
An großen Dreimastern vorbei, die vor der Seraispitze ankerten, den Südwind erwartend, der sie in den Hafen treiben sollte, ruderten sie uns. Alles war dort stille als walte noch die Nacht. Nur einige kleine Remorquere dampften herum, geschäftig den fremden Schiffen ihre Dienste anzubieten und wirklich auch einige in das goldene Horn zu schleppen. Andere Segler strebten schon auf dem freien Meere den Dardanellen zu, denn der Ausfahrt war der Wind günstig. Das Meer, die Prinzeninseln, die Bithinischen Berge, den weißglitzernden Olymp zu oberst, hatten wir zu unserer Linken; zur Rechten die altersgrauen Mauern der Stadt, ausgewaschene Klippen davor, und hinter und über den Mauern die bunten Häuser der Stadt, Thürme und Kuppeln und Bäume, die zwischen ihnen stehen; vor uns das Schloß der sieben Thürme, dem wir näher gekommen waren. Dunkle Schatten markirten die Unregelmäßigkeiten der Mauer. Oft hielten wir an und ließen das Boot willenlos treiben, um die Stunde und die Fahrt zu verlängern. Wie auf der Sehne eines Bogens, den hier die Stadtmauern bilden, war unser Weg. Zuerst sieht man die Aja Sophia, unmittelbar vor ihr die lange Linie des Universitätsgebäudes, das im Jahre 1845 die Türkei auf Befehl des englischen Botschafters Sir Stratford Canning bauen mußte. Alle Bildungsanstalten sollten darin unter der Hofmeisterschaft des Staates vereinigt werden; einer der unmöglichsten unter den vielen Rathschlägen, welche Europa der Türkei gegeben hat. Zwang läßt sich der Türke bei der Erziehung seiner Kinder weniger noch als bei irgend etwas anderem gefallen. Während des Krimkrieges diente der kostbare Bau den Franzosen als Spital, so daß das viele Geld doch nicht ganz vergebens ausgegeben worden war. Das Nächste dann den vier Minareten der Sophien-Moschee sind die Kuppeln und sechs Minarete der Achmedje, die Ruinen des ehemals goldenen Obelisken und der verbrannten Säule, die Nuri-Osmanjie, die Bajasid-Moschee und dahinter auf der Höhe des Hügels der Thurm des Seraskeriates. In weiterer Fortsetzung die Schah-Sadeh Djami (die Moschee der Prinzen), Daleli Djami (die Tulpen-Moschee) Murad Pascha Djami und in hohen grünen Bäumen versteckt die Moscheen Daud Pascha’s und Mustapha Pascha’s. Die sieben Thürme erst endigen die Reihe dieser stattlichen öffentlichen Gebäude; die Holzhäuser aber ziehen sich am Strande noch eine Strecke weiter als die Mauern. Es sind das die Vorstädte der Fleischer, welche Mohamed II. angelegt hat.
Mitten unter den Fleischbänken stiegen wir aus dem Kaik und auf die Pferde, welche wir uns dorthin bestellt hatten. Durch das Dorf und an dem Friedhofe vorüber, der von hier an in beinahe ununterbrochener Fortsetzung die Stadtmauern bis zum goldenen Horne begleitet, ritten wir zu dem Schlosse der sieben Thürme. Durch das erste Thor mußten wir in die Stadt hinein. Auf einem einsamen von Platanen beschatteten Platze ließen wir die Pferde. Zu Fuß unter einem niederen Thorbogen hindurch traten wir in den Hof des berühmten Schlosses; der zeigt nichts von dem Schauerlichen, das die Sage von diesen Räumen erzählt. Sein Boden ist grün bewachsen, Bäume stehen darauf, an einzelnen Stellen ist er ungleich, beinahe hügelig, wohl von dem zusammengestürzten Schutte früherer Gebäude. Ein einziges steht heute noch wohlerhalten, ein Medschid (Bethaus) mit einem kleinen Minarete. Eine ewige Lampe brennt davor. Warum sie angezündet worden gleicht ganz dem Grunde, der das Lichtlein an der Markuskirche auf der Seite, welche der Piazetta zugekehrt ist, unterhält; frommer Wahn, der einen Justizmord sühnen will.
Wir stiegen auf die Höhe der Mauern und gingen dort von einem Thurme zum andern. Alles ist dicht mit Sträuchern und blühenden Blumen bewachsen; der See zu liegen unmittelbar vor dem Schlosse Gartenanlagen und Weinpflanzungen, dann die alten Stadtmauern, vielfach vom Erdbeben zerbrochen und in Trümmern. Es ist ein Irrthum, die Zerstörungen, die heute an den Stadtmauern sichtbar sind, so ausschließlich den feindlichen Angriffen Schuld zu geben; weitaus das Meiste hat die Gewalt der Natur gethan. Gleich hinter diesen Resten ist das Meer. Regungslos lag es in goldener Sonne, der Ausblick frei bis zu den fernen Bergen. Es brauchte lange bis ich mich so weit gesammelt hatte, um in dem Genusse der Gegenwart nicht die Erinnerung an die Vergangenheit zu vergessen, einer Vergangenheit, welche so tragisch in diesen Ruinen gewesen.
Das Schloß, wie es heute steht, ist ein Werk Mohamed II. Nur Einzelnes in den Mauern weist noch auf die Zeit als es Cyklobion hieß, und mit den beiden andern kaiserlichen Palästen auf der Seraispitze und im Viertel der Blachernen die Winkel des Dreiecks sperrte, welches Constantinopel bildet. Damals schon diente es nicht als Wohnstätte der Herrscher, sondern eben nur als befestigte Pforte der Stadt; als solche war sie aber unter allen übrigen die vornehmste, der Triumph zog von hier aus nach der Sophien-Kirche und dem kaiserlichen Palaste. Wer die Karte ansieht, der findet, daß heute noch sein Weg erhalten ist. Die Gassen werden damals ziemlich dieselbe Richtung wie heute gehabt haben, und auch ihr äußeres Aussehen kein wesentlich anderes gewesen sein. Sie werden schmal und ungleich sich zwischen niederen verschlossenen Häusern durchgewunden haben und, wenn auch auf langen Strecken von Säulenhallen eingefaßt, im Ganzen doch nicht viel prächtiger erschienen sein als das die heutigen türkischen. Es heißt den Begriffen eine ungebührlich zurückwirkende Kraft geben, wenn man, weil wir das so zur Verschönerung unserer Residenzen verlangen, sich die Städte der Alten mit breiten endlos geraden Straßen vorstellt. Damals verstand man seine Bedürfnisse besser, und so auch noch im Mittelalter. Das sehen wir in Rom und in unseren alten deutschen Kaufmannsstädten, wo die Häuser enge einander gegenüberstehen, daß im Sommer und bei festlichen Gelegenheiten Teppiche dazwischen und über den freien Raum ausgespannt werden konnten. Was in Deutschland gebaut wurde, hatte italienische Muster, und das Alterthum, das den Italienern als Vorbild gedient, hat sich am unverändertsten in der conservativen Luft des Orientes erhalten.
Wenn der Triumphzug der griechischen Kaiser von dem Marsfelde durch die goldene Pforte in die Stadt eingetreten war, dann machte er den ersten Halt bei dem Kloster des Studius, der heutigen Mir-Achor Djami. Bis dorthin ging der Kaiser zu Fuße, weil das wunderthätige Bild der wegweisenden Mutter Gottes unmittelbar vor ihm getragen wurde. War er zu Pferde gestiegen, so ordnete sich der Zug neuerdings. Die Soldaten mit den eroberten Trophäen und Gefangenen voran; dahinter der ganze Hofstaat, die Eunuchen darunter, alle in goldenen Kleidern, große Hellebarden in den Händen, der Kaiser in goldenem Waffenrocke, eine dreifache Krone auf dem Haupte und das Scepter in der Hand auf einem prächtigen Pferde, dessen Zaumzeug und Decke mit Juwelen geschmückt waren. Die Glieder der kaiserlichen Familie und die Senatoren schlossen die Procession. Durch die Bäder des Zeuxippus, die zwischen dem Hippodrome und der Sophien-Kirche lagen, zog sie auf das Forum Augusteum; dort in der Mitte desselben unter dem Thorbogen des goldenen Meilenzeigers, wo heute ein Conglomerat schmutziger Häuser steht, stieg das Gefolge des Kaisers von den Pferden, der Kaiser selbst erst an der Seitenthüre der Aja Sophia, durch die er gewöhnlich den Dom betrat. Auch in den ärmsten Zeiten fehlte dieses Ceremoniell und diese Pracht dem Kaiser nicht. Der letzte, der seinen Einzug damit feierte, war der Paleologe Michael, nachdem sein General in der Nacht vorher, vom 24. auf den 25. Juli 1261, die Stadt durch einen kühnen Handstreich den Lateinern abgenommen hatte.
Die goldene Pforte scheint ein außerordentlich hohes Thor, oben durch eine Kuppel gedeckt, gewesen zu sein, wohl Babi-Humajun, dem ersten Thore des Serai’s, ähnlich. Die Kuppel wird, wie so viele in Constantinopel, mit goldener Glasmosaik ausgefüttert gewesen sein, daher der glänzende Name. Daß die Pforte schon 989 zugemauert worden sei, um den Lateinern den Einzug zu wehren, glaube ich nicht; es marschirten noch nach diesem Jahre zu viele Triumphzüge hindurch. Jetzt ist sie mit Trümmerresten von byzantinischen Kirchen geschlossen, und mag in der Gestalt, wie sie dasteht, ziemlich das einzige Ueberbleibsel des vormohammedanischen Baues sein.
Als wir wieder in den Hof hinabgestiegen waren, fanden wir unseren Kavassen im Streite mit dem Wache habenden türkischen Officier, weil er Fremde ohne Erlaubniß in dieses feste Schloß geführt habe. Daß wir keine bösen Menschen seien, glaubte der Beamte erst, als er einiges von österreichischer Gesandtschaft u. s. w. gehört hatte; dann aber zeigte sich seine Gefälligkeit auch eben so eifrig als es seine Wachsamkeit gewesen. In Winkel und zu Felswänden führte er uns, worin verschiedene Gefangene ihre Namen hatten einmeiseln lassen. Ungarische und venetianische fand ich darunter; die Geschichten, die uns der Türke dazu zum Besten gab, hatten eben so viel Schauriges und Glaubwürdiges als die anderer berühmter Schlösser. Warum die türkische Regierung übrigens dieses durch eine feste Besatzung schützt, ist nicht wohl zu begreifen; zu vertheidigen ist es nicht und zu bewachen ist nicht viel.
Wir kehrten auf die Straße außerhalb der Stadtmauern zurück. Der Cypressenhain mit den Gräbern läuft unausgesetzt zur Linken neben der Straße her; dem Thore von Silivri gegenüber bogen wir in denselben ein. Es war Balikli, das griechische Kloster mit den wunderbaren Weißfischen, das wir suchten. Wie sie heute in dem Bassin herumschwimmen, so sollen sie bei der letzten Eroberung der Stadt schon geröstet einem Mönche aus der Pfanne gesprungen sein. Und warum nicht? Der Glaube ist das auf Erden allein entscheidende. Die Griechen halten die Fische und den Ort in hoher Verehrung. An einzelnen Festtagen pilgert alles Volk hierher, und selbst heute fand ich viele Fromme, die ihre Wachskerzleins über dem Becken aufsteckten und dafür von dem heiligen Wasser mit nach Hause nahmen. Die Stiege, die zu einer unterirdischen Kapelle hinabführt, war so damit begossen, daß man Gefahr lief, auf den Marmorstufen auszugleiten. Die große Kirche nebenan hat der Sultan den griechischen Christen gebaut; ich höre, daß er den katholischen einen Friedhof schenken will drüben in Asien bei Skutari. Sind das vielleicht Zeugnisse der Christenverfolgung, von der unsere Zeitungen seit den griechischen Freiheitskriegen so viel zu erzählen wissen? — Das Innere der Kirche ist in dem überladenen Style einer verkommenen Renaissance ausgeschmückt, der gleich der steifen Haltung ihrer Bilder den Griechen religiöser Typus geworden zu sein scheint; nur daß die Pracht der früheren Mosaiken und Marmortäfelungen nunmehr durch Oelanstrich und ärmliche Vergoldung vorgestellt werden muß.
Mit vieler artiger Lebendigkeit machten zwei Geistliche unsere Führer. Auch sie waren Ueberbleibsel einer längst vergangenen Zeit mit ihren langen Bärten, wie man sie im alten Byzanz als elegante Mode getragen hatte. So sehr scheint das ein Kennzeichen des Griechen gewesen zu sein, daß sich die Venetianer einmal bei einer ihrer vielen Fehden mit den Byzantinern das Kinn scheeren ließen, um ja den verhaßten Gegnern in nichts zu gleichen. Es ist übrigens nicht blos dieses äußere Merkmal, was sich an griechischen Geistlichen aus der Vergangenheit erhalten hat. Ihr ganzes Wesen ist starr und unverändert wie der Typus ihrer Heiligenbilder, und so ist es eigentlich das ganze Volk und auch der Glaube, zu dem es sich bekennt. Mehr als von irgend einer Religion gilt von der griechischen, daß sie die eine und dieselbe geblieben sei, vor allem Volksreligion, erst in zweiter Instanz eine christliche.
Es war gleich nach den ersten Anfängen, daß sich die Griechen des Christenthums bemächtigten; das läßt die Apostelgeschichte deutlich erkennen. Die Philosophen nahmen es wie alles Neue, das sich ihrem nicht mehr schaffenden, sondern nur noch sammelnden Eifer vorstellte, unter ihre Studien auf, formten und dogmatisirten es und das Volk warf sich ihm in die Arme wie einem Tröster in seiner Armuth und Glaubenslosigkeit. Denn der feste Bund von Brüdern bot ihm Hilfe in seinen wirklichen Leiden, und das mächtige Wort von dem einen und unsichtbaren Gotte, dem einzigen, der sich ihm bisher noch nicht gefühllos gezeigt hatte, versprach ihm Belohnung durch ein anderes besseres Leben. So fest ist der Glaube in die Welt eingepflanzt, daß er nie leichter als in der Zeit völliger Glaubenslosigkeit zu erwecken ist. Immer, und das gilt von dem Einzelnen wie von den Völkern, geht aus dem Zustande des völligsten geistigen Verfalles das wärmste Gottesvertrauen hervor. Die Verfolgungen des Christenthumes, wo sich das Volk daran betheiligte, waren bei den Lateinern viel blutiger als bei den griechisch redenden Römern. Das gab dem Christenthume seine erste Gestalt, und lange ehe es Constantin zur Staatsreligion erhob und dann später das entscheidende Wort der Spaltung ausgesprochen ward, war eine griechische Kirche. Sie war schon eins mit den Sitten geworden und über den ganzen Orient verbreitet. Vielleicht war es das instinctive Errathen dieser Lage, das Constantin, als er die Stärkung seines Thrones im Christenthume suchte, bestimmte, den Sitz seiner Regierung von den sieben Hügeln der Tiber auf die des Bosporus zu verlegen. Rom war schwach und dort opferte man im Senate noch den Göttern; die deutschen Völker standen drohend gegen das Römerthum gekehrt. Was sollten ihm die Einen und die Anderen? Stärke, Reichthum und Blüthe sah er nur im Oriente, und dort war das Christenthum glänzend und herrschend durch den Einfluß des Griechenthums, dem es sich in die Arme geworfen hatte, nicht ärmlich und verachtet wie in Rom, wo es immer noch eine Religion der Dürftigen und Sclaven war. So lösen sich vielleicht die vielen Fragen und das Erstaunen, das bis zur Stunde immer noch diese ungeheure That erregt, die für Jahrhunderte den Lauf der Geschichte rückwärts gewendet und die doch kein deutliches Wort der Zeitgenossen erklärt hat.
Die Verlegung der kaiserlichen Residenz von Rom nach Byzanz mußte die Sonderstellung und die Eigenmacht der griechischen Kirche sehr fördern. Es lag das wohl nicht in den Absichten des Kaisers; aber wer den Samen streut, der erntet auch die Frucht. Wie sollten sich die Griechen, den Kaiser in ihrer Mitte, dem römischen Papste unterwerfen, sie, die selbst in den Zeiten ihres tiefsten Falles, als Sulla Athen geplündert hatte, auf die geistigen Arbeiten der Römer als auf Barbarenwerke herabsahen, und die auch später wieder sich als die Lehrer und Bildner des Christenthums rühmen durften? Denn es war in griechischen Redner-Schulen und an der griechischen Literatur, daß sich Hieronymus und Chrysostomus vorwiegend gebildet hatten. Nicht die Dogmen und die Politik schieden die beiden Kirchen zuerst, die geistige Bildung der Völker that es. Als dann die Spaltung entschieden war, vereinigten sich die griechischen Geistlichen nur um so fester mit ihren Pfarrkindern. Sie hatten nicht wie die Päpste über alle Völker der Welt zu verfügen, sie hatten nur das einzige zugleich nationale, welches ihnen zur Obsorge unterstand; von dem schied sie nichts, auch die Sprache ihres Gottesdienstes nicht. Je mehr innere Noth und äußere Feinde sie bedrängten, desto fester knüpfte sich das Band. Der griechische Geistliche wurde der Helfer gegen den feindlichen Soldaten wie gegen den einheimischen Fiskalbeamten, und als dann später ein fremder Glaube und ein fremder Stamm im Lande herrschend wurden, ward der Priester auch der Amtsträger der ehemals kaiserlichen Machtstellung und Gewalt. Allmälig ging beiden die literarische Bildung verloren, die sie einmal in so hohem Grade besessen hatten; aber da es gleichzeitig bei dem Volke und bei seiner Geistlichkeit geschah, trennte sie auch das nicht. Die griechische Kirche hat heute nichts Achtungswerthes und Anziehendes, aber auch das griechische Volk nicht, wenigstens nicht im Vergleiche mit den Mohammedanern, in dem ich sie hier beständig sehe. Indessen glaube ich nicht, daß das die Folge eines fortwirkenden Verfalles, einer stätigen Degenerirung sei; ich glaube, daß Volk und Kirche gleich bei ihren Anfängen dasselbe waren, was sie heute sind, und halte es für einen großen Irrthum, auf die entgegengesetzten Anschauungen, wie das im Abendlande zuweilen geschieht, die Hoffnung auf eine Wiedervereinigung zu gründen.
Vor den Mauern des Klosters ist ein armenischer Friedhof. Statt der Cypressen, die auf den türkischen Friedhöfen sind, stehen Platanen und Maulbeerbäume darauf. Die Grüfte sind durch große Steinplatten geschlossen. Zwei Löcher in jeder derselben sammeln das Regenwasser für die Vögel. Ein Caffegi hatte mitten unter den Gräbern seine Wirthschaft aufgeschlagen; Schalen und Pfeifen fanden wir schon für uns vorgerichtet. Nackte Kinder und wilde Hunde drängten sich zu, von dem Zuckerwerke und dem Brode zu naschen, das wir den umstehenden Händlern abkauften. Das Brod ist in großen kreisrunden Reifen gebacken, als Zöpfe geflochten, reich mit Sesam bestreut. Ich fand es gut und wohlfeil.
Der weitere Ritt um die Mauern ward immer schöner. Es kömmt eine Stelle, wo man den Hügel hinauf muß und von oben herab eine Moschee mit ihrer Kuppel und dem Minarete über die Mauern heraussieht, die ein fertiges Bild für den Maler bietet. Die Mauern sind dreifache, jede innere höher als die davorliegende; durch runde und eckige Thürme, Bogengänge und Fensternischen, und jetzt auch durch die Breschen der Zeit sind sie vielfältig unterbrochen. Nicht nur Schlingpflanzen, Jahrhundert alte Bäume haben darin Wurzel gefaßt und stehen an einzelnen Stellen so dicht, daß die Stadt und alles Mauerwerk dahinter verborgen bleibt. Ziegen, Schafe und andere Hausthiere weiden friedlich dazwischen und steigen die herabgestürzten Mauerblöcke hinauf, als seien es grüne Hügel wie die draußen im freien Lande. Ab und zu lagern ein paar Hirten, meistens kleine Buben, so daß alles zur Ländlichkeit stimmt. Der Graben vor den Mauern, der nie sehr tief gewesen sein kann, ist an einzelnen Stellen durch Gartenanlagen ausgefüllt. Der Gräberhain zur Linken der Straße zeigte dunkle, schattige Tiefen. Jeder Schritt wechselte die Bilder, und beinahe jedes verdiente die Hand eines geübten Künstlers. Ich kenne wenige Wege, welche stimmungsvoller sind, Stimmungen die traurig und düster waren, denn Gräber liegen ja rechts und links von dem Wanderer. Darüber leuchtete die Sonne des Orients, hell und warm wie sie das hier um die Mittagszeit nicht anders kann.
Die Mauer dem Hafen entlang ist nur schwach und einfach, wie denn dort auch die Stadt am öftesten erobert wurde. Ich bemerkte viele Inschriften und häufig den byzantinischen Adler, dieses sonderbare Wappen, das sich die Griechen ähnlich ihren Heiligenbildern durch Entstellung der Natur geschaffen hatten. Erstaunlich ist mir, daß bisher so Weniges von den Inschriften und Denkmälern dieser Stadt gesammelt und veröffentlicht worden ist; für die Geschichte dürfte Manches wichtig wie das zu Rom Gefundene sein. Im Augenblicke finde ich Professor Dethier, Lehrer an der österreichischen Schule, und Nordtmann, den Chronisten der Einnahme Constantinopels, mit dem Sammeln beschäftigt.
Constantinopel, den 8. Juni.
Erwartungsvoll, wie man jedem ersten Anblicke des Größten und Schönsten, dem Meere und den Alpen, der Sixtina des Rafael und der Venus von Milo gegenüber tritt, ritt ich heute hinüber nach der Sophienmoschee. „Gott hat sie gegründet, und sie wird nicht erschüttert werden; Gott wird ihr beistehen im Morgenroth!“ hat ihr Justinian in die Ziegel brennen lassen, und die Sage bestätigt, daß statt des Teufels, der sonst bei übermenschlichen Bauten geholfen, der Christengott selbst gekommen sei und den Bauplan vorgezeichnet habe. So ist von allem Anfange an eine Geschichte, ehrfurchtgebietender als die jedes anderen Baues, an diese Mauern geheftet. Es ist überhaupt bemerkenswerth wie viel von dem Leben eines Volkes in seinen Kirchen spielt; so recht ein Zeugniß für die Allgiltigkeit des Gebetes.
Man hatte mir immer erzählt, daß die Marcus-Kirche zu Venedig nur eine Wiederholung im Kleinen der großen Sophien-Kirche sei. Da ich das nun nicht fand, warf diese Ueberraschung zuerst meine Sammlung aus dem Sattel. Nichts hinderlicheres als Vorurtheile. Wäre ich unbefangen gekommen, so würde ich schnell die Grundzüge des Planes aufgenommen haben, so verlor ich damit viel Zeit. Vor der ganzen Breite des Innenraumes liegen zwei Gänge, die Vorhallen, wie sie in jenen Zeiten allen Kirchen zum Aufenthalte für die noch unwürdigen Christen nothwendig waren; der erste ist schmucklos, der zweite mit Marmor getäfelt. Aber auch dieser hat etwas Leeres und Langweiliges und beinahe Unförmliches in seiner unverhältnißmäßigen Länge, welche die Breite nicht zur Geltung kommen läßt. 16 Thüren sind die einzige künstlerische Ausschmückung und Unterbrechung der einförmigen Wände. Die Pforten mahnen durch ihre gegen oben verengte Oeffnung an ägyptische und durch die einfache Cannelirung ihrer Thürstöcke an griechische Bildung. Wirklich reicht das eine wie das andere aus jener früheren Zeit herüber und ist in Constantinopel wieder typisch feststehend geworden. An öffentlichen Gebäuden wenigstens scheinen so die Pforten hier in byzantinischer Zeit immer gestaltet worden zu sein. Wer unbefangen sieht, muß diese Form als die wohlgefälligste anerkennen, wie sie auch die natürliche ist. In den Flügeln der neun Thüren von der Vorhalle nach dem Inneren der Kirche sah ich noch das gleichschenklige griechische Kreuz in dem Erze erhalten; durch die mittlere trat ich ein. Was mich nun da am meisten überraschte, war das Fehlen jedes kirchlichen Eindruckes, und es sind nicht die Mohammedaner, die das verschulden. Außer einigen großen Schriftzügen, die sie oben in der Kuppel angeheftet, haben sie nicht viel verändert. Nein es liegt in der ursprünglichen Anlage des Baues. Bis auf die bei solchen Dimensionen verschwindende Differenz von 25 Fuß, welche die Länge mehr als die Breite mißt, ist er viereckig; der Eindruck der weihevollen Tiefe fehlt. Auch die im Verhältnisse zum Ganzen nur kleine Apsis kann den nicht geben. Sie zeigt eher wie wenig tauglich ihrem Zwecke diese Bauform ist. Ein unentbehrliches Hilfsmittel des Gottesdienstes ist sie, bei der Basilika entlehnt, ganz willkürlich der einen Flachwand des vierseitigen Kuppelraumes zugeflickt.
Zugleich mit diesem Mißbehagen fühlte ich mich enttäuscht, das Innere der Kirche nicht so groß wie den Eindruck des Aeußern zu finden. Man muß erst auf den oberen Galerien stehen und von dort herab die Menschen klein zu Pigmäen zusammenschrumpfen und über sich noch immer weit und hoch die Wölbung gehoben sehen, um den ganzen Inhalt des Raumes zu begreifen. Es ist nicht das Gefühl, das ihn findet, der Verstand muß ihn erst messen. So ist es mit allem Unmäßigen und das die Strafe für die Anmaßung; wer sich selbst erhöhet, wird erniedrigt werden! Die kleinen griechischen Tempel erscheinen anders, größer als sie wirklich sind. Und ist diese Verschiedenartigkeit der Wirkung nicht auch ein Hinweis auf die Grenzen, welche dem menschlichen Können gesteckt sind? Wo es sich bescheidet und bei dem ihm Zustehenden bleibt, da wird es das Angestrebte übertreffen; wo es das Unbändige will, gar oft nur das Mittelmäßige erreichen. Man soll wohl bei seinem Schaffen große Vorbilder haben, aber es ist unklug sie durchscheinen zu lassen. Das fordert zu nachtheiligen Vergleichungen heraus; so hier bei der Aja Sophia, wo das Vorbild des Himmelsgewölbes unverkennbar ist. Die Kuppel ist flach, sie steigt nur an ihrem Horizonte etwas auf; kein Tambour trägt sie, und kein Mittelpunkt verliert sich in entfernteres geheimnißvolles Dunkel; 40 Fenster sind in sie eingeschnitten. Vier Rundbogen, von machtvollen Pfeilern gestützt, tragen sie. Auf den Seiten sind diese Bogen ausgefüllt, nach vorne und nach hinten, dort wo die Apsis und der Eingang liegen, offen. Je eine niedrigere Halbkuppel und um diese gereiht je drei kleinere Vollkuppeln decken dort die Räume, und vier andere schwächere Pfeiler tragen diese Decken. Säulen von Verde antico, von Porphyr, Marmor und Granit helfen mit bei diesem Geschäfte in einem Ueberfluß der Dienste, denn hundert sind im unteren Raume, sechzig oben auf den Galerien vertheilt. Das Centrale des Kuppelbaues tritt in allem hervor; unter den Kernpunkt des großen Kreises ist das hauptsächliche Viereck und unter kleinere Kreise sind die Details des Nebensächlichen gelegt. Diese flache, nieder gewölbte Kuppel ist die wesentliche Erfindung der byzantinischen Kunst. Von ihr übernahmen sie die Araber, durch Gewohnheit und durch den Koran darauf vorbereitet. Ihr Wanderleben hatte keine andere Decke als das Firmament gekannt, und der Prophet ihnen gesagt: „daß Gott ihnen zum Teppiche die Erde und den Himmel zum Gewölbe ausgebreitet.“ Wo sie dann höher und enger gebildet worden, wie in Aegypten bei den Mameluken und auch in unseren sogenannten romanischen Domen, da geschah das durch eine Ausartung des ursprünglichen Gedankens.
Die oberen Wände der Aja Sophia sind mit Mosaikbildern verkleidet. An einzelnen Stellen leuchten sie unter der Tünche hervor, welche die Türken darüber gestrichen. So am deutlichsten das Muttergottesbild mit dem Kinde zwischen den Knieen auf dem Hintergrunde der Apsis. Wenn die Sonnenstrahlen darüber zittern ist es, als träte eine übernatürliche Erscheinung, so recht also das, was es vorstellen soll, aus Nebeln heraus; in dem Wechsel des Schattens und Lichtes scheint das Bild lebendig und bewegt. Die Rechte des Kindes ist aufgehoben, ich weiß nicht ob zur Drohung oder um Zeugniß zu geben; die Gestalt weiß bekleidet, die Gesichtszüge sind furchtbar ernst. Ich habe nie etwas Wirkliches gesehen, das einem Traumbilde ähnlicher gewesen wäre. So muß Christus dem Kaiser Constantin erschienen sein, nur milder, nicht so gewaltthätig drohend, ein Heiland, was er ihm ja sein wollte und ward. Mir war, als grolle er mit der erhobenen Hand und mit den großen Augen zu den Türken hinab, die dort unter der Mittelkuppel der Moschee im Kreise um einen Ausleger des Korans gereiht lagen. Nicht lauter als ferner Wellenschlag drang das Wort des fremden Lehrers zu unseren Ohren; aber es klang doch eben genug, um die Mahnung an den Wechsel der Dinge nicht zu überhören. Wäre ich Sultan, dieses Rachegespenst dürfte nicht so fortwährend vor meinen Augen bleiben.
Uebrigens muß die Wirkung dieses Bildes immer eine außerordentliche gewesen sein. Sie liegt schon in der Concipirung der übermenschlichen Gestalten. Die byzantinische Kunst hat ihre Heiligenbilder nach ganz eigenthümlichen Gesetzen gezeichnet. Sie durften nicht mehr wie die Götter der Griechen und Römer menschenähnlich sein, sie mußten eher wie die der alten Aegyptier etwas Menschenfeindliches haben. Ich glaube nicht, daß das, wie man gewöhnlich behauptet, nur Folge technischen Unvermögens gewesen, ich glaube, daß es so vom Anfang an in der Absicht gelegen. Lange hatte das Christenthum nichts als symbolische Zeichen für seinen Gott gehabt; als man es endlich wagte, sich von ihm ein körperliches Bild zu formen, suchte man es gleich von den lebenswahren Darstellungen der Heiden zu unterscheiden. Daher denn diese unmöglichen Gestalten, die eher wie Schemen zu einem erst zu erschaffenden Menschen, als wie Abbilder des fleischgewordenen Christus und seiner Mutter Maria erscheinen. Dem Volke aber stellte man sie gerade als solche — vera icon — vor, um ihnen größere Achtung und längere Verehrung zu sichern. Und wirklich, so wie er hier in der Aja Sophia hingezeichnet ist, lebt der Erlöser in der Phantasie jedes Griechen fort.
Es hat dieses unabänderliche Festhalten eines Götterbildes viel für sich; wie bei den Dogmen schützt es vor manchen Verirrungen. Wir sehen an den Werken einer späteren Kunstthätigkeit, daß in Griechenland und Aegypten dasselbe zur Rettung der Religion versucht ward. Und die Bestrebungen unserer Schule der Nazarener, Overbeck und Veit, wollen sie Anderes? Das Abendland, das seine Kunst von diesem religiösen Zwange emancipirt hat, müßte den ersten Bekennern des Christenthumes weit heidnischer als das heutige Morgenland erscheinen. Das Wesentliche dabei ist, daß das Heidenthum tief dem menschlichen Fleische eingeboren ist, und daß alle Völker, die hochgebildeten Aegyptier wie die wilden Indianer in Mexiko, mit dem Glauben an den einen Gott begonnen und mit der Vielgötterei geendigt haben; eine Entwicklung, der überall die religiösen Bilder behilflich waren. Das christliche Constantinopel hatte einen Cultus der Vielgötterei so ausschweifend, als ihn nur Rom in den Tagen seiner tiefsten Verkommenheit gehabt. Nicht genug, daß eine wegweisende und eine stadtbeschützende Mutter Gottes und jede mit ihrem besonderen Publicum und ihren eigenthümlichen Wunderthaten da war, man verehrte auch Götterbilder aus der früheren Zeit des Heidenthumes. Die Statue des Glückes der Stadt stand in mannigfaltigen Abbildungen auf den öffentlichen Plätzen, bewahrt und mißhandelt von dem Aberglauben der Bürger, je nachdem sie sich ihren Schicksalen günstig oder ungünstig zeigte. So fest haftete die alte Gewohnheit, daß noch im 15. Jahrhundert ein ausgezeichneter Bürger diis divus, göttlich unter den Göttern, genannt ward. Der Stein, der diese Inschrift trägt, ist mit der Jahreszahl 1446 an einem Thore von Galata eingemauert.
Kann man solchen Beispielen gegenüber das Verbot, welches der Koran gegen die Bilder gesetzt hat, tadeln und es unverzeihlich finden, daß die Türken die Mosaikbilder der Aja Sophia übertüncht haben? Gewiß, diese Enthaltsamkeit ist ihnen kein geringeres Opfer, als es uns das wäre, die vier Wände unserer Stuben nackt und bilderlos zu lassen.
Um das Aeußere der Moschee liegen auf drei Seiten Höfe; frei ist sie nur auf der vierten, in welcher die Apsis steht, und die dem Seraiplatze zugekehrt ist. Der Erdboden rings herum ist wenigstens um zwei Klafter höher als der marmorne des Inneren. Das zeigt sichtbar genug, wie hoch der Schutt über dem alten Constantinopel gehäuft liegt. Wie vieles mag darin noch begraben sein, hoffentlich wie andere Todte zu künftiger Auferstehung. Säulenschäfte und breite Capitäle ragen daraus hervor, die heute den Obst- und Tespiehhändlern zu Tischen für ihre Waaren dienen. So wachsen aus Trümmern die Berge wieder auf.
In dem Hofe zur Linken, dem nordöstlichen, steht ein Grabmal, das die Gebeine Mustapha I. und des Sultans Ibrahim bewahrt; schönere Grabcapellen stehen in dem rechtsseitigen Hofe, dem südwestlichen. Sie sind aus Marmor gebaut und ihr Inneres reich mit bunten Porzellantafeln und edlen Steinen verkleidet. Blasse Rosen in mattblauem Grunde ist die Zeichnung, die am häufigsten vorkömmt. Kostbare Teppiche decken den Boden und persische Shawls die Grabhügel. Alle Mausoleen standen offen, und in den säulengetragenen Portiken saßen Beter, die zum Heile der Todten in dem Koran lasen, denn der Mohammedaner glaubt wie wir und übt diesen Glauben sogar in einem weit reichlicheren Maße, daß man den Todten die ewige Seligkeit durch die Fürbitte des Gebetes erkaufen oder vergolden könne. Große Maulbeerbäume stehen um die Capellen herum und trennen mit schattiger Abgeschiedenheit den Ort von der Straße, die sich draußen so nahe und so lärmend zudrängt. Selim II., Murad III., Mohammed III. und neben ihm seine 17 Brüder, die er selber hatte hinrichten lassen, sind es, die hier bestattet liegen.
Der eigentliche Vorhof, schon in griechischer Zeit das Proauleion, der Harem der Mohammedaner, ist vor dem Haupteingange auf der West-Nord-Westseite. Von alten Holzhäusern umgeben, voll Gerümpel, verkümmerter Bäume und ärmlichen Gemüsepflanzungen, macht er den Eindruck des Verfalles und der Vernachlässigung. Nichts als ein kleines verstecktes Holzpförtchen führt zu ihm. Ich ließ mich auf einem alten Marmorblocke nieder, mit den Karten und der Magnetnadel die Lage der Aja Sophia zu bestimmen. Bald sah ich mich von einem schaulustigen Publicum, Diener, die zur Moschee gehören, umrungen. Eine Weile schauten sie mir schweigend zu; dann, als sie wohl das Verständniß der Karten gelernt hatten, begehrten sie, daß ich ihnen die kaiserliche Moscheen und Serais darauf zeige. Daß die Aja Sophia doch die schönste unter Allen sei, war der Schluß jeder ihrer Reden; mir vergalten sie die kleine Gefälligkeit mit schwarzem Caffee. So finde ich das Volk überall dankbar und freundlich.
