A. Aufenthalt in Kobe und Ausflug nach Osaka.

Am 2. April (Ostersonntag) kamen wir in den Hafen von Kobe an, und somit war das Ziel meiner Dampfschiffahrt nach mehr als zweimonatlicher Reise erreicht.

Im Hafen von Kobe, einem bedeutenden Handelspunkte von Japan, erblickten wir mehr denn 20 Dampfschiffe und viele grosse Segelschiffe, sowie das mittelgrosse, deutsche Kriegsschiff Kaiser, welches am nächsten Tage nach Kiautschau abdampfte.

Die Stadt Kobe liegt weit ausgebreitet, theils am Ufer des Binnensees, theils an der Lehne eines steil aufsteigenden Höhenrückens, und macht durch die matt gehaltene Farbe der Häuser, sowie durch die stellenweise kahlen Abhänge der Berge keinen lebhaften Eindruck.

Die Japaner sind von kleiner Statur, haben grosse Köpfe and magere Beine, und tragen keinen Zopf; ihre beinahe ausnahmslos ganz schwarzen Haare sind, man könnte sagen borstenartig zugeschoren. Ausser dem langen, kaftanartigen Ueberrocke tragen sie einen kurzen Leibrock und knapp anliegende, dunkle Pantalons. Die Füsse sind mit Strohsohlen bekleidet, welche durch Strohschnüre zwischen der ersten und zweiten Zehe festgehalten werden; an Stelle der Stroh- werden auch Holzsandalen getragen. Der Kopf bleibt unbedeckt. Die japanischen Frauen und Mädchen sind durchaus in lange, dunkle Kleider in der Art von Schlafröcken gehüllt, und haben in der Mitte des Rückens ein Kissenstück, man könnte wirklich sagen ein Kopfkissen, welches mit lichtem, buntem Seidenzeuge aufgeputzt ist. Die rabenschwarzen Haare sind künstlich hoch gewellt und meist mit Korallen geschmückt. An den Füssen tragen die Frauen gleichfalls mit Strohmatten belegte Holzsandalen, die sie so befestigen, wie es oben gesagt wurde. An der Unterseite der Holzsandalen sind häufig zwei Querhölzer angebracht. Das Gehen mit solchen Holzsandalen macht einen klappernden Lärm, und muss, nach der ungeschickten Weise der Fortbewegung zu urtheilen, gar nicht leicht sein. Auch die Frauen tragen keine Kopfbedeckung. Die Mütter tragen ihre Kinder auf dem Rücken, und schmücken dieselben mit lichten, bunten Stoffen. Sonn- und Regenschirme werden aus Rohr und ölgetränktem Papier erzeugt.

Gleich beim Betreten des Landes macht sich Ordnungs- und Reinlichkeitssinn bemerkbar. So sind die Jinrikshas gleichartig und zweckmässig adjustirt, die Strassen, Häuser, Höfe und Kaufläden sind durchwegs rein gehalten, und selbst die kleinen, auf der Strasse spielenden Kinder machen einen netten und sauberen Eindruck.

Die Häuser sind zum grössten Theile aus Holz erbaut, statt Glasscheiben haben die Fenster gewöhnlich ölgetränkte Papiere, und überall sind Fenster und Thüren für das Oeffnen und Schliessen zum Schieben eingerichtet. Im Innern der Wohnungen vertreten Matten die Stelle der Thüren; auch die Fussböden sind nur Matten bedeckt. Diese Matten sind zierlich geflochten, und werden äusserst reinlich gehalten. Dieselben dienen den Hausbewohnern zum Sitzen, wobei ein Kissen unterlegt wird, und zum Liegen. Zur Erhaltung ihrer mühsam fertig zu stellenden Frisur, deren tägliche Erneuerung möglichst vermieden werden soll, schieben sich die japanischen Frauen beim Liegen und Schlafen einen kleinen, etwa 10 cm hohen und mit mehrfach gerollten Linnen bedeckten Holzblock unter den Nacken oder den Hals, eine Liegeart, welche für uns Europäer wohl ganz unbegreiflich ist.

