VII. Athen. Rückfahrt und Rückblicke.

Mittwoch, den 3. August, Abends 9 Uhr,
an Bord des Dampfers „Sinai“ im Hafen des goldenen Hornes.

Das Verhängniß selbst scheint mich hier festhalten zu wollen, ein Verbündeter meines der Abreise so sehr abgeneigten Willens. Seit 5 Uhr bin ich an Bord des Schiffes, das der Gesellschaft der Messageries Impériales gehört. Ich sah die Sonne untergehen und nahm in meinem Wahne den letzten Abschied von dem Zauberbilde der drei Städte Constantinopels. Noch einmal glänzte die gläserne Fronte der Caserne Selims in Skutari, wie ich sie so oft gesehen, wenn ich von einem Ritte heimkehrend oben in Pera an meinem Fenster stand und dem Sonnenuntergange zusah. Die Pinien der Seraispitze warfen wie in jener Zaubernacht, da ich geistig betrunken hinaus in das Marmorameer ruderte, schwarze Schatten von dem Vorgebirge Stambuls herab auf den vorüberfluthenden Bosporus, und auf den Höhen von Pera flammten die Cypressen der Friedhöfe in einem rothen verklärenden Feuerscheine. Es war ein wunderbares Abschiedsfest, das meine Phantasien feierten, leuchtender als alle Beleuchtungen des Beiram.

Wir warteten die Post des französischen Botschafters ab. Als sie endlich gekommen war und der große Dampfer rückwärts der Spitze von Asien zu dampfte, um die Wendung zur Ausfahrt außerhalb des Schiffsgedränges zu machen, brach das Steuer; die Anker, die uns nun wieder festhalten sollten, erwiesen sich einer um den andern in ihren Ketten zerrissen. Willenlos trieb der Koloß eine Weile auf den Wellen, von der Strömung auf der Breitseite erfaßt und so in die Quere gestellt, in das Marmorameer hinaus. Dort fuhr er ein Segelboot nieder, das offenbar den Grund unserer sonderbaren Bewegungen nicht errathend, sich auf die größere Manövrirbarkeit des Dampfschiffes verlassen und den Cours nicht rechtzeitig aus unserem unberechenbaren Wege genommen hatte. Die Mannschaft rettete sich an unseren Bord, das Schiff sahen wir umgestürzt in der Nacht verschwinden. Ein Remorqueur, welcher kam uns zurückzuschleppen, erwies sich als zu schwach; aber wenigstens half er durch neue Ankerketten und auch durch Schmiede, die er brachte und die nun mit großem Lärm an der Arbeit sind. Das ist die französische Seetüchtigkeit, die schon im Hafen Schiffbruch leidet. Was morgen mit uns geschehen wird, darüber weigert man die Antwort; als das Wahrscheinlichste höre ich die Umladung auf ein anderes Schiff besprechen.

Donnerstag, den 4. August, an Bord des Dampfers „Sinai“.

Dazu kam es nicht; die ganze Nacht über arbeiteten sie an dem Steuer mit solchem Lärm, daß Niemand schlafen konnte. Morgens ist es wieder hergestellt und schon um 6 Uhr höre ich, daß wir auf dem Schiffe die Reise fortsetzen werden. Um 7 Uhr ist Alles fertig, aber erst um 8 Uhr setzen wir uns in Bewegung. Fortwährend haftet mein Auge an den Thürmen der geliebten Stadt; der Abschied wird mir schwerer als irgend einer. Als ich vom Frühstück auf das Deck hinauf komme, ist sie verschwunden. Wir sind um halb 11 Uhr auf der Höhe von Bujuk-Tschekmedje. Um 11 Uhr thut sich rechts in dem europäischen Festlande der Busen von Silivri auf, und links sehe ich die schön und mäßig gezogenen Formen der Insel Kalolimni, dahinter den Busen von Mudania und hinter uns die letzten Mahnungen an Constantinopel, die Prinzen-Inseln. Vor uns allein freie, weite See. Ich schaue nach Asien; die Bergformen sind dem Herzen bekannt, denn Brussa lebt in seiner Erinnerung. Daß damals heute wäre!

Die europäischen Ufer sind flach und kahl; sandiges Gelb deckt sie, dem nur ab und zu ein vorüberziehender Wolkenschatten Wechsel der Farbe und scheinbar auch der Gestalt gibt. Um 2 Uhr sind wir auf der Höhe der Halbinsel Cyzikus. Ueberraschend hoch und wild erhebt sich ihr gewaltiger Kapu Dag, der Berg Artace der Alten.

Um 3 Uhr passiren wir die Insel Marmora, die lange wie hindernd vor uns gelegen. Mächtige Felsmassen, leicht röthlich gefärbt wo der Stein vortritt; Bäume fehlen gänzlich, selbst das Zwerggestrüpp ist selten; Spuren von Menschenleben sehe ich nirgends. Links von der Insel Marmora und zwischen ihr und Cyzikus gelegen erscheinen kleiner und niedriger die Inseln Rabby und Liman Pache; rechts von der Marmora tritt später ganz nahe an uns der zerklüftete Felsen Adaces heran, und zwischen ihm und Marmora, aber weiter zurückgeschoben, mit langgezogenen Linien das Eiland Katali. Eingefaßt hält dieses zerstreute Inselvolk die in wundervoll ebenen Contouren abfallenden Berge der asiatischen Küste. In einem weiten Bogen zieht sie sich hier in das Festland zurück.