Die Lage der Aja Sophia glaube ich auf den Karten irrthümlich gezeichnet; die Handbücher verlegen, selbst wenn ihre Verfasser das Richtige wußten, der Kürze wegen den Haupteingang gegen Westen, die Apsis gegen Osten, die beiden Flügelseiten gegen Süden und Norden. Statt dessen durchschneidet die Magnetnadel als Diagonale das ganze Quadrat, so daß der Haupteingang West-Nord-West, die Apsis Ost-Süd-Ost, die linke Seite Nord-Ost-Nord und die rechte Seite Süd-West-Süd liegt.
Die beste künstlerische Schilderung des Baues hat Salzenberg geliefert. Was Hammer darüber gibt, ist mit so vielen handgreiflichen Unwahrheiten vermischt, daß mir auch das rein Geschichtliche verdächtig geworden ist. Kugler bringt nicht mehr als klingende Phrasen, weil ihm die eigene Anschauung fehlte; sehen ist aber zum Urtheile über architektonische Kunstwerke nothwendig wie das Hören bei der Musik. Bei beiden Künsten ist die Stimmung der vom Künstler beabsichtigte Erfolg; die aber empfinden wir bei beiden nur dann, wenn Mauern und Säulen um uns aufragen und die Töne uns im Ohre liegen.
Constantinopel, den 9. Juni.
Ich setzte die Wanderung nach und durch die Moscheen fort. Die Achmedjie hatte ich bisher nur von Außen gesehen. Weithin auf das Marmora-Meer leuchten ihre Minarete, und die Bäume ihres Vorhofes beschatten den Schutt auf dem ehemaligen Hippodrome. Einen kleineren Hof vor dem Haupteingange umschließen hohe Säulenhallen. Ihre breiten Spitzbogen sind nach der Mitte des Vierecks geöffnet, wo unter säulengetragener Kuppel der schönste aller Moscheenbrunnen steht. Die Säulen der umliegenden Hallen sind aus dunklem Steine, die Capitäle aus weißem Marmor stalaktitartig gebildet. Solche hallenumschlossene Vorhöfe haben alle größeren Moscheen; sie sind eine edle Eigenthümlichkeit des orientalischen Kirchenthums. Ihre stille Abgeschiedenheit trennt und vermittelt zugleich den Uebergang von dem geschäftigen Lärm der Gasse zu der Insichgezogenheit des Gebetes. Die Waschung, die der Gläubige darin vornimmt, ist nur ein sinnliches Zeichen der Läuterung, die seine Seele reinigen soll. In vervollkommneter Gestalt sind sie ein Ueberbleibsel aus jener früheren Nomadenzeit, als der Tempel nur ein tragbares Zelt und Keinem zugänglich war als dem dienstthuenden Priester. Alle Völker haben dieses Entwicklungsstadium durchgemacht und so auch alle Religionen. Der conservative Orient allein hat die Spuren davon festgehalten.
Im Inneren der Achmedjie sind das Auffälligste die vier kolossalen Säulen, 36 Ellen im Umkreise, wohl die umfangreichsten der Welt. Wie viel sie auch zu sein affectiren, sie sind im Grunde doch nur maskirte Pfeiler. „Setz’ deinen Fuß auf ellenhohe Socken, du bleibst doch immer was du bist!“ Auch sie zeigen mir wieder, wie feindlich jeder künstlerischen Wirkung das Unmäßige ist. Die schöne Form der Säule ist in dieser Uebertreibung degradirt, und statt zu heben und zu steigen, lastet und erniedrigt sie. Die Decke bildet eine Gruppe von Kuppeln; in der Mitte eine größere, um sie vier Halbkuppeln und in den freigebliebenen Ecken des Quadrates vier kleinere Vollkuppeln. Auch an den Innenwänden laufen Bogengänge herum, nur die eine, dem Haupteingange gegenüber, wo der Mihrab steht, ist frei davon geblieben. In mehreren Reihen über einander sind dort Fenster in die kahle Wand geschnitten, die geben dem Raume allzuviel Licht; den Kuppeln fehlt dadurch der rechte Effect, den ihr oberirdisches Licht in das unterirdische Dunkel bringen sollte. Auch tritt durch diese Erhellung die gegenüberliegende Wand dem Eintretenden noch näher, als sie dieses wirklich schon ist; das Quadrat des Baues dehnt sich in die Breite, und jeder Eindruck der Tiefe fehlt.
Vom At-Meidan führt eine von Buden eingefaßte und von Menschen voll gedrängte Gasse nach dem Eski-Serai, dem alten, d. i. dem ersten Schlosse, welches sich die türkischen Herrscher hier gebaut haben. Aus einem gelbangestrichenen Wachthause dieser Gasse ragt die verbraunte Säule auf; von Feuersbrünsten verkohlt ist der Porphyr beinahe schwarz geworden. Dort, wo die einzelnen Blöcke aufeinander aufliegen, sind Lorbeerkränze um den Schaft gelegt, um die Fügungen zu verkleiden. Einmal standen solcher Blöcke mehr als zu dem Doppelten der heutigen Höhe übereinander, und doch ragt sie immer noch über alles Andere hinaus, auf das Meer und in das Land weithin sichtbar.
Auch der große Platz vor dem Eski-Serai ist von Buden umsäumt und von Handel treibendem Volke gefüllt. Da der Besestan (der Bazar) mit seinem großartigen Verkehrsleben daran grenzt, ist die Bajasid-Moschee, welche hier steht, die besuchteste unter allen. Der Sohn und ebenbürtige Nachfolger des Eroberers hat sie gebaut; das Volk aber nennt sie Taubenmoschee, weil in ihrem Vorhofe hunderte von diesen Thieren durch eine fromme Stiftung erhalten werden. Hohe Thore erschließen diesen Vorhof. Er ist nur klein; nicht mehr als drei säulengetragene Bogen zäunen jede Seite ein, aber in dem engeren Raum erscheinen sie nur um so kühner und höher gehoben, wie die Bäume, die um den Brunnen herum stehen. Der einen Cypresse, vom Blitze getroffen, ist nichts Lebendiges am verknorpelten Stumpfe geblieben als ein einziger Zweig; der ist wieder so groß geworden, daß auch er über Mauern und Kuppeln hinaussieht. Mehr Schatten als das Laub dieser Bäume geben die Strohdecken und Leinwandfetzen, welche die Verkäufer von Tespiehs, Büchern und anderen frommen Waaren gegen die Tauben ausgespannt haben. Ueber Stricke und Latten sind sie von einem Aste zum anderen gelegt; durch die Löcher brechen Lichter durch, warm und farbig, die das Bild für den Maler noch tauglicher machen. Staffagen sind die Käufer und Verkäufer, Männer und Weiber, die meisten im alttürkischen Kleide, die dort handeln und sich eilig durchdrängen, oder auch stumm zuschauend mit untergeschlagenen Füßen auf den Stufen der hohen Säulenhallen sitzen.
Auch im Innern beschäftigte ich mich hier mehr mit dem Publikum als mit der Betrachtung des Baues. Die Moschee war mit Andächtigen gefüllt. In kleinen Kreisen lagen sie um die Ausleger des Korans herum. Die saßen auf atlassenen Pfühlen, Pergamentblätter des heiligen Buches auf niederen, kostbar mit Elfenbein und Perlmutter ausgelegten Schemeln vor sich. Ihr Vortrag war frei und so laut, daß mir Einer den Andern unverständlich zu machen schien, und das Geschrei Aller betäubend von den Wölbungen bis in die zurückgezogensten Winkel wiederklang. Weniger gebildete Gläubige, gemeine Soldaten und andere Leute der untersten Stände, traten dazwischen um ihre Gebete zu verrichten. Sie blieben wie der Zöllner im Evangelium am Eingange stehen, kreuzten die Arme über der Brust, breiteten sie dem Himmel entgegen und warfen sich auf den Boden nieder seinen Staub zu küssen. Nur in den Seitengängen, die sich rechts und links weit in die Nebenräume ausdehnen, war es einsam und stiller. Der Mittelbau ist durch eine Voll- und zwei Halbkuppeln der Länge nach gedeckt. Dadurch erscheint er tiefer als die anderen Moscheen. Was mich besonders erfreute, war die große Reinlichkeit trotz der Menge der Besucher.
In den nächsten Gassen traf ich reges Treiben der offenen Kaufläden und breitkronige Bäume, die über die Garten- und Friedhofsmauern heraushängen; die sonderbarst verzweigte Platane vor der Schah-Sadeh Djami. Aus niederem Klotze streben wie Arme, die im Ellenbogen gebogen sind, zwei mächtige Stämme auseinander. Ein Zaun, der darum gelegt ist, beweist, daß auch Andere den Baum bewundern. Der Baumeister Sinan, der geschickteste, den die Türken hatten, baute diese Moschee. Zwei Söhne begrub der gewaltige Sultan Suleiman in dem Garten hinter der Moschee; daher ihr Name, die Moschee der Prinzen. Im Innern liegen um die Hauptkuppel vier Halbkuppeln, aus welchen wieder ein System von je drei kleineren Halbkuppeln herauswächst, deren mittlere indessen nur über dem Haupteingange ausgeführt ist, über den drei anderen Seiten in flachen Wänden abbricht. In den vier Ecken wie gewöhnlich vier kleinere Vollkuppeln. Vier Hauptpfeiler stützen dieses Gewölbe, in den Ecken auch noch Säulen. Die Moschee ist dunkler als andere; das schien sie mir auszuzeichnen. Aber auch bei dieser ist es das Aeußere, das mir am besten gefällt. Dort sind die Seitenwände nicht wie an den anderen gewöhnlich durch zweistöckige Galerien, sondern durch Bogen, die hoch und schlank vom Boden bis zum Dache reichen, verkleidet. So stehen ihrer neun auf jeder Seite, oben spitz zulaufend, auf zierlichen Säulen. Je zwei sind durch Mauerfelder von der nächsten Gruppe geschieden, und der mittelste ist erhöht, daß die Stufen unter ihm hinaufsteigen können und der Eingang gleich erkennbar sei. Diese Ordnung gibt dem Baue etwas Aufstrebendes, während die zweistöckige Bogenstellung bei aller Zierlichkeit in die Breite zieht und erniedrigt.
Aus dem Thale, in dem Schah-Sadeh Djami geborgen liegt, ritten wir durch geradlinige Gassen über die Rücken der Hügel der Wasserleitung entlang. Rechts in den Seitengassen sahen wir ihre tropfenden Bogen, hinter uns aber das Meer und die Inseln, denn zu solchem Ueberblicke steigt die Straße auf bis zur Moschee Mohammed II. des Eroberers, die herrschend über der Stadt thront, wie das Geschlecht ihres Erbauers über den Völkern des alten Griechenreiches. Schon die Lage des Ortes verräth, daß hier immer bedeutungsvolle Denkmäler gestanden haben müssen, und die Geschichte erzählt, daß hier schon Constantin den zwölf Aposteln eine Kirche und sich das Grab gebaut hatte. Zweihundert Jahre später erneuerte die Kaiserin Theodora, die lüderliche Gemahlin des großen Justinian, den Bau. Auch ihr halfen dabei wie dem Kaiser bei der Sophien-Kirche Traumbilder und himmlische Erscheinungen. Am 28. Juni 550 konnte die neue Apostelkirche eingeweiht werden. Lange ruhten die griechischen Kaiser in ihren Grüften und neben Julian Apostata der heilige Gregor von Nazian, bis sie die Lateiner, die christlichen Kreuzfahrer, aufweckten. Sie erbrachen die Sarkophage und streuten die geplünderten Gebeine in die Luft. Das Volk der Franken war eben damals schon bemüht, in derselben Weise wie es heute Nanking und Peking zerstörte, die Civilisation nach dem Osten zu tragen. Auf der Stelle baute dann Mohammed seine Moschee, aber etwas nördlicher als die Kirche. Ein Grieche, Christodulos, war sein Baumeister dabei, und erhielt als Lohn das Eigenthum einer ganzen Gasse geschenkt. Sonderbar, daß trotz solcher Gegenbeweise die Erzählungen von der Unduldsamkeit dieses Eroberers entstehen und fortwährenden Glauben finden konnten.
Im Vorhofe ist auf der Seite des Einganges zu dem Innern der Moschee der Säulengang höher als vor den drei übrigen Wänden; das stört, wo die Bogen in den Ecken zusammentreffen, die Harmonie des Baues. Das Innere finde ich durch Tünche und Malerei entstellt, gerade so geschmacklos in den Zeichnungen und eintönig in den Farben, wie ich es in Brussa an der großen Moschee so sehr getadelt habe. Die Mittelkuppel ruht auf vier Pfeilern; auf jeder der vier Seiten sind drei Halbkuppeln um sie gelegt; die vier Ecken des Baues, welche dabei noch übrig bleiben, sind durch besondere kleinere Vollkuppeln gedeckt. Von Außen gesehen steigt dieses System kleiner und niederer Kuppeln zu größeren und höheren auf, wie ein Gebirge von seinen vorliegenden Hügeln. Ein ungeheurer freier Platz breitet sich darum aus; das ist die Ebene, die zu den Gebirgen hinführt. Der Boden ist ihm durch mächtige Unterbauten gesichert, Quaderfügungen, die vielleicht nach dem Muster der Fundamentirung des Hippodroms gebaut worden sind. Alte Bäume wurzeln darin. Unter ihrem Schatten hatten einige Verkäufer von türkischem Schreibzeug auf verwahrlosten Säulenknäufen die Rohrfedern, Pergamentblätter und das übrige Studirmaterial zum Ankaufe für die Studenten der umliegenden gelehrten Stiftungen ausgebreitet. Solche Schulen, Armenküchen, Spitäler, Brunnen und andere Stiftungsgebäude, alle gleichförmig und mit bleiernen Kuppeln gedeckt, bilden eine weitere, die äußerste Schutzwehr um die Moscheen. Auf der einen Seite schaut das Auge über sie weg weit in die Tiefe und in die Ferne hinein; die Häuser der Stadt und der Hafen liegen dort, und darüber hinaus der Bosporus und die Berge des pontischen Asiens. Solch’ ein Bild stellt uns die würdigsten Gedanken vor die Seele und ist die tauglichste Vorbereitung zu dem Eintritte in das Gotteshaus, daß sich der Hochmuth niederwerfe vor der göttlichen Herrlichkeit, die so viel erschaffen konnte.
Ebenso günstig hat auch Suleiman seine Moschee gestellt. Länger als eine Stunde saß ich vor ihr auf dem niederen Mauersockel, der den Platz an dem Abfalle des Hügels umzäunt, rücksichtslos für die Pracht des Baues hinter mir, das Auge und die Gedanken nur auf das Leben in der Stadt und im Hafen drunten und auf das wechselnde Spiel der Lichter gerichtet. Es war schon Abend und der Verkehr darum im goldenen Horne und im Bosporus am regsten. Ganze Gewölke von Dampf legten sich aus den Rauchfängen der ab- und zugehenden Dampfer momentan über die Landschaft; ein scheidender Sonnenstrahl färbte sie glühend purpurn und dann im Verblassen dunkelblau, bis sie der Abendwind auseinander jagte, noch ehe ihr angebornes Grau sichtbar werden konnte. Der Spiegel des Wassers, der am längsten das Licht festhielt, erschien jedesmal nach solcher Entschleierung nur um so strahlender. Kein Laut drang herauf. Wer die Augen schloß oder im Denken das Sehen vergaß, konnte mitten im Herzen der ungeheuren Stadt sich in die stille Einsamkeit einer Wüste versetzt glauben, und wie auf den hohen Bergen kam auch hier jene Vorahnung von der sorgenlosen Betrachtung aus einer anderen Welt auf die hier unten über mich. Zuletzt fühlte ich mich wie die Geister-Erscheinungen in den Raimund’schen Zauberspielen, die bequem in ihren Wolkensitzen über die untergeordnete Erde wegschweben. Man braucht eben nur einen Augenblick außerhalb der Welt zu stehen, sich ganz in sich selbst zurückzuziehen, um mit der Gleichgiltigkeit auch das Bewußtsein der Herrschaft über sie in sich erwachen zu fühlen; ein deutliches Zeichen von der höheren Art des Geistes und von dem Vorübergehen seiner irdischen Verbindungen. Der Erde gehört nur, was der Tod ihr läßt: der Körper, diese wandelbare Hülle.
Zwischen dem Vorhofe und dem Friedhofe steht die Sulimanjie, frei auf dem freien Platze, kein Haus und keine Bude, die ihr wie bei unseren Kirchen den Zugang und das Licht verstellen. Diese Freiheit weiß der Mohammedaner, seinen Gotteshäusern auch in den beengtesten Stadttheilen zu bewahren. Das Thor zu dem Vorhofe steigt hoch und gewaltig zwischen den festen Umfassungsmauern auf, als solle es eine Festung vertheidigen. Eine Nische, stalaktitartig gebildet, wölbt sich über dem Thorwege und feine Schriftzüge und Arabesken sind in die Stirnkrone darüber damascirt. Drei Stockwerke hoch ist die Thormauer und neben der Thüre setzt sie sich in dieser Höhe noch zwei Fenster breit fort. Dann fällt sie ab und hat zur weiteren Umfassung des Vorhofes nur mehr die Höhe von zwei Stockwerken. Die oberen Fenster sind blind, die unteren allein offen, aber stark vergittert.
Die beiden Seitenfronten der Moschee gehören als Ganzes und durch ihre Details zu dem Schönsten der mohammedanischen Baukunst. In zwei Stockwerken stehen Spitzbogen übereinander, im oberen sechzehn kleinere, alle gleichförmig, im unteren neun, von diesen jedoch zwei viel niedriger und schmäler als die sieben übrigen, so daß die drei mittleren von zwei Endgruppen gesondert sind. Auch die Farben der Marmorsäulen helfen bei dieser Abtheilung. Hinter den Bogen laufen breite offene Gänge her. Der Eindruck mahnte mich an das, was ich in Venedig gesehen, geradezu der Dogenpalast fiel mir ein. Am hinteren Ende des Gebäudes, wo sich der Friedhof anschließt, wechselt diese zweistöckige Bogenstellung mit einer einfachen ab. Es sind drei große Spitzbogen von zwei Säulen getragen, durchbrochene Marmorbalustraden dazwischen, unter denen sieben Stufen zu Nebeneingängen in die Moschee hinauf führen. Wie Bruchstücke aus den Seitenansichten der Schah-Sadeh Djami entlehnt, so erscheinen diese reizenden Loggien. Und wirklich hat derselbe Meister beide Moscheen gebaut. Sinan begann die Suleimanjie zwei Jahre nach jener im Jahre 1550 und vollendete sie schon im Jahre 1555.
Von dem Inneren behauptet man, daß es, nach dem Muster der Aja Sophia gebaut, die Absicht diese zu übertreffen erreicht habe. Ich sehe wohl die Nachbildung, aber nicht, daß das Muster übertroffen worden. Vier starke Pfeiler tragen wie in der Aja Sophia die Decke und zwischen ihnen auf beiden Seiten je zwei Säulen die obere Galerie. Auch das Gewölbe ist wie dort ein System von Halb- und Vollkuppeln um eine größere Centralkuppel gelegt. Aber das Licht, das in der Aja Sophia so wenig vorhanden ist und dessen Mangel den Bau so stimmungsvoll dunkel macht, ist in der Sulimanjie verschwendet, und die byzantinischen Rundbogen sind hier in spitzige emporgezogen. Eben das ist das wesentlichste Merkmal der Unterscheidung. Das eine nach dem anderen sieht sich an, wie sich die Uebersetzung eines dichterischen Werkes liest; es sind wohl dieselben Gedanken, aber es ist doch nicht dasselbe Gedicht.
Von der einen Porphyr-Säule unter den Galerien erzählt Gylles einen offenbaren Irrthum. Sie soll mit der Statue des Kaisers Justinian auf dem Platze zwischen der Aja Sophia und dem kaiserlichen Palaste, dem Augusteon, gestanden haben. Nun saß aber Kaiser Justinian, wie man in einem Werke der Seraibibliothek diese Statue abgebildet sieht, auf einem Pferde. Gylles selbst fand noch Bruchstücke von diesem Thiere vor; die Hufe allein waren ungeheuer. Wie könnte das auf dem schmalen Durchschnitte einer Säule Platz gefunden haben? Ein Reiterstandbild auf einer Säule aufzustellen ist überhaupt ein Gedanke, der wohl kaum irgendwo verwirklicht worden sein dürfte.
Hinter der Moschee liegt wie gewöhnlich der Garten; so nennt der Mohammedaner die Grabstätten seiner Todten. Was der Koran ihnen erst für die andere Welt verspricht, sucht er ihnen schon auf dieser zu bereiten, und wirklich blühen Rosen und Akazien um die Gräber Suleiman’s und Roxelane’s, seiner blutdürstigen Geliebten. Schöner und kostbarer noch als die der Muradje zu Brussa sind sie, mit Marmor- und Porzellanplatten, im Innern sogar mit Edelsteinen verkleidet, und dabei doch in ihrem Erscheinen bescheiden und ohne eitle Anmaßung, ernst und feierlich, so wie es sich für Grabstätten geziemt. Die innere Wartung war sorgsam und rein, als seien noch der erste Schmerz und junge Trauer die Wächter und Pfleger des Ortes.
Den Rückweg nahmen wir durch das Seraiskeriat nach der Moschee Sultans Osman III., Nuri-Osmanjie, die Lichte ob der Menge ihrer Fenster genannt. Sie ist ein Werk der Rococozeit und zeigt ihren Styl. Schon früher, als Achmed III. die Gärten an den süßen Wässern anlegte, machte dieser die Rückwirkung Europa’s auch im Oriente geltend. Auch diese Moschee, hart auf der Kante eines Hügels, über dem gedrängtesten Quartiere der ganzen Stadt, dem Besestan, stehend, hat von einer festen Quaderterrasse den Ausblick frei nach den Bergen und dem Bosporus.
Weiter kamen wir, weil ich es so nach der Karte wählte, an der Moschee Mahmud Pascha’s vorüber, in enger steil absteigender Gasse ein malerischer Bau. Halb verfallen decken ihn mächtige Bäume. Vorne vor der Eingangsthüre liegt eine Loggia aus schön gewölbten Bogen.
Constantinopel, den 10. Juni.
Schon um 6 Uhr Morgens ritten wir aus, hinüber nach Stambul und vom At-Meidan die Hügel hinunter und unten den Seemauern entlang, durch die das blaue Meer herein sieht, nach der kleinen Aja Sophia. An die große mahnte sie mich eigentlich nicht, wohl aber an den Dom zu Aachen. Unsere Schulbücher lehren zwar, daß der sein Muster in Ravenna an San Vitale gehabt habe, ich aber glaube, seitdem ich Kütschük Aja Sophia gesehen, daß er es hier gefunden. Bei den vielfältigen Verbindungen Karls des Großen mit dieser Stadt und bei der Weltstellung des damaligen Constantinopel hat es auch nichts Außerordentliches. Justinian baute diese Kirche; sie stand also schon zweihundert Jahre, als Karl der Große seinen Baumeistern den Auftrag gab, ihm eine Pfalz und eine Domkirche in Aachen zu errichten. Das war lange genug, daß der Ruf der byzantinischen Bauten auch auf den schwierigsten Verkehrswegen bis an das andere Ende der damaligen Culturwelt gedrungen sein konnte. Die Architekten mögen selbst in Constantinopel das Vorbild gesehen, oder ihre Bildung von Lehrern erhalten haben, die dort gewesen. Für die Malerei gibt man, weil anderen Behauptungen die Beweisstücke entgegenstehen, diesen unmittelbaren Einfluß zu; bei der Architektur glaubt man eine Zwischenstation machen zu müssen. Nun war aber Italien damals ohne Geltung, die Städte im Verfalle, Rom beinahe nur ein Dorf, das ganze Land eben nur eine Provinz des oströmischen Kaiserthumes. Dorthin waren suchend alle Augen gerichtet, und von dort kamen alle Künstler, Handwerker und Gelehrte. Byzanz war im achten Jahrhundert unserer Zeitrechnung immer noch die tonangebende Macht und bei dem gänzlichen Fehlen anderer Concurrenten in der damaligen Mode vielleicht sogar herrschender als es heute Paris ist. Das können nur jene Geschichtschreiber außer Acht lassen, welche sich die Berührungen und Communicationen der früheren Zeiten weit seltener und mangelhafter vorstellen als sie wirklich waren.
Neben der Kirche stand einmal das Haus, in welchem Justinian 45 Jahre als Privatmann gelebt hatte. Nach seiner Thronbesteigung widmete er den Palast des Hormisdas, so hieß es, den frommen Zwecken eines Klosters. Die Kirche wurde als nothwendiges Zugehör dazu gebaut. Die späteren Kaiser pilgerten dann immer am dritten Osterfeiertage hierher in feierlicher Prozession, den ganzen Hofstaat hinter sich vom Triklinium des Justinians aus über den Hippodrom. Die Kirche war dem heiligen Sergius geweiht und wahrscheinlich auch dem heiligen Bacchus; das lassen wenigstens die Trauben und die Rebenblätter in den Verzierungen vermuthen. Die Inschrift, welche um den inneren Rundkreis läuft, nennt zwar nur den heiligen Sergius, aber die byzantinischen Geschichtschreiber sprechen mit Beharrlichkeit das Patronat auch dem anderen Heiligen zu. Diese Inschrift ist voll von Lob für die Tugenden der Kaiserin Theodora; wollte Justinian, der zugleich als Erbauer genannt wird, seiner Frau, oder wollte man dem Kaiser durch solche Lügen schmeicheln?
Jetzt steht in der Apsis der Mihrab. Wesentliches ist nichts an dem Baue verändert. Sein Grundplan ist ein Viereck; seine Höhe ist in zwei Stockwerke getheilt; acht Pfeiler tragen darüber die Mittelkuppel, aus ihr kommen vier Halbkuppeln als Decke der vier Ecken. Zwischen diesen liegen verbindend vier Tonnengewölbe. Unten und oben auf den Galerien sind zwischen die Pfeiler je zwei mittragende Säulen aus rothem und grünem Steine gestellt. Außer diesen Säulen ist alles Uebrige übertüncht, doch scheint das Darunterliegende noch genug hervor, daß man die Bildhauerarbeiten als rohe verurtheilen darf. Mosaik entdeckte ich nirgends, vielfältig aber Marmor. Die Verhältnisse des Baues sind von schöner Harmonie, daß es wohl that eine halbe Stunde betrachtungsvoll in so edlen Räumen zu weilen. Dem Aeußeren drängen sich die Bäume so zu, daß die Luft darum und darunter kühl und feucht war. Ueberhaupt ist der ganze Ort versteckt abgelegen und still einsam.
Auch die Moschee des Ebul Wefa, eines Heerführers in der Armee des Eroberers, wird als eine ehemalige Kirche gezeigt. Ein reicher Adeliger soll sie im vierten Jahrhundert erbaut haben. Jener frühen Zeit können höchstens die Seitenmauern des heutigen Baues entstammen; Vorhalle und Kuppeln sind sicherlich Werke türkischer Hände. Auch jetzt wieder bessern sie daran; Gerüste füllen den Bau bis in die Wölbungen hinauf. Die Mauern zeigen fußbreite Sprünge. Der Bau hat nur Besonderheiten aber nichts Schönes; mehr noch als die anderen ist er nämlich in die Breite gezogen. Nebeneinander liegen drei große Kuppeln über ihm; sie sind beachtenswerth durch ihre hoch aufstrebende Kühnheit. Unter jeder ist der Grundplan in ein besonderes Viereck gegliedert, und in jedem derselben tragen vier Rundbogen das Gewölbe. Die Ecken sind wie durch eingeschobene und die Kuppel tragende Postamente abgeschnitten, nur in den vier äußersten des ganzen Planes sind sie durch kleine Halbkugeln ausgefüllt. Dem Eingange gegenüber liegt der mittleren Kuppel eine kleine Halbkuppel für die Apsis vor. Schön ist die äußere Umgebung; Bäume schließen die Moschee ein, und ein kleiner alter Friedhof ist hoch darum gelegt, daß sie zwischen den Grabsteinen selbst wie in ein Grab eingesunken erscheint.
Auf einem Platze nahebei, dem des Scheichs Ebul Wefa, saßen unter weitschattigen Platanen vor einem kleinen Kaffeehause ein paar Türken bei ihren Schalen und Wasserpfeifen. Sie mochten unser Handwerk an dem neugierigen Sehen unserer Augen erkannt haben; unaufgefordert boten sie sich an uns das Grab des letzten römischen Kaisers zu zeigen. Durch elende Weberhütten führten sie uns in einen engen Hof zu der Stelle, wo neben altem Kehricht, zerbrochenen Holzlatten und weggeworfenen Lappen der tapfere Constantin ruhen soll. Kein Baum breitet sich darüber, der doch sonst keinem orientalischen Grabe fehlt; auch die Lampe brannte nicht, deren ewiges Licht Mohamed II. hieher gestiftet, und durch welches eben, wie man deducirt, die Wahrheit der Stätte bezeugt werden soll; nur ein alter zerbrochener türkischer Grabstein war als Merkmal an die Wand gelehnt. So ärmlich das Ende, was so allmächtig an der Tiber begonnen hatte.
Wir pilgerten weiter zu Gräbern, die ganze Geschlechter von Kaisern beherbergt hatten. Kilisse Djami, die Kirchen-Moschee, steht klein und versteckt aber kuppelbedeckt auf steilem Hügel, der am herrschendsten über alle anderen constantinopolitanischen emporragt. Darum setzten sich auch die Kreuzfahrer dort oben in dem Kloster des Allherrschers, Pantokrator, wie die Kirche ehemals hieß, fest. In den Grüften wurden die Kaiser begraben, seitdem die Apostelkirche nebenan auf dem nächsten Hügel mit Leichnamen überfüllt war: So ruhten hier die meisten der Komnenen und Paleologen. Von all’ dem ist nichts mehr übrig als ein einziger Sarkophag aus Verde antico, der unverletzt auf dem kleinen Platze vor der Moschee steht. Neben ihm schaut ein Säulenstumpf aus dem Schutte auf, wie um anzuzeigen, daß einmal diese Gräber durch Säulenhallen gedeckt waren. Aber selbst dieser Sarg dient nicht mehr seinem ursprünglichen Zwecke; was den Tod bergen sollte, ist eine Quelle lebendigen Wassers geworden; die Türken haben die Asche und die Gebeine hinausgeworfen und die Hülle in einen Brunnen verwandelt, eine Verwendungsart solcher Monumente, die im Oriente häufig vorkömmt. Ich möchte behaupten, daß es verrathe, um wie viel weniger schrecklich der Tod den Menschen hier erscheine. Andere ganz gleiche Sarkophage, auch wie dieser mit einem giebelförmigen Deckel geschlossen, der dem Dache des altgriechischen Tempels ähnlich ist, nur aus Granit und Porphyr gebildet, werden in dem ersten Seraishofe neben der Irenenkirche bewahrt. Man will die Beweise dafür haben, daß nach dem neunten Jahrhundert kein Sarkophag mehr aus Verde antico, dem thessalischen Marmor, und schon nach dem sechsten Jahrhundert keiner mehr aus ägyptischem Porphyr gebildet worden ist. Es ließe sich also allenfalls für den aus Porphyr gemeißelten im Vorhofe des Serais befindlichen behaupten, daß er wirklich einmal die Gebeine des großen Constantin oder doch die der Eudoxia umschlossen habe. Es ist diese schwerlastende, giebelgekrönte, sonst alles Schmuckes kahle Form der byzantinischen Sarkophage weitaus die würdigste für ein Grabmal, die ich kenne. Für uns, die wir nicht weiter zurückschauen, steht das erste Beispiel ihres Ursprunges in den ägyptischen Grabkammern, und von dort aus scheint sie zugleich mit dem Serapiscultus nach Rom eingewandert zu sein. Mir kam heute die Vermuthung, daß die Türken auch dieses griechische Muster für ihre Bedürfnisse benutzt haben. Die Holzgerüste, die sie über ihren Gräbern aufzimmern, gleichen wenigstens auffällig diesen monumentalen Särgen.
Die Moschee hat von den 46 Kuppeln der früheren Kirche nur wenige behalten. Trümmer liegen noch sichtbar weit herum, andere mögen unter den späteren Neubauten begraben sein. Aufrecht stehen noch ein doppelter Porticus und hinter ihm zwei je dreischiffige Basiliken, die durch ein siebentes besonderes Schiff von einander getrennt sind. Denn so erkläre ich mir die sonderbare Anlage dieses Baues. Vielleicht deckten die heute fehlenden Kuppeln andere ganz gleich geformte Kirchen, die im Anschlusse an diese in einem Vierecke um einen Hof gestellt waren? Es hat dann wohl jede einem anderen Kaiser als Grabcapelle gehört. Die eine Seite, die ich jünger als das andere Mauerwerk finde, und die gewiß einmal offen zu weiterer Fortsetzung war, bringt mich insbesondere auf diese Vermuthung. Neun Thüren führen in den Porticus und ebenso viele von ihm in das Innere der Kirche. Sie sind in denselben Formen und mit demselben rothen Marmor wie die der Aja Sophia gebaut. Die kleinen Kuppeln, die den Porticus decken, sind mit Mosaiken verkleidet; aber keine Menschenbilder, nur Laubgewinde und Blumen sind darin dargestellt. Im Inneren ist nur türkisches Machwerk.
Als Erbauer der Kirche gibt die Geschichte den dritten Komnenen an. Kaiser Johann war dann auch der Erste des Geschlechtes, der hier begraben wurde. Das war jener milde und verzeihende, dabei doch starke und kräftige Herrscher, der im Auslande das Gebiet des Reiches vermehrte, und daheim schon im zwölften Jahrhundert das Ideal unserer heutigen Menschenfreunde verwirklichte, indem er für die 25 Jahre seiner Regierung die Todesstrafe abschaffte. Das Gegentheil all’ seiner Tugenden war der letzte des Geschlechtes, der hier begraben wurde, Andronikus I., der auch der letzte Komnene auf dem Throne von Constantinopel war. Seine Lebensgeschichte ist eine so abenteuerliche, daß wer sie heute in der Regelmäßigkeit unserer Zustände liest, kaum mehr den Glauben für so bunt zusammengewürfelte Schicksale hat. Vor seiner Thronbesteigung abwechselnd der Vertraute und der Verräther seines Vetters, des damals regierenden Kaisers Manuel I., lebte er bald im Glanze und Wohlleben des Hofes zu Constantinopel, bald auf der Flucht durch Wälder und Steppen, bei Türken und Persern, bei Polen und Russen, und auch bei diesen wieder je nach dem Werthe seiner Handlungen als Fürst und Freund erhöht oder als Feind und Flüchtling in den Kerker geworfen, bald Christ und Mohammedaner, alles was der Tag und der Vortheil von ihm begehrte, treu nur in einem, in der Verführung und in der Untreue gegen die Frauen. Ueberall, wo er gewesen, von allen Nationen, bei denen er Gastfreundschaft genossen, hatte er eine entführt und verlassen. Als er dann den Sohn des Manuel, den zwölfjährigen Kaiser Alexius II., erdrosselt und sich dadurch die Krone erworben hatte, kam er hieher an das Grab seines Vorgängers, des Kaisers Manuel. Seine Begleiter wies er zurück, sie glaubten weil er sich seiner Reue und Buße schäme. Er aber murmelte statt der Gebete nur Verwünschungen, nur Flüche, Worte des Triumphes und der Rache über den Sarkophag, denn selbst dem Todten verzieh er es nicht, daß dieser der Einzige im Stande gewesen, seine Zügellosigkeit zu bändigen. Da ihm die Macht allein überlassen war, mißbrauchte er sie zu solchen Grausamkeiten, daß ihm zuletzt das empörte Volk Augen, Haare, Zähne und Arme ausriß, und den immer noch lebenden Körper auf einem räudigen Kameele durch die Stadt trieb, bis ihm zwischen zwei Pflöcken aufgehängt ein paar barmherzige Schwerthiebe die Qual verkürzten.
So wild und kräftig, so maßlos in allen Eigenschaften waren die Glieder dieses Geschlechtes. Von Italien leitete es seinen Ursprung ab, von Asien, wohin es übergewandert, war es gekommen. Sechs Kaiser setzte es auf den wankelmüthigen Thron von Byzanz, die meisten schön und groß durch die äußere Bildung ihrer Gestalt und auch riesig durch den Werth ihrer Thaten. Dann setzte das vertriebene Geschlecht seine Herrschaft drüben in Trapezunt fort, bedeutungs- und wechselvoll wie sie in Constantinopel gewesen, daß seine Fürsten mehr als andere zu den abenteuerlichen Zwecken von Romanen und Dichtungen brauchbar sind. Neben Kapiteln, so blutig und bewegt wie die der byzantinischen Geschichte, verblassen selbst die Schicksale der rothen und der weißen Rose. Den Mord der Brüder des thronbesteigenden Prinzen, den die Türken bis zum letzten Sultan als dynastisches Hausgesetz ausgeübt, fanden sie wie anderes, das sie nach der Eroberung unter ihre Sitten aufnahmen, fertig und zur Regel geworden in Constantinopel vor. Die Willkür überhaupt, welche so lange die türkische Thronfolge erschütterte, mögen sie nach dem vorausgegangenen Beispiele gebildet haben.
