VI. Der Bosporus.

Den 5. Juli, Dienstags.

Bujuk = groß, Dere = Thal, Großthal heißt das Dorf, dem der Name von der Gegend her geworden ist. Er ist ein altgebräuchlicher und von den Türken nur übersetzt worden, denn schon die Griechen nannten Dorf und Thal megas agros. Das Thal erstreckt sich weit in das Land hinein, wie eine Fortsetzung der Bucht, die nur emporgehoben aus dem Meere ist. Wiesen liegen darin, Felder hinter diesen und Büsche zwischen sie gemischt. Ein Bach kömmt durch das Thal zur See herab, und vorne, wo er mündet, beschattet ihn die große Platane; die Wasserleitung des Sultans Mahmud sperrt den letzten Hintergrund. Die hohen riesigen Bogen dienen der Wirkung des Bildes, von wo aus man es auch sehen mag, auf das vortheilhafteste. Gestern Abend, da ich sie zum ersten Male sah, verschwanden sie halb in dem glühenden Golddunste der gerade dahinter untergehenden Sonne. Die Bucht vor dem Thale ist nächst der des Goldenen Hornes die größte des Bosporus. Da sie nahe seiner Mündung in das schwarze Meer ist, dient sie immer einer Menge von Schiffen als Hafen, die hier vor dem Auslaufen in die See die letzte Rast oder nach dem Einlaufen die erste erquickliche Erholung suchen. Besonders Abends finde ich sie voll gefüllt; gestern und heute zählte ich nicht weniger als 90 Segelschiffe, die hier vor unsern Fenstern die Anker geworfen hatten. Da die See gleich am Strande eine bedeutende Tiefe erreicht, so liegen die Schiffe bis nahe an das Land; das gibt besonders Nachts, wenn die Körper sich gespenstig ausdehnen, die leeren Maste sich hin- und herwiegen, ein schwerer Ruderschlag in’s Wasser fällt und der Schiffshund dem abstoßenden Boote nachbellt, poetische Effecte. Die größten Seedampfer können, wenn sie im weiten Bogen in die Bucht eingefahren kommen, um die Posten der Gesandtschaften mitzunehmen, hart vor den Botschaftspalästen anlegen. Das Dorf liegt nicht, wie man es erwarten sollte, im Schooße dieser Bucht; es hat sich den engsten, aber wenn man erst einen Tag hier gewesen begreift man das, trotzdem den bequemsten Platz der Bucht ausgesucht. Vom schwarzen Meere fallen fortwährende Nordwinde in den Bosporus herein; die hat das Dorf von Bujuk-Dere in seinen Rücken genommen und diesen deckt ihm der Kabatasch Dag, ein steiler Berg von 770 Fuß Höhe, der höchste auf den Ufern des Bosporus. Gar oft sieht man von Bujuk-Dere aus die Wasser des Bosporus in wilder Bewegung und wie die gegenüberliegenden Hügel vom Sturme förmlich abgekehrt werden, während man bei sich daheim und in dem Meere unmittelbar davor auch nicht einen Luftzug empfindet. Dabei entbehrt man doch nicht der Kühle, die dadurch in die Luft gebracht wird. Heute Abends z. B. mußte ich nach dem Essen, das war um 10 Uhr, den Ueberrock umnehmen; in Pera auf der Terrasse würden wir nur nach Luft, mehr Luft geschnappt haben. So hat das Dorf von Bujuk-Dere alle Vortheile des Bosporus, ohne einen seiner Nachtheile zu haben. Nur eines fehlt ihm, der Blick auf’s freie Meer, auf die Oeffnung in den Pontus Euxinus, der Therapia und Kiredsch Burun so reizend macht.

Der Ort zerfällt in zwei Hälften, in das eigentliche Dorf, das wohl auch der erste und älteste Theil desselben ist, und in die Häuserreihe der Fremden und Reichen. Das Dorf steht näher dem Mittelpuncte der Bucht, ist klein und winklicht, ärmlich und schmutzig, voller Hunde und schreiender Verkäufer, die Gassen von offenen Verkaufsbuden eingefaßt, von Leinwandfetzen überspannt; Reben, die sich wild emporschlingen, und die ruhigeren Häuser, zwei und auch drei Stockwerke hoch, um die Aussicht zu gewinnen, hinter diesem Gedränge schon den steilen Berg hinauf. Nur wenige Villen der Vornehmen liegen in diesem Ortstheile, und diese alle so, daß die Hausthüre unmittelbar auf die See hinaus geht, darunter die, welche der österreichische Internuntius gewöhnlich bewohnt. Die anderen Landhäuser der Reichen stehen in weiterer Fortsetzung von dem Dorfe auf dem Quai, der sich der Bucht entlang bis zu ihrem Vorgebirge hinzieht, wo sich Bujuk-Dere an Ssaryjeri, eine andere Ortschaft des Bosporus, anschließt. Diese Landhäuser haben ein freundliches, wenn auch für unsere Begriffe kein prächtiges Aussehen, denn auch sie sind aus Holz gebaut, die meisten weiß angestrichen. Das Schöne daran sind die Gärten; die ziehen sich hinter den Villen mit Cypressen- und Pinien-Alleen, mit Lorbeer- und Rosenhecken, mit Terrassen und Fontainen hoch den Kabatasch Dag hinauf. Eines der schönsten Landhäuser gehört der russischen Regierung; außer ihr und Oesterreich wohnt keine europäische Großmacht in Bujuk-Dere. England und Frankreich sind in dem gegenüberliegenden Therapia angesiedelt und Preußen wohnt dort zur Miethe in den wenigen Stuben eines Gasthofes.

Von dem Quai aus hat man die Aussicht auf den anderen Arm der Bucht, wo die Hügel von Kiredsch Burun und das Vorgebirge von Therapia sich erheben, auf das Ufer von Asien mit seinem Riesenberge und dem Vorgebirge von Chunkiar Iskelessi, wo das verlassene Schloß einer ägyptischen Prinzessin immer am längsten mit seinen Fensterscheiben das rothglühende Licht der untergegangenen Sonne festhält, und auf den Bosporus, der dazwischen liegt, an keiner Stelle breiter als hier, und dessen Wasser an diesem Punkte selten anders als in wogender Bewegung sind. Stündlich gehen und kommen Dampfer nach und von Constantinopel. Abends, wenn die Leute ihre Geschäfte in der Stadt abgethan haben, ist dieser Verkehr besonders lebhaft; dann kommt jede Viertelstunde ein Dampfer und auch wohl auf einmal zwei und drei Schiffe, die letzten tragen beleuchtete Lampen auf ihren Masten und gewöhnlich auch ein paar Musikanten, das wirkt dann — laue linde Luft, Licht und Musik um uns — südländisch poetisch.

Den 6. Juli.

Um 7 Uhr Morgens landen wir in dem Hafen von Skutari, um von dort aus den Bulgurlu-Berg zu besteigen. Meine Absicht geht dahin, wie ich das sonst bei Städten von einem Thurme aus thue, bevor ich in Detailzügen den Bosporus durchforsche, von einem überschauenden Standpunkte die Geographie seines Laufes zu studiren. Wir ritten; der Weg, der außer der Stadt eine breite, neu angelegte Straße ist, ward schattenlos. Die Aussicht links hinunter ist immer frei nach der Enge des Bosporus, und, wenn man sich umwendet, nach den weit ausgedehnten Feldern von Constantinopel. Das Marmora-Meer und die Prinzen-Inseln sieht man erst von Dschamlidscha aus, einem reizenden Oertchen, das schon nahe dem Bergesgipfel unter hochsäuligen Pinien liegt, die ihm auch ihren Namen (Pinienwäldchen) gegeben haben. Seitab von den Häusern entdeckte ich den Punkt, wo man gerade unter dem kuppeligen Schatten einer der größten Pinien den Blick frei hat zugleich auf die buntbelebten Ufer und den Strom des Bosporus, auf dem eben mehrere große Dampfer hinter einander dem schwarzen Meere zu steuerten; auf Pera, Galata, Skutari und das dazwischen liegende, schiffegefüllte Goldene Horn; auf das weite Feld der ehemaligen Goldstadt Skutari, wo am 10. September 323 der große Constantin dem mitregierenden, christenverfolgenden Licinius die Alleinherrschaft über die römische Welt abgewann; auf das blaue Meer in endloser Ferne sich verlierend, und auf die rothen Inseln, die wie Juwelen daraus hervorleuchteten. Näher aber noch, unmittelbar zu meinen Füßen, sah ich ein stilles grünes Thal zwischen den abschließenden Höhen eingesargt; Pinien, Cypressen, Feigen-, auch blühende Granatbäume ragen daraus empor, und auf den Feldern arbeiteten die Bauersleute. So liegen der Norden, Westen und Süden entfaltet, nur der Osten ist durch die höhere Kuppe des Bulgurlu-Berges verdeckt. Von jener Höhe herab ist darum der Ausblick noch reicher; Asien wird dort eigentlich erst recht gesehen. Aber es fehlt der Vordergrund, das freundliche Thal und auch die Bäume, die sich unmittelbar über dem Beschauer wölben. Der Ausblick vom Bulgurlu ist belehrender, aber der aus dem Pinienwäldchen von Dschamlidscha malerischer. Daher bauten sich denn auch nach dem letzteren die byzantinischen Kaiser ihre Lustschlösser und Jagdhäuser. In der ganzen Zeit ihrer Herrschaft, so lange dieser Boden der ihrige war, pflegten sie hier einen Palast zu erhalten. Kaiser Arkadius übernachtete gewöhnlich in demselben, wenn er seine Reise zum Sommeraufenthalte nach den Bergen von Ancyra machte. Und die heutigen Herren der Gegend folgen diesem alten Beispiele. Die ganze Umgebung, auch die Hohlwege weit in das Gebirge hinein sind mit Landhäusern besetzt. Eines der sorgsamst gepflegten, das mir eben dadurch auffiel, besitzt im Augenblicke Omer Pascha.

Wohl eine Stunde lagerten wir unter meiner Pinie, mein, weil ich ihre Verdienste entdeckt zu haben behauptete. Wie die Sonne ihren Schatten wandern machte, wechselten auch wir den Platz, aber immer blieben wir unter ihr. Das Bild wollte uns gar nicht mehr loslassen; mit syrenischen Reizen hielt es uns, die uns nur um so besser gefielen, je länger wir sie genossen; und was mich dabei am meisten entzückte, ja wie gewöhnlich förmlich von der übrigen Welt entrückte, das war der Eindruck der völligen Ruhe, die Lautlosigkeit alles menschlich Geborenen — nur das Leben der Natur, der Vögel, der ziehenden Wolken, des Lichtes und der leise schwankenden Bäume. Und diese Stille trotz des Blickes auf die ungeheure, beinahe grenzenlose Weite! Der Blick, den ich hinabwarf, gab mir einen Begriff von der Anschauungsweise, die Gott für unsere Welt haben muß. Klein und unbedeutend muß sie ihm erscheinen, und nichtig und gleichgiltig das einzelne Menschenleben. Der Mensch kann sich nur so lange für werthvoll und bedeutend halten, als er mitten unter Seinesgleichen steht; erhoben über sie, muß er sich gedemüthigt fühlen.

Schon Anfangs Juni, bei einem früheren Besuche des Bulgurlu, hatten wir die Cistusrose (cistus salvifolium) in Blüthe gefunden; jetzt trafen wir mit der bescheiden schönen Blume, deren blaßviolette Rose mit dem gelben Staubbüschel darinnen, wenn einmal gebrochen, nur mehr Minuten sich frisch und aufrecht erhält, den ganzen Boden, besonders die Kuppe des Berges bedeckt. Dazwischen blühte der Sternklee (trifolium stellatum), auch der einblumige (trifolium uniflorum) und in höheren Sträuchern ragt die stachlige Steineiche (quercus ilex), daß zu Fuße an einzelnen Stellen kaum durchzudringen war; tiefer, wo einzelne Bäume stehen, ist es der wilde Oelbaum (oleaster), auch Mandelbäume (phyllirea) und in den Hecken mancher Lorbeerbusch. Die ganze Vegetation des Bulgurlu und seiner Umgebung ist eine vollkommen südliche, und das mit der der Prinzen-Inseln in weit vorgeschrittnerem Grade, als auf irgend einem anderen Puncte dieser Ufer. Ich möchte die Gelehrten fragen, ob dieser Unterschied nicht auch neben der Begünstigung der gedeckten Lage dem Gehalte des Bodens zuzuschreiben sei?

Hinunter ritten wir gegen Kadi-Köi zu, bald durch eine Fülle von Gärten und Landhäusern, dann in den Cypressenwald von Skutari hinein. Was sind alle Wunder der Baukunst gegen diesen Waldfriedhof! Doch hat auch an ihm die Kunst mitgearbeitet, denn die erste Anlage gab ihm die Hand des Menschen, die Natur pflanzte dann später ihre Setzlinge dazu, wie sie auf die Ebene Sand streut und daraus einen Hügel formt. Nur den Pyramiden ist diese Grabstätte zu vergleichen, die eine wie die andere ein Tempel der Ruhe und des Friedens, und die Ebene von Haider Pascha darum ausgebreitet, nackt und sandig, wie in Aegypten die Wüste um jene Fragezeichen der Geschichte.

Bei einer Quelle unter Bäumen in der Bucht von Kadi-Köi stiegen wir von den Pferden und ruhten. In jener Gegend muß das prächtige Landhaus des Rufin, des ersten Ministers des Arkadius, gestanden haben, das die Vorstadt der Eiche von Chalcedon so einschloß, daß sie gemeinhin nur Rufinopolis hieß. Mit porphyrnen Säulengängen und ihrem goldenen Dache beherrschte sie weithinstrahlend die Meerenge, und galt bis zu dem tragischen Tode ihres Besitzers, der drüben auf dem Marsfelde vor dem Hebdomon fiel, als das Wunder des Jahrhunderts.

Gedanken an diese untergegangene Größe begleiteten mich auf der Rückfahrt, die durch den Bosporus bis Bujuk-Dere ging. Wir hatten die untergehende Sonne zu unserer Linken, Asien allein war noch von ihrem freundlich vergoldendem Lichte erleuchtet. Dort glänzten die Fenster wie Diamanten, hier regten sich schon einige Lichter, die man zur Abendmahlzeit auf die Tafel stellte.

Bujuk-Dere, den 7. Juli.

Schon vor 5 Uhr Morgens stieg ich in das Boot, heute vom Riesenberge aus auch das nördliche Ende des Bosporus zu überblicken. Es ist ein Irrthum, den Berg, wie das oft geschieht, ob seines Namens für den höchsten unter seinen hiesigen Kameraden zu halten. Er ist nur 540 Fuß hoch und der auf europäischem Lande ihm gegenüberliegende Kabatasch Dag 770 Fuß. Den Namen gab ihm eine andere Ursache, das Grab, welches oben auf seinem Plateau erhalten wird. Dieses soll nach dem altgriechischen und so auch wieder nach dem heutigen türkischen Volksglauben einen Riesen beherbergen, wie Hammer behauptet den jüdischen Josua, der auch damit den türkischen Namen des Berges, Juscha Dag, erklärt. Die Griechen ließen in dem ungewöhnlich großen Grabe den Herakles begraben sein. Das Wahrscheinliche ist, daß es mit der Geschichte des Berbycer Königs Amycus zusammenhängt, der in dem benachbarten Bejkos ansässig war und als ein riesiger Faustkämpfer der Urzeit von der Sage gefeiert wurde.

Der Riesenberg springt mit einem weiten Vorsprunge aus dem asiatischen Uferlande dem europäischen entgegen, so daß es aussieht, als wolle er diesem die große Bucht von Bujuk-Dere ausfüllen. Auch bin ich überzeugt, daß beide Ufer gerade an dieser Stelle ehemals vereinigt und der heutige asiatische Juscha Dag damals nur ein Ausläufer des europäischen Kabatasch Dag gewesen ist. Erst der spätere Ausbruch des Pontus Euxinus mag sie, wie er denn auch die beiden Welttheile hier schied, getrennt haben.

An dem Fuße des Riesenberges liegen jetzt schöne Kalksteinbrüche zu Tage; da sie mit Eisenkrystallen durchzogen sind, so wirkt das Roth auf dem Weiß, wenn nur ein irgendwie günstiger Sonnenschimmer darauf fällt, auf das prächtigste; am schönsten im Abendlichte, wenn der Purpur mit dem noch tieferen Blau des Bosporus contrastirt. In der Bucht neben dem Riesenberge südwärts gegen Constantinopel zu leben die Bewohner des kleinen Ortes Ümürjeri von dem Brennen dieser Kalksteine.

Ich landete an einsam abgelegener Stelle unter ein paar großen Terebinthen, einen wenig gebrauchten Weg kerzengerade den Berg hinauf zu steigen. Die Aussicht ist eigentlich bei diesem Aufsteigen schöner als oben angelangt dort selbst. Man hat bei dem Hinaufsteigen eine fortwährende Entwicklung der besonders hier recht deutlichen Windungen des Bosporus, ohne dann von oben hinab, wie man es erwartet, das ganze Bild zu sehen.