Immer noch streben meine Blicke rückwärts, als könnten sie wenigstens für einen Augenblick wieder das verlorene Constantinopel zurückbringen. So muß dem Liebenden und so dem Verbannten zu Muthe sein, den das Schicksal fort von dem Heimathsorte seines Glückes stößt. Trost wäre es mir gewesen, die Stadt nicht blos scheinbar, sondern wirklich und für ewig in den Wellen untergehen zu sehen, damit Keiner genieße, was ich entbehren muß.

Um 4 Uhr sind wir auf der Höhe des Cap Karabua; seit 2 Uhr der asiatischen Küste näher als der europäischen, an die sich zuerst das Schiff gehalten. Jetzt aber tritt auch diese wieder zu uns heran und plötzlich mit mächtigen hohen Gebirgsmassen, darunter Kuru Dag, der Mons Sacer der Alten, und später wie sich diese Umtaufe bei geheiligten Bergen gleichlautend so oft vollzog, der des heiligen Elias. Sollte die ursprüngliche Bezeichnung nicht mit dem Grabmale der Helle zusammenhängen, das ja, wie Herodot (7. Buch 58. Cap.) erzählt, hier errichtet worden war? Wo der Gebirgszug die See berührt, sind auch die oberen Linien wie zerhackt und steile Wände, vielfältig eingeschnitten, fallen ab, als habe sie die eben durchgebrochene Fluth ausgewaschen.

Um 5 Uhr begegnete uns der Schnelldampfer des Lloyd. Ich glaubte den „Neptun“ zu erkennen.

Die Sonne sinkt aus einem wolkenlosen Himmel hinter die Landenge des thrakischen Chersoneß in ein anderes Meer, den saronischen Busen. Ihr Licht und ihre Farben läßt sie uns noch lange.

Um 8 Uhr fahren wir beim Leuchtthurme von Gallipoli vorüber. Ihm gegenüber, auf asiatischer Küste, leuchtet ein anderes schützendes und warnendes Feuer, und eine Stunde später, in der Straße der Dardanellen, ein vernichtendes, das weithin Meer und Land erhellt; ein Wald brennt in Asien, und Hügel und Thäler wogen in Flammen. Wie zur Abschiedsfeier mir eigens angezündet erscheint dieser Brand. So muß Rom ausgesehen haben, das Nero in Flammen setzte, und so Moskau, als die Russen die Brandfackel ihrer Freiheit hineingeworfen hatten.

Um 10 Uhr ankern wir bei den Dardanellenschlössern und um 11 Uhr fahren wir weiter.

Freitag, den 5. August, an Bord des „Sinai“.

Morgens 8 Uhr. Uns zur Linken liegt Chios, vor uns Ipsara, und weit hinter uns, mehr zu ahnen als noch zu sehen, Mytilene, eine langgestreckte niedere Linie. Aber Chios steigt hoch auf zu zackigen Massen, Ipsara mehr klotzig in eine nur stumpf zulaufende Spitze. Der Cours des Schiffes ist auf den Paß zwischen Andros und Euböa gerichtet; der Himmel ist wolkenlos, die See tiefblau aber nicht ohne Bewegung; die gestrige Ruhe fehlt ihr. Mir sind Luftstimmungen mächtige Wecker der Erinnerung. Ein schöner duftquellender Frühlingstag ruft mir Eindrücke meiner Studienzeit zurück, die eben dadurch ausgezeichnet war; und ein kalter schneegedeckter Wintertag, an dem aber die Sonne scheint, solche, die zu den traurigsten meines Lebens gehören. Vielleicht wirkt diese selbe Macht der Wiederanklänge auch noch in Perioden, die länger als unser Leben dauern, und besonders empfängliche Gemüther werden dann von einem Tone der Erinnerung berührt, der ihnen — ohne daß sie die Ursache bemerken — Bilder, Eindrücke, Stimmungen weckt, die verwandt sind mit Ereignissen einer weit hinter ihnen liegenden Vergangenheit. So erkläre ich mir, daß mir manche historische Momente, die mir sonst unbegreifliche gewesen waren, an dem Orte ihrer Geburt ganz greifbar gegenständlich geworden sind, und daß ich heute fühle, als sei ich mit demselben jugendkräftigen Windzuge in Gesellschaft der Homeriden schon einmal über dieses bewegte Meer unter dem wolkenlos reinen tiefblauen Himmel einhergefahren.

Um 2 Uhr passiren wir Capo d’oro und treten in den Canal, den Euböa mit Andros bildet; rechts und links die Küsten wüst und steinig, ohne Spur, daß die Natur oder Menschen dort schaffen. Euböa lag schon seit 11 Uhr mit ungeheuren Bergen vor uns, die obersten Gipfel hoch, scheinbar wie die Alpen, zerklüftet und eingesägt. Der höchste gegen Nordost ist wohl der Delphi-Berg. Der Nordwind hat die See höher erregt; die Wellen treffen die rechte Seite des Schiffes und machen es gewaltig rollen; allmälig steigen sie bis zum Verdecke hinauf, und jetzt kehrt eine um die andere es ab. Zu dem Dampfe haben wir auch noch alle Segel vorgespannt und so geht die Fahrt ungewöhnlich rasch.

Vor 3 Uhr umfahren wir die Insel Inglese (Myrtos der Alten); ein ganz nackt gewaschener Felsen, der sich in zwei Spitzen hebt. Hinter ihm steigt die Küste Euböa’s zum hohen Gipfel des Elias-Berges auf. Der Hafen Karysto öffnet sich im schönen, leicht geschwungenen Bogen, geschlossen durch das Cap Karysto. In weiter, unbestimmter Ferne liegt Isola Macronisi und dahinter hoch und mächtig attisches Festland. Links hinüber im weiten Halbkreise scheint Alles vor uns geschlossen. Zea wohl unter dem Inselvolke.