Kahrjie Djami in der Nähe der Landmauern, zwischen dem Thore von Adrianopel und dem ehemaligen Viertel der Blacherner, soll noch eine der 24 Kirchen sein, welche Justinian in Constantinopel erbaute. Die Mauern mögen so alt sein, die Ausschmückung muß längst erneuert worden sein. In der Vorhalle wenigstens fand ich Mosaiken von so trefflicher und freier Zeichnung, daß ich sie in eine jüngere Zeit als die älteste der Marcus-Kirche versetze. Eine schreitende Figur des Erlösers und in der Kuppel der linken Halle aufrechte Gestalten unterschied ich deutlich. Die Kuppeln sind muschelförmig eingefalzt, ihrer drei über der Vorhalle, die in drei Vierecke abgetheilt ist, nebeneinander. Thür- und Fensterstöcke sind in denselben Formen wie in der Aja Sophia gearbeitet. In dem Kreuzgange, der später angebaut ward, sind Malereien so entwickelter Art, daß man bei dem Erlöser kaum mehr die Spur des alten byzantinischen Typus findet. Die Kuppeln, die ganze Vorhalle und auch das Innere sind nur klein; die byzantinischen Kirchen scheinen sich überhaupt nicht durch Größe ausgezeichnet zu haben, wenigstens macht unter den übrig gebliebenen nur die Aja Sophia hiervon eine Ausnahme. Die Menge derselben muß den Rauminhalt der Einzelnen ersetzt haben. Es kann ihrer nicht weniger, als heute in Venedig sind, gegeben haben. Gleich auf dem Rückwege, den wir direct zur Gül Djami suchten, auf dem wir uns aber verirrten, fanden wir in der Nähe der Mohammedje, abseits gegen den Hafen zu hinab, Ruinen, welche einmal einer altbyzantinischen Kirche angehört haben müssen. Ich finde sie auf keiner Karte und in keinem Handbuche verzeichnet. Die Kuppeln sind herabgestürzt und auch die Seitenmauern geborsten; die abgefallene Tünche stellt es außer Zweifel, daß seitdem eine Moschee hier gewesen. Die Verwüstung kann nicht alt sein, denn noch hat sich nirgends das in diesem Klima so rasche Grün um die Ruinen gelegt, und verursacht scheint sie durch eine Feuersbrunst zu sein, weil das ganze Stadtviertel ringsherum aus noch unangestrichenen Latten neu aufgebaut ist. Wie vor anderen stand auch vor dieser Kirche eine mit drei Kuppeln gedeckte Vorhalle. Eine Hauptkuppel scheint die Kirche selbst, eine zweite kleinere den Altarraum gedeckt zu haben; das unterscheidet man heute noch. Wie lange wird diese Spur dauern? Schon schleppt man Steine fort zu weltlichen Neubauten; so werden allmälig aber fortwährend auch die Ruinen der Vergangenheit ausgejätet. Kann man sich, wenn zuletzt alles Sichtbare fehlt, noch wundern, daß das Frühere der Nachwelt unverständlich wird?
Gül Djami (Rosen-Moschee), die wir endlich, aber erst mit Hilfe der Magnetnadel fanden, liegt so tief in einem Thale, daß wir an Gassen kamen, die so steil abwärts führen, daß wir, um nicht zu fallen, von den Pferden steigen mußten. Die Rosen-Moschee zeigt sich als byzantinisches Bauwerk trotz späterer türkischer Veränderungen. Sie scheint besonders fest zu sein und der Zeit zu trotzen. Von einem unterirdischen Gewölbe, welches Hammer erwähnt, wollte keiner der Moscheediener und der Umwohnenden, die in Menge herbeigekommen waren, etwas wissen.
Nach Galata hinüber ritten wir über die zweite Hafenbrücke. Eine eigenthümliche Beleuchtung wurde uns von dort aus durch das Abendlicht geboten. Der ganze Hafen war so von Nebeln und von dem Rauche der Dampfer bedeckt, daß er und die Stadt unsichtbar waren. Die untergehende Sonne färbte diese Wolkenmassen roth und blau, nur das Thürmchen der Seraispitze sah daraus hervor, aber scheinbar in die Ferne gerückt, als lägen viele Meilen zwischen ihm und uns. Schon Morgens hatte ich die Nebel beobachtet; sie zogen so dicht über die See, daß außer der Seraispitze Alles in ihnen verschwand, selbst die Körper der Schiffe. Zuweilen nur ragten die Masten und die geschwellten Segel, welche die Schiffer dem Südwinde ausgespannt hatten, daraus hervor, daß es aussah, als hätten die Wolken Segel vorgelegt, ihren Flug noch mehr zu beschleunigen und mir die eilenden Wolken, die Segler der Lüfte verwirklicht erschienen, welche die gefangene Maria Stuart grüßend an ihr Heimathland sandte.
Constantinopel, den 11. Juni.
Ich schreibe den ganzen Vormittag. Gewitter drohen und hindern eine gemeinsame Fahrt im großen Boote nach Bujuk-Dere. Ich aber wage mich Nachmittags allein im Kaïk um die Seraispitze in’s freie Meer hinaus, die Mauern der Stadt auf dieser Seite genauer zu untersuchen. Es ist herkömmlich, auch diesen Theil der Bollwerke als einen übrig gebliebenen Vertheidiger des Christenthums gegen den Mohammedanismus zu ehren. Ich brachte den Mauern dieselbe Glaubensstimmung entgegen und die Inschriften auf der Seeseite unterstützten diesen Wahn. Hört man nur sie, so baute schon Kaiser Theophilus, derselbe, welcher auch den kaiserlichen Palast so reichlich verschönerte, also 830 oder doch nahe daran diese Mauern. Erst als ich ihre Fügung, die Steine und ihre Bearbeitung prüfte, begann dieser Glaube zu zweifeln. Das Werk kann nicht das Product eines Jahrhunderts sein, das für Byzanz die Blüthezeit aller Künste und Wissenschaften war. Und wäre es das gewesen, so konnte es in dieser Gestaltung nicht dem Wogendrange und dem Wettersturme eines ganzen Jahrtausends widerstehen. Die schlecht gefügten Ziegellagen und der Mörtel zeugen gegen eine solche Alterslast. Nur tief in dem unteren Theile, der noch unter Wasser steht, sind es sorgfältiger gefügte Quadern; darüber liegen Säulenschäfte geschichtet, dicht und hoch wie Klafter Holzes, Gesimsstücke und andere Bautenreste dazwischen, Alles Zeugen der Prachtliebe einer früheren und der Barbarei einer späteren Zeit. So baut eine jede mit den Werkstücken wie mit den Ideen ihrer Vorfahren. In Aegypten schon trieben sie es nicht anders und wir treiben es wie es hier geschehen. Welch’ eine Stadt muß das gewesen sein, die der Säulen so viele hatte, daß man einmal ihre Mauern daraus aufrichten konnte! Dieses Später kann aber nicht schon die Zeit des Theophilus gewesen sein. Es ist nicht anzunehmen, daß er, dem die Verschönerung des Palastes und der Stadt so sehr im Sinne lag, so viel zerstört, und selbst wenn er damit seinen Neubauten Platz schaffen wollte, daß er das kostbare Material der früheren nicht entsprechender verwendet haben sollte. Daß aber auch die anderen Byzantiner nach ihm diese Grausamkeit nicht geübt haben, beweist mir eine andere Einwendung, die ich mir gegen den griechischen Ursprung dieser Mauern in diesen Tagen gefunden habe.
Hier hinaus gegen das Marmora-Meer zu öffnete die Stadt ehemals drei, vielleicht sogar vier Häfen. Der erste zunächst der Seraispitze, wahrscheinlich ziemlich unterhalb der Achmedjie, welcher der des Palastes, auch der des Bukoleons hieß; von ihm westlich und westlich neben der kleinen (Kütschük) Aja Sophia, dort wo der Platz heute noch Kadriga-Liman d. h. der Galeeren-Hafen heißt, der zweite, der julianische, und wenn man diesen nicht denselben mit dem nächsten glaubt, was nach den byzantinischen Schriftstellern streitig erscheinen kann, noch tiefer in den Halbmond der Küste hinein, dort wo heute noch Steintrümmer eines Molo’s im Meere den Mauern vorliegen, vielleicht bei Kum-Kapu, dem Sandthore, der dritte, der der Kaiserin Sophia, so daß dann der theodosianische zunächst dem Schlosse der sieben Thürme der vierte gewesen wäre.
1422, also nur 31 Jahre vor der Eroberung der Stadt durch die Türken, besuchte sie ein Florentiner, Christof Bondelmonti, der von der Stadt unter Anderem auch einen Plan geliefert hat. Auf dem ist z. B. der erste Hafen noch deutlich eingezeichnet und vor ihm sind zwei weit in die See vorspringende Molo’s markirt; er nennt ihn portus palatii. So ist noch Manches anders dargestellt als es heute auf diesen Küsten aussieht. Nahe der Seraispitze stand eine Kirche der wegweisenden Mutter Gottes (Hodegetria), dann eine des heiligen Georg, von denen heute keine Spur mehr übrig ist. Kann das Alles in den 31 Jahren vor der Eroberung weggeräumt und umgewandelt worden sein, in einer Zeit vollkommener Entkräftung und leichtsinniger Sorglosigkeit? Das ist nicht nur unwahrscheinlich, das ist unmöglich. Uebrigens beschreibt uns auch ein noch späterer Reisender, der sogar erst nach der Eroberung durch die Türken Constantinopel besuchte, 1550, noch immer manche dieser Uferstellen anders als sie heute sind. Es können also, wenigstens auf der Seeseite der Stadt, nur die Türken die heutigen Mauern errichtet haben.
Murad IV. 1635, vielleicht sogar erst Achmed III. 1721, werden als Wiederhersteller der Stadtmauern gerühmt. Die alten Grundlagen mögen sie benutzt haben, daher unten im Wasser die stärkere Quaderfügung, auch einzelne Thürme in den Neubau mit aufgenommen haben. Daß frühere Inschrifttafeln in den Mauern haften, ist kein Beweis für das Zeitgenössische ihres Werdens. Die Türken mauerten sie, so gut als man das früher schon that, und als man es heute wieder thut, an den Stellen ein, wo sie sie fanden. Die Reste alter Bauten legten sie dazwischen und erst darüber ihre schlechten Ziegel. Man stelle sich nur vor, wie viel fallen mußte, bis der Raum zu dem heutigen Serai frei ward.
Unter den Resten, die sie so verwendet haben, sind auch drei Fenster gleich neben dem ehemaligen Leuchtthurme eingemauert; ihre Formen sind die ägyptisirenden wie an den Thüren der Aja Sophia, die allen byzantinischen Bauten gemein waren. Seitab und höher oben erscheint ähnlich befestigt eine kleine Häuserfronte, zwei Löwen zu ihren beiden Seiten. Es kann das nicht der natürliche Platz dieses Baustückes sein; auch dieses muß hierher erst übertragen worden sein; so wie es da steht wäre es ganz sinnlos. Vielleicht daß es das oberste Stockwerk eines kleinen Palastes gewesen und die Löwen frei daneben standen? Gylles nennt es ein Ueberbleibsel vom Palaste des Leo Marcellus, nicht vom Bukoleon, wie Hammer ohne weiteren Beweis behauptet. Dann wären auch diese Trümmer eine Bestätigung für meine Vermuthung von der äußeren Unscheinbarkeit der byzantinischen Bauten. Sie haben nichts Großes und verrathen keinen großen Sinn; sie sind klein und manchmal auch unförmlich, wie Vieles in Kütschük Aja Sophia, Kilisse Djami und Kahrije Djami. Die große Aja Sophia ist die einzige und darum auch so sehr gepriesene Ausnahme. Denn selbst von dem Kaiserpalaste glaube ich nicht, daß er etwas unseren oder den römischen Bauten Aehnliches gehabt habe; er wird wie noch die heutigen Paläste der Orientalen aus einer Summe von Pavillons bestanden haben, über ein weites Gebiet die Hügel hinab und durch Gärten zerstreut. Kein Theil war höher als einstöckig und die Pracht daran nur im Innern.
Wilde Hunde lagen vor den Mauern auf Steinen, die dort den Anprall der Wellen aufhalten. Ab und zu wechselten Kinder mit ihnen ab, die auf jenem gefährlichen Punkte wohl nur im Genusse verbotener Frucht waren. Vom freien Meere her und von den rothen Inseln drohten dunkle Wolken mit neuem Regen und finsterer Verhüllung der Ferne, wie sie schon die Sonne verbargen.
Bei Psamatia Kapu hieß ich das Kaïk landen. Ich ging von dort in das Innere der Stadt nach der nahe dem Strande gelegenen Moschee des Oberststallmeisters (Imrachor Djami). Der Bau ist ein Rest, und bei näherer Prüfung ein überraschend wohlerhaltener, des einst so berühmten Klosters des Studius. Es war das ein Patricier und Consul, der im sechsten Jahre der Regierung Leo des Großen, auch des Fleischers genannt, also im Jahre 463 den Nichtschläfern diese Kirche erbaute. Die christlichen Lateiner verwüsteten sie, und erst Andronicus der Jüngere schützte sie wieder mit einem Dache. Das Kloster spielte in der byzantinischen Geschichte eine große Rolle; Leben und Sterben vieler Kaiser sind daran geknüpft. Einige wurden dort erzogen, denn die Mönche waren gelehrt und gebildet; Andere wurden dorthin in die Einsamkeit und Büßung verwiesen, und wieder Andere unter dem Paviment der Kirche begraben. Hier stationirten zum erstenmale die Züge, welche der Stadt vom goldenen Thore aus zum kaiserlichen Palaste hin den Sieg brachten. Alles was dieser Bau war, ist bei ihm leichter als bei anderen aus den vorhandenen Resten herzustellen. Das Trümmerfeld von Säulenstümpfen, welches Hammer rings herum gebreitet sah, ist entweder seitdem weggeräumt, oder er hat es überhaupt nicht gesehen. Es muß ihm so jedenfalls mit dem Mihrab dieser Moschee geschehen sein. Denn hätte er diesen gerade so wie bei der Aja Sophia und bei allen anderen Moscheen, welche ehemals Kirchen waren, schief in die Apsis gestellt gesehen, so hätte er dadurch allein, wenn auch sonst durch keine andere der markanten Eigenthümlichkeiten des Baues, auf die Vermuthung kommen müssen, daß er es hier mit einer ehemaligen Kirche zu thun habe, und nicht drucken lassen dürfen, daß diese Djami ein Werk des großen Baumeisters Sinan sei. Die Stätte und die Mauern sind heute noch dieselben, welche einmal den gottesdienstlichen Zwecken der griechischen Christen dienten.
Ein kleiner Porticus, getragen von zwei alten Säulen, führt in den Friedhof, der hier ausnahmsweise vor der Moschee liegt. Die Gräber zu beiden Seiten liegen höher als der Weg. Frisches Grün sproßt dazwischen, und Rosen ranken sich darüber. In dem Marmorpflaster des Weges fand ich einen Stein, der das Monogramm trägt:
Vor dem Baue der Basilika in ihrer ganzen Breite öffnet sich eine freie Halle. Vier Säulen korinthischer Ordnung mit reichem aber geschmacklosem Capitäl tragen ihre Decke. Gesimse mit Verzierungen desselben Styles treten überall aus der Tünche hervor. Zwei Bogen trennen die Vorhalle in drei Abtheilungen; heute ist nur noch die linke offen, die rechte zugemauert. Aus jeder scheint ehemals eine Thüre in das Innere geführt zu haben, also im Ganzen ihrer drei; auch davon ist nur noch eine, die mittlere, übrig. Das Innere ist lang, breit und hoch und durchaus im glücklichen Zusammenstimmen der einzelnen Theile. Zu klein zum Ganzen ist nur die heutige Apsis. Steht sie auch genau an der Stelle der früheren, so daß der Mihrab schief in sie gestellt werden mußte, so halte ich sie doch für ein Flickwerk der Türken. Das Mittelschiff wird auf beiden Seiten durch eine Säulenreihe von den Seitengängen getrennt. Ueber diesen Gängen und auf den Säulen ruhend liegen offene Galerien. Kleinere und enger zusammengeschobene Säulen zäunen diese ein und stützen die flache Decke; die beiden Seitenschiffe sind an ihrem Kopfende durch flache Wände, nicht durch Nischen, wie das sonst wohl üblich, geschlossen. Die Thüren, die ehemals dort offen waren, und die Karniese darüber sind heute zu- und eingemauert; ebenso die fünf Bogenfenster, welche einmal durch jede der beiden Langwände das Licht gaben. Unter ihnen treten neun Tragpfeiler aus der Wand hervor, vermuthlich um das Gebälke oder doch um querüber verbindende Balken zu tragen. Von den 14 Säulen, je sieben auf beiden Seiten des Mittelschiffes, sind sechsen die prachtvollen Schäfte aus Verde antico übrig geblieben; den anderen achten sind sie aus Mauerwerk, aus Tünche und aus grüner und weißer Farbe nachgemacht worden. Und aus demselben Stoffe hat man auch jenen sechsen wohlerhaltenen die prachtvollen Capitäle mit einer Maske verkleistert, um sie dem rohen Kopfputze der acht anderen Schwestern ähnlich zu machen. Es fehlte den Späteren das Geschick und die Liebe der Kunst, sich zur Fertigkeit der Früheren zu erheben, und so degradirten sie die Vergangenheit zu dem Ungeschmacke der Neuzeit. Die Säulen der Galerien oben sind aus Holz und ganz jung.
Wie alle Moscheen ist auch diese rein gehalten. Hügel umgeben sie, wohl Gräber des einstmals Gewesenen, und Saatfelder ziehen sich darüber.
Hinter der Kirche, dem Meere zu und wo der Blick darauf frei und unbegrenzt ist, fand ich eine unterirdische Capelle und daneben eine Cisterne. Zwei starke Säulen tragen das Gewölbe der Ersteren, drei Nischen schließen sie; sie ist breiter als tief; ihr Mauerwerk einfach und alt. In der Cisterne sind die Säulencapitäle in Blumenformen gestaltet. Nicht weit von diesen unterirdischen Bauten ist ein Ziehbrunnen in die Erde eingelassen. Ein Stein, den ich hinabwarf, verrieth nur wenig Wasser darinnen, aber ansehnliche Tiefe. Zwei starke Feigenbäume wachsen aus seiner Mündung hervor mit dichtem Blätterschmucke und wilden Früchten. Alles um dieses Gemäuer haben Bäume, Schlinggewächse und Blumen malerisch geziert, und weiter hinaus über die Mauern weg schaut das Auge die blaue See, Schiffe, welche der Einfahrt in den Bosporus harren, und links hin die Prinzeninseln.
Auf dem Rückwege nach Psamatia Kapu fand ich in der Straße, die eine weite Strecke mit dem Ufer in gleicher Richtung läuft, nur durch die Stadtmauer von ihm geschieden, Säulenschäfte und ein mächtiges Capitäl, das byzantinische Kreuz darauf. Sie liegen herren- und dienstlos, zeigen aber, was ehemals hier gestanden haben muß. Die Straßen waren leer, wie ausgestorben, ein furchtsamer Hund das einzige Lebende, welches ich begegnete. So förderte Alles die Stimmung schwermuthsvoller Betrachtung.
Constantinopel, den 12. Juni, Sonntag.
Gewöhnlich suchen die Fremden drüben in Skutari den Gottesdienst der von ihnen sogenannten heulenden Derwische kennen zu lernen. Es ist dort ein Tekke schon in Erwartung solcher Besuche hergerichtet, und man befindet sich wie in einem europäischen Theater des bloßen Zuschauens wegen. Ich begehrte heute nach einem anderen, von jeder Europäisirung möglichst abgelegenen Bruderschaftshause geführt zu werden. So kamen wir nach Kaßim Pascha, einer der ärmlichsten unter den vielen elenden Vorstädten dieser kaiserlich schönen über zwei Erdtheile ausgespannten Weltstadt. Neben Pera liegt Kaßim Pascha auf demselben Ufer des goldenen Hornes. In dem ersten Tekke, wo wir Einlaß begehrten, waren die Uebungen schon zu Ende. Es liegt in einem Garten anmuthig hinter Rosenhecken versteckt, ein dürftiger kleiner Holzbau. Der einzige Derwisch, der noch zu Hause war, saß in einer Laube, in einen weißen Kaftan gehüllt und so in die Träumereien seiner gottesdienstlichen Betrachtungen oder seines Nargileh’s versunken, daß es einer Weile bedurfte, bis wir von ihm die Auskunft erhielten, wo allenfalls in der Nachbarschaft seine Glaubensgenossen mit ihren religiösen Uebungen an diesem heißen Nachmittage noch nicht zu Ende gekommen sein könnten.
Das Tekke, wo er uns hinwies, liegt nicht so poetisch, ist zwischen den anderen Häusern eingeklemmt, selbst eine Hütte und in nichts von diesen verschieden. Unten eine kleine Eintrittshalle; in sie einmündend die Vorzimmer, wo wir Stöcke und Schuhe ablegten; aus ihr hinaufsteigend eine schmale hölzerne Stiege und oben im ersten Stocke ein mäßig großer Saal, bedeutend länger als breit, die eine Langseite von kleinen nach dem Saale zu offenen Stuben eingefaßt, die eine Schmalseite durch Fenster nach dem goldenen Horne zu geöffnet, die schöne Aussicht hereinzulassen, die andere durch das Gitter der dahinter liegenden Frauentribüne geschlossen. In der Ecke, die gegen Osten zu gekehrt ist, ist aus Teppichen und Fahnen der Mihrab aufgebaut. Das ist die ganze Herrlichkeit, und sie ist nur aus ungedielten rohen Brettern fabricirt. Aber ausgezeichnet ist die Aermlichkeit durch außerordentliche Reinlichkeit. Daß man sich auf die Vließe von Schafen niederläßt, geschieht nur, weil es die Ordensregel so gebietet, denn der Zustand des Bodens bedingt nicht diesen Schutz. Ein Diener breitet gleich jedem Ankömmlinge das seinige aus. Man sitzt natürlich mit untergeschlagenen Beinen darauf.
Die Zuschauer waren zahlreich und aus allen Ständen gemischt; mir fielen die vielen Soldaten auf. Alle beobachteten jenen Anstand, der dem Türken angeboren ist und ihn dem ersten Eindrucke als ein Wesen höherer Ordnung erscheinen läßt. Uebrigens folgten auch ihre Mienen andächtig dem Cultus. So sitzt ungefähr eine Menge bei uns in einem Trauerspiele, nicht in einer Kirche, denn dort ist leider selten so viel Aufmerksamkeit zu Hause. Nur den Kindern war es gestattet, ungebunden und sich um nichts bekümmernd mitten durch die Reihen der Sitzenden und auch durch den ehrfurchtsvoll der Ceremonie leer gelassenen Mittelraum des Saales zu laufen. Diese Rücksichtnahme der Türken auf die Natur der Jugend hat etwas Rührendes; sie steht ihnen offenbar über jedem Menschengesetze. Es liegt etwas von dem evangelischen „Lasset die Kleinen zu mir kommen, denn ihrer ist das Himmelreich“ darinnen.
Der Orden muß eigentlich der der Rifa’yjah-Derwische genannt werden, da der neuerliche Gebrauch die Derwische nicht mehr wie früher nach ihren Statuten und Glaubensregeln, sondern nach ihrem Stifter bezeichnet und dieser Ahmed Rifa’y hieß. Er stammte, wie alle die wesentlichsten Ordensgründer, aus Persien, der Provinz Ghilân, und starb 1182 in den Buschwäldern zwischen Bagdad und Bassora. Im ganzen Orient gilt er als ein besonders heiliger Heiliger, der sagen durfte, „sein Fuß stehe auf den Nacken aller Heiligen Allah’s.“
Die Derwische, die sich zu den Uebungen versammelt hatten, standen an der anderen Schmalseite des Saales, den Fenstern gegenüber, in einer Linie nebeneinander gereiht. Die Meisten warfen im Verlaufe der Ceremonie ihre Oberkleider weg und legten weiße Kaftans an, so wie ihn Der getragen, den wir vor dem ersten Tekke in der Rosenlaube sitzend gefunden hatten. Der Vorbeter allein, der vor ihnen stand, trug einen Kaftan aus grünem Stoffe, die auszeichnende Farbe des Propheten und der Mantel selbst ein Symbol dessen, den Mohammed getragen hatte. Sie sprachen dem Scheich nach und sangen dann eine Weile selbständig fort. Der Körper folgte in gleichmäßigen Schwingungen von rückwärts nach vorwärts der Stimme, anfangs langsam, nachher aber mit dem Gesange so an Schnelligkeit zunehmend, daß das Auge ihnen kaum mehr folgen konnte. Dabei ward der Tact der Bewegung wie der des Gesanges keinen Augenblick gestört. Sie glauben und wollen durch diese Beweglichkeit den Körper so ermüden, daß sich die Seele von ihm loslösen und mit dem einzigen fortwährend wiederholten Begriffe „Gott“ verschmelzen könne. Einige behaupten, dieses Mittel begeisternder Absorbirung so erfolgreich erprobt zu haben, daß sie in ihrem Herzen sogar die freilich nur dem geistigen Auge sichtbaren Buchstaben des Wortes Allah durch die vielmalige Wiederholung eingeprägt tragen.
Nicht lächerlich, aber doch wie eine Verirrung des menschlichen Geistes erschien mir dieser Gottesdienst; daß er religiös und daß er wahrhaftig gemeint sei, verkannte ich nicht. Darum, so sehr mich die Raserei, denn das wurde er zuletzt, entsetzte, ich mußte doch immer dem Wahne Achtung zollen. Das Geheul verlor den Ton der Menschlichkeit, und die Bewegung der Kette beinahe den Grad des denkbar Möglichen. Einzelne schwangen im Wahnsinne nicht mehr den Oberkörper, nur noch den Kopf, so waren sie erschöpft; zwei fielen nieder, denen der Schaum auf den Lippen stand; man trug sie ohnmächtig hinaus. Andere arbeiteten aber gleich rüstig weiter, als habe die Uebung eben erst begonnen. Die Turbans, die sie verloren, wurden von Vorbetern unter dem Schutze des Mihrab’s aufgehäuft. Die Greise, welche betend dort standen, durch grüne Kaftane ausgezeichnet, legten zum Zeichen heiliger Waschungen, die das vorstellen soll, die Hände vor das Gesicht, banden sich dann wechselseitig mit Gebetsprüchen rothe Schürzen um, und die, welche sich so bedient hatten, reichten sich grüßend die Hände. Es war etwas außerordentlich Würdevolles in der Ruhe dieser alten Männer, das durch den Gegensatz des Lärmens und der Unruhe der Heuler noch erhöht wurde.
Ein Kopf unter den Heulern mit wegstehenden Haaren und roth gewordenem Gesichte haftet unvergeßlich in meiner Erinnerung. Ein junger Matrose ebenfalls; dieser war ganz Ruhe, trotz der Hast seiner Bewegungen, jener sichtbar auch innerlich ein förmlich Rasender. Zuletzt übermannte mich das Gefühl, daß das Alles über mich herstürzen und mich, den einzig Ungläubigen der zugegen, erschlagen werde. Ich floh, wie von einem Traumgespenste gejagt, und auch unten noch in der freien Luft dauerte es eine Weile, bis ich meine Sinne wieder in das Gleichgewicht gebracht hatte.
Unwillkürlich versuchte ich es auf dem Heimwege, mit den empfangenen Eindrücken die Würdigkeit des Mohammedanismus zu messen. Ich wollte ihn eben verurtheilen, als mir noch rechtzeitig die Springprocession von Echternach bei Luxemburg am St. Veitstage einfiel, die von den vorwärts gethanen Schritten immer wieder einige zurückspringt. Mit dieser Erinnerung kamen mir eine Menge anderer in den Sinn an die ascetischen Gebräuche meiner Religion. Ich ließ also von der hochmüthigen Verurtheilung ab und suchte lieber die Gründe zu finden, welche die Menschheit in solch’ wenig angenehme Sitten verführt haben mögen. Da war wohl am mächtigsten jenes ewig uralte Naturgesetz von dem Kampfe zwischen dem Geiste und der Materie, der Seele und dem Fleische, das sich als ungelöstes Problem durch die ganze Geschichte der Menschheit von ihrem adamitischen Anfange bis zu ihrem einmaligen seligen Ende hinzieht. Warum sollten davon die Kirchen und ihre Gebräuche unberührt bleiben? Alle haben die Spuren davon aufgenommen; die orientalischen, weil die Phantasie dort am lebendigsten ist, sind mit den erniedrigendsten Büßungen und den strengsten Kasteiungen ausgerüstet.
Sonderbar ist es, wie die Religionen, obwohl sie sich oft mit ihren Grundsätzen so feindlich entgegenstehen, ihre Gebräuche geliehen haben. Solche Gebetsübungen, wie die der Rifa’yjah-Derwische, die sich nur in der völligen körperlichen Erschöpfung genügen, finden sich bei uns Katholiken wie bei den Mohammedanern, und auch das endlose La ilâha illâ-llâh (es ist kein Gott außer Gott), welches diese Beter heulen, ist unsere Gebetsform der Litanei. Der ganze mohammedanische Kirchengesang hat diese Formen; es sind Exclamationen, welche zum Lobe des Allerhöchsten in die Luft ausgestoßen werden:
„O Fürsprecher! o Geliebter! o Seelenarzt! o Auserwählter! o Fürsprecher am Tage des Gerichtes, wo die Menschen rufen werden: O meine Seele! o meine Seele! und wo Du sagen wirst: O mein Volk! mein Volk!“
Der Koran selbst spricht ganze Seiten hindurch in dieser einsilbigen Sprache. Es ist dieses offenbar eine alte Formel des Orients, und der Katholicismus setzt nur eine Tradition fort, die vor Jahrtausenden begonnen hat. Nicht anders ist es mit den Waschungen vor den Kirchen, die bei den Mohammedanern sich noch erhalten, im kalten Abendlande aber sich in das weniger erkältende Bespritzen mit dem Weihwasser modificirt haben. Ich finde in diesem gleichmäßigen Benutzen derselben Gebräuche durch so verschieden gedachte Religionen ein Zeugniß dafür, daß die Welt ärmer an äußerlichen Zeichen denn an Gedanken ist, und in der That selten gleichen sich zwei Menschen durch ihre geistigen Fähigkeiten, aber alle arbeiten mit den Händen und Füßen.
Wir ritten zurück durch Gassen, durch die wir gekommen waren, gefüllt mit solchem Schmutze, daß er selbst in Constantinopel überraschen durfte. Die Pferde gingen in Mitte zweier ungefähr vier Fuß erhöhter Trottoire in dem Kothe der Gasse, der an einzelnen Stellen flüssig, an anderen zu festem Brei getrocknet war. Mich unterhielt es mehr, als daß es mich verdroß; nur die allwärts gleiche Geschminktheit unserer Gassen ist mir zuwider.
Constantinopel, Montag, den 13. Juni.
Mehr aber als alles Uebrige interessirt mich immer wieder das Straßenleben. Wenn man von Pera an der französischen und österreichischen Gesandtschaft vorüber zur ersten Hafenbrücke hinabsteigt, kommt man unten am Hügel, wo rechts die Ecke nach der großen Galatagasse hinüberbiegt, an ein tscherkessisches Kaffeehaus. Ein ebenerdiges Häuschen, die rauchige Stube nach der Gasse zu offen, daneben ein kleiner Garten, die Umzäunungs-Mauer von Bäumen überragt: das ist der Sammelpunkt all der Unglücklichen, welche russisches Culturträgeramt aus der angestammten Heimath vertrieben hat. So oft ich hier vorbeikomme, immer finde ich neue Gruppen dieser elenden edlen Gestalten, Reiche und Arme, — wenn bei Heimathslosen von solchem Unterschiede die Rede sein kann — Vornehme und Geringe, unterschiedslos zusammengemischt. Es scheint, daß ein alter Brauch, vielleicht durch eine Kunde begonnen, die den Ruf dieses Kaffeehauses über das schwarze Meer in die kaukasischen Berge getragen, jeden neuen Ankömmling dieses Stammes zunächst hierherführt, um durch den Rath seiner Landsleute Leitung durch die verwirrende Fremdartigkeit dieser großen Stadt zu gewinnen. Freunde und Verwandte, die sich in der Heimath verloren hatten, mögen sich da wiederfinden; die Fremde und der Zufall gibt oft wieder, was schon aufgegeben war. Es sind große stolze Männer, die dort hinter ihren Wasserpfeifen auf den Strohschemeln sitzen, ausgestreckt auf dem Boden liegen, oder mit gekreuzten Armen an der Gartenmauer lehnen. So ruhig ihre Blicke, keiner ist geistlos; Alle, der ärmlichst wie der reich Gekleidete, haben, wie sie schmächtig und in die Höhe gezogen sind, auch etwas Aufrechtes und Gerades in ihrer Haltung und in ihrem Gange, wie das bei uns nur den Männern eigenthümlich ist, welche gewohnt sind, auf den Höhen des Lebens zu stehen. Keinen sah ich, der den Kopf mit dem adelig langen Oval des Gesichtes anders als hoch erhoben mit frei in die Welt hinausschauendem Blicke auf dem länglichen Halse getragen hätte. Die Schultern fallen stark abwärts, ganz das, was man in Frankreich une belle chute d’epaule nennt. Stierköpfig und breitschulterig habe ich keinen Tscherkessen gesehen. Es wird ihre Körperbildung überhaupt von einem das Kolossale Liebenden getadelt werden. Svelte ist das einzige Wort, das ihre Erscheinung und ihre Bewegung wiedergibt; ihre Knöchel sind es und ihr Gang ist es. Es ist ein Volk, als ob es von Göttern abstamme; vielleicht weil ihre Berge so hoch in den Himmel hinaufragen. Bekleidet sind sie gewöhnlich auf dem Kopfe mit einer hohen spitzen Pelzmütze, auf dem Leibe mit einem langen engen Rocke, von einem Stoffe, den wir hären nennen würden, und der schmutziggrau aussieht. In den beiden Brustseiten des Rockes sind fünf bis sechs Röhren für die Patronen gesteppt, ähnlich den Cigarrentaschen, die man vor Kurzem bei uns trug. Ein Gürtel hält den Rock zusammen, zwei Dolche stecken darin; die weiten Hosen unter dem Rocke, die aber kaum sichtbar werden, sind in die hohen Stiefel gesteckt. Der größere Reichthum macht wenig Unterschied in dieser Kleidung, wenigstens erscheint er nicht. Ich sah die ärmlichsten Fetzen mit solcher Hoheit getragen, daß das Kleid geadelt war, und das Sprichwort im umgekehrten Sinne galt. Man versuche einmal bei uns für diese Behauptung ein Beispiel zu finden.
Vor dem Kaffeehause ist ein kleiner Platz. Mehr als irgendwo sonst liegen auf ihm wilde Hunde herum; gehe ich Nachts diesen Weg, so stolpere ich gewiß immer hier über eine dieser unangenehmen Bestien. Die Abfälle einiger Fleischerbuden mögen sie hierher locken. Der Geruch, den diese Gewerbe jetzt in der Hitze verbreiten, ist empfindlich und treibt mich über diesen Platz immer mit größerer Eile. Zu Pferde gelingt mir das auch; bin ich aber zu Fuße, dann halten mich die Surugis auf, die hier ihren Standpunkt haben und ihre Pferde an den Mann bringen möchten.