Die wenigen, aus Ziegeln erbauten Häuser, so z. B. die ersten Hôtels, sind sehr leicht aufgeführt, haben nur ziegelbreit dicke Mauern und einfache Fenster mit Jalousien, eine Bauart, welche zur kalten Jahreszeit, wo die Temperatur monatelang nahe an dem Gefrierpunkte steht, wohl wenig schützend ist. Hierzu kommt noch, dass selbst in den vornehmsten Häusern keine Oefen, sondern nur hie und da offene Kamine angebracht sind. Um sich die Hände zu wärmen und auch zum Anzünden der kleinen Tabakpfeifen, aus welchen Herren und Damen dort gerne rauchen, werden Töpfe mit glühenden Holzkohlen auf den Boden gestellt.

Die Hôtels sind mit europäischen Möbeln und sehr breiten Betten versehen.

Jedenfalls ist bei einer solchen Bauart die Feuersgefahr eine sehr grosse, und so ist z. B. vor wenigen Tagen das zweitgrösste Hôtel in Kioto (Hôtel Yarmi) ganz niedergebrannt.

Nachmittags suchte ich mit dem Schiffscapitän den Lotsen auf, von dem ich früher gesprochen habe. Derselbe hat sich an der Lehne des gegen Kobe abfallenden Berges eine reizende Villa erbaut, welche seine Frau, eine Ungarin aus dem Banat, in musterhafter Ordnung erhält. Seine fünf Kinder, die sehr gut erzogen sind, sprechen Deutsch, Englisch und etwas Japanisch, und haben sehr nette musikalische Anlagen. Von dort fuhren wir mit Rikschas zu einem sehenswerthen Wasserfall und besahen uns dann einige Einkaufsbuden.

Am 3. April zahlte ich vorerst auf dem Dampfschiffe Marie Valerie für die Zeit von Bombay, den 1. März, bis Kobe, den 2. April, also für 32½ Tage, an Getränken 24 Goldgulden, für das Tiffin in Singapore 10 Goldgulden und an Trinkgeld, sowie für Wäsche 17 Goldgulden, zusammen 51 Goldgulden oder 61 fl. ö. W.; sodann fuhr ich etwas in der Stadt herum.

Am Abend begab ich mich nochmals mit einem Mitreisenden, dem Dr. F., in die Stadt, um Unterhaltungsorte zu besuchen. Als wir zum Theater kamen, begehrte der Cassier, der uns natürlich gleich als Fremde erkannte, das Fünffache des gewöhnlichen Eintrittspreises, worauf wir auf dieses Vergnügen verzichteten; dann wollten wir in ein Haus gehen, wo sich japanische Tänzerinnen producirten; hier verlangte die amtirende Frau von uns als Entrée 16 Dollars, was gleichfalls unsere Verzichtleistung auf die Vorstellung zur Folge hatte. Nach diesen Misserfolgen verfügten wir uns in ein Theehaus, wo die Unterhaltung eine recht mässige war.

Was die Forderungen der Japaner an Fremde betrifft, so sind dieselben im Allgemeinen ganz unverschämt hoch, und liegt stets die Tendenz vor, den Ausländer über's Ohr zu hauen. Diese Wahrnehmung machte ich nicht nur bei Einkäufen, sondern auch zu verschiedenen Malen in meinem Hôtel in Kobe. So hatte ein Kellner, welcher mir Briefmarken brachte, gleich versucht, mir bei der Geldumwechslung um 50 kr. weniger zurückzugeben. Selbst der Hôtelier übervortheilte mich. Ich nahm ein Zimmer mit Pension, welches laut Uebereinkommen 6 Yen = 7 fl. 20 kr. kostete, als es aber zur Zahlung kam, liess er vorher in meinem Zimmer einen Zettel ankleben, auf welchem der Preis mit 7 Yen bezeichnet war, und nach diesem Ansatze musste ich auch die Pension bezahlen.

Die Rikschas sind dem Tarife nach sehr billig, sie haben per Stunde nur den Anspruch auf 15 Sens = 18 kr.; wenn man ihnen aber auch mehr gibt, so sind sie doch nicht damit zufrieden.

In Japan ist die Geldeinheit der Yen im Werthe von circa 1 fl. 20 kr. ö. W. und der hundertste Theil heisst Sens. Dieses Geld hat aber einen höheren Werth als der Dollar in China, weil in Japan kürzlich die Goldwährung eingeführt wurde.