Das Grab des Josua maß ich 50 Fuße lang und 7 Fuße breit, also jedenfalls ein Riese, wer auch darinnen ruhen mag. Es ist sorgsam gepflegt, Buchsbaum, Cypressen und Rosen keimen aus seinem Hügel; eine grün angestrichene Mauer faßt es ein; zu Füßen steht die Säule, am Kopfende der Marmorstein mit der Inschrift, wie sie der Türke auf jedes Grab setzt. Und so auch seinem Gebrauche getreu liegt davor eine kleine Moschee. In den drei Häusern, die dabei stehen, leben die Derwische, denen die Hut des Grabes anvertraut ist. Um den Hügel hingen an den Staketen kleine Fetzchen abgerissener Kleiderstücke, die der Aberglaube hierher gestiftet hat, um den Körper von einer Krankheit, von irgend einem Uebel zu befreien; das sind die wächsernen Füße und die kranken Herzen, die die fromme Einfalt nach Kevlaar am Rheine trägt, und die Kerzleins, die früher das griechische und römische Heidenthum auch hilfesuchend auf den Altären seiner Götter ansteckte.

Nun gehe ich vom Riesenberge auf gut Glück ungebahnte und ungekannte Wege hinüber nach dem Genueser Schlosse. Wo ich oben auf der Höhe bin, da erschließt sich der Blick immer freier und schöner; das schwarze Meer tritt immer größer in den Gesichtskreis und einmal auch, was man mir im Voraus abgestritten hatte, das Marmora-Meer, Kadi-Köi, die Nikomedischen Berge, die Kuppen der Prinzen-Inseln und von dort bis zu dem andern Endpunkte das blaue Band des Bosporus zwischen den grünen und rothen Hügeln von Europa und Asien. Es war der schönste Moment meiner heutigen Wanderung, weil er überraschend kam, vielleicht auch, weil er etwas Schmeichlerisches hatte, wie der jeder Entdeckung. Eine Wildniß von Blumen bedeckt den Boden, am auffälligsten darunter die gelbe fünfblätterige Blüthe des Johanniskrautes (hypericum calycinum). Ich pflückte die Blume, die mir gleich ganz außerordentlich gefiel und trug sie in großen Büschen mit mir. Um und unter ihren hochschossigen Sträuchern keimte und blühte eine große Menge der Lavendel (lavendula stoechas), des Tausendguldenkraut (Erythraea centaurum), und eine kleinblätterige Gattung der Narde (micropus erectus). Bäume, meistens Granat- und Feigenbäume, und größere Büsche, Arbutus insbesondere, fand ich nur in den Schluchten, wo gewöhnlich ein kleines Bächlein abwärts rinnt. Dort aber hat sich dann auch um dieses spärliche Wasser ein festes Dickicht urwäldlichen Wachsthums zusammen gesponnen. Es ist dort kühl, sumpfig, oft beinahe fieberig schattig, daß ich jeden Augenblick eine geheimnißvolle Schlange oder sonst irgend ein giftiges Ungethüm aus den Büschen heraus auf mich zuschießen zu sehen erwartete.

Stundenlang ging so meine Wanderung fort, verlängert durch mannigfaltige Verirrungen. Dem Schlosse kam ich auf seiner Rückseite zu über das Plateau, das sich dort sanft ansteigend in das Innere des Landes hineinzieht. Sein verlassener Begräbnißplatz liegt unmittelbar vor dem Thore, von Cypressen und Platanen beschattet, eine Wildniß, die nur noch von der Natur gehütet wird. Ruinen überall; Gräber, die den Menschen beherbergen, und Thürme, die ausgestorben sind, und das hart und unvermittelt neben einander, nur die Natur, die sich versöhnend und fortwährend verjüngt dazwischen und darüber hinschlingt: Epheuranken auf den Mauerthürmen, die sie wie mit Pelzwerk gegen das Unwetter überziehen, und Rosenbüsche auf den Gräbern. Der Wind glättete die Epheublätter, daß sie sich alle wie Haare schmiegsam nach einer Seite hin legten. Rechts und links neben dem Schlosse vorbei sieht man auf die blaue Fluth des Bosporus hinab. Das Schloß steht auf dem Rücken eines Vorgebirges und steigt mit ihm zur See hinab. Gegenüber sind die finstern, beinahe schwarzen Felsen der europäischen Küste und über diesen das Hochland, das sich dort viele Stunden weit wüste und unbebaut hinzieht; das sind Küsten, wie sie dem einstmals ungastlichen (Axinos) Pontus gebühren. Neben mir, gegen das schwarze Meer zu, wo ich lagerte, geht es schauerlich steil in eine Bucht hinab. An den Felsen, die unten zerstreut liegen, brandete die blaue Fluth heftig an und warf weißen Schaum. Schiffe, von Remorqueurs gezogen, trieben dort unter mir so nahe der Küste vorbei, daß ich den Blick auf ihr Verdeck frei hatte, wie ihn sonst nur der Vogel sieht. Fil Burun, das Elephanten-Vorgebirge, schließt für den Blick von hier aus wie diese nächste Bucht, so auch den Bosporus. Europa mit seiner Küste thut dieses — für diesen Standpunkt wenigstens — mit Karybsche Burun, denn die bläulichen Cyaneen, diese fabelhaften Eilande, die kamen und dann wieder gingen, und die ich auf meiner Wanderung mehrere Male erblickt hatte, sah ich von hier aus nicht mehr. Die Mündung, die dazwischen beinahe dunkelblau zum scharf contrastirenden goldenen Spiegel des schwarzen Meeres hinausfließt, hieß den Alten die Heilige (Hieron). Das wohl von den vielen Götterbildern, die den Schutz- und Hilfeflehenden zur Darbringung der Bitt- und Dankopfer für glückliche Fahrt auf den beiden Ufern aufgestellt waren. Aus der Rede des Cicero gegen den Verres wissen wir, daß darunter eine der drei berühmtesten Statuen des Jupiter Urios (des Gottes der Winde) war, und der Name, der dem nur von den Franken so genannten Genueser Schlosse im hiesigen Volksmunde geblieben ist, Jaros Kalessi, ist vielleicht ein Beweis, daß der Tempel und das Bild dieses Gottes wirklich auf dieser Stelle gestanden haben.

Aus ältester Zeit hat man hier kürzlich ein Basrelief von edler und entschieden griechischer Arbeit gefunden, das durch seine Inschrift von diesem Götterdienste und dem Alter der Niederlassung Kunde gibt: „Die Schiffer, die Jupiter Urios um eine glückliche Fahrt durch die steilen Cyaneen und in die ägäische See bitten, die gefüllt ist mit einer ausgestreuten Schaar von Riffen, werden sie haben, wenn sie vorher dem Gotte, dessen Standbild Philo Antipater hier aufgestellt hat, damit es den Schiffern Hilfe und gutes Vorzeichen gebe, ein Opfer darbrachten.“

Uebrigens ist selbst das Schloß, dessen Ruinen heute noch stehen, älter als es sein Name glaublich macht. Es sind überhaupt viele Irrthümer, die dieser Name großgezogen hat, der nur die letzten christlichen Besitzer nennt. Das waren allerdings die Genuesen, aber durchaus nicht von so alter Zeit her, als man gewöhnlich annimmt. Bis tief in das vierzehnte Jahrhundert gehörte es, so gut wie das gegenüberliegende europäische Schloß, den byzantinischen Griechen, die das eine wie das andere auch gebaut hatten. Wenn es nichts bewiese, so zeugte dafür das byzantinische Wappen, das Kreuz in dem Halbmonde, das groß auf zwei Steinen dargestellt in beiden runden Thorthürmen eingemauert ist. In den vier Ecken der beiden Steine sind je zwei Buchstaben ausgemeißelt. Hätte ich mehr archäologisches Talent, so würde ich aus diesen donnés eine vollständige Schloßgeschichte herauslesen. Uebrigens auch das Gemäuer verräth unzweifelhaft byzantinische Zeit: Quadersteine, die mit wohlgeschichteten Ziegellagen bandförmig abwechseln. So auch die Thürpfosten und Thürbalken in byzantinisch antikisirenden Formen, nur fehlt die Neigung der Pfosten nach Innen, oben pyramidal. Ueber der Thüre sind zwei kleine Rundbogen zugemauert. In dem Gemäuer saß eine Eule; ich hielt sie für todt, so regungslos war sie, und griff nach ihr; das nahm sie übel; die Augen gingen weit auf und schoßen zwei giftige Blicke auf mich, mit sträubendem Gefieder verkroch sie sich tiefer in die Steine hinein. Es war dies der einzige Bewohner dieser Stätten, den ich gewahr wurde. „Eulen nach Athen tragen“ ist übrigens ein Sprichwort, das auch am Bosporus das Ueberflüssige bezeichnen könnte; die ganze Gegend hier scheint voll von diesen Vögeln. In Bujuk-Dere höre ich jeden Abend den krächzenden Ruf eines derselben; mir der unangenehmste Laut, den die ganze Natur hat.

Durch ein Seitenthor ließ man mich in das Innere des Schlosses. Es ist ein Unsinn, den ganzen ungeheuren Raum, der von den hohen Ringmauern eingezäunt ist und von der Höhe des Vorgebirges terrassenförmig zum Meere hinabfällt, so zu nennen. Schloß war nur das Oberste, das, was mit den hohen Thorthürmen zum Theile noch erhalten steht; das Uebrige war mit der Stadt angefüllt, die zuerst und darum wohl am dichtesten sich unten auf dem Ufer angesiedelt haben mochte, und von dort aus, als ihre Bevölkerung an diesem wichtigen Verkehrspunkte wuchs, die Ufer hinauf gestiegen sein wird, wo sie von der Akropole gedeckt ward. Deshalb dort die festen Pylone, vielleicht schon um Ueberfälle der Gothen, später der Perser, der Saracenen und Türken abzuwehren. Unten auf dem Ufer mag auch jener Tempel des Jupiter Urios gestanden haben, wie denn heute die Ortschaft sich wieder hart am Meere angesiedelt hat. Viele tausend Einwohner können in dem abgegrenzten, beschützten Raume gewohnt haben und es war eine volkreiche Bergstadt, die lebhaften Handel trieb, die die Durchfuhrzölle des Bosporus für die Griechen des Alterthums, des Mittelalters und später für die eindringlichen Genuesen in Empfang nahm; ein Ort in seiner Lage, Form und Bedeutung Syra ähnlich, wie wir es heute im ägäischen Meere sehen. Heute lebt eine Wildniß von Bäumen und Sträuchern auf der ausgestorbenen Stätte, viele Feigenbäume und ab und zu auch eine Cypresse. Der Boden scheint sehr fruchtbar zu sein; ich habe nie die Artischoke größer und prächtiger violett blühen sehen als auf dem Schutt und Moder der alten und neuen Griechen. Man findet mehrere Cisternen, Säulenschäfte, Kapitäle und Basen vielfältig in die Mauern eingefügt, und wenn man nur weiter suchen und graben dürfte und könnte, würde man gewiß noch Manches entdecken, was unwiderleglich meine Behauptung von der Existenz einer ehemaligen Stadt bewiese. Wie ich oben auf dem linken Thorthurme stand, baute sich mir die ehemalige Stadt wie von selbst wieder auf. Man sieht die Terrassen, die angelegt wurden, um die einzelnen Stadttheile aufzunehmen. Wozu auch ein Schloß, eine Festung von diesem Umfange? Es hätte der Vertheidigung nur Schwierigkeiten geboten. Ich möchte auch behaupten, daß die Thore, welche an anderen Stellen aus diesen Mauern führten, Beweise für die Stadt sind. So prächtig und hoch, so mit der sichtbaren Absicht des Gefallens baute man kaum für eine Festung. Ziemlich nahe dem Strande, auf einem der letzten Absätze des Berges, gleich hinter der heutigen Ortschaft, wo man steil den Berg hinauf zu steigen beginnt, hängt noch die Hälfte einer Thurmkuppel zwischen den hohen Pfeilern; die andere Hälfte liegt gleich einem Felsblocke auf dem Abhange; Bäume und Sträucher nisten in der gestürzten Muschel. So fest ist der Stein mit dem Kalke verschmolzen, daß ich keinen davon losschlagen konnte; daher hielt das Mauerstück auch so unverletzt den hohen Fall aus. Die Kuppel war nur klein; die Pfeiler sind unverhältnißmäßig hoch; das Ganze gleicht unverkennbar dem goldenen Thore in dem Schlosse der sieben Thürme zu Constantinopel, das ich mir nun nach diesem hier auch geöffnet deutlich vorstellen kann. Vielleicht war auch bei diesem des Genueser Schlosses einmal die Innenfläche der Kuppel vergoldet; ich wenigstens kann mir, sei es nun, daß mir das Gesehene die Einbildung verstellt hat, oder daß es wirklich zur Natur dieser Kunst gehört, keine byzantinische Kuppel mehr anders als mit goldener Mosaik ausgeschmückt denken.

Nirgends sah ich den Lorbeer in größeren, in schöneren und in duftenderen Büschen grünen als hier um diese Ruinen. Es ist als fühle er sich der Aufgabe bewußt, die Erinnerung einer ganzen Stadt zu bewahren. In dichten Hecken, in Laubgängen zieht er sich, daß man gedeckt und beschattet von ihm weite Strecken des Berges hinauf steigt; die Luft ist von dem balsamischen Wohlgeruche seines Blattes erfüllt. Die dichterische Bedeutung dieses Strauches hält man hoch, aber seine äußere Gestalt schätzt man nicht nach Gebühr. Mir ist er, was die Pinie unter den Bäumen, der liebste unter den Sträuchern. Mit seinen aufwärts gekehrten Zweigen, denen wiederum jedes einzelne Blatt insbesondere nachstrebt, hat er etwas Hilfeflehendes, etwas Bittendes, versinnbildlicht den Moment seiner Erschaffung und erinnert mich an das Bild einer mythologischen Gallerie, das meiner Jugendzeit vorgelegen hatte. Es war nur ein schlechtes Kupferwerk, und jeder einzelne Stich entstellt durch Zeichenfehler und durch jene Geschmackslosigkeit der Unwahrheit, welche zu Anfange dieses Jahrhunderts bei der Auffassung der Antike üblich war. Aber die spröde Daphne, welche, ermüdet von der langen Flucht, dem Himmel die Arme entgegenstreckt, flehend, daß er sie erlöse von dem zudringlichen Liebhaber oder ihre schöne Gestalt vernichte, und deren Finger Zweige wurden und Blätter zu treiben begannen, indessen die Füße wurzelten in dem Boden neben dem Flusse, aus dessen Wasser das Haupt des Vaters Penäus auftauchte: dieses Bild hatte so vieles von dem unverwüstlichen Grundelemente der Sage behalten, daß die Phantasie des Kindes dadurch für die ganze Lebenszeit bestochen wurde. Das Bild steht wie in meinem zehnten Jahre vor mir, und wie man mir nun auch künftig die Geschichte der Daphne erzählen mag, für mich wird sie immer in der Weise geschehen sein, wie ich sie in meiner Jugend gesehen, und der Lorbeer bekränzt mir, wie er es soll, die Vergangenheit. Wunder nimmt es mich übrigens, daß nicht auch der Meißel die Darstellung der Fabel versucht hat. Die hilfeflehende, ganz nach Aufwärts gerichtete Daphne: Blick, Hände und Mund den Gott suchend, wäre eine herrliche Aufgabe für den Bildhauer, und der Baum selbst hat schon etwas Statuarisches, das die Wege hätte weisen können.

Durch Granatbäume, Feigen und Cypressen an einem Friedhofe vorüber, durch ein äußerst malerisches Dickicht stieg ich nach Anatoli Kawak, der heutigen Ortschaft, hinab. Im kühlen Schatten riesiger Platanen sind Hütten und allerlei Verkäufer geborgen. Sie haben sich hier um und zu dem Zwecke der Verköstigung der militärischen Besetzung gesammelt, welche die Batterien und die Befestigungen zu bedienen hat. Die ganze „heilige“ Mündung des Bosporus ist mit diesen Göttern des neunzehnten Jahrhunderts besetzt. Ich habe kein Urtheil, um zu behaupten, ob sie so, wie sie sind, im Stande sein werden, das Einlaufen ungebetenen Gästen zu wehren.

Mit dem Boote, das ich mir hierher bestellt hatte, fuhr ich nach Bujuk-Dere zurück.

Bujuk-Dere, den 8. Juli, Freitag.

Von 5 Uhr bis 8 Uhr Abends ging ich auf den Felsen der europäischen Küste neben dem Bosporus dem schwarzen Meere entgegen. Wo das Meer, dort ist auch das Ziel meiner Sehnsucht. Ihm zu wandere ich leichter und frischer, und das nicht nur, wenn es weite Reisen gilt, auch bei jedem Spaziergange. Wolken umzogen den Himmel und trübten zugleich auch den Spiegel der hier am engsten eingeengten See. Den Pfad deckten mir schon die Schatten der Nacht; so war die Beleuchtung. Von unten herauf scholl das gleichmäßige, mir so verständliche Sprechen des Meeres. So wurde durch Licht und Töne meine Einbildungskraft mit Vorstellungen der Schaurigkeit und Düsterniß gefüllt. Nur in weiter Ferne spiegelte die Fluth einen Sonnenblick, und das war der einzige Lichtblick in meinen Phantasien voll Mord und Gewaltthaten. Es lag übrigens nicht blos in der Beleuchtung, der Ort an und für sich ist wie geschaffen zu Gräuelthaten, und wenn ich jemals einen Roman schriebe, der in diesen Gegenden spielte, auf diesem Küstenwege nach dem schwarzen Meere zu müßte die blutige Katastrophe geschehen.