Auf dem Ufer zwischen dem goldenen Horne und der langen Galatagasse, der einzigen, welche eine so weite Strecke gerade fort läuft, steht der Stadttheil, welcher alle ärgste Liederlichkeit und Verworfenheit Constantinopels an sich gezogen hat. Auch wer an das Schlimmste unserer europäischen Hauptstädte gewöhnt ist, wird hier noch überrascht werden. Man hat mich gewarnt, dieses Stadtviertel zu betreten, und zur Nachtzeit mag es allerdings ein Wagniß sein. Ich will auch diesen Theil des hiesigen Lebens kennen lernen, und treibe mich dort öfters beobachtend und betrachtend herum. Hart an dem Wasser, so nahe daran, daß kein verbindender Kai davor herführt, stehen die Häuser der verschiedenen Dampfschifffahrts-Compagnien. Der anständige Zugang zu ihnen ist zu Wasser, zwischen den in dichten Reihen davor liegenden Schiffen durch, der rückwärtige führt durch die Höfe, Thorwege, Gäßchen und Winkel eben jenes verrufenen Viertels. Einen Wirrwarr der Wege wie dort habe ich nirgends sonst gefunden, und ebenso nicht anderswo einen ähnlichen Schmutz. Von den Kohlen der verschiedenen Dampfschifffahrts-Depôts ist der Boden seit langem ein schwarz gefärbter; darauf werden aus allen Häusern die Abfälle geworfen, und die Gossen, die darüber zusammenrieseln, haben das Ganze in eine dunkle nachgiebige Masse verwandelt. Die Häuser selbst zu beiden Seiten sehen nicht viel appetitlicher aus. Ihre Wände sind auch geschwärzt vom Kohlenstaube, hängen nach vorne oder auch der Seite über, Thüren und Fenster sind zum Theile eingeschlagen, mit Papier verklebt, wenn nicht gar ihre Fassung aus der Mauer theilweise herausgebrochen. Beinahe bei allen sieht man offen und frei in das Innere des Hauses und dort in rauchigen hölzernen Stuben die Inwohner mit den scheußlichsten Lastern beschäftigt. Spiel, Trunksucht, alle Gattungen von schlechten Ausartungen, auch Raub, Mord und Todtschlag sind hier die gewöhnlichen und Allen sichtbaren Beschäftigungen. Schreitet die türkische Polizei in diesem Sodoma nach irgend einem gar zu grellen Falle ein, so sind gleich die europäischen Gesandtschaften zur Hand, sich vertheidigend vor ihre verleumdeten Schützlinge zu stellen, und die gesammte europäische Presse trommelt hinter ihnen den Sturm gegen türkische Unduldsamkeit, gegen muhammedanischen Christenhaß und barbarische Civilisations-Feindseligkeit. Der italienische und französische Gesandte sind hierbei gewöhnlich die bereitwilligsten. Die meisten der ständigen Bewohner dieses Quartieres sind Italiener, Griechen, Malteser, die Fremden meistens englische und italienische Matrosen und Flüchtlinge aller Nationen.
Ich beobachtete heute eine solche Scene, die mit ihrer Schilderung andere vertreten mag. Aus einem Freudenhause führte ein jüngerer Matrose seinen älteren Genossen. Beide waren Engländer, der ältere mit beinahe weißem Haare so besoffen, daß er keinen Schritt ohne die Unterstützung des jüngern vorwärts thun konnte. Der war ein hübscher Bursche, nicht älter als 22 Jahre; das Haar stand ihm wirr zu Berge, die Mütze hatte er vergessen. Sein Gesicht, stark geröthet, lachte fortwährend, wenn er zurückblickte. Dort sahen aus jedem Fenster, eine über die andere gelehnt, geschminkte Dirnen heraus; unten in die Thüre trat eine, die hatte nichts an als ein blendend weißes mit Stickerei eingesäumtes Hemd, falsche Rosen in dem schwarzen Haare und ebenso falsches Roth krustendick auf den Backen. Ihr, als sie erschien, winkte der junge Matrose zu, indeß er mit der rechten Hand, die er über die Schulter des älteren gelegt hatte, hinter dessen Rücken diesem drohend eine Faust ballte. Das schien als Scherz gemeint, der auch den lohnenden Beifall des ganzen Mädchen-Chores erntete. Ich zweifle nicht, daß auch bei den Türken das Laster in mannigfaltigen Arten heimisch ist, aber in so schamloser und öffentlicher Gestalt sah ich es bei ihnen nie auftreten.
Wohl zur Bewachung dieser Räuberhöhle ist in der Galata-Gasse das Wachthaus so stark mit Polizeimannschaft besetzt. Die Seite dieser Gasse, welche mit der Rückwand ihrer Häuser in dieses eben beschriebene Stadtviertel sieht, ist beinahe durchgehends von offenen Schreinerwerkstätten eingefaßt. Dort arbeiten sie jene Truhen, in welchen der Türke seine Schätze in der Moschee hinterlegt oder auf Reisen mitnimmt. Aus Cypressenholz gezimmert, duftet die ganze Gasse danach. Dann werden sie gewöhnlich grün angestrichen und zuletzt mit goldenen Nägelköpfen beschlagen. Die andere Seite der Gasse ist in ihren unteren Geschossen ebenso beinahe ausschließlich von einem Gewerbe besetzt; es sind Schusterbuden, nur daß sie ihr Handwerk nicht so offen zu Jedermanns Schau ausstellen. Civilisirter als die Schreiner haben sie Auslagekästen, und zeigen darin Producte, die wirklich den Wettstreit mit den besten französischen, italienischen und wiener Waaren nicht zu scheuen brauchen. Die Kaufläden weiter unten in der Gasse, wo man der Brücke näher kömmt, und in denen weiße Sonnenschirme, fertige Sommeranzüge, Handschuhe und andere Kleidungsstücke verkauft werden, gleichen ganz unseren hölzernen Meßbuden, nur daß hier über der offenen Auslage noch ein oder zwei Stockwerke eines Hauses stehen.
Ist das Gedränge schon weiter zurück in der Galata-Gasse dicht, so wird es hier oft beinahe stockend und einige Schritte vorwärts, wo die Gasse um ein scharfes Eck zu dem Brückenkopfe umbiegt, undurchdringlich. Sieben Gassen münden dort in die eine schmale zusammen, alle aus den belebtesten Stadttheilen herauskommend. Den Berg herab über vielfältige Absätze und Stufen steigen zwei, darunter eine an dem Feuerthurme von Galata vorüber, der Hauptverbindungsweg nach Pera hinauf. Die bedeutendsten englischen Waarenmagazine liegen in oder an derselben, wo man Alles und zuweilen, nach dem Eintreffen großer Sendungen, Manches recht gut und sogar wohlfeiler als bei uns kauft. Die anderen Gassen münden links aus dem liederlichen Stadtviertel und rechts aus jenem Theile Galata’s ein, in welchem die größten Waaren-Depots der europäischen Produktion und auch das ist, was hier die Börse vorstellt. Das Aergste, was man von dem Gedränge unserer europäischen Hauptstädte in der Erinnerung hat, verschwindet neben dem Knäuel, der hier zusammenläuft. Dort sind es doch immer Wagen, welche die Mitte der Straße besetzt und diese dadurch wenigstens scheinbar frei halten; hier ist Alles, die Seitenwege an den Häusern wie die Mitte der Gasse mit Menschen gefüllt. Ob Reiter oder Fußgänger, das ist gleichgiltig und unterschiedslos zusammengemischt. Wagen kommen selten, beinahe nie vor, dazwischen aber die um Platz schreienden Hamale mit ihren ungeheuren Lasten, Pferde und Esel mit Thürmen von Ziegeln oder mit Balken auf dem Rücken, deren eines Ende ihnen dort aufliegt, das andere weit abstehend auf dem Boden nachschleppt. Sie passiren die Menge wie Mauerbrecher oder Schneepflüge. Wer die Vorstellungsgabe hat, der stelle sich das nun Alles zusammen; hat er es jemals gesehen, so wird ihm durch das wieder erschienene Bild auch das Geschrei und der Lärm lebendig werden, welche die Ohren betäuben, und die Buntheit der Farben, welche die Augen verwirren. Wie oft ist es mir nicht schon geschehen hier auf dieser Seite der Brücke oder drüben auf dem Stambuler Brückenkopfe, daß, wenn ich zu Fuße war, mir eine Pferdsnase plötzlich über die Schulter weg ins Ohr pustete, oder wenn ich zu Pferde ritt, eine fremde Hand in die Zügel griff, um das Thier gemächlich aufzuhalten, bis sich der Fußgänger daran vorüber gequetscht.
Auf der Brücke ist der Raum etwas freier; die Menge strömt nach den beiden Seiten auf die Localdampfer ab. Links liegen die, welche hinaus in den Bosporus, nach Scutari und den Prinzeninseln gehen, rechts die, welche den Verkehr nach dem inneren Hafen besorgen. Durch diese Raumerweiterung wirkt die Brücke wie eine Erholung, ähnlich einer Mozart’schen Beruhigungssonate nach einem Wagner’schen Dissonanzen-Gedränge. Es ist auch die Freiheit des Bildes, die sich nach beiden Seiten auf die spiegelglatte Fläche des goldenen Hornes und vor sich auf die kuppelgekrönten Hügel Stambuls aufthut, welche zu dieser Stimmung beiträgt. Außer diesem Wohlgefühle lohnt die Brücke auch noch durch andere Reize allein die Reise nach Constantinopel. Wer nur sie und sonst nichts von dieser Großstadt gesehen, hat immer noch mehr gesehen, als ihm das ganze übrige Europa zeigen kann. Ich bin oft halbe Tage hier, auf und ab wandelnd, oder mich wie die anderen Müßigen und die Bettler auf die erhöhten Balken der Trottoire setzend. Da ziehen denn Türken und Griechen, Perser und modische Franken, Kurden und Armenier, Tscherkessen und Neger, beinahe alle Völker der Welt, Männer und Weiber, zu Fuß und zu Pferd und die elegante Europäerin in der Portantine an mir vorüber, und das Alles so bequem zu sehen, als sei es eigens wie die Wandeldecoration einer Ausstattungsoper zu meinem Vergnügen hergerichtet. Auch ein Wagen kam so an mir vorbei, ein ungedeckter Karren auf vier hohen plumpen Rädern, in dem eine zahlreiche Tscherkessenfamilie saß, Weiber und Kinder und all’ ihr flüchtiges Hausgeräth mit darinnen; die Männer gingen treibend neben den Pferden. Eines der Mädchen, das weniger dicht als die anderen Frauen in alte Schleier und Lumpen verhüllt war, zeigte ein classisch-schönes Gesicht; Augen dunkel, wie ihr rabenschwarzes Haar, aber Hunger und Kummer um die Lippen eingegraben und die Gleichgiltigkeit des abgestumpften Elends in den Blicken. Eine herrliche Gestalt lehnte neben mir, ein Araber in weiße Gewänder und in einen Burnus weißlich gelb mit violetten Streifen gehüllt, um das edle herrische Gesicht ein Bart schwarz wie Ebenholz. Besonders aufmerksam sah er den Dampfschiffen zu und den Passagieren, die hinabstiegen. Die meisten waren Soldaten, Officiere und Gemeine, die kommen aus den Aemtern, um mit den Dampfern nach ihren entlegenen Wohnsitzen zurückzukehren. Fällt mir irgend Jemand auf, das Fezz auf dem Kopfe aber sonst in unsere Kleider gekleidet, weil sein Anzug besonders gewählt, seine Hose besonders weit und seine Cravatte übertrieben bunt ist, so ist das, wenn ich ihm dann von vorne ins Gesicht sehe, immer ein Neger und gewöhnlich ein Eunuche. Die Neger und Eunuchen sind hier die Dandys der Gassen, das was man in Wien die feschen Kerle nennt; sie tragen Moden und Farben am auffallendsten. Alles ist sehr eilig, und der herumlungernde Faulenzer, als welcher gewöhnlich der ganze Orient geschildert wird, erscheint hier wenigstens nur in vereinsamter Ausnahme. Was mich aber am meisten befremdet, ist die absolute Gleichgiltigkeit dieser Leute für einander. Nicht der beturbante Alttürke und nicht die modische Dame, nicht der zerlumpte Kurde und nicht der stutzerhafte Eunuche sehen sich neugierig an. Es ist die Stadt der schärfsten Gegensätze, aber zugleich die der vollkommensten Ausgleichung und darum mehr als jede andere eine Groß- und eine Weltstadt. Das sieht sich hier auf der Brücke aus dem Völkergedränge als Ganzes und aus jedem einzelnen Gesichte im Besonderen heraus.
Drüben in Stambul, wo die Brücke aufliegt, ist der Platz weiter und freier. Dort halten sich darum auch die meisten der Hausirer auf, solche, die fest hinter ihren Körben stehen, in denen von Laubkränzen umwundene Südfrüchte ausgeboten werden, und andere, die aufdringlicher ihr Wasserglas mit dem gellenden Rufe „Saka! Saka!“ zum Munde des Vorüberwandelnden hinhalten, oder den weißleinenen Sonnenschirm auf den Sattelknopf des Reiters legen. Verstummen der Augen und des Mundes ist das sicherste Mittel sich ihrer zu erwehren. Reite ich ruhig weiter ohne Blick nach rechts und links, den Sonnenschirm unberührt liegen lassend, dann ist der Kerl bald wieder da, um ihn schweigend zurückzunehmen. Das ganze Geschäft macht sich, als ob es nicht geschehen wäre. Ein Wort der Zurückweisung aber verschafft ihm den Sieg; er antwortet, und je gröber man wird, immer humoristischer und artiger, daß man zuletzt, blos um Ruhe zu haben, ihm seine dreißig Piaster hinwirft. Die stumme Sprache ist diesen Leuten die einzig imponirende; es liegt auch nur in ihr die wahrhaftige Würde. Die meisten dieser Sonnenschirmverkäufer sind Armenier. Buben tragen Zündhölzer, Cigarrettenpapier; einzelne alte Türken Pfeifenköpfe und papierne Cigarrenspitzen; Griechen reichlich überzuckertes Backwerk. Alle schreien, aber am lautesten die Wasserverkäufer.
Unmittelbar der Mündung der Brücke gegenüber ist ein großer Obst- und Gemüseladen; nie kam ich ohne Aufenthalt an seiner appetitlichen Auslage vorüber. Aus den absichtlich umgestürzten Körben strömen Erdbeeren, groß wie unsere Pröbstlinge, hellrothe Kirschen, weiße Maulbeeren, gelbe Mispeln, kleine weiße und große dunkle Feigen, duftende Melonen, frühreife Trauben und Artischoken groß wie Kinderköpfe, der weiche Blumenkohl und die Perle aller Gemüse, die köstliche Melensane, heraus. Um die Oeffnung jedes Korbes ist ein buschiger Lorbeerkranz gewunden, und Büsche frischen Laubes, die Fliegen abzuhalten, sind um die ganze Bude gesteckt und werden von dem immer geschäftigen Verkäufer, der dahinter steht, zu ihrer Abwehr geschwungen. Der hat, wie alle Leute dieses Standes, möglichst wenig an, eine Jacke über der Brust zusammengezogen, den Shawl um den Bauch, kurze Pumphosen, Arme und Beine nackt, einen dünnen Turban auf dem Kopfe. Aber der Mann ist artig und zuvorkommend; jedesmal hat er ein anderes freundliches Wort für mich; gebildet möchte ich ihn nennen, wie das bei uns die Menschen durch die Erziehung werden, wie sie es im Süden durch die Natur sind.
Wenige Schritte links von diesem Laden in der Gasse, die parallel mit dem Ufer des goldenen Hornes zu dem Serai führt, ist die Treppe hinauf zu der Jeni Djami, der Moschee der Sultanin Valide, der Sultanin-Mutter Achmed III., welche, zum Unterschied von einer in der Mitte der Stadt auch von einer Valide erbauten Moschee, die neue (Jeni) genannt wird. Die Treppe ist eine doppelarmige. Zwischen den beiden Aufgängen liegt ein Brunnen; die Stiege ist nur schmal, und da über sie der kürzeste Weg zu den Bazaren und dem heutigen Montags-Markte in den Außenhöfen der Jeni Djami hinaufführt, ist sie immer menschengefüllt.
Auf dem Markte sind die Ersten, wenn man von dieser Seite kommt, die Verkäufer der Jacken, welche die Hamale, Surugi’s, Saka’s, die Kaïkgi’s, die Schiffer, Matrosen und andere Arbeitsleute der unteren Stände tragen. Die meisten verschieden in der Farbe, je nach dem Stande, dem sie bestimmt, dunkelbraun, grau, schwarz aus haarigem Kotzentuche, aus einem Gewebe von Kameelhaaren, weiß aus grober Leinwand, bei Allen die Nähte mit wollenen Borden, bei den weißen mit schwarzen Litzen besetzt. Dazu die kurzen Pumphosen aus grobem weißen und blauen Zwillich, die in ihrer freien Entfaltung, wenn sie der Verkäufer mit ausgestreckten Armen dem Käufer zum verlockenden Angebote entgegenhält, ein sonderbares, zu ihrer späteren Verwandlung unbegreifliches Viereck bilden; die rothen Binden um den Leib, die Shawls und die Fezz für den Kopf, die gestickten Westen und die feinen mit Seiden-, Gold- und Silberstickereien verzierten Schnupftücher, das liegt in Thürmen aufgeschichtet, hängt über Stricken und wird den Vorübergehenden mit derselben Beflissenheit wie unten die Sonnenschirme auf der Brücke aufgedrungen. Ein niederer Thorbogen, unter dem man bei weiterer Wanderung durchgeht, ist ganz mit solchen Waaren austapezirt.
In den zweiten Theil des Hofes hängen aus dem abgeschlossenen Garten, dem Friedhofe der Moschee, ein paar prächtige Bäume herüber; ein Feigenbaum lehnt sich weit über die Mauer hinab.
Der dritte Theil des Hofes, der neben der anderen Langseite der Moschee, hat seine eigenen Bäume; Platanen, alt, hoch und breit, geben kühlen Schatten. Zwischen den zackigen Blättern zittern einige Sonnenstrahlen hindurch; um auch sie abzuwehren, sind von einem Stamme zum anderen Zelttücher gespannt. Hier ist das geschäftliche Treiben am lebhaftesten; die Trödler haben noch weit werthloseren Tand ausgebreitet, als man ihn auf den Tandelmärkten von Wien und Graz sieht. Obst- und Gemüsehändler sind in großen Mengen vorhanden, auch bewegliche Garküchen. Eine ganze Gasse von Zeltbuden verkauft gefälschte Tabaksorten. Quacksalber tragen in offenen Kistchen ihre Heilmittel herum; zu ganz unglaublich hohen Preisen finden sie willige Käufer. Scheerenschleifer, aber auch Barbiere treiben offen unter freiem Himmel ihr Geschäft; Rasirmesser und Seife sind die einzigen Erfordernisse ihres Gewerbes. Als Sitz für seine Kunden benutzte der eine, den ich heute beobachtete, die Wurzeln einer Platane. Er rasirte einem sonnenverbrannten Perser das Kinn und den Schädel; der Perser fuhr, als die Operation vollendet, wohlgefällig prüfend über die Kopfhaut, dann setzte er die gestickte Mütze darauf und wickelte sie sich mit einem weißen Turban fest. Der Mann sah mehr als ärmlich aus, seine Kleider waren nur Lumpen, aber sein Körper erschien reinlich. Ich beobachte ihn nun seit drei Montagen; jedesmal sitzt er auf demselben Platze, hat dieselben Eisenreste, verbogene Nägel und zerbrochene Messerklingen vor sich liegen, spricht aber mit keinem Nachbar ein Wort, als gälte es Juwelen zu bewachen.
Zog ich mich dann aus dem Gedränge nach dem Harem, dem inneren Vorhofe der Moschee zurück, so fand ich dort im erquicklichen Gegensatze geachtete Ruhe, die abgelegenste Einsamkeit. Hohe Säulenhallen umfassen ihn auf allen Seiten und in Mitte seines Viereckes den nie fehlenden Brunnen. Eine Tscherkessenfamilie hatte in dem Winkel des Säulenganges, wo sie zusammengedrängt saß, mehr als ich, nicht blos die Ruhe und Erholung, geradezu die Unterkunft gesucht. Was ihr der habgierige Czar genommen, verlangten sie von dem lieben Herrgott. Die Männer allein gingen ab und zu, wieder Gestalten von jenem wunderbar leichten elastischen Schritte, den Kopf mit dem schönen Profil, der freien Stirne und den offenen Augen stolz tragend, und herabschauend als hätten sie keine Sorge, keine Kümmerniß. Es ist ein eigenthümlicher Typus, der mich an Menschen mahnt, wie sie sonst nur die Phantasie sieht. Die Weiber dagegen erschienen gedrückt und getroffen von der Schwere ihres Schicksals. Eine Alte saß da, den Kopf und den Körper in ihre Schleier gehüllt, den Ellenbogen auf das Knie und das Kinn in die hohle Hand gestützt und den Blick stumpf vom erlittenen Kummer wie die Hekuba, die gleichgiltig ist für Troja’s Fall und den Mord der Ihrigen, auf dem erschütternden Bilde des Cornelius, dieses einzigen Riesen der Gegenwart, in den Marmorsälen der Münchener Glyptothek. Ich habe unter den tscherkessischen Frauen, die russische Barbarei von ihrem Herde vertrieben hat, noch nicht ein sorgloses Gesicht gesehen. Alle scheinen karg an Worten aber erfüllt von trauernden Gedanken zu sein. Wie sie da saßen, alt und jung, neben jener Aeltermutter an die Mauer des prächtigen Säulenganges gelehnt, in elende abgeblaßte Fetzen gehüllt, konnte ich nur an die Juden denken, die von den Ufern des Euphrat Seufzer an die Heimath sandten. Zwei Kinder, ein Bube und ein Mädchen, spielten dabei, heiter und zufrieden mit der Gegenwart, durch die Vergangenheit nicht bedrückt und unbesorgt um die Zukunft. Mit einem alten Fetzen verfolgten sie sich, schlugen sich, wenn das Eine das Andere erreicht hatte, und unterhielten sich als sei es das kostbarste Spielzeug. Daß ihnen dabei die weiten Pumphosen fortwährend herabfielen, sie zum Stillestehen zwangen, machte mich lachen; den Alten blieb es gleichgiltig, die Väter verwiesen sie wohl auch noch zur Ruhe.
Als ich mich einigermaßen erholt hatte, trat ich wieder hinaus vor den Harem. Eine Marmortreppe führt auf den Platz hinab. Auf ihren Stufen stehend überschaute ich das ganze Bild. Neben mir, an die Mauer der Moschee gelehnt, lag eine wilde, sonnenverbrannte Gestalt; sie war beinahe nackt. Der Mann schlief. In den äußeren Arcaden der Djami saßen Gelehrte, die studirten. Wie deutsche Professoren schienen sie in der Gesellschaft ihrer Gedanken das Augenmerk für die Außenwelt verloren zu haben. An den Brunnen, die aus dem Sockel der Moschee herausfließen, wuschen sich Soldaten und andere Bursche der unteren Stände die Füße; Scheerenschleifer drehten emsig die Räder, und auf den Wurzeln der Platane wurde eben ein Derwisch barbiert.
Nur mit mühsamer Ueberwindung riß ich mich von dieser Beschau zu weiterer Wanderung los. Sie ging durch die enge Gasse hinter der Moschee hinauf zu den Hallen des Besestan. Dieser Hohlweg dient als Gemüsemarkt. Es war heute dort vielleicht das undurchdringlichste Gedränge von Constantinopel. Wie in einem Theaterparterre stand ich Momente lang, ohne einen Schritt vor- oder rückwärts thun zu können. Der Boden ist weich wie eine Matratze durch die aufgehäuften Gemüseabfälle, auf welchen man geht. Der Besestan von Stambul ist größer als der von Brussa; im Vergleich mit diesem auch schöner, aber auch nur im Vergleiche, denn ich möchte damit keine Vorstellungen von Tausend und Einer Nacht geweckt haben. Alle Gänge, die alten wie die neuen, sind rauchig, winkelig, meistens niedrig, dunkel, ohne Schönheit der Architektur und offenbar ohne die Absicht gefälliger Wirkung nur für den praktischen Gebrauch gebaut. Amerika könnte sich nicht realistischer erweisen, als das hier der oft als so überschwänglich verschriene Orient gethan. Ueberhaupt, je mehr ich mich umsehe, die Länder des Südens sind die des eigentlich praktischen Wirkens. Auch die Staatsverfassungen sind hier gesünder, so lange man sie nicht mit dem Gifte der europäischen Cultur zersetzt. Die Unnatur läßt sich eben nur in nordischen Studirstuben aushecken. Wie einer dieser Träume um den anderen schwindet und der Orient mir immer realistischer erscheint, so würden mir wohl auch, wenn ich mich auf einmal in so weite Vergangenheit zurückversetzen könnte, die Gassen des alten Rom und Athen ähnlicher den heutigen orientalischen erscheinen, als sie uns unsere Schulmeister vorzeichnen. Der Besestan ist gewiß nur ein ausgearteter Abkömmling der berühmten Kaufhallen des byzantinischen Constantinopel. Die Chroniken schildern sie als säulengetragen und prächtig über allen Vergleich; aber ich finde allen Grund, wenn ich das Uebriggebliebene mit ihren Schilderungen vergleiche, diesen Chronisten zu mißtrauen und von ihrem Worte einiges abzustreichen. Schildern nicht so auch die türkischen Geschichtschreiber ihre Bazare? Europa, das sich so viel auf seine Fortschritte zu gute thut, wiederholt doch nur in den glänzendsten Sammelpunkten seines Lebens, was der Orient schon lange vor ihm besessen. Die Passagen und Markthallen in Paris sind nur etwas kleiner als die Bazare und Besestane von Constantinopel.
Der hiesige Besestan füllt eigentlich ein ganzes Quartier der Stadt. Von der Jeni Djami zieht er sich mit einem Arme nach rechts neben dem goldenen Horne hin, mit einem anderen steigt er gleich vom Marktplatze der Moschee die Hügel hinauf. Oben in dem Dreiecke zwischen der Nuri-Osmanjieh, der Bajasid Moschee und dem Seraskeriate liegt sein Hauptkörper. Vom Thurme des Seraskeriates gesehen ist er ein ganz unerklärliches Durcheinander von kleinen Bleikuppeln und langgestreckten Wölbungen; unten, wenn man in ihn eintritt, ein Labyrinth von Gängen, in dem ich mich ohne Führer lange nicht zurechtfand. Allmälig unterschied ich drei Theile; das Alter ihres Bestandes scheint sie abgesondert zu haben. Der finsterste und wohl auch der älteste ist der, wo die Waffenhändler ihre Magazine haben, das gesuchte Ziel aller persische Dolche, Streitäxte, Morgensterne und andere Raritäten liebender Fremden, der Engländer insbesondere. Es ist das ein ziemlich regelmäßiges Viereck, die hohe Halle von Pfeilern getragen, die Wände geschwärzt vom Zeitschmutze, der Boden festgetretene Erde, die aber feucht ist von der eingesperrten Moderluft. An den Wänden hoch hinauf stehen alte Schränke übereinander; in ihnen hängen die Waaren. Auch durch die goldigste darunter kann diese finstere Höhle nicht freundlicher werden. Mir erschien dieses Schatzhaus persischer und türkischer Kostbarkeiten wie eines der unterirdischen Verließe unserer Ritterburgen. Der Waffen-Besestan hat, was die anderen Theile des Besestan nicht absondert, seine besonderen Thore. Einer alten Sitte zufolge werden sie um die Mittagsstunde schon gesperrt.
Der zweite, der jüngere Theil des Besestan, ist auch der größere; die Gassen laufen neben einander her und kreuzen sich. Gedeckt sind sie mit niedrigen Gewölben, die wenig Licht einlassen, und auf beiden Seiten mit Arcaden eingefaßt. Dort sitzen die Verkäufer mit untergeschlagenen Füßen auf ihren Auslagstischen, die Waaren hinter sich in den Gestellen an der Wand, das Bessere aber in der kleinen Stube verschlossen, die keinem Stande fehlt. Der vornehme Fremde wird dort hinein gezerrt, mit Kaffee und Zuckerwerk tractirt und dann von redlichen Griechen und Armeniern geprellt. Wer hier nicht bis auf die Hälfte herabhandeln kann, mag das Bewußtsein nach Hause tragen, betrogen worden zu sein. Die meisten Gewerbe sind in gesonderten Quartieren vereinigt. So gibt es Quartiere der Schuster, der Buchhändler, der Juweliere u. s. w., jedes mit vielen Gassen. Das Princip der Arbeitstheilung ist also in dieser Beziehung hier weiter ausgebildet als selbst England es zu Stande brachte.
Mich ziehen die Buchhändler immer am meisten an. Gewöhnlich drängt sich eine begierige Menge davor; sitzend oder stehend ist Jeder aufmerksam in ein Buch oder Manuscript vertieft. Komme ich nach Stunden wieder, so stehen immer noch dieselben Gestalten dort. Es zeigt das einen eifrigen Willen zum Studium und auch eine andere Art des Buchhandels, als sie bei uns üblich ist; sie erinnert an die, wie sie in Italien ehemals gepflegt wurde und wie sie auch Goethe schildert. Statt sich die Bücher zur Einsichtnahme zuschicken zu lassen, geht man hin und sucht sie sich. Die Frucht wird nicht gleich in den offenen Mund gesteckt, man muß sie sich erst pflücken; vielleicht genießt man sie dann auch etwas bedächtiger. Der Orientale wenigstens liest sein Buch öfter, er hat deren nur einige, aber die wandern durch sein ganzes Leben. Es bleibt erst noch die Frage, welche Gattung von Studium nutzbringender ist: europäische Vielleserei oder orientalische Sparsamkeit.
Was ich den dritten Theil des Bazars nenne, nach dem Alter seiner Herstellung, sind größere, breitere Gassen, von gerader, in weite Ferne sich verlierender Länge, auch höher und lichter. Hier passiren auch Wagen und Pferde. Der Verkehr ist am lebendigsten in der so gestalteten Verbindungshalle zwischen der Nuri-Osmanjieh und der Bajasid Moschee. Das Gedränge schiebt und hält zugleich auf. Die Lastträger gehen hier durch und die Hausirer schreien auch hier ihre Waaren aus. Vor einer Bude stand ein Brougham, die Pferde ganz gemächlich ausgespannt, weil die darin sitzenden türkischen Frauen seit ein paar Stunden sich unterhielten, Stoffe und die Vorübergehenden anzusehen. So polizeiwidrig unseren Begriffen ist hier der Verkehr geordnet. Ein anderer Wagen, ein altmodisch vergoldeter, der wackelig in den Federn hing, kam hinter mir her, langsam von den Pferden geschleppt; der Kutscher ging daneben her und Weiber und Kinder sahen aus den Fenstern heraus. Auf mich zu aus dem Dunkel der Entfernung, das nur stellenweise durch die Lichtstrahlen der Kuppelöffnungen unterbrochen ist, kam auf einem Esel ein silberbärtiger Greis.
Zurück nahm ich den Weg durch die lange gedeckte Gasse den steilen Hügel hinab zu dem Besestan der Specereien, der Gewürze, der Farbehölzer, der Rosenöle, der Ambra, der Tamarinde, des Sandel- und Aloeholzes, der Henna und all’ des Duftenden, was sonst noch die gesegneten Stammländer der heil. Drei Könige uns senden. Liegt auf dem oberen Markte gar manches europäische Product zu Kauf, wie es bei der Herrschaft, welche das Fremdländische sich über alles Einheimische anzumaßen weiß, nicht anders möglich ist, so ist hier unten Alles dem Heimathslande der ausgebotenen Waaren getreu. Die Verkäufer sind ausländisch in Kleidung und Wesen. Ich bewunderte das Geschick, womit sie den unförmlichsten Gegenstand zierlich aufstellen. Vor und in den Buden steht Alles in großen Körben so appetitlich hergerichtet, daß jeder Korb dem Gaumen eine Versuchung wird.
Eine solche Wanderung, die sieben Stunden dauerte, gibt deutlicher als alle statistischen Zahlen einen Begriff von dem Handelsumfange dieser Stadt. Lebhafter habe ich nirgends ein Bild des menschlichen Treibens gesehen.
Constantinopel, Dienstag, den 14. Juni.
Um die Eindrücke aneinander zu reihen, weil mir die der heulenden Derwische noch frisch im Gedächtniß stehen, besuchte ich heute ein Tekke der tanzenden. Der Stifter dieses Ordens war der große mystische Dichter Mewlânâ Galâl addyn Rumy, der zu Balkh in Persien geboren, 1273 starb. Nach ihm wird der Orden auch heute von den Eingebornen benannt. Die Mewlewijjeh-Derwische bewahrten sich der Richtung ihres Gründers getreu, die sich scharf gegen die Glaubensenge des arabischen Islamismus kehrte, einen rein türkischen Charakter. Auch haben die Araber ihnen nirgends ein Tekke errichtet. Der Saal des Ordenshauses neben dem kleinen Campo, in das ich trat, ist achteckig. Säulen tragen eine breite Gallerie mit den Logen des Sultans und der Frauen; unter ihnen ist der offene Gang für die männlichen Zuschauer. Das Material ist Holz; der Anstrich grell in den Farben, neu, aber nicht ohne Uebereinstimmung der Töne. Das Ganze mahnt mich wieder an den Eindruck chinesischer Bilder.
Dem Eingange gegenüber, gerade gegen Südost, ist die Gallerie unterbrochen für den Mihrab. Rechts und links sah durch die offenen Fenster die blaue Fluth und das rothe Hügelland des Bosporus herein, ein wundervoller Anblick und eine stimmungsvolle Decoration zu dem, was sich im Saale begab.
Im Achtecke, das in der Mitte des Saales frei blieb, drehten sich auf dem, eine Stufe tiefer liegenden, glatt gewichsten Boden sechzehn Derwische; vierzehn gewöhnlich einen äußeren weiten Kreis bildend, zwei, manchmal auch drei in seinem Centrum einschließend. Von den Hüften hängt ihnen ein weites, langes, weißes Kleid, ähnlich einem Weiberrocke; der Stoff ist Wolle. Unten ist etwas wie eine Schnur eingenäht, das den Rock beim Stillestehen niederzieht, beim Tanze ihn aber aufschwellen macht. Die Füße unter dem Rocke sind nackt, die Beine in weiße Hosen gekleidet. Den Oberkörper tragen sie in einer Jacke aus demselben Stoffe wie der Rock; den rechten Zipfel der Jacke in den Gürtel gesteckt; unter der Jacke ein buntgestreiftes Hemd; auf dem Kopfe die bekannte cylinderförmige Mütze aus Kameelhaaren, Kulah genannt, die nach dem Muster der Vase geformt sein soll, welche die Seele des Propheten vor ihrer irdischen Geburt in der Geisterwelt enthielt. Denn der mit indischen Schwärmereien vermischte Glaube der Mewlewijjeh-Derwische stellt sich die Seele als ein immer existirendes Licht dar, das aber, weil es körperlos ist und das Auge nur die Eigenschaften eines Spiegels hat, dem Menschen unsichtbar bleibt. Als der Tanz begann, hoben die Derwische die Arme langsam von dem Gürtel und breiteten sie wie Flügel aus. Die rechte Hand strecken sie mit der Fläche nach aufwärts, die linke mit der Fläche abwärts. Den Kopf lehnten einige hinüber zum rechten Arme, was ihrem Tanze etwas besonders Zierliches gab, an Tänzer auf antiken Vasengemälden erinnernd. Den Tanz selbst möchte ich die Ruhe in der Bewegung nennen. Man sieht eigentlich nur das Umkreisen der eigenen Person und merkt kaum das Bewegen nach vorwärts, und doch legen sie in kurzer Zeit den Weg um den ganzen Saal zurück. Mit gleitenden Schritten geben sie den rechten Fuß über den linken und schieben sich so weiter. Eine eigenthümliche Musik, die unsichtbar über mir herabtönte, Flöten, Tamburin und ein Triangel, gab den Tact dazu; nicht schnell und nicht lärmend. Störend in dem beinahe märchenhaften Eindrucke, den das Ganze auf mich machte, war nur der Gesang, der von Zeit zu Zeit einfiel. So ganz individuell ist das Ohr der Völker gebaut. Sie fanden gewiß dieses Gekneife nicht weniger bewundernswerth, als der selbstgefällige Held in Hofmann’s Kater Murr seine Arien.
In gemessenen Pausen unterbrachen die Derwische ihren Tanz durch einen gravitätischen Umgang, der mir den Chor in Schiller’s Kranichen des Ibikus in die Erinnerung zurückbrachte. Vor dem Scheich verneigten sie sich jedesmal. Es waren alle Altersstufen unter ihnen vertreten, auch ein bildschöner Knabe von höchstens zwölf Jahren. Der älteste war der Scheich. Er stand in dunkle Gewänder gehüllt, einen grünen Turban um die Derwisch-Mütze geschlungen, innerhalb der Umzäunung des Mihrab; ein würdiger kleiner Alter mit langem Silberbarte, der die Verehrung, welche ihm die Jüngeren zollten, schon durch sein Aussehen zu verdienen schien. Assistirt ward ihm von einem anderen, der zum Schlusse die weitärmeligen Arme erhob und ein Gebet sprach. Die Tänzer fielen dabei nieder und lauschten dem Gebete mit zur Erde geneigtem Haupte. Ein Diener warf ihnen dunkle Kaftans um, offenbar um die sehr Erhitzten vor einer Erkältung zu bewahren.