Bei dem Umwechseln, sowie beim Beheben des Geldes verliert der Reisende in diesen Ländern immer. In Hongkong hatte ich 400 Dollars zum Preise von 1 fl. 20 kr. bei der Chartered Bank, an welche ich von unserer Creditanstalt angewiesen war, behoben. Schon in Shanghai, welches seine eigene Bank besitzt, verlor ich beim nöthigen Geldwechseln 5 Procent und hier in Japan wieder ebensoviel — ein Verlust, welcher bei meinem Geldbetrag von 320 Dollars beiläufig 16 Dollars oder 19 fl. ausmachte.

Am 4. April war Regenwetter eingetreten und die Temperatur schwankte zwischen 6 und 9° R. Ich besorgte Vormittags die Ausfertigung von Ansichtskarten und arbeitete an der Fortsetzung meines Tagebuches, was übrigens recht peinlich war, da es in meinem Zimmer, das nicht geheizt werden konnte, nur 8° R. hatte.

Es trat nun an mich die Frage heran, ob ich mir, wie Murray's Reisehandbuch es dringend anrathet, einen Diener, der täglich 2 Yen oder 2 fl. 40 kr. kostet, oder auch einen Führer, welcher per Tag 2½ Yen = 3 fl. verlangt, nehmen soll oder nicht. Da ich aber wahrgenommen hatte, dass Murray's Ortsbeschreibungen zur Orientirung vollauf genügen, und dass die Rikschas ein wenig Englisch sprechen und auch bei den Einkäufen als Dolmetsche dienen können, so nahm ich von der Aufnahme eines Dieners oder Führers völlig Abstand. Ich möchte dies allen nach Japan Reisenden empfehlen, die der englischen Sprache etwas mächtig sind. Mir kam es allerdings auch sehr zu statten, dass ich von Zeit zu Zeit mit dem Lloydcapitän oder mit Schiffsbekanntschaften gemeinsame Ausgänge machen konnte.

Vor dem Tiffin liess ich mich durch einen ein wenig Englisch sprechenden Rikscha in den Bazar von Kobe, ein im Viereck erbautes Gebäude mit grossem Hof, Garten und Theehaus an der Peripherie der Stadt, führen. In diesem Gebäude befinden sich ringsum in vier Reihen die verschiedenen Verkaufsartikel der japanischen Kaufleute nebeneinander aufgestellt. Diese Artikel sind sehr mannigfaltig, haben feste und billige Preise und gestatten einen guten Ueberblick über die Betriebsamkeit und Kunstfertigkeit der Japaner.

Nachmittags fuhr ich ungeachtet des Regens in die Stadt in Begleitung unseres Capitäns, der japanische Pflanzen einkaufen wollte. Der erste Gärtner, zu dem wir kamen, machte enorme Preise, während ein zweiter, den wir dann aufsuchten, Namens Tomigama, sehr schöne und billige Tropenpflanzen besass. Dann besichtigten wir die Porzellanhandlung Nishida in der Molomachistrasse und fanden dort sehr schöne, grosse und preiswürdige Vasen, in einer anderen Porzellanhandlung gab es kunstvoll ausgeführte Kaffee- und Theeservice (bei Fujii), im Kaufladen von Ohashi wurden grosse, aber nicht besonders gute Teppiche, sowie Waffen und Ofenschirme feilgeboten, und endlich in einer Verkaufshalle von Lackwaaren (Shidzuoka Shikki) war eine grössere Quantität von Holztassen, Ständern, Schachteln und dergleichen mehr ausgestellt. Alle diese Gegenstände waren recht hübsch verfertigt und zu verhältnissmässig billigen Preisen zu haben. Ich machte mir hierüber nur Vormerkungen und verschob die Einkäufe auf die Zeit meiner Rückkehr nach Kobe.

Da mir unser Schiffscapitän mittheilte, dass er beabsichtige, den nächsten Tag nach der sehr bedeutenden Industriestadt Osaka zu fahren, so entschloss ich mich sofort, ihn dahin zu begleiten, um bei dieser Gelegenheit den dortigen Truppen-Divisions-Commandanten aufzusuchen, an welchen mir der japanische Militär-Attaché in Wien ein Empfehlungsschreiben mitgegeben hatte, damit ich die dortigen militärischen Einrichtungen zu sehen bekomme.