Ich kam an eine Stelle, weiter als die Ruinen des europäischen Schlosses der Byzantiner, das hier von der Höhe herab mit den Resten einer Mauer mündet, wo prächtige Cypressen stehen, eine darunter eine weibliche. In der sonst völligen Nacktheit der Gegend keimen sie wie Gottessegen einigen Gräbern zum Denkmale, die verfallen mit umgestürzten Grabsteinen darunter liegen. Ein paar türkische Frauen saßen darauf wort- und beinahe regungslos, auf ihre besondere Weise den türkischen Sonntag zu feiern. Ich setzte mich etwas seitab, um auch von hier aus meine gestrige Vermuthung an dem gegenüber liegenden Genueser Schlosse zu prüfen. Es ist klar, daß dort eine Stadt zu Grunde gegangen ist, und daß die weitgezogenen Mauern, die heute noch stehen, einmal viele tausende von Bürgern einschlossen.

Auch in Ssaryjeri und Jeni Mahalla, den beiden nächsten Orten neben Bujuk-Dere, feierten die Leute den Abend. Vor ihren Häusern, auf den Gassen und Plätzen saßen sie rauchend und Kaffee trinkend, den Blick auf den Bosporus gewendet. Die beiden Dörfer sind beinahe ausschließlich von Armeniern bewohnt. Noch aus älterer Zeit der Eroberung sondert sich hier alles nach Nationalitäten ab, recht im Geiste des neuen Kampfprincipes der Gegenwart.

Bujuk-Dere, 9. Juli.

Der liebste Punkt aber zum Blicke auf den Bosporus ist mir Kiredsch Burun, das schwarze Vorgebirge, gegenüber von Bujuk-Dere. Es sperrt die Bucht, und um seine Ecke herum beginnt das Gebiet von Therapia. „Schlüssel des Pontus“ hieß ehemals diese Stelle, und dieser Name war schicklicher als ihr heutiger, denn es ist ihr hervorragendster Vorzug, daß, wer von Constantinopel gegen das schwarze Meer zu schifft, von hier aus zum ersten Male die freie See erblickt. Immer, zu welcher Tageszeit man auch komme, am meisten aber Abends, liegen Schiffe in der Mündung; gewöhnlich auch der Rauch einiger Dampfer, der in gewundenen Säulen aufwärts steigt. Rechts und links sperren die Felsen des Bosporus den Strom; wie Coulissen treten sie einer hinter dem andern vor. Rechts, auf der asiatischen Seite, zu vorderst und Kiredsch Burun gerade gegenüber, der Riesenberg mit seinen lichthältigen Kalksteinbrüchen; auf der europäischen Seite die grüne Wand des Kabatasch Dag, Bujuk-Dere mit seinen Villen in einer langen Zeile an dessen Fuße. Das Ganze gleicht einem Theater; die Bucht von Bujuk-Dere stellt die Bühne dar; Riesenberg, Genueser Schloß, Bujuk-Dere selbst und die übrigen Ausläufer der Ufer die Coulissen; das offene Meer die hinterste Courtine und die eilenden Wolken die Souffiten. Für den Beschauer von Kiredsch Burun aus scheint das asiatische Ufer des Bosporus mit dem Vorgebirge des Genueser Schlosses zu endigen. Was weiter draußen liegt von anderen Buchten und Vorgebirgen zieht sich hinter dieses mehr vorgestreckte zurück; dem Bilde, von diesem Standpunkte aus gesehen, erweist es damit einen Dienst. Es läßt sich kein schönerer Abschluß des Bosporus denken, als dieses Cap von Anatoli Kawak. Zu oberst das Schloß mit seinen zwei gewaltigen Thürmen, dann fällt der Hügel in einen Sattel ab, hebt sich zu einem neuen nur niedrigeren Höcker, und steigt von diesem gewellt, zuletzt steil hinab zur See; die Felsen, die überall aus ihm hervorspringen, sehen wie Ruinen aus und sind in dieser Entfernung von den wahrhaftigen nicht zu unterscheiden.

Beinahe den ganzen Tag über erfreute ich mich an diesem Bilde. Links von Kiredsch Burun, in der Bucht, ist ein geheiligter Quell; große, riesige Bäume darüber, Platanen, Terebinthen und Ahorne. Ein Kaffeegi hat seine Wirthschaft dabei aufgeschlagen; dort setzte ich mich nieder, ein Werk Fallmerayer’s mit mir. Neben mir lagerte auf Teppichen und Matrazen, die sie mitgebracht, eine Gesellschaft vornehmer Türken; das Boot, welches sie hergeführt, lag unten auf den schaukelnden Wellen; Rauchen, Kaffeetrinken und Schauen in die freie Natur hinaus war die Vergnügung ihres ganzen Tages. So bereitet man sich hier, was wir einen guten Tag nennen. Nur ab und zu störte die allgemeine Schweigsamkeit ein Reiter, der zu Pferde oder Esel den Landweg von Therapia nach Bujuk-Dere ritt.

Den Sonnenuntergang wollte ich von übersichtlicherem Standpunkte aus schauen, und so stieg ich Abends die Höhe hinter diesen Bäumen auf den Gipfel des „schwarzen Vorgebirges“ hinauf. Das Bild von dort aus gesehen gewinnt noch an Werth. Die Bucht erscheint größer, wie mit offenen Armen der Strömung des schwarzen Meeres aufgeschlossen; die rothen Felsen sind wie Bänder um die blaue Fluth gewunden, und das Meer, das noch die Sonne völlig festhielt, erschien wie ein Spiegel, der all’ dieser Schönheit zum Selbstgefallen vorgehalten wird. Geschwellte Segel, die der Nordwind schon draußen auf der offenen See weiter trieb, fuhren darüber. Kein Meer hat eine malerischere Pforte; wild und zerklüftet ist sie so recht ein Thor des Nordwindes, der hier ewig hereinfällt. Es hat etwas Geheimnißvolles dieses Thor eines so ungeheuren abgeschlossenen Meeres. Immer muß ich meine Phantasie ganz besonders anstrengen, um mir begreiflich zu machen, daß dieser schmale Einschnitt wirklich der Eingang dazu ist.

Kiredsch Burun und die Hügel rings herum sind wie abgekehrt vom Nordwinde; nur langes Gras und vereinzelte Sträucher wachsen darauf. Fuad Pascha versuchte den Punkt zu civilisiren. Er wollte ein Dorf dort anlegen und ein paar Häuser sind noch übrig. Umsonst aber der Versuch; Niemand hielt die Unbilden des Nordwindes aus, der an warmen Tagen sehr angenehm, an aber nur etwas rauhen hier gleich den Charakter des verzehrenden Sturmes annimmt.

12. Juli.

Aus dem Thale von Bujuk-Dere stieg ich heute den Kabatasch Dag hinauf. Er ist der höchste unter den Bergen, welche unmittelbar aus dem Bosporus aufragen und der einzige, welcher einen vollkommenen Ueberblick zugleich über die beiden Meere, das von Marmora und das schwarze, gewährt. Die Höhenrücken von Constantinopel, die Kuppeln und Minarete darauf, die weiße Linie der Caserne von Daud Pascha hinter den Mauern treten sehr bezeichnend in das Bild. Daneben, gegen Osten, sind sämmtliche Prinzeninseln, die ganze Kette der argantonischen Berge und sogar der bithynische Olymp sichtbar. Das schwarze Meer läßt nur Luft und Wasser sehen und die einförmige Horizontslinie, wo sich die beiden Elemente vereinigen. Die Windungen des Bosporus sind übersichtlich sichtbar; immer ein Vorgebirge, das in eine gegenüberliegende Bucht einspringt, so daß man deutlich die Weise erkennt, wie sich das Wasser den Weg durch das widerspänstige Element gebahnt hat.

Es ist ein stolzer Blick, so die beiden Meere verbunden zu sehen, wie eine Illustration zu der Handelsgeschichte, die von der fortwährenden und von der Jahrtausende alten Bedeutung dieser Meere für das Werden und Gedeihen der Menschheit erzählt. Keine andere Stelle der Welt, wie hoch und umschauend auch ihre Höhe sein mag, bietet einen herrlicheren und erhebenderen Ausblick. Kiepert gibt auf seiner Karte des Bosporus die Höhe des Kabatasch Dag mit 770 Pariser Fuß, was mit dem Maße von 250 Meter übereinstimmt, das ich an anderen Orten verzeichnet fand.

Der Stein, der zu Tage tritt, ist meistens ein weißer Kalkstein, an einzelnen Stellen von Eisen roth gefärbt, ähnlich dem gegenüber an den Steinbrüchen des Riesenberges, eine Höhe, die eben von dieser nur durch den Durchbruch des Bosporus getrennt worden ist. Doch ist auch Thonschiefer sichtbar, dunkelgrau wie der von Kiredsch Burun.

Die Vegetation ist außer an dem Saume, wo die Gärten von Bujuk-Dere liegen, auf der Seite, wo ich heute hinaufstieg, meistens eine dürftige, niedrige, oben sogar beinahe alles nackt lassende. Es ist, als habe auch dort wie drüben in Kiredsch Burun der Wind alles ausgerottet. Das größte, was ich auf dem Abhange fand, waren Sträuche von Steineiche (quercus ilex); viel Arbutus; an Blumen auch hier das Johanniskraut (Hypercium calycinum) in überreichlicher und in prachtvoller Blüthe. Aus der Kuppe blühten nur ganz kleine Kräuter, Stachys lanala, eine wollige Gattung Roßmünze, centaureum calcitrapa, Tausendguldenkraut und filago arvensis. Alles andere war kahler Fels. Heftiger Sturm wehte oben, so daß ich Mühe hatte, mich aufrecht zu erhalten, und mich an einzelnen Stellen hinter die Felsen drücken mußte, um nicht den Abhang hinabgeschleudert zu werden. Nach beiden Seiten geht es steil in den Abgrund. Dieser heftige und fortwährende Wind, der erkältet aus den Steppen Rußlands kömmt und auf dem schwarzen Meere noch mehr abgekühlt wird, läßt es auch allein zu, daß ich solche Promenaden wie die heutige in den Mittagsstunden eines Julitages machen kann, und das unter dem Breitegrade von Rom. In Deutschland wäre es mit bedeutendem Ungemache verbunden, und hier thue ich es zu meinem Vergnügen. Die Luft ist hier niemals trocken heiß, niemals lastend, immer, auch in ihren wärmsten Stunden, leicht bewegt, wie angefächelt und selbst wieder kühlend. Zwischen Constantinopel und hier ist immer ein Unterschied von einigen Graden Réaumur, um die das Thermometer dort höher steht. Der Südwind, der die Athmung so sehr belästigt, reicht in seiner Wirkung in den Bosporus nicht weiter als bis Jeni-Köi; dort kann man oft das sonderbare Schauspiel beobachten, nebeneinander nordwärts und südwärts geblähte Segel zu sehen, bis sie sich auf einer Demarcationslinie begegnen, wo dann die Leinwand schlaff zusammenfällt und von den Schiffern zu dem ursprünglich angestrebten Ziele nicht mehr benutzt werden kann.

13. Juli.

Die andere Seite des Kabatasch Dag, die Bujuk-Dere entgegengesetzte, dem schwarzen Meere zu liegende, fällt in das Thal von Kastanjesu (Kastanienquelle) ab. Durch die Gärten des russischen Palais und des Baron Hübsch stieg ich von Bujuk-Dere die Höhe des Berges hinauf und auf der anderen Seite von oben in das Thal hinab, so daß ich es zuerst in seiner ganzen Ausdehnung übersah. Schlucht müßte man es nennen, wenn man es mit Worten deutlich zeichnen wollte, so nahe stehen sich seine Wände und so schmal ist sein Bett. Ein paar Bauern bestellten unten das Feld. Die rothe Erde war von dem Lichte des Sonnenunterganges noch blutiger gefärbt. Die einzelnen Aecker sind durch Hecken von Feigen- und Granatbäumen geschieden. Was aber das charakteristische Zeichen und wohl auch der Hauptreiz dieses Thales ist, das ist der Contrast seiner Wände, die auf der einen Seite, wo der Kabatasch Dag sich hinabsenkt, überaus bewachsen; auf der anderen so kahl und dürre sind, daß dort nicht einmal Moos die Farbe der Steine verkleidet. Es sind das die Kupferbergwerke von Ssaryjeri, die einstmals stark ausgebeutet, heute kaum mehr benutzt werden. Die Hügel sind auch von außen von dem Schwefel gelb, von dem Eisen roth, und von dem Kupfer jenes wunderschönen Himmelblau’s gefärbt, das den Türkis so sehr auszeichnet. Das Ganze gleicht einer jener sonderbaren Landschaften, die aus Email geformt, in Schmuckcabineten gezeigt werden. Sonderbar wie die Farbe ist auch die Formation des Bodens, es sind lauter Blasen, die neben einander aufgestiegen sind, dazwischen fließt ein langer gelblicher Streifen Erde hinab, die aus dem Bergwerke herausgeschafft wurde.

Dieser Wand gegenüber steht der Kabatasch Dag, grün und bewachsen, als sei er einer der schönsten Gärten des Bosporus. Arbutus und Lorbeer sind bis zu Bäumen emporgeschossen. Am üppigsten ist auch hier die Fruchtbarkeit in den Gräben, die das Wasser von oben herab in die Bergwände gezogen hat. An einzelnen Stellen ragen große Kalksteinblöcke aus dem Erdreiche hervor, die das Wasser rein gewaschen hat; sie gleichen jenen Burgenresten, die wie Vogelnester an den Bergen des Rheins und des Neckars kleben. Das Grün hängt in dichten Schleiern über sie und stürzt in breiten Fällen zu Thale. Durch diese Schluchten stieg ich abwärts, die Burgen und die Wasserfälle neben und über mir. Ziemlich unten im Thale ist der Quell, den sie das Kastanienwasser heißen. Versteckt und geborgen durch allerlei dichte Bäume, ist der schönste und der edelste darunter ein mächtiger Kirschlorbeer (prunus laurocerasus). Das Blatt ist dick und fest wie Leder, länglich, groß und von einem prächtigen Dunkelgrün, wie es kein anderer Baum hat; der Zweige sind nur wenige, aber diese sind groß und hoch, und auch wie die des gewöhnlichen Lorbeers hilfeflehend nach aufwärts gestreckt. Das Wasser ist milde, so recht wie es der Orientale liebt, aber für meinen rauhen Geschmack zu weich. Ein Türke reichte mir mit artiger Sitte den Kaffee, und ein Gespräch, das sich darauf mit ihm entspann, zeigte mir wieder, wie diesem Volke die Unwissenheit kein Hinderniß zu verständigem Urtheilen ist.

Auf dem Rückwege passirte ich das Dorf Ssaryjeri; es ist das Thor in dieses Thal. Ein Friedhof mit hohen Cypressen liegt schon dahinter und in dem Thalbette. In den Gärten, durch die ich schritt, blüht eben die Myrthe (myrtus communis) und ein wunderschöner Acazienbaum (acacia julibrissin), was sie hier mit Festhaltung der Wortlaute Gülbersüm übersetzen. Seine Blüthen sind rosenfarbene Staubbüschel, die die Zweige über und über bedecken. Der Baum ist so schön, daß er eigentlich nur dem Paradiesvogel zur Herberge dienen sollte.

Den 14. Juli.

Um fünf Uhr Morgens im Kaïk nach Rumili Kawak. Es ist das Schloß der Türken, welches sie im Anfange des 17. Jahrhunderts unten auf dem europäischen Gestade, dem Schlosse von Asien gegenüber, bauten. Ein Dorf, Casernen und Batterien haben sich seitdem darum gesammelt. Prächtige Platanen keimen dazwischen, beschatten einen kleinen Platz, einen kühlen Brunnen und die Schankstätte eines Kaffeegi. Ich ruhte auf dem Rückwege eine Weile dort, erschöpft und ermüdet von dem weiten Gange, und daß ich ein Glas um das andere von dem köstlichen Wasser begehrte, ließ die Leute noch freundlicher als gewöhnlich sein. Die Mauern und Thürme des Schlosses, obgleich verhältnißmäßig jung, sehen altersgrau und gebleicht aus. Schlechte Bauart scheint das Meiste zu diesem raschen Verfalle gethan zu haben.

Wie auch Ssaryjeri, steht dieser Ort auf der Mündung eines engen Thales an dem Saume des Bosporus. Die übrige Küste ist hier so steil, die Berge fallen so plötzlich in die See ab, daß sich nicht mehr, wie weiter südwärts gegen Constantinopel zu, die Menschen in fortwährender Reihenfolge darauf ansiedeln konnten.