Früher als ich es erwartet hatte, war die Ceremonie zu Ende. Man hat sie viel commentirt und durch die mannigfaltigsten Hypothesen zu erklären gesucht. Ich wage keine Deutung und erinnere nur an die vielen Gebräuche in beinahe allen Religionen, die ihren Ursprung verloren haben, aber gewiß einmal wesentlich durch denselben waren und es heute durch ihr Alter geworden sind. Wer sie abschaffen will, der versteht eben nur sich und nicht den Geist des Volkes, der meistens historischer denkt als die bloßen Rationalisten es begreifen können. Und der Einzelne selbst, der Hochgebildete, der sich erhaben glaubt über all’ solchen Albernheiten der Menge, wie viele solcher Gebräuche schleppt er nicht widerstandslos durch sein Gesellschaftsleben? Man übt sie eben, weil es nun einmal Sitte, und weil sich in der Sitte, wenn auch undefinirt, doch ein wirkliches Gefühl ausspricht; der erste Anfang mag sich verloren haben, aber der Gedanke, der ihn geweckt, wirkt noch fort. Es ist wie mit jenen wunderbaren Seepflanzen, die aus endloser Tiefe kommend auf dem Meere mit ihren Blättern und Blüthen herumschwimmen und deren Wurzeln nicht zu finden sind. Mir hat der Tanz der Derwische nur andächtige Eindrücke geweckt und ich sah nicht ein Gesicht unter den Tanzenden, das von anderen als gottesdienstlichen Gedanken bewegt sein mochte.
Man übersetzt das Tekke der Türken, wie hier diese Uebungshäuser der Derwische heißen, in den europäischen Sprachen durch das Wort „Kloster“ und gibt damit zugleich auch einen irrigen Begriff von der ganzen Art und von der Lebensweise der Derwische. Die Derwische gleichen weit mehr unseren Bruderschaften, denn wie diese leben sie auch außer dem Hause, jeder in anderen Lebenskreisen und seinen Berufspflichten nachgehend. Der Scheich allein residirt in dem Tekke und überläßt die Sorge für seinen Unterhalt der Vorsehung. Von den 200 Klöstern in Constantinopel sind nur 50 genügend mit Unterhaltscapitalien versehen. Die Derwische treten nur periodisch zur Uebung ihrer religiösen Gebräuche zusammen, und was ihre Versammlungsorte betrifft, so finde ich diese unseren Theatern ähnlicher als unseren Klöstern. Man sitzt dort ohne unmittelbare Theilnahme nur als stummer Zuschauer und läßt den Eindruck auf sich wirken. So war auch der Ursprung unseres Theaters und der jedes Theaters überhaupt: eine religiöse Wirkung, die durch das bloße Zuschauen und Zuhören erzielt werden sollte. Es war der sinnliche Theil des Menschen, den man für die Religion auf diese Weise fassen wollte.
Im entfernteren Oriente lebt auch wirklich noch das Theater mit diesen Absichten und Formen fort. In Persien ist es mit der Darstellung der traurigen Schicksale der Aliiten in den Unglückstagen von Kerbella ein wesentlicher Behelf des Cultus. Es ist eine Gattung Charwoche, die sich dort auf der Bühne vor den erschütterten Zuschauern abspielt und das ganze Volk lebt diese Charwoche wieder mit. Auch die äußeren Räume des persischen Theaters geben die Anknüpfungspunkte, um die Aehnlichkeit mit dem altgriechischen zu behaupten. Und diese Tänze der Derwische, ich halte sie für nichts anderes als die Ueberbleibsel solcher religiös-theatralischen Darstellungen.
Unbegreiflich ist es mir, wie ich jetzt Abends die ganze Ceremonie wieder überdenke, daß sich unser Theater, das doch so lüstern nach den Eigenthümlichkeiten fremder Völker ist, diese Effectscene noch nicht angeeignet hat. In einem Ballette müßte solch’ ein Tanz der Derwische, begleitet von der gehörigen Musik, einen ganz unwiderstehlichen Eindruck machen.
Pera, den 16. Juni.
Ich speiste gestern mit dem Fürsten Cousa; ein großes Diner von einigen dreißig Personen in der österreichischen Internuntiatur. Nach dem Essen war allgemeiner Empfang, zu dem viele Diplomaten erschienen: Moustier, Bulwer, Brassier u. a. Fürst Cousa ist ein mittelgroßer, starker, breitschulteriger Mann. Der Kopf, welcher ihm in den Schultern steckt, ist nicht schön; die Nase unedel spitz geformt. Ein spitzer Knebelbart entstellt ihn beinahe. Aber die Augen sind scharf; sie scheinen zu lauern und zu lauschen, so lange er schweigt, bis sie plötzlich zugleich mit einem kecken Worte in das Gespräch blitzen. Wie der Fürst gerne den Charakter des Soldaten herauskehrt, so trägt er auch meist die militärische Uniform; dann steckt er die Hände in die Seitentaschen der weiten Beinkleider und stellt die Füße breitspurig auseinander. Schon der Eindruck seiner äußeren Erscheinung läßt an dem Manne nichts Geschliffenes, aber viel Derbheit, ein muthiges Nichtbeachten der gewöhnlichen Formen erkennen. Und so ist auch seine Rede, sein ganzes Wesen. Der Fürst wagt es, kräftige Gedanken, die sonst die Heuchelei der guten Erziehung zu verschlucken zwingt, offen auszusprechen. Er erstürmt mit einer Frage seinen Zielpunkt, zu welchen Andere mit überflüssigen Winkelzügen herankriechen. Dadurch überrascht er und wirft Menschen, die solch’ kurzes offenes Verfahren nicht gewohnt sind, noch ehe er sie eigentlich angegriffen, aus dem Sattel. Es ist dies ein Vortheil, den die meisten Eingebornen der hiesigen Länder uns gegenüber voraus haben, vielleicht gerade, weil sie weniger „erzogen“ sind.
Fürst Cousa kam zumeist, um ein neues Wahl- und Verfassungsgesetz für die Donaufürstenthümer zu erlangen. Das wird ihm, wie ich schon weiß. Er brachte im Uebrigen nicht die übertriebenen Hoffnungen, mit denen ihn die Wiener Blätter hierher reisen ließen. Er verlangte allerdings zuerst mehr als er erlangt hat; aber was er erlangte, ist gewiß mehr als er gehofft. Die Türken, viel zu klug, um nicht zu erkennen, daß der Mann sie mehr brauche als sie ihn, und daß er eben dadurch ihr Werkzeug werden könne, empfingen ihn auf das freundlichste. Die Versuche Frankreichs und Italiens, den unterthänigen Fürsten feindlich gegen seinen kaiserlichen Herrn zu stellen, scheiterten an der Klugheit der beiden Orientalen. Alle bis zur Kriecherei gehenden Huldigungen des französischen Botschafters, der im preußischen Gesandten einen immer helfenden Genossen findet, vermochten nicht den Fürsten Cousa zu verblenden, daß er die richtigen Mittel zu seinen Zwecken übersehe. Noch kann der Fürst die Pforte nicht entbehren; ein Zwiespalt mit ihr würde ihn schneller als der Zusammenbruch irgend einer seiner anderen Stützen stürzen. Gewählt und erhoben aus unbekannter Unbedeutendheit — er war einfacher Oberst — hat ihn nicht die Neigung und Macht einer Partei, sondern die Uneinigkeit und Eifersucht aller. Keine wollte der andern zur Wahl ihres Führers helfen und keine war stark genug, selbständig den ihrigen durchzusetzen. Cousa war also ohne Partei und muß sich erst eine bilden. Unter den geborenen Großen des Landes, zu denen er nicht gehört, wird er sie kaum finden. Jeder dieser Herren glaubt, weil einmal seine Familie das Fürstenamt ausgeübt, immer noch Rechte darauf zu besitzen. Auch sucht Cousa seinen Halt mehr in den Mittelständen. Weil diese aber schwach sind dem eingewurzelten ererbten Einflusse der Bojaren gegenüber, muß ihm jede von außen kommende Unterstützung willkommen sein. Von Rußland kann er diese nicht erwarten, weil der Czar als oberster Glaubensherr gegen ihn für die confiscirten griechischen Klostergüter auftreten muß. Diese Lage, ist sie nicht der Türkei günstig? und ist sie es nicht auch Oesterreich? Ein neuer Fürst von willenskräftigem und muthigem Charakter, fähig, die Pflichten seines Amtes zu üben, streckt hilfsbedürftig die Hände zu seinen Nachbarn aus. Ist’s da klug, ihn ohne Weiteres abzuweisen, und zur Abweisung auch noch, wie es die Wiener Presse thut, den Stachel des Spottes zu fügen? Und das nur, weil er ein homo novus, ein Abenteurer ist, und weil er wünscht, die neu erworbene Würde für seine Nachkommen erblich festzuhalten. Sind die Stirbey, die Ghika weniger Abenteurer als der Oberst Cousa? und haben nicht auch sie schon nach der souverainen Krone getrachtet? Mit hochmüthigen Witzeleien über Nachäffung des 2. December u. s. w., wie sie z. B. die „Ostdeutsche Post“ brachte, thut man den Mann nicht ab. Mir scheint es klüger, da er einmal Fürst ist und ihn zu Gunsten einiger seiner Landsleute zu stürzen kein österreichisches Interesse gebietet, zu prüfen, ob nicht Umstände denkbar sind, wo uns seine Hilfe nützlich sein könnte und ihn bis dahin durch zuvorkommende Gefälligkeit zu gewinnen und zu künftigem Dienste zu verbinden. So auch hat wohl Baron Prokesch die Lage gefaßt und ausgebeutet.
Pera, Freitag, den 17. Juni.
Den Morgen sah ich Aquarelle bei dem Maler Pretiozi an, und Nachmittags suchte ich ihre Originale in den Gassen. Unten in Galata führt eine dem Hafen parallel nach Dolma-Bagdsche. Kaufläden säumen sie rechts und links ein; dazwischen fällt ein und das andere Mal von einem freien Platze der Blick auf das Meer. Unmittelbar vor dem großen, der vor den hohen Thoren des sultanlichen Schlosses liegt, ist die Gasse noch mehr eingeengt. Rechts ragen die zierlichen, wie aus Zucker gebauten Minarete der Moschee Abdul Medschid’s empor, links hinter einer hohen Mauer und über sie herabhängend Cypressen, Platanen und buschiges Goldgrün mit rothen Granatblüthen darin. Die Minarete stehen im lichten Sonnenglanze, die Bäume und Gebüsche im tiefen Schatten. In der Gasse, die dunkel ist, kommt mir ein Engländer mit blauem Schleier auf dem Hute zu Pferde entgegen, und hinter ihm auf langsamem Eselein ein alter Türke; Matrosen dazwischen in ihrer sauberen Uniform, weiße Hosen und weißes Hemd mit Roth eingesäumt und besetzt; Soldaten, Albanesen und vermummte türkische Weiber: das Bild war fertig, wie ich es bei Pretiozi gesehen hatte.
Auf dem großen Platze vor Dolma-Bagdsche saßen hunderte von türkischen Weibern, erhöht auf einer Stufe, die sich dort über den ganzen freien Raum hinzieht. Sie schauten auf’s Meer hinaus und feierten so ihren Sonntag.
An dem Strande schiffte man eine Menagerie aus, die ein Dampfer aus Aegypten dem Sultan als Geschenk des Vicekönigs gebracht hatte. Die Giraffe war eben in’s Meer gefallen und stolzirte gar seltsamlich auf ihren hohen Füßen durch die Felsen des Ufers hindurch. Der Löwe brüllte noch auf dem Schiffe.
Ich stieg den Hügel hinauf durch den großen Friedhof. Von oben, zwischen den Cypressen hindurch, ist der Blick beinahe schöner als irgend ein anderer auf das Meer, den Bosporus und die Seraispitze. Die See lag tiefblau. Auf den Hängen der asiatischen Küste hoben sich beherrschend einige Pinien hervor.
Zwei Kinder saßen nahebei auf einem Grabe, die Füße in die Oeffnung hinabhängen lassend, die das religiöse Sittengesetz jedem Mohammedaner in der deckenden Steinplatte anzubringen befiehlt. Es war als seien sie die Engel Nakyr und Monkar, die der altüberkommene Aberglaube der Mohammedaner dort zu dem Verhöre der Todten ein- und aussteigen läßt, damit sie, wenn der Todte ihrer inquisitorischen Frage mit dem muselmännischen Glaubensbekenntnisse antwortet, ihm das Grab um 70 Ellen erweitern und ihn so bequemer gebettet ruhig bis zur Auferstehung fortschlafen lassen, wenn er aber diesem Gerichte ausweicht, sie ihm die Erde fester um den Leib schlagen, daß ihm die Rippen brechen und er gepeinigt bis zum jüngsten Tage liege.
So ist überall hier neben dem blühendsten und prachtvollsten Leben Mahnung an den Tod.
Pera, Sonntag, den 19. Juni, 3 Uhr Nachts.
Ein schwüler Tag. Der Telegraph brachte erfreuliche Nachrichten aus Europa; das und die Hitze hielten mich im Hause fest. Abends nahmen wir den Thee im Garten und betrachteten durch das Teleskop die Sterne. Dadurch ward schon meine Sehnsucht von der Erde weggewendet. Nach 11 Uhr stieg ich in Top-Hane in’s Kaïk und ließ mich um die Seraispitze herum in’s mondbeglänzte Meer rudern. Eine Nacht, ruhig, friedsam, selig wie das bewußtlose Gemüth eines Kindes. Mir wurde wohl und heiter, wie ich die Ruhe und den Frieden auf dieser Erde nicht mehr wieder zu finden erwartet hatte. Gegenwart und Vergangenheit mischten sich im betrachtenden Geiste, in der fühlenden Seele und verloren ihre Unterschiede; das ganze Leben ward ein Augenblick ohne Reue und ohne voraussichtiges Hoffen. So vielleicht wird auch einmal das Dasein in jener andern Welt, die das große Fragezeichen aller unserer irdischen Bestrebungen ist. Der Maßstab der Zeit muß erst verloren sein, damit das Leben ein ganz sorgenloses werde; die Erinnerung so gut als das Hoffen ist zeitlich und in dieser Welt geboren. Wer also sie mit in die andere nehmen will, der stellt sich diese als auch mit dem Staube unserer Erde behaftet vor.
Die See war glatt, unbewegt, von mattem Silberglanze übergossen und in der Entfernung wie in die Tiefe abfallend, als sei in meinem engen Gesichtskreise schon der Einfluß der Kugelgestalt merkbar. Nur am Horizonte lag stärkeres Licht. Zuweilen hob sich links neben dem Boote, wo das freiere Meer war, ein Delphin, und dann glänzte in der silbernen Fassung des Wassers sein Rücken goldig. Die Bäume rechts auf dem Ufer standen regungslos wie die Steine und Mauern, die sie auch in der Nacht noch gegen das Licht beschatteten. Auf den Hügeln wuchsen die Aja Sophia und die Achmedjie empor, auf dem Ufersaume hart neben mir der Leuchtthurm. Vor mir lagen hohe Segelschiffe, zwischen ihnen schweigsame Fischerboote. Sie erwarteten den Morgen und die Sonne, die einen um ihr Geschäft zu beginnen und in den Hafen einzufahren, die anderen um es zu enden und mit der eroberten Beute heimzukehren. So gibt jede Stunde Jedem anderes; dem Einen die Mühe und die Arbeit, dem Anderen den Lohn und den Schlaf. Weit draußen, undeutlich und doch erkennbar, lagen die Prinzen-Inseln. Dünste des warmen Tages lagerten um sie; aber es war, als tauchten sie abwechselnd hervor und verschwänden wieder in der Fluth.
Ich lag lange draußen auf der ruhigen See; die Ruder ruhten und das Boot trieb wie es wollte. Es war nicht, als sei die Natur erstorben, aber es war, als schlafe sie, und schlafe so fest, daß sie nicht einmal träumen könne.
Die Rückfahrt ging noch näher der Seraispitze gegen die starke Strömung. Mit ihr auf und nieder schaukelte sich der überhängende Schatten einer Pinie, die dort hart am Meere steht. Unter ihrem Dome, dem Cypressen wie Minarete der Moschee gesellt sind, bemerkte ich eine weiße Gestalt, den Kopf turbangekrönt, die sich hob, die Arme ausbreitete und dann wieder niederfiel um die Erde zu küssen. Es war ein Muselmann, der den Ruf des Muesin gehört und ihm hier, zwischen den Mauern und der See eingeklemmt, gehorchte, und mit dem Auge Mekka suchte. Der Mond stand im Osten, so konnte es scheinen, als richte der Beter seine Worte an ihn. Und was wäre es gewesen, wenn er es gethan? Gottlosigkeit, weil er in seiner Einfalt der Gabe schon gegeben, was erst dem Geber gebührt? Gott ist milder und verständiger; Er findet den Glauben, wo er ist.
Soldaten schauten vom Ufer mich und die See an; sie hatten die Wache dort bei den Batterien.
Im goldenen Horne zogen sie Handelsschiffe durch die geöffnete Brücke in den Bosporus. Es war das erste Leben, das ich wieder hörte. Gespensterhaft ragten die Schiffe auf und gespenstisch war ihre Bewegung, leise und ohne die nothwendigen Segel. Und wie ich jetzt ans Fenster trete, sehe ich das Alles wieder; nur der Mond steht etwas tiefer und ein leichter Wind zieht über das Ganze hin. Es ist der Morgen, der sich kündet. Und da gibt es Menschen, die im 19. Jahrhundert die Poesie aus der Welt geschwunden glauben! Ueberall und immer ist sie; über und um uns, nur nicht in uns, wenn wir sie nicht sehen und nicht fühlen:
„Das ganze Leben ein Gedicht!“
Prinkipo, Montag, den 20. Juni.
Immer reizender erschienen sie mir, diese Inseln. Meine Neugierde wurde zuletzt ganz unzähmbar. Was ich so oft gesehen hatte, das Land verklärt im Sonnenglanze, oder wie heute Nacht entrückt in zweifelhaftes Mondlicht, wollte ich auch einmal selbst betreten. Nachmittags stieg ich an der Hafenbrücke mit einem Freunde auf ein türkisches Dampfboot, das den Dienst hieher besorgt. Das Schiff war, wie die Localboote hier gewöhnlich, menschenüberfüllt; die Meisten, Griechen, in europäischer Kleidung, weil die Inseln beinahe ausschließlich von diesen bewohnt sind. Einen einzigen Türken sah ich in seinem Nationalkleide. Schon ehe das Schiff abstieß, hatte er seinen Platz eingenommen, den er unbeweglich durch das Stoßen und Drängen der Kommenden festhielt. Er schrieb; Tinte und Feder nahm er aus dem Gürtel, das Papier hielt er auf der linken Hand ausgebreitet. Es war ein Brief, den er schließlich in unserer gewöhnlichen Form zusammenlegte und in ein Couvert steckte. Sorgsam und selbstgefällig, wie wenn es ihm Vergnügen mache seine Hand schaffend zu beobachten, zog er die Buchstaben. Und so wie ihn, sah ich alle Türken dieses Geschäft betreiben; malen wäre dafür vielleicht rechtmäßiger gesagt als für Manches, was sich dafür ausgibt. Schnell schreiben sah ich nie einen Türken; das Geruhigbleiben ist auch hierbei sein oberstes Gesetz. Dieses Wohlgefallen an der Schrift und an dem Schreiben selbst ist ein Theilstück seiner Natur, angeboren nicht erworben; es entspringt dem Formgefühle des Orientalen. Und daß sie doppelt wirke, die Schrift, zugleich durch den Gedanken den sie ausspricht, und den Linienzug den sie zeigt, lag von Anfang an in ihrer Absicht. Ich weiß, daß man das bestreitet, daß insbesondere Kugler behauptet: die Schrift wolle ihrem wesentlichen Zwecke nach nicht formal wirken. Der Mann hat schlecht gesehen. Schon die Stelle, wohin man sie gewöhnlich malt, und die sorgsame Weise, womit man das thut, sie in den Marmor meißelt, in Talismane gräbt, wie man sie zur Auszierung der Waffen, der Kleider und Teppiche verwendet, zeigt diese Absicht der formalen Wirkung. Und ist nicht auch bildlich, wie es die Schriftzeichen sind, die Sprache gestaltet? „Gott hat ihr Herz und ihr Ohr versiegelt!“ drückt sich der Koran aus, um die Ungläubigen zu bezeichnen, die das Wort des Propheten hören, aber ihm nicht folgen. Und so wie Schrift und Sprache, so ist der ganze Mensch des Orients; der Gemeinste hat ein feines Gefühl für die Formen. In Haltung und Kleidung tritt das immer hervor, dem Vornehmsten begegnet er mit der Sicherheit des angeborenen Anstandes und ist darum nie verlegen. Daher denn auch in dem Lande, das nach unseren Begriffen durch die Sclaverei das der entwürdigten Menschheit ist, die äußerlich wenigstens würdigsten Vertreter unseres Geschlechts. Der Beduine, den ich neulich auf der Brücke so sehr bewunderte, und der den Kopf so aufrecht und den Burnuß in so schönen Falten trug, war ein Mann der unteren Stände.
Ich will das übrigens nicht blos auf den Mohammedaner oder gar nur auf den Türken beschränken, es gilt im weitesten Sinne von allen Völkern, welche im Oriente entstanden und ihm noch mit einem Theilchen ihres Wesens angehören. Sie Alle schreiben mit Zeichen, die wie bei den Aegyptiern eine ursprüngliche Bilderschrift wahrscheinlich machen. Um wie viel schöner erscheint z. B. die hebräische Schrift neben der lateinischen? In China ist das Schönschreiben eine Kunst der höchsten Gelehrsamkeit. Eigene Professoren bestehen dafür, und die chinesische Sprache selbst nennt es malen, wie denn der Pinsel ihr Instrument dazu ist. Ich erinnere mich eines Romanes — aus dem Chinesischen übersetzt, les deux jeunes filles lettrées — der schildert den Wettstreit zweier junger Mädchen mit den berühmtesten Gelehrten des himmlischen Reiches im Schönschreiben. Sie siegen, und der Kaiser selbst zeichnet zuletzt ihren Sieg durch seinen Beifall aus.
Wie sehr übrigens dieses Formengefühl eine angeborene Eigenschaft der Menschheit ist, das beweist jedes Kind; Schreiben und Malen sind ihm Begriffe, die es lange nicht auseinander halten kann. Einen Brief malen und einen Buben schreiben, so drückt es sich so lange aus, bis ihm erst die Erziehung eine andere Sprache eingebläut hat.
Es ist eigentlich nur die Nacht, die wir hier zubrachten. Aber welche Nacht! würdig, der gestrigen so nahe zu sein. Nicht Wochen des ungetrübtesten Sonnenlichtes gebe ich für ihre Finsterniß. Gleich nach dem Essen stiegen wir im Mondscheine die Berge hinauf. Unter Pinien rasteten wir. Dann weiter in eine wilde Region von Felsen und Strauchgewächsen; Alle athmeten Gerüche aus, daß die Luft, selbst in dieser Nähe des salzigen Meeres, balsamisch gewürzt war. Gegen Osten, wo wir hinschauten, fällt der Berg steil und zerklüftet ins Meer. Die Kaninchen-Insel liegt vor; ein unbewohnter Felsen, gerade so groß wie sich meine Kinder-Phantasie einmal die Inseln überhaupt vorgestellt hatte. Tiefer hinein zieht sich die Bucht von Ismid. Mondlicht ruhte darauf. Von Constantinopel herüber flackerte auf und erlosch wieder das wechselnde Licht des Leuchtthurmes. Es war 11 Uhr, als wir auf der Kuppe des Berges anlangten. Eine Stunde um die andere verstrich, und immer noch hielt uns der Zauber fest, der vom Himmel herabgestiegen war, der die Luft verwandelt hatte, der aus dem fernen Zittern des Meeres sprach und sich sympathisch über unsere Seelen legte. Seit dieser Nacht weiß ich, wie einem Verzauberten zu Muthe ist, und glaube ich an solche Geisterbannungen, denn ich selbst fühlte mich so. Lange sprachen wir von Heine, recitirten uns auch das eine und das andere seiner Gedichte, das durch die Aehnlichkeit der Situation geweckt ward; dann aber lehnten wir, auf einen Felsblock gebettet, lautlos. Das eigene Denken war Jedem genug.
Um 3 Uhr erst kamen wir ungebahnte Wege und mannigfaltig verirrt nach dem Städtchen Prinkipo hinab. Um nach unserem Gasthofe zu gelangen, der außerhalb des Ortes auf einem anderen Theile der Küste liegt, mietheten wir in einem Caffeehause, das in die See hinein gebaut ist, und wo noch Menschen bei Limonade und Gefrorenem saßen, ein Boot. Es ruderte uns weit in das Meer hinaus, das hier finster und nächtig durch die Schatten der Inselberge war. Der Leuchtthurm von Constantinopel leuchtete das einzige Licht, und von Chalki herüber klang ein einsames Lied.
Constantinopel, den 21. Juni.
Wo sich die Vorstadt Eyub an das heutige Constantinopel anschließt, dort springt aus der geraden Richtung der theodosianischen Mauer die Stadt mit einem Quartiere hervor, das in dem Ganzen des Stadtplanes wie einer jener runden Thürme erscheint, die zur Vertheidigung in die Mauern gestellt sind. Ohne Zweifel ward dieser Theil der Mauern erst später gebaut, um in die Hauptstadt eine Vorstadt einzuschließen, die sich allmälig dort gebildet hatte, ähnlich dem, wie sich heute wieder Eyub vor den Thoren fortsetzt. Die theodosianische Mauer und nun gar die constantinische machte ursprünglich diesen Umweg gewiß nicht. Sie war, und erscheint auch noch heute so, von der Pflugschaar des Stadtgründers und nicht von der regellosen Hand des Bedürfnisses gezogen. Ein Palast der römischen Kaiser soll dort von allem Anfange an gestanden haben. Die Sage geht, daß ihn Constantin erbaute, vielleicht als Landhaus oder auch als Jagdschloß, ähnlich den mittelalterlichen Schlössern, welche unsere Fürsten ursprünglich auch außerhalb der Stadtmauern anlegten, und die heute von den Häuserfluthen unserer Stadtmeere verschlungen sind. Und so wie bei diesen, mag auch jenem byzantinischen Schlosse sich nach und nach eine feste Bevölkerung darum gesammelt haben, die, zuerst angezogen durch den Aufenthalt und die Prachtliebe des Fürsten, später ihre eigenen Interessen erhielt. Um diese und den kaiserlichen Palast vor den Anfällen der Hunnen und Avaren zu schützen, die in jenen Zeiten häufige und unerwartete waren, umzog Kaiser Heraklius, der aus Afrika herüber gekommen war, das Reich von dem Usurpator Phokas zu befreien, diese Vorstadt mit einer Mauer und wies sie der Hauptstadt als ein besonderes Viertel, das der Blachernen, zu. Das geschah 635.
Ueber die zweite Hafenbrücke und durch den Fener, ein Stadtviertel der Griechen, ritten wir heute dorthin. An den Mauern der Hafenseite zeigte man mir neben einem Thore ein Hautrelief, das ich noch nicht bemerkt hatte. Wohl gearbeitet und gut erhalten stellt es eine wegschreitende Frauengestalt in faltenreichem Gewande vor, die vielleicht als eine Siegesgöttin dem Sieger entgegenkommend gedacht war. Wieder vor der Stadt, dort, wo sich eben Eyub an sie anschließt, stiegen wir von den Pferden, um den Mauern näher zu treten, denen meine besondere Aufmerksamkeit heute gelten sollte. Durch einen Stall, dessen Boden mit Säulendurchschnitten gepflastert ist, traten wir auf eine Wiese, von der die Mauern und Thürme höher als an irgend einer anderen Stelle aufragen. Ehemals standen Mühlen davor und an sie angelehnt; jetzt hat sie das Feuer weggebrannt und dadurch den Raum so groß, frei und günstig zur Besichtigung gestaltet. Trümmer aus alter und aus junger Zeit liegen über dem grünen Boden zerstreut. Ich fand darunter Ziegel mit Inschriften, die den Ruhm der Erbauer erhalten sollten. Einen, der die Zeichen
In die Mauern sind Säulenschäfte und kostbare Steinblöcke verwendet; einer aus Porphyr erregte mein besonderes Mitleiden. Auch Inschriften sah ich darin eingelassen, andere herausgeschlagen. Dabei sind die Steinlagen hier wie an anderen Orten durch bandförmig gelegte Ziegel sauber abgetheilt, daß das Ganze trotz seiner Rauhheit noch etwas Gefälliges erhält. Grün hat sich überall in den Lücken festgenistet und Bäume und Büsche keimen darauf und hängen die Mauern herab. Am schönsten aber schmückt eine Cypresse, die, auf die Mauer aufgepflanzt, auch die Thürme noch mit ihrer Höhe überragt: ein Wache haltender Riese, der zugleich die Vergangenheit bezeugt und die Gegenwart abwehrt. Die Gewitter, welche die Nacht und auch den Morgen über gedauert hatten, haben das Laub frisch abgewaschen, daß das Grün noch wirkungsvoller erschien. Auf dem höchsten Thurme ragen in horizontaler Lage aus dem senkrechten Gemäuer ein paar Säulenschäfte hervor. Kinder hatten sich darauf gewagt, ritten und spielten darauf. Mir schwindelte bei dem Gedanken an dieses unbemessene Gottvertrauen. Und wie ganz anders mögen diese Säulen sonst gedient haben! So läßt die Zeit die Dinge ihre Zwecke wechseln. Auch dieser Thurm war einstens anderem Dienste bestimmt. Er hatte damals als eines der berüchtigtsten Gefängnisse byzantinischer Gewaltherrschaft entthronte Kaiser und Kronprätendenten abwechselnd beherbergt. Die ganze Gruppe dieser Ruinen scheint einmal einen ähnlichen Abschluß gebildet zu haben, wie drüben an der anderen Ecke der Landmauern das Schloß der sieben Thürme.
Nicht weit von ihnen ist ein heute vermauertes Thor, das sonst in die Stadt hinein geführt haben muß; darüber sind drei Brustbilder, en face gezeichnet, eingelassen. Nur an einem ist der Kopf erhalten, den beiden anderen sind sie herausgeschlagen. Vielleicht ein Zeichen des Sieges, der Verachtung und der nachträglichen Rache.
Wo die Mauer des Heraklius und die des Theodosius auf einander stoßen, dort bildet sich, nach außen zu offen, ein rechter Winkel. In diesen eingeschoben ist ein armenischer Friedhof. Auf die Mauern stützen sich hier jene Reste eines Palastes, von denen die Griechen behaupten, daß es der ehemalige des Constantin gewesen sei, um welchen sich eben das Blachernen-Viertel angesammelt habe. Man ist eine bedeutende Höhe hinan gestiegen und befindet sich nun auf einem Hochplateau, das mit gräbergefüllten Cypressenhainen der Türken sich weit in das Festland hineinzieht. Einmal diente auch das ganz anderen Zwecken. Hier exercirte und manövrirte das Heer, und hier empfing der römische Kaiser die Huldigungen seiner slavisch-germanischen Truppen. Es war das Marsfeld des oströmischen Kaiserreiches. Der siebente Meilenzeiger und die Marmortribüne standen hier, auf der sich der Kaiser den Soldaten vorstellte. Eine der tragischsten Scenen der Geschichte spielte auf diesem Boden. Das Heer des Gainas kehrte nach Constantinopel zurück, und Rufin, ein Minister, ehrgeiziger und fähiger als irgend einer, welcher einem Fürsten gedient, wollte sich am 29. November 395 auf diesem Flecke von den rückkehrenden Soldaten als Mitkaiser des Arkadius ausrufen lassen. Statt dessen bohrten sie ihm ihre kurzen Schwerter in den Leib, daß der Nichtsahnende seinem Herrn und Kaiser entseelt in den Schoß fiel. Die Standarten und Adler, die die kaiserliche Tribune umwehten, sahen das gleichgiltig geschehen wie so vieles Blutige, das unter ihren Fittigen geübt worden ist. So endete ein Schustergeselle, dessen Leben in Gallien am Fuße der Pyrenäen begonnen und der unter zwei Kaisern die Welt regiert hatte. Ein Schicksal, nicht weniger erschütternd als das bekanntere des Corsen, der auf einer kleinen Insel ärmlich geboren Europa beherrschte und dann wieder, im Meere vor Anker gelegt, elend zu Grunde ging.
Von dem Palaste der Blachernen an bis zum goldenen Thore ist die Mauer eine dreifache; bis dorthin, also die, welche der Kaiser Heraklius gebaut haben soll, ist sie einfach und auch ohne vorliegenden Graben. Die Abstände messen durchschnittlich 22 Fuß, und jede hintere ragt über die vordere empor. Aber die Zwischenräume sind so mit Schutt, mit herabgestürzten Thürmen gefüllt, daß man an den meisten Stellen bequem von der Fläche weg über die vorderen auf die letzte Mauer hinaufsteigen kann. Gleich neben dem armenischen Friedhofe thaten wir es, und gingen nun auf ihr fort so weit sie es nur immer erlaubt. Aus dem Gemäuer sprossen mächtige Bäume auf, die mit ihren Wurzeln ganze Mauerblöcke eingeschlossen und emporgehoben haben; die Natur überwindet auch hier das Menschenwerk. Andere Bäume ragen mit ihren Kronen aus dem vorliegenden Graben und von der Stadtseite aus den Gärten der Häuser herauf, die sich fest an die Mauer angelegt haben; Blumen und Schlinggewächse wuchern dazwischen und in der Kühle der eingestürzten Thürme schattige Feigenbäume. Ein Granatbaum, den ich so in einem Verließe gefangen fand, trug feurige Blüthen; es sah aus, als sei hier ein Rubinschatz verborgen gehalten worden. Keine Stelle dieser Mauer, die todt ist. Und weiter hinaus die Cypressenhaine, welche mit ihren Gräbern die Stadt einfassen, und frohe Menschen, die der gekühlte Tag in’s Freie lockt. Nach der Stadt zu die bunte Menge der Häuser, getrennt durch das überall ausgestreute Grün; die blaue Fluth und die Schiffe des goldenen Hornes, des Bosporus und der freien See; die letzte Ferne von den Inseln und den asiatischen Bergen begrenzt. Es war ein Anblick, der mich nicht zur Besinnung kommen ließ. Wieder verging mir im Schauen alle Reflexion. Es ist das der schönste Spaziergang der Welt, und so scheinen ihn auch die Umwohner zu schätzen, denn aus den Häusern und Dachluken heraus sind Brücken auf die Mauer gelegt, um zu jeder Stunde des Tages diesen Ausblick genießen zu können. Besonders in den Abendstunden soll dieses reichlich geschehen, und dann hier oben ein förmlicher kleiner Corso abgehalten werden. Manches ergötzliche Genrebild bot sich auch in den Häusern, in die man meistens hinein sieht.
Die Pferde hatten wir vorausgeschickt, um dann im Innern der Stadt möglichst wieder neben diesen Mauern nach Hause zurück zu reiten. Auch auf diesem Wege eine Fülle wechselnder Bilder; die engen Gassen im tiefen Schatten, nur wo eine kleine Moschee oder ein zerfallener Brunnen den Platz erweitert, ein paar eindringende Sonnenstrahlen, die die Gipfel der umstehenden Bäume goldig färben. Dort fehlt es auch gewöhnlich nicht an ein paar Menschen, die dem Bilde Leben geben, denn sonst sind diese Gassen leer und stille wie ein ausgegrabenes Pompeji.
Es war schon Nacht und die Lichter glitzerten auf dem etwas bewegten Wasser des Hafens, als wir über die zweite Brücke wieder nach Pera zurückkamen.
Constantinopel, Mittwoch, den 22. Juni.