Nach dem Tiffin liess ich mich bei dem Photographen Schida in der Motomachistrasse im Tropencostume aufnehmen und übergab ihm auch eine Wiener Photographie zum Malen. Für ein Dutzend Cabinet-Photographien beanspruchte derselbe den Preis von 5 Yen = 6 fl., also unverhältnissmässig weniger, als ich dafür in Bombay hätte bezahlen müssen.

Am 5. April unternahm ich mit dem Capitän den besprochenen Ausflug nach der von Kobe eine Stunde entfernten Stadt Osaka. Die Begleitung des Capitäns war mir in mehrfacher Hinsicht sehr erwünscht, da eine solche Reise in einem sprachfremden Lande für eine einzelne Person doch etwas beschwerlich ist, da der Capitän die englische Sprache geläufiger sprach als ich, und da es mir angezeigt erschien, den Besuch bei einem hochstehenden japanischen Officiere nicht allein zu machen.

Schon bei der Einfahrt von Osaka ist es an den vielen hundert rauchenden Essen ersichtlich, dass diese Stadt ein Hauptstapelplatz für die japanische Industrie ist; noch mehr tritt dies zu Tage in dem grossen Getriebe, welches in den engen Gassen herrscht, sowie an den allenthalben vorhandenen Telegraphen- und Telephonleitungen, wozu in manchen Strassen an mächtigen Stangen wohl 80 Drähte angebracht sind. Der Umstand, dass in den dortigen Verkaufshallen nur mittelmässige oder geringe Waaren ausgeboten werden, und dass von diesem Orte nach fünf Richtungen Bahnstränge ausgehen, weist darauf hin, dass von Osaka aus hauptsächlich die Ausfuhr betrieben wird.

Ich fuhr mit dem Capitän in je einem Rikschawagen, dessen Führer etwas Englisch sprachen, vom Bahnhofe direct in das dortige berühmte alte Castell, in welchem der Generallieutenant O. wohnt. Am Hauptthore des höher als die Stadt gelegenen, mit breiten Wassergräben und mächtigen Steinmauern umgebenen Castells stand ein japanischer Wachposten. Ich entsandte nun meinen Rikscha zu diesem Posten, um in Erfahrung zu bringen, in welchem Theile des Castells die Wohnung des Generallieutenants gelegen sei. Der Rikscha machte vorerst dem Posten eine bis gegen die Erde reichende Verbeugung und bat denselben dann um die betreffende Auskunft. Hierauf entspann sich zwischen dem Rikscha und dem Posten ein langwieriges Zwiegespräch, dessen Ende darin bestand, dass der Soldat den Rikscha an den Postencommandanten verwies. Vor diesem, in einer kleinen, offenen Hütte zwischen vier Soldaten stehenden Unterofficiere machte der Rikscha zwei ebenfalls bis zum Boden reichende Complimente und brachte dann seine Bitte vor. Wieder entstand eine längere Unterhandlung, bis der Unterofficier mein Empfehlungsschreiben zu sehen wünschte, dessen Adresse in lateinischen und japanischen Buchstaben abgefasst war. Der Unterofficier betrachtete lange die Adresse, kam aber zu keinem Entschlusse. Da verfügte ich, ganz einfach in das Castell einzutreten, was die Wache auch ruhig geschehen liess. Nach einigen Schritten kamen wir zu einem überaus mächtigen, aus riesengrossen Steinen erbauten zweiten Festungsthore, dessen Flügel mit kolossalen Eisenplatten versehen waren. Hier war abermals eine Wache aufgestellt, es erfolgten dieselben erfolglosen Debatten zwischen meinem Rikscha, dem Posten und dem Wachcommandanten, und wieder setzten wir schliesslich unseren Weg in das innere Castell unbehindert fort. Nun gelangten wir zu einem ausgedehnten Gebäude, traten in dasselbe ein und gingen in dem Corridor so lange vorwärts, bis wir zu einer offenen Thür kamen, hinter welcher ein Soldat stand. Diesem übergab ich meinen Brief, mit welchem er auch abging. Eine Weile darauf kam ein anderer Soldat, der den Capitän und mich in ein Zimmer nahe dem Hauseingange geleitete und uns durch pantomimische Zeichen bedeutete, hier das Weitere abzuwarten.