Ich ging von Rumili Kawak in das Thal hinein, das, wie alle diese Schluchten, ein kleines Bächlein zum Meere leitet. Auf seinem linken Ufer schreitend, hatte ich es bald tief unter mir. Felder ziehen sich die Abhänge hinauf; einzelne Bauern arbeiteten darauf. Dann aber verlor ich den Weg; Arbutus und anderes Gestrüppe, darunter auch dorniges, umgaben mich. Ich wollte auf der kürzesten Linie aufwärts, vergebens; ich sah zwar mein Ziel vor mir, aber der Durchgang war undurchdringlich. Es sind nicht die Riesen, die kleinen Geister stellen sich uns meistens am hinderndsten in den Weg. Tannen hätten mich durchgelassen, diese Zwerge zwangen mich, den ganzen Weg, den ich gekommen, zwei Stunden lang, wieder zurück zu machen. Erst von Rumili Kawak fand ich den richtigen, gleich rechts von dem Dorfe, unmittelbar aufwärts zu dem älteren Schlosse der Byzantiner, welches ich suchte. Duftige Hecken säumen den Steig ein; die Sonne brannte glühend. Oben fand ich gestürzte Mauern und nur drei Gewölbebogen, die der Sturm der Zeit aufrecht ließ. Die Mauern, meistens nur mehr wenige Fuße hoch, sind schön gefügt und so sorgsam gebaut, daß die herabgestürzten Blöcke fest zusammengehalten, nicht als seien sie mit Mörtel von Menschenhand zusammengeleimt, sondern durch die Triebkraft der Natur zusammengewachsen. Weithin über das ganze Plateau und den Berg hinab sind die Ruinen zerstreut. Lorbeer wächst dazwischen und darum in hohen versteckenden Büschen. Einer hat sich in die Wölbung einer herabgestürzten Kuppel eingenistet. Er sitzt darin wie in einem Blumentopfe: der Ruhm, der aus dem Moder der Vergangenheit sein Leben nimmt. Sonderbar immerhin ist dieses wie bedachtsame Schaffen der Natur, das um Ruinen und um Gräber den meisten Lorbeer wachsen läßt. Ich fand keine andere Stelle dieser Küsten reicher mit diesem Strauche gesegnet, als die der alten Byzantiner Schlösser drüben in Asien und hier in Europa. Solche Erscheinungen machen es erklärlich, warum gerade dieser Baum der Liebling des Dichtergottes Apollo ward. Gräber und Ruinen waren es ja zu allen Zeiten, die die Dichter besonders liebten und durch ihre Gesänge ehrten.

Die Akropole dieser Befestigung stand auch einmal, wie drüben in Anatolien, hier oben auf der Höhe der Küste. Von ihr zog sich die Ansiedlung zum Ufer hinab. Die Umfassungsmauer steht heute noch fortlaufend bis zum untersten Rande in ihren emportauchenden Fundamenten. In die Burg flüchteten sich dann die Bewohner der Ortschaft, wenn Ueberfälle von der See aus sie bedrohten. In ähnlicher Weise wird damals der ganze Bosporus bewohnt gewesen sein; freie offene Dörfer, oder gar abgetrennte Villen wie heute können in einer Zeit nicht möglich gewesen sein, als auch der stärkste Arm nicht die Waffe hatte, rohen ungezähmten Völkern, wie sie die Ufer des schwarzen Meeres beherbergten, den Einfall zu wehren. Denn die Kette, die bereit gehalten wurde, von hier aus nach Asien hinüber den Eingang zu sperren, konnte nicht immer so rasch gespannt werden, als es die Ruderschiffe der scythischen Russen waren. Manches Synope der byzantinischen Kräfte ist hier schon erlitten worden. Erst die gewechselte Kriegskunst, die durch immer bereite, rasch abgefeuerte und weittragende Geschosse die Städte und Länder vertheidigt, gestattete auch hier eine freiere Lebens- und Bauweise. Die Batterien, die heute unten auf dem Strande stehen, sprechen freilich noch immer dieselbe Sprache der orientalischen Frage wie die Ruinen oben auf dem Berge, die mir in dichterischen Lauten von einem Ueberfalle des noch unbekehrten Ruriksohnes Igor lispelten, der mit 2000 Booten den purpurgebornen Constantin aus seinen Studien weckte und ihm die Hauptstadt und die Umgebung in Blut taufte.

Nahe dem Schlosse fand ich einen riesigen Quarzblock mit eingesprengtem Eisen zu Tage liegen; das Eisen so geschmolzen, daß es wie Schlacken einer Fabrik aussah. Das können nur Ueberbleibsel einer verhältnißmäßig jungen vulkanischen Thätigkeit sein. Auch Jaspis, Schwefel, die ich später fand, machen dieses Phänomen wahrscheinlich. Das Land ringsherum ist öde und unbewachsen; es liegt 600 Fuße hoch über dem Meere, eine nur leicht gewellte Ebene. Wege nach Kilia, nach Fanaraki (dem Leuchtthurm von Europa) und ein näherer nach Karybsche Kalessi, einer Batterie auf dem letzten Vorgebirge, ehe sich der Bosporus in das Meer weitet, führen darüber.

Ich ging weiter zu einem Thurme, der schon drüben von Asien her meine Neugierde erregt hatte, und der auch heute das eigentliche Ziel meines Planes war. Hammer nennt ihn Turris Timaea und behauptet, daß es derselbe sei, welchen Dionysius beschreibt. Die Byzantiner hätten ihn als Leuchte benützt, und von dort aus mit Fackeln den Schiffern Leitung und Warnung gegeben. Hammer muß auch ihn nicht in der Nähe gesehen haben. Der Thurm ist rund, hat 87 Fuße im Umfange, ein niederes Holzdach deckt ihn; sein Mauerwerk ist ein elendes, sogar die Byzantiner können das nicht gebaut haben. Es muß später und wohl türkisches Handwerk sein. Mehr als eine Warte, ein „Lug ins Meer“ wird der Thurm wohl auch nie gewesen sein. Der Stall einer Heerde ist nebenbei; Hirte und Schafe waren nirgends zu sehen, alles herum leer und verlassen.

Hundert Schritte weiter von dem Thurme sah ich die ganze Fläche des schwarzen Meeres zu meinen Füßen ausgebreitet; ein riesiges Bild, wie ich kein Meer je größer gesehen habe, und zugleich der weiteste Blick in den Osten. Das Festland und die Berge ziehen sich gleich Anfangs beim Austritte des Bosporus in die See auf beiden Seiten in gerade Linien zurück, nicht busenförmig, wie sonst die Ufer dem Meere geöffnet sind. Himmel und Meer sind daher gleich das Einzige, was das Auge sieht, und seine Grenze der langgezogene Horizont, wo sich beide vereinigen. Die Sonne hatte viel Dünste auf das Wasser gelagert, es blendete, und der Ueberfluß an Licht löschte die Farben. Alles war goldig und glänzend, seltener Weise nirgends ein Schiff, auch nicht einmal ein Remorqueur, die allenfalls ankommenden zu erwarten. Neben und hinter mir sah ich hinab auf die Windungen und Buchten des Bosporus und über die Berge weg bis nach Stambul.

Ich habe an keiner Stelle mehr als an dieser das Nahen und Sichaufthun einer neuen Welt empfunden, keine hat aber auch eine kleinere und unmerklichere Pforte als diese des Bosporus, und eben darum ist der Blick auf das große Feld des schwarzen Meeres so überraschend, so eindrucksvoll. Man sieht auf den Karten den Pontus Euxinus so eingerahmt, so umschlossen, daß man sich nun diese unbändige Endlosigkeit gar nicht in seine Vorstellungen einpassen kann. Noch immer kostet es mir Mühe, mir zu erklären, daß diese schmale Spalte, die sich das Wasser zwischen Asien und Europa gegraben, wirklich den Eingang zu einem anderen Meere bilde und daß dieses groß und mächtig sei. So steht der Mensch verwirrt und betäubt vor neuen Wahrheiten, so die ganze Menschheit ungläubig vor neuen Lehren, und so der hinübergegangene Geist wohl auch einmal vor den Geheimnissen der Ewigkeit. Es hat eben jede Vorstellung ihr Amerika, das erst entdeckt sein will.

Auf dem Rückwege legte ich mich unter einem Feigenbaume nieder. Meine Wanderung hatte Stunden, beinahe den ganzen Tag gedauert. Ich war müde und schlief ein. Als ich erwachte, fand ich neben mir unter anderen Büschen zwei Soldaten der türkischen Marine gelagert. Man hatte mich in letzter Zeit gewarnt, meine Spaziergänge nicht allein, und wenn ich das durchaus nicht anders wolle, wenigstens nicht unbewaffnet zu machen. Gerade diese Burschen der Flotte hatte man mir als die gefährlichsten, als die raub- und mordlustigsten geschildert. Natürlich fielen mir bei dem Anblicke meiner Lagergenossen diese Warnungen ein; ich entdeckte auch gleich in ihren Blicken und in ihren Gesten einiges Verdächtige, das sich sichtlich mit mir beschäftigte. Mein Schicksal hielt ich für entschieden; die wenigen Piaster in meiner Tasche, die Uhr und die goldene Kette, vielleicht mein Leben selbst für verloren. Schon machte ich mir Vorwürfe, daß ich nicht mehr an Geldeswerth zu mir gesteckt, das Leben mir damit zu erkaufen, als der eine aufstand, in die Büsche hinter mir ging und dort verschwand. Ha! dachte ich, der Plan ist vorsichtig, ich soll in dem Rücken gefaßt und mir zugleich die Flucht abgeschnitten werden. Den Widerstand hielt ich für nutzlos; einer gegen zwei, und die einzige Waffe dieses Hilflosen, ein weißer Sonnenschirm, mußten erliegen. Die Kerle hatten weiße Leinwandhosen an, die roth eingefaßt waren, und eben solche Jacken; auf dem Kopfe trugen sie das Fezz.

Da kam der eine der Mörder, der, welcher aufgestanden und in die Büsche verschwunden war, von rechts herüber und auf mich zu. Er ging vorsichtig und langsam, in den Händen trug er etwas, das er mir darreichte; es war ein Lederbecher, gefüllt mit Wasser. Meinem Gesichte hatten sie die Ermattung angesehen, und da sie von früheren Wanderungen eine versteckte Quelle kannten, was im Oriente immer als der besondere Schatz einer Gegend gilt, so dachten sie, damit mich aufzurichten. Das war das einzige Attentat, das sie auf mich machten, und als ich das Wasser getrunken und es mit einem Trinkgelde vergelten wollte, wiesen sie die Münze mit dem Bedeuten zurück, daß man des Herrgottes freie Gaben sich nicht bezahlen lassen dürfe. Um etwas Anderes baten sie: daß ich ihnen erlaube, mein Skizzenbuch anzuschauen.

Und so sind alle Erfahrungen, die ich hier mache: eine um die andere entgegen den Behauptungen, welche gewöhnlich erzählt werden.

Bujuk-Dere, 17. Juli.

Ein Engländer, der die ganze Erde bereist hatte, nannte, da er vom schwarzen Meere gegen Constantinopel kam, den Bosporus die schönste Straße der Welt und siedelte, weil er behauptete, der nähere Augenschein müsse diesen aus der Ferne geschöpften Eindruck zerstören, von einem auf den andern Dampfer über, um auf- und abgehend Constantinopel zu sehen.

Der Mann hatte Unrecht. Wer nur die Schönheit in etwas anderem versteht, als in seinen vorgefaßten Meinungen, der wird auch hier in der Nähe noch manches Reizende sehen. So ist neben der Natur, die verschwenderisch ihre Gaben ausgeschüttet, auch die Kunst nicht unthätig geblieben. In den Gartenanlagen hat sie Wunderwerke geschaffen, die von keinen andern auf irgend einem Ufer übertroffen werden. Beinahe ununterbrochen von Constantinopel bis zu den rauhen Vorgebirgen des schwarzen Meeres ziehen sie sich zu beiden Seiten des Bosporus. Landhäuser, Köschke sind dazwischen gepflanzt, zuweilen einzeln, meistens aber in dichten Gruppen gesammelt, so daß sie ein ganzes Dorf (Köi) bilden. Es ist, als ob sich die Stadt ins Endlose fortsetze.

Diese Gärten sind nach zwei Arten angelegt; entweder unten am Saume des Meeres nur als eine schmale Terrasse, oder in weiterer Ausdehnung parkartig die Hügel hinauf; immer aber steht das Landhaus (Jalli) hart am Wasser, die ganze Ausschau den Bosporus hinauf und hinunter und den ersten Anprall der Kühle zu genießen. Der Werth solcher Besitzungen, besonders der der letzteren Art, welche so viel Terrain einschließen, steigt bis auf einige Millionen Piaster. Ali Pascha hat z. B. die seinige bei Bebek, wo er kürzlich das prächtige Sultansfest gab, zu diesem ungeheueren Preise angekauft.

Ich besuchte heute zwei Gärten, je einen nach diesen verschiedenen Anlagearten; das Landhaus eines griechischen Großen, des Logotheten Aristarchi in Jeni Köi, und das Jalli des türkischen Großveziers Fuad Pascha in Kandlische. An beiden Orten wurde ich mit außerordentlicher Artigkeit empfangen. Bei dem Griechen waren nur Frauen zu Hause; sie geleiteten mich durch den Garten, der zu beiden Seiten des Hauses mit blühenden Büschen, mit Blumen und seltenen Bäumen gefüllt ist. Das Schönste darin sind riesige Magnolienbäume mit Blumen bedeckt. Bei uns erhebt sich diese Pflanze, die Villa Carlotta am Comersee ausgenommen, nicht über die Höhe eines Strauches, und blüht im Frühjahre, wenn die Zweige noch kahl sind; hier schimmern jetzt schon und von haushohen Stämmen die großen weißen Tulpen aus dem Dickicht der großen lederartigen Blätter hervor, und ihre langen gelben Staubfäden verbreiten einen Duft bis weit auf das Meer hinaus. Das ist das Verdienstliche der Vegetation des Bosporus, daß sie immer noch das uns Bekannte, aber vergrößert in’s Zwei- und Dreifache sehen läßt. Mit Leitern mußten hier die Blumensträuße gebrochen werden, die mir die Frauen zum Abschiede gaben.

Gegenüber, auf der Küste von Asien, liegt das Jalli des Großveziers. Das hat eine der Gartenanlagen, die sich in weiter Ausdehnung den Berg, der dahinter liegt, hinaufzieht. Das Haus ist prächtig eingerichtet und geräumig. In dem Garten fiel mir das Bemühen auf, Pflanzen zu erziehen, die im Grunde diesen Klimaten fremd sind; die Fichte ist neben die Palme und die Tanne neben die Cypresse gestellt. Sie wollen auch hier also wieder, was sie nicht haben und weiter schweifen in die Ferne. Ueberhaupt hat die ganze Gartenanlage viel Europäisches. Verschlungene Wege, Rasenplätze, die trotz allen Begießens nicht gedeihen, versteckte Seen und andere Liebhabereien der englischen Parkanlagen. Was sie Eigenthümliches hat und was jene englischen Phantasien mit allem Nachahmen der Natur nicht erschaffen, das ist dieser Blick in die reizendste Ferne der Welt. Wo man auch steht, auf welcher Terrasse oder in welchem Dickicht, überall fällt das Auge, gezogen durch den glitzernden Sonnenschein, auf den blauen Spiegel des Bosporus, auf die bunten Berge und die breite Bucht von Bejkos.

In Tschibukly, einem lauschigen Dickicht der Ufer dieser Bucht, brachte ich den Rest des Abends zu. Aus den grünen Wäldern des Alem Dag kömmt dort ein süßes Wasser dem Bosporus zu. Wie gewöhnlich decken seine Mündung große schattige Bäume, riesige Platanen darunter. Unter ihnen sammelt sich das Wasser in einem viereckigen, in Steinen gefaßten Becken. Griechen, Türken, Armenier saßen darum und, was dem Bilde am meisten Farbe gab, eine Menge türkischer Frauen mit ihren Kindern; die bunten Trachten leuchteten in dem Dunkel der Bäume gar auffällig. Obst-Zuckerwerkverkäufer boten auf ihren dreifüßigen Tischen ihre süßen Waaren aus; Andere trugen Wasser, Malebi, Gefrorenes herum; ein Kaffeegi war auch dort, und eine armenische Musikbande im Dienste eines Vornehmen erheiterte ihren Herrn und die Menge. Ganz anders war die Art, wie diese ihr Vergnügen kund gab, still und zuhorchend, nicht schreiend, lärmend und streitend, wie es bei uns geschieht, wenn die Fiedel streicht. Die Instrumente waren zwei einsaitige Geigen, eine Flöte, die Tarabuka und als wichtigste Klangwirkung ein ganz eigenthümlich gestaltetes ziemlich großes Hackbret. Die Melodie, die sie spielten, erinnerte mich wieder an die Weisen der Ungarn, und ich behaupte, daß Musik und Poesie mehr als alles Andere den Zusammenhang der Völker verrathen.

Unter die Kinder vertheilte ich Zuckerwerk. Zuerst erstaunt und verlegen, holten sie sich erst die Erlaubniß ihrer Mütter, es anzunehmen. Als diese mit zuwinkenden Blicken ihnen ward, drängten sie sich zu, und die freundlichen, dicken, runden Gesichter waren nun die Vertraulichkeit selbst. Es gibt nichts lieblicheres, als türkische Kindergesichter; wie die Modelle der musicirenden Engelsknaben auf den heiligen Conversationen des Bellini sehen alle aus.

Zwischen all’ dem fiel das Auge immer wieder auf die glitzernde Fläche des Bosporus, wo ein Segel um das andere leise vorbeizog und große und kleine Dampfer rauschend das Wasser aufwühlten. Zuletzt ging die Sonne unter und ließ die weißen Felsen von Chunkiar Iskelessi und das Schloß der ägyptischen Prinzessin, das dort steht, wie in einem Brande auflodern.