Man staunt die Katakomben Roms als unterirdische Weltwunder an. Unbegreiflich ist mir, wie man bisher nicht mehr Lärm über etwas Aehnliches, die Cisternen Constantinopels, machen konnte. Es sind das Räume, groß genug zu einer zweiten Stadt, um ihre Häuser und auch ihre Thürme aufzunehmen. Ich selbst besuchte deren schon sieben. Die Stolpe’sche Karte gibt ihrer in jedem Stadtviertel einige an. Wahrscheinlich aber sind derer noch weit mehr, die unentdeckt, manche noch unbenutzt im Boden ruhen; dem Herkommen folgend, mögen die Hausleute ihre Eimer in den Ziehbrunnen hinablassen, ohne zu wissen, woher ihnen das Wasser kömmt. So verborgen vermuthe ich eine in den mächtigen Quaderunterbauten des Hyppodroms, und eine andere ist in den Fundamenten der Aja Sophia; die Stadt ist also nicht blos meerumgeben, sie ruht auch eigentlich auf dem Wasser. Es sind hohe säulengetragene Gewölbe, bis zu drei Stockwerke übereinander, die das Wasser sammeln müssen, das vom Himmel herab und in den Leitungen aus den kühlen Wäldern von Belgrad kommt. Dem übermüthigen Sinne der Kaiser, der sich an den Außerordentlichkeiten Roms gebildet hatte, erschien nichts unmöglich, und so auch nicht diese Riesenbauten, die nicht der Eitelkeit, die dem praktischen Nutzen gewidmet waren. Wir Kinder des 19. Jahrhunderts müssen sie darob ganz besonders anstaunen. Mir übrigens geben sie deutlicher als alle Schilderungen des purpurgeborenen Chronisten von der Pracht, die in den byzantinischen Kaiserpalästen geherrscht haben soll, und die in der Aja Sophia noch übrig ist, eine Vorstellung von dem, was auf der Erde gestanden haben muß, wenn man in sie tausende von Säulen in Nacht und Finsterniß begrub. Dabei sind die Säulen und die kleinen sich darüber wölbenden Kuppeln sorgsam, die Capitäle sogar mit einem Versuche sie zu schmücken gearbeitet. Man nennt diese byzantinische Welt eine verkommene; um wie viel mehr enthielt sie aber noch von der römischen Größe als die heutige, und wie bewundernswerth mußte sie erst dem damaligen übrigen Europa erscheinen.
Neulich, bei einem wiederholten Besuche der Kilisse Djami, der zerstörten Grabstätte der Komnenen, suchte ich eine Cisterne, die dort in der Nähe liegt, und der Stolpe den Namen des ehemaligen Klosters „zum Allherrscher“ (Pantokrator) vindicirt. Der Muesin der Djami erbot sich zum Führer; aber auch mit seiner Hilfe hielt es schwer den Eingang zu finden. Er liegt versteckt; kleine, enge Gassen, den Berg hinauf und endlich in einem Garten, wo wir uns den Eintritt erbetteln mußten. Es waren türkische Weiber, die uns aufsperrten und mein Trinkgeld in Empfang nahmen. Der Garten steht auf einer Terrasse und steigt eine zweite und dritte höher hinauf. Einzelne Rosenbüsche, ein paar Granat- und Feigenbäume waren das einzig Gepflegte in einer sonst gräulichen Verwilderung. Aber über das Unkraut, die Hecken und eingestürzten Mauerzinnen weg hat man einen entzückenden Blick auf die Stadt und den unten liegenden Hafen. Der Ort in seinem Verfalle und mit der geheimnißvoll dahinter versteckten Cisterne wäre recht geeignet, ein Märchen aus der romantischen Zeit Constantinopels dort spielen zu lassen: vielleicht wie dort eine türkische Frau ihren griechischen Liebling empfängt, und ihn dann in der Zeit der gegenseitigen Verfolgung, als die Griechen auf den Inseln die Türken niedermetzelten, und in Constantinopel der Patriarch an jenem blutigen Ostertage in seinem Prachtgewande an seiner Kirchenthüre aufgehängt und dann von dem jüdischen Pöbel durch die Gassen geschleift ward, vor der Eifersucht des Gatten und der Glaubenswuth ihrer Stammgenossen in der Cisterne verbirgt.
Die Mauern, welche den Garten gegen die aufsteigende Hügelseite zu abschließen, sind mächtig als wären sie ehemalige Bastionen eines Befestigungswerkes. Möglich, daß ihnen Reste beigemischt sind aus der Zeit, als die Lateiner in dem Kloster Pantokrator ihren Sitz über dem eroberten Constantinopel aufgeschlagen hatten. Ein Theil diente unzweifelhaft dem Kloster als Unterbau, und in ihm wird auch schon von allem Anfange an die Cisterne geborgen gewesen sein. Wir fanden den Zugang in einem Mauerwinkel hinter einem Misthaufen. Ein paar verfallene Stufen hinauf und dann durch einen kurzen Gang traten wir vor die Wasserfläche. Fledermäuse flogen auf und störten das schauerliche Dunkel; es brauchte eine Weile, bis sich das Auge daran gewöhnte und auch nur die nächste Umgebung unterscheiden konnte. Ich zählte nicht mehr als sechs Säulen, wenigstens reichte der Blick nicht weiter. Uebrigens glaubte ich mir gegenüber eine abschließende Wand zu erkennen; indessen will ich das nicht behaupten, es kann eine Täuschung oder auch nur eine vorspringende Mauerecke gewesen sein.
Die Cisterne, welche gewöhnlich besucht wird, und von der die Opfer der Lohndiener allein zu erzählen wissen, ist Bin bir direk — Tausend und eine Säule — in der Nähe des At-Meidan. Der türkische Name kömmt ihr von der Menge ihrer Säulen. „Tausend und eins“ ist ein Mehrheitsbegriff, welchen der Orientale braucht wie wir unser leichtsinniges „zahllos“ und „unendlich“. Hammer erzählt, daß die Cisterne im Auftrage des ersten Constantin von einem Senator Philoxenos gebaut worden sei, der mit dem Kaiser von Rom hieher zur Stadtgründung übersiedelt war. Mir fehlt die Zeit, seine Beweise zu prüfen.
„Tausend und eine Säule“ ist inzwischen ausgetrocknet; wie ein ausgewundener Schwamm liegt es da. Seine Zellen füllt die Luft, und Sonnenstrahlen fallen durch die zerbröckelnden Gewölbe in das unterirdische Dunkel; das veranlaßt glückliche Lichteffecte, wenn durch die Finsterniß solch ein Lichtstrahl herabzüngelt, hier eine Säule und dort gar eine Menschengruppe streift, denn in dem weiten Raume ist eine Seilerwerkstätte eingerichtet. Anfangs unterscheidet man gar nichts; ich trat in die aufgespannten Fäden, stolperte gegen die Spinner, hörte nur das betäubende und in solcher Umgebung wahrhaft spukhafte Geräusch der Räder. Erst später, da ich lange darin blieb, wurde mir Alles deutlich, und ich wanderte zuletzt zuversichtlich wie im Sonnenlichte der Oberwelt herum.
Hammer behauptet, daß eben so viele Säulen, als heute frei seien, noch in doppelter Ordnung unter der Erde stehen und glaubt, daß der Boden nur festgewordener Schlamm des früheren Wassers sei. Mit den Lichtern, welche ich anzünden ließ, untersuchten wir die Säulen. Wir fanden auf den meisten das KN und daneben
Heute Morgen zog ich schon um 5 Uhr aus, um die umfangreichste aller bisher entdeckten Cisternen aufzusuchen, die auch erwiesenermaßen noch immer die ihr anfänglich aufgetragenen Dienste thut. Jeri batan Serai, „der versunkene Palast,“ nennt sie der poetisirende Türke, und stellt damit vielleicht die Tradition her, welche Hammers Ansicht bestätigen würde, daß darauf einmal das Haus des römischen Senates gestanden. Beinahe erwiesen scheint mir, daß solche Wasserbehälter vorzüglich in den Unterbauten großer öffentlicher Gebäude angelegt wurden. Es verdient einmal versucht zu werden mit diesem Gedanken, auf Grundlage der noch vorhandenen Cisternenreste einen Stadtplan des alten Constantinopel anzufertigen.
Wir brauchten lange, bis wir den versunkenen Palast fanden, und noch länger um uns in den Hof, der den Eingang birgt und zu diesem selbst den Einlaß zu verschaffen. Man hob ein paar Platten auf, die im Pflaster liegen, und durch das Loch hinab, jeder ein Licht in der Hand, wurden wir an Stricken auf den lehmigen Grund eines schmalen Ufers gelassen. Vor uns lag ein weiter See, der in der Täuschung der Finsterniß endlos erschien. Säulenschäfte ragen daraus hervor, die schwere Capitäle mit korinthisirenden Verzierungen und darüber flach gespannte Kuppeln tragen. Ab und zu fällt durch die zerstreuten Oeffnungen der Ziehbrunnen ein Sonnenblick herab, der dann den Strick zeigt, an dem der Schöpfeimer hängt, und um uns glitzerten, durch die feuchte Luft nur etwas matt geworden, unsere Kerzenlichter im Wasser. Es ist ein gespensterhaftes Bild, das mich mit Schrecken und Grausen erfüllte. Wie ohnmächtig fühlte ich mich, und erst am Tageslichte kam mir der rechte freie Lebensathem wieder. So fest ist mir der Eindruck geblieben, daß ich mich noch immer fragen muß, wie es möglich sei, daß Menschen von einem Wasser trinken, das mir so schaurig erschien. Lethe muß so ausgesehen haben, und das Ganze ist ein Bild der acherontischen Fluth.
Ehemals, so erzählen mir meine Führer, soll ein Kahn auf dem Wasser geschwommen sein, und man konnte eine Fahrt darauf thun. Seit einem Unglücke, das dabei geschehen, ist er zerschlagen worden, und der See liegt wieder geheimnißvoll, bis ein anderer Columbus die nächste Entdeckungsfahrt darauf wagt. Seine Geschichte scheint überhaupt eine traurige, denn schon aus dem neunten Jahrhundert kömmt eine Sage, die erzählt, wie dieser See seine Opfer begehrt und sie grausam auch genommen habe. Es war, als der Kaiser Leo V. regierte, ein armenischer Soldat, dem der Phrygier Michael zum Throne verholfen hatte. Was Michael gemacht hatte, das wollte er, als er würdenbedeckt war, bald selbst werden: Kaiser. Seine Verschwörung ward entdeckt, der Verschwörer eingesperrt. Man vermuthete Mitverschworene; Michael weigerte sich sie anzugeben, ließ aber den Genossen seiner Absicht sagen, daß er sie verrathen werde, wenn sie nicht die Mittel fänden ihn zu befreien. Die meisten der Bedrohten hielten sich schon lange seit der Verhaftung des Michael verborgen. Einer, der am schuldigsten erscheinen mußte, weil er immer zwischen der Stadt und dem Lager die aufrührerischen Botschaften des Michael hin- und hergetragen hatte, der Officier Stephanos, ward von seiner Geliebten, einem Freudenmädchen, in den Gewölben dieser Cisterne verborgen. Ihr Vater war der Hüter derselben. Stephanos hatte Zoe in den Tagen seines Glückes kaum einen Wunsch abgeschlagen, wenn er ihm nur irgendwie erfüllbar gewesen; jetzt vergalt sie ihm seine Güte durch eine Treue, die sonst keine Bedingniß ihres Gewerbes ist. Sie schifften sich in dem Kahne ein, womit der Vater die Ueberwachung der Cisterne besorgte, und der Alte ließ ihnen die tägliche Nahrung in dem Eimer eines Ziehbrunnens hinab. So steuerten sie lange auf der Fluth herum, sicherer als irgendwo anders vor der Entdeckung und insbesondere vor der Ergreifung. Am 25. December 820 sollte Michael in dem Feuerofen der kaiserlichen Bäder lebendigen Leibes verbrannt werden. Nur auf Bitten der Kaiserin Theophana wurde das schauerliche Urtheil über die Weihnachtsfeier hinaus vertagt. Da ließ der Verzweifelnde noch einmal die Drohung des Verraths an seine Mitschuldigen ergehen, und wirklich am Morgen des Weihnachtstages, in aller Frühe, als um 3 Uhr die Thore der Schloßcapelle den harrenden Geistlichen geöffnet wurden, stahlen sich die Verschworenen als Mönche verkleidet hinein, und als der Kaiser den ersten Psalm anstimmte, fielen sie mit Dolchen und Schwertern über ihn her. Ein wüthender Kampf entbrannte; der Altar, wohin Leo sich geflüchtet hatte, war der Hauptschauplatz. Auf seinen Stufen stand der Kaiser und vertheidigt sich mit einem großen Crucifixe, das er von dem Tische des Herrn genommen hatte. Ein Hieb zerschmetterte ihm zuletzt, nachdem er schon eine Menge Wunden empfangen hatte, die rechte Schulter und auch einen Arm des Kreuzes. Er fiel nieder und ein anderes Schwert spaltete ihm den Schädel. Michael der Aufrührer stieg aus dem Feuerofen auf den Thron; noch hingen die Fesseln an seinen Füßen, da er schon die Krone auf dem Haupte trug. Die aufgehende Weihnachtssonne sah ihn als Michael II., dem die Geschichte auch den Beinamen des Stammlers gegeben. Als man Stephanos, den man nicht mehr die Zeit gehabt hatte, von dem letzten Plane zu unterrichten, suchte, fand man in der Cisterne kein Boot mehr. Der Eimer des Ziehbrunnens kam unberührt mit den Speisen, wie sie hinab gelassen worden waren, wieder hinauf. Zoe und Stephanos waren nicht mehr, und alles Rufen und Forschen des unglücklichen Vaters blieb unbeantwortet. Tage lang, Wochen lang, zuletzt den ganzen Rest seines Lebens saß der Alte an der Stelle, wo sonst der Kahn gelandet war, starrte auf die schwarze regungslose Fluth, immer noch hoffend, daß sie, die doch hoffnungslos ist, ihm das Verlorene wieder zurückgeben werde. So harrend fand man ihn eines Tages todt auf dem Ufer dieses acherontischen Sees, er selbst nun ein Pilger für diese Schattenwelt seiner Lieben. Es scheint, daß das Boot mit Zoe und Stephanos an einer der Säulen scheiterte. Vielleicht überließen sich beide zugleich dem Schlafe, und der Kahn, so ohne Führung, stieß an eine Säule, schlug um, füllte sich mit Wasser und mag so gesunken sein; oder es stieg auch das Wasser durch rasche Zuflüsse plötzlich und die zusammengepreßte Luft kann die Unglücklichen erstickt haben.
Pera, den 23. Juni.
Ich rudere dem Lloyd-Dampfer „Neptun“, der aus Triest kommt, entgegen, umkreise ihn und fahre dann mit ihm zurück in das goldene Horn ein. Bei dieser Gelegenheit nehme ich das ganze ungeheure Bild des hiesigen Hafenverkehres wieder in mein Auge auf. Größer aber noch als durch diesen Anblick wird es durch eine Prüfung der Zahlen. Es zeigt sich dann, daß sich z. B. Frankreich nur mit dem Gesammtverkehre aller seiner Häfen mit dem hiesigen messen darf, und daß selbst England nur mit sechs Millionen den Tonnengehalt der hier ein- und ausgelaufenen Schiffe übertrifft. 48.938 Schiffe mit 7,432.362 Tonnen Gehalt liefen im Jahre 1864 in Constantinopel ein. Ich habe diese Zahlen seitdem für die damals eingestellten des Jahres 1863 aufgenommen. In allen englischen Hafen 54.723 Schiffe mit 13,515.011 Tonnen Gehalt, in den französischen 47.619 Schiffe mit 7,550.972 Tonnen Gehalt. In dem Verkehre des goldenen Hornes ist Oesterreich mit 3220 aus- und eingegangenen Schiffen von 1,131.850 Tonnen Gehalt betheiligt. 504 darunter waren Dampfer von 297.006 Tonnen Gehalt. Und auch als ein fortwährend und rasch steigender Verkehr zeigt sich der des goldenen Hornes. 1841 gingen hier nur 8251 Schiffe mit 1,093.466 Tonnen ein und aus; 1846 schon 15.770 mit 2,637.994 Tonnen und 1861: 29.141 mit 6,101.401 Tonnen. Es sind diese Zahlen auch Illustrationen zur orientalischen Frage und erklären, warum so begehrlich einerseits, warum so eifersüchtig andererseits die Blicke der Großmächte hierher gerichtet sind.
Eine Nacht in den Ruinen des byzantinischen Kaiserpalastes.
24. Juni.
Schon vor drei Wochen besuchte ich in dem Winkel Constantinopels, der aus der ursprünglichen Richtung der theodosianischen Mauer hinausgedrängt sich am meisten der innersten Bucht des goldenen Hornes nähert, die Ruinen eines Palastes, der auf der Höhe gelegen von dem Namen des Ortes auch den seinigen erhielt. In alter Zeit hieß dieser Hügel Hebdomon; damals lag er vor der Stadt und die Mauer ging hinter ihm den Berg zum Hafen hinab. Das Stadtviertel, das hier entstand, anfangs wohl nur als Vorstadt, die später erst Kaiser Heraklius 635 durch seine erweiterte Mauer mit in die eigentliche Stadt einbezog, hieß das der Blachernen und der kaiserliche Palast darinnen bald der der Blachernen, bald einfacher nach dem Hügel: das Hebdomon. Die Türken nennen ihn heute Tekfur Serai (das Schloß des Gouverneurs), und die Griechen behaupten, daß er, so wie er da stehe, das Magnaurum des Kaisers Constantin sei; den Fremdenführern, denen das Alles nicht interessant genug ist, gilt er als das Haus des Belisars. Die Erinnerung, die mir von dem ersten Besuche geblieben, war nur ein fortwährender Stachel der Neugierde, die Ruinen noch einmal und dann sorgfältiger zu besichtigen. Darum nahm ich einen gelehrten Freund mit, der sollte mir das Alter, die Bedeutung, womöglich die ganze Geschichte des Baues erzählen.
Groß war unser Erstaunen, als wir vom Hafen die steilen Gassen hinauf die Höhe erklommen hatten, Alles ringsherum ein weites Trümmerfeld zu finden. Wo wir noch durch enge Gassen geritten, da war nun rechts und links hinüber die Aussicht frei; nichts als Schutthaufen, rauchende Kohlenfelder und ab und zu ein Baumstamm, der wie Hilfe flehend seine versenkten Arme in die Lüfte streckte. Eine Feuersbrunst hatte diesen Stadttheil niedergelegt und wir davon nichts erfahren. Es gibt auch das einen Begriff von der Größe dieser Stadt. Die Häuser hatten dem Feuer nicht widerstanden, sie erliegen hier gewöhnlich völlig seiner Gluth; nur die Bäume schienen mit ihrem eigenen Safte den Brand wenigstens einigermaßen gelöscht und sich ihre Skelette gewahrt zu haben. Zerlumpte Gestalten krochen über den Schutt, die Geier, die nach der Schlacht nach dem Aase wühlen. Abgeschlossen wird das Bild in seinem Hintergrunde durch die geschwärzten Mauern der Stadt und des Palastes. Das Feuer hat darum und darinnen mit derselben Heftigkeit gewüthet. Ausgebrannt ist die Stätte und wie ein Todtenschädel liegt sie da, die ich neulich noch bewohnt von einer Menge Hütten, bevölkert wie einen Ameisenhaufen gefunden hatte. Spanische Juden hatten sich darin eingenistet mit Hintansetzung jedes Respectes für die Historie. Der Hof und so auch die ebenerdige Palasthalle waren mit Häusern besetzt, und zu dem oberen Stockwerke führte aus dem Hofe an der Frontmauer eine Holzstiege hinauf, um auch ihn bewohnbar zu machen; das Ganze war eine Colonie elender Hütten und ebenso elend waren die Bewohner, die darin hausten. Ich machte damals den Versuch in sie einzutreten, um die Construction des Baues zu studiren, aber die Fülle des Unrathes, die mir entgegenstarrte, war eine solche, daß auch der eifrigste Wille davor erlahmte. Alles das hat nun allerdings die Feuersbrunst ausgefegt, aber die Gluth, die dabei entzündet worden, war eine solche, daß auch der Bau darüber zu Grunde ging; der Mörtel wurde zu Pulver und die nicht mehr verbundenen Ziegel stürzten herunter. Selbst der Granit und der Marmor der Säulen, welche die Gewölbe tragen, konnte dem Feuer nicht widerstehen; wir schälten sie wie Rinde, die man vom Baumstamme löst, und die akantusgeschmückten Capitäle fielen tropfenweise vor unseren Augen in Stücke. Ein einziger Sonnenstrahl drang durch die ausgebrannte Leere der oberen Stockwerke in das rauchige Dunkel des Erdgeschoßes. Er leuchtete uns zu unserer Arbeit, die trotz der stürzenden Blöcke in den Trümmern nach Resten zierlicher Bildhauerei suchte. Ich nahm einige Stücke mit, die fein geschlungene Arabesken und massige Akantusblätter zeigen. Die Hitze des Bodens erschwerte das Suchen; länger als einige Secunden konnten es die Sohlen auf keiner Stelle aushalten. Den Zugang hat die Polizei zumauern lassen; sie befürchtet den Einsturz des ganzen Baues und durch denselben die Beschädigung allenfällig Anwesender. Wir mußten auf weiten Umwegen über Balken, Gewölbe und Mauern uns einen Eingang zu dem Hofe suchen.
Der Palast ist zwischen und auf die Stadtmauern gebaut. Sie dienen auf drei Seiten seinen beiden unteren Geschoßen als abschließende Wände und seinen oberen als Lehne, von wo aus herab er die ganze Stadt, den Hafen und das ehemalige Marsfeld vor den Mauern der Stadt überschaut. Die Mauern stehen hier 55 Fuß auseinander, sonst nur 22. In dem Raume zwischen den Mauern liegt auch der Hof, oder das, was ich eben so benenne, und dorthin sieht auch die Hauptfronte des Gebäudes, die seiner Langseite, welche allein eine durchgängige architektonische Gliederung zeigt. Zu unterst steht eine nach dieser Seite zu offene Halle, darüber ein Zwischengeschoß und erst in bedeutender Höhe der eigentliche Saalbau. Ein Pfeiler, von unten bis zum zweiten Stockwerke aufsteigend, theilt die Fronte. Ihm correspondirend, aber in die Stadtmauern verbaut, steigen zu beiden Seiten zwei andere auf; zwischen diese drei ist auf jeder Seite des mittleren Pfeilers je eine aber nur bis zum Mittelgeschoße reichende Säule gestellt. Darüber, wie auch über den Pfeilern, wölben sich Rundbogen, welche die Frontmauer tragen, und in sie wieder sind die Fenster eingeschnitten, ebenfalls runde Bogen, im ersten Stockwerk sechs und im zweiten darüberstehenden sieben ziemlich gleichförmig gestaltete. Die Säulen wiederholen sich in der Tiefe der unteren Halle, um die kleinen Gewölbe zu tragen. Das ist eine reiche und schöne Anordnung und auch in den Einzelheiten findet sich manches Geschmackvolle. Vorspringende Canellirungen, bandförmig gereihte Ziegellagen und zwischen den Bogen der Fenster mosaikartig zusammengefügte bunte Thon- und Glasstücklein geben dem Ganzen etwas sorgsam Ausgedachtes, zierlich Gegliedertes und außerordentlich Heiteres. Die Motive der Verzierung wiederholen sich nur selten und stehen sich nirgends in sclavischer Regelmäßigkeit gegenüber. So sind auch die Capitäle der Säulen nur in ihrer Grundform gleich: dem byzantinischen Würfel, in ihrer sculpturlichen Ausschmückung vollkommen verschieden.
Man hat aus der Verschiedenartigkeit der Capitäle folgern wollen, daß diese aus früheren Bauten hierher übertragen und aus solchen Resten dieser spätere Bau aufgeführt worden sei. Das kann möglich sein, und in so ferne man die Capitäle nicht genau zu den Säulenschäften passend gefunden haben will, auch begründet; aber die Gründe, welche auf die bloße Verschiedenartigkeit basirt sind, verwerfe ich. Die byzantinische Baukunst scheint überhaupt nicht ihr Ideal in einer alles Spiel der Ideen ausschließenden Symmetrie gefunden zu haben; symmetrisch sind kaum die großen Grund- und Umrißlinien der Bauten gezogen, alles übrige dazwischen liegende, der Schmuck der Wände und der Säulen ist mit der ideenvollsten Willkür erfunden und gemacht. Ich erkenne eben darin ein Element, welches die Geburtsstätte des Orients beweist; hier sind die Phantasien viel zu zügellos, viel zu angeregt und viel zu ergiebig, um sich in beengende Regeln zwingen zu lassen. Es ist eben hier in künstlerischer wie in religiöser, staatlicher und in jeder anderen Beziehung die wahre Freiheit allein zu Hause, die Freiheit, welche Jedem möglichst die Bethätigung seines Willens läßt, nicht jene der tyrannisch herrschenden Phrase. So sind auch die Tragsteine an der äußeren Fronte des Palastes, die, welche die Balcone und Erker tragen, ganz ohne jeden Anspruch auf Regelmäßigkeit gestaltet: bald Widder, bald Adler- und Löwenköpfe. Gerade an diesen Steinen wird mir auch wieder offenbar, daß die wilde Zügellosigkeit, die Mannigfaltigkeit der Gothik, welche man als ihr selbsterfundenes Eigenthum bewundern will, ihren Anfang nicht in sich, sondern in den byzantinischen Mustern genommen hat. Was man bei uns die Romanik nennt, diesen Stationspunkt in Italien leugne ich. Italien war in jenen Zeiten viel zu verkommen, um Lehrer zu geben; Fachschule der Kunst und der Mode war Byzanz, das sein Erbrecht der römischen Weltherrschaft in allen Beziehungen geltend machte.
Diese Fronten nach der Stadt und die letzte, die vierte, auf das Marsfeld hinaus, sind ohne jeden Anspruch auf äußerliche Schönheit gestaltet. Es ist das schon dadurch veranlaßt, daß bis zum dritten Stockwerke hinauf die rohe kahle Wand der Stadtmauer reicht. Ein viereckiger Thurm schneidet die eine Ecke ab, und Salzenberg meint in seinem schönen Werke über die altchristlichen Bauten Constantinopels, daß in demselben einmal eine Stiege und daß der Balcon, der darauf gelegen, von einem zeltartigen Baldachin überdeckt gewesen sei. Solche Stiegen, die in den Mauern versteckt waren, scheinen überhaupt eine Liebhaberei der byzantinischen Häuslichkeit gewesen zu sein. Auch in dem weitläufigen Kaiserpalaste an den Ufern des Marmora-Meeres gab es deren eine Menge. Vom achtseitigen Thronsaale führten deren allein zwei hinauf zu der Gallerie der Kuppel. Es wird damit zugleich auch ein Theilstück der byzantinischen Geschichte verrathen, welche die Heimlichkeit für ihre so oft schauerlichen Thaten brauchte. Venedig, das in seinen Palästen gleichfalls diese Vorliebe für die escaliers dérobés zeigt, hat vielleicht auch diesen Gebrauch wie so manches andere seiner Gewohnheit von hier sich geholt. — Zur Idee des Baldachin überdeckten Balcons fügt mein Begleiter die Erklärung, daß sich dort herab der neugewählte Kaiser das erste Mal dem in der Stadt versammelten Volke zu zeigen pflegte, und dann von einer an der anderen Palastecke gelegenen Altane auf das Marsfeld hinaus dem dort aufmarschirten Heere. In diesem Stadttheile soll nämlich, wie heute noch in dem nahen Ejub, der erste Theil der Kaiserkrönung vollzogen worden sein.
Der Erker, der weiter in der Mitte der gegen die Stadt zu gekehrten Langseite liegt, kann nur inneren, nicht nach Außen gerichteten Zwecken gedient haben. Er wird wohl, wie der purpurgeborene Chronist die Apsiden des goldenen Saales im „heiligen Palaste“ am Marmora-Meere schildert, dem abgesonderten Bedürfnisse des Gebetes oder der Toilette gedient haben. Durch eine Thüre oder einen Vorhang waren solche Cabinette von dem größeren Raume geschieden. Ihren Anfang haben sie gewiß in den Apsiden der Basiliken genommen, und wurden von dort als ein bequemes Mittel der jeden Augenblick zur Verfügung stehenden Abgeschiedenheit zuerst an die ebenerdigen Häuser und dann, als man höher baute, an die darüber liegenden Stockwerke angeflickt. Ihre weitere Fortsetzung haben sie dann in den Erkern der Gothik gefunden. So ist auch dieses Mittel der häuslichen Bequemlichkeit, welches man ganz speciell als ein durch die deutsche Sitte und das deutsche Klima in Deutschland erfundenes bezeichnet, von Constantinopel zu uns gewandert; nur daß wir den Zweck verändert, ihn unserer Liebhaberei gemäß mehr in das Sehen nach Außen, als das Zurückziehen nach einem noch intimeren Innern gelegt haben. Die Gedanken erlaubten sich eben auch ohne die Telegraphen und die Eisenbahnen des 19. Jahrhunderts ihre Reisen um die Welt zu machen. Noch vollkommen erhaltene Beispiele solcher byzantinischer Erkerbauten, die also auch für deren Verpflanzung von dort nach Deutschland zeugen, finden sich in der Burg Carlstein bei Prag. Sie ist zweifellos von byzantinischen Künstlern gebaut, wie sie denn auch mit byzantinischen Mosaiken und mit in die Wand eingelassenen Gemälden der byzantinischen Malerschule geschmückt ist. Ganz Böhmen zeigt in den Anfängen seiner Kunst die Abstammung von der griechischen Mutter am Bosporus.
Die Giebel des Gebäudes sind auch heute noch nach dem Brande erhalten, die Zwischengeschoße aber seitdem eingestürzt, oder stürzen doch fortwährend ein. Der oberste Saal, der offenbar das Hauptstück des Gebäudes war, erinnerte mich lebhaft an einen anderen nicht weniger bedeutungsvollen, den im festen Schlosse zu Eger, welchen Barbarossa gebaut, und die todtgeweihten Wallenstein’schen Generale zu ihrem Henkersmahle benutzt haben. Auch jener Saal ist im selben Style des Rundbogens gebaut und scheint mir überhaupt, so wie er mir in der Erinnerung blieb, diesem hier in gar Vielem ähnlich. Solche Vergleiche werden durch Gegenstände der entlegensten Länder geweckt. Ganz von dem Menschen hervorgerufen können sie nicht sein; es muß den Dingen etwas Gemeinsames zu Grunde liegen. Es ist als ob dieselbe Seele von dem einen Orte zu dem anderen nur hinüber gewandert wäre und als ob der ahnende Geist sie dort wieder erkenne. Luft, Geruch, Töne und alle übrigen Reizungsmittel der Sinne tragen dazu bei, diese Erkenntniß zu wecken. Es wäre zu bedenken, ob dieses häufige Finden von Aehnlichkeiten nicht auch als ein Unterstützungsmittel für die Lehre von der Seelenwanderung zu verwenden wäre.
Der Palast, wie er heute steht, ist offenbar nur ein Theilrest von dem früheren, größeren Ganzen. Er wird durch Gänge, die vielleicht auf und in den Stadtmauern fortliefen, mit den übrigen Pavillons verbunden gewesen sein; denn entsprechend dem orientalischen Geschmacke war gewiß auch diese Palastanlage keine massig zusammengeballte, sondern eine über weite Räume mit zwischenliegenden Höfen und Gärten zerstreute. Die Fenster und Thüren, welche man heute noch in der äußeren Ansicht der Stadtmauer eingemauert sieht, mögen Reste aus jener Anlage sein. Daß sie aber derjenige Palast sei, welchen Constantin fouri le mure angelegt und den zu schützen Kaiser Heraklius 635 die erste Stadtmauer um das Viertel der Blachernen gezogen habe, ist wenig wahrscheinlich. Dann wäre wohl die Mauer etwas weiter um den Palast und jedenfalls nicht unter ihn gebaut worden. Ich glaube vielmehr, daß dieser Palast ein viel späteres Product ist, daß er nicht die Restauration der Stadtmauern unter Leo dem Armenier (813–820) gesehen, daß er frühestens seinen Ursprung dem neunten Jahrhundert verdankt. Das ganze festungsartige Aussehen deutet darauf hin; auf eine Zeit, welche sich auch gegen das Innere der Stadt zu schützen hatte. Man irrt eben, wenn man annimmt, daß die spätere Kunst der Byzantiner nicht mehr im Stande gewesen sei, ein Bauwerk wie das hier stehende aufzustellen und herzurichten. Ich behaupte gerade dagegen, daß sie noch im 12. und auch im 13. Jahrhundert die geschickteste und auch die mustergiltigste gewesen; wie ich denn auch behaupte, daß das Reich der byzantinischen Mode weit mehr in die neuere Zeit hinüber gedauert habe, als man gewöhnlich annimmt, und daß sie den Verfall der oströmischen Macht weitaus überlebt habe. Wir selbst leben heute noch im byzantinischen Zeitalter, und eine spätere Zeit, die mit größeren Zahlen rechnet, wird dieses anerkennen.
Das Wahrscheinlichste ist sogar, daß diese Reste eines byzantinischen Kaiserpalastes, wie sie uns überliefert worden, von der Restauration herrühren, welche der große Komnene Manuel (1143 bis 1180) documentarisch erwiesen an dem Palaste auf dem Hebdomon vornehmen ließ. Von da an ward dieser Palast auch die Hauptresidenz der byzantinischen Kaiser, und all die grausen Schicksale der Komnenen wie der Paläologen, die Einnahme der Stadt durch die Lateiner wie die durch die Türken spielten hier ihre traurigen Epiloge ab. Die Räume, die ich durchwanderte, sind so geweiht genug von dem Geiste der Geschichte. Meinem Begleiter aber erschien dieses nicht so. Er suchte ihren Stammbaum bis auf die Römer zurückzuführen, und erklärte mir: daß in diesen Mauern der erste Constantin schon gehaust, und in jenem dach- und bodenlosen Saale die Gesetzgebungscommission des Justinian getagt habe.
Lange währte unser Streit über diesen Fragepunkt, und da wir früher viele Zeit an die Besichtigung, nicht weniger lange an die Abconterfeiung der Ruine gewendet hatten, so kam die Nacht mit so später Stunde über unsere unvollendeten Arbeiten herein, daß wir beschlossen, gar nicht nach Pera zurück zu kehren, sondern in diesem Stadttheile den nächsten Tag zur Vollendung unserer Projecte abzuwarten. Aus einem benachbarten Caffeehause ließen wir uns Kaffee bringen, Brod und einige Früchte fanden sich ebenfalls, Plaids hatten wir mitgebracht, und so genährt und versorgt bereiteten wir uns das Lager in den Ruinen des byzantinischen Kaiserpalastes.