Es verging nun eine geraume Weile, und ich stand eben im Begriffe, unverrichteter Dinge fortzugehen, als ein in Civil gekleideter Diener sich uns näherte und durch Zeichensprache zu verstehen gab, ihm zu folgen. Wir durchschritten nun einen langen, düsteren Gang, an dessen Ende ich einen japanischen Officier auf mich zukommen sah. Als wir uns begegneten, sprach er mich zuerst japanisch an, und stellte sich hierauf in englischer Sprache als Generalstabsmajor N. vor. Ich antwortete deutsch, nannte meinen Namen und meine Charge, und sprach den Wunsch aus, dem Generallieutenant meinen Besuch abzustatten. Da der Officier der deutschen Sprache nicht mächtig war, wurde die Conversation englisch weitergeführt. Auf seine Einladung hin, verfügten wir uns in ein anstossendes Gemach, wo wir uns, nachdem ich ihm den Capitän vorgestellt hatte, niederliessen. Im Laufe eines sich langsam hinziehenden Gespräches wurde uns eine Schale Thee, eine in Stanniol eingewickelte Cigarre und zuletzt eine grössere Schale mit einer unbestimmbaren süsslichen Flüssigkeit angeboten. Da aber der japanische Major nur mich reden liess und selbst beinahe kein Wort sprach, hielt ich es für angezeigt, mich zu verabschieden. Nun trug mir endlich der Major an, mich in der Festung herumzuführen, ein Antrag, den ich gerne annahm. Das seit 400 Jahren bestehende Castell ist mit guten, neuartigen Geschützen ausgerüstet und besitzt eine sehr ergiebige und ingeniös angelegte Wasserleitung. In dem Castell stehen mehrere Wohnhäuser für höhere Officiere, und es wird dort soeben ein grosses Gebäude für einen der drei japanischen Truppeninspectoren aufgeführt. Das Castell überragt die ganze umliegende weite Ebene, sowie die Stadt und gewährt einen sehr hübschen Rundblick. Im Uebrigen hat dasselbe eine geringe Ausdehnung und eine sehr untergeordnete militärische Bedeutung. Erst beim Abschiede theilte mir der Generalstabsofficier mit, dass der Generallieutenant nicht anwesend sei, worauf ich ihm meine Visitkarte mit dem Ersuchen übergab, dieselbe seinem Chef einzuhändigen. So endete diese ganze, durch das etwas unbeholfene Benehmen der japanischen Soldaten wirklich drollige Unternehmung.

Nach dem Tiffin, welches wir in dem dortigen, im europäischen Stile eingerichteten Hôtel »Jiyutai« einnahmen (das Couvert ohne Getränke zu 1 Yen = 1 fl. 20 kr.), spazierten wir noch in der Stadt herum, sahen mehrere Verkaufsstellen an und kehrten dann nach Kobe zurück.