So erquicklich und so friedlich vergeht hier ein Sonntag; nichts von Berauschten, von Wein und Bier, und von Rohheit wie daheim in der gebildeten Heimath.

Bujuk-Dere, den 19. Juli.

Niemand wird auf dem Bosporus fahren, ohne zu fragen, wie dieser Strom entstanden, was im Laufe der Zeit die Verbindung zwischen dem schwarzen Meere, dem von Marmora und dem Mittelländischen hergestellt habe. So sonderbar ist diese Bildung, daß diese Frage beinahe eine unausweichliche genannt werden kann. Auch das Auge des ungeübtesten Laien in der Geologie sieht, daß hier etwas Ungewöhnliches zu Tage liegt, und begreift, daß es so nicht von allem Uranfange an gewesen sein könne. Zu vergleichen ist es nur den Erscheinungen, die in den Alpen vorkommen, wenn sich ein tüchtiges Bächlein oder ein schon Fluß gewordenes Wasser in zwei, drei Thalniederungen plötzlich für einige Zeit heimisch niederläßt; wie z. B. die Aar in dem Brienzer- und Thunersee, die Traun in den drei Grundelseen, dem von Hallstadt und später dem von Gmunden. Die drei Meere liegen hier ähnlich nebeneinander und ähnlich wie dort durch Flußbetten verbunden. Und wer heute die Bildung eines Flußbettes beobachtet, der wird im Werden dieselben Formationen sehen, die hier gehärtet und gealtert in festen Formen vor ihm stehen. Wenn an einem Meere mit weithin ausgestreckten sandigen Ufern die Fluth schwillt und das Wasser von einer Sandgrube zur andern strömt, oder wenn Kinder an einem Bächlein mit reißendem Gefälle ein Loch in die Ufer bohren, um das Wasser in irgend eine neben liegende Pfütze zu leiten, dann sehen wir es dahin nicht auf gradem Wege, sondern im Zickzack mit den sonderbarsten Biegungen und Willkürlichkeiten schweifen; wie in dem Thun des Menschen wird das kleinste Hinderniß die Ursache für das Abweichen von dem erstgemeinten Ziele. Eine solche Bahn der Willkür hat auch das schwarze Meer bei seinem Ausbruche in die Tiefenthäler des weißen verfolgt. Die Erfahrung hat auch ihm gelehrt, daß es besser sei, ausweichend an den Vorgebirgen vorüber und in die ruhigen Buchten hinein zu gleiten, als auf den geraden Wegen der Schulmeisterweisheit den Kopf an dem allzuharten Gestein sich zu zerstoßen.

Unter allen Vermuthungen, die über die Bildung des Bosporus aufgestellt worden sind, erscheint mir als die wahrscheinlichste diejenige, welche ehemals das schwarze Meer an dieser Stelle durch einen Vulkan geschlossen und diesen Vulkan durch eine Eruption zertrümmert, das Meer dadurch geöffnet sein läßt. Noch zeigt das ganze Dreieck der europäischen Küste, das Vorgebirge von Ssaryjeri bis nach Kilia hin die Spuren feuriger Thätigkeit; die Erdoberfläche ist dürr und nackt, kaum von niederem Gestrüpp und Grase überwachsen; meistens liegen Basalte, Eisensteine und Schlacken von so junger Bildung offen zu Tage, daß man an ehemalige Fabriken glauben könnte. Jung nenne ich diese Producte im Verhältnisse zu dem großen Maßstabe der Natur, denn unser Alter ist ja weniger als eine Secunde in dem Leben der Welt.

Will man diese Hypothese mit dem Allzuwenig der Spuren widerlegen, die von jenem ehemaligen Thorschlusse des schwarzen Meeres nur noch übrig sind, so verweise ich auf die außerordentliche Demolirungskunst der Natur. Nicht nur das Erschaffen, auch das Zerstören ist ihre berufsmäßige Aufgabe; aus dem Einen geht das Andere hervor, und so nicht blos bei den Wesen die wir lebendige nennen, bei den Thieren und bei den Menschen, auch bei den unbelebten Pflanzen und noch mehr vielleicht, nur weniger beobachtet und verstanden, bei den Steinen und Felsen, bei den Bergen und bei der ganzen morschen Erdkruste. Die ganze Natur ist in einem fortwährenden Zerstörungsprocesse begriffen; die Berge kommen zu Thale und die Ebene baut sich wieder zu Bergen auf. Wer daran zweifelt, der soll sich im Thale von Chamouny davon überzeugen; die Aiguilles, die Nadeln, die den Hauptreiz jener Gegend ausmachen, sind nichts als zertrümmerte Montblancs. Ursprünglich waren sie Dome, wie der des Gouté und der des Hauptstockes heute noch; zuerst schmolz ihnen der Gletscher ab und dann zerbröckelte sie der Zahn der Zeit, der Regen und das Unwetter. Aehnliche Gebilde, nur nicht so himmelstürmerisch wie jene der Alpen, zeigen hier die Küsten des Bosporus bei seinen Mündungen in die beiden größeren vorliegenden Meere: die Prinzen-Inseln und die Cyaneen, die beiden Inselgruppen, die wie durch bedachtes Schaffen der Natur symmetrisch vor die Eingänge dieses Länder und Meere verbindenden Stromes gesetzt sind; die einen, die Prinzen-Inseln, mehr zur Rechten vor das Vorgebirge von Asien, die anderen, die Cyaneen, mehr links vor das Ufer von Europa geschoben. Man kann die einzelnen Felsengipfel, wie sie dem Wanderer auf der weiten Fläche des Meeres als Vorläufer des Festlandes erscheinen, den Obelisken vergleichen, die die Aegyptier als stimmungsvoll vorbereitende Herolde vor die Pylonen ihrer Tempel stellten.

Heute Nachmittags 4 Uhr schiffte ich hinaus in das schwarze Meer, um auch die bläulichen Eilande der Fabel — wie ich die rothen der Propontis schon gesehen hatte — in der Nähe zu besehen. Nach 1½stündiger Fahrt legte das Kaïk an ihren Felsen an; das europäische Ufer, dem wir uns besonders nahe hielten, hat schon lange vorher solche wilde basaltische Formen. Einzelne Felsen ragen daraus hervor, spitz und thurmartig, als sollten sie Denksäulen vorstellen, welche der Fahrt und den Sagen der Argonauten errichtet worden sind. Die Steine liegen schichtenweise übereinander, sichtbar gehoben, dunkelblauer Basalt und rothes Eisen wie in geschmolzenen Massen, graugrüne Ockererde als verbindender Mörtel dazwischen. An einer Stelle sieht es aus, als rinne die flüssige Lava eben erst aus dem Felsen über den Strand in die Fluth. Allerlei Vögel, mit denen der Bosporus reichlich bevölkert ist, nisten in den Höhlen. Es ist ein absonderlicher, mit nichts zu vergleichender Anblick dieser Küsten, den man so bald gewiß nicht vergessen wird.

Die Cyaneen sind weit höher als ich sie mir vorgestellt. Hammer behauptet sie nur eine Klafter über dem Meere erhaben. Das zeigt, daß er sie nicht einmal von den umliegenden Höhen gesehen, viel weniger an Ort und Stelle gemessen haben kann. Sie sind wenigstens 150 Fuß hoch.

Ich sehe nur zwei, nicht fünf inselartige Felsen, wie sie Andere beschreiben. Was sonst herumgestreut liegt, erscheint mir als nicht zu zählender Abfall von den beiden Hauptstämmen, und diese wieder halte ich nur für Ueberbleibsel der ehemaligen Küste. Einmal trat diese mit einem Vorgebirge bis hierher und vielleicht auch noch weiter in den Pontus vor. Seitdem hat dessen ewig stürmende Wellenmasse sich zwischen ihnen und dem Festlande, und sodann auch wieder zwischen den einzelnen Felsen selbst durchgewaschen. Man muß, selbst an ruhigen Tagen, gesehen haben, welchen Sturm und Drang das Wasser hier fortwährend übt, und welche Mühe es macht, an diesen Ufern zu landen, um an solche Zerstörung glauben zu können.

Die beiden Felsen sind immer noch, wie sehr auch das Unwetter daran genagt, ziemlich gleich hoch mit der Küste des Festlandes. Das Wasser löst und bröckelt an den großen wie an den kleinen, die herumgestreut liegen; das Erdreich kömmt ihm hierbei außerordentlich zu statten. Es sind, wie ich schon vorher bei der Vorüberfahrt an der Küste bemerkt, schwarzblaue Basalte von metallischem Glanze, zusammengeknetet durch lehmige Erde; nirgends ein größerer Block von widerstandsfähiger Kraft.

Ich stieg auf den obersten Gipfel; die Hände müssen den Füßen helfen, aber schwierig, wie sie in vielen Reisebeschreibungen geschildert, finde ich die Besteigung doch nicht. Oben steht ein Altar aus weißem Marmor; Kränze, die von Stierköpfen gehalten werden, sind der Schmuck, der darum gemeißelt. Oben auf der Fläche sind vier faustgroße Löcher eingehauen, offenbar um die Füße des metallenen Opfergefäßes festzuhalten. Unter dem Altar ist der Boden ungleich, so daß ich mit der Hand darunter durchgreifen kann. Ueberhaupt ist er wenig mit dem Boden verwachsen; das gibt mir doch Zweifel an dem Alter der Aufstellung, das behauptet wird. Der Fels ist mit rothgelbem verbrannten Moose überzogen; einiges Schilf, Arundo donax, wurzelt in den Spalten.

Der Blick umfaßt weithin Meer und Land. Gerade gegenüber, auf der europäischen Küste, steht der Leuchtthurm und eine ansehnliche Ortschaft. Die asiatische Küste tritt gleich hinter ihrem Vorgebirge in eine Bucht zurück; der Leuchtthurm dort, die Batterien und Häuser von Poiras sind das letzte, was man sieht. Der Bosporus erscheint diesem Standpunkte wie geschlossen. Wer seinen Eingang nicht kennt, kann zweifeln, daß er überhaupt vorhanden, so schieben sich, wie sie ehemals zusammengeheftet waren, das europäische und asiatische Ufer ineinander.

Bei dem Eintritte in dieses Meer, von seinen immer bewegten Wellen lange hin- und hergeworfen, hielten die Argonauten diese Felsen für die Bewegten, indeß sie selbst es waren. Für den nahe der Küste Schiffenden, wie es die damalige Unerfahrenheit wohl mußte, scheinen diese Klippen wie abwehrende Wächter entgegengestellt zu sein. Oder sollte das ganze Märchen von den zusammenschlagenden Inseln nur ein Restchen jener Tradition sein, welche von der vulcanischen Veränderlichkeit jener Küsten erzählt, wie Deukalion von der großen Fluth?

Auf der Rückfahrt ward der Himmel plötzlich ganz verändert; eben noch blau und sonnenklar, lagerten sich hinter uns auf dem Pontus und vor uns auf dem Bosporus dichte verdunkelnde Wolkenschleier; der Süd hatte sie zusammengetrieben. Vor der Stunde ward der Tag nächtig, und der Mond, der wie eine blaßrothe Scheibe in Blut getaucht hinter dem Riesenberge heraufstieg, gab ein beinahe schon nothwendiges Licht. Groß wie heute habe ich ihn nur in Venedig gesehen, und darum begrüßte ich ihn auch wie einen lange entbehrten Freund.

Bujuk-Dere, den 20. Juli.

Es gibt Orte, die wie aus einer Naturnothwendigkeit ihre Namen führen, und die wie miterschaffen ihnen anhaften. Solch’ ein bezeichnungsvoll genannter Winkel ist hier „das Paradies“, eine Thalschlucht, die hinter Bujuk-Dere den Kabatasch Dag hinaufsteigt. Alles, was der Mohammedaner sich von jenem seligen Aufenthaltsorte verspricht, erfüllt sie. Kühle Wasser, die von der Höhe darin zum Meere fließen, schattiges Dunkel und blumige Gärten; die Hänge sind mit zahmen Kastanien, mit Feigen, mit Gülbersümen (Acacia julibrissin) bedeckt. Mächtige Lorbeerbüsche streben dazwischen auf, blaue Hortensien bekränzen das Plateau vor der dürftigen Holzhütte des Kaffeegi, und nur aus der Entfernung von einem der benachbarten Hügel herüber mahnen Cypressen an den traurigen Ernst des Lebens. Es hatte die ganze Nacht über geregnet. Ein Gewitter war dem anderen gefolgt, und Morgens noch ließ ich, in jenem Paradiese geborgen, eines der schlimmsten über mein Haupt und über die See, die antwortlos für solche empörte Sprache ruhig in dem Busen des Festlandes lag, dahinziehen. Es ist etwas unendlich Förderndes, sich solcher beschaulicher Trägheit des Orientalen hinzugeben. Bei der Eile unserer Länder ist sie vielleicht nur auf der Höhe unserer Berge möglich, wo man entrückt dem civilisirten Leben ist. Angeregter und begabter als bei uns nach tagelangen Studien stehe ich hier von solchen Stunden der Faulheit auf. Von meiner heutigen Ruhe aus stieg ich den Berg hinauf, die weitere Aussicht auf die beiden Meere, das schwarze und das von Marmora, zu gewinnen. In einem Hohlwege begegnete mir ein Esel, und in welchem Aufputze das verrufene Bild der Dummheit! Lorbeerzweige zu den beiden Seiten seines Kopfes in das Saumzeug gesteckt, und der Führer einen dritten in der Hand, womit er sich und dem Thiere barmherzig die Fliegen abwehrte. So spielt der Zufall mit den Bedeutsamkeiten des Lebens; es war der passendste Gegenstand für einen Genremaler, der die Contraste nahe bei einander haben will.

Die Gewitter währten den ganzen Tag. Abends, nach dem Essen, da wir auf die Terrasse heraustraten, sahen wir die See immer noch in geisterhafter, beinahe beängstigender Ruhe liegen. Oben am Himmel jagten schwere schwarze Wolken; erst der Mond scheuchte sie und gab der See und den Schiffen, die zahlreich in der Bucht geborgen liegen, das Licht wieder. Mondlandschaften gleichen den Bildern unserer Erinnerung; beide mahnen mehr die Einbildungskraft zum Selbstschaffen, als daß sie Erschaffenes geben.

21. Juli.

In dem Thale von Bujuk-Dere, das sich als Fortsetzung der Bucht zwischen den Hügeln bis zur darüber gespannten Wasserleitung des Sultan Mahmud zurückzieht, stehen hart am Meere ein paar mächtige Terebinthenbäume und etwas weiter zurück im Lande eine riesige Platane, von der heute die Sage erzählt, daß Gottfried von Bouillon mit einem Theile seines kreuzfahrenden Heeres unter ihrem Schatten geruht. Anna Comnena, die verläßliche Chronistin, dementirt dies zwar und läßt hier nur den weniger bekannten französischen Grafen Roul lagern, aber warum dem Baume die poetische Weihe nehmen? Was gewinnt die Wahrheit dadurch und wieviel verliert nicht das Gefühl?! Mir kömmt solche historische Wahrheitsliebe wie das barbarische Abschlagen der Hände und Füße an antiken Statuen vor, das auch Alterthumsfreunde und Forscher üben. Das Werden der Sage ist auch ein gottgewordenes und gottgewolltes Werk, und wie vor allen Werken göttlichen Ursprungs soll man auch vor diesem mit einer gewissen Zurückhaltung der Achtung stehen.

Oftmals wandere ich zu diesen Bäumen und setzte mich mit einem Buche Fallmerayer’s oder Finlay’s unter die Platane Gottfrieds von Bouillon: die Schatten der Geschichte über mir und ihr Licht in meiner Seele.