Mir wurde die Nacht eine gräßliche. Lange konnte ich nicht schlafen; die Hunde bellten, und meiner Phantasie klang es wie Schakal- und Hyänengeheul. Der Mond ging auf und die Sterne verdüsterten sich; dann als die Luft kühler wurde, zog sie mit leise bewegten Tönen durch die leeren Hallen des Palastes. Seine Fenster ließen das Mondlicht, das nun auch vom Winde getrieben wurde, flackernd in das regungslose Dunkel der Schatten einfallen: es war als sei Alles darin lebendig geworden und Geister wieder auferstanden, die in Blut und Mord zu Grunde gegangen. Es muß in diesem Stadium gewesen sein daß ich einschlief. Ein Traum befiel mich, — denn anders kann ich es doch nicht glauben, was mir heute Morgens in der Erinnerung ist, — der wohl an die Gespräche anknüpfte, die ich mit meinem Begleiter so lebhaft über den Werth oder den Unwerth des justinianeischen Rechtes für die europäische Welt geführt hatte. Ich leitete von dem römischen Rechte alles Unheil ab, welches uns seitdem betroffen hat: die Dogmatisirung unseres Glaubens und die Verbureaukratisirung unseres Staatswesens. Der römische Geist war seit jeher ein mit Vorliebe in die spanischen Stiefel der Rechtsgelehrsamkeit eingeschnürter; er zersplitterte und zerspaltete, secirte und theilte jeden nur irgend möglichen Gedanken, daß zuletzt von dem Ganzen, von dem natürlich Gegebenen, nur Worte übrig blieben, die er dann in Paragraphe zusammenstellte und denen er einen beliebigen Begriff beilegte. So ist das römische Recht oder so erscheint es mir wenigstens. Von der Natur der Dinge, vom Rechte, das mit uns geboren ist, ist nur gar selten ein Körnchen übrig geblieben, und seitdem bei uns diese fremde Pflanze eingepflanzt worden ist, ist auch in Deutschland der gesunde Menschenverstand und seine Berechtigung zu den Todten gegangen. Durch das Studium grauser Fictionen wird er in den jungen Köpfen erstickt, und wo er sich noch in einigen ungebildeten Seelen erheben will, da wird er als revolutionär und ungesetzlich niedergeschlagen. Unser ganzes irdisches Leben ist von diesem Geiste der Wortspalterei und der Unnatur zu Grunde gerichtet. Das Gefühl gilt nichts; damit aber das Wort Alles entscheide und ein solches System der Bevormundung geübt werden könne, brauchten die Fürsten, die durch das römische Recht erst Alleinherrscher wurden und es darum herüber nahmen, ihre Helfershelfer, und diese sind die Beamten. So haben wir diese Drachensaat erhalten, die zuerst Kaiser Maximilian in den deutschen Boden säete. Wohl heißt er mit Recht der letzte Ritter, aber er selbst war es, der das Ritterthum und alles das, was die juristenfreundliche Welt der Neuzeit dem Geiste der heutigen Cultur feindselig glaubt, zu Grabe getragen. Und nicht nur auf dieses Gebiet beschränkt, auch auf dem religiösen zeigte das römische Recht seine übeln Folgen. Sobald sein Geist die Köpfe unserer Religionslehrer erfaßte, galt das formlos gegebene Wort Christi weniger seiner Meinung als seinem Buchstaben nach. In den Schulen römischer und griechischer Rhetoren wurden unsere Kirchenväter gebildet, und wenn sie ihr Glaube auch rein von der Beimischung heidnischer Philosophemen bewahrte, so konnte er es doch nicht vor der Ansteckung schönrednerischer Dialektik. Die griechischen Kirchenlehrer insbesondere sind diesem Geiste der Wortgiltigkeit völlig erlegen. Sonderbar, daß man im Oriente selbst die eigentliche Sprache des Orientalen, welche eine mehr durch Bilder und Zeichen als durch Begriffe redende ist, so verkennen konnte, und daß gerade in Constantinopel das römische Recht, diese Justiz der bloßen Förmlichkeit, seinen äußersten Triumph, seine Alles beherrschende Constituirung feiern konnte. So abseits von der ursprünglichen Heerstraße des Bildungsganges eines Volkes gehen zuweilen seine Wege und so nahe stehen sich dann die Gegensätze gegenüber. Erst der Mohammedanismus kam wieder auf die alte Sprache zurück; darum aber auch seine so raschen und so weitgehenden Erfolge in diesen Ländern des griechischen Christenthums. Er brachte, was eigentlich in dem Sinne der Leute lag, die Freiheit des Denkens und des Glaubens und die Ungebundenheit der Sprache. „Es ist nur ein Gott und Mohammed sein Prophet,“ die einzige Grenze seines Gesetzes, gestattet jede Philosophie und weitere Abartung. Die vielen Secten des Mohammedanismus sind nur deshalb weniger auffällig als die des Christenthums, weil sie geduldet und nicht mit Feuer und Schwert verfolgt werden.
Den schwersten Trumpf, die Anklage ob der Verdrehung unserer Religion, hatte ich zum Schlusse unserer Unterredung gegen das römische Recht geschleudert. Vielleicht wollten sich dafür Justinian und Tribonian, die Väter dieses Rechtes nach unseren Vorstellungen, an mir rächen und erschienen darum in meinen Träumen. Ich sah die ganze Gesellschaft, die 17 Männer, Tribonian an ihrer Spitze, die vier gelehrten Professoren, Theophilus und Cratinus von der Universität zu Constantinopel, Dorotheus und Anatalius von der zu Berytus unter ihnen, mit ernsten, bedächtigen Köpfen um einen großen Marmortisch sitzen; hörte wie Jeder sein bestimmtes Quantum an Excerpten, die er aus dem Ueberflusse der römischen Quellen ausgesogen hatte, näselnd vorlas; hörte dann wie Tribonian verwarf oder approbirte, wie endlich Justinian mit mächtiger Stentorstimme eine vertheidigende Lobrede gegen mich gewendet hielt, die zuletzt in Drohungen ausartete, den Gegner bestrafen und züchtigen zu wollen und sah, wie sie darauf Alle aufstanden, sich gegen mich kehrten, die Fäuste ballten — dann wie Alles in der Bewegung über und unter ihnen zusammenfiel, die Mauern und die Säulen, daß mich das Geräusch aufweckte und ich wenige Schritte vor mir einen gewaltigen Quaderblock, der aus der obersten Giebelmauer herabkam, in den unten schon gehäuften Schutt einschlagen sah. Grauer dämmernder Morgen war um mich. Verscheucht durch die Träume und noch mehr durch das letzte Ereigniß war jeder Schlaf unmöglich. Ich stieg auf die Stadtmauer hinauf und von dort aus, die baumlosen Friedhöfe der Armenier und die cypressenbewaldeten der Türken unter mir, sah ich den Tag kommen, der rosig und sonnig hinter den bythinischen Hügeln des Bosporus aufstieg und bald mit seiner Wärme alle Schrecken und alles Grauen der letzten Nacht verscheuchte. — So habe ich eine Nacht in den Ruinen des byzantinischen Kaiserpalastes zugebracht.
Constantinopel, den 25. Juni.
Schon mehrfach sind mir Aehnlichkeiten zwischen den heutigen türkischen und den früheren byzantinischen Landessitten aufgefallen. Vielleicht hat sie nur die natürliche Nachahmungssucht des weniger gebildeten Nachfolgers, vielleicht aber auch der allgemein giltige Einfluß des Klimas veranlaßt. Pflanzen und Thiere modeln sich nach den Bedingungen ihres jeweiligen Bodens, warum sollte der Mensch allein von diesem Gesetze ausgenommen sein? So ist die Menge der sultanlichen Lustschlösser wie eine Erbschaft aus byzantinischer Zeit und daß sie immer noch wie damals gebaut werden, wohl ein Beweis für jene allgemein giltige Wirkungskraft des Klimas. Es sind keine großen, massigen Palastanlagen mit himmelhohen Stockwerken und endlosen Fronten wie unsere Herrschersitze, sondern kleine, niedere Pavillons, die in den Gärten zerstreut liegen, nur ab und zu durch Gallerien verbunden; selten sind oder waren sie höher als ein Stockwerk. Ihr Material ist vielfältig Holz und war, wenn auch gerade nicht dieses vergängliche der Türken, so doch gewiß nicht der unverwüstliche Stein, der in Rom und Athen so viele Reste gelassen hat. Die Verwüstungen, welche dort über den Boden gegangen sind, waren nicht weniger versengend als hier, und doch ist in Constantinopel nichts übrig geblieben von all den prächtigen Palastanlagen, die Constantin Porphyrogenetus in seinem Lehrbuche der byzantinischen Hofceremonien schilderte, als die einzige des Hebdomon, und auch diese sah ich gestern erst, berührt von einem einzigen Gluthauche, vor meinen eigenen Augen „stürzen über Nacht“. Ihre Mauern sind eben die lebendigen Zeugen für die lockere Bauweise auch der Byzantiner; Ziegel und nur ab und zu Steine beigemischt, war der hauptsächliche Stoff ihrer Gebäude. Und wie durch den Styl und die Bauweise, so gleichen sich auch durch die Lage die heutigen und die früheren Kaiserpaläste; Türken und Byzantiner beweisen dadurch wie sehr ihr Auge empfänglich für die Schönheit der Natur ist. Denn die meisten dieser Paläste zeichnen sich dadurch vor den Häusern anderer Sterblicher aus, daß sie den weitschauendsten und den begünstigsten Ausblick auf das Marmora-Meer, das goldene Horn, die süßen Wässer von Europa und Asien, den Bosporus oder das schwarze Meer haben. Dieser Ueberfluß an Wohnhäusern erscheint übrigens um so befremdlicher als alle, oder doch die meisten derselben, zugleich dem Bedürfnisse des Stadt- und des Landlebens genügen. So insbesondere Dolma-Bagdsche, das dem Einfahrenden vom Marmora-Meere her gerade gegenüber auf der Küste von Europa erscheint und dem der jetzige Sultan doch einen Rivalen auf dem jenseitigen Ufer von Asien in dem insbesondere bunten Marmorpalaste von Beylerbey erbauen läßt.
Die Paläste bei Ejub im Hintergrunde des goldenen Hornes, bei den süßen Wässern von Europa, das Serai und auch die beiden reizenden Köschke auf dem europäischen Ufer hinter Pera in einer Schlucht versteckt, die sie den großen und kleinen Flamur nennen, habe ich schon früher besehen; heute ward mir gelegentlich des Sultansfestes dasselbe mit Dolma-Bagdsche zu Theil. Der Sultan feiert nämlich heute und mit ihm das ganze Reich seinen Geburtstag. Zur Verherrlichung dieses einzigen officiellen Festes der Türkei empfängt er in den Vormittagsstunden das gesammte diplomatische Corps.
Die erste Ceremonie, die wir durchzumachen hatten, war an dem äußersten Palastthore, die Begrüßung durch einen jungen Officier; groß und schlank gewachsen, im türkischen Kleide, blau und roth, reich mit Gold gestickt, stellte er sich ganz passend in die Phantasiebilder von orientalischer Pracht, welche wohl Jeder mit hieher in dieses Sultansschloß bringt. Auch die Wache hinter ihm ließ sich in diese Erwartung einfügen, lauter schön gebildete und reich gekleidete Bursche. Der Officier sprach vortrefflich Französisch. Mit verbindlichen Geberden geleitete er uns durch die Gärten des Palastes zu den Marmorstufen, welche in das Erdgeschoß hinaufführen. Chiamil Bey, der Ceremonienmeister, eine kleine, lächerliche Figur, nahm uns dort in Empfang. Ein großer Salon, rechts daneben ein kleiner und endlich ein drittes größeres Zimmer waren die zur Versammlung des diplomatischen Corps geöffneten Räume. Wir waren die ersten; die Preußen, die Franzosen die nächsten; dann eine endlose Folge der Vertreter der anderen Mächte, Bulwer mit den Engländern die letzten.
Der Blick von Dolma-Bagdsche aus dem Fenster des dritten Salons, an dem ich mich aufgestellt hatte, dringt zwischen Asien und Europa durch auf das Marmora-Meer, reicht bis zu den Prinzen-Inseln und dem Olympe, schließt links Skutari, rechts die Seraispitze und die Mündung des goldenen Hornes ein und hat unmittelbar vor sich den Strom des Bosporus mit den Dampfjachtflottillen des Sultans, den Stationsdampfern der fremden Gesandten und den Handelsschiffen aller Nationen. Er ist so schön, daß man die Köschke des Serais beinahe ohne Bedauern verwaist liegen sieht. Es war gewiß, wie auch die Uebertragung des russischen Herrschersitzes vom Kreml nach dem Petersburger Winterpalaste, ein Act der Reformationspolitik, welcher Mahmud die Schauerstätten der Seraispitzen mit diesem noch unbefleckten Boden des Bosporus vertauschen ließ. Das Serai in seiner Verlassenheit ist ein Stück der abgespielten türkischen Geschichte, wie es für Frankreich Versailles ist, und St. Cloud und Compiegne — wer weiß wie bald schon — sein werden. Die Menschen prägen eben auch der Erde wie ihren Gesichtszügen den Stempel ihrer Leidenschaften auf; mehr oder weniger deutlich trägt Jeder, der Einzelne wie der Ort, das travaux forcés seiner Schicksale in seinem Fleische eingebrannt.
Dolma-Bagdsche ist ein weitläufiges Gebäude; ein höherer Mittelbau steht zwischen zwei Seitenflügeln, die durch ebenerdige Gallerien mit ihm verbunden sind. Wohlgepflegte Gartenanlagen und blendend weiße Kieswege umziehen das Ganze. Auf drei Seiten führen freistehende, hohe Thore, prächtig als sollten sie Triumphpforten vorstellen, zu ihm; auf der vierten, gegen Süden gekehrt, hat er das Meer, feste Marmorquais und ein vergoldetes Gitter, das ihn dort abschließt, vor sich. Nur der rechte Flügel dient dem Privatgebrauche des Sultans, der linke gehört den Frauen und der Mittelbau den Zwecken der staatlichen Repräsentation. Dieser erhebt sich zu der Höhe venetianischer Paläste. An Venedig überhaupt mahnt der ganze Palast durch seine Lage, aber auch durch seinen Baustyl, den eines geschmackvoll ausgebildeten Rococo. Noch ähnlicher finde ich ihn dem Dresdner Zwinger und so insbesondere seine drei Thore. Es scheint, daß dieser Styl, verbannt aus den Geschmacksregistern des heutigen Europa’s, nunmehr der Liebling der türkischen Sultane geworden ist. Die meisten ihrer neueren Bauten sind darin gebaut. So jene beiden Flamure, der große und der kleine, welche ich eben ob ihrer Zierlichkeit belobte; so der kaiserliche Köschk bei den süßen Wässern von Asien; so der Köschk in Top-Hane, die Moschee daneben, die Moschee Abdul Medschid’s neben Dolma-Bagdsche, und so wird eben der prachtvollste aller neueren Paläste, der in Beylerbey, gebaut. Und das ist wahr, besser als hierher paßt dieser wollüstige Styl nirgends hin und ihm wieder dienen der hiesige Sonnenglanz, die Farbenpracht der Blumen und das Meer, das spiegelnd vor seinen Mauern ausgebreitet liegt. Es ist als habe der Orient in endlicher Entwicklung seiner Kunst die ihm vom Anfange an bestimmte Form endlich gefunden und Europa im vorigen Jahrhundert nur entlehnt, was eigentlich hierher gehört.
Im Inneren des Palastes sind die prachtvollsten Theile das Bad, die Treppe zu den Privatgemächern des Sultans und der große Ceremoniensaal, welcher allein für sich den ganzen Mittelbau füllt. An der Treppe kamen wir vorüber, als man uns zur Audienz nach jenem Saale führte. Weiße Krystallgeländer fassen sie ein und rothes Glas deckt ihre Kuppel, so daß die Stiege wie aus Rubinsteinen gehauen erscheint. Sie überrascht wie der erste Anblick einer besonders schönen Balletdecoration. Es ist der glückliche Gedanke, den man hier vorzüglich loben muß, denn das Weitere in der Ausführung ist dann ziemlich einfach. Und am glücklichsten ist dabei die Beschränkung, welche das Treppengeländer und die Stufen weiß ließ; dadurch wechselt das Roth in ihm, je nachdem das Sonnenlicht heller oder gedämpfter durch die gefärbte Kuppel einfällt, scheint wie mit eigener Kraft aufzuflammen und jetzt wieder auszulöschen. Das ist etwas von „Tausend und eine Nacht“, und ebenso ist es auch der Thronsaal. Divansaal müßte man eigentlich sagen, denn auf der Stufe, wo bei uns der Fürstenstuhl steht, ist hier ein breiter Divan aufgestellt, mit rosenfarbener Seide überzogen und in purem Golde gefaßt. Der Saal ist eigentlich viereckig, erscheint aber länglich, weil auf den zwei Langseiten vorspringende Säulenstellungen die Breite für das Auge vermindern. Auf allen vier Seiten sind Fenster; durch die, welche sich auf den Breitseiten gegenüber liegen, schaut man auf der einen Seite die blaue Fluth des Bosporus und die rothen Hügel Asiens, auf der anderen Seite das Grün der sorgsam gepflegten Gartenanlagen. Eine mächtige Kuppel deckt den Saal; vier Bogen, die aus ihr herabfallen, tragen sie; absteigend niedriger gereiht schließen sich Halbkuppeln und zuletzt Nischen daran, in welchen die 12 Fenster angebracht sind. Auf den Langseiten sind je zwei Säulen tragend zwischen die Fenster gestellt, auf den Breitseiten nur je eine. Von der Kuppel hängt ein Krystall-Luster für 10.000 Kerzen herab, und in den vier Ecken stehen auf bunten Marmorsockeln riesige Kandelaber, die beinahe bis zur Höhe eines Stockwerkes aufwachsen. Vier andere aus Silber mit Lilienkelchen, um das Licht zu bergen, stehen neben dem Divan und ihm gegenüber am anderen Ende des Saales. Das ist die einzige Möblirung. Der Kronleuchter ist derselbe, welchen ein Windstoß auslöschte, als der Sultan hier in diesem Saale zur Feier des Friedensschlusses nach dem Krimkriege den Vertretern der Großmächte ein großes Bankett gab. Ein ominöses Zeichen, welches auch damals unheilvoll gedeutet ward.
Heute standen im Kreis an den Wänden herum die hundert Garden: Kurden, Tripolitaner, Araber, Albanesen, Griechen, Türken u. s. w., junge Leute aus den besten Familien, die in dem reichsten Schmucke ihrer Trachten dem Sultan die Unterthänigkeit ihrer Heimathländer repräsentiren sollen. Die meisten sind von edler Gesichts-, alle von großer, starker Körperbildung. Durch Glanz der Gewänder, der Gaze-, Sammt- und Seidenstoffe, der Juwelen und Goldstickereien gefielen mir die Fürstensöhne von Tripolis am besten. Wer diese Garden nicht in ihren Galakleidern gesehen hat, hat keinen Begriff, bis zu welchem Klimax die Verschwendung der Toilette hinaufsteigen kann. Auch das kann so nur einmal im Alterthume gewesen sein, und ist wohl aus jener Zeit bei diesen weniger vergänglichen Völkern ein Ueberbleibsel der Mode. In Byzanz muß dieser Luxus fortgedauert haben; bei uns gestattet die Sitte heute auch der schönsten Frau eine solche Gold- und Farbenpracht nicht, man würde sie geschmacklos schelten und doch verlangt das Auge eigentlich Farben.
Die Kanonen der türkischen Flotte, der Landbatterien, der fremden Stationsschiffe donnerten. Der Himmel, der bis dahin umwölkt gewesen, klärte sich, voller Sonnenschein fiel hell und leuchtend in den Saal. Der Sultan, so vom Himmel und der Erde zugleich begrüßt, trat neben dem kaiserlichen Divan durch eine Seitenthüre ein, rasch, mit festem Schritte. Klein, breitschulterig, von gedrungenem, starkem Körperbaue, in dunklem, militärischem Ueberrocke, stach er auffallend von dem Glanze ab, der um ihn gelagert war; ein Orientale würde sich ausgedrückt haben: wie der Erdball, dem das Sonnenlicht huldigen muß. Sein schwarzes Auge blickt heftig. Leidenschaftlicher als dieses ist vielleicht nur noch der Schluß seiner Lippen. Die Mundbildung überhaupt ist verrätherisch für die Geheimnisse des Charakters. „Ein angenehmer Mund“ ist darum eine Bemerkung, womit ich Männer oft bezeichne, und „ein gemeiner“ eine, die ich von mancher berühmten Schauspielerin schon behauptet habe. Dem Sultan wagt sich in den Augenblicken seiner Erregtheit nur seine Mutter in die Nähe. Ihr Einfluß ist ein großer und hinwiederum der aller Frauen, welche Zutritt zu ihr haben. Man muß alle diese Fäden kennen, um die Politik der türkischen Minister, aber auch um die oft winkelziehende Diplomatik der fremden Gesandten zu verstehen. Wer hieher kömmt mit unseren landläufigen Ideen vom Nichtsgelten der türkischen Frauen, wird die feingesponnenen Fäden nicht zerreißen, aber gar bald darin sich gefangen sehen.
Der Sultan, der die alte Etiquette wieder hergestellt, spricht mit den Vertretern der fremden Mächte nur durch den Mund eines Dolmetsch. Ali Pascha übersetzte ihm die Glückwünsche der Botschafter und Gesandten und ihnen die Antworten des kaiserlichen Herrn; doch erkannte man an dem beifälligen Lächeln, womit er schon in der französischen Auflage die poetische Begrüßung des österreichischen Internuntius aufnahm, daß er diese Sprache verstehe. Dieser Diplomat war auch der einzige, mit dem er sich länger und aus den Formen der Etiquette heraustretend unterhielt.
Es ist ein Irrthum den Sultan für geistig unbedeutend zu halten. Abdul Aziz hat vielleicht gerade durch seine Liebhabereien dem türkischen Volke mehr genützt als irgend ein heute regierender Fürst dem seinigen. Er will die Umkehr zu dem Alten, wenigstens zu dessen Ausgangs- und Zielpunkte: dem Koran und dem Glauben, ohne deswegen zur Fahrbarmachung des zwischenliegenden Weges die neuen Mittel der Civilisation zu verschmähen. In diesem Sinne hat er den türkischen Soldaten ein Nationalkleid wiedergegeben; und hat er den Muth, ihnen in dem Augenblicke der Gefahr auch den alttürkischen Glauben wieder frei zu lassen, dann wird es mit der Eroberung Constantinopels durch moskowitische Ränke doch etwas länger dauern, als die europäische Journalistik prophezeit. In seinem Volke muß er den besten Theil seiner Kraft suchen, und wird sie finden, wenn er dem Volke nur wieder erlaubt das zu sein, wozu es erschaffen ist. Wer seine Anfänge verleugnet, geht zu Grunde, denn jeder Baum lebt nur durch seine eigenen Wurzeln; und wirklich glitten seine Vorgänger abwärts, seitdem sie die Stütze der europäischen Großmächte annahmen. Darum finde ich es ein hoffnunggebendes Zeichen, daß Abdul Aziz den fremden Botschaftern unzugänglicher geworden ist als es Abdul Medschid war.
Den Schluß des Tages verherrlichte Ali Pascha mit einem Balle, den er in seinem Landhause zu Bebek am Bosporus gab. Schon um 8 Uhr führten Dampfer in seinem Dienste die Gäste von der Hafenbrücke aus dorthin. Ich wollte auch die Fahrt in ihrem ganzen Werthe bei völlig herabgesunkener Nacht genießen, langsam und ungestört; darum setzte ich mich um 9 Uhr bei Top-Hane ins Kaïk und ließ mich gemächlich aus dem goldenen Horne in den Bosporus rudern. Und so herrlich das Fest, diese Fahrt war der schönere Theil der Nacht. Die Hügel von Stambul, von Skutari, von Galata und Pera, und bis zum schwarzen Meere hinaus die Ufer des Bosporus waren beleuchtet. Die Moscheen trugen Lampenkränze; die Thürme waren von oben bis unten mit Lichtern überzogen, am schönsten der Leanderthurm, weil er abgetrennt von allen übrigen auf seiner Insel, wie feurig aus dem Meere geboren, vereinsamt schwamm. Um die Quais von Top-Hane waren lichte Bogengänge gewunden, an sie schlossen sich die Paläste an, welche hart am Meere stehen, alle mit Lichtern in mannigfaltigen Formen bedeckt. Ueber ihnen standen beherrschend die großen Linien der Kasernen. Auf dem Wasser schwammen Flöße, von denen Feuerwerke in die Luft stiegen, in weiterer Entfernung leuchteten elektrische Sonnen und das so hell, daß für Augenblicke die entlegenste Ferne näher und deutlicher als selbst in dem Tageslichte erschien. Musik klang von den Ufern aus den Harems der Paschas heraus; über mich weg donnerten die Breitseiten eines Linienschiffes, an dem ich eben vorbei fuhr; dann, als wieder Ruhe und Dunkel sich um mich gelagert hatten, kamen mir die weichen Molltöne eines türkischen Liedes begleitet von den rauhen Schlägen der Tarabuca entgegen. So war Freude und Lust überall, ein Volksfest im wahren Sinne des Wortes, von den unserigen aber merkwürdig dadurch unterschieden, daß sich eine Million Menschen und diese sogar Türken, Griechen, Armenier, Juden, alles untereinander, längs dem Gestade bewegte oder in tausenden von Booten den Bosporus befuhr, ohne die leiseste Unordnung, ohne ein unfreundliches Wort, ohne Haß, Zank und Streit. Kein Besoffener war zu sehen, keine Frau, kein Mädchen hatte Unanständiges zu gewärtigen; nirgends Soldatenrohheit, nirgends Polizei — aber überall angeborene Sitte, und darin liegt es.
In der Nähe des Landhauses wurde die Fahrt weniger bequem, durch die vielen ab- und zugehenden Dampfer sogar gefährlich. Masten und Taue trugen sie zwar mit Lichtern umwunden, aber das Licht selbst hinderte durch die Blendung am Sehen. Wohl eine halbe Stunde brauchte es, bis wir uns durch die Menge der vorliegenden Boote den Weg zu der Landungsbrücke durchgebohrt hatten; zuletzt gelang es uns nur durch die commandirende Beihilfe eines türkischen Officiers.
Das Haus und die dahinter liegenden Hügel glänzten mit tausenden von Lichtern. Das Innere, Vorplätze, Treppen und Salons, klein und einfach eingerichtet, war nur die Folie zu dem Eindrucke, welchen der Garten machte, wenn man auf die Brücke trat, die vom ersten Stocke zu ihm hinüber reicht. Ausgebreitet lag ein weites Parterre von Lampen, die bunt in allen Farben zur Nachahmung von Blumen in Beeten gesammelt und geordnet waren. Aus dieser Fläche stieg Terrasse über Terrasse die Höhe hinauf, bis zum höchsten Punkte reichlich beleuchtet. Auf Gerüsten zu architektonischen Verzierungen vereinigt, in den Cypressen und Pinien, Lorbeer- und Granatbüschen vertheilt hingen die Lichter, Dunkel und Helle auf das glücklichste wechselnd; dazwischen in Transparentschrift der Namenszug des Sultans und das übliche: „Er lebe tausend Jahre!“ — Auf der zweiten Terrasse empfing ein prächtiges Zelt die Gäste. Zwölf Säulen, aus Gold gewunden, trugen die Decke aus blauem Atlas mit Edelsteinen und Gold gestickt; in breiten Falten fiel sie auf drei Seiten herab. Suleiman der Große soll schon vor Szigeth unter diesem Juwelendache gehaust und getafelt haben. Ueber das Zelt herab neigte sich von der oberen Terrasse eine Reihe machtvoller Pinien. Das grelle Licht, das von unten hinauf in ihre Kuppeln stieg, ließ sie wie in rosige Schleier gehüllt erscheinen. Diese Pinien zogen mich am meisten an; bei ihnen war Ruhe und Einsamkeit und doch zugleich auch der Anblick der ganzen Herrlichkeit. Von Asien herüber leuchteten die Landhäuser, und rechts und links auf europäischem Boden die beiden Arme der Bucht entlang bis nach Rumili Hißar und dem anderen Vorgebirge, und in ihrem Becken selbst war Alles licht und glänzend. Nur der Bosporus weiter draußen blieb dunkel und nächtig; seine Breite bezwang kein Licht. Ab und zu trat aus dem Schatten der Laubgänge eine der prachtvollen Gestalten der hundert Garden in weiße Brussa-Stoffe oder rothe Sammt-Mäntel gehüllt; langsam, abgemessenen Schrittes und ohne mich zu beachten, gingen sie vorüber. Einmal so auch der Sultan, vermummt in die Kapuze seines Militär-Mantels mit einem einzigen Begleiter. Man hatte mir früher gesagt, daß er so anwesend sei, um das Fest seines Ministers mitzugenießen, weil ihm die Etiquette den öffentlichen Besuch eines Hauses seiner Unterthanen verbietet. Ich habe nie eine Situation erfahren, die mehr als diese gestimmt zu einem Abenteuer gewesen wäre, und so sehr ging ich selbst in dieser Stimmung auf, daß ich mit jeder schwindenden Minute nur um so fester an dessen Kommen glaubte. Aber das, was dazu nothwendig ist, schöne Frauen, die fehlten beinahe gänzlich. Es war von der Gesellschaft Pera’s nur ein geringer Theil erschienen, die meisten waren Fremde und diese nicht eben des jugendlichsten Alters. In jedem anderen Punkte übertraf dieses Fest unendlich das, was Europa bei solchen Gelegenheiten bietet. Manches Widerspruchsvolle lief freilich mit unter. So standen die Diener, welche in dem gold- und juwelengestickten Zelte Suleiman des Großen das Gefrorene servirten, ganz gemächlich in den Hemdärmeln, die Aermel sogar hinaufgerollt, daß der bloße Arm zum Vorschein kam und mit weißen vorgebundenen Schürzen da. Hier störte dieses Niemanden; Jeder fand dieses Costüme wohl dem Geschäfte angemessen, mich aber — ich will es nur gestehen — verletzte es, und das Gefrorene wollte mir nicht schmecken, welches von diesen entkleideten Lakaien dargeboten wurde. So bringen wir es eben gerade in Kleinigkeiten nicht über unsere Gewohnheiten hinaus.
Einen ähnlichen Gegensatz zu dem Gewohnten bot die Rückfahrt, die ich auf einem Dampfer wählte, um schneller heimzukommen. Die Damen kamen auf das Schiff, die Röcke hoch hinaufgehoben, einige die sie über die Schultern gezogen hatten, andere sogar über den Kopf, weil sie in der Garderobe ihre Mäntel und ihre Kapuzen nicht gefunden hatten; die Herren saßen in den goldgestickten Uniformen, die Cigarren im Munde, hart an sie angedrängt, ungenirt schlafend, den Kopf auf die Schulter ihres Nachbarn gelehnt, bis ein unfreundlicher Stoß, oder der Fuß des Caffegi, der sich, schwarzen Kaffee anbietend, durchdrängte, sie aufweckte. Wer diesen retour d’un bal nicht mitgemacht, der kann sich keinen Begriff von der Groteskheit, der Buntheit und der Ungenirtheit dieser Bilder machen.
Im Harem Ali Pascha’s hatte Lady Bulwer vorgetanzt. Sie konnte mir nicht genug die Grazie und den Anstand rühmen, womit die Frauen die Lanciers tanzten. Der Eingang zum Harem war neben dem Rauchzimmer auf dem Gange, nur durch ein paar spanische Wände und Eunuchen verstellt, so daß die europäischen Damen immer frei ab- und zugehen konnten. Im Herrenhause machte die Fürstin von Samos die Honneurs.
Ali Pascha ist ein kleiner, langsam und bescheiden sich vorbei schiebender Mann, die unansehnlichste Figur seines ganzen Festes, in Allem das gerade Gegentheil seines Collegen und Vorgesetzten im Amte, Fuad Pascha’s. Der Großvezier ist eine hohe, breitschulterige, beinahe athletische Gestalt, heftig im Gange und in der Bewegung, und so auch im Worte, in seiner Denk- und Handlungsweise. Ali Pascha ist milde und versöhnlich, ein verkörperter Gedanke des Korans; Beide ergänzen sich und ihr Wirken. Der Orientale hat eine Selbstverläugnung der Eitelkeit, deren ich kein europäisches Volk fähig glaube; ihm ist mehr um das Wesen, als um den Schein zu thun. Man sehe sein Haus an, außen verfallene, ungehobelte Dielen, drinnen — wenigstens im Frauengemache, das kein Fremder betritt — kostbare Divane und Teppiche, und nun vergleiche man das mit unseren anmaßungsvollen Bauten! Das Haus ist der Mann, und so sich zu bescheiden in seinem Aeußern wie jenes weiß der Türke. Der Sultan hatte unmittelbar nach seiner Thronbesteigung, veranlaßt durch französische Umtriebe, Fuad Pascha entfernt. Nach kurzer Zeit sah er die Nothwendigkeit ein, ihn wieder in das Amt zu berufen. Fuad erklärte, daß der Sultan in den Augen seines Volkes nicht Unrecht haben und es auch nicht eingestehen dürfe; er trat also in das Ministerium ein unter einer Puppe von Großvezier, bis genug Zeit seit dem letzten Ministerwechsel vergangen war, daß der Sultan anständigerweise ihn auch wieder mit dem Range der obersten Würde bekleiden durfte.
Constantinopel, den 28. Juni.
Keine Stadt der Welt, Rom und Athen nicht ausgenommen, war reicher an öffentlichen Denkmalen, als das alte Constantinopel; alle hatte es bestohlen, um sich damit zu schmücken. Keine ist ärmer, als das heutige; so wird erniedrigt, wer sich selbst erhöht. Außer den drei Resten auf dem Hippodrome und dem Stumpfe der verbrannten Säule in der Gasse von dem At-Meidan nach dem Platze der Sultan Bajasid Moschee sind nur noch drei Säulenschäfte und der Sockel übrig, den man für den Unterbau der Reiterstatue des Justinian hält. Man gibt gewöhnlich diese Verwüstung dem Einfalle der Türken schuld; das aber ist ein Irrthum. Das Constantinopel, welches sie eroberten, war schon ein zerstörtes, halb niedergebranntes, seit der Plünderung durch die Kreuzfahrer nie wieder ganz erholtes. Nicht als ob nach dem Jahre 1261 die Bewohner der Stadt nicht wieder an Reichthümern zugenommen hätten; der Boden ist ein so günstig gelegener und so fruchtbarer, daß hier schneller als an jeder anderen Stelle der Welt Vermögen, die verloren waren, wieder gewonnen werden. Die Natur selbst hilft dazu; mit unwiderstehlichen Strömungen zwingt sie von beiden Meeren die Schiffe zum Einlaufen in den Hafen, so daß er mit gutem Grunde das goldene Horn heißt. Aber der Kunstsinn, oder wenn man das zu schmeichelhaft für die Byzantiner glaubt, wenigstens die Kunstliebe war nicht wiedergekommen. Nichts trieb die Paläologen an, die umgestürzten Säulen und Statuen wieder aufzurichten. Auch hatten die Lateiner das Meiste so zerstört, das Metall eingeschmolzen, um Waffen daraus zu schmieden, die Vergoldungen abgekratzt, den Stein zerschlagen und verbaut, daß nicht einmal das Rohmaterial mehr übrig war. An tugendhaften Vorwänden zu diesen Grausamkeiten fehlte es ihnen nicht; bald war es ein Theodosius, den sie fällten, weil er einem Bellerophon ähnlich an das Heidenthum mahnte, bald wieder die Schuld des griechischen Glaubensbekenntnisses, die der Marmor oder das Erz verantworten sollte. Nie ist eine Stadt furchtbarer verwüstet worden als Constantinopel durch die christlichen Glaubensbrüder seiner Bewohner; vielleicht hat erst unser Jahrhundert das Gegenstück dazu geliefert, die Franzosen in Pecking. Was die Türken später thaten, war unbedeutend im Vergleiche zu diesem Vorhergeschehenen. Sie richteten sich schon den Tag nach der Eroberung häuslich ein, und da man in seinem Hause in Ordnung zu leben wünscht, bestätigten sie den Fremden ihre Vorrechte und verliehen den Griechen diejenigen, die sie bis heute als festgegliederte Körperschaft in Religion und Nationalität ungeschmälert bestehen ließen. Die Türken eroberten eben mit dem Gedanken und mit dem Willen an dauernden Besitz; die Lateiner hatten im Grunde ihres Herzens nie etwas Anderes gewünscht, als sich zu bereichern und mit dem Raube, jeder Einzelne für sich, in die Heimath zurückzukehren. Darum dieses unverständige Belasten des Volkes mit den Institutionen eines Fremdlandes; sie zeigten sich als unfähige Colonisatoren, wie sie sich auch später wieder in Amerika und Afrika bewährt haben. Wer gegen die Unduldsamkeit der Türken schreit, soll nur diese beiden Eroberungen derselben Stadt mit einander vergleichen und dann zusehen, auf welche Seite hin die Gerechtigkeit den Stein des Vorwurfes schleudern muß. Der einzige Fehler der Türken ist, daß sie von den ihnen übrig gelassenen Denkmälern nichts erhalten, wenn es nicht ihrem Cultus dienstbar ist; was verfällt, das lassen sie fallen. Aber wie lange ist es denn her, daß wir es anders machen?!
Den Sockel zu der Reiterstatue des Kaisers Justinian zeigte man mir zwischen dem At-Meidan und der Aja Sophia. Das entspricht der Lage, welche die alten Schriftsteller diesem Denkmale anweisen. Noch Gilles, der die Trümmer der Statue in der Gießerei sah, sagt: daß sie an der Ecke der Sophienkirche gestanden habe, welche gegen Westen schaut. Man steigt heute zu dem Würfel hinab, ungefähr gerade so tief, wie zu dem Boden der Aja Sophia; ein Brunnen ist darin angebracht, Häuser stehen darauf; ringsherum liegt die Erde in derselben Höhe wie auf dem Hippodrom und um die Aja Sophia aufgeschichtet. Trotzdem habe ich meine Zweifel, daß dieser Steinwürfel wirklich der gewesen sei, der die Statue des Pandekten-Kaisers getragen.