Um 6 Uhr passiren wir Cap Sunium, unter den Tempelsäulen so nahe herfahrend, wie nur auf dem Rheine unter den Burgruinen. Wie sonst die Berühmtheit, geben sie heute dem Vorgebirge den Namen: Cap Colonne. Gelblich weiß stehen zuvorderst neun nebeneinander, einige andere in zweiter Linie, alle dorischer Ordnung und von jener wunderbaren Farbe angehaucht, die Prokesch so treffend „Zeitgelb“ genannt hat. Sie glänzen im Sonnenlichte und mir klingt’s wie Sprache aus einer andern Welt, daß mich Rührung erfaßt, wie sie mich inniger vor keinem anderen Denkmale der Vergangenheit befallen hat. Vielleicht aber auch steht keines so einsam, so schön und so großartig zugleich wie diese Ruine des Tempels der Athene Pronoia, den der Schiffer zuerst sah, wenn er heimkehrte nach attischem Festlande. Unten sind die Felsen der Küste nackt ausgewaschen, weißer Schaum peitscht weit hinauf. Schon ist die See wundervoll rosig, die Berge, die kahl sind, flammen in rothem Lichte, daß sie durch den Schnitt der Linien und die Färbung ein Bild der höchsten Schönheit darstellen.

Um 7 Uhr fahren wir an Aegina vorüber. Auch dort ein Monte Elia, aus breitem Fuße zu scharfer Spitze hoch aufsteigend über die sonst lang und flach gestreckte Insel. Die Berge des Peloponnes, Korinth’s, Megara’s, alle in den reinsten und schönsten Linien dahinter. Und Farben auf Meer und Land, die die untergehende Sonne malt: glühendes Gelbroth und dunkelndes Purpurblau. Aegina zur Linken, Salamis vor mir, rechts den Hymettus und goldschimmernd die Akropolis, und was ich sonst sehe, Namen und Bilder, die Jahrtausende vor mir gehört und gesehen haben. Wer fühlte nicht sein Nichts vor solcher Vergangenheit! Ich stehe auf dem äußersten Bug des Schiffes an ein Tau gelehnt, das ich umschlungen halte; Matrosen kauern neben mir auf dem Verdecke und singen französische Volkslieder, ein junger Tenor darunter mit zartem Ton, der sich wie zugehörig der weichen Luft verschmilzt. Aller Wind ist erstorben, die Segel hängen schlaff, die See liegt ruhig und der Kiel muß sich beinahe mühsam wie durch dichtes Oel durcharbeiten; in schweren Tropfen fällt das Wasser, das er aufgewühlt, in den glatten Spiegel zurück; der Salzgehalt scheint vermehrt, man schmeckt ihn auf den Lippen und fühlt ihn in den Haaren. Die Wärme des Südens ist in der Luft, den Farben, der ganzen Stimmung der Natur, und die Poesie des Augenblicks faßt mich wie mit Blitzesschlag. Verloren wie in dieser Stunde, aber im Genusse verloren, habe ich mich noch nie gefühlt.

Ein Grieche trat zu mir, mit dem ich schon manches Wort während der Fahrt gewechselt. Er gehört seinem ganzen Aussehen und Gebahren nach der gebildeten Classe der Gesellschaft an. „N’est-ce pas que la soirée est belle?“ redete er mich an. „Vraiment,“ antwortete ich ihm, „je n’en ai pas éprouvée une plus délicieuse; l’air est balsamique et quand on pense que c’est là, où nous sommes, que l’Asie et l’Europe se sont livrés leur plus grande bataille et qu’ici une des premières scènes de cette longue question de l’Orient avait été décidé par la défaite de l’Asie, alors aussi un sentiment de respect s’unit à celui du délice et de la jouissance corporelle.“ — „Mais comment donc,“ unterbrach er mich, „ici l’Asie et l’Europe se sont combattus? mais quand donc? racontez le moi.“ — Und ich mußte dem Manne von Xerxes, von Themistokles und von der Schlacht bei Salamis erzählen, und er hörte mir aufmerksam wie ein Schulbube zu. Dabei hatte derselbe Mensch in früheren Stunden mir die griechische Geschichte des Mittelalters, die ganze Liste der byzantinischen Kaiser in einer bis in die verstecktesten Details dringenden Genauigkeit erzählt.

Damit gebe ich den europäischen Politikern den innersten Kern der griechischen Frage und zugleich den Baiern, die von Hellas vertrieben worden sind, den Grund der Abneigung, der ihnen überall zum Lohne für ihre Aufopferung wurde. Der moderne Grieche versteht nicht das Bestreben, das ihn wieder anknüpfen will an die Helden seines grauen Alterthumes; für ihn gibt es nur ein Interesse, und das ist die Wiederherstellung des byzantinischen Reiches, dort leben seine Erinnerungen und dorthin streben seine Hoffnungen. Wer an die einen nicht denkt und an die anderen nicht glaubt, der ist nicht sein Mann und kann zurückgehen zu den Studirstuben deutscher Alterthumskunde.

Mit diesem Denkzettel an die neugriechische Frage fuhr ich ein in den Piräus schon bei finsterer Nacht, Abends 9 Uhr. Mein neuer Schüler in griechischer Alterthums-Wissenschaft machte den Cicerone bei den Ausschiffungs-, Douane- und anderen Umständlichkeiten und enthob mich jeder Last. Er führte mich auch in seinem eigenen Gefährte nach Athen hinein, wo ich in dem Hôtel d’Angleterre absteige. Auf der staubigen Landstraße, die von dem Piräus nach der Stadt führt, begegneten uns mehrere Reitertrupps, die den Weg sicher vor den Räuberbanden halten sollen. So sieht das freie Griechenland aus.

Athen.

Wer Athen zum ersten Male im Tageslichte sieht und das Auge unbefangen mitgebracht hat, der muß auf den ersten Blick erkennen, warum die Baiern von hier fortgejagt worden sind. Die Straßen sind breit und lang gezogen, daß der Staub sich darin nirgends vor dem Winde verkriechen und der Schatten dem Sonnenlichte keinen Raum abgewinnen kann. Die baierische Eitelkeit, welche sich aufbläht und München für das Ideal der Welt hält, hat den Maßstab der Isarhauptstadt, der dort schon allzu groß ist, in die hiesigen noch kleineren Verhältnisse übertragen. Gibt es Augenblicke, da in München in der Ludwigsstraße streckenweise nur ein Mensch sichtbar ist, so geht hier in der Aeolus- und Hermesstraße oft stundenlange keiner vorüber; Wagen sieht man ganze Tage hindurch nicht. Die 35.000 Bewohner Athens können eben doch nicht blos des Schauspieles wegen den ganzen Tag über spazieren gehen, und so viele gehören wenigstens dazu, um diese Gassen und weit gedehnten Plätze zu füllen. Umsomehr thut dieses das Sonnenlicht; das liegt den ganzen Tag breit und unaufhaltsam gebettet auf dem staubigen Pflaster. Kleine Oleanderbäume, welche die vertriebene Königin zum künftigen Schutze der Vorübergehenden angepflanzt, sind gleich, ehe sie ihre Aufgabe beginnen konnten, von der Hitze und dem Staube verkrüppelt worden, und dienen nur mehr als verrätherische Zeugen, daß man seinen Fehler eingesehen, nur leider zu spät, da er schon unverbesserlich war. Das Muster der orientalischen Städte nachzuahmen und das fortzusetzen, was man schon vorfand, kleine, enge und gewundene Gäßchen, die dem Winde und dem Sonnenlichte keinen Einlaß geben, es aber zulassen, daß man von einem Hause zum anderen eine schützende Decke für die Vorübergehenden spanne: das verbot der gebildete Hochmuth, den man aus eingebildet fortgeschritteneren Verhältnissen mitgebracht hatte und den so selbstvernichtend unter den Europäern insbesondere der Deutsche mit auf seine Reisen nimmt. Und so wie die Gassen und öffentlichen Plätze construirten sie das Innere der Häuser. Statt der breiten Treppe und der luftigen Sala, die das Haus in zwei Theile theilt, selbst einen kühlen Raum schafft und allen darein mündenden Gemächern Kühlung zuführt, enge, gewundene Stiegen, kleine Vorzimmerchen, winzige Speisesäle, Schlafkammern und Salons, aber Alles baierisch, münchenerisch hergerichtet, und darum wohl nach den Begriffen der Eingewanderten unübertrefflich, obwohl in auffälligem Widerspruche mit den Anforderungen des atheniensischen Klimas und der griechischen Bedürfnisse. Wer als Fremder sich diesen Anforderungen fügen will, der wird selbst von den längst Eingewanderten als Sonderling betrachtet; so wenig hat selbst die Zeit diesen Vorurtheilsvollen die Einsicht in die Vortheile der eingeborenen Sitte oder auch nur die Frage danach gegeben. Nein, der Horizont ihres Verstandeskämmerleins ist derselbe enge geblieben, wie ihn sich der Hochmuth in Baiern ausgebildet hatte, und nach demselben übertragenen Maßstabe wurde dann in weiterer Fortsetzung das ganze öffentliche und private Leben der Griechen umgebaut; aus sich heraus, aus der eigenen Wurzel, aus dem vaterländischen Boden und der heimischen Sitte nichts erschaffen. Zuletzt hatten diese Griechen in ihren Gassen, Plätzen, Häusern, in ihren Schulen, Gesetzen und Militärvorschriften ein förmliches System von Torturanstalten, in dem ihre Gewohnheiten bald breit und lang, dann wieder schmal und kurz geschlossen wurden. Nun kann man wohl mit der Folter den Willen des Einzelnen beugen, entweder stirbt er oder er ergibt sich, aber der Wille eines Volkes ist durch solche Mittel nicht besiegbar; für jeden Kopf, den man ihm abschlägt, wachsen wie bei der Hydra zwei andere nach. Dieses baierische Mißverstehen der griechischen Gewohnheiten, wovon ich die monumentalen Zeugen hier in Athen sehe, und das Nichtererkennen der griechischen Wünsche, wovon mir die byzantinische Geschichtskenntniß meines Bekannten auf dem französischen Dampfer Zeugniß gab, halte ich für die vereinten Ursachen, welche das Ende der baierischen Herrschaft auf hellenischem Boden herbeiführten. Uebrigens muß ich gleich hier zur Entschuldigung der Baiern sagen, daß ich nicht glaube, daß es irgend eine andere europäische Macht auf hiesigem Boden zu einem bleibenden Erfolge gebracht hätte. Ich zweifle überhaupt, daß diesen noch rohen und doch auch schon verkommenen Völkerstämmen der illyrischen Halbinsel durch eine Mischung mit unserer auch nicht mehr gesunden Cultur aufgeholfen werden wird. Sie so wenig als die amerikanischen Ureinwohner sind erfrischungsfähig durch europäische Einflüsse; sie leben entweder aus sich heraus und in ihrer Weise, oder sie leben gar nicht mehr, d. h. sie gehen langsam unter der Faust eines fremden Eroberers und in der Vermischung mit seinen Knechten zu Grunde. Nachdem man sie dem zweiten Falle sich hatte entwinden lassen und sie befreit von den Türken waren, hätte man sie auch dem ersteren vollständig und mit allen seinen Consequenzen überlassen sollen. Capodistria war für diesen Fall, wie ihn auch der Fürst Metternich wollte, der schickliche Regent, und nicht zu leugnen ist, daß unter seiner Verwaltung Griechenland verhältnißmäßig die glücklichste Periode seiner selbstständigen Existenz durchgemacht hat. Das was die Großmächte statt seiner anordneten war eine Halbheit und gab den Griechen nur den Titel in die Hand, die Schuld ihrer Mißerfolge den Fremden zuzuschieben. Gelingt es auch der zweiten Dynastie nicht, sich einzuwurzeln, so wäre es immer noch an der Zeit, die Griechen sich selbst zu überlassen. Und wenn sie sich auch unter einander auffressen, so möchte ich fragen, welcher Verlust daraus für die Menschheit entstehen sollte, daß solche Unruhestifter von der Welt vertilgt werden? Theilnahme der anderen Mächte wäre überhaupt nur zulässig, um jede einzelne von der Einmischung abzuhalten. Ein Cordon, der wenigstens moralisch gedacht um das ganze Griechenland gezogen würde, könnte diesen Zweck erfüllen. Uns kann das Zusehen nichts schaden und den Griechen doch vielleicht einmal nützen.