Heute hatte ich Finlay’s Chronik des mittelalterlichen Griechenlands mitgebracht. Es ist ein verzehrender Boden, dieses schöne, reiche Land am Bosporus. Salz scheint darein gestreut, daß das Leben der Menschen aussterbe; kürzer, als es anderswo bemessen ist, dauert es hier für die beherrschenden Völker. Wüste und öde, sowie es die Umgebungen dieser sonst so farbenprächtig umgebenen Stadt in das Festland hinein sind, ist die Geschichte der Nationen, die hier ihren Sitz aufgeschlagen haben; kein Gedeihen, immer nur rascher Untergang nach einem Leben, das seine Blüthe schon anderswo gehabt hatte. Volk um Volk kömmt mit frischen Kräften gezogen, unterwirft sich das Bestehende und geht wie dieses nach kurzer Zeit zu Grunde. Es ist als sauge ihnen der wollüstige Boden die Kraft aus. Die Menschen verlieren hier den Sporn der Thätigkeit; nicht der Ueberfluß an Sonne wie im äußersten Süden, der alles verdorrt, und nicht der Mangel an Wärme wie im Norden, der die Reife hindert, zwingen sie, das Zuviel und Zuwenig der Natur durch ein Einsetzen ihrer Kräfte auszugleichen. So recht in der glücklichen Mitte gelegen gibt der Boden Alles von selbst, und was ihm fehlt, führen die von allen Seiten hier zusammenlaufenden Wasserstraßen auf das müheloseste und wohlfeilste zu. Frisch und rege hat sich kein Volk lange auf diesen Küsten erhalten; wie Schichten der Erdbildung liegen sie übereinander, die Griechen, die Römer, die Gothen, Slaven, Bulgaren, Albanesen, die kreuzfahrenden Lateiner, die Byzantiner und heute auch schon beinahe die Türken. Die Griechen erhielten sich am längsten, eigentlich die Byzantiner, denn sie sind anders als die alten Hellenen. Wie eingewurzelt und fertig in seiner Weise der Culturzustand dieses Volkes war, sein Rechts-, Moral- und Religionswesen, beweist am besten, daß es trotz seiner Verkommenheit und Schwäche ihn gegen die Mischung der hereinströmenden Elemente zu bewahren wußte. Nichts vom Feudalsystem der lateinischen Ritter nahmen die Byzantiner an; fremd wie am ersten Tage konnte diese Pflanze, auch nachdem sie zweihundert Jahre in dem eroberten Lande gewuchert hatte, keine Wurzel greifen. Das Feudalsystem zeigt sich überall als das am meisten exclusive. Es weiß sich nirgends Fremdes zu assimiliren oder sich dem Fremden zu verbinden; es ist eine vorzüglich französische Institution und schon als solche nicht zur Colonisirung tauglich. Wie heute in Algier, so im 13. Jahrhundert in Byzanz, Attika und dem Pelopones zeigen sich gerade die Franzosen, welche die Anmaßung haben, die Culturträger der Welt zu sein, als die am wenigsten zur Colonisationsarbeit Befähigten. Sie bilden sich die anderen Völker nicht zu und bilden sich nicht nach ihnen. So kömmt es, daß diese Länder, die sie eroberten, heute wieder sind, was sie schon so oft waren, Uebungslager der Colonisation, die jedem Abenteurer offen stehen, ihm Glück verheißen. Es kommt nur darauf an, daß er die Seefahrt wage, Widerstand der Regierung findet er keinen und der Einwohner nur geringen. Die Länder des ägeischen Meeres, der Propontis waren der mittelalterlichen Welt, was der Neuzeit Ostindien, Amerika und Australien sind; nur daß die Lockung damals noch größer war, weil das oströmische Kaiserthum die Reste der alten Kunstwelt und die Reichthümer eines schon lange bestehenden Handels besaß. Der Vorwand ward, wie er es schon den alten Hellenen gewesen und heute den Beutegierigen wieder ist, das Culturträgeramt von dem Westen nach dem Osten hin. So wiederholen sich selbst in der Geschichte der Einzelländer die Dinge, und das „Ist Alles schon da gewesen“ des Rabbi Ben Akiba findet nicht blos in dem Weltgang, auch in dem engeren Kreise der Specialgeschichte seine Bestätigung. Man begreift oft kaum, warum der dazwischen liegende Tod und neue Geburten erfolgen mußten, so ähnlich sieht eine Fortsetzung der anderen. Nur ein mikroskopisches Auge erkennt die kleinen Unterschiede, welche wir dann selbstgefällig Fortschritte nennen, und um deren Willen all’ der Brand und Untergang erfolgt sein soll.

Solche fortschrittfeindliche Gedanken entstanden und begleiteten mich auf meinem Spaziergange in das Innere des Thales. Glühende Sonnenhitze trieb mich von dem offenen Wege in die Felder hinein, wo ein Wäldchen, Kühlung versprechend, steht. Ich vermuthete Wasser als die Ursache des dort vereinzelten und so reich blühenden Wachsthums, und hinter Bäumen und Büschen fand ich in der That einen mäßig großen Teich versteckt. So dicht steht das Grün, daß man kaum dem braunen Wasser zudringen kann, und auch aus dessen Mitte ragen silbergraue Weiden auf, die Stämme tief in das Wasser versenkt, die Aeste oben in die benachbarten Wipfel verflochten, die wie eine Laube über den ganzen Tümpel gebreitet sind. Lebendes und Abgestorbenes: Lianen, die dürr vom vorigen Winter sind, und andere, die im Reichthume des heutigen Sommers prangen, Alles steht und hängt wild und ungebunden, wie es die freie Hand der Natur geordnet hat. Prächtige Kastanienbüsche mit ihrem frischen Goldgrün drängen sich vor, überhängend in den Teich, dazwischen Feigenbäume mit der humorvollen Krümmung ihrer Aeste, und Alles umschlungen, verbunden, vermählt durch hochaufstrebende wilde Reben, durch blasse Nachtschatten und anderes Schlinggewächs, das betäubend duftet und in allen Farben blüht. Und damit kein Mensch die Einsamkeit entweihe, steht Schilf in Manneshöhe abschließend an den Ufern. Schildkröten, klein wie eine Hand und andere mäßig groß, schwammen im freien Wasserspiegel, die Füße aus der Schale herausgestreckt und den Kopf luftschnappend in die Höhe gereckt. Sobald sie mich gewahr wurden, tauchten sie unter, zuerst den Kopf hinabsenkend und dann, wie mit einem Purzelbaume, den übrigen Körper ihm nach. Es ist ein Winkel, so still, regungslos, lauschig und kühl, als hätten ihn die Götter der altgriechischen Mythologie sich eigens erschaffen, um dort eines ihrer verliebten Abenteuer zu feiern.

Bujuk-Dere, den 22. Juli, Freitag.

Ich fuhr Nachmittags nach Asien hinüber, bei Chunkjar Iskelessi (der Landungstreppe des Sultans) anlegend. Es ist dort jene Bucht, auf deren einem Vorgebirge das Schloß der Aegyptierin steht, mit seinen weißen und rothen Marmorwänden das Abendsonnenlicht haltend, und auf deren anderem Vorsprunge jener Obelisk die Erinnerungen bewahrt an die Hilfe, welche 1833 russische Truppen dem Sultan gegen einen Glaubensgenossen, den aufständischen Vicekönig von Aegypten, geleistet haben. Timeo Danaos dona ferentes, so sollten die Türken diesen Warnungsfinger lesen. Ich sehe ihn seinen Schatten auf die Uhr der Zukunft werfen.

Die große Bucht von Bejkos, berühmt als Lagerplatz der französischen und englischen Flotten während des letzten Krimkrieges, liegt hart neben der von Chunkjar Iskelessi. So nahe stehen in dieser sonderbaren Welt des Wechsels die Contraste oft nebeneinander: hier die Russen als Freunde, dort ihre Gegner den Türken verbündet.

Gleich beim Ufer empfangen prachtvolle Platanen-Alleen den auf Chunkjar Iskelessi Landenden. Es sind herrliche, uralte Bäume, und unter ihnen und weit bis zu den Bergen hingezogen grüne saftige Wiesen. Einen der Bäume hat der Blitz getroffen; es steht nur noch der ausgehöhlte Stumpf, kaum viel mehr als Manneshöhe, die Rinde hat sich oben kegelförmig zusammengezogen, und aus ihr wie aus den weitverbreiteten Wurzeln sproßt das immer noch rege Leben mit hundert neuen Zweigen und grünen Trieben. In dieser befiederten Hütte hat ein Kaffeegi seine Werkstätte aufgeschlagen, und vor ihr sitzend trank eine Gruppe Türken den schwarzen Kaffee, rauchte und spielte Lange-Puff. Schon durch seine Seltenheit wäre dieser in ein Zelt umgewandelte Baumstamm eine wirkungsvolle Staffage für ein Bild.

Ein Bach schlängelt sich durch die Wiesen hart an dem Fuße des hier in das Thal abfallenden Riesenberges her. Weiber saßen auf seinen Ufern, bunt in ihren türkischen Kleidern und dicht gereiht, als seien es Weiden, die das Wasser einfassen. Kinder tummelten sich auf den Wiesen und ein paar Zuckerbäcker hatten ihre tragbaren Waarenlager auf den hier üblichen Dreifüßen aufgestellt. Langsam und beschwerlich kamen mir vergoldete Arabats entgegen, von Ochsen gezogen und mit verschleierten Frauen überfüllt. Sie stiegen vom Riesenberge herab, wohin man mit solchen Mitteln die Ausflüge zu machen pflegt. Gerade so müssen die Wagen der Alten ausgesehen haben, die von Aegypten nach Babylon die große Landstraße befuhren.

Ich ging immer dem Bache entlang, tiefer in das Thal hinein, auch an Feldern und Meierhöfen, einer Tenne vorüber, wo das Getreide in antiker Weise gedroschen ward und die Lehre Christi ihre Befolgung fand: denn dem Viehe, welches darauf herumlief, war das Maul nicht verbunden.

Die Hügel zu beiden Seiten des Thales sind dicht und mannigfaltig bewaldet. Der Wald hat in seinem äußeren Ansehen sogar etwas Feuchtes, Undurchdringliches. Je weiter man kömmt, desto enger wird das Thal und desto fruchtbarer sein Wachsthum. In Tokat, einem lieblichen Punkte, sind riesige Bäume über ein Wasserbecken geneigt. Türken und auch ein Neger ruhten in ihrem Schatten. Einer, da die Gebetstunde gekommen war, breitete den Teppich aus und verrichtete sein Gebet, gegen Mekka gewandt sich niederwerfend und den Boden küssend. So stille sind die Vergnügungen dieses Volkes; wie dort am Bache die Frauen, so hier die Männer: Sitzen, Schauen und Schweigen; nirgends ein Streitender und nirgends ein Betrunkener. Es ließe sich nach diesem Eindrücke auch „Ein Tag des Herrn“ dichten und sich zum Gegenstücke des Reinick’schen „Sonntag Morgens am Rheine“ — das Lied „Ein Feiertagsabend am Bosporus“ nennen.

Da ich zurück ging in werdender Nacht, lag die Wiese von Chunkiar Iskelessi schon ganz im Schatten der nachbarlichen Berge; nirgends ein Lichtlein mehr und kein Lebendiges auf der weiten Flur, — da befiel auch mich ein „süßes Grau’n, geheimes Weh’n“, und anbetend das Uhland’sche Sonntagslied murmelnd fuhr ich über den Bosporus.

Bujuk-Dere, den 23. Juli, Samstags.

Seit mehreren Monaten hat der Sultan sieben- bis achttausend Mann seiner Truppen ein Lager bei Maslak beziehen lassen. Es ist das ein Meierhof ziemlich halbwegs auf der Landstraße von Constantinopel nach Bujuk-Dere. Er selbst besucht es wöchentlich mehrere Male, gibt seinen Soldaten dort Feste, und erst neulich sahen wir den Himmel von einem Feuerwerke erleuchtet, das dort abgebrannt wurde, als der Sultan die Nacht in seinem Zelte zubrachte. Er sieht es gerne, wenn Fremde das Lager besuchen, und so fuhren wir heute auf dem Landwege dorthin. Die Straße ist schlecht nach unseren Begriffen, gut nach den hiesigen. Von der Wiese, wo der französische Graf Roul gerastet, steigt sie steil aufwärts, läuft dann oben auf den Höhen der Hügel eben fort; rechts und links eine gelbrothe Sandwüste, die sich scheinbar endlos in das Innere des Landes fortzieht. Es ist wie die Campagna di Roma; das Tageslicht leuchtet erfolglos darauf, aber die Farben des Sonnen-Auf- und -Unterganges erglühen um so lebhafter auf dieser leblosen Unterlage. Dabei ist der Boden nicht unfruchtbar; wo ihm etwas eingepflanzt ist, trägt er Früchte und lohnt reichlich. Es fehlt nur die Hand, die sich darum bemüht. Sonderbar, daß die großen Schicksalsstätten der Geschichte, Rom, Jerusalem und Constantinopel, alle — obwohl noch immer fortlebend — von solchen Friedhöfen der Natur umgeben sind. Will der Mensch dort die Geschichte begraben sein lassen und sollen wir diese Städte als ihre Denkmale achten, oder verliert er dort nur in dem sonst so verzehrenden Leben den Trieb zur Arbeit?

Ab und zu, wenn eine der höchsten Höhen des wellig auf- und niedersteigenden Weges erreicht ist, fällt der Blick zurück auf das schwarze Meer und einmal auch zugleich vorwärts auf die Kuppeln und Minarete von Constantinopel; noch öfters zur Seite hinab links auf eine der Buchten des vielgewundenen Bosporus. Θάλαττα! Θάλαττα! ruft dann das ausgetrocknete Auge, das vom Staube und Widerscheine der Sonne ermüdet ist.

Auf einer dieser Höhen stiegen wir aus. Vor uns ausgebreitet in den Thälern, die sich dort hinabziehen, liegt das Lager; grüne und weiße Zelte, die weißen kleinen um die Gewehre zu bewahren. Je 10 Mann schlafen in einem Zelte. Wir sahen uns das Ganze aus dem Zelte des Sultans an; herbeigerufene Officiere machten artig die Erklärer. Das Meiste der Mannschaft, Cavallerie, Artillerie und Infanterie, hatten wir früher schon auf Uebungsmärschen begegnet und beobachtet. Die Leute sahen gut aus. Bestaubt, beschmutzt und sonnenverbrannt schien ihnen nichts zu fehlen, als der zündende Funke, das kriegerische Spiel in Ernst zu verwandeln. Ich zweifle, daß ohne diesen Funken, der nur der religiöse Fanatismus ist, die türkische Armee je wieder etwas Weltbewegendes wird leisten können. Diesen Funken aber anzufachen halte ich jeden Augenblick möglich, denn der Glaube ist hier reger, als ihn das ungläubige Europa glaubt. Es gilt also, damit die Türkei wieder werde was sie einstens war: eine erobernde und jedenfalls nicht erbebende Macht, nur, daß ihre Machthaber den Muth haben, sich der europäischen Strömung zu widersetzen. Seit Mahmud richten Reformationen und die Beihilfe der Großmächte die Türkei zu Grunde. Es war ein im Wesentlichen richtiger Gedanke, als Mahmud die Vorschläge des Wiener Congresses zurückwies, in das Concert der europäischen Großmächte einzutreten. Die Türkei ist nur groß und mächtig, wenn sie auf ihren eigenen Füßen steht, aber rechts und links wich man von diesem Grundsatze ab und folgte, ohne das Entgegengesetzte ganz zu ergreifen, in den Details fremden Rathschlägen. Das sind die Abwege, auf die man geräth, wenn man die Ursachen seines Anfanges verleugnet. Kein Staat hat sich noch ungestraft von der ihm ursprünglich gesteckten Aufgabe abgewendet, und nicht fraglicher als für die übrigen europäischen Völkerfamilien erscheint es mir für die türkische, ob ihr von dieser Verirrung eine Umkehr zu sich selbst möglich sei.

Der Anblick der vielen tausend Wohnstätten lebender Menschen in dieser dürren, unfruchtbaren Gegend eigens aufgerichtet, mahnte mich an die Zeit, wenn erobernde Schaaren in diesen Gegenden belagernd hausen werden. Auch das wird kommen, wie ja Ilion sank und die ewige Roma.

Ehe wir wieder in den Wagen einstiegen, führte man uns zu unterirdischen Gängen, die man eben jetzt bei den Lagerbauten entdeckt hat. Es sind breite, hochgewölbte Corridore, die in größere Hallen münden und sich dort mit anderen Gängen kreuzen. Es scheint ein ganzes unterirdisches System geheimer Wege oder Canäle zu sein. Späteren Forschern bleibt es vorbehalten, ausfindig zu machen, wozu sie gedient und wohin sie geführt; die Hirten, die einstweilen darinnen nisten, erzählen, bis nach Constantinopel, und sie mögen wohl das richtige errathen. Ist es so, dann dürfen diese unterirdischen Wege des byzantinischen Constantinopel als wirkungsvolles Lösungsmittel in dem Romane nicht fehlen, der einmal den Glanz und den Untergang des oströmischen Reiches schildern wird. Denn byzantinisch ist dieses Gemäuer jedenfalls; es stellt dieselbe sorgsame Ziegelfügung dar, wie an der hohen Pforte des Genueser Schlosses. Der aufgehäufte Unrath der Heerden und die Stickluft, die unsere Fackeln löschte, hinderten weiteres Eindringen. Der Sultan baut gerade darüber ein Landhaus, und die Sage geht, daß dort in alten Zeiten schon ein fürstliches Schloß gestanden habe. Ein paar hochstämmige Pinien, die um den viereckigen Platz stehen, könnten vielleicht als Zeugen von verschwundener Pracht citirt werden. Dann haben die Canäle auch von der kaiserlichen Villa nach der Stadt geführt.

Bujuk-Dere, den 24. Juli, Sonntag.

Nachmittags, da noch die Sonne warm am Himmel stand, fuhr ich im Schatten der europäischen Küste hinaus nach dem schwarzen Meere. Dort wendeten wir und ruderten zur roth beglänzten asiatischen Küste hinüber. In einer kleinen Bucht legten wir an. Ein schmales Thal mündet dort; Monastir Deressi heißt es von den Klosterruinen, die versteckt darin hinter Büschen und Schlinggewächsen liegen. Ich hatte sie schon öfters bei der Fahrt nach dem schwarzen Meere bemerkt und mir einen Besuch hier vorgenommen. Es sind nur ärmliche Ruinen aus spät byzantinischer Zeit; aber das Ganze ist durch die Umgebung, durch das Grün, das darüber wuchert, und durch die Einsamkeit eine Idylle geworden, wie sie poetischer und malerischer keine rheinische Ritterburg und keine altdeutsche Sage darstellt. Wer mag in der Kirche gebetet, wer in dem Kloster gelebt, gefühlt und vielleicht geliebt und dann auch gelitten haben? Es brauchte nur eines kühnen Sinnes, der das erfände, um diesen Ort zu einem Wallfahrtsort der Romantiker zu machen.