Ein anderes dieser Denkmäler, das ich erst heute besah, ist bei der Laleli Djami vorbei, die gerade Gasse weiter, einem großen Brunnen vorbei, im Viertel Awret-Bazar, die sogenannte Säule des Arkadius. Es sind dieses eigentlich nur mehr der Sockel und die untersten Blumengewinde der Säulenbase, aber sie verrathen schon, wie ungeheuer und weitbeherrschend dieses Denkmal gewesen sein müsse. Weit hinaus übersahen wir von der Höhe Meer und Land; ein türkisches Linienschiff, von der Schraube bewegt, dampfte eben in den Bosporus. Eine Weile ließ mich der Ausblick alles Andere vergessen. Die Mauern und die Treppe darinnen sind aus Marmorblöcken gefügt von überraschender Größe; sie brechen auseinander. Der Stein ist geschwärzt und verkohlt, wie die Säulen im Palaste der Blachernen; ein Zeichen, daß zuletzt wenigstens das Feuer an der Zerstörung der Säule gearbeitet haben muß. Kein Wunder, denn außen herum sind Holzhütten gebaut und im Innern des Sockels hat ein Schmied seine Werkstätte eingerichtet. In dem Plafond des Treppenabsatzes ist ein großes gleichschenkliches Kreuz ausgehauen und in den vier Ecken, die seine Arme ausschneiden, ein Alpha und Omega; so wenigstens übersetzt Professor Dethier die zwei Zeichen Α und ω. Man hat das zweite früher als ein zufällig schief gestelltes E gedeutet und dazu Arkadius und Eudoxia ergänzt, so daß der Beweis fertig schien, daß dieses die Säule des Arkadius gewesen, welche ihm für seine Siege über die Gothen aufgestellt worden war. Ein ganzer Theil des byzantinischen Stadtplanes wurde um diese Entdeckung aufgebaut; so leichtgläubig und behende sind die Archäologen. Ihre Wissenschaft ist mir beinahe gerade so verdächtig, als die der Statistiker. Um einen ausgegrabenen Stein mit wenigen sinnlosen Buchstaben darauf bauen sie ein ganzes Gebäude, um das Gebäude eine Stadt; das einmal Aufgestellte wird dann durch Jahrhunderte geglaubt, verwirrt alle Vorstellungen und hindert die weiteren Forschungen. Gerade hier in Constantinopel, je mehr ich mich umsehe, erkenne ich die Nothwendigkeit, tabula rasa mit den Vorstellungen des bisher Erforschten zu machen. Vielleicht würde sich dann auch der bisherige Name dieser Säule als ein ungerechter beweisen. Ich glaube viel eher, daß er der crenelirten mit dem reichen korinthischen Kapitäl in den Gärten des Serais zukomme. Die dortige Inschrift macht es wahrscheinlich: „dem Besieger der Gothen“; das war Arkadius vor Anderen besonders. Die Angabe Pouqueville’s, die ihm Hammer als ein Mißverstehen des Gilles rügt, dürfte mit meiner Vermuthung auf der Wahrheit beruhen.
In dem ehemaligen Stadtviertel der Janitscharen suchte ich das letzte der altconstantinopolitanischen Denkmäler, das mir noch zu besichtigen übrig blieb, die Säule des Marcian. Die Türken nennen sie Kistasch, Mädchenstein, und glauben, daß darauf einmal die Statue der Venus gestanden, von der die Tradition wie die Chroniken erzählen, daß sie die Jungfrauschaft der Vorübergehenden durch das sonderbare Mittel geprüft habe, ihnen die Röcke auffliegen zu machen, wenn sie eine nicht mehr ganz reine war. Ich möchte auch diese Tradition nicht unberücksichtigt gelassen sehen, wenn wieder einmal die Herstellung eines Stadtplanes des alten Constantinopels versucht wird. Trotz der Inschrift, welche alle Zweifel zu verbannen scheint, wer weiß denn, was früher und was später auf dieser Säule gestanden und ob das Wort des Volksmundes nicht ein Körnchen davon festgehalten hat? Hammer hat sie jedenfalls nicht richtig gesehen; der Schaft ist nicht von weißem Marmor, wie er erzählt, sondern von Granit. Die Säule steht eingesperrt in dem engen Hofe eines türkischen Hauses, ein kleines Gärtchen davor und so hinter Mauern versteckt, daß, da wir schon von den Pferden abgestiegen waren, ich ihrer noch immer nicht gewahr wurde. Es brauchte viele Versprechungen, bis uns ein altes Weib das Gartenthor öffnete. Durch einen Laubgang traten wir ein; Alles klein in dem Garten, aber sorgsam gepflegt, voller Schlingrosen und Granatblüthen. Die Alte zog sich schnell zurück und ließ uns als die Herren des Raumes; ihr mußte schon der kurze Verkehr mit fremden Männern als sündhaft erscheinen, und nur das reichliche Trinkgeld und ihre Armuth mochten sie dazu bestimmt haben. Den Hof, der nur wenige Schritte groß, so daß nirgends recht ein Standpunkt zur übersichtlichen Würdigung der Säule zu finden ist, verengen auch noch Erd- und Misthaufen, doch ist der Sockel soweit frei, daß man unterscheidet, hier, wie auch bei der sogenannten arkadischen Säule, ausnahmsweise zugleich mit dem Denkmale unmittelbar auf der Erdschichte des alten Constantinopel zu stehen. Das zeigt nur, welche Masse von Verwüstungen die Gegend des Hippodroms und der Aja Sophia heimgesucht und welche Menge von Stoff für die Zerstörung dort gestanden haben muß. — Bis auf die Statue ist die Marcians-Säule in ihrer ursprünglichen Höhe erhalten. Sie ist niedrig und überragt nicht wie die anderen Denkmäler des alten Constantinopel die Bauten der Neuzeit. Auf der einen Seite hat auch sie das Feuer verletzt; Sockel, Schaft und Kapitäl sind dort verkohlt. Vielleicht daß das ein Rest der furchtbaren Feuersbrunst ist, welche gelegentlich der Janitscharen-Vertilgung dieses Quartier niederlegte. Wahrscheinlich standen damals die Holzhäuser noch näher darum. Die Arbeit an der Säule ist zierlich, ohne edel zu sein; das Kapitäl, korinthisirend, ist nicht geradlinig über den Sockel, sondern mit seinen vier Kanten über die Ecken des Sockels gelegt. In dieser Weise
Diese Mode, sein Bild auf eine Säule hoch über andere Mitgeborene hinauf in die Lüfte zu stellen, wie das hier in Constantinopel und in dem Rom der Kaiserzeit üblich war, beweist mehr als alles Andere den Hochmuth und den Ungeschmack der Zeit. Das Naturgemäße, das, was dem Zwecke entspricht, ist, die Statue dem Beschauer gegenüber zu stellen, damit er ihre Züge und das Detail der Arbeit erkenne. So hatten die Griechen ihre Kunstwerke aufgestellt und zu solcher Beschauung die griechischen Künstler sie gearbeitet. Kein Bau ist bei ihnen so hoch, daß nicht das freie Auge daran die bildhauerische Ausschmückung unterscheiden könnte. Erst als die Kunst verfiel, wuchs sie ins Riesenmäßige aus; die Quantität sollte ersetzen, was die Qualität nicht mehr gab, und als dann im selben Grade mit dieser geistigen Verschwächung — wie das nun immer geschieht — die Einbildung der Menschen stieg, da stellte die Kunst ihre schlechter verfertigten Werke den Vögeln zur Nachbarschaft und Anschauung aus. Vielleicht glaubten sich auch dort oben die Kaiser sicherer, als sie es unten gewesen wären vor den Beleidigungen und Steinwürfen der Unglücklichen, die sie mißhandelt hatten; denn die meisten errichteten ja sich selbst diese Denkmale. Keines dieser Götzenbilder steht mehr auf seinem luftigen Platze, ja keines lebt mehr. Die älteren, bescheideneren Statuen, die sich auf der Erde hielten, zeugen wenigstens noch, aufgehoben in irgend einem Museum, von der Kunstfertigkeit der Meister, die sie geliefert haben. Stellten die Griechen einmal Denkmäler in die Lüfte hinauf, wie die siegmeldenden Dreifüße in der Tripoden-Straße zu Athen, um wie vieles geschmackvoller, mit welch’ richtigerem Sinne für die Verhältnisse formten sie ihnen dann den Unterbau! Aus breiter Basis wuchs eine reiche Blüthe empor, die sich oben nach allen Seiten entfaltet. So das Denkmal des Lysikrates, wie es noch heute erhalten ist. Ich kenne nichts widersinnigeres und mir in der Erscheinung widerwärtigeres, als solch’ eine spindeldürre, hungerleiderische Säule, die auf ihrer Endlosigkeit ein kleines Männlein trägt, von dem unten geschrieben steht, daß es diesen oder jenen berühmten Helden vorstelle. Wenn es sonst gesetzlich ist, daß der Zweck das Mittel rechtfertige, so ist hier diese Lehre beinahe in umgekehrter Weise angewendet, denn das Männchen scheint mehr der Säule wegen da als sie seinetwegen. Der ernstliche Zweck einer Säule ist zu tragen, aber eine Last zu tragen, nicht dieses quintchengroße Pünktchen. Und die geistige Bedeutung des Mannes — wie wohl auch behauptet werden könnte — wenigstens symbolisch mit zu stützen, das kann doch unmöglich als die ernstliche Aufgabe einer so durchaus körperlichen Erscheinung, wie es eine Säule ist, gemeint sein. Von allen Mustern, die uns das Alterthum hinterlassen hat, ist keines öfter als dieses geschmacklose nachgeahmt worden, und Paris, die Hauptstadt der Civilisation, ging allen anderen Sündern mit dem fleißigsten Beispiele voran.
Constantinopel, den 29. Juni.
Wo man auch hier steht und wie fest man den Entschluß mitgenommen, immer wieder vergißt man im blos genießenden Anschauen der Gegenwart den lehrreichen Rückblick auf die Vergangenheit. Meine gestrige Wanderung zu den Säulen des alten Constantinopel hatte mir den Gedanken gegeben, einen übersichtlichen Plan der ehemaligen Stadt zu gewinnen. Ich wollte dazu vor allem die Natur des Ortes reden und den Augenschein entscheiden lassen. Der günstigste Standpunkt, wie eigens zu diesem Zwecke geschaffen, ist der Thurm des Seraiskeriats. Mit seiner Höhe überschaut er die ganze Gegend, läßt ihre natürlichen Bedingungen und Vortheile erkennen, und mit seiner Lage — beinahe mitten in der Stadt — gibt er dem Auge ziemlich weithin den Faden durch das Labyrinth der Gassen und Gäßchen. Aber alle mitgebrachten Absichten waren vergessen, als ich erst oben vor der ausgebreiteten Landschaft stand; wie Nebelbilder, weggeblasen von einem einzigen Windstoße, löschte sie der erste Blick aus. Der Himmel war wolkenlos und die Luft so durchsichtig, daß das Auge auch noch unmögliche Entfernungen zu sehen wähnte. Die Felsen der Prinzen-Inseln warfen der scheidenden Sonne rothglühende Lichter zurück, so prachtvoll, daß es klar wurde, warum der liebe Gott sie gerade dort aus der blauen Fluth der Propontis hatte auftauchen lassen: Spiegel, das letzte Sonnenlicht aufzufangen und dem Tage das Leben noch um einige Augenblicke zu verlängern. Segel deckten das Meer so reichlich, daß es aussah, als habe der himmlische Sämann den Samen weißer Lilien in diesen flüssigen Acker gestreut und gingen jetzt seine Blüthen auf, die der Wind mit leiser Bewegung begrüßte. Wo das Auge hinblickte, fand es Beweise der Herrlichkeit dieser Erde, unvergleichliche, wie ich sie wenigstens herrlicher auf keinem anderen Erdenflecke noch gesehen. Ungeheurer als jemals erschien mir der Umfang und die Bedeutung der Stadt, besonders des gegen die Landseite gelegenen Theiles. Im goldenen Sonnendunste verschwanden dort ihre Grenzen. Es dauerte eine gute Stunde, bis ich mich so weit gesammelt hatte, um auf die mitgebrachten Pläne zurückzukommen.
Gewöhnlich nimmt man an, daß der Raum, welchen das alte Byzanz bedeckte, genau der des heutigen Serai gewesen sei, und daß dann später auf dieser Stelle der Palast der römischen Kaiser gestanden habe. Das sind für die Stadt, welche auf dem unausweichlichen Stationspunkte einer der wichtigsten, wenn nicht sogar der hauptsächlichsten Handelsstraßen der damaligen Welt stand und welche beinahe tausend Jahre alt war, als sie Constantin zu seiner Residenz erwählte, zu enge Grenzen. Doch auch die weiteren, welche ihr Hammer zieht, halte ich für irrige. Gleich zu Anfange seines Werkes „Constantinopel und der Bosporus“, wo er den Umfang der Stadt bespricht, behauptet er: daß diese vor der Zeit des Constantin durch eine Mauer von Tschatlady Kapu (dem geborstenen Thore) auf der Seeseite quer über den Rücken der Hügel hinauf, an der verbrannten Säule vorüber, nach der Hauptmauth auf dem Ufer des goldenen Hornes hinab abgesperrt gewesen sei. So heißt es Seite 60 und später wieder S. 166 des ersten Bandes; S. 155 verengt diese Grenze auf den Platz vor dem großen Serai-Thore, Baby Humajum, und S. 174 und 180 vergrößert sie wieder und diesesmal sogar bis zu dem Platze des Seraiskeriates. Das sind also in demselben Buche für dieselbe Stadt drei Grenzen, und das nur, weil die Flüchtigkeit der Arbeit weder den Ort zu sehen, noch die alten Schriftsteller zu lesen verstand. S. 60 nennt den Platz der verbrannten Säule das Forum Constantini; S. 127, wo die Plätze der Stadt aufgezählt werden, trennt dieses Forum von dem des Augusteon bei der Aja Sophia; S. 150 läßt aber beide wieder eins sein. Dadurch kömmt z. B. der goldene Meilenzeiger zugleich auf den Platz bei der Aja Sophia und auf den der verbrannten Säule zu stehen; denn S. 154 erklärt, daß der Meilenzeiger auf dem Augusteon (nach Hammers Ansicht dem Platze vor dem heutigen Serai), S. 155 an der Stelle des ehemaligen Stadtthores gestanden habe. Dieses aber stand nach S. 60 auf dem Forum Constantini an der Stelle der heute verbrannten Säule. Mit solchen Widersprüchen, die zugleich durch die noch heute sichtbare Natur der Dinge, aber auch durch die eigenen Behauptungen des Verfassers widerlegt werden, ist das Buch gefüllt. Wer hier die Dinge anschaut, oder auch nur das Buch vergleichend liest, d. h. eine Seite zurückschauend auf die andere, der muß sie mit Leichtigkeit finden. Unbegreiflich bleibt es mir, wie man so lange dieses Buch leichtgläubig excerpiren und seine Fehler abschreiben konnte. Hammer war ein fleißiger Forscher, aber offenbar ein unordentlicher Haushalter. Die Excerpte seiner Forschung scheint er gegenstandlos untereinander gemengt und ohne Rücksicht auf einen Grundgedanken in den Text seines Werkes aufgenommen zu haben. Es scheint ihm mehr um das Forschen, als um das Beweisen zu thun gewesen zu sein. Dadurch allein ist erklärlich, wie er gegentheilige Behauptungen in demselben Buche aussprechen konnte. Mir sind, ich gestehe es aufrichtig, nach diesen Erfahrungen, die ich an dem einen Werke gemacht, auch die zehn Bände seiner osmanischen Geschichte verdächtig geworden. Noch schwächer denn als Historiker, erscheint er als Topograph. Die wirklichen Dinge zu sehen scheint er sich gar nicht bemüht zu haben. Den ägyptischen Obelisken auf dem At-Meidan läßt er an der Stelle der Schlangensäule stehen, diese dort; die verbrannte Säule läßt er dorischer Ordnung, die des Marcian aus weißem Marmor und die Kyaneeischen Inseln nur eine Klafter hoch sein. Das läßt übrigens das andere Verdienst dieses Mannes unangegriffen, uns den Orient überhaupt erst erschlossen zu haben. Dieses „Sesam, öffne Dich“ hat ihn unter die Heroen der Wissenschaft gestellt.
Vergleiche ich nun den Dio Cassius und die Schilderung, welche dieser uns von der Stadt Byzanz gegeben, mit dem Blicke, den ich heute vom Seraiskeriatsthurme herab auf Land und Meer geworfen habe, so möchte ich die Stadt des Byzaz überhaupt nicht so sehr à cheval auf dem Terrain der heutigen Seraispitze, als vielmehr von jenem Vorgebirge aus tiefer in das goldene Horn hinein, vom Strande die Hänge der Hügel hinauf gebaut denken, so wie Neapel, Genua und Triest auf ihren Bergen um ihren Golf stehen. Die festen Quadermauern, welche Dio Cassius so sehr bewunderte, werden dann auf den Kämmen der Hügel hinter der Stadt fortlaufend, östlich neben der Aja Sophia, das Terrain des heutigen Serais berührt haben, und dort zu dem Canale des Bosporus hinabgestiegen sein. Dadurch war der Stadt der Rücken gegen die damals in den Begriffen der Menschen noch unwirthliche See gedeckt und doch hatte sie die günstige Lage an einem Meerbusen und auch die andere vorschauende und beherrschende auf dem Vorgebirge, das eine Seestraße sperrt. Die Stadt mag in dieser Stellung bis zu der heutigen zweiten Hafenbrücke gereicht haben. In diesem Plane auch nur finde ich die Möglichkeit, die beiden Häfen anzubringen, von deren Vorhandensein in dem Ufer Dio Cassius berichtet. Das ganze Vorgebirge der Seraispitze, worauf man sich gewöhnlich diese erste Stadtanlage denkt, bietet keinen Punkt, der einmal zu einem Hafen tauglich gewesen wäre. Der Bosporus schoß dort immer mit derselben Strömung wie heute vorüber, und seine Wirkung ist es wohl, die diese Küste so gleichmäßig abgerundet hat.
Der Raum oben auf den Hügeln, der Platz vor dem Serai, der der Aja Sophia, der At-Meidan und die Gasse der verbrannten Säule gehörten schon zu dem Lande außerhalb der Thore, das Constantin dann zur Anlage seiner Neustadt benutzen konnte. Ein Thor mag auf der Stelle des heutigen Seraiskeriates, dem forum tauri der constantinischen Zeit, gestanden haben. Erst die Erweiterung des späteren Bedürfnisses drängte die Stadt auf der anderen Seite der Hügel zum Marmora-Meere hinab. Uebrigens concentrirt sich heute noch auf den Uferwänden des goldenen Hornes das meiste Leben. Nichts im Dio Cassius berechtigt zu der Vermuthung, daß die Stadt schon zu seiner Zeit auch an der Propontis gelegen habe. Er schildert nur, daß der Bosporus, aus dem Pontus Euxinus kommend, sich an einem Vorgebirge breche, mit einem Theile seiner Wasser in den Busen und die Häfen der Stadt einbiege, mit dem größeren Theile aber an der Stadt vorüber in den Propontis hinaus ströme. Also an ihr vorüber, aber nichts davon, daß die Stadt auch von den Fluthen der Propontis benetzt werde; im Gegentheile, die ganze Darstellung verweist sie mit ihren Häfen mehr in den Busen des goldenen Hornes, was auch das Naturgemäße, das durch die Forderungen der damaligen Schifffahrt mehr noch als durch die der heutigen Gebotene war. So sehr bin ich von der Naturnothwendigkeit dieser Lage überzeugt, daß ich nicht einmal das zugebe, daß der erste Keim, der Anfang der Stadt auf der Seraispitze gelegen habe. Dort mag zu Vertheidigungszwecken, wie bei allen Städten des Alterthums, auf der Höhe die Akropolis angebracht gewesen sein und unten auf der Landspitze nach griechischer Sitte der Tempel irgend einer Meerfahrt beschützenden Gottheit. Aber die erste Anlage der Häuserstadt war gewiß unten auf dem ebenen Felde bei der heutigen Hauptmauth, wo sie in einem kleinen Seitenhörnchen des großen goldenen Hornes ruhiges Seewasser vor sich und Windstille im Rücken hatte. Heute noch ist auf diesem Flecke die größte Geschäftigkeit gesammelt, als solle ein fortlebender Zeuge beweisen, daß dieses in der That die Altstadt, die City sei. Nach und nach wird sie sich nach rechts und links hinüber ausgebreitet haben, so daß die Stadt, welche Septimus Severus bekriegte, die ganze Seraispitze mit demselben Gedränge enger Gassen erfüllte, welches den Städten des Alterthums mehr noch als unseren Bürgerstädten des Mittelalters eigenthümlich war.
Es ist eine irrige Meinung, welche behauptet, Septimus Severus habe die Stadt, die er erobert, zerstört; er behandelte sie nur wie ein Dorf, d. h. er nahm ihr die städtischen Rechte und Privilegien. Seine Soldaten mögen bei der Plünderung manchen Bau und manches Denkmal verwüstet, viele Bürger niedergemetzelt haben; aber daß sie oder ein späterer Befehl des Kaisers die Stadt, wie das im Alterthume öfters geschah, dem Erdboden gleich gemacht und die Einwohner gefangen weggeführt hätten, um eine andere Stelle des Reiches zu bevölkern, steht nirgends geschrieben. Im Gegentheile der Kaiser selbst stellte die Stadt wieder her und muß dabei sogar die Absicht gehabt haben, sie noch zu verschönern, denn vor ihren Mauern kaufte er ein freies Feld und begann ihr dort eine Rennbahn zu bauen, groß und fest, wie sie nur Rom besaß. So fand Constantin die Stadt und ihre Umgebung, als er den Entschluß faßte, hierher seine Residenz zu verlegen. Aber auch wenn Septimus Severus weniger großmüthig gehandelt hätte, so mußten doch die 129 Jahre, die vom Jahre 196 bis zum Jahre 325 nach Chr. vergingen, die Wunden der Eroberung wieder geheilt haben. Auch ohne jedes besondere menschliche Zuthun, die blos natürlichen Verhältnisse des Ortes, die Gunst seiner Lage und die Fruchtbarkeit des Bodens mußten das zustande bringen. Es gibt Erdenflecke, die nicht steril zu legen sind. Constantin fand eine ansehnliche und volkreiche Stadt schon vorhanden und — mag nun die Anschauung recht haben, die sie auf den ersten Hügel, den Umfang des heutigen Serais, beschränkt, oder die meinige, die sie von diesem Vorgebirge weg dem goldenen Horne entlang nur auf der einen Seite der Hügel gebaut denkt — in jedem Falle auch von ihr die Stätte des heutigen Serais besetzt. Dort stand die Akropolis und um sie wahrscheinlich ein Stadttheil, der gedrängt und bevölkert, alt und eben darum werth in der Erinnerung der Eingeborenen war. Daß Constantin alle diese Gefühle, daß er alt angesiedelte Existenzen wegrasirt haben sollte, um an ihre Stelle auf das Vorgebirge des Serais seinen Palast zu bauen, wie Hammer behauptet, das ist bei aller Rücksichtslosigkeit, welche den damaligen Machthabern zugeschrieben wird, doch nicht anzunehmen. Er kam, um eine Stadt zu vergrößern, nicht um eine zu zerstören. Der Eindruck des heute Bestehenden hat da in einen Irrthum verführt, der durch nichts sonst zu rechtfertigen ist; denn auch die späteren Pläne und Beschreibungen der Stadt zeigen uns auf dieser Landspitze nichts, welches dem kaiserlichen Palaste ähnlich befunden werden könnte. Es sind Bad- und Kirchenanlagen, und immer wieder die Akropolis, welche dort erscheinen. Und mehr noch, ich möchte sagen, die Gegenwart selbst zeugt gegen diese Vermuthung. Was sollte die schöne korinthische Säule, welche in den Gärten des Serais steht, in den Räumen des alten Palastes, dessen sonst doch so eingehende Beschreibungen ihrer nicht erwähnen? Es scheint mir das ein gewichtiger Grund, den Hammer übersah, und den auch La Barte zu Gunsten seiner Behauptung, daß der Palast neben dem Hippodrom, dort, wo heute die Achmedjie, den Hügel hinab bis zum Meere gelegen habe, nicht verwerthete.
Den Hippodrom fand Constantin begonnen; der machtvolle Quaderunterbau, der die Fläche der Hügel verlängert, war vollendet, ein Theil der Sitzreihen und das nördliche Kopfende standen, er hatte nur den südlichen Halbkreis abzuschließen, die Stufen fertig zu bauen und die innere Einrichtung herzustellen. Was konnte ihm bequemer sein, als neben das Theater, das damals schon wie ein Haupterforderniß so auch der hauptsächlichste Schauplatz des römischen Lebens war, sein Haus hinzubauen? So kam der neue Wohnsitz der römischen Kaiser auf den Hügelabhang östlich vom At-Meidan mit der Aussicht auf den Propontis zu stehen. Wenn jene Zeit Städte gründete, einen Palast und ein Theater baute, dann baute sie auch eine Kirche, und besonders Constantin mußte das, der ja des Glaubens wegen hierher übersiedelte. Wie obdachlos wären die heutigen Gläubigen, wenn nicht die Vorfahren unseren religiösen Bedürfnissen vorgesorgt hätten. Die Basilika der h. Weisheit, ein Langbau mit dem üblichen hölzernen Dache, entstand in der unmittelbaren Nähe des kaiserlichen Palastes und der Rennbahn. Der Platz, der zwischen diesen Neubauten frei blieb, bildete sich von selbst als Forum, das wie die zu Rom von Säulenhallen umfaßt war. Man hat immer besondere Schwierigkeiten, sich diese fora vorzustellen, und doch existirt eines und ist heute noch in praktischem Gebrauche, das sie in genauer Nachahmung fortsetzt. Der Marcusplatz ist offenbar wie das Meiste des altvenetianischen Lebens nur eine Copie des zu Constantinopel Gesehenen. Von den vielen foris und von den Gassen, die mit Hallen eingefaßt, diese Plätze untereinander verbunden haben, mögen die Säulen herrühren, die zu Scheiterhaufen geschichtet in den Stadtmauern liegen. Die ganze Gebäudegruppe, der Palast, der Hippodrom und die Basilika der h. Weisheit, womit Constantin seine Stadtgründung begann, lag also unmittelbar vor den Mauern der Altstadt, theilweise vielleicht sogar auf dem Grunde dieser Mauern selbst, da sie gewiß niedergerissen worden waren. Es war das die beste Lage, die gewählt werden konnte, denn sie gab zugleich den Neubauten beliebigen Raum zu ihrer Ausbreitung und stellte sie doch in den Mittelpunkt des Verkehrs, weil sofort die Neustadt sich ringsherum fortpflanzte. Wer diese Lage des römischen Kaiserpalastes bezweifelt, weil sie ihm weniger vortheilhaft und weniger schön als die des heutigen Serais erscheint, dem antworte ich, daß sie immer noch schöner und vortheilhafter, als die jedes anderen Fürstenschlosses ist. Er steige nur auf einen der Minarete der Achmedjie, und sehe vor sich, und rechts und links hinüber unten das Marmora-Meer, die Prinzen-Inseln, die Küsten von Europa und Asien wie zur Umarmung ausgebreitet, und im Hintergrunde die röthlichen Gebirge von Nikomedien und Bithinien, den schneebedeckten Olymp zu oberst, aufsteigen: ein Bild, so prachtvoll, daß er gewiß in der Betrachtung das Verlangen nach einem prächtigern verliert. Ueberdies ist es mir wahrscheinlich, daß der Grund und Boden des heutigen Serai, damals verstellt durch enge und schmutzige Gäßchen, Niemanden die entzückende Aussicht ahnen ließ, die er heute bietet.
Anfangs stand der kaiserliche Palast gewiß ausschließlich oben auf der Höhe, etwas tiefer zwar als der Hippodrom, denn eine Stiege führte von jenem zu diesem hinauf, aber doch immer auf der obersten Stufe des Hügels. Der Grund davor, bis zum Meere hinab, wird dem kaiserlichen Eigenthume vorbehalten geblieben sein. Gärten werden sich den Hügel hinab gezogen haben, und unten vielleicht damals schon der portus palatii (Palasthafen) angelegt worden sein. Erst die späteren Kaiser füllten diesen weiten Raum mit immer neuen Gebäuden. Der Palast selbst zerfiel dann, als er einmal so angewachsen war, in drei Hauptabtheilungen. Die beiden, welche Chalke und Daphne genannt wurden, hatte schon Constantin erbauen und Justinian nach dem Brande beim Aufstande der Nike wieder herstellen lassen. Die dritte Abtheilung, der heilige Palast, das spätere eigentliche Wohnhaus der Kaiser, verdankt sein Werden zumeist Justinian II., dem prachtliebenden Theophilus und Basilius dem Macedonier. An diese Hauptkörper setzten sich eine Menge Nebenbaulichkeiten an, Kirchen, Gallerien, Säulengänge, Arkaden, auch eine Privat-Rennbahn. Zuletzt baute noch Kaiser Theodosius II. unten auf den Strand einen vierten Palast, den sogenannten Bukoleon, welchen Nicephorus Phocas im 10. Jahrhundert in eine befestigte Burg verwandelte. Nicht als ein massiges zusammenhängendes Ganze muß man sich diesen Wohnsitz der römischen Kaiser vorstellen. Er war kein Louvre und keine Tuilerien, er war ein versteinertes Zeltlager, so recht in jener Art des Orients gebaut, die der Boden und das Klima hervorgebracht haben und die alle Völker unter diesem Himmelsstriche wiederholen. Und wie der Grundriß, so war auch die Ausschmückung des Baues getreu dem orientalischen Geschmacke, kostbares Gold, Mosaikgebilde, Marmortäfelung und Metallbekleidung. Musivische Bilder bedeckten die Kuppeln und die Wände bis zu wenigen Fußen über dem Boden. Unsere Gobelins sind nur eine ärmliche Nachahmung dieser Mode. Dem oströmischen Kaiserhofe galten Teppiche auch noch für den Boden zu schlecht; in den kaiserlichen Gemächern wurde dieser mit Goldsand bestreut, den ein regelmäßig eingeführter Schiffsdienst aus Afrika brachte. Vielleicht ist dieser byzantinische Hof das einzige Beispiel, welches all’ die Vorstellungen von orientalischer Pracht verwirklichte, die unsere Kinderphantasie so sehr beschäftigen.
Verlassen ward der Palast und vertauscht gegen den Wohnsitz im Stadtviertel der Blachernen erst im 12. Jahrhundert. Ich glaube, daß dieses, wie auch die Uebersiedelung der Sultane von dem Serai nach Dolma-Bagdsche mit einem Wechsel des Regierungssystemes zusammenhing. Das oströmische Kaiserthum ging von einer constitutionellen, wenigstens scheinbar noch immer durch den Senat gebundenen Form zu der einer unbeschränkten Monarchie über; die heuchlerische Maske, nur der erste Beamte des Senates zu sein, welche Augustus angenommen hatte und die seine Nachfolger fortwährend festhielten, ward offen abgelegt und der Kaiser zeigte sich nun auch aufrichtig in der Form als der Alleinberechtigte, als der Alleinwillige und der Alleinentscheidende, als der Allherrscher, wie er es in der That schon längst war. Es war das Herüberwirken des Occidentes, das diesen Wechsel verursachte; nach und nach war auch der Orient in feudale Formen gekleidet worden. Dazu aber brauchte der Kaiser noch mehr persönliche Sicherheit als bisher und die Vertheidigung mehr gegen die innere Stadt zu gekehrt als gegen außen, weil er gegen den inneren Feind allein stand, gegen den äußeren aber doch gewöhnlich die Hilfe seiner Mitbürger hatte. Aus diesem Grunde mag schon Nicephorus den alten Palast befestigt und die Uferburg des Bukoleon erbaut haben, und deshalb übersiedelte dann Manuel der Komnene ganz in den festen Palast der Blachernen. Der constantinische Palast war schon seines Umfangs wegen nicht zu vertheidigen, und hatte er früher manchen Aufständen widerstanden, so waren jetzt die Angriffswaffen andere geworden. Einmal verlassen, erlagen seine Mauern schnell dem Einflusse der Zeit. Sie waren gewiß wie alles Byzantinische zumeist Ziegel, der sich in Staub auflöst, und was daran Stein gewesen, mag der Rohheit der späteren Zeit geradezu als Steinbrüche gedient haben. Christof Bondelmonti, der 30 Jahre vor der Eroberung der Stadt durch Mohammed II. hier gewesen, sah nicht einmal mehr Ruinen; man kann also diese Zerstörung nicht den Türken Schuld geben.
La Barte (le Palais imperial de Constantinople, Paris 1861) hat die vollständige Restauration dieses Palastes auf dem Papiere versucht. Sein erster Gedanke trifft gewiß das Richtige, in der weiteren Ausführung geht er, wie alle Entdecker, zu weit; er baut Einzelnes auf, das jeder Architekt als unmöglich verwerfen wird und das in dieser Regelmäßigkeit auch dem Geiste des Zeitalters und der Bauweise dieser Himmelsstriche zuwider ist. Der Obelisk des Theodosius, der heute noch auf dem At-Meidan steht, und von dem man weiß, daß er auf der Mitte der Spina stand, ist der Ausgangspunkt seiner Arbeit. Zwischen dem Kaiserpalaste und der Aja Sophia denkt er sich das Forum Augusteon. Auf diesem stand unter anderen das große Reiterstandbild des Justinian, und zwar, wie der Augenzeuge Gilles angibt, an der westlichen Ecke der Sophienkirche. Ist der Brunnen, den man mir als den Sockel dieser Statue zeigte, richtig, dann müßte die Lage dieses Platzes in Uebereinstimmung mit diesen historischen Angaben als unwidersprechlich bewiesen gelten. Daß Hammer, der das Augusteon zwischen die Aja Sophia und die heutige Serai-Mauer, also östlich von der Kirche verlegt, auf diesem Forum aber das Reiterstandbild des Justinian und diesen westlich gelegenen Brunnen als den Sockel desselben behauptet, ist ein anderer Beweis von seiner wenig sorgfältigen Darstellung.
Will man gegen die Lage der constantinischen Kaiserpaläste auf den Hügelhängen neben dem Hippodrom die Frage einwenden, wie dann später das Serai auf die Stätte des alten Byzanz gekommen sei, wenn ihm nicht schon früher der römische Kaiserpalast dort den Platz vorbereitet hätte? so antworte ich, daß die fürchterlichen Feuersbrünste, welche unter den Lateinern beinahe wochenlang die Stadt durchwütheten, gerade dort am ärgsten hausten; daß sie einen großen Theil jener ältesten Stadt niederlegten; daß die Bevölkerung, die fortwährend abnahm, diese Stellen nicht mehr sehr bebaut haben mag, jedenfalls nicht mit Gebäuden, die ähnlichen Feuersbrünsten widerstehen konnten. Ganz Constantinopel war, als es Mohammed eroberte, mit Ruinen durchzogen, mit Ruinen, die aber weit älter als die Wunden dieser letzten Belagerung waren. Wem das unwahrscheinlich klingt, der erinnere sich an das Rom, wie es ihm nach den Kriegen des Belisar und noch später in seinen mittelalterlichen Zuständen geschildert wird. Uebrigens, da Mohammed nicht gleich auf die Seraispitze sein Haus baute, sondern sich zuerst auf dem Forum tauri einrichtete, wo ehemals der prachtvolle Triumphbogen des Theodosius II. stand und wo ich heute von dem Feuerthurme des Eski Serai (des alten Schlosses) meine Vogelschau hielt, entfällt der Beweis, der sich darauf stützen will, daß die directe Nachfolge des Serais für die frühere gleichartige Benutzung des Bodens zeuge. Erst später, nachdem er sich schon in der Constantins-Stadt eingelebt hatte, baute sich Mohammed eine Gattung von Lusthaus auf die Seraispitze. Der eigentliche Sultanssitz aber blieb bis zu des großen Soliman Zeiten das Eski Serai, das in der Mitte der Stadt auf der Hügelhöhe gelegen. Es mag daher rühren, daß sich dort nebenan der Besestan etablirte. Soliman war der erste Sultan, der mit Weibern und Kindern vollständig in die Köschke der neuen Seraigärten übersiedelte, sowie seine Nachfolger nun heute nach Dolma-Bagdsche ausgewandert sind. Das Eski Serai wurde Witwensitz der sultanischen Frauen. Heute stehen Kasernen hier und es bildet eine Art Castell, hat übrigens nichts mehr von den Bauten Mohammed des Eroberers übrig.
Der Boden dieser Stadt ist wie gedüngt mit dem Staube fürstlicher Paläste; an sechs Orten standen ihrer[A], und doch sind nur die spärlichen Ruinen im Blachernen-Viertel und die verwilderten Gärten des neuen Serais noch übrig.
[A] 1. Der heilige des Constantin neben dem Hippodrome; 2. das Bukoleon unten am Meere; 3. der auf dem Hebdomon im Blachernen-Viertel; 4. Pantokrator bei Kilisse Djami, der Wohnsitz der lateinischen Kaiser; 5. Eski Serai; 6. Jeni Serai.