Dieses aus dem politischen Theile meiner atheniensischen Betrachtungen. Zu den Denkmälern machte ich meine erste Wanderung gleich an dem Morgen nach meiner Ankunft schon um 5 Uhr. Der Tempel der Winde ward mir eigentlich eine Enttäuschung; ich hatte mir seine Reliefs vorzüglicher vorgestellt. Aber der weitere Weg zur Akropolis führte mich zurück in die geweihte Stimmung. Aloe und andere Stauden des Südens säumen ihn ein; zwischen zerfallenem Gemäuer und über Trümmer steigt man aufwärts, daß mir Goethe’s Wanderer gegenwärtig ward. Noch lag der Morgen wie in halbem Lichte, obwohl die Sonne schon auf war; die attische Ebene und das fernere Meer erschienen in bleichen Farben. Zunächst unter mir rechts hinab, nachdem ich das erste Thor passirt hatte, sah ich das Theater des Herodes, das, weil nur der Musik geweiht, Odeon hieß. Größer hatte ich mir dieses Theater vorgestellt, und daß dieses 8000 Menschen fassen konnte, will ich nicht recht begreifen. Ganz anders ergeht es mir bei den Propyläen, sie übertreffen meine Vorstellungen. Riesenmäßig erscheinen sie mir, und selbst der kleine Tempel der Nike apteros größer als seine Maße. Es liegt die Ursache wohl in den richtigen Verhältnissen bei diesen Bauten. Wer nicht mehr will als er kann, bringt nie sein Unvermögen zur Erkenntniß und erscheint schon darum mächtiger als andere gestürzte Phaëtone.

Wie einer der Wallfahrer im panathenäischen Festzuge schritt ich zwischen diesen Säulenhallen und über die Schwellen hin, welche in die Marmorpflasterung des Bodens für die aufwärts glimmenden Opferthiere eingehauen worden waren und die heute noch so erhalten wie damals sind. Vor kurzem erst hat man sie aufgedeckt. Nirgends ist mir die Vergangenheit gegenwärtiger geworden als hier durch diese Schwellen. Es sind eben auch in der Weltgeschichte die gemeinen Detailzüge, die das Bild oft mehr erläutern als alle großen Zeichen.

Die dorischen Säulen der Propyläen erschienen mir wie alte Bekannte, und doch sah ich sie zum ersten Male; aber ich hatte das Vorgefühl von ihrer Schönheit gehabt, und hier gilt auch, daß nur versteht wer fühlt. Begreifbar ist Alles leicht bei diesen Gebäuden, weil jeder Dienst und jede Last mit ihren Pflichten und mit ihren Rechten klar zu Tage tritt, und weil die großen Linien des Ganzen nicht durch das Detail gestört und zerstreut werden; die Schönheit aber muß empfunden werden. Darin auch gleichen sie der Natur, daß sie zwar durchaus beschreiblich sind, daß aber der rechte Genuß, wie bei der Rose durch den Geruch, nur durch den Anblick gegeben werden kann.

Der Parthenon schien mir riesig und wie das Grab der Zeit; wie wenn alle Vergangenheit unter diesem zerfallenden Denkmale begraben liege. Er steht hoch über den andern Trümmern, die wie ein verwüsteter Friedhof das Feld decken. Stachelige Kapern mit ihren schmetterlingartigen Blüthen schaukeln sich über den Marmorblöcken, und die Karyatiden des Erechtheion schauen wie trotzig empört über solche Barbarei, die hier das Handwerk geübt, auf diese Trümmerstätte herab. Es sind ihrer sechs, vier in der Fronte und zwei in zweiter Linie; drei das linke und drei das rechte Knie herausgebogen, die Körperschwere auf dem anderen Beine lastend. So dienen und tragen sie noch immer, aber mit herrischem Stolze und mit jenem selbstbewußten Ausdrucke in der Miene und der Körperhaltung, den ich auch in der Venus von Milo wiederholt finde. Wie jenes Götterbild könnte ich auch die dritte, wenn man davorstehend und die Gruppe anschauend von der Linken zur Rechten zählt, anbeten und verehren, vor ihr niederfallen und sie heilig halten. Wenn in einer zaubervollen Mondnacht alle diese Weiber lebendig würden, sich der Gebälkslast enthöben und herabstiegen von ihren Basen — ich würde die meinige bei dem mir liebsten Namen auf Erden nennen, sie mich erkennen und wir einen Jubelsturm durchleben, wie ihn nur die Seligen im altgriechischen Himmel genossen.

Inzwischen war, da ich das erste Mal hier oben stand, der Tag mit all’ seiner aufklärenden Allgewalt hereingebrochen und immer wieder schweifte mein Blick von den Denkmälern hinaus auf die wundervolle Landschaft, die heute noch so ist wie vor 2000 Jahren, und die die einzige ist, würdig solche Kostbarkeiten zu umfassen. Der Parneß in weiterer nördlicher Ferne, der Pentelikon und Hymettus im unmittelbaren Osten, im Süden das Meer mit feinen Inseln und der peloponnesischen Küste, und westlich der althistorische Oelwald, der durch die Ebene zum Piräus hinabführt: das sind die Hauptzüge des Bildes, das den Beschauer auf dieser zauberhaften Warte umgibt, wohl der schönstblickenden, welche die Welt hat. Und es braucht gar nicht der Farben des Morgens und des Abends, nicht der rosenfingerigen Eos und des feurig glühenden Helios, um uns den Werth dieses Bildes darzustellen. Den ganzen Tag über ist das Meer blau und glänzt die Ebene goldig, spielen kaleidoskopisch die Lichter auf den Bergen und dunkeln violett aus den Felsenklüften die Schatten. So sah ich es immer und so zu jeder Stunde.

Einer der angenehmsten Ruhepunkte in diesem weit gezogenen Rundbilde ist, wenn das Auge aus der Ferne wieder in die Nähe zurückgekehrt, unten am Fuße der Akropolis, zwischen ihr und dem Hymettus eingeschlossen, auf dem rechten Ufer des Ilissos sich erhebend, die Ruine des olympischen Zeustempels, eines der größten welchen die griechische Mythologie besessen hat. Zu ihm stieg ich von der Akropole herab, den Weg durch die Stadt nehmend und an den königlichen Schloßgärten vorüber, aus denen Palmen sehnsüchtig mit ihren Kronen zum Meere hinabblicken. Es gibt einen Punkt auf dem weiteren Wege, wo man zugleich diese Bäume noch im Auge und die Säulen des Jupitertempels schon vor sich zwischen ihnen durch den Blick auf das Meer hat, der zu den schönsten Aussichtspunkten der Welt gehört. Ideal schön, beinahe wie erträumt, erscheint er mir; Stunde um Stunde saß ich dort und konnte mich nicht satt sehen an diesen Bäumen und an diesen Säulen, die mit solch’ wetteifernder Schönheit aus dem Boden wachsen, die einen lautlos und unbeweglich stumme Zeugen der Vergangenheit, die anderen leise bewegt als hätten sie geheime Geschichten zu erzählen. Es gibt keine schöneren Säulen als diese korinthischer Ordnung des atheniensischen Zeustempels. Wie unter hochstämmigen Urwaldbäumen ging ich zwischen ihnen herum, staunend die wirklich sehr große Höhe messend und doch nichts Unmäßiges daran findend. Einstmals standen ihrer 120, heute sind nur noch 14 aufrecht, die fünfzehnte liegt gestürzt am Boden in achtzehn Stücke zerfallen. Ich messe und betrachte sie andächtig und nehme von ihr auch ein Erinnerungszeichen mit. Niemand störte meine Andacht, ich war und blieb durch Stunden allein. Wohin der übrige Reichthum an Säulen gekommen, ist kaum zu begreifen; verschüttet können sie nicht sein, weil nirgends der Raum zu solchem Grabe, und auch entführt scheint kaum glaublich, weil man eine solche Summe von Riesen doch nicht leicht transportirt. Von dem mächtigen Unterbau des Tempels, der heute noch am verständlichsten einen Begriff von der einstmaligen Größe des Umfanges gibt, stieg ich zur Enneakrunos hinab, einem Teiche, den der Ilissos nothdürftig speist. Von dortaus gesehen erscheinen die Säulen in ihrem „Zeitgelb“ wie herausgeschnitten aus dem tief dunkelblauen Hintergrunde des Himmels; die Stadt und die Akropolis verschwinden beinahe für den Standpunkt des unten stehenden Beschauers. Die Tempel-Terrasse wird von fein gefügten Quadern zusammengehalten, in deren Fügungen heute noch das Moos keinen Boden gefunden. Ich pflückte einen Strauß von Heliotropen, die mit Aloen und Cactusstauden den Ilissos einsäumen. Sonst ist weit um den Tempel her sandige Wüste. Er steht, so wie Rom, Constantinopel und Jerusalem gebettet sind, in einem erstorbenen Acker.

Der kostbarere Stadttheil des alten Athens, der durch die werthvollsten Denkmale ausgezeichnet war, lag auf der Südseite der Akropolis, also ganz im Widerspruche mit dem Geschmacke der heutigen Erbauer, denn dort stehen dermalen nur ärmliche Hütten und verlassene Ruinen. Der wohlhabendere Stadttheil zieht sich nordwärts und die elegantesten Häuser auf der Straße gegen Kephissia zu. Diese frühere Anordnung der alten Athener zeigt von feinerem Natursinne, von der Vorliebe für schöne Aussichtspunkte und von Sehnsucht nach dem Meere, denn von dieser Südseite der Akropolis sieht man von jedem Punkte aus die phalerische Bucht, die Küste bis zum alikäsischen Cap und die inselbevölkerte See. Besonders sichtbar ist dieses Bild von den Stufenreihen des dyonisischen Theaters, das dort an dem Fuße des Burgfelsen und an ihm hinauf gebaut liegt. Vor wenig Jahren erst ist es ausgegraben worden. Mit solcher Aussicht im Bunde ließen Aeschylos und Sophokles ihre Stücke darstellen. Wer jemals hier gewesen, kann der ohne Erinnerung an diese Decoration und nicht mit dadurch gemehrtem Entzücken ihre Tragödien lesen?

Das Theater ist das vollständigst erhaltene, welches vom Alterthume auf uns herabgekommen ist. Es zeigt noch bequem brauchbar alle Sitzesreihen mit Quadern musivisch gepflastert, die Orchestra und skulpturgeschmückt den Sockel, der das Proscenion trug. Nur das Podium ist eingestürzt, aber die Canäle liegen klar zu Tage, in denen die Coulissen und Decorationen bewegt und auf ihrer Rolle gedreht wurden. Wer eine Vorstellung von dem altgriechischen Theater haben will und von der Art, wie die Stücke des Aeschylos, des Sophokles und Euripides lebendig wurden, muß hieher gehen und eine Stunde lang in diesen Ruinen des bacchischen Schauspielhauses herumwandern. Ich hatte mir trotz aller Kunstbücher, die ich darüber gelesen, ganz andere Vorstellungen gemacht, irrige, der nun begriffenen Wirklichkeit widersprechende, und so vermuthe ich, daß es auch anderen nicht besser belehrten Köpfen ergehe. So hatte ich mir den Raum der Orchestra nicht so groß, das ganze Theater nicht so klein vorgestellt; denn klein erscheint es auf den ersten Blick und es bedarf erst einer eingehenden Untersuchung bis man glaubt, daß auf diesen Stufenreihen wirklich 30.000 Zuschauer Platz fanden. Es sind im Ganzen 20 Reihen durch 12 Treppen getheilt. Den Halbkreis der Orchestra maß ich mit 62 Schritten, ihre Breite, also auch die Scenenweite, mit 29 Schritten. Die vordersten Stufenreihen waren besonders ausgezeichneten Zuschauern wie unsere Sperrsitze reservirt. Sie sind mit hohen Rück- und fein skulptirten Armlehnen versehen, und auf dem Sockel des Stuhles ist irgend ein Motiv aus der Dyonisius-Mythe zu Reliefbildern verwendet. In der Höhlung des Sessels ist ein kleines Loch angebracht zum Abflusse des Regenwassers; bei Vorstellungen wurde dieses wohl durch ein darauf gelegtes Polster verdeckt. Beinahe jedem dieser ausgezeichneten Stühle ist mit rohen Schriftzeichen der Name des Eigenthümers eingegraben: „Dieses ist der Sessel des Priesters des Dyonisios, oder des Aristides“ u. s. w. Wie oben auf der Akropole die Schwellen im Aufgange der Propyläen versetzt mich auch dieses kleine Detail am meisten in die Vergangenheit. Trümmer sind weit um das Theater gestreut, darunter mancher schöne skulpturliche Rest.

Ostwärts von dem Theater führte um den Felsen der Akropolis die Straße der siegreichen Dichter; die erkämpften Dreifüße, monumental aufgestellt, säumten sie ein. Das Lysikratesdenkmal ist noch ein Ueberbleibsel davon und bezeichnet genau die Richtung des Weges. Auf der entgegengesetzten Seite der Akropolis, im Westen, aber auch in der Ebene wie der Zeustempel, steht der noch völlig erhaltene Theseustempel, nach Anderen ein Gotteshaus des Ares; ein Muster dorischer Ordnung aus alt-attischer Zeit. An der Landstraße, die dort vorüber zum Pyräus hinab führt, grub man kürzlich einen Friedhof aus. Ich stieg hinab zu diesen begraben gewesenen Gräbern und wanderte in den Gassen herum mit demselben halb nur neugierigen, halb aber doch auch theilnehmenden Gefühle, das mich auf allen meinen Reisen immer die Friedhöfe der Ortschaften, wo ich stationire, besuchen läßt. Ich fand ein Denkmal, das auffallend an unseren drachentödtenden heiligen Georg erinnert.

Nahe dem Theseustempel erhebt sich der Hügel, worauf der Areopag tagte. An den Felsen der Akropolis angeschlossen bildet er mit einer ganzen Reihe anderer eigentlich eine Scheidewand, die in die attische Ebene gestellt, vom Gebirge auslaufend mit der Halbinsel Munychia in die See mündet. Am dichtesten gedrängt sind diese Hügel auf der Westseite des Akropolisfelsen. Dort lag auch einmal ein Haupttheil des alten Athen, das also auch wie Rom und Constantinopel auf Hügeln erbaut war, und mit einigem Suchen ließen sich vielleicht die stereotypen sieben herausfinden. Auf dem Pnyxhügel, der mehr dem Meere zugeschoben ist, stand und steht auch heute noch so wie sie damals aus dem rothbraunen Felsen herausgehauen worden ist, die Rednertribüne. Wo der Grund der Terrasse, die das Volk sammelte, nicht eben genug war, sind ihm Felsen weggesprengt oder riesige Mauern eingesetzt worden. Die cyklopischen Fügungen dieser Unterbauten sind so dicht, daß ich heute noch zwischen die ungeheuren Blöcke (einige mit 13 Fuß Durchmesser) nicht mit der Schneide meines Federmessers eindringen konnte.

Der Nymphenhügel, unmittelbar neben der Pnyx, trägt heute die neue Sternwarte; ein kleiner Bau, kuppelgedeckt, von allen Seiten sichtbar. So schön er ist, stört er wie auch das Beste des Neuen neben diesen Resten des Alterthums. Athen sollte nur durch seine Ruinen leben. Sie nicht gesehen zu haben, erscheint mir, auch wenn man die ganze übrige Welt kennt, wie wenn man nichts von dieser wisse. Unglücklich und bedauernswerth wie der, welcher lebt ohne seine Mutter gekannt zu haben, ist wer stirbt ohne daß er sah, was der Mensch einmal Bestes gewollt und Schönstes geleistet, und was er sich zu seinem glänzendsten Gedächtnisse aufgestellt hat. Athen ist das Denkmal der Menschheit, die Akropole der Leichenhügel auf den edelsten Vermächtnissen der Gelehrsamkeit und der Dichtkunst.

Rückkehr und Rückblicke.

Zweimal auf der Rückfahrt faßte mich die See mit rauhen Händen an. Das erste Mal, da ich auf der „Persia“ eingeschifft noch im Golfe von Aegina schwamm, gab es eine rollende Nacht, die erst der Morgen in Syra, wo ich mich ausschiffte, zur Ruhe brachte; das andere Mal war es im adriatischen Meere ein Sturm, den ich begehrt, aber so wild begehrt hatte, daß er unser Boot, den „Vulkan“, zurück verschlage bis in das goldene Horn. Leider, so lärmend er tobte und Alles auf dem Schiffe durcheinander warf, konnte er es dem Dampfer nur um so viel wett machen, daß wir verzögert um einige Stunden in dem Triester Hafen anlangten. Es war ein Widerwilliger, der wieder den heimathlichen Boden betrat, und jetzt, da ich am 20. September im oberösterreichischen Gebirgslande vor dem Gmundener See dieses Buch schließe, will mich fortwährende Sehnsucht zurück nach den Ufern des Bosporus und den Hügeln des goldenen Hornes verzehren. Der Vollmond legt sie mir in’s Herz, der mit Allgewalt die angesammelten Erinnerungen weckt. Lausche ich ihnen nur einen Augenblick, so sehe ich die tief eingeschnittene Bucht von Bujuk-Dere wieder, Schiffe darauf, die leise bewegt im Mondeslicht geisterhaft schwanken, im Hintergrunde der Bucht einen schwarzen Schattenriß, die riesige Platane Gottfrieds von Bouillon, in Therapia krönende Pinien, und gegenüber auf Asiens Küste runde wellige Hügel, und sehe mich selbst, einen Busch duftiger Blumen und Kräuter in den Händen, die betäubend riechen und mit den fremden Gerüchen auch fremde Eindrücke geben. Die Erinnerung waltet den Zauber ihres ganzen schöpferischen Dichteramtes; was überflüssig dem Bilde hat sie vergessen und nur das Wesentliche, das Schöne dem Gedächtnisse behalten.

Beim Scheine einer antiken Lampe, die ich mitgebracht.

Graz, den 31. December 1864.

Die Lampe ward aus Gräbern mir gegeben,

Das Oel goß die Erinnerung hinein,

Mit ihrem Zauberlicht das hies’ge Leben

Und meiner Kammer Dunkel zu zerstreu’n. —

Und wirklich, vor mir schau’ ich hohe Säulen

Von einem ew’gen Sonnenschein verklärt,

Und dort, wo Süd und West sich grenzend theilen,

Um Inseln, die ein alter Glaube ehrt,

Das Meer in nächtig noch bedeckten Buchten;

Im Osten, wie zur Abwehr gegen ihn,

Durchfurcht von schattig blauen Schluchten,

Gebirge, deren Kuppen feurig glüh’n

Vom jungen Morgenstrahl entzündet,

Der den jahrtausend alten Resten

Das Werden neuer Tage kündet;

Im Thale Palmen, die mit stummen Aesten

Die Laute alter Sprachen wehen;

Und mich und Alles, was ich um mich schau’,

Bedeckt ein Himmel, wolkenlos und blau,

Wie ich ihn so nur in Athen gesehen. —

Dort ist die Heimath, die mein Streben

Dem sehnsuchtsvollen Herzen fand,

An die ich für das ganze Leben

Verlangend meine Liebe band.

Denn wenn die herrlichste der Städte,

Byzanz, das meergeborne, mir erschien

Mit Farben bunt und reich als hätte

Der Schöpfer alle ihm allein verlieh’n;

Und wenn der Bosporus mit seinen Hügeln,

Die Asien und Europa köstlich schmückt

Um wetteifernd im Meere sich zu spiegeln,

Wenn all’ die Pracht die Sinne mir entzückt:

Hat doch die Seele Feste erst gefeiert,

Als ich nach gluthenvoll geschied’nem Tag

Vorbei an Aegina gesteuert

Und Salamis in Schleiern vor mir lag;

Als ich am nächsten frühen Morgen

Die alten Marmorschwellen aufwärts ging,

Und hinter Mauern fest geborgen

Der Parthenon mich Glücklichen umfing;

Als ich im Gräberfeld dort oben

Bewundernd vor den Karyatiden stand,

Und in die alte Zeit erhoben

Das Todte wieder lebend fand.

Da fühlte ich für’s Leben mich geweihet,

Und als ein Mensch von and’rer Art,

Im Glauben und der Urtheilskraft erneuet,

Bin ich zurückgekehrt von dieser Fahrt.