Was von dem Baue heute noch steht, wird wohl die Kirche mit einer Kuppel und der Apsis gewesen sein; das Kloster lag dort, wo an der linken Thalwand die Mauerreste aus dem Boden hervorquellen. Auch diese Ruinen der Vergangenheit kränzt der Lorbeer. Vor dem Eingange der Kirche wölbt sich ein Hügel von Schlinggewächsen; ich vermuthe einen Haufen Mauertrümmer darunter, wie sie einzeln weitum zerstreut liegen. Der Arbutus steht in hohen Sträuchen und bedeckt mit runden Früchten; daneben blühende Erika in weit über Manneshöhe ragenden Stauden, und Sparti, der seine gelben Sporen aus dem Grün herausstreckt. Das Schlinggewächs ist an einigen Stellen undurchdringlich und wehrt mit stacheligen Dornen ab, als lägen dort besondere Schätze begraben, die ihm ein Zauber zu hüten aufgetragen.

In goldig wolkenlosem Abende rudern wir zurück, mein Sinnen vollgefüllt mit Phantasiebildern der Vergangenheit.

Dienstag, den 26. Juli.

Es ist ein altes Beiwort, das den Bosporus fischreich nennt. Ein ähnliches sollte seinen Ufern von der Menge der Vögel geworden sein. Wo ein schattiger Busch und ein kühler Quell, dort schlägt auch die Nachtigall, und das Käuzchen wartet hier nicht einmal den Verfall und die Einsamkeit ab, in die belebtesten Ortschaften wagt es sich und stört die Nacht durch seinen prophetischen Ruf. Aber nicht blos das Land, auch das Wasser des Bosporus ist in solcher Weise befiedert und bevölkert. Ein sonderbarer Vogel, den ich nirgends sonst sah aber der Schwalbe verwandt glaube, wenigstens gleicht er am meisten durch die Flugart dieser, belebt den Tag über in großen und dichten Schaaren den Strom. Nie sah ich ihn einzeln, nie auch bei Nacht, und gewöhnlich so dicht über dem Wasser schwebend, daß es den Anschein hat, als streife er es und tauche von Zeit zu Zeit darin ein. Sein Flug hat etwas elektrisch zitterndes, die Flügel hastig auf- und abschlagendes, bis er plötzlich wieder regungslos gespannt eine Strecke weit wie ein abgeschossener Pfeil dahin gleitet; immer ist er so schnell, daß kein menschliches Auge im Stande ist, dem Körper die Form und Farbe abzumerken. Man sieht ihn nie auf den bewohnten Ufern des Bosporus einkehren und es ist mir auch nur eine unerwiesene Sage, die die Kaïkgi’s erzählen, daß er in den schwarzen, rauhen Felsen, an der Mündung des Stromes in den Pontus Euxinus, niste. Endlos und ruhelos, wie zur ewigen Bewegung auf dieser kurzen Straße verurtheilt, erscheint sein Flug und seine Existenz, daß der Name, den man hier diesen Vögeln gibt, gar wohl als ihnen angeboren gelten kann. Ames damnées, arme Seelen, nennt man sie und läßt damit vielleicht nur den uralten Wahn wieder aufleben, der die Vögel als Bewahrer der Geister der Verstorbenen verehrte. Die Aegyptier setzten jeder Mumie einen kleinen thönernen Vogel auf die Brust, die sich heute noch so in ihren Särgen wiederfinden, und die Mohammedaner, die es den heidnischen Arabern zuerst wehren wollten, das Käuzchen für einen Todtenvogel zu halten, der auf dem Grabe des Erschlagenen schreiend die Blutrache fordert, lassen heute die Seelen frommer Moslims in den Kehlen grüner Vögel aufbewahrt den Tag des jüngsten Gerichtes erwarten. Der Aberglaube participirt eben auch an dem allgemeinen Gute der Unsterblichkeit, und wie oft ihn die sogenannte Aufklärung ausgerottet zu haben behauptet, es taucht immer derselbe wieder auf.

Bujuk-Dere, den 27 Juli.

Der heutige Abend war noch schöner als sie hier alle sind. Ich ging, um ihn völlig zu genießen, nach dem russischen Gesandtschaftsgarten. Dort tritt man zuerst durch ein Blumenparterre ein, in dem der Orangenduft betäubend die Luft versüßt, dann unter acht Pinien hin, den hochstämmigsten und breitkuppligsten die ich je gesehen. Sie stehen im Kreise, und fügen sich zusammen wie das Gewölbesystem einer der sultanischen Moscheen auf den sieben Hügeln Stambuls. Auf ihren Kronen leuchtete noch das Sonnenlicht; unter ihnen lagen schon abendliche Schatten. Und so auch in den Eichen- und Kastaniengängen, die ich jetzt hinaufstieg über moosige Marmorstufen und feuchtes Erdreich zu der Allée des roses, einer herrlichen Terrasse, die schon den Bosporus überschaut. Ich aber drängte höher hinauf, um auch nach dem schwarzen Meere den Blick frei zu haben. Ich kam durch eine Pinien-Allee; der Boden ist von jenem eisenhältigen Erdreiche, das hier so oft verrätherisch für die ursprüngliche Bildung dieser Gegenden zu Tage tritt, und in den Wipfeln lag auch nicht mehr das Gold des Sonnenglanzes, sondern das Roth des geschiedenen Tageslichtes. Es war als sei Alles, Boden und Himmel, von jenem Purpur übergossen, dessen Farbe die Alten so sehr rühmten und dessen Fabrication uns verloren gegangen ist.

Eine feierliche Stimmung übermannte mich. Noch einige Schritte aufwärts und bis zum schwarzen Meere hinaus lag der Strom des Bosporus vor mir. Schiffe über Schiffe, die hinaus und herein wollten, der Abendwind trieb sie und blähte ihre Segel; dazwischen mächtige Dampfer, Schraubenschiffe, die weit ihre Rauchwolken nach sich zogen. Ein großer russischer fuhr hart unter mir her.

Ich dachte, was Alles diese Straße gegangen und welche Schicksale noch darüber hinwandeln würden. Meine Rückschau stieß auf Jason, den ersten, der der Menschheit diesen Weg gebahnt hat. Ein sonderbarer Einfall kam mir dabei, den ich meine Phantasie fortspinnen ließ, bis es tiefe Nacht geworden war, daß ich dann mühsam und vielfältig verirrt zwischen gespenstigen Lorbeerbüschen hindurch den Rückweg nach Hause suchen mußte.

Jason ist das Kind eines Königsgeschlechtes der Minyer, die lange über Thessalien herrschten; das ist die verbürgte Ueberlieferung der ältesten Sage. Die Thessalier galten von allem Anfange an als eine seegeübte, meerliebende Nation. Der Handel hatte sie reich gemacht und darum nannte man sie „von Poseidon gesegnet“ und ihre Landschaft von ihm besonders beschützt. Das benachbarte Lemnos hatten sie frühzeitig besetzt und durch das ägäische Meer nach dem asiatischen Troja ihre Fahrten ausgedehnt, wahrscheinlich aber auch in das mittelländische bis zur phönicischen Küste und dem reichen Sidon sich gewagt.

In jener allerersten Zeit, als die Welt der griechischen Vorstellungen noch gar klein war, muß ihnen schon das schwarze Meer als ein außerordentlich lohnendes Gebiet ihrer Gewinnsucht, zugleich aber auch ihrer Ungeübtheit durch seine Ungeberdigkeit als ein unfreundliches Feld (axenos) ihrer Schifffahrt erschienen sein. Dorthin zu dringen mag ein sehnsüchtiger Wunsch aller Abenteurer gewesen sein, so wie im 15. Jahrhundert die längst geahnte, immer aber noch nicht erreichte Fahrt um das Cap der guten Hoffnung und die noch sehnsüchtiger begehrte Entdeckung der fabelhaften Insel Atlantis. Ganze Jahrhunderte werden von solchen Wünschen bewegt und von den Versuchen sie zu realisiren erfüllt. Das Vorahnen ihrer Erfüllung liegt in der Luft, wie das Kommen des neuen Frühlings schon in einem warmen Februartage. Man lasse diese Entdeckungen in einer uns ferner liegenden Zeit geschehen und nicht gleichzeitig damit die alles feststellende Buchdruckerkunst erfunden worden sein, und wir würden sie wohl heute in Fabeln nicht weniger kraus und bunt als die des Phrixos und des Jason verkleidet sehen.

Phrixos ist einer der vielen Abenteurer, die vor dem glücklichen Jason diese Entdeckung gesucht, die Anknüpfung von Handelsverbindungen zwischen dem Mutterlande und dem reichen Kolchis angestrebt haben. Da er nicht zurückkam, mag sich die Phantasie, die sich nun einmal von ihren Plänen nicht abbringen lassen wollte, über sein Schicksal mit den Bildern von dem glücklichen Wohlleben getröstet haben, das er in Kolchis fand. Vielleicht brachten auch wirklich Abkömmlinge von ihm die Kunde von der behäbigen Existenz des Vaters nach der Heimath zurück.

Danach scheint der Wunsch, neue und regelmäßige Verbindungen nach jenen Küsten anzuknüpfen, ein immer regerer, ein unwiderstehlicher geworden zu sein; ganz Griechenland wurde davon erfaßt und betheiligte sich an der Expedition, die das thessalische Königsgeschlecht ausrüstete. Thessalien, das nach jenen Himmelsgegenden hin jedenfalls die geübteste Schifffahrt hatte, behielt nur die Führung. Und daß diese Argofahrt wirklich als ein weltumgestaltendes Ereigniß betrachtet ward, beweist der Name, der ihrem Führer entweder vor- oder nachher beigelegt ward: Jason, der nichts geringeres als unser Jesus, der „Helfer und Erlöser“ bedeutet. Also erlöst vom bisherigen Zwange und eingeführt in eine neue Welt hat er sein Volk und darum diese Auszeichnung und die Glorification in der Sage.

Daß sein Wagniß wirklich bleibende Verbindungen anknüpfte, das schwarze Meer für alle Zeiten erschloß, beweist der Euxinos, in welchen sich der Axenos, der ungastliche Pontos mit seiner Fahrt verwandelte.

Die verschiedenen Landungen, die die Sage den Jason an den Küsten der Propontis und des Bosporus vornehmen und wo sie ihn regelmäßig einen seiner Gefährten verlieren läßt, mögen die Colonien bedeuten, die dann in späterer Zeit durch diesen Handelszug auf diesen Küsten von den gewinnsüchtigen, weltdurchstreifenden Griechen errichtet wurden. Bekannt ist, daß dort nirgends ein Ort, wo nicht heute noch Spuren ihres Seins zu finden wären. Erst kürzlich die Münze wieder, die, auf dem Sigäischen Cap gefunden, unter dem eingeborenen ΣΙΓΕ (Sige) die Eule von Athen und — was die Verbindung nach der anderen Seite hin notirt — daneben den Halbmond, auf der Rückseite den Kopf der kolchischen Artemis zeigt.

Das goldene Vließ, das Jason holte und heimbrachte, ist nur das Sinnbild jenes Wollhandels, der für die damalige Industriewelt dieselbe Bedeutung hatte, wie für die heutige der Baumwollhandel mit Südamerika; das Palladium der Macht und der Stärke Griechenlands war nur der angeborenen Natur des Volkes gemäß ein etwas poetischeres Symbol als der Wollsack des englischen Lord Oberkanzlers, der auch das bedeutet, was England war, ist und sein wird. Die Wolle hatte damals schon wie heute noch ihre berühmtesten Züchter im Innern von Asien, in seinen bergigen Theilen. Von dort ging sie ursprünglich auf der alten Karavanenstraße über Babylon und Ninive nach dem industriereichen Phönicien und Aegypten. Tyrus und Sidon hatten die berühmtesten Tuch- und Teppichfabriken. Für die Griechen mußte es von unberechenbarem Vortheile sein, diesen Landhandel abzuschneiden und zur See auf kürzeren Wegen den Phöniciern ihr Rohmaterial wohlfeiler und rascher zuzuführen. Im Zwischenhandel waren sie immer groß und wußten dabei ihre besten Gewinne herauszuschlagen.

Daß Kolchis aber ein reiches Culturland gewesen, beweist schon die Abstammung seiner Völker, welche die griechische Sage von den Assyriern und Herodot gar von den Aegyptiern herrühren läßt, also von den Völkern, welche der heutigen Wissenschaft, unzweifelbar Griechenland alle seine Bildung und Erziehung gegeben haben. Kolchis lag, wie Trapezus später und Trapezunt heute noch, geborgen in seinen dichten Wäldern auf dem Endpunkte der Handelsstraße, die dort, vom Inneren Asiens kommend, nordwärts ausläuft.

Es ist dieses Motiv, welches ich der Argofahrt unterschiebe, kein Grund, daß nicht zugleich mit der Wolle von Kolchis aus auch jener religiöse Cultus nach Griechenland gekommen sei, wegen dessen Jason nach der bisher gewöhnlichen Anschauung allein das Wagniß unternommen haben soll. Im Gegentheil, das gemeinsame Kommen der beiden Culturelemente ist das Wahrscheinlichste; materielle und geistige Früchte bringt der Handel gewöhnlich zugleich von seinen Entdeckungsfahrten heim.

Kolchis war ein berühmter Sitz des Artemis-Cultus; dorthin war er wohl mit den übrigen Culturelementen aus dem Inneren von Asien eingewandert. Der Mond- wie der Sonnendienst stammt aus jenen alten Ursprungsstätten der Menschheit, wo die Astrologie ihre eifrigsten Verehrer hat und immer hatte. Dem Alterthume galt das Gebiet des Pontos als die Heimath der jungfräulichen Artemis, der mondsüchtigen Hekate, der Diana phosphora, und von dort soll ihr Dienst nach dem lichten Griechenlande gekommen sein. Der ganze Bosporus, die Bahn dieser Wanderung, war mit den Standbildern der geheimnißvollen Göttin besetzt. Gleich das erste seiner asiatischen Vorgebirge, das noch in das schwarze Meer hinaussieht, trug eines; ein anderes das „heilige“ Cap, das zu Füßen des heutigen Genueser Schlosses liegt; ein drittes die stille, bewaldete Bucht von Bebeck, und auf der Landzunge des goldenen Hornes selbst stationirte dieser Cultus lange. Der mächtige Halbmond auf der Aja Sophia ist heute noch ein Ueberbleibsel jener uralten Vergangenheit; er wurde von der Stadt her das Wappen des Reiches und die Türken haben nur den aufgehenden Morgenstern darein gesetzt.

Medea, die Gattin, das gelehrte, in geheimen Künsten vielerfahrene Weib, das Jason mitbringt, vertritt in der Sage das wissenschaftliche Element, wie die andere Frucht der Reise, der volkswirthschaftliche Erfolg, in dem goldenen Vließe vertreten ist.

Ein späterer Theil der Sage greift durch das Kind der Medea mit dem attischen Aegeus wieder nach dem Oriente zurück. Jener Knabe hieß Medes und soll der Stammvater des medischen Königsgeschlechtes geworden sein, sowie Perseus mit dem Perses seiner Andromeda das persische Fürstenhaus gezeugt haben soll. Orient und Occident erscheinen so in fortwährender Wechselbeziehung. Die Befreiung der Andromeda, kann sie nicht die Erlösung irgend eines asiatischen Reiches aus einer großen Gefahr gewesen sein?

Man wird mich steinigen, weil ich solch’ handelspolitische Auslegung einem bisher so poetisch verehrten Mährchen zu geben wage. Aber ich frage: ist die eine Deutung nicht die andere werth? Worin liegt der Grund, daß die, welche Alles auf einen Naturdienst, auf eine Personification der Naturkräfte zurückführen will, mehr Wahrscheinlichkeit für sich habe, als diese, welche einen Hauptcharakterzug der Griechen zu Hilfe nimmt, ihre Handelsliebe, ihre Weitschweifigkeit, die zu allen Zeiten ihr materielles und ihr geschichtliches Leben zumeist geregelt haben? Man hat überhaupt in der bisherigen Weise des Vortrages der alten Geschichte den Handel nicht hoch genug gewerthet. Daß er mit Allem was darum und daran hing nicht verachtet war, beweist der Glaube der Phönicier, der sich den Herakles als den Erfinder des Purpurs vorstellte. Ueberhaupt kein orientalisches Volk wird den Handel und die übrigen Industriezweige geringe achten; sie sind durch die Natur ihres Himmelsstriches viel zu sehr auf die praktische Richtung des Lebens angewiesen. Ganz unpraktische Leute gibt es nur im Norden.

Bujuk-Dere, den 28. Juli.

Ich machte in Therapia einen Besuch. Ein Theil der europäischen Gesandten wohnt dort. Es ist kühler, aber auch stürmischer gelegen als Bujuk-Dere, weil es den vollen Windanprall aus der Mündung des schwarzen Meeres erhält. Der schönste Garten dort ist der der französischen Botschaft. Durch hohe Alleen im Style des le Notre steigt man zu einer Terrasse empor, die pinienüberdeckt den herrlichsten Aussichtspunkt des ganzen Bosporus gewährt. Zwischen den vorgeschobenen Bergen der beiden Welttheile durch sieht man auf das schwarze Meer hinaus; heute zogen finstere Wolken darüber und das Meer selbst lag dunkel fast wie sein Name. Ich dachte wieder an Jason und wie er vielleicht bei solchem Wetter die erste Ausfahrt hatte wagen müssen. — Unmittelbar vor mir peitschten die Wellen den weißen Schaum in langen Zungen den Quai und die Häuser hinauf, und weiter draußen im Bosporus erschütterten die Wogen sogar den Gang der Dampfer. Die Heimfahrt im kleinen Kaïk wurde ein förmliches Wagestück.