Dort machte mir der bereits erwähnte Dr. F. den Vorschlag, in Gesellschaft eines seit 20 Jahren in Kobe ansässigen Deutschen ein japanisches Tanzhaus anzusehen. Ich ging gerne hierauf ein, und auch der Capitän und einige Lloydschiffs-Officiere schlossen sich uns an. Im Tanzhause producirten sich fünf Mädchen im Spiele auf japanischen Guitarren und im Gesange, und vier Mädchen im Tanzen. Die Spielerinnen, im Alter von 18 bis 24 Jahren, waren recht nett in dunklen Stoffen gekleidet, während die Tänzerinnen, im Alter von 14 bis 16 Jahren, in sehr reichen und lichten buntfärbigen Seidenkleidern und mit schönem Haarschmucke erschienen. Die Musik der fünf Mädchen — Guitarre und Gesang — ist getragen, eintönig, aber doch viel melodiöser als jene in China; der Tanz ist ruhig und mimisch, und besteht mehr aus graziösen Körperbewegungen und Wendungen, als aus einem Tanze nach europäischen Begriffen. Schon der Eintritt dieser Mädchen in den Tanzsaal, wo wir uns ohne Schuhe auf Polstern sitzend befanden, war höchst originell. Jedes Mädchen kniete an der Eintrittsthür nieder und verbeugte sich dann den Zuschauern gegenüber mit dem Kopfe bis zum Boden, dann erst begannen sie zu tanzen. Es wurde sonach Thee, Saki (ein aus Reis erzeugtes alkoholisches Getränk) und rohes, in kleine Stücke geschnittenes Fischfleisch servirt. Diese Fischstückchen müssen nach der Landessitte mit zwei in einer Hand zu haltenden Stäbchen aufgenommen, in eine dazu hergerichtete scharfe Sauce getaucht und so in den Mund geführt werden. Nach längerem Zaudern ass ich ein solches Stückchen vom rohen Fischfleisch und trank auch Saki, und kann nur constatiren, dass dieser Genuss mir kein sonderliches Vergnügen machte, aber auch keine üblen Folgen nach sich zog. Der Saki schmeckt ähnlich wie ein leichter Kornbranntwein. Das Benehmen der Mädchen, welche schliesslich in bunter Reihe neben uns auf dem Boden sassen, war ungezwungen und voll Heiterkeit, und dabei ein vollauf anständiges. Ich hatte mich wohl, weil der Abend sehr kühl war, mit Ueberzieher und Regenmantel versehen, doch war mir dieses Sitzen in Socken in einem kalten Zimmer, auf einem schmalen Polster auf dem Boden, nach und nach recht peinlich geworden, und ich war daher recht froh, dass wir endlich aufbrachen und heimfuhren.

Der 6. April brach wieder so kalt und trübe an wie die vorhergegangenen Tage. Ich hatte diesen Tag zu meiner Abreise nach Kioto bestimmt und im dortigen »Kioto-Hôtel« meine Unterkunft bereits signalisirt. Gleichzeitig bestellte ich mein Quartier in Yokohama im »Grand Hôtel« für den 11. und im »Hotel Impérial« in Tokio für den 16. des laufenden Monates.

Da in Japan auf den Bahnhöfen nur japanisch gesprochen wird und ich keinen Diener als Dolmetsch mit mir nahm, so liess ich einen Hôteldiener mit mir zum Bahnhof in Kobe kommen, von ihm die Fahrkarte lösen und meine Bagage aufgeben, wobei ich denselben strenge überwachte, weil mein Vertrauen in die Ehrlichkeit der Japaner wankend geworden war. Das Handgepäck nahm ich zu mir in den Waggon. Vor meiner Abreise kam noch der Lloydcapitän F. auf den Bahnhof, um von mir Abschied zu nehmen und mir glückliche Reise zu wünschen.

Dieser Capitän ist ein hervorragender Schiffscommandant von persönlich grosser Liebenswürdigkeit. Er vertrat die Interessen der Lloydgesellschaft mit grosser Selbstaufopferung und that sein Möglichstes, um die Fahrzeiten richtig einzuhalten. Wenn es stark regnete und stürmte, kam er trotz Kälte und Ungemach nicht, wie gewöhnlich, zu den Mahlzeiten in den Speisesaal, sondern übernahm die Ueberwachung und zur Nachtzeit die Führung des Dampfers auf der Commandobrücke.

Meine Hôtelrechnung betrug für 2½ Tage — Zimmer, Verpflegung und Getränke16 Yen=19·—fl.
Die Ueberführung der Fracht vom Schiff in's Hôtel und von da zum Bahnhof sammt allen Trinkgeldern7 "=8·40"
Zwei Einladungen an verschiedene Herren10 "=12·—"
Die Eisenbahnfahrt nach Kioto sammt Fracht"=4·20"
Im Ganzen36½Yen=43·60fl.

In Indien, China und Japan ist der englische Gebrauch eingeführt, dass man bei den Mahlzeiten die genommenen Getränke auf eigene Zettel zu schreiben hat, dieselben werden dann, mit den Preisen versehen, der Hôtelrechnung beigelegt und in diese eingerechnet, eine Gepflogenheit, welche für den Reisenden die Annehmlichkeit hat, nicht nach den Mahlzeiten zahlen zu müssen.