Bujuk-Dere, den 29. Juli, Freitag.

Die „süßen Wasser von Europa“ sind mir vor Wochen, da ich sie besuchte, als eine vollständige Enttäuschung ihres Namens erschienen; dürr, kahl zwischen sandigen Hügeln an einem dürftigen Wasser gelegen, fand ich nichts sehenswerth als das Treiben der Menschen, das aber nicht buntfarbiger erschien als hier an allen Orten. Um so gleichartiger ihrem Namen fand ich die süßen Wasser von Asien, Göcksu, das Himmelswasser. Es ist ein Thal, das hinter einer Bucht des Bosporus gelegen diesen Namen führt; Constantinopel näher als Bujuk-Dere, muß man, wenn man von dem letzteren kommt, an den beiden Schlössern des Bosporus vorüber. Sie bleiben von Göcksu aus immer im Bilde. Anatoli Hissar, das Schloß von Asien, krönt das rechtsseitige Vorgebirge, Rumili Hissar das europäische. Die Bucht selbst wird auf dem einen Arme durch Anatoli Hissar, auf dem anderen durch Kandili, ein großes Dorf mit blühenden Landhäusern, begrenzt. In ihrem innersten Busen rinnt Göcksu, das Himmelswasser, zum Thale und zur salzigen Meerfluth herab, noch eine Menge Grün zeugend, ehe es diese gemeine Mengung eingeht. Ein köstlicher Köschk des Sultans, wie aus Zucker gebaut, ein Schlößchen, das sich in die Fabeln von Tausend und Einer Nacht fügen läßt, steht an seiner Mündung. Wie eine Perle aus der Muschel der Venus, die das leichtsinnige Meer dorthin geworfen, erscheint es dem Vorüberschiffenden, und der Bewohner sieht — ein prächtiges Bild — aus seinen Fenstern auf die gegenüberliegenden Hügelgärten der Villa Ali Pascha’s zu Bebeck. Der letzte, der in diesem Hause die Gastfreundschaft des Sultans genoß, war Fürst Cusa; einer seiner Vorgänger der heutige König der Belgier.

Auf dem Ufersaume von Göcksu saß eine buntgekleidete Menge, die vornehmsten Türkinnen darunter, zwei von außerordentlicher Schönheit in wahrhaft verschwenderischen Luxus gekleidet. Schöner noch erschien mir später eine Frau, die in einem mit Tigerfellen überdeckten Kaïk an uns vorbeiruderte. Jede dieser Damen hatte ein zahlreiches Gefolge dienender Weiber hinter sich; die breiteten, wo sich die Herrin niederlassen wollte, Teppiche und Polster aus, saßen dann aber ungeschieden mit ihr zusammen. Die Kinder spielten vor der Gruppe, Eunuchen hielten die Wache, die Niemand bedroht, Bärentreiber, Zuckerverkäufer, Obsthändler drängten sich zu, boten ihre Waaren an; einige Geigen fiedelten, und das orientalische Jahrmarktsfest zu Plundersweilern war fertig. Doch muß ich anmerken, daß ich hier zum ersten Male etwas von der Coquetterie europäischer Festplätze sich beimischen sah. Es war ersichtlich, derselbe Trieb zu gefallen waltete hier wie dort.

Noch mehr Vergnügen als der Spaziergang in dem Thale von Göcksu bot die Rückfahrt auf dem Bosporus. Die Sonne sank hinter den europäischen Hügeln, die grau und düster waren; den asiatischen ließ sie Farben von solcher Gluth, daß selbst hier, wo die Augen doch an Buntes gewöhnt worden sind, Staunen sie erregen mußte. Wie in Flammen aufzulodern schienen die Felsen, und von den Pinien troff es wie Blutstropfen. Die Landhäuser leuchteten wie Edelsteine und überall thaten sich die vergoldeten Gitter auf, daß man von der See aus den Einblick in die reiche Häuslichkeit hatte; die niederen Tische wurden gedeckt und Lichter hereingebracht; ruhend auf den Stufen, die zu dem Wasser hinabführen, saßen rauchende Neger, die Diener der reichen Häuser. Und über dem allen lag ein Gottessegen und ein Genießen, das durch jede Pore des Körpers in die Seele drang.

Bujuk-Dere, den 31. Juli.

Ich hatte den Abend im russischen Gesandtschafts-Palais zugebracht. Es war Mitternacht längst vorüber als ich aus geistvoller Gesellschaft allein auf den Quai trat. Die Nacht war noch wärmer als es der Tag gewesen, wie mit körperlicher Schwere lastete die Luft auf den Sinnen. Aus den Gärten drang der Orangenduft und kein Luftzug entführte ihn auf die See hinaus; der Bosporus lag schwarz und unbeweglich. Eine Menge Menschen drängte sich noch auf dem Quai und die ärmliche Musikbande des Ortes spielte ihre italienischen Melodien. Die Frauen, die meisten sehr elegant und viele ausdrucksvoll schön, trugen den Kopf frei oder nur einen Schleier übergeworfen; sie betrachten den Quai als zu ihrem Hause gehörig. Das Ganze in dichte Finsterniß gehüllt, die nur in der nächsten Nähe zu sehen erlaubt oder wo die Papierlaternen eines Limonade- und Gefrornes-Händlers einigen Lichtschein verbreiten. Da, plötzlich flammte von der gegenüberliegenden Küste ein Feuerwerk auf; in Therapia feierten sie das Namensfest irgend eines griechischen Heiligen. Man hatte diesen Effect erwartet, und nun ging der Lärm der Stimmen noch mehr los als er bisher schon gewesen.

Das ist der Quai de Bujuk-Dere, der in der Schätzung der Levantiner nicht weniger gilt als die Grande rue de Pera, und so sieht er aus beinahe jeden Abend, wenn Gott ihm einen wolkenlosen Himmel oder gar einen vollen Mondenschein gibt. Diese Abende freilich sind hier reizend, aber noch schöner sind sie, im einsamen Boote hinaus in die See zu fahren.

Bujuk-Dere, den 1. August, Montag.

Es war eine Wallfahrt der Ritt, den ich heute nach Belgrad machte. Lady Montague schrieb dort zwei ihrer reizenden Briefe, und ich habe die Frau, seitdem ich diese Letters written during her travels in Europe, Asia and Afrika gelesen, auf den Parnaß meines literarischen Glaubens erhoben. Es gibt wenige Bücher, die so wie das ihrige mit zarter Frauenhand geschrieben, die Dinge wahrheitsgetreu gesehen, unbefangen aufgenommen, muthvoll dem Vorurtheile der ganzen übrigen Welt gegenüber bekannt und ausdrucksvoll geschildert haben. Dabei gibt sich das Ganze als etwas Einfaches, in so bescheidener Form, daß man nicht nur das Buch, daß man auch den schöpferischen Geist, der dahinter steht, lieb gewinnt. Man muß sich erinnern, was die Türkei und die Türken zu Anfange des vorigen Jahrhunderts in den Begriffen der öffentlichen Meinung waren, wie sie noch weit mehr, als dies heute bei Vielen noch immer der Fall ist, als Vertreter aller Barbarei, Rohheit und Unduldsamkeit galten: um vorgeschrittene Briefe wie den 29. und 30. der Sammlung nach ihrem ganzen Werthe zu schätzen. Dem landläufigen Glauben entgegen schildert eine Frau hierin die Türken als andere denn bloße Christenfresser und ihre Weiber nicht als jene freudelosen Sklavinnen, als welche sie von dem ganzen weiberfreundlichen Europa bedauert werden. Besonders wirkungsvoll in dieser Beziehung ist der Brief vom 1. April aus Adrianopel, der in die Schilderung eines türkischen Frauenbades die richtige Bemerkung eingeflochten hat, „daß, wenn wir den ganzen Körper unbekleidet ließen, man das Gesicht kaum mehr bemerken würde“. Das ist zierlich und anständig gesagt, in reiner Sprache, daß ich diese Briefe blos als Stylmuster in unserer stylverwilderten Zeit immer wieder lese. So sind auch noch von ganz besonderer Vollendung der 36. und der 41. Brief, der letztere in Pera, der erstere in Belgrad geschrieben, beide über die Sklavenfrage eine Freundin in artiger Weise belehrend, daß nicht alle türkischen Griechen Sklaven aber die meisten türkischen Sklaven im Durchschnitte besser gestellt seien als europäische Dienstboten. Wie mundtodt die Wahrheit sein kann, beweist der Umstand, daß dies heute noch dem „gebildeten Europa“ als eine Neuigkeit erzählt werden muß.

Die Stätte, die man mir als Wohnort der Lady wies, zeigt heute kaum mehr Trümmer; nur die Fundamente eines Hauses ragen noch stellenweise aus der Erde hervor, das Meiste ist durch Feigengebüsche verborgen. Ich nahm ein Blatt mit, es als Reliquie in das Buch der Engländerin zu legen.

Belgrad ist ein kleines hölzernes Dorf, heute von ärmlichem Aussehen, zwar grün und still gelegen, aber der Wunsch, getrennt vom Bosporus zu leben, zu wissen, daß er so nahe vorüberfließt, ohne daß man ihn sieht, wird mir immer unbegreiflich sein. So schön diese runden, dichtbelaubten Hügel das Becken von Belgrad umschließen, schönere Bergformen gibt es anderswo, und das Grün von Brussa z. B. ist ein tausendfältig reicheres, den Bosporus aber hat die Welt nur einmal und das Meer ist nirgends schöner als dort, wo es durch die Ufergelände von Europa und Asien nach Kiredsch Burun hereinsieht. Erreichbar nahe diesen Gestaden und doch davon geschieden zu sein, erscheint mir jeder andere Aufenthalt wie ein Ort der Verbannung.

Streckenweise in starkem Regen war ich nach Belgrad hinausgeritten. Die Mischung mit dem nassen Elemente hatte die rothe Erde noch röther gefärbt; wo die Sonne sie durch das Dickicht der Bäume traf, glühte sie wie Purpur. Das Laub war durch den Regen grün wie im Frühling geworden und das der Kastanienbäume, leicht im Winde bewegt, leuchtete dazwischen wie flüssiges Gold. Rechts von der Straße ab liegen die Bends, große Wasserbehälter, welche die Cisternen von Constantinopel speisen. Ich kann nicht die Bewunderung theilen, welche für diese Schöpfungen der Sultane herkömmlich ist. Es sind Thäler vom Buschwerke umspannt, aber in ihrer Höhlung davon gereinigt und beim Ausgange von einer Mauer gesperrt, welche das Regenwasser sammeln und es theils oberirdisch durch Viaducte, theils unterirdisch durch Röhrenleitungen nach der Hauptstadt abführen. Ich kann sie nicht besser bezeichnen, als wenn ich sie künstliche Seen nenne, und so gehörte denn auch nicht viel Erfindungsgeist dazu, um diese Wasserspeisungsmittel zu erschaffen. Die Mauern aber, sowohl die, welche die Thäler sperren, als die das Wasser zur Stadt tragen, sind durch die Bauwerke unserer Eisenbahnen längst übertroffen.

Den Rückweg nahm ich nicht über Baghtsche Köi, ein Dorf, das umringt von diesen künstlichen Seen steht und woher ich gekommen, sondern rechts auf den Höhen nach einem Punkte, der quattro stradi heißt, weil dort vier Pfade zusammenlaufen. Von diesem Kreuzungspunkte, der ziemlich hoch gelegen, sieht man zugleich Constantinopel und das schwarze Meer, eine der schönsten Aussichten, die ich hier wenig gekannt und gewürdigt finde. Alle diese Höhen, die man dann passirt, sind mit niederem Buschwerke überzogen, meistens Steineiche, Arbutus, Kastanie, ab und zu auch ein hilfeflehender Lorbeerstrauch, wie denn hier nirgends, selbst in dem jungfräulichen Walde von Belgrad nicht, der mit den härtesten Strafen gegen Holzschläger geschützt ist, der Baum sich hochstämmig auswächst.

Dienstag, den 2. August.

Schon da ich neulich in der tausendsäuligen Cisterne des großen Constantin das Bild des römischen Reichsapfels, das Kreuz auf der weltbedeutenden Erdkugel, in einem Säulenschafte eingemeißelt fand, signalisirte ich die Drohung, es könnten einmal aus dem hiesigen Besitzstande die Russen auch Ansprüche auf das Imperium über die anderen Theile des ehemals römischen Weltreiches ableiten. Heute fand ich noch einen anderen Titel für diese neue Gefahr der orientalischen Frage.

Wie beinahe alltäglich ließ ich mich Morgens über die Bucht von Bujuk-Dere hinüberrudern, um unter den Platanen von Kiredsch Baron, die ich zu meiner Studirstube ernannt, einen Beitrag zu der Geschichte dieser Gegenden zu lesen. Ich nahm heute „Des Freiherrn von Wratislaw merkwürdige Gesandtschaftreise von Wien nach Constantinopel“ mit mir, ein wirklich bemerkenswerthes Buch, das von einer früheren Zeit der Ottomanen die Sitten beinahe mit derselben Anschaulichkeit schildert, wie die nur etwas graziösere Feder der Lady Montague die türkischen des 18. Jahrhunderts. So wie diese Nachfolgerin und der noch spätere Fallmerayer, ging auch dieser ältere Fragmentist die Donau hinab nach Constantinopel. Seinem eigenen Berichte nach hatte er kaum aufgehört Kind zu sein, und war, noch ein Knabe von 16 Jahren, dem Herrn Friedrich Kregwitz als Page in das Gefolge gegeben, das dieser als außerordentlicher Gesandter Kaiser Rudolf II. 1591 zu dem türkischen Sultan Amurath III. führte.

Bei einem Dispute, welchen Wratislaw von dem Vorgänger im Amte des Herrn Kregwitz mit dem Großvezier berichtet, läßt er diesen den Kaiser einen Wiener König nennen und macht hierzu die folgende Bemerkung: „Der Großvezier nannte nach dem Gebrauche aller Türken mit Bedacht den römischen Kaiser einen Wiener König, weil die Türken darauf beharren, daß nur blos ihrem Großsultan der Titel eines römischen Kaisers wegen der Eroberung von Constantinopel, als wohin das römische Kaiserthum übertragen worden wäre, gebühre.“ — Also die Türken hatten das imperium mundi bei der Eroberung der Hauptstadt der constantinischen Weltordnung aufgegriffen und festgehalten; die Tradition dieses Rechtes lebte Ende des 16. Jahrhunderts noch bei ihnen; lebte nicht nur, sondern war im Gebrauche bei allen Türken und wurde mit Bedacht von den Ministern gegenüber den fremden Diplomaten hervorgekehrt. Mir scheint das ein historisches Factum der größten Bedeutung zu sein, welches ich bisher nirgends genug hervorgehoben und gewürdigt fand. Wenn nun andere künftige Eroberer auf diesem Schauplatze erscheinen, werden sie bescheidener in ihren Ansprüchen sein und sich nicht auch mit diesen Rechtstiteln schmücken? Liegt es in der Art derer, die wir fürchten, sich zu bescheiden, und ist es nicht zu fürchten, daß, wenn sie einmal hier stehen, sie auch die Mittel haben werden, sich die Unterlagen zu diesen Titeln zu erkämpfen? Der Drang der Russen wie der der Deutschen geht fortwährend gegen den syrenisch verlockenden Süden. Wie mit der Kraft eines jener Naturgesetze, die den einmal in’s Fallen gekommenen Körper nicht mehr zur Ruhe gelangen lassen und die Meteore zur Erde hinabzwingen, treibt er sie südwärts, die beiden sonst in Allem so verschieden gearteten Völker durch diesen einen Wunsch ähnlich erscheinen lassend; und wenn sie dort auch zunächst getrennte Zielpunkte haben, die Einen Rom und die Andern Constantinopel begehren, so bleibt doch ihr letztes, äußerstes Ziel ein gemeinsames und darum, um die Herrschaft der Welt wird endlich der unausweichliche Vernichtungskampf zwischen Germanenthum und Slaventhum entbrennen. In Europa leidet heute schon Oesterreich, das wie ein Keil zwischen diese beiden Elemente geschoben und durch die Ungunst dieser Lage, wie durch den traditionellen Fingerzeig seiner Geschichte nach den beiden Stationspunkten dieser Ehrgeizigen, zugleich zum Besitze und zur Vertheidigung nach Constantinopel und Rom gezogen und gewiesen ist, unter dem Fluche und dem Verhängnisse dieses vorausbestimmten Geschickes; in Asien bereitet sich der Streit um die Oberherrschaft über das reiche Indien mit den Engländern als eine Episode dieses Weltkampfes vor, und Amerika, das noch nicht den Bann der weiteren Zukunft ahnt, der auch es zu einem Existenzkriege mit den Russen verurtheilt, rüstet sich, durch seine Beihilfe seinem künftigen Gegner zum Siege zu verhelfen. So wird überall, in großen wie in kleinen Dingen die Zukunft um vorübergehender Vortheile willen an die Gegenwart verkauft, damit sich die Geschicke erfüllen, so wie Gott ihnen von allem Anfange an die Würfel geworfen